Tanz ‒ der Sinn des Ganzen
Text, Video und Audios von Br. David Steindl-Rast OSB
I want to know what this whole show
is all about, before it's out.
Wüsst‘ ich nur jetzt, um was zuletzt
sich alles dreht, bevor‘s vergeht!
Piet Hein (19O5-1996)
Jetzt, mitten in meinen 90er-Jahren, frage ich meinen Freund Thomas, der in seinen 20ern ist:
«Wie steht's da eigentlich mit jungen Leuten heute? Wollt auch ihr so leidenschaftlich wie Piet Hein und ich wissen, worum sich letztlich alles dreht?»
«Ja», sagt er, ohne auch nur einen Augenblick zu zögern, «diese Frage beschäftigt auch uns immerfort!»
Tommys Antwort hat mich letztlich dazu bewogen, dieses Buch zu schreiben. Ich möchte versuchen, die wichtigsten Orientierungspunkt zu markieren, die ich im Laufe meines Lebens finden konnte.
Denn: Wollen wir unsern Platz im Ganzen finden, dann müssen wir auf die dynamische Vernetzung von allem mit allem schauen. Das kann unsere persönliche Aufgabe im weitesten Zusammenhang erkennen lassen.[1]
Mein ganzes Leben lang wollte ich vor allem wissen, wie alles mit allem zusammenhängt.
Was mich brennend interessiert, ist das Gesamtbild ‒ die Frage nach dem äußersten Horizont, die Frage, worum es letztlich geht.
Karte ist ein zu statisches Bild. Es geht wohl eher um ein Verständnis der Choreografie des Ganzen, dessen wichtigste Merkmale Bewegung und Veränderung sind.
Wenn wir uns tief einfühlen, dann bemerken wir, dass zum Gesamtbild nicht nur verändernde Bewegung gehört, sondern auch ruhendes Bleiben.
Beides muss unser Sinnbild der Wirklichkeit ausdrücken können, Bewegung und Ruhe.
Da bietet sich das Bild eines Reigens an, der ohne Anfang und Ende in sich ruht, während er sich doch unaufhörlich bewegt.
Wir tanzen nicht, um irgendwo anzukommen. Tanzen bezweckt nichts. Es ist zweckfrei, aber sinnvoll. Und doch zielen wir beim Tanzen auf etwas ab:
Wir wollen der Musik den bestmöglichen Ausdruck verleihen und perfekt im Schritt sein, jetzt und jetzt und jetzt.[2]
Beim Tanz dreht sich alles um die Gelegenheit, Augenblick für Augenblick im Schritt zu sein mit denen, die uns am nächsten stehen im Kreis, und durch sie mit allen Tänzern in eine Wechselwirkung zu treten.
Das Ziel ist, völlig eins zu werden mit Rhythmus und Harmonie des Tanzes.
Tanz aber ist hier Sinnbild für Wandel und den Gang des ganzen Universums.
Vergiss das Sinnbild des Reigentanzes nicht!
Es sollte aufleuchten, sooft es um das Gesamtbild geht, und als Hintergrund dienen für alle Erwägungen, auf die wir uns in diesem Buch einlassen werden.
Ringelreigen kennen zwar auch jetzt noch alle vom Kindergarten her, aber der Rundtanz für Erwachsene ist schon fast verlorengegangen. Es freut mich, dass junge Menschen heute diese Urform des Tanzens wiederentdecken.
Kreis und Ring sind unerschöpfliche Sinnbilder für das kosmische Ganze ‒ von den vorgeschichtlichen Steinkreisen bis zum Ensō in der japanischen Kalligraphie.
Oft werden wir sehen, dass es Dichter sind, die uns besonders gut den tieferen Sinn von Wort und Bild erschließen können. Das gilt auch für den Reigentanz.
Dabei ist es bedeutsam, dass wir als bloße Zuschauer das Wichtigste nicht sehen können.
Von außerhalb des Kreises gesehen, muss es uns immer so erscheinen, als ob die uns Fernsten in die entgegengesetzte Richtung jener gehen, die uns am nächsten sind.
Erst wenn wir selber in den Kreis eintreten, links und rechts unsre Partner bei den Händen fassen und mittanzen, wird uns klar, dass alle sich in der gleichen Richtung bewegen.[3]
Beim Bild des Reigentanzes schwingt stets die Vorstellung von Gemeinschaft mit. Wir müssen das betonen, weil beim heutigen Tanzen oft nur die Musik das Verbindende ist, die einzelnen Tänzer aber weitgehend unabhängig voneinander ihre eigenen Tanzschritte und Figuren ausführen.
Beim Rundtanz tanzen sie miteinander, er vereint die Tanzenden zu einer Gemeinschaft.
Dein Leben ist untrennbar verbunden mit dem Leben aller andren ‒ dem ganzen Universum.
Im großen Chor ist jede Stimme unentbehrlich; im großen Tanz ist jede Tänzerin, jeder Tänzer unersetzlich.
Das allumfassende Leben wird Dir schon zeigen, was du mit deinem Anteil am Ganzen tun sollst. Darauf darfst du dich vertrauensvoll verlassen.[4]
Bei C. S. Lewis (1898-1963) bin ich zum ersten Mal auf das Bild des großen Tanzes gestoßen, den er auch das große Spiel nennt.
In seinem Weltraumroman «Perelandra» heißt es:
«Er hat vor allem Anfang begonnen ... Der Tanz, den wir tanzen, ist die Mitte und um des Tanzes willen wurde alles erschaffen ... Im Plan des großen Tanzes greifen Pläne ohne Zahl ineinander, und jede Figur führt zu ihrer Zeit zum Aufblühen des gesamten Entwurfs, auf den alles hinzielt ... Alles Geschaffene erscheint dem verdunkelten Geist planlos, weil da mehr Pläne im Spiel sind, als er sich vorstellen kann ... Fasse eine Bewegung ins Auge, und sie wird dich durch alle Figuren führen und dir als die Hauptfigur erscheinen. Und das Scheinbare wird wahr sein. Möge kein Mund widersprechen. Alles scheint planlos, weil alles Plan ist: Alles scheint ohne Mitte, weil überall Mitte ist.»
Der amerikanische Schriftsteller T. S. Eliot (1888-1965) spricht von dieser geheimnisvollen Mitte ‒ vom Jetzt ‒ als «dem stillen Punkt der sich drehenden Welt».
«Das Jetzt ist der Augenblick, in dem der Tänzer ‹ruht und immer noch in Bewegung› ist, völlig im Schritt mit dem kosmischen Rhythmus. Es ist der Augenblick, in dem paradoxerweise der Pfeil unsrer Tanzbewegung sein Ziel erreicht, ohne anzuhalten in seinem Flug. An diesem ‹ruhenden Punkt, da ist der Tanz. ... Ohne den Punkt, den Ruhepunkt, gäbe es keinen Tanz, und es gibt nichts als den Tanz.›»[5]
Die Worte des bekannten Kanons «Liebe ist ein Ring. Ein Ring hat kein Ende» könnten gut von einem nachdenklichen Zuschauer bei einem Ringelreigen stammen.
Der Dichter Robert Frost (1874-1963) fügt hinzu:
«Wir tanzen rätselnd rundum im Kreis;
Das Geheimnis sitzt in der Mitte und weiß.»
Zusammengenommen weisen diese beiden kurzen Texte auf das Gleiche hin, was schon Dante (1265-1321) in seinem berühmten Vers angesprochen hat:
«L'amor che move il sole e I'altre stelle ‒ die Liebe, die alles bewegt.»
Das zentrale Geheimnis des kosmischen Rundtanzes ist die Liebe.[6]
Lila ist ein Sanskrit-Wort, das «Spiel» bedeutet, und steht im Hinduismus für die Vorstellung, dass das gesamte Weltgeschehen letztlich Spiel des Großen Geheimnisses ist: göttliches Kinderspiel, der große Reigentanz des Universums.
Auch für Nicht-Hindus kann dieses Bild große Bedeutung haben: Sinn unsres Lebens ist es, mit dem kosmischen Tanz im Schritt zu sein.[7]
Unser wahres Selbst ist nicht das kleine individualistische Selbst neben anderen.
Dies entdecken wir in jenen Augenblicken, in denen wir zu unserer großen Überraschung eine tiefe Kommunion mit allen anderen Wesen erfahren. Diese Momente gibt es in unser aller Leben.
Vielleicht erinnern wir sie als «Hochwassermarken» der Bewusstheit, der Lebendigkeit, als Momente unserer besten Verfassung, als jene Augenblicke, in denen wir am meisten wir selbst waren.
Vielleicht aber versuchen wir auch die Erinnerung an jene Momente zu verdrängen, denn jene Springflut der Kommunion ist eine Bedrohung der defensiven Isolation, in der wir uns geschützt vorkommen.
Die Mauern, hinter denen wir uns verstecken, mögen dem Ansturm des Lebens lange standhalten.
Aber ganz plötzlich, an irgendeinem Tag, wird, wie in dem folgenden Bericht aus «The Protean Body» von Don Johnson, die große Überraschung über uns einbrechen:
«Ich ging hinaus auf eine Mole im Golf von Mexico. Ich hörte auf zu sein. Ich erfuhr mich als Teil des Windes, der von der See hereinkam, als Bestandteil der Bewegung von Wasser und Fischen, der Sonnenstrahlen, der Farben der Palmen und tropischen Blumen. Es gab keine Vorstellung mehr von Vergangenheit oder Zukunft. Und es war kein besonders seliges Erlebnis: es war Furcht erregend. Es war die Art ekstatischer Erfahrung, die ich mit einigem Aufwand an Energie zu vermeiden versucht hätte. Ich erlebte mich nicht als identisch mit Wasser, Wind und Licht, sondern als nähme ich teil am gleichen Bewegungssystem. Wir tanzten alle miteinander...»
In diesem großartigen Tanz sind Gebende und Empfangende eins. Ganz plötzlich können wir erkennen, wie unwesentlich es ist, welche der beiden Rollen man in einem gegebenen Moment zu spielen hat.
Jenseits aller Zeit ruht unser wahres Selbst in vollkommener Stille in sich selbst.
Verwirklicht wird dies in der Zeit durch ein anmutiges Geben-und-Nehmen im Tanz des Lebens.
Wie bei einem sich schnell drehenden Kreisel sind Stille und Tanz eins.
Nur in jenem Einssein von Geben und Nehmen findet sich wahre Selbstständigkeit. Jede andere Selbstständigkeit ist Illusion.
Das Wirkliche aber erweist sich am Ende immer als jeder Illusion überlegen.
Früher oder später wird es durchscheinen wie die Sonne durch den Nebel. Das Leben, unser Lehrer, wird das besorgen.[8]
DU großes Geheimnis, Quellgrund meines Lebens, Meer, dem alles zuströmt!
Manchmal fällt es mir schwer, zu vertrauen, dass wirklich alles dazugehört zum großen kosmischen Tanz und daher Sinn hat ‒ sogar meine Depression. In beängstigender Lustlosigkeit verfangen, kann ich bestenfalls an meinem gewohnten Tageslauf festhalten, tief durchatmen, spazieren gehen und abwarten, dass der Nebel sich lichtet.
Wie soll ich mich Dir zuwenden in meiner inneren Lähmung?
So tun als ob, wäre Verlogenheit.
Heute kann ich nur warten ‒ offen bleiben für unvorstellbare Überraschungen.
Dieses hoffnungsvolle Warten ‒ ohne Hoffnung zu fühlen ‒ soll heute mein Gebet sein.
Amen.[9]
[Die Quellenangaben zum obigen Text in Anm. 1, 3-4, 6-9]
[Ergänzend:
1. Im Video Wir sind daheim in dieser Welt (1975) kommt das Schweigen zu Wort und führt uns wieder zum Schweigen, dem «stillen Punkt der kreisenden Welt.» (T. S. Eliot, Four Quartets: Burnt Norton, II, siehe auch: Stillehalten):
(24:38-27:51) «Die Zeit, um die es hier geht, ist nicht unsere Zeit, aber eine Zeit, die wir in den großen Rhythmen des Lebens entdecken und der wir uns hingeben können auf unserem Weg zum Sinn.»
2. Audios
2.1. Lebendige Spiritualität (2015)
Verstehen durch Tun:
(31:00) ‹Singe die Gärten, mein Herz, die du nicht kennst … Seidener Faden kamst du hinein ins Gewebe› (Rilke, Die Sonette 2. Teil, XXI) – ‹Schau auf das Ganze, rühme das Ganze› (Augustinus) / (34:52) ‹Nur im Raum der Rühmung darf die Klage gehn› (Rilke, Die Sonette 1. Teil, VIII) – ‹Zwischen den Hämmern besteht unser Herz› (Rilke, Die neunte Elegie)
(48:31) … «das heißt: Kehre von der Vielfalt in die Einheit zurück, aus dem Wort ins Schweigen, in das eine Schweigen, was die kappadozischen Väter, die frühen griechischen Väter, schon im 4. Jh. den Reigentanz der Trinität genannt haben: Aus dem Schweigen des Vaters in das Wort des Logos und durch das Verstehen des Hl. Geistes zurück in das Schweigen: Aus der Einheit in die Vielfalt und durch das Tun und Verstehen wieder zurück in die Einheit. Also immer wieder geht es um unser Eingebettet sein in dem Geheimnis.»
2.2. Das glauben wir ‒ Spiritualität für unsere Zeit (2015)
Vortrag
[ebenso weiter unten auch das Audio: «Ich vertraue dem Leben» (Rilke, Augustinus)]:
(01:15:24) ‹Seidener Faden kamst du hinein ins Gewebe› (Rilke, Die Sonette 2. Teil, XXI) ‒ ‹Schau auf das Ganze, rühme das Ganze› (Augustinus)
2.3 Dem Welthaushalt freudig dienen ‒ Spiritualität 2011
Dem Welthaushalt freudig dienen: Pater Johannes und Bruder David im Dialog:
(16:37) Ordnung als Zustand, in dem jedes Ding dem andern den ihm angemessenen Platz zugesteht ‒ Das Hochzeitsfest in der Natur /
(18:54) Ordo est amoris (Augustinus): Was würde die Liebe dazu sagen?
(38:59) Wie kann Gott Unglück, Leid und Not zulassen? Unsere Vorstellungen verlassen und uns auf das Leben verlassen: ‹Schau auf das Ganze, rühme das Ganze› (Augustinus)
2.4. Audio TAO der Hoffnung (1994)
Vortrag:
(28:12) «Wenn wir uns vom Wort in das Schweigen führen lassen und vom Schweigen in das Wort ‒ das ist ein Tanz, das ist eine Rundbewegung vom Wort ins Schweigen und vom Schweigen ins Wort ‒, dann verstehen wir. Wir verstehen erst wirklich, wenn wir uns einem Wort: einer Situation, einem Menschen … diesem Wort, dem, was Sinn hat, so hingeben, dass es uns in die Stille führt ‒, dann verstehen wir. Und wenn wir so in die Stille lauschen, dass die Stille zu Wort kommt, dann verstehen wir auch. Oder wenn wir so uns dem Wort so hingeben, dass es uns in die Stille führt und uns dann sendet sozusagen, hinaussendet, etwas zu tun: In dem Tun verstehen wir dann. Im Tun, nur im Tun können wir richtig verstehen. … Verstehen und Tun gehören engstens zusammen.»
(41:47) ‹Das ist es!›: die Melodie zum Tanz in drei verschiedenen Betonungen – Der Reigentanz der Religionen von außen und von innen her betrachtet: «Wir können es nicht von außen verstehen, nur von innen. Und wenn wir selber aus dieser Mitte heraus leben, dann gibt es Hoffnung für unsere Welt. Denn dann werden wir nicht immer wieder in den Fehler verfallen, zu behaupten, dass die, die uns am weitesten entfernt sind, in der entgegengesetzten Richtung gehen wie die, die uns am nächsten sind. Sondern dann werden wir gemeinsam tanzen ‒ und tanzen! Darauf kommt es eigentlich an: uns freuen, singen, tanzen. Und das ist dann die Gesellschaft der Zukunft, die uns Hoffnung gibt, das TAO der Hoffnung. Das TAO ist ja diese Bewegung, das TAO ist dieser Fluss …»
2.5. Begegnung der Religionen (1993)
Vortrag:
(51:31) Der himmlische, überirdische, außerzeitliche Reigentanz der Dreieinigkeit Gottes gespiegelt im Reigentanz der Religionen – Der Blickwinkel der Außenstehenden auf einen Kreistanz im Unterschied zu jenen, die drinnen sind
2.6. Audio-Vortrag Das Leid des Lebens zu Herzen nehmen ‒ Goldegger Dialoge (1992)
Eröffnungsreferat:
(12:17) ‹Das Herz, das ins Ganze geborne› (Rilke, Die Sonette 2. Teil, II) – ‹Schau auf das Ganze, rühme das Ganze› (Augustinus)
2.7. Mit dem Herzen horchen (1988)
Vortrag:
(49:55) «Was könnte sich mehr unterscheiden als Wort, Schweigen und Verständnis, drei Begriffe, für die wir überhaupt keinen Oberbegriff haben. Wir können es kaum ‹drei› nennen, und das ist ja auch sehr passend, denn auch in der Trinität soll man ja eigentlich letztlich nicht von ‹drei› sprechen. Der hl. Augustinus sagt schön: ‹Wenn du anfängst zu zählen, bist du schon in Häresie gefallen. Zu zählen ist da nichts. Aber es handelt sich um drei Grunderlebnisse.»
3. Texte
3.1. Im Buch Orientierung finden (2021):
«‹Ich sprach zu meiner Seele, sei still und warte›, sagt T. S. Eliot.[10] Aber er weiß auch, dass Stille beängstigend werden kann, weil sie uns des Lärms beraubt, mit dem wir uns gerne ablenken von der Dunkelheit, die in uns aufsteigt, wenn wir still werden. Fürchte dich nicht, sagt daher der Dichter, du kannst der inneren Stille und Dunkelheit vertrauen. Und er schließt mit den tröstlichen Worten:
‹Die Dunkelheit wird das Licht sein, und die Stille das Tanzen.›
Wenn wir also ein gesundes Zeitbewusstsein wiederfinden wollen, müssen wir zunächst gewahr werden, dass wir nicht im Schritt sind mit dem großen Tanz.
Rilke weiß: Wir sind nicht einig mit dem Rhythmus des Lebens und darum auch nicht einig mit uns selbst.
Wir sind nicht einig. Sind nicht wie die Zug-
vögel verständigt. Überholt und spät,
so drängen wir uns plötzlich Winden auf
und fallen ein auf teilnahmslosen Teich.»
[Orientierung finden (2021): Berufung ‒ Folge deinem Stern!, 97; siehe auch Audio-Vortrag Fülle und Nichts (1996)[11]]
‹Wir sind nicht einig› mit uns selbst, weil wir im Ego stecken, also auch ‹nicht einig› untereinander und wegen unsrer Eigenwilligkeit auch ‹nicht einig› mit dem Fließweg des Lebens. Weil wir nicht stillwerden und hinhorchen, versäumen wir den rechten Augenblick. Dann drängen wir uns plötzlich› dem Geschehen auf, anstatt mit ihm zu fließen. Und doch ist das Einzige, worauf es ankommt, Harmonie mit dem Leben. Nur wenn wir im Einklang mit dem Leben handeln, fließt die Kraft des Lebens durch uns. Ganz gleich, ob wir im Garten arbeiten, ein Buch lesen, ein Hemd bügeln oder an einer Telefonkonferenz teilnehmen, ‹gute Arbeit› ist wie ein kosmisches Ballspiel, ‹wie ein heiliger Tanz.›»[12]
«So oft wir innehalten, sei's auch nur für einen Augenblick, umfängt uns das Geheimnis als Schweigen. So oft wir aus innerer Stille heraus hinhorchen auf das, was der Augenblick uns zuspricht, öffnen sich die Ohren unsres Herzens für das Geheimnis als Wort. Und so oft wir dann durch unser Tun Antwort geben auf dieses Wort, sei es ein Mensch, ein Tier, eine Pflanze, ein Ding oder ein Ereignis, werden wir das unbegreifliche Geheimnis durch unser Tun verstehen, so wie wir den Tanz nur dadurch verstehen können, dass wir tanzen.» [Orientierung finden (2021): «Stop ‒ Look ‒ Go: Sich einüben in den Fließweg des Lebens», 108f. und 113]
Schweigen, Wort und Verstehen durch Tun sind grundlegende Schlüsselwörter, die wir unbedingt brauchen, um Sinn zu finden.
Jedes echte Wort muss aus dem Schweigen kommen, sonst ist es nur Geplapper.
Wenn wir dieses Wort schweigend empfangen und tief darauf hinhorchen, wird es uns ergreifen und uns dazu bewegen, durch unser Tun darauf zu antworten.
Dies ist es übrigens, was Gehorsam, richtig verstanden, bedeutet.
Durch intensives Hinhorchen ‒ gehorchen ist ja die Intensivform von horchen ‒ zeigen wir uns bereit, zu tun, was das Wort fordert, und kommen durchs Tun zum Verständnis.
So führt uns das Wort, das uns ergriffen hat, in das Schweigen zurück, aus dem es hervorgegangen ist.
Erkennst du in dieser Bewegung unsren ‹Rundtanz› wieder?
Kein Wunder. Es geht ja bei diesem Orientierungs-Dreischritt von Schweigen, Wort und Verstehen-durch-Tun letztlich um das, worum sich alles dreht ‒ und das ist das Geheimnis.» [Orientierung finden (2021): «Geheimnis ‒ wenn uns die Wirklichkeit ‹ergreift›», 45f.]
«Wenn wir nach dem hier Gesagten nun nach dem Sinn des Lebens fragen, so ergibt sich die überraschende Antwort, dass es Spiel sein muss ‒ ‹Lila› nennt es der Hinduismus ‒ der große Tanz.» [SINN, in: Das ABC der Schlüsselworte, im Buch: Orientierung finden (2021), 157]
«Östliche Weisheit verweist auf diesen natürlichen Fluss der Dinge als das TAO. ‹Watercourse Way› nennt Alan Watts das TAO auf English. ‹Fließweg› könnten wir es vielleicht nennen ‒ ein schönes deutsches Wort, das Geologen bei der Beschreibung von Flüssen verwenden. Um mit dem TAO zu fließen, müssen wir zu unsrer ursprünglichen Geisteshaltung, zum ‹Anfängergeist› des Kindes zurückfinden. Als Baby bist du ganz selbstverständlich sowohl im Fluss des Lebens als auch im Jetzt. ‹Du hast noch kein Ich, das sich von dem, was geschieht, unterscheidet›, wie Alan Watts es ausdrückt. ‹Deshalb geschieht Dir auch nichts. Es geschieht einfach.› Du nimmst teil, sagt er an ‹den wundervollen Tanzfiguren … fließenden Wassers›.
Wann immer wir im Jetzt sind, sind wir auch als Erwachsene im ‹Fließweg›. Dann fließt unsre Entscheidung im Einklang mit dem Universum ‒ nicht durch irgendwelche Magie, sondern durch unser vernünftiges Eingehen auf die Gelegenheit, die das Leben uns hier und jetzt bietet. Wie beim Baby ‹geschieht einfach› das Lebensbejahende, aber mit unsrer Zustimmung. Unsre willige Entscheidung ‒ was immer sie betrifft ‒ wird von der Lebenskraft getroffen, die frei durch uns durchfließt.» [Orientierung finden (2021): «Entscheidung ‒ Was will das Leben jetzt von mir?» 88f.]
3.2. Im Buch Die Achtsamkeit des Herzens (2021)
«Um im Rhythmus zu bleiben, muss man hinhorchen. Um den Weg zu sehen, muss man hinschauen. Das Kloster ist deshalb ein Ort, an dem man lernt, Augen und Ohren offen zu halten.
‹Höre!› ist das erste Wort der Klosterregel des Heiligen Benedikt, ein weiteres Schlüsselwort lautet: ‹Betrachte!› (lateinisch: considera, von sidus: das Sternbild/Gestirn, also wörtlich: seinen Kurs nach den Sternen bestimmen).
Der Heilige Benedikt, Vater des abendländischen Mönchtums, will, dass die Mönche ‹apertis oculis› und ‹attonitis auribus› leben, d. h. mit so offenen Augen und so horchenden Ohren, dass die Stille göttlicher Gegenwart sie wie Donner trifft.[13]
Deshalb ist ein Benediktiner Kloster ‹schola Dominici servitii›, eine Schule, in der man lernt, sich auf die höchste Ordnung einzustimmen.
Eine solche Ordnung ist allerdings keineswegs starr.
Es wäre ein großes Missverständnis, die höchste Ordnung als statisch zu begreifen. Ganz im Gegenteil. Sie ist zuinnerst dynamisch.
Das Einzige, womit wir diese Ordnung vergleichen können, ist der Tanz der Sphären.
Wir sind eingeladen, uns auf diese Harmonie einzustimmen, nach der das ganze Universum tanzt.
Im Kloster können wir dies in einem professionellen Rahmen lernen.
Der Heilige Augustinus drückt die Dynamik der höchsten Ordnung aus, wenn er sagt: ‹Ordo est amoris›, das heißt, Ordnung ist einfach Ausdruck der Liebe, die das All bewegt, Dantes ‹l‘amor che muove il sole e l'altre stelle›.
Während sich jedoch das übrige Universum frei und anmutig in kosmischer Harmonie bewegt, sind wir Menschen nicht ohne weiteres dazu in der Lage.
Es kostet uns Mühe, unser Leben mit der dynamischen Ordnung der Liebe in Einklang zu bringen.
An einem gewissen Punkt müssen wir sogar die ungewohnte Anstrengung machen, uns nicht anzustrengen.
Das mag uns die größte Kraft kosten. Das Hindernis, das es zu überwinden gilt, ist Verhaftetsein, selbst das Verhaftetsein mit unserem eigenen Bemühen.
Die Askese ist professionelles Training zur Überwindung des Verhaftetseins in jeglicher Form.
Das Bild vom Tanz kann uns helfen, dies zu verstehen. Losgelöstheit ‒ der verneinende Aspekt der Askese ‒ befreit unsere Bewegungen, macht uns behende, gelöst.
Der bejahende Aspekt der Askese ist wache Lebendigkeit. Indem wir frei werden, uns gelöst zu bewegen, lernen wir, Schritt für Schritt auf den Rhythmus einzugehen und lauschend mit der Musik lebendig zu werden.» (23-25)
«Wir wollen einander Stille schenken. Lasst uns hier und jetzt damit beginnen. Lasst uns einander das Geschenk der Stille geben, so dass wir gemeinsam horchen und einander zuhorchen können.
Nur in dieser Stille wird es uns möglich sein, den sanften Atem des Friedens zu hören, die Musik der Sphären, die allumfassende Harmonie, in der zu tanzen wir hoffen.» (31)
«Die Choreographie des kosmischen Tanzes verlangt von uns den Willen zur Wandlung. Das Planmäßige an der Askese entspringt ja nicht der Willkür menschlichen Planens, sondern letztlich dem Bauplan des Kosmos, der sich wandelnd entfaltet.»
«Das Herz, das wirklich gehorsam hinhorcht auf den Rhythmus des großen Tanzes, steht immer am Wendepunkt, lässt leicht los, nimmt Abschied vorweg.» (94)
FÜNF BLAUE FALTER
SOMMERFEST AM STRASSENRAND
IHR, STIEFEL, STEHT STILL
Auch hier ergibt sich der Sinn aus der Zweideutigkeit der letzten Zeile. Handelt es sich um einen Befehl? Mahnt der Dichter: ‹Schau doch hin! Hier ist er ja, der große Tanz. Alles, was es dazu braucht, ist dies: eine Handvoll der allergewöhnlichsten kleinen Falter, der winzigen blauen, die man nur selten auf Blumen sieht. Sie sind damit zufrieden, ihr Sommerfest in den Spurrillen staubiger Feldwege zu feiern. Hier ist er, der ruhende Punkt des großen Tanzes, ganz für dich allein. Du musst nur stehen bleiben›?
Oder handelt es sich hier wieder um einen vollendeten Augenblick des Sich-Verlierens und Sich-Findens?
Vielleicht ist es die All-Einheit des einsamen Wanderers, dessen staubige Stiefel endlich ‹in dem ruhenden Punkt der kreisenden Welt› stillstehen ‒ ‹und es gibt nichts als den Tanz›.
DER SEE VERLIERT SICH
IM REGEN DER SICH WIEDER
TIEF IM SEE VERLIERT
SIE BLÜHEN UND DANN
SCHAUEN WIR UND DANN FALLEN
DIE BLÜTEN? UND DANN …
Der Schmerz seligen Alleinsseins und die Seligkeit des einenden Schmerzes verschmelzen auf dem Gipfel des Gipfelerlebnisses, im Ruhepunkt, im Haiku.» (112f.)
3.3. In Dankbarkeit: Das Herz allen Betens (2018), 175f. und 163 [bzw. Fülle und Nichts (2015), 176f. und 163f.]:
The universe may
Be as great as they say.
But it wouldn't be missed
If it didn't exist.
Das Weltall ist vielleicht
so großartig wie man sagt.
Aber niemand würde es vermissen,
wenn es gar nicht da wäre.
Piet Hein (19O5-1996)
«Mit einem entwaffnenden Lächeln legt dieser kleine Reim von Piet Hein die Tatsache bloß, dass alle gegebene Wirklichkeit reine Gabe ist. Das Universum ist gratis. Es kann und braucht auch nicht verdient werden.
Dieser einfachen Erfahrungstatsache entspringt dankbares Leben, ein Leben aus Gnade.
Dankbarkeit ist die uneingeschränkte Antwort des Herzens auf eine uns gnädig geschenkte Welt.
Und Dankbarkeit ist Begabung im doppelten Sinn. Durch sie wird uns die Welt, mit der wir begabt sind, erst richtig zur Gabe.
Und unsere Dankbarkeit macht uns begabt, anmutig am großen Tanz des Lebens teilzunehmen.»
«So ist schließlich Dankbarkeit einfach ein Weg, das Leben des Dreieinigen Gottes in uns zu erfahren
Dieses Leben kommt aus dem Vater, dem Quellgrund und unerschöpflichen Born der Göttlichkeit, dem Geber aller Gaben.
Der Vater verschenkt sich rückhaltlos im Sohn.
Der Sohn empfängt sich selbst vom Vater und wird zum Wendepunkt dieses göttlichen Stroms des Gebens.
Denn im Heiligen Geist gibt der Sohn dem Vater sich selbst als höchsten und letzten Dank zurück.
Der Dreieinige Gott ist Geber, Gabe und Dank.
Alles was ist, nimmt; teil an dieser Bewegung vom Vater durch den Sohn und im Heiligen Geiste zurück zum Ursprung.
Das ist es, was der heilige Gregor von Nyssa ‹den Reigen der Heiligen Dreieinigkeit› nannte.
Tanzen, das ist Gottes Art zu beten.
Es ist ein einziges großes Fest des Zusammengehörens im Geben und Danken.
An diesem Fest können wir in unserem Herzen jederzeit teilhaben: durch Dankbarkeit.
Mit welchem anderen Namen könnten wir Leben in Fülle benennen?» (163)
3.4. Das Buch Musik der Stille (2023) 142f. entlässt uns am Schluss wieder in den Alltag:
«Wir haben nun alle mönchischen Tageszeiten durchlaufen, den Kreis geschlossen und sind im großen Schweigen angelangt, der Brücke der Stille zwischen Komplet und Vigil, die erneut den Kreislauf der Stunden eröffnet. …
Die Botschaft der Stunden lädt uns ein, täglich nach dem wirklichen Tagesrhythmus zu leben. Aufmerksam, bewusst und absichtsvoll zu leben, unser Leben von innen heraus zu lenken und uns nicht von den Forderungen der Uhr oder äußeren Terminen oder von bloßen Reaktionen auf irgendwelche Geschehnisse fortreißen zu lassen.
Wenn wir dem wirklichen Rhythmus zufolge leben, werden wir selbst wirklicher.
Wir lernen, auf die Musik dieses Augenblicks zu lauschen, lernen, ihr süßes Flehen und ihre nüchternen Anweisungen zu hören.
Wir lernen, im Herzen ein wenig zu tanzen, unsere inneren Pforten einen Spalt weiter zu öffnen und auf die Musik der Stille, den göttlichen Herzschlag des Universums, zu horchen.»
3.5. Vor 50 Jahren (1972), eröffnete Bruder David die damaligen Salzburger Hochschulwochen mit dem Vortrag Jesus als Wort Gottes, abgedruckt in: Die Frage nach Jesus (1973), 9-67:
«Das ist es, was die griechischen Kirchenväter den großen Reigentanz der Dreifaltigkeit nannten.
Vielleicht ist dieses Bild des Tanzes das Sinnbild, das auf unsere Frage nach dem letzten Sinn antwortet, wenn alle anderen Antworten versagen.
Alles, was es gibt, ist aufgenommen in diesen Tanz, der sich spielerisch in immer neuen Formen entfaltet.
Tanz ist Fülle des Lebens, Feier, in der des Lebens Sinn zu sich selbst kommt: Ringelreihen, Hochzeitstanz, Totentanz, Reigen der Seligen im Paradies, großer Rundtanz des Lebens.
Und der Logos war schon für die frühen Kirchenväter Vortänzer, Anführer im großen Tanz. (66)
Bruder David schließt mit den Worten: «Um Offenbarung zu verstehen, müssen wir in die Offenbarung eintreten; müssen dem Logos als Anführer des Reigens folgen; müssen uns in liebender Ergriffenheit durch das Wort in das Schweigen führen lassen und aus dem Schweigen heraus gehorsam werden. Unser Thema geht über bloß akademisches Bemühen weit hinaus. Um im Wort der Offenbarung Sinn zu finden, müssen wir etwas tun ‒ das Wichtigste und zugleich das Schwerste ‒: uns dem Wort des Lebens stellen und ‒ mittanzen.» (67)]
_________________________
[1] Orientierung finden (2021): «Vorbemerkungen», 8
[2] «Angesprochen auf das Ende aller Dinge, auch auf sein eigenes, benutzt Steindl-Rast gerne das bekannte Bild einer tickenden Uhr. Diese mache allerdings für ihn nicht Tick-Tack, sondern ‹Jetzt-Jetzt-Jetzt-Jetzt.›» [Der Zen-Christ: David Steindl-Rast im Portrait (2012)]
[3] Orientierung finden (2021): «Auf der Suche nach einem Gesamtbild», 12f.
[4] Orientierung finden (2021): Berufung ‒ Folge deinem Stern!, 99, 93, 100
[5] «At the still point oft he turning world. Neither flesh nor fleshless;
Neither from nor towards; at the still point, there the dance is,
But neither arrest nor movement. And do not call it fixity,
Where past and future are gathered. Neither movement from nor towards,
Neither ascent nor decline. Except for the point, the still point,
There would be no dance, and there is only the dance.»
T. S. Eliot: Four Quartets: Burnt Norton, II, in: Stillehalten
[6] Orientierung finden (2021): «Auf der Suche nach einem Gesamtbild», 12-14
[7] LILA, in: Das ABC der Schlüsselworte, im Buch: Orientierung finden (2021), 147f.
[8] Dankbarkeit: Das Herz allen Betens (2018): «Staunen und Dankbarkeit», 27f. [bzw. Fülle und Nichts (2015), 24f.]; siehe auch ST 112-114 unter dem Titel «Selbständigkeit»
[9] DU großes Geheimnis: Gebete zum Aufwachen» (2019), 92
[10] «Wait without thought, for you are
not ready for thought:
So the darkness shall be the light, and the stillness the dancing.»
«Warte ohne zu denken, denn zum Denken bist du nicht reif,
Dann wird das Dunkel das Licht sein und die Stille der Tanz.»
T. S. Eliot: Four Quartets: East Coker, III, siehe auch: Stillehalten
[11] Audio-Vortrag Fülle und Nichts (1996):
(01:47) ‹Wir sind nicht wie die Zugvögel verständigt› (Rilke, Die vierte Elegie) – horchen, gehorchen, Gehorsam als Methode und Ziel)
[12] Rilke verwendet das Bild vom kosmischen Ballspiel im Gedicht «Solang du Selbstgeworfnes fängst» und der taoistische Philosoph Huang Tsu (369-286 v. Chr.) die Bilder vom heiligen Tanz und von guter Arbeit in seinem Gedicht «Einen Ochsen zerteilen» [Orientierung finden (2021): «Stop ‒ Look ‒ Go: Sich einüben in den Fließweg des Lebens», 106-108, 109-112]
[13] «Wir Menschen können Gott ehren, aber nur Gott selbst kann Herrlichkeit wie wetterleuchten aufblitzen lassen.
Und das ereignet sich in Augenblicken dankbaren Gehorsams, wenn wir, attonitis auribus (RB Prol 9) – mit dem Donnerkrachen der Gottesstimme in unseren Ohren – auf diesen Ruf hören und darauf antworten.
Der Gehorsam und die Dankbarkeit öffnen unsere Augen für das lumen deificum (RB prol 9), jenes Taborlicht (Mt 17; Mk 9; Lk 9), das die ganze Schöpfung verklärt, indem es sie durchscheinend macht für Gottes Herrlichkeit.» [Dankbarkeit als Schlüsselwort benediktinischer Spiritualität (2019)]
Tasten, berühren, behüten
Text, Video und Audios von Br. David Steindl-Rast OSB
«Zauberkraft begegnet uns auf Schritt und Tritt, daran zweifle ich keinen Augenblick. Wie oft habe ich sie doch erlebt. Zuerst mein ganz automatisches Dahintrotten auf dem heißen Gehsteig, dann ein kühler Zugwind aus einer Seitenpassage ‒ und plötzlich hat das Straßenbild Farben, Klänge, Bewegung.
Oder bei Tisch: Mein unaufmerksames Hinunterlöffeln wird durch das Klirren eines Wasserglases in wache Freude an der warmen Suppe verwandelt. Sogar ein untätiges Daliegen im Bett kann durch ich weiß nicht, was, auf einmal zum wohligen Wahrnehmen von Decke und Polster werden, zu einem letzten Aufleuchten aller Sinne vor dem Einschlafen.
Ich weiß wirklich nicht, was diese geheimnisvolle Kraft ist, die da so unvermittelt alles verzaubert ‒ ja, die eigentlich m i c h bezaubert, indem sie mich belebt.
Jedenfalls nehme ich sie dankbar an; sie muss ja von Dir kommen.
Und Dankbarkeit legt mir auch das Zauberwort in den Mund, das Zauberwort, das mich und die Welt belebt: ‹Danke!› ‒ Amen.»[1]
In der gütigen Hand, die ihnen übers Haar streicht, können Kinder die Berührung eines Engels spüren. Aug’ in Auge mit einem Tier können wir dem Blick eines Engels begegnen. Ja, manchmal springen Engel sogar aus dem Gebüsch hervor als Kinder, die uns lachend erschrecken wollen, und uns dann umso fester umarmen.
Ich habe herausgefunden, dass durch eine ganz leichte Berührung ein kraftvoller Impuls von Güte und Wohlwollen übermittelt werden kann.
Die Welt, in der wir leben, ist so entfremdend, dass wir buchstäblich nicht mehr in Berührung miteinander sind.
Es hilft schon, wenn wir jemanden konkret wissen lassen, dass er uns wirklich etwas bedeutet.
Das schafft ein Gefühl der Zugehörigkeit, ein Gefühl, dass wir Schwestern und Brüder sind in dieser Welt, in unserem gemeinsamen Zuhause.[2]
«Mein Fuß spricht mit den Steinen, die er betritt»,
sagt Rilkes Blinde,[3] und das sollten auch unsere Füße tun. Sobald wir die Gewöhnung abgelegt haben, mehr noch als die Schuhe, dann ist schon die Möglichkeit gegeben für diese Zwiesprache.
Rasen spricht anders mit unseren Füßen als sonnenwarme Felsplatten am Fluss; ein Holzboden wieder anders. Kork, Kiesel, Kokosläufer, feuchter Sand am Meer, oder das Herbstlaub, durch das wir als Kinder so gerne wirbelnd wateten; diese und so viele andere Sprachen sind unseren Fußsohlen bereits geläufig.
Leinen, Leder, Luffa, wie verschieden sie unsere Schultern berühren. Strohhut und Wollmütze, Tropenhelm und Schleier. Kühles, Bauschiges, das den Wind einfängt, oder enganliegendes Warmes und Weiches um Hüften und Beine.
Wie so verschiedentlich uns all das anspricht, wenn wir nur darauf achten. Wie unsere Haut an jeder Stelle des Körpers anders darauf antwortet. Welche Freude argloser Dankbarkeit man daran erleben kann.
Und dann erst die Hände. Für mich ist nicht nur das Streicheln der Katze («Gypsie» heißt sie, «Zigeunerin»), für mich ist auch das Abstauben der paar Möbel in der Einsiedelei ein liebkosendes Berühren; oder das Stutzen der Sträucher im Garten; oder das Aufkehren.
«So geht man nicht mit dem Staub um», erklärte Soen Nakagawa Roshi jungen Mönchen, die das Saubermachen praktisch, schnell und gründlich erledigt haben wollten. «S o geht das nicht. Wenn ihr den Besen in der Hand habt, soll die Hand zum Staub sagen: ‹Verzeih, aber du bist zur Zeit am falschen Platz. Erlaube, dass wir dir weiterhelfen, wo du hingehörst›»
Hände haben höfliche und unhöfliche Redeweisen. Sie lassen sich erziehen.
Hände reden, Sie können aber auch horchen.
Das hat mich Sen Soshitsu gelehrt, der Groß-Teemeister Japans, dessen Urahne Sen Rikyu, im 16. Jahrhundert der Teezeremonie ihre klassische Form gab.
In einer vornehmen Privatwohnung in New York wurde das Ehepaar Sen an jenem Abend mit einem Empfang geehrt. Man wollte den Gästen aus dem Osten das Beste westlicher Kultur darbieten. Ein berühmter Cembalist sollte auf einem Instrument spielen, das eigens für diese Gelegenheit ausgeliehen worden war.
Da stand es in seiner schlichten Schönheit, glänzend im Licht der vielen Kerzen, aber versperrt. Der Schlüssel zum Deckel der Tastatur war einfach unauffindbar.
Verwirrung, Geflüster, peinliche Stille.
Mit heiterer Gelassenheit geht Sen Soshitsu auf das Cembalo zu, lässt seine Hand bewundernd über das seidige Holz gleiten.
Völlig gesammelt scheint er dankbar zu sagen:
«Ist das nicht schon mehr als genug?»
Dann lächelt er, und alle atmen auf.
Alle nur mögliche Musik war aus dem Instrument durch seine horchende Hand in dieses Lächeln gestiegen und darin Wirklichkeit geworden.
Berührung ist immer gegenseitig. Wir können sehen, ohne gesehen zu werden und so mit allen Sinnen. Aber niemand kann berühren, ohne berührt zu werden. Daher kommt die Ehrfurcht, die echter, wacher, dankbarer Berührung eignet.
Rilke sieht diese Ehrfurcht in der Art, wie die Figuren im Bildwerk griechischer Grabsäulen einander berühren:
«Erstaunte euch nicht auf attischen Stelen die Vorsicht
menschlicher Geste? War nicht Liebe und Abschied
so leicht auf die Schultern gelegt, als wär es aus anderm
Stoffe gemacht als bei uns? Gedenkt euch der Hände,
wie sie drucklos beruhen, obwohl in den Torsen die Kraft steht.
Diese Beherrschten wussten damit: so weit sind wirs,
d i e s e s ist unser, uns s o zu berühren; stärker
stemmen die Götter uns an. Doch dies ist Sache der Götter.»[4]
Wer ehrfürchtig an-greift, wird zugleich ergriffen vom göttlichen Gegenüber, mit jener bräutlichen Ergriffenheit, die weise macht.
Es ist unmöglich, Sinnliches und Übersinnliches
säuberlich auseinanderzuhalten.
Wir finden das eine im anderen.
Nur glühend dankbare Lebensfreude kann diese Verschmelzung zustande bringen.
Das ist eine tägliche Aufgabe, ein Training, welches uns von Augenblick zu Augenblick herausfordert:
Ich esse eine Mandarine, und schon beim Abschälen spricht der leichte Widerstand der Schale zu mir, wenn ich wach genug zum Horchen bin.
Ihre Beschaffenheit, für Duft, sprechen eine unübersetzbare Sprache, die ich erlernen muss.
Jenseits des Bewusstseins, dass jede kleine Spalte ihre eigene, besondere Süße hat (auf der Seite, die von der Sonne beschienen wurde, sind sie am süßesten), liegt das Bewusstsein, dass all dies reines Geschenk ist.
Oder könnte man eine solche Nahrung jemals verdienen?
Ich halte die Hand eines Freundes in der meinen, und diese Geste wird zu einem Wort, dessen Bedeutung weit über Worte hinausgeht.
Es stellt Ansprüche an mich. Es beinhaltet ein Versprechen. Es fordert Treue und Opferbereitschaft.
Vor allem aber ist diese bedeutungsvolle Gebärde Feier von Freundschaft, die keiner Rechtfertigung durch einen praktischen Zweck bedarf.
Sie ist so überflüssig wie ein Sonett oder ein Streichquartett, so überflüssig wie all die wirklich wichtigen Dinge im Leben.
Sie ist ein überfließendes Wort Gottes, von dem ich Leben trinke.[5]
Sakramentales Leben ist das Geheimnis, dass in unserem riesigen Erd-Haushalt alles mit allem in Verbindung steht, in Myriaden von verschiedenen Wegen, das Leben des heiligen Einen mitten in uns.
Es gibt nur eine Bedingung, um das Leben sakramental sehen zu können:
«Zieh’ deine Schuhe aus!»[6]
Erkenne, dass der Boden, auf dem wir stehen, heiliger Boden ist. Die Schuhe ausziehen ist eine Geste der Dankbarkeit und durch Dankbarkeit kommen wir in sakramentales Leben hinein.
Barfuß gehen hilft wirklich! Es gibt keinen direkteren Weg, mit der Wirklichkeit in Berührung zu kommen als durch den direkten physischen Kontakt.
Zu fühlen wie verschieden es ist, ob man auf Sand geht oder auf Gras, auf glattem, von der Sonne erwärmten Granit, auf dem Waldboden; sich durch die Kieselsteine etwas wehtun lassen, Schlamm durch die Zehen quetschen.
Es gibt so viele Wege, durch die Erde Gottes heilende Kraft dankbar zu spüren.
Immer wenn wir die Abgestumpftheit des Gewöhntseins wegnehmen oder aufhören, Dinge als selbstverständlich zu nehmen, berührt uns das Leben mit seiner ganzen Frische und wir erkennen, dass alles Leben sakramental ist.
Wenn wir unsere Lebendigkeit messen könnten, so wäre der Maßstab sicher unser Berührtsein vom heiligen Einen, dem unerschöpflichen Feuer im Herzen aller Dinge.[7]
«Du großes Geheimnis, Quellgrund meines Lebens, Meer, dem alles zuströmt!
Zu den schönsten Morgenstunden meines Lebens
gehört das Barfußlaufen durch taufrisches Gras.
Zwar hab ich das gar nicht so oft erlebt,
in meiner Erinnerung aber steigt es immer wieder auf
und ich freue mich daran.
Könnte ich das eigentlich nicht täglich tun?
Du schenkst mir Fantasie genug, die Heilkraft zu fühlen,
die aus dem kühlen, feuchten Rasen aufsteigt;
jeder Grashalm weckt frische Lebendigkeit in meinen Fußsohlen.
Heute soll meine Fantasie mir dienlich sein:
Taufrisches Barfußlaufen (auf dem Bettvorleger)
soll mein freudiges Morgenlob werden. Amen»[8]
[Die Quellenangaben zum obigen Text in Anm. 1f., 5, 7f.]
[Ergänzend:
1. Video Wir sind daheim in dieser Welt (1975) und Transkription:
(27:56) Der Tastsinn spielt eine ganz wichtige Rolle auf den Höhepunkten, den Durchgangspunkten unseres Lebens: in der Geburt, in der Liebesbegegnung, beim alten Menschen, im Tod, beim Sterbenden. Die Zärtlichkeit der Berührung. Etwas ungeheuer Wichtiges. Wir haben oft so harte Griffe. Wir denken nur ans Angreifen und nicht ans berührt werden.
(31:32) Wir vergessen allzu leicht, dass die Berührung, der Tastsinn, der Sinn ist, der immer gegenseitig ist. Berührung ist immer gegenseitig. Wir können sehen, ohne gesehen zu werden, wir können hören, ohne gehört zu werden usw., aber wir können nie etwas berühren, ohne selbst berührt zu werden.
Und uns so anrühren zu lassen von den Dingen, die wir berühren, das setzt voraus, dass wir es bewusst tun. Und wenn uns dann etwas berührt, dann wird es uns auch anrühren und wird uns auch zu Herzen gehen. Und darin liegt etwas zutiefst Dialogisches in diesem Sinn des Berührens und des berührt werdens. Wir erfassen etwas nur wirklich, wenn wir uns davon auch berühren lassen.
(34:54) Wenn wir Hausarbeit wirklich mit offenem Herzen tun, dann wird das Aufkehren, das Abstauben, das Zusammenräumen eine Art Liebkosung unserer Wohnung.
Wenn wir mit wirklich offenem Herzen das Geschirr berühren, während wir es abwaschen, dann wird uns auch das zu einem ganz tiefen Erlebnis. Bei der Teezeremonie zum Beispiel in Japan werden schwere Geräte aufgehoben wie wenn sie ganz leicht wären und leichte Geräte als ob sie ganz schwer wären. Wenn wir das einmal beim Geschirrabwaschen versuchen, einen kleinen Teelöffel aufzuheben als wäre er ganz schwer ‒ einen schweren Kessel aufzuheben als wäre er ganz leicht, dann wird uns auch das zu einem neuen Erlebnis. Wir sind dann vielleicht ganz anders darauf eingestimmt, dass das warme Wasser wirklich warm ist und das kalte Wasser wirklich kalt. Durch alle diese Erlebnisse spricht uns die Wirklichkeit an und das kann zu einem viel tieferen Bewusstsein führen.
2. Audios
2.1. Lebendige Spiritualität (2015)
Wort:
(01:01:13) ‹Dass unsere Hände wären, wie unsere Augen sind› (Rilke, Schmargendorfer Tagebuch) – ‹Erstaunte euch nicht auf attischen Stelen die Vorsicht menschlicher Geste?› (Rilke, Die zweite Elegie) – Das empfängliche Tasten ist das Behüten ‒ letztlich, das Geheimnis hegen: ‹Meine Hand ist dir viel zu breit› (Rilke, Einsichten aus Rilkes Dichtung, Teil I, 76f.) – ‹Ich habe dich bei deiner Hand gefasst und habe dich behütet.› (Jes 42,6)
Rilke in einem Brief: Arco, am 10. März 1899 (Schmargendorfer Tagebuch):
«… denn in unserem Schauen liegt unser wahrstes Erwerben. Wollte Gott, dass unsere Hände wären, wie unsere Augen sind: so bereit im Erfassen, so hell im Halten, so sorglos im Loslassen aller Dinge; dann könnten wir wahrhaft reich werden. Reich aber werden wir nicht dadurch, dass etwas in unseren Händen wohnt und welkt, sondern es soll alles durch ihren Griff hindurchströmen wie durch das festliche Tor des Einzugs und der Heimkehr. Nicht wie ein Sarg sollen uns die Hände sein: ein Bett nur, darin die Dinge dämmernden Schlafes pflegen und Träume tun, aus deren Dunkel heraus ihre liebsten Verborgenheiten reden. Jenseits der Hände aber sollen die Dinge weiterwandern, stämmig und stark, und wir sollen von ihnen nichts behalten als das mutige Morgenlied, das hinter ihren verhallenden Schritten schwebt und schimmert.»
Denn Besitz ist Armut und Angst, Besessenhaben allein ist unbesorgtes Besitzen.
2.2. Mit allen Sinnen leben (1993)
Vortrag:
(26:54) Spüren, tasten ‒ Der brennende Dornbusch: ‹Zieh’ deine Schuhe aus› ‒
Deutung des Exils als ‹Gewöhnung›, ‹Abstumpfung›:
«‹Tritt nicht herzu!› Komm nicht näher. Eine rabbinische Auslegung sieht darin eine Zurückweisung unserer Neigung, Gott an diesen oder jenen Ort zu binden.
‹Der Ort, darauf du stehst, ist ein heilig Land.›
Wo immer es auch sei, du stehst auf geheiligtem Ort. Werde dir dessen bewusst!
‹Zieh’ deine Schuhe aus von deinen Füßen!›
Der Schuh aus toter Tierhaut bedeutet für diese Auslegung: Gewöhnung, Abstumpfung.
Nichts sonst kann uns von Gottes Gegenwart trennen. Im Exil sein, verbannt vom heiligen Land, heißt vergessen zu haben, dass wir auf heiligem Boden stehen.
Auch ‹an den Flüssen Babylons›, oder wo auch sonst, stehen wir auf heiligem Boden, solange uns nicht Abstumpfung davon trennt.
Der Name unseres Exils ist nicht Babylon oder Ägypten, sondern Gewöhnung.»[9]
2.3. Das Leid des Lebens zu Herzen nehmen (1992)
Zweites Seminar mit Bruder David im Rittersaal des Schlosses Goldegg:
Teil 2:
(13:06) Einander behandeln: Die Hand massieren, den Puls greifen
2.4. Die Wiedergeburt christlicher Mystik (1988)
Vortrag in Themen aufgeteilt:
Tasten, greifen, begreifen, Begriffe im Unterschied zu Ergriffenheit, Rührung ‒ gerührt sein, berühren ‒ berührt sein]
__________________
[1] Erwachende Worte (2023): ‹55 Zauberkraft›, 127
[2] Musik der Stille (2023), 8 und 61
[3] R. M. Rilke: ‹Die Blinde› (Das Buch der Bilder, 2. Buch, 2. Teil)
[4] R. M. Rilke, Duineser Elegien, Die Zweite Elegie
[5] Die Achtsamkeit des Herzens: Die Dankbarkeit der fünf Sinne (2021), 71-73, 69, 16; siehe auch Horchen und Gehorchen
[6] Moses und der brennende Dornbusch in Exodus 3,1-6
[7] Sakramentales Leben ‒ «Zieh’ deine Schuhe aus!» (1979), aus dem Amerikanischen Englisch übersetzt von Eve Landis; siehe auch diesen Text in der Übersetzung von Bernardin Schellenberger im Buch Auf dem Weg der Stille (2016): Kapitel 8 ‹Auf heiligem Grund stehen›, 112-119
[8] Du großes Geheimnis: Gebete zum Aufwachen (2019), 71
[9] Die Achtsamkeit des Herzens: Die Dankbarkeit der fünf Sinne, 70f.
Teilhard de Chardin: ‹Das göttliche Milieu›
[Le milieu divin]: ein Entwurf des innern Lebens›[1]
«Wir müssen jedoch sehen ‒ die Dinge sehen, wie sie sind, wirklich und eindringlich. … Machen wir, es lohnt die Mühe, die heilsame Übung, die darin besteht, im Ausgang von den personalisiertesten Bereichen unseres Bewusstseins die Verlängerung unseres Seins durch die Welt hindurch zu verfolgen. Wir werden aufs höchste erstaunt sein, wenn wir die Ausdehnung und Innigkeit unserer Beziehungen zum Universum feststellen.
Die Wurzeln unseres Seins? Sie tauchen doch zunächst in die unauslotbarste Vergangenheit ein. Wie groß ist das Geheimnis der ersten Zellen, die der Hauch unserer Seele eines Tages überbeseelt hat! Welch unentzifferbare Synthese aufeinanderfolgender Einflüsse, in die wir für immer einverleibt sind! Durch die Materie findet in jedem von uns zu einem Teil die ganze Geschichte der Welt ihren Widerhall. So autonom auch unsere Seele sein mag, sie ist Erbin einer vor ihr durch die Gesamtheit aller irdischen Energien wunderbar ausgearbeiteten Existenz: sie begegnet und verbindet sich dem Leben auf einer bestimmten Stufe. ‒ Kaum aber ist sie an diesem besonderen Punkt in das Universum hineingenommen, fühlt sie sich ihrerseits von dem Strom der zu ordnenden und zu assimilierenden kosmischen Einflüssen belagert und durchdrungen. Blicken wir um uns: die Wellen kommen von überall her und aus der Tiefe des Horizonts. Durch alle Öffnungen überflutet uns das Sinnenhafte mit seinen Reichtümern: Speise für den Leib und Nahrung für die Augen, Harmonie der Töne und Fülle des Herzens, unbekannte Phänomene und neue Wahrheiten, all diese Schätze, alle diese Reize, all diese Anrufe durchdringen, von allen Himmelsrichtungen aufsteigend, in jedem Augenblick unser Bewusstsein. Was wirken sie in uns? Was werden sie dort tun, selbst wenn wir, schlechten Arbeitern gleich, sie passiv oder gleichgültig aufnehmen? Sie werden sich in das innigste Leben unserer Seele mischen, um sie zu entwickeln oder zu vergiften. Beobachten wir uns eine Minute lang, und wir werden davon bis zur Begeisterung oder bis zu Beklemmung überzeugt sein.» (40f.)
«Uns ist kaum bekannt, in welchem Maße oder in welcher Gestalt unsere natürlichen Fähigkeiten in den endgültigen Akt der Schau Gottes eingehen werden. Doch kann es kaum einen Zweifel darüber geben, dass wir uns hier unten mit der Hilfe Gottes die Augen und das Herz geben, aus denen eine letzte Transfiguration die Organe eines Anbetungsvermögens und einer Fähigkeit zur Seligkeit machen wird, die jedem von uns eigentümlich sind.» (42)
[1] Olten, Walter-Verlag 91982, 40f., 42:
Tod
Text von Br. David Steindl-Rast OSB
Wir wissen wenig über unsere letzten Augenblicke, wir wissen aber, worauf es jetzt ankommt. Ich würde also sagen: Stirb, solange du lebendig bist, weil du nicht weißt, wie gut du etwas tun kannst, das deine ganze Energie braucht, wenn du erst einmal senil, schwach oder sehr krank bist.
Hier ist wieder einer der Punkte, wo meines Erachtens Geburt und Tod einander sehr nahe kommen. Weder Geburt noch Tod können auf einen zeitlichen Augenblick festgelegt werden. Wir wissen nicht genau, wann eine Person geboren ist. Wir können auf den körperlichen Vorgang verweisen, in dem die Nabelschnur durchschnitten wird, doch manche Leute werden vielleicht erst nach 40 Jahren richtig lebendig oder noch später. Wann wird eine Person lebendig? Ich kann mir vorstellen, dass der eigentliche Augenblick, in dem Jemand zum Leben erwacht, genau derjenige ist, in dem er wirklich stirbt. Und alles was dahin führte, vielleicht 45 Jahre lang, ist Zeit, die zum Üben gebraucht wurde für diesen wichtigen Moment; und alles, was danach folgt, ist Zeit, die gebraucht wird, um der Natur ihren Lauf zu lassen. Im Leben mancher Leute geschieht das vielleicht ganz plötzlich, in einem einzigen Augenblick, während es bei anderen schrittweise geschieht, mühsam durch viele Stufen hindurch. [Sterben lernen (2005)]
Wenn man tot ist, dann ist man tot. Deine Zeit ist abgelaufen, daher gibt es nichts «nach» dem Tode. Von der Definition her ist Tod dasjenige, nach dem es nichts mehr gibt. Die Zeit ist vorbei; die Uhr ist abgelaufen. Die Zeit eines anderen mag weiterlaufen, deine eigene jedoch ist vorbei. Für dich gibt es kein «danach».
Und doch erleben wir selbst jetzt, vor dem Tode, wichtige Augenblicke, die nicht in der Zeit liegen. Sie sind, wie T. S. Eliot es formuliert, «innerhalb und außerhalb der Zeit». Wir erfahren hier und jetzt Wirklichkeiten, die jenseits der Zeit liegen. In solchen Augenblicken wird Zeit eine Begrenzung erfahren. Wenn meine Zeit jedoch abgelaufen ist, dann bleibt alles das bestehen, was jenseits der Zeit ist. Das ist keinem Wandel unterworfen. Es dauert. Wenn mein Leben schließlich vollendet ist, ist es so, als wenn eine Frucht vom Baum fällt. Ich fahre nicht fort, für alle Zeiten irgendetwas zu tun. So wie in den lebendigsten Augenblicken in diesem Leben, besitze ich mein gesamtes Leben auf einmal. Außerhalb der Zeit besitze ich mein Leben. Und da alles mit allem in diesem «Jetzt, das nicht vergeht» zusammenhängt, besitzen wir alles. Wenn Zeit uns nicht mehr trennt, besitzen wir alle diejenigen, die wir lieben, einschließlich aller Tiere und Pflanzen. [ST 133f., Quelle: WZ 1-3) 128]
Tod ‒ ‹memento mori›
Text, Video und Audios von Br. David Steindl-Rast OSB
Mein Staunen kennt keine Grenzen: Der Krieg ist vorbei und ich bin am Leben! Nur langsam dämmert es mir auf, aber dann steht mir plötzlich klar vor Augen: Ein ganzes Leben liegt jetzt vor mir!
Beglückt und erschreckt zugleich bin ich von dieser Einsicht ‒ erschreckt, weil ich ahne, dass diese große Gabe mir eine ebenso große Aufgabe stellt. Was soll ich aus meinem Leben machen?
Wenn ich eine der unzähligen Möglichkeiten ergreife, so bedeutet das, dass ich alle anderen loslassen muss. Was ist mir also am wichtigsten?
Vorausblickend denke ich darüber nach und fühle, dass es mir weniger wichtig sein wird, was ich tue, als dass ich es mir Freude tue.
Auf die Kriegszeit zurückblickend sehe ich, dass mir gerade in den schwersten, unglücklichsten Zeiten jene innere Freude, um die es geht, Auftrieb gab, eine Freude, die von Glück oder Unglück gar nicht abhängt. Aber wovon hängt sie dann ab? Darüber grüble ich nach.
Da kommt mir plötzlich aus heiterem Himmel der Satz in den Sinn:
«Den Tod allzeit vor Augen halten.»
Ja, wirklich «aus heiterem Himmel» ‒ aus heiterstem!
Es ist ein strahlender August in Salzburg. Ich bin hierher eingeladen worden von Freunden, darunter ein entzückendes Mädchen, in das ich verliebt bin. Die Stadt ist voller Musik; überall flattern Klänge im Sommerwind auf Straßen und Plätzen, unter Arkaden und aus offenen Fenstern. Zum ersten Mal finden dieses Jahr die Salzburger Musikfestwochen wieder in einem freien Österreich statt. Für eine Packung amerikanischer Zigaretten findet ein Platzanweiser im Festspielhaus wie selbstverständlich zwei freie Parterresitze und wir können Mozarts «Don Giovanni» miterleben.
Don Giovannis Ende bringt es mir wieder in den Sinn:
«Den Tod allzeit vor Augen halten.»
Dieser Satz geht mir im Kopf herum. Er stammt aus der Regel des heiligen Benedikt, einem fast 1500 Jahre alten Büchlein, das ich als Student gelesen habe, weil wir aus Trotz alles lasen, was dem totalitären Regime gegen den Strich ging. Ausgerechnet diese wenigen Worte haben sich mir eingeprägt und jetzt dämmert mir auch, warum:
In all den vergangenen Jahren hatten wir junge Menschen den Tod zum Greifen nahe vor Augen. Es scheint mir jetzt, dass mehr meiner Freunde an den Fronten umgekommen sind, als übrig blieben. Und auch zu Hause hatten Bomben täglich Zerstörung und Tod gebracht. Ein einziges unvorsichtig geflüstertes Wort konnte die Todesstrafe nach sich ziehen; einer unserer Kapläne wurde verhaftet und hingerichtet.[1] Aber trotzdem muss ich jetzt sagen: Diese schrecklichen Kriegsjahre waren für mich und meine Freunde Jahre echter Freude, jener Freude, dich ich nie einbüßen möchte. Darum die Frage: Wovon hing denn noch bis vor Kurzem diese Freude ab?
Darauf steht nun plötzlich die überraschende Antwort vor mir: Wir haben so freudig gelebt, weil wir gar nicht anders konnten, als den Tod allzeit vor Augen zu haben. Das zwang uns, im Augenblick zu leben ‒ ganz im Jetzt ‒, und darin lag das Geheimnis unserer Lebensfreude.
Um diesen Zündfunken freudigen Lebendigseins nicht zu verlieren, müsste ich also auch in Zukunft
«den Tod allzeit vor Augen halten.»
Diesen Leitsatz hatte ich aber in der Benediktsregel gefunden. Sollte das also von mir verlangen, Benediktinermönch zu werden? Bei diesem Gedanken wird mir unbehaglich und so gehe ich lieber Polka tanzen; niemand tanzt die Krebspolka mit so viel Feier wie meine Elisabeth.
Johannes Kaup im Gespräch mit Bruder David:
«Die Kriegsjahre, in denen so viele Freunde und Kameraden an der Front oder durch Bombentreffer in Wien ihr Leben lassen mussten, haben Sie einmal in einem früheren Gespräch als ‹Jahre höchsten Lebendigseins› geschildert. Wie ist das zu verstehen, denn Sie hätten bei jedem Schicksalsschlag verzweifeln und resignieren können? Woher trotzdem Lebendigkeit und Lebensmut?»
Bruder David: «Ich glaube, viele Menschen erleben das auch heute noch, wenn sie in Lebensgefahr geraten, dass die Lebendigkeit umso mehr aufflammt. Der Grund scheint mir zu sein, dass man dann ganz in der Gegenwart leben muss. Der Grad unserer Lebendigkeit misst sich am Ausmaß, in dem wir nicht an der Vergangenheit hängen oder auf die Zukunft schauen, sondern wirklich im Jetzt sind. Dazu waren wir damals gezwungen, und darum waren wir so lebendig und freudig, trotz allem.»
Johannes Kaup: «Weil Sie den Tod vor Augen hatten?»
Bruder David: «Weil wir den Tod ständig vor Augen hatten, waren wir gezwungen, diesen möglicherweise letzten Augenblick des Lebens voll zu genießen.»
Johannes Kaup: «Also: Lebe deinen Tag so, als ob es dein letzter wäre.»
Bruder David: «Ganz in diesem Sinn.»
Johannes Kaup: «Du weißt nicht, ob du morgen noch aufwachst.»
Bruder David: «Wir mussten als Kinder in den Kriegsjahren praktisch jede Nacht in den Luftschutzkeller.»
Johannes Kaup: «Bei einem dieser Angriffe haben Sie es einmal nicht geschafft.»
Bruder David: «Das war in unserem Haus im Kaasgraben. Unser Hausherr hatte selbst einen Luftschutzkeller gebaut, weil er kleine Kinder hatte, und wir durften dann auch immer in diesen Keller flüchten. Einmal konnten wir diese schwere Tür nicht mehr zuziehen, weil der Luftdruck von den fallenden Bomben schon so stark war und sie immer wieder aufriss. Zu dieser Zeit haben wir unsere Kleidung abends immer genauso legen müssen, dass wir sie schnell finden und anziehen können, auch im Finsteren; viel Licht durfte man nicht machen. Es war Verdunkelung in Wien befohlen. Beim Fliegeralarm in der Nacht mussten wir also im Dunkeln alles schnell finden und anziehen und dann in den Luftschutzkeller. Heute noch lege ich beim Ausziehen alles so hin, dass ich es auch im Finstern finden könnte. Das ist mir zur Gewohnheit geworden.»
Johannes Kaup: «Das war schon eine unglaublich aufregende Zeit, zwischen Leben und Tod hin und her zu pendeln und alle Emotionen zu erleben.»
Bruder David: «Es war sicher prägend, aber wir haben es nicht anders erlebt als: Jetzt muss das getan werden. Augenblick für Augenblick. Man hatte gar keine Zeit, um darüber nachzudenken. Das muss jetzt erledigt werden; so muss jetzt geholfen werden, mehr dachten wir nicht. Sich darüber Gedanken zu machen, wie schrecklich alles ist, wäre uns gar nicht in den Sinn gekommen.»
[Ich bin durch Dich so ich (2016): ‹3 Entscheidung, 1946-1956›, 50f. und ‹2 Christ werden: Meine frühe Jugend zwischen Menschenwürde und Verdemütigung, 1936 und 1946› ‒ 2. Dialog›, 44f. und 47]
[Ergänzend:
‹Den Tod allezeit vor Augen› (Regula Benedicti RB 4,47):
1. Videointerview Was am Ende wirklich zählt (2022); siehe auch Transkription, 13f.:
Isha Johanna Schury: «Ich hätte Dich jetzt gefragt, ob sich aus Dir noch etwas mitteilen möchte, abschließend für unser Gespräch, wo Du das Gefühl hast, das möchte noch hinaus?»
David Steindl-Rast: «Vielleicht den Gedanken, den Tod allzeit vor Augen zu haben.
Das ist ein Satz aus der Regel des hl. Benedikt, der mich schon bevor ich Benediktiner geworden bin, sehr berührt hat, und ich habe erkannt ‒ damals war ich so ungefähr 19 oder 20 Jahre, höchstens ‒, dann habe ich erkannt, dass unser ganzes Leben bis dahin dadurch geprägt war, dass wir den Tod allezeit vor Augen hatten. Das war ja mitten im Krieg und unsere Freunde sind immer wieder gefallen an der Front, die Bomben sind gefallen links und rechts, also, wir hatten den Tod allezeit vor Augen.
Und rückblickend, damals habe ich gesehen: ‹Ah, darum waren wir so glücklich!
Darum waren wir so freudig! Weil wir ‒ damals hätte ich das nie so ausdrücken können ‒, weil wir im Jetzt leben mussten.
Wenn man den Tod vor Augen hat, muss man im Jetzt leben.
Warum ich dann Mönch geworden bin und Benediktiner, hat viel damit zu tun, dass ich wirklich den Tod täglich vor Augen halten wollte. Und ich muss sagen, wenn ich auch sonst Vieles besser machen hätte können. Aber das ist mir jedenfalls gelungen. Ich bin vollkommen überzeugt, dass es keinen Tag in meinem Leben gegeben hat, an dem ich nicht viele Male den Tod vor Augen hatte.
Und darum muss ich sagen, ich hatte wirklich ein sehr freudiges Leben. Dafür bin ich auch sehr dankbar.»
2. Video Dem Geheimnis auf der Spur (2016):
(01:22) «Was ist das Kostbarste, das man sich vorstellen kann? Der nächste Augenblick. Wenn du den nicht bekommst, ist alles andere, was du dir wünschst, nicht da. Der geschenkte Augenblick. Dieser wird dir einfach gegeben. Du kannst nichts machen, nicht einmal, wenn du dir einen weiteren kaufen willst. Ein reines Geschenk! Das größte Geschenk ist jeder Augenblick, der dir gegeben wird ‒ jetzt und jetzt und jetzt. Und sich dieses Geschenkes bewusst zu werden, das ist ‹dankbar leben›
Und dieser Viktor Springer:[2] Ich bete für ihn und bin dankbar: mein ganzes Leben, das hat er mir geschenkt sozusagen, und darum auch diese ganze Idee von Dankbarkeit: Werde dir bewusst, dass du jetzt einen einzigartigen Augenblick vor dir hast!
Das Mönch werden war eigentlich, weil ich die Idee von ‹den Tod allezeit vor Augen haben› damit verbunden habe, Benediktiner zu werden, weil dieser Satz in der Benediktiner Regel steht: ‹den Tod allezeit vor Augen haben›, und mir bewusst geworden ist, ‒ nach dem Krieg ‒, dass wir das eigentlich verwirklicht haben und darum so glücklich waren. Wir waren darum so glücklich, denn das heißt ja: im Augenblick leben.»
3. Fragen, denen wir uns stellen müssen (2016): Tag 4 ‒ Nachmittag: ‹Memento mori› ‒ ‹memento vivere›:
(49:25) Leiden als Hebel zur Praxis: ‹den Tod allezeit vor Augen haben›
4. Die Achtsamkeit des Herzens (2021), 92:
«Wo wir es mit Lebendigem zu tun haben, ist nichts automatisch. Im Leben ist Wachstum organisch mit Sterben verbunden. Leben heißt, mit jedem Wimpernschlag für Altes sterben und für Neues geboren werden. Jeder Fortschritt im Leben ist ein Sterben in größere Lebendigkeit hinein. Wer dazu den Mut nicht hat, kann weder leben noch sterben. Lebensmut ist die Tapferkeit, die wir für jenes Immer-wieder-Sterben brauchen, das zum wachen Lebendigsein untrennbar dazugehört. Auch im Bereich der Sinnlichkeit müssen wir immer wieder sterben, um so Sinn zu finden.
Das ist ja die Bedeutung des ‹memento mori›, das wir als Mahnwort etwa an Sonnenuhren alter Köster lesen. Wenn es uns auch dem Wortlaut nach auffordert, daran zu denken, dass wir sterben müssen ‒ und nicht später irgendwann, sondern hier und jetzt ‒, so ist diese Mahnung gerade deshalb Aufruf, bewusster zu leben. Darum lautet die Aufschrift auch manchmal ‹memento vivere›, ohne dass die Bedeutung sich ändert.»
5. Die christlich-buddhistische Begegnung, 1-3: Transkription der DVD: ‹Der Atem der Stille: Mystik heute›, Benediktushof Edition (2006):
«Und da ist mir plötzlich klar geworden in dieser herrlichsten Zeit meiner Jugend, dass wir deshalb so glücklich waren. ‒ Wir waren ungeheuer glücklich: Die ganze Verwüstung geschehen, aber inmitten von dem allem, und besonders in den vorhergehenden Jahren, waren wir die glücklichsten jungen Leute, die ich mir vorstellen kann. Es war wunderbar trotz all dem. ‒ Und jetzt hab ich dann plötzlich gesehen, das war deshalb so, weil wir den Tod allezeit vor Augen hatten. Dadurch sind wir so lebendig geworden.»]
______________
[1] P. Heinrich Maier (1908-1945) war ein österreichischer römisch-katholischer Priester, Pädagoge, Philosoph sowie Widerstandskämpfer gegen Hitler.
[2] (00:45) «Da oben ‒ hinter diesem Fenster oben, war die Geschichte, wo die Russen uns gedroht haben, uns zu erschießen, wenn wir diese Nadja nicht herausgeben. Und wir haben natürlich keine Ahnung gehabt, wo diese Nadja ist, und dann haben sie so in die Luft geschossen und da ist der Viktor Springer, der unten in der nächsten Villa wohnt, gekommen und hat uns retten wollen und hat an der Gartentüre gerüttelt und da haben sie dann ihn erschossen. Der hat mein Leben gerettet.»
Tod und Auferstehung
Text, Video und Audios von Br. David Steindl-Rast OSB
Rilke sagt in dichterischer Sprache etwas aus, dessen wir uns alle irgendwie bewusst sind, wenn er zu Gott spricht:
«Du sagtest l e b e n laut und s t e r b e n leise
und wiederholtest immer wieder: S e i n!»[1]
In Augenblicken glühendster Lebendigkeit wird uns bewusst, dass wir inmitten allen Wandels etwas in uns kennen, das Bestand hat: Wir haben Anteil am Sein. In solchen Augenblicken wird uns klar, dass unser eigenes Sein am Einen Schönen, Guten und Wahren Anteil hat und daher unzerstörbar ist, so wie diese höchsten Werte es sind.
Wir wissen darum auch, dass dieses Heilsein unser ganzes Wesen umfasst, nicht nur unseren Geist, sondern auch unsere ganze leibliche Wirklichkeit, trotz ihrer Vergänglichkeit.
Aus dieser Perspektive können wir also doch etwas über «Auferstehung der Toten» wissen, obwohl der Inhalt dieses Glaubenssatzes auf den ersten Blick entschieden jenseits des Horizontes unserer jetzigen Erfahrung zu liegen scheint.[2]
Die innere Erfahrung unzerstörbaren Seins ist grundsätzlich jedem Menschen zugänglich. Wie aber könnten wir daran Anteil haben, ohne selbst unzerstörbar zu sein?
Unser innerstes Sein ist unverwelklich, obzwar wir uns nicht vorstellen können, was das für uns bedeuten wird, wenn unsere zeitgebundene Form sich auflöst. Das Bild vom Aufstehen (wie vom Schlaf) das hinter «Auferstehung der Toten» steht, soll uns nicht irreführen; es gehört der Zeit an. Wenn es um überzeitliche Aussagen geht, dann lässt uns unsere Vorstellungskraft im Stich. Aber unsere Zugehörigkeit zum unvernichtbaren Sein wiegt schwer, auch wenn wir uns nicht vorstellen können, wie sie sich am Ende auswirken wird.[3]
Das Credo verpflichtet uns zu keiner bestimmten Vorstellung vom Leben nach dem Tode. Wenn ich sterben muss, weil für mich die Zeit um ist ‒ wie die Weisheit der Sprache es so treffend ausdrückt ‒, was soll dann «n a c h dem Tod» überhaupt bedeuten?
Das «Ewige Leben» kommt nicht nach dem Tod, sondern ist ein Leben, dem der Tod nichts anhaben kann.
Diese Sicht leugnet natürlich nicht, was im landläufigen Sinn mit «Leben nach dem Tod» gemeint ist, berichtigt es aber am entscheidenden Punkt und darf es umso nachdrücklicher behaupten, weil es das «nach» leugnet.
Selbst wenn wir uns das noch nicht voll bewusst gemacht haben, so sehnen wir uns ja vor allem nach einem Leben, das über den Tod hinausgeht ‒ nicht der Zeit nach, sondern essentiell, seinem Wesen nach.
Auf dieses Leben brauchen wir nicht bis zu unserer Todesstunde zu warten. Heute schon können wir über die Zeit ‒ und so über den Tod ‒ hinausgehen, in dem Ausmaß, in dem wir im Jetzt leben.[4]
Unsere Sterblichkeit widerspricht dem nicht. Sie zeigt nur an, dass Sterben zum Leben dazugehört. Wir wissen ja aus Erfahrung, dass wir nur dann wirklich leben, wenn wir jeden Augenblick sterben.
«Und so lang du das nicht hast,
Dieses: Stirb und Werde!
Bist du nur ein trüber Gast
Auf der dunklen Erde.»[5]
Goethe wusste: Wir müssen den jetzigen Augenblick loslassen und so für das Alte sterben, um für das Neue, das uns entgegenkommt, empfänglich zu sein. Unsere vielen kleinen Tode bereiten uns für den letzten, großen vor.
In gläubigem Vertrauen auf die innerste Dynamik der Lebendigkeit ‒ im Glauben an den Heiligen Geist also ‒ dürfen wir sicher sein, dass auch im letzten Augenblick unseres Lebens, so wie in jedem vorhergehenden, das Loslassen des Alten Voraussetzung sein wird für den Empfang des Neuen ‒ dann des unvorstellbar Neuen.[6]
Verlangt das nicht Mut von uns? Großen Mut? Sollten wir nicht erwarten, dass «Ewiges Leben» höchsten Lebensmut von uns verlangt? Und nicht später einmal, sondern jetzt.
Wie anders sieht das doch aus, als die landläufige Vorstellung vom «Ewigen Leben» als Fortleben nach dem Tod.
Der indische Mystiker Kabir (1440-1518) sagt dazu:[7]
«Wenn du deine Fesseln nicht als Lebender sprengst,
meinst du,
Geister werden es später tun?
Seliges Entzücken der Seele,
nur weil der Leib verwest,
ist reine Phantasterei.
Was du jetzt findest, wirst du dann finden.
Wenn du jetzt nichts findest,
wirst du eben eine Wohnung
in der Stadt der Toten erben.
Wenn du dich jetzt auf göttliches Liebesspiel einlässt,
werden dann deine Züge befriedigte Lust spiegeln.»
Im Jetzt leben bedeutet nicht weniger, als sich auf ein Liebesspiel einzulassen mit der göttlichen Wirklichkeit, die uns mit jedem Atemzug neu begegnet.
Scheint es nicht so, als ob dieses letzte Wort im Credo uns «Das Ewige Leben» als größtes Versprechen vor Augen halte und zugleich als höchste Herausforderung für unser Leben hier und jetzt?[8]
[Audio Teil 4 (03:05-06:16)] Bruder David im Gespräch mit Pater Anselm Grün: «Unser Selbst ist nicht in Raum und Zeit, wir erleben es im Jetzt, das über Raum und Zeit erhaben ist. Unser Ich dagegen ist in Raum und Zeit. Und wir leben in diesem Doppelbereich. Das ist die Ehre und zugleich die Schwierigkeit ‒ die Aufgabe unseres Lebens in diesem Doppelbereich zu leben.
Ich und Selbst durchlaufen dabei, obwohl vereint, zwei unterschiedliche Prozesse:
Meine Lebensspanne von meiner Empfängnis bis zu meinem Tod gehört einem großen zyklischen Ereignis an, in dem Leben und Sterben ‒ ich unterscheide Tod und Sterben ‒ zusammengehören in unserer Lebendigkeit: Wir müssen viele Male sterben in dem vollen Sinne: loslassen und ganz was Neues kommt ‒ das gehört zum Leben dazu, das ist so eine Wellenbewegung oder eine Kreisbewegung, wie wir das ausdrücken wollen.
Zum Selbst gehört das Ausreifen. Also Ich-Selbst, dieser eine Ausdruck des Selbst, der ich bin, der gehört einerseits diesem Leben und Sterben an, das ist der Anteil in Raum und Zeit, aber in dem überzeitlichen Anteil geht es um Ausreifen.
Unter diesem Begriff verstehe ich, was der Dichter Rilke sagt:
‹Wir sind die Bienen des Unsichtbaren und unablässig ‒ éperdument ‒heimsen wir den Nektar des Sichtbaren in die große goldene Honigwabe des Unsichtbaren ein.›
Das Selbst wird durch alles, was wir an Freude und Leid erleben, irgendwie bereichert. Und in diesem Doppelbereich stehen wir auf den beiden Beinen einerseits in Zeit und Raum und anderseits im Jetzt ‒ über die Zeit erhaben im Selbst ‒, und ich sehe auch meine Aufgabe gerade jetzt in meinem hohen Alter darin, mehr und mehr das Selbst zu meinem Standbein zu machen, damit das Ich mehr das Spielbein wird. Und wenn dann das Ich stirbt, also nicht mehr da ist ‒ genau so wenig, wie es vorher da war, bevor ich da war und mich niemand vermisst hat ‒, dann bleibt noch das Selbst. Ich kann mir das freilich nicht bildlich vorstellen. Auch ein Embryo kann sich ja nicht vorstellen, wie man außerhalb des Mutterschoßes leben könnte. Ebenso kann sich eine Raupe nicht vorstellen, wie es sein könnte, als Schmetterling zu fliegen.
(06:34) «… Ich glaube als Christ an die Auferstehung des Fleisches. Darum bemühe ich mich zu verstehen, was das heißen kann, dieses Anreichern und ‹Einheimsen in die große goldene Honigwabe›. Ich kenne viele Menschen, die sagen: Ich lebe ein volles Leben und wenn es vorbei ist, ist es vorbei. Die leben auch nicht schlecht …»
(08:38) Weil wir eben in unserem ganzen Wesen auf ein Du bezogen sind, das über Zeit und Raum erhaben ist, kann sich das nicht ändern, wenn unsere Zeit zu Ende ist. Diese Beziehung bleibt. Sie hat ewigen Bestand. Beweisen lässt es sich wohl kaum, dass uns das physisch Erlebte auch über den Tod hinaus bewusst bleibt. Aber ich habe ein Argument dafür: Nachdem das unvergängliche Göttliche jetzt schon in unserem Erleben jeder Kastanienblüte, jeder-Wimper eines geliebten Menschen, jedes leisesten Seufzers gegenwärtig ist, wie sollte das Erlebte durch den Tod plötzlich verschwinden?
Ich freue mich also auf die Wiederbegegnung mit meiner Mutter, meiner Großmutter und mit Freunden, die schon gestorben sind. Aber ich möchte auch Menschen sehen, die ich nie persönlich kennenlernen konnte. Joseph von Eichendorff zum Beispiel möchte ich sehr gerne kennenlernen. Skifahren möchte ich mit Eichendorff, denn der ist in seinem Leben nie Ski gefahren. Ihm würde das sicher sehr gefallen. Ich kann mir das gut ausmalen ‒ und habe ich nicht ein Recht, mir das auszumalen?
‹Das, was war›, sagt T. S. Eliot, ‹und das, was hätte sein können, weisen auf das gleiche Ziel, und das ist immer jetzt.›»[9]
[Audio Tag 4 ‒ Nachmittag (30:49)] «‹Alles ist immer jetzt› (T. S. Eliot).[10]
Und wenn wir im Jetzt leben, ist es und ist und ist: Es hat Anteil an der Zeit ‒ wir erleben es in der Zeit ‒, aber alles, was ist, ist zugleich in diesem Doppelbereich, zugleich in der Zeit und über die Zeit hinaus, weil ‹Alles ist immer j e t z t›, alles! Und das ist nicht nur der Mensch, der immer ist.»
Also ‹im Ewigen› ist zugleich in Zeit und Ewigkeit. Es ist die menschliche Einsicht oder Erfahrung, die hinter der christlichen Formulierung von der ‹Auferstehung des Fleisches› steht.
Das ist ja ein ganz früher Glaubenssatz im Credo, im apostolischen Glaubensbekenntnis:
‹Ich glaube an den Heiligen Geist,
die heilige Katholische Kirche,
Gemeinschaft der Heiligen,
Vergebung der Sünden,
Auferstehung der Toten (im Urtext: ‹Auferstehung des Fleisches›)
und das ewige Leben.
Amen.›
‹Ich glaube an den Hl. Geist› ‒ ‹Geist› ist ‹Leben›:
‹Ich glaube an den Hl. Geist› heißt ‹Ich glaube, dass das Leben göttlich ist›, ich glaube, dass das Wesen des Lebens diesem großen Geheimnis angehört. Das ist sehr christlich ausgedrückt, das muss ja jeder Mensch sagen können: Das Leben ist göttlich, ist total geheimnisvoll. Und wir leben es ja, sind drin:
‹In ihm leben wir, weben wir und sind› (Apg 17,28).
Und dann folgt im Credo die Kirche, die Gemeinschaft, denn der Geist drückt sich ja in Beziehung aus, ‹Vergebung der Sünden›: keine Trennung mehr ‒ Sünde ist Absonderung ‒, alles vereint, und ‹Auferstehung des Fleisches› und ‹das ewige Leben›.
Und ‹Fleisch› ist alles, was vergänglich ist.
Und Auferstehung heißt ja nicht ‹zurück-kommen›, das ist so ein populäres Missverständnis: Jesus ist gestorben und dann ist er wieder auferstanden, wieder zurückgekommen. Nein, die Auferstehung geht in einer Richtung weiter.
Die älteste und beste Fassung von Auferstehung ist: ‹Sein Leben ist verborgen in Gott› (Kol 3,3), in dem großen Geheimnis. Aber es ist sein Leben.
Das ist ganz etwas anderes wie: er ist gestorben und damit ist es aus.
Nein, er ist gestorben und auferstanden in dem Sinn, dass sein Leben jetzt verborgen ist ‒ das große Geheimnis ist uns ja verborgen ‒ in Gott.
Und so ist auch die ‹Auferstehung des Fleisches› die Auferstehung von allem, was vergänglich ist: der Mandi und der Anton oder alle unsere Schweine ‒ die gehören ja dazu, die sind ja auch sterblich ‒, alles, was vergänglich ist: unsere Katzen, unsere Hunde, darum sagen die Kinder: ‹Ich möchte gar nicht in den Himmel, wenn mein Kanarienvogel nicht dort ist›. Selbstverständlich! Er muss ja dort sein. Das ist alles vergänglich, aber es lebt alles im Jetzt. Und das heißt: Es lebt zugleich in der Ewigkeit.
Ein wunderschönes Gedicht von Johann Gottfried Herder:[11]
‹Ein Traum, ein Traum ist unser Leben
Auf Erden hier.
Wie Schatten auf den Wogen schweben
Und schwinden wir
Und messen unsre trägen Tritte
Nach Raum und Zeit;
Und sind (und wissen’s nicht) in Mitte
Der Ewigkeit.›
Das Jetzt, dieser Augenblick ist unvergänglich, ist ja ewig.
Und da braucht nichts wiederholt zu werden, zurückkommen: Es ist einfach.
Und irgendwie scheint es, hofft man und glaubt man, dass dann im Tod, im Sterben, wenn die Zeit um ist, diese große goldene Honigwabe uns zugänglich wird, wo alles drin ist.»[12]
[Quellenangaben zum obigen Text in Anm. 2-4, 6, 8f., 12
[Ergänzend:
1.1. Audio Aufwachsen in Widersprüchen (1989)
Dialog mit David Steindl-Rast
Teil 3:
(31:33) Tod und Jenseits: die traditionelle Lehre und die Sprache von Bruder David / (35:33) Das Jenseits beginnt hier ‒ Ein Wort von Kabir / (38:06) Gegenwart Gottes im Herzen, das ‹Jetzt, das nicht vergeht› (‹Nunc stans›)[13] und die Schau Gottes / (40:25) Der Schmerz, wenn wir mit Geisteskranken an Grenzen stoßen / (42:47) Das beherzte Schlusswort einer Teilnehmerin
1.2. Jetzt im Doppelbereich:
Johannes Kaup: «Vom Leiden hoffen wir, dass es ebenfalls verwandelt wird. Deswegen frage ich noch einmal anders: Wird auch die Vergänglichkeit verwandelt?»
Bruder David: «Sie wird schon jetzt verwandelt. Jetzt oder nie.
Der mystische Dichter Kabir fragt: ‹Wenn du als Lebender nicht deine Ketten sprengst, sollen Geister es tun, wenn du tot bist?›
Er meint, ewige Seligkeit, nur weil die Würmer dich fressen, sei ein Wunschtraum. Was du jetzt findest, wirst du dann gefunden haben, was du jetzt versäumst, wirst du dann versäumt haben. Schon jetzt musst du den großen Gast empfangen und umarmen.»
2. Auferstehung des Fleisches:
2.1. Audio Credo (2023): Teil 2: Urkraft Hl Geist:
(15:05) ‹Die Auferstehung der Toten›, im Urtext heißt es ‹die Auferstehung des Fleisches›
2.2. Vertrauen in das Leben (2014); siehe auch Kreuz und Auferstehung: Ergänzend: 2.2.
Vortrag:
(38:21) ‹Stirb und Werde›: Auferstehung meint etwas anderes – ‹Wir sind die Bienen des Unsichtbaren› (Rilke) – ‹Euer Leben ist verborgen in Gott› (Kol 3,3)
2.3. Credo (2015): ‹Auferstehung der Toten›, 217f. und 210:
«Wenn ich an persönliche Erlebnisse zurückdenke, bei denen mir die Wirklichkeit bewusst wurde, die im Credo ‹Auferstehung des Fleisches› heißt, dann spüre ich, wie schade es ist, dass diese wörtliche Übersetzung in ‹Auferstehung der Toten› umgewandelt wurde.
‹Fleisch› ist a l l e s Vergängliche, und wir dürfen gläubig vertrauen, dass es im Unvergänglichen liebend aufgehoben ist.
Die Einengung auf die Toten ist zugleich Verlust und Verzerrung. Verlust, weil so vieles ausgeblendet wird; Verzerrung, weil der Blick vom ganzen vergänglichen Kosmos abgelenkt, sich auf das menschliche Privatinteresse am Los der Toten beschränkt. Es geht hier um weit mehr. Ja, es geht gar nicht um Tod, sondern um Leben ‒ ewiges Leben. Es geht hier nicht um ein Ereignis ‹nach dem Tod›, sondern um etwas, das hier und jetzt stattfinden kann und soll.
Die ‹Auferstehung des Fleisches› ist nicht Umkehrung des Totseins, sondern Überhöhung des Lebendigseins.
So ruft auch in meiner Erinnerung ‹Auferstehung des Fleisches› Augenblicke wach, in denen meine Lebendigkeit so intensiv wurde, dass sie plötzlich Zeit und Vergänglichkeit überragte und im ewigen Jetzt ‒ wenn auch nur flüchtig ‒ an Unvergänglichkeit streifte.»
«Durch unseren Körper sind wir ja untrennbar mit allen anderen Lebewesen und darüber hinaus mit dem ganzen Universum verwoben. Jedes Atom in uns war einmal in einer Super-Nova.
Die Übersetzung ‹Auferstehung der Toten› engt die Aussage dieses Glaubenssatzes zu sehr ein. In meiner Jugend hieß es noch ‹Auferstehung des Fleisches›, und das trifft das lateinische ‹resurrectionem carnis› genauer.
Das Credo spricht hier nicht nur von Menschen, sondern von a l l e m Vergänglichen. Alle Formen, die in der Zeit erscheinen und vergehen, sind hier im Glauben an Auferstehung mit eingeschlossen ‒ das ganze Universum.»
2.4. Ich bin durch Dich so ich (2016): ‹9 Doppelbereich ‒ 9. Dialog›, 189f.:
«Bevor wir darüber sprechen, ist es wichtig zu wissen, was wir mit Auferstehung überhaupt meinen. Die meisten Leute denken dabei an ein wieder Auferstehen, also ein Wiederkommen von etwas, das gestorben und zerfallen ist. Aber im richtigen Verständnis von Auferstehung gibt es kein ‹wieder›. Auferstehung geht nicht wieder zurück in Raum und Zeit, sondern vorwärts in das große Geheimnis hinein. In einem Roman von C. S. Lewis[14], ‹Die große Scheidung oder Zwischen Himmel und Hölle›, ist dieses ‹Vorwärts› schön beschrieben. Die Seligen im Himmel reiten dem ewigen Sonnenaufgang entgegen und rufen einander zu: ‹Höher hinauf und tiefer hinein!› Diese Vorstellung ist in der christlichen Tradition fest verankert. Sie geht ‒ vielleicht sogar im Bewusstsein von C. S. Lewis ‒ zurück auf die kappadokischen Kirchenväter[15], die das Auferstehungsleben als eine dynamische Entdeckungsfahrt in das Geheimnis Gottes hinein gedacht haben. Auferstehung heißt, in das Geheimnis hineingenommen zu werden. In diesem Zusammenhang müssen wir die Auferstehung des Fleisches sehen. Sie ist eine Wirklichkeit, mit der wir jetzt schon in Berührung sind. Unser ganzes Leben ist eine Auseinandersetzung in Raum und Zeit dem Großen Geheimnis, das über Raum und Zeit hinausgeht. Schon jetzt nimmt jedes Erlebnis im Doppelbereich an diesen beiden Aspekten teil. Wenn also Raum und Zeit wegfallen, ist das, was ich erlebt habe, damit nicht ausgelöscht. Das zeigt uns schon jetzt unsere Erinnerung, die Tatsache, dass wir uns überhaupt an etwas erinnern können.»
3. Entwicklung als zyklischer Entfaltungsprozess im Unterschied zu Entwicklung als allmähliche Anreicherung, Bereicherung, Ausreifen[16]:
3.1. Video Heilsame Spiritualität (12. April 2013): Teil 1 «Lebenslanges Lernen»:
(16:05-27:12) Entwicklung auf der natürlichen Ebene: Same ‒ Keim ‒ Blüte ‒ Frucht ‒ Same und Entwicklung im Sinn von Erfahrungen sammeln, zielgerichtet nicht vorauszusehen, indem wir im Jetzt sind / (22:38) im Jetzt ist der Schnittpunkt von Zeit und Ewigkeit, ‹der Augenblick innerhalb und außerhalb der Zeit› (T. S. Eliot) / (23:35) ‹Wir sind die Bienen des Unsichtbaren› (Rilke) ‒ den Nektar ‹einheimsen› und Wort des Kirchenvaters Ignatius von Antiochien: ‹In meinem Herzen fließt eine Quelle und ich höre das Wasser sagen: Heim zum Vater›[17]
3.2. Lebensorientierung (2015)
Tag 4, 13. Februar, Freitagvormittag mit 7. Impulsvortrag (Bruder David), siehe Nachschrift Tag 4: Entwicklung auf zwei Ebenen ‒ Sterben und Tod
(27:11) Der Schlüsselbegriff ‹Entwicklung› weist in seiner Doppelbedeutung hin auf unsere Lebensaufgabe, unsern einzigartigen Beitrag im Großen und Ganzen des Selbst: ‹Wir sind die Bienen des Unsichtbaren› (Rilke) / (31:58) Mit dem Schlüsselbergriff ‹aufheben› (G. W. F. Hegel) Sterben ‒ Tod ‒ Unsterblichkeit der Seele deuten / (34:37) Seele: unsere Identität über die Zeit hinaus ‒ Reinkarnation und Fegefeuer: ‹Dichtung sagt mehr Wahrheit aus als Prosa, aber wörtlich darf man sie nicht nehmen.›
3.3. Audio Dankbarkeit als Achtsamkeit im Dialog (2014); siehe auch Mitschrift, 7-9, und Sterben:
(33:58) «Im Bereich des Geistes geht es um etwas ganz anderes. Da geht es nicht um Entwicklung, sondern um etwas, was man Anreicherung nennen könnte.»
3.4. Einsichten aus Rilkes Dichtung, Teil II (2014), 105-107:
«Und das ist unsere Lebensgeschichte als Selbst: Bereicherung, ganz was anderes wie Entwicklung. Bereicherung geht in einer Linie, Entwicklung ist kreisförmig.»[18]]
_______________
[1] Bruder David spricht das Gedicht von Rilke aus dem Stundenbuch ‹Ich lese es heraus aus deinem Wort› im Audio
Fragen, denen wir uns stellen müssen (2016)
Tag 4 ‒ Nachmittag: ‹Memento mori› ‒ ‹memento vivere›:
(04:33) ‹Der Tod ist groß›: Sterben in jedem Augenblick ‒ der Tod, die Frucht des Lebens ‒ den eigenen Tod sterben: Bruder David liest Gedichte und Verse aus dem Stundenbuch von R. M. Rilke
[2] Credo (2015): ‹Auferstehung der Toten›, 213f.
[3] Credo (2015): ‹Auferstehung der Toten›, 214
[4] Credo (2015): Ewiges Leben›, 222
[5] J. W. Goethe: ‹Selige Sehnsucht›
[6] Credo (2015): ‹Auferstehung der Toten›, 215
[7] Robert Bly (Hrsg.): Kabir: Ecstatic Poems, 2004
[8] Credo (2015): Ewiges Leben›, 228
[9] Gespräch von Bruder David mit P. Anselm Grün im Audio
Christliche Spiritualität für die Gegenwart (2023): Teil 4:
‹Dankbar leben – oder: Wenn jeder Augenblick zum Geschenk wird›; abgedruckt im Buch Das glauben wir ‒ Spiritualität für unsere Zeit (2015), 91-97 und 105f. (leicht überarbeitet):
(03:05) Ich-Selbst in zwei sich unterscheidenden Aspekten von Entwicklung: einerseits als zyklischer Entfaltungsprozess und anderseits als allmähliche Bereicherung
(06:18) Ich glaube an die Auferstehung des Fleisches, die unsere Einzigartigkeit einschließt
T. S. Eliot: Four Quartets: Burnt Norton, V; siehe auch Stillehalten (Anm. 6)
[10] T. S. Eliot: Four Quartets: Burnt Norton, V; siehe auch Stillehalten
[11] Siehe auch Einsichten aus Rilkes Dichtung, Teil II (2014), 91
[12] Sinngemäße Wiedergabe des Vortrags von Bruder David im Audio
Fragen, denen wir uns stellen müssen (2016)
Tag 4 ‒ Nachmittag: ‹Memento mori› ‒ ‹memento vivere›:
(31:31-35:27); zugleich die Fortsetzung dieses Vortrags (21:24-30:49) in Doppelbereich Ich-Selbst
[13] Der Ausdruck ‹nunc stans› findet sich erstmals bei Thomas von Aquin (1225-1274). Er hat eine lange Vorgeschichte, beginnend mit Platon (428-348 v. Chr.) und weiterführenden Beiträgen von Plotin (205-270), Augustinus (354-430), Boethius (ca. 480-524) und späteren Denkern zum Thema ‹Zeit und Ewigkeit›; siehe auch Jetzt und ewiges Leben, Anm. 8.
[14] Clive Staples Lewis (1898-1963): irischer Schriftsteller und Literaturwissenschaftler, verfasste neben Werken der Literaturkritik auch bekannte christliche apologetische Schriften wie ‹Mere Christianity›, ‹The Abolition of Man› und Romane wie ‹The Great Divorce› und ‹The Chronicles of Narnia›.
[15] Kappadokien ist ein großes Gebiet in Kleinasien. Im 4. Jahrhundert n. Chr. prägten die kappadokischen Kirchenväter Basilius der Große, Gregor von Nyssa und Gregor von Nazianz die Geschichte der künftigen christlichen Kirche. Sie bildeten das kappadokische Dreigestirn im Kampf für trinitarischen Glauben an die Dreifaltigkeit Gott-Vater, Gott-Sohn und Gott-Heiliger Geist.
[16] Siehe auch ENTWICKLUNG, in: Das ABC der Schlüsselworte, 132f. im Buch Orientierung finden (2021) mit Blick auf drei verschiedene Aspekte unserer persönlichen Geschichte, 52f.:
«Zunächst weist Entwicklung auf den Entfaltungsprozess hin, der uns und allen andren Lebewesen gemein ist ‒ wie etwa die in der Knospenhülle eingewickelten Blütenblätter sich entwickeln und entfalten. Entwicklung kann aber auch eine allmähliche Bereicherung bedeuten, beispielsweise, wenn wir unseren Wortschatz oder unsren Freundeskreis in sozialen Netzwerken entwickeln.»
[17] Dem Welthaushalt freudig dienen – Spiritualität 2011
Spiritualität und Ökumene:
(32:15) ‹Heim zum Vater› (das Wort von Ignatius von Antiochien)
[18] Einsichten aus Rilkes Dichtung, Teil II (2014), 105-107. Bruder David sagt dort ‹Bereicherung›, meint aber dasselbe wie ‹Anreicherung› im Unterschied zu Entwicklung.
Treue
Text von Br. David Steindl-Rast OSB
Wir dürfen dem Leben vertrauen, dürfen uns dem Geheimnis, das uns «entgegenwartet», anvertrauen.
Es gibt Anlässe, bei denen dieses Vertrauen klar anerkannt und feierlich zum Ausdruck gebracht wird – Momente gegenseitigen Sich-Anvertrauens zweier Menschen oder eines Menschen und einer ganzen Gemeinschaft.
Das kann eine Verbindung und Bindung auf Lebzeiten sein.
Das setzt voraus, dass die Menschen, die sich in Freiheit so aneinanderbinden, mit solcher inneren Klarheit sehen, wir gehören zusammen, dass sie einander versprechen können, füreinander da zu sein, was immer auch kommt.
Solche geheimnisvollen Augenblicke, denn das sind sie ‒ Momente voll der Gegenwart des großen Geheimnisses –, solche Augenblicke der Lebendigkeit wurden seit vorgeschichtlichen Zeiten mit Ritualen gefeiert.
Man könnte meinen, dass Menschen einander dadurch versprechen, miteinander durchzustehen, was kommen mag.
Aber richtig verstanden, drücken sie ihr Vertrauen aus, dass das große Geheimnis sie miteinander durchbringen wird.
Dieses gewichtige und weitreichende Vertrauen ist von nun an ihre gemeinsame Berufung.
Was kommt, wird nicht leicht sein: Nüchterne Erwägungen zeigen uns das.
Wer die Entscheidung hinterfragt, wenn es schwer wird, verschwendet Energie, die er braucht, um dem Versprechen treu zu bleiben – dem eigenen, dem des Gegenübers und dem Versprechen des Lebens, das in solchen heiligen Riten klarer spricht als sonst.
Diese Klarheit der Berufung ist ein großes Geschenk, aber wohl auch ein seltenes.
[Dem Leben vertrauen (2022), Auszug aus Orientierung finden (2021): «Berufung ‒ ‹Folge deinem Stern›!», 100f.]
[Ergänzend:
Aus dem Buch: Orientierung finden (2021), 95f. zu den Schlüsselworten «Verpflichtung» und «Bindung»:
«Wie aber könnte man von uns erwarten, dass wir uns für eine so viel längere Zeit als unsere Vorfahren bindend zu etwas verpflichten? Und dies, während alles um uns herum sich so viel schneller verändert als früher.
Da kann es uns helfen, zu unterscheiden zwischen Form und Inhalt einer Verpflichtung.
Wir können einem Versprechen treu bleiben, obwohl die Form, in der wir es verwirklichen, sich im Laufe des Lebens verändert.
Unsere Großeltern machten diese Unterscheidung noch nicht. Die Mentalität der Gesellschaft hätte es damals nicht gestattet. Eine Lebensverpflichtung einzugehen, das bedeutete ganz selbstverständlich, sie lebenslang in ein und derselben Form zu verwirklichen.
Heute ist die Gesellschaft da flexibler und für Veränderungen offener geworden. Jetzt ist es ohne Weiters möglich, etwas, wozu wir uns fürs ganze Leben verpflichtet wissen, in ganz verschiedenen, aufeinander folgenden Formen zu verwirklichen.
Wir verpflichten uns unserem tiefsten Verlangen, nicht dieser oder jener Form seiner Verwirklichung.
Mehrere Berufe können wir nacheinander ausüben und dabei eine Vielzahl unserer Begabungen entfalten, unserer tiefsten Berufung getreu und ohne vom Weg unserer bleibenden Begeisterung abzuweichen.»]
Überraschung
Text, Video und Audios von Br. David Steindl-Rast OSB
Wenn ich mich an die spirituellen Giganten erinnere, die zu treffen ich die Ehre hatte ‒ Mutter Teresa, Thomas Merton, Dorothy Day, S.H. der Dalai Lama ‒ kann ich noch immer die kraftvolle Energie spüren, die sie ausstrahlten.
Aber woher hatten sie diese Vitalität?
In dieser Welt gibt es keinen Mangel an Überraschungen, aber solch eine strahlende Lebendigkeit ist selten.
Mir ist aufgefallen, dass all diese Leute von tiefer Dankbarkeit waren, und so habe ich das Geheimnis verstanden.
Eine Überraschung macht uns nicht automatisch lebendig, Lebendigkeit ist eine Sache von Geben-und-Nehmen, von Erwiderung.
Wenn wir zulassen, dass die Überraschung uns lediglich stört, dann wird sie uns betäuben und unser Wachstum hemmen.
Jede Überraschung ist eine Herausforderung, dem Leben zu vertrauen und so zu wachsen.
Überraschung ist ein Samen.
Dankbarkeit sprießt, wenn wir uns dem Aufruf der Überraschung stellen.
Die Großen auf dem Gebiet des Geistes sind so sehr lebendig, weil sie von so tiefer Dankbarkeit sind.
Dankbarkeit kann durch Übung vertieft werden. Aber wo sollen Anfänger beginnen?
Der naheliegende Ausgangspunkt ist Überraschung.
Du wirst merken, dass du die Samen der Dankbarkeit wachsen lassen kannst, nur indem du ihnen Raum gibst.
Wenn Überraschung passiert, weil etwas Unerwartetes auftaucht, lasst uns nichts erwarten.
Lasst uns Alice Walkers Rat befolgen:
«Erwarte nichts. Lebe einfach von der Überraschung.»
Nichts zu erwarten, das kann bedeuten, dass du nicht für selbstverständlich nimmst, dass dein Auto startet, wenn du den Schlüssel drehst.
Versuche das, und du wirst überrascht sein von einem Technikwunder, das aufrichtige Dankbarkeit verdient.
Oder vielleicht bist du von deiner Arbeit nicht gerade begeistert, aber wenn du für einen Moment aufhören kannst, sie für selbstverständlich zu nehmen, dann wirst du die Überraschung spüren, überhaupt eine Arbeit zu haben, während Millionen andere arbeitslos sind.
Wenn dich das einen Funken Dankbarkeit spüren lässt, wirst du den ganzen Tag über ein kleines bisschen freudiger, ein kleines bisschen lebendiger sein.
Wenn wir aufhören, alles für selbstverständlich zu nehmen, werden unsere eigenen Körper zu den größten Überraschungen überhaupt.
Es erstaunt mich immer wieder, dass mein Körper in jeder Sekunde zugleich 15 Millionen rote Blutkörperchen produziert und zerstört, 15 Millionen! Das ist fast zweimal die Einwohnerzahl von New York City.
Mir wurde gesagt, dass die Blutgefäße in meinem Körper, hintereinander aufgereiht, um die ganze Welt reichen würden. Trotzdem benötigt mein Herz nur eine Minute, um mein Blut durch dieses filigrane Netzwerk und wieder zurück zu pumpen. So hat es das in den vergangenen 75 Jahren Minute für Minute, Tag für Tag getan, und es pumpt immer noch alle 24 Stunden 100.000 Herzschläge. Für mich geht es dabei um Leben und Tod, dennoch habe ich keine Ahnung davon, wie das funktioniert und es scheint trotz meiner Ahnungslosigkeit erstaunlich gut zu funktionieren.[1]
Solange wir unserer Wege gehen und die Dinge als selbstverständlich hinnehmen, werden wir das Licht nie sehen; die Wirklichkeit bleibt undurchlässig wie die Klosterfenster, bevor die Sonnenstrahlen sie zu Wänden aus Licht machen.
In dem Maß, in dem wir Überraschungen in unser Leben hereinfließen lassen, wird unser ganzes Leben lichtdurchlässig.
Überraschung ist noch nicht Dankbarkeit, aber mit ein bisschen gutem Willen wächst sie von ganz allein zu Dankbarkeit heran.[2]
Es hilft, täglich wenigstens eine Überraschung wahrzunehmen, irgend etwas, was überraschend und unvorhergesehen ist.
Vielleicht ist es das Wetter, vielleicht ein Anblick, auf den wir aufmerksam werden.
Es kann ein angenehmes oder ein unangenehmes Ereignis sein. Wenn wir unser Herz öffnen, um etwas Überraschendes hineinzulassen, wird es uns immer klarer, wie viele Überraschungen jeder Tag enthält, und mit der Zeit erkennen wir, dass wir in einem Universum leben, das irgendwie zu uns spricht. Wenn wir das erst einmal erkannt haben, hören wir ganz selbstverständlich hin, weil wir die Botschaft hören wollen.[3]
Ein Regenbogen ist immer eine Überraschung.
Das soll nicht heißen, dass man ihn nicht voraussagen könnte. Manchmal bedeutet überraschend unvorhersagbar, häufig aber bedeutet es mehr.
Überraschend im umfassenden Sinn bedeutet irgendwie grundlos, geschenkt, gratis.
Selbst das Vorhersagbare wird zur Überraschung, wenn wir aufhören, es für selbstverständlich zu halten.
Wüssten wir genug, dann wäre alles vorhersagbar, und doch bliebe alles grundlos.
Wüssten wir, wie das gesamte Universum funktioniert, dann wäre es immer noch überraschend, dass es das Universum überhaupt gibt. Mag es auch vorhersagbar sein, so ist es doch umso überraschender.
Unsere Augen öffnen sich diesem Überraschungscharakter unserer Welt im gleichen Moment, da wir aufwachen und aufhören, alles als selbstverständlich zu erachten. Regenbogen haben etwas an sich, das uns aufwachen lässt.
Es kommt vor, dass ein uns völlig Unbekannter uns am Ärmel zieht und zum Himmel zeigt:
«Haben Sie den Regenbogen bemerkt?»
Gelangweilte und langweilige Erwachsene werden zu erregten Kindern. Vielleicht verstehen wir nicht einmal, was uns da aufscheuchte, als wir jenen Regenbogen sahen.
Was war es? Es war das Geschenkhafte, das da in uns hereinplatzte, die Unentgeltlichkeit aller Dinge.
Wenn so etwas geschieht, dann ist unsere spontane Reaktion Überraschung. Plato erkannte jene Überraschung als den Anfang aller Philosophie. Sie ist auch der Beginn von Dankbarkeit.
Eine kurze Begegnung mit dem Tod kann jene Überraschung auslösen.
In meinem Leben kam das sehr früh zustande. Da ich im von den Nazis besetzten Österreich aufwuchs, gehörten Luftangriffe zu meiner täglichen Erfahrung. Und ein Luftangriff kann einem die Augen öffnen.
Ich erinnere mich an einen Tag, als die Bomben zu fallen begannen, unmittelbar nachdem die Warnsirenen abgeschaltet waren. Ich befand mich auf der Straße. Da es mir nicht gelang, schnell genug einen Luftschutzbunker zu erreichen, rannte ich in eine nur ein paar Schritte entfernte Kirche. Um mich vor Glassplittern und Trümmern zu schützen, kroch ich unter eine Kirchenbank und verbarg mein Gesicht in den Händen. Als aber die Bomben draußen explodierten und der Boden unter mir erzitterte, da war ich sicher, dass das gewölbte Dach jeden Moment einstürzen und mich lebendig begraben würde. Nun, meine Zeit war noch nicht gekommen.
Ein gleichbleibender Ton der Sirene verkündete, dass die Gefahr vorüber sei. Und da stand ich nun, reckte mich, klopfte den Staub aus meiner Kleidung und trat heraus in einen herrlichen Maimorgen.
Ich lebte. Welch eine Überraschung!
Die Gebäude, die ich vor weniger als einer Stunde noch gesehen hatte, waren jetzt rauchende Schuttberge.
Was mich aber auf überwältigende Art und Weise überraschte, war, dass es dort überhaupt noch irgendetwas gab.
Meine Augen fielen auf wenige Quadratmeter Rasen inmitten all dieser Zerstörung.
Es war als hätte mir ein Freund auf seiner Handfläche einen Smaragd angeboten.
Niemals, weder vorher noch nachher, habe ich Gras so überraschend grün gesehen.[4]
Wenn ich auf mein Leben zurückblicke, dann haben sich alle Schicksalsschläge und alles Arge, was mir widerfahren ist, immer als die Quelle einer guten Entwicklung herausgestellt.
Wir vergessen das nur allzu oft.
Und manchmal muss man auch lange warten, um es zu erkennen. So ist aber das Leben ‒ alles Schwere und alle Schläge wenden sich letztlich doch zu unserem Besten.
Rückblickend können wir das sehen. Und wenn wir uns üben, dann können wir daraus auch Vertrauen schöpfen im Voraus. Wir vertrauen uns dann dem Leben an. Wir sind offen für die Überraschungen, die uns das Leben schenkt.
Das alles entspringt aus der Dankbarkeit.[5]
Unser Herz sehnt sich nach der Überraschung, dass ein Geschenk auch wirklich ein Geschenk ist. Unser stolzer Intellekt aber stutzt bei einer Überraschung und will sie erklären, hinwegerklären.
Der Intellekt allein bringt uns nur ein Stück weit. Er hat einen Anteil an Dankbarkeit, aber eben nur einen Anteil.
Unser Intellekt sollte wach genug sein, die vorhersagbare Hülle der Dinge bis zu ihrem Kern zu durchschauen, um dort ein Körnchen Überraschung vorzufinden.
Das allein ist eine anspruchsvolle Aufgabe.
Aber Aufrichtigkeit verlangt ebenso, dass der Intellekt genügend demütig sei, das heißt genügend bodenständig, um seine Grenzen zu kennen.
Der Geschenkcharakter aller Dinge kann erkannt, nicht aber bewiesen werden ‒ zumindest nicht durch den Intellekt. Beweise finden sich im Leben. Und am Leben ist mehr, als der Intellekt zu fassen vermag.
Auch unser Wille muss seine Rolle übernehmen. Auch er gehört zur ganzen Fülle von Dankbarkeit. Es ist die Aufgabe des Intellekts, etwas als Geschenk zu erkennen, der Wille aber muss den Geschenkcharakter anerkennen. Erkennen und anerkennen sind zwei verschiedene Aufgaben.[6]
Es spielt keine Rolle, wie taub oder intellektuell verfangen wir sind, Überraschung ist immer nahe.
Selbst wenn in unserem Leben außerordentliche Überraschungen selten sind, das ganz Normale möchte uns immer wieder aufs Neue überraschen.
Wie ein Freund mir eines Wintermorgens aus Minnesota schrieb: «Ich war vor Sonnenaufgang auf den Beinen und beobachtete Gott dabei, wie er alle Bäume weiß anmalte. Den Großteil seiner besten Arbeit tut Er, während wir schlafen, um uns beim Aufstehen zu überraschen.»
Es ist ebenso wie bei der Überraschung, die wir in unserem Regenbogen fanden.
Wir können lernen, unseren Sinn für Überraschungen nicht nur durch das Außergewöhnliche anklingen zu lassen, sondern vor allem durch einen frischen Blick für das ganz Alltägliche.
«Natur ist niemals verbraucht», sagt Gerard Manley Hopkins und preist Gottes Größe.
«Ganz tief in den Dingen lebt die köstlichste Frische.»
Die Überraschung des Unerwarteten vergeht, aber die Überraschung über jene Frische vergeht niemals.
Bei einem Regenbogen ist das offensichtlich.
Weniger offensichtlich ist die Überraschung jener Frische in den allergewöhnlichsten Dingen. Wir können lernen, sie so klar zu sehen, wie wir den puderartigen Reif auf frischen Blaubeeren sehen können, «ein Schleier aus dem Atem eines Windes», wie Robert Frost das nennt, «ein Glanz, der mit der Berührung einer Hand vergeht.»
Wir können uns dazu trainieren, uns für jenen Hauch von Überraschung empfänglich zu machen, indem wir ihn zunächst dort entdecken, wo wir ihn am leichtesten finden.
Das Kind in uns bleibt immer lebendig, immer offen für Überraschungen; nie hört es auf, vom einen oder anderen erstaunt zu sein.
Vielleicht sah ich «an diesem Morgen des Morgens Liebling», Gerard Manley Hopkins «vom Morgengrauen gezogenen Falken schweben», oder einfach die zwei Zentimeter Zahnpasta auf meiner Zahnbürste.
Für das Auge des Herzens sind sie alle gleich erstaunlich, denn die allergrößte Überraschung ist die, dass es überhaupt etwas gibt ‒ dass wir hier sind.
Den Geschmack unseres Intellekts für Überraschung können wir kultivieren. Und alles, was uns erstaunt aufschauen lässt, öffnet «die Augen unserer Augen».[7]
Wir fangen an, alles als Geschenk zu betrachten. Ein paar Zentimeter Überraschung können zu Meilen von Dankbarkeit führen.
Überraschung führt uns auf den Weg der Dankbarkeit. Dies gilt nicht nur für unseren Intellekt, sondern auch für den Willen.
Es spielt keine Rolle, wie beharrlich sich unser Wille an unsere Selbständigkeit klammert, das Leben bietet uns die Hilfe, die zum Entkommen aus dieser Falle nötig ist.
Selbständigkeit ist eine Illusion. Und früher oder später zerbricht jede Illusion am Leben. Wir alle wären nicht das, was wir sind, ohne unsere Eltern, Lehrer und Freunde. Selbst unsere Feinde helfen dabei.
Niemals hat es jemanden gegeben, der sich selbst zu dem gemacht hat, was er ist. Jeder von uns braucht andere. Früher oder später begreifen wir diese Wahrheit.
Ein plötzlicher Trauerfall, eine lange Krankheit oder irgendetwas anderes ‒ ganz überraschend hat uns das Leben eingefangen.
Eingefangen?
Überraschend befreit, sollte ich besser sagen. Vielleicht schmerzt es, aber Schmerz ist ein geringer Preis für die Freiheit von Selbsttäuschung.[8]
(Quellenangaben zum obigen Text in Anm. 1-6, 8)
[Ergänzend:
1. Video Wir sind daheim in dieser Welt (1975) und Transkription:
(18:34) «Das Wesentliche am mit dem Herzen schauen ist das Staunen: staunen können, so wie Kinder noch staunen können mit ihrer Unbefangenheit. Oder wie Künstler staunend auf die Welt schauen und so die Überraschung geradezu herausfordern. Oder wie Mütter auf ihre Kinder schauen. So sollten wir eigentlich auf alles schauen: auf andere Menschen, auf Tiere, Pflanzen, auf die ganze Welt, mit mütterlichen Augen, die sagen: Überrasch mich! Und so schaffen wir dann einen Raum, in den die Welt hineinwachsen kann, in den auch andere Menschen hineinwachsen können. Wenn wir mit Augen schauen, die ohne Worte sagen: ‹Überrasche mich!›, dann werden wir wirklich unsere Überraschungen erleben.»
2. Audios
2.1. Interreligiöser Dialog (2014)
Bruder David: Grußwort und Vortrag:
(15:21) Das Leben will uns überraschen ‒ mit Hoffnung leben im Jetzt
2.2. TAO der Hoffnung (1994)
Diskussion:
(56:56) Offenheit für Überraschung in Angst und Panik
2.3. Begegnung der Religionen (1993)
Vortrag:
(19:29) Offen für Überraschung im Augenblick tiefster Dankbarkeit ‒ Überraschung ist ein Name Gottes
2.4. Retreat-Woche in Assisi (1989)
‹Stärke unseren Glauben› (Lk 17,5):
(49:08) Hoffnung vor dem Scherbenhaufen zerstörter Hoffnungen
3. Weitere Texte
3.1. Das Leben ist überraschend
Sinnenfreudiges Morgenlob mit Gedichten von Gerard Manley Hopkins; siehe auch Schönheit
Religiosität ‒ Staunen und Ehrfurcht:
«Wann und wo immer ich etwas mit Ehrfurcht beachte,
beschenkt es mich mit namenloser Überraschung,
weil bei allem ‹mehr dahintersteckt›.
Heute will ich also ehrfürchtig auf alle Dinge schauen.»
Jeder Augenblick enthält so viele Überraschungen (2019):
«Ob krank oder gesund, wir sollten unseren Sinn für Überraschungen schärfen. Der Anfang der Dankbarkeit ist, sich vom Leben überraschen zu lassen – nicht von außergewöhnlichen Dingen, sondern von ganz alltäglichen! Es ist beispielsweise unglaublich, wie mein Blut tagtäglich Sauerstoff zu den Zellen transportiert. Oder wenn ich jetzt aus dem Fenster schaue, staune ich über die Schönheit des Abendlichts auf dem See. In solchen Momenten wird das Geschenkhafte der Welt deutlich. Nichts ist selbstverständlich, sondern alles ist geschenkt, unentgeltlich. Wir müssen aufwachen und aufhören, alles als selbstverständlich hinzunehmen.»
Die Innehalten ‒ Schauen ‒ Handeln ‒ Technik im Buch Dankbar leben (2018):
«Zuerst einmal können wir nicht damit beginnen, dankbar zu sein, es sei denn, wir wachen auf.
Aufwachen zu was? Zu Überraschungen!
Solange uns nichts überrascht, gehen wir wie betäubt durchs Leben.
Wir brauchen Übung, um zu einer Überraschung aufzuwachen. Ich schlage vor, eine einfache Frage als eine Art Wecker zu verwenden: ‹Ist das nicht überraschend?›
‹Ja, natürlich!›, ist die richtige Antwort, egal, wann und wo und unter welchen Umständen diese Frage gestellt wird.
Ist es nicht letztendlich überraschend, dass da überhaupt etwas ist anstatt nichts?
Fragen Sie sich selbst mindestens zweimal am Tag: ‹Ist das nicht überraschend?›, und Sie werden schon bald wacher durch die überraschende Welt gehen, in der wir leben.
Überraschung kann uns ein Anstoß sein, genug, um uns aufzuwecken und uns daran zu hindern, alles für selbstverständlich zu halten.»
Einsichten aus Rilkes Dichtung, Teil I (2014), 68f.:
Wir sagen, das Leben überrascht mich. (Schmunzelnd:) Und das Leben überrascht uns immer. Keine Gefahr! Wenn’s lebendig ist, ist es überraschend, wenn es nicht überraschend ist, sind wir schon im Bereich des Mechanischen, die Maschine. Das Leben ist grundsätzlich Überraschung.»
3.2. Hoffnung ist Offenheit für Überraschung
«2. Durch ‹Look› üben wir eine Haltung, die traditionell Hoffnung genannt wird.
Hoffnung unterscheidet sich von unsren Hoffnungen, denn diese sind immer auf etwas gerichtet, das wir uns vorstellen können.
Hoffnung aber ist radikale Offenheit für Überraschung ‒ für das Unvorstellbare. Wenn dies die Einstellung ist, mit der wir schauen, hinhorchen und alle andren Sinne öffnen, dann kommt zum Lebensvertrauen eine neue Dimension hinzu: Bereitschaft für die Anforderungen, die das Leben an uns stellt.»
«Hoffnung, so verstanden, unterscheidet sich von Hoffnungen. Auch wenn all unsere Hoffnungen zerschlagen werden, diese Hoffnung überlebt als ‹radikale Offenheit für Überraschung›. Das Leben ist immer überraschend, und dem Leben dürfen wir vertrauen. Darum ist es diese, unsere gemeinsame Hoffnung, die ich Euch ans Herz lege und die ich uns allen von ganzem Herzen erwünsche und erbete.»
Dankbarkeit: Das Herz allen Betens (2018): ‹Hoffnung: Offenheit für Überraschungen›, 115, 117, 122 [bzw. Fülle und Nichts (2015), 115, 117, 121f.]:
«Wichtig ist, dass wir in unserer Hoffnung offen bleiben, offen für die Überraschung, denn Gott kennt unseren Weg viel besser als wir selbst. In diesem Wissen kann unser Herz Ruhe finden, auch während wir weiterwandern. Hoffnung als die Tugend des Pilgers vereint Stille mit Bewegung.»
«Die Überraschung in der Überraschung jeder neuen Entdeckung besteht darin, dass es immer noch Neues zu entdecken gibt. Hoffnung hält die Gegenwart offen für eine völlig neue Zukunft. Wir wollen jedoch nicht vergessen, dass es wenig Sinn hat, von Gott, Vergangenheit und Zukunft in einem Atem zu sprechen. Gott lebt im ‹Jetzt, das nicht vergeht›.
Hoffnung hält uns im doppelten Sinne offen: für eine Zukunft in der Zeit und für eine Zukunft jenseits von Zeit, für Gottes Jetzt.»
«Warten ist nur dann ein Ausdruck von Hoffnung, wenn es ein ‹Warten auf den Herrn› ist, auf Gott, dessen Name Überraschungen heißt ‒ und auf sonst nichts. Solange wir auf eine Verbesserung der Situation warten, machen unsere Ambitionen einigen Lärm. Und wenn wir auf eine Verschlechterung der Situation warten, dann werden unsere Ängste laut. Die Stille, die in jeder beliebigen Situation auf das Aufleuchten des kommenden Herrn wartet ‒ das ist die Stille biblischer Hoffnung.»
3.3. Überraschung ist ein Name Gottes
Dankbarkeit: Das Herz allen Betens (2018): ‹Hoffnung: Offenheit für Überraschungen›, 109 [bzw. Fülle und Nichts (2015), 109]; siehe auch ST 139:
«Überraschung aber ist ein Name Gottes.
Tatsächlich ist Überraschung vielleicht der einzige Name, mit dem wir es wagen dürfen, den Namenlosen zu benennen. Zwar gelingt es auch dem Namen Überraschung nicht, Gott zu benennen. Indem wir ihn aussprechen, gelingt es uns aber zumindest, unser Herz für die Erkenntnis offen zuhalten, dass Gott mit keinem Namen eingefangen werden kann. Und das macht gerade aus unserer Unzulänglichkeit einen Erfolg.»
Das Vaterunser (2022): ‹Geheiligt werde dein Name ‒ Mein liebster Gottesname heißt Überraschung›, 46:
«Die Ergriffenheit, die mir vor dem Bild des Gottes Shiva in Chidambaram in Indien geschenkt wurde, kann ich nicht unterscheiden von dem, was mich manchmal beim Beten des Vaterunsers ereignet.
Es sollte uns daher gelingen, uns den Gottesnamen ‹Vater› immer wieder frisch zu eigen zu machen und ihn rühmend zu beten. Wir dürfen auch selber immer wieder neue Gottesnahmen erfinden.
Mein eigener liebster Gottesname ist ‹Überraschung›.»]
____________________________
[1] Einladung zur Dankbarkeit (2018): ‹Wunder des Lebens›, 57-61; siehe auch Lass dich überraschen (2019): ‹Jede Überraschung fordert uns auf, dem Leben zu vertrauen und so zu wachsen›
[2] Einladung zur Dankbarkeit (2018): ‹Staunen wie ein Kind›, 48; siehe auch Musik der Stille (2023), 55
[3] Einladung zur Dankbarkeit (2018): ‹Lass dich überraschen›, 51; siehe auch Der spirituelle Weg (1996): ‹Zen-Buddhismus und Christentum im täglichen Leben, ein Dialog› von Robert Aitken mit David Steindl-Rast›, TEIL 2, 102
[4] Einladung zur Dankbarkeit (2018): ‹Nichts ist selbstverständlich›, 52-56; siehe auch Dankbarkeit: Das Herz allen Betens (2018): ‹Staunen und Dankbarkeit›, 16f. [bzw. Fülle und Nichts (2015), 13f.]; siehe auch ST 137f.
[5] Einladung zur Dankbarkeit (2018): ‹Alles zu unserem Besten›, 113f.; siehe auch Spiritualität und Verantwortung: Christa Spannbauer im Gespräch mit Br. David (2009)
[6] Einladung zur Dankbarkeit (2018): ‹Erwachen›, 78f.; siehe auch Dankbarkeit: Das Herz allen Betens (2018): ‹Staunen und Dankbarkeit›, 19f. [bzw. Fülle und Nichts (2015), 16f.]
[7] Siehe auch den Titel der Festschrift zum 80. Geburtstag von Bruder David Die Augen meiner Augen sind geöffnet (2006), inspiriert vom Gedicht XAIRE / 65 von E. E. Cummings im Beitrag von Max Milz Nicht quantifizierbar: Anm. 3
[8] Dankbarkeit: Das Herz allen Betens (2018): ‹Staunen und Dankbarkeit›, 26f. [bzw. Fülle und Nichts (2015), 23f.]
Vergebung
Text von Br. David Steindl-Rast OSB
Die größte Form des Gebens ist die Vergebung. Vergebung steht im Gegensatz zu Übelnehmen. Verglichen mit Inbesitznehmen und Als-selbstverständlich-Hinnehmen ist Übelnehmen die dümmste aller «Nehmensformen», weil wir hier etwas «nehmen», was wir gar nicht wollen.
Vergeben ist die größte aller Formen von «Geben». Es fällt uns deshalb so schwer, weil es beinhaltet, dass wir Schuld auf uns nehmen. Nicht im juristischen Sinn ‒ «Vielleicht habe ich es getan», «Es hätte leicht auch mir passieren können» ‒, sondern in dem Sinn, dass wir, wenn wir wirklich verzeihen, aus tiefstem Herzen vergeben. Und in unserem tiefsten Herzen sind wir eins mit allem und demnach auch eins mit jedem, dem wir zürnen. Da gibt es niemanden zu tadeln. Wir nehmen Schuld weg durch das Vergeben.
«Vergib uns, wie auch wir vergeben», bitten wir. Jesus sagt: «Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie auch vergeben». Wenn wir vergeben, vergibt Gott. Tatsächlich hat Gott bereits «vor aller Zeit» vergeben. Wir werden aufgefordert, Gottes Vergebung durch die Welt fließen zu lassen. Die Vergehen sind einfach fort, ausgelöscht. [ST 141, Quelle: [ST 141, Quelle: MS 5) 112f.]
Verhaltensmuster
Text von Br. David Steindl-Rast OSB
Die Meisten gehen immer wieder auf dieselbe Art mit Freunden, Ehepartnern oder Verwandten um. Wir rutschen immer wieder in die ausgefahrenen alten Verhaltensmuster. Sagen wir mal, dass jemand eine sarkastische Bemerkung macht, wohl wissend, dass der Andere ärgerlich oder noch sarkastischer darauf reagieren wird. Möglicherweise kommt es zum Streit oder einfach nur zu einer verbitterten und verfahrenen Lage. Jedenfalls führt das nirgendwo hin. Beide stecken fest. Sie finden keinen Ausweg, um aus den Rollen auszubrechen, die sie im Umgang miteinander übernommen haben.
Ganz selten ist es mir gelungen, solche Rollen zu durchbrechen, aber nur, wenn ich mich ganz sorgfältig vorbereitet habe. Zuerst muss ich mich lange vor einer Begegnung sammeln, wenn möglich Stunden zuvor, mich genau daran erinnern, wie das Gespräch gewöhnlich verläuft und wo wir stecken bleiben. Dann stelle ich mir vor, wie ich dem Andern kreativer antworten könnte und probe das richtiggehend, bevor ich mich in die Situation begebe. Wenn das gewohnte Reizwort dann fällt, sage ich etwas völlig Unerwartetes, und ganz plötzlich fallen die Rollen in sich zusammen. Aber das passiert nicht einfach so. Man muss sich wirklich gut darauf vorbereiten und wissen, was man tun will. [ST 142, Quelle: SW 230f.]
Verstehen durch Tun
Text und Audios von Br. David Steindl-Rast OSB
«Du großes Geheimnis, Quellgrund meines Lebens,
Meer, dem alles zuströmt!Ich staune in die große Stille Deines Abgrunds hinein;
ich horche bewundernd hin auf ein Wort,
das aus der Stille aufsteigt,
und versuche, im Alltag danach zu leben.Aber ich frage mich: Heißt das ‹beten›?
Sind meine ‹Gebete› nicht nur Empfindungen,
Erwägungen, Betrachtungen?
Nein. Es sind Gebete: Begegnungen mit Dir.Ich horche hin und bemühe mich gehorsam,
dem Gehörten gerecht zu werden.Jede Begegnung mit Dir ist Gebet.
Lass mich Dir heute bewusst
in allem begegnen, was mir begegnet.Alles soll Gebet werden. Amen.»[1]
Alles, was wir sehen, hören, riechen, schmecken, tasten oder sonst auf sinnliche Weise wahrnehmen, ist in diesem Sinne Wort, das uns aus der Stille des göttlichen Urgrundes zugesprochen wird.
Wir selber sind in diesem Sinne Wort ‒ «ausgesprochen und zugleich angesprochen» (worin Ferdinand Ebner tiefsinnig unsere menschliche Sonderstellung sieht).
All die Vielfalt rund um uns und in uns ist letztlich ein einziges Wort, das auf immer neue Weise «Ja» sagt, und so allem Dasein Wirklichkeit gibt.[2]
Verstehen heißt zunächst, sich dem Wort stellen, und zwar so, dass wir dem Wort erlauben, uns in das Schweigen zu führen. Aber nicht, als ob das eine Sackgasse wäre; aus diesem Schweigen heraus kommt nun die Antwort.
Das Wort führt uns nämlich nicht nur in das Schweigen, es sendet uns auch zur Erfüllung im Gehorsam.
Wenn wir das Sinnerlebnis in dieser Dynamik verstehen, dann wird uns verständlich, warum Paul Ricœur sagt,
der Sinn liege weder i m Wort
oder h i n t e r dem Wort;
der eigentliche Sinn liege
dem Worte v o r a n.
Nur wenn wir uns vom Wort in das Schweigen führen lassen, in dem der Sinn wurzelt, dann aber auch zur Antwort fortschreiten, zur Erfüllung des Wortes, durch die der Sinn Frucht bringt in Gehorsam, nur dann haben wir wirklich verstanden.
Nur der Gehorsam versteht den Vollsinn, der dem Worte voranliegt, der nicht im Worte eingeschlossen gefangen liegt, der immer in die Zukunft weist.[3]
Gehorsam geht weit über das Ausführen von Befehlen hinaus, das man ja auch Hunden beibringen kann. Menschlicher Gehorsam im Vollsinn dieses Wortes ist ein Horchen mit dem Herzen, so tief und willig, dass aus Horchen Gehorchen wird.
Gehorsam gehorcht letztlich dem Anspruch,
den das Leben stellt ‒ durch alles,
was uns im gegebenen Augenblick gegenübersteht.
Das kann eine Situation sein, ein Lebewesen
oder auch ein unbelebter Gegenstand.
Auch Dinge erwarten ja etwas von uns:
Sie wollen behutsam und respektvoll behandelt werden,
mit Achtsamkeit für das Netzwerk von Beziehungen,
das durch sie auf uns zukommt ‒
letztlich auch die Beziehung zum Großen Geheimnis,
das allem zugrunde liegt.[4]
Je älter man wird, umso mehr wird man sich bewusst, dass wir nicht nur Menschen, Tieren und Pflanzen, allen Lebewesen gegenüber eine Verantwortung haben, sondern eben auch den Dingen.
Wir haben den Dingen gegenüber eine Verantwortung.
Der Dichter Rainer Maria Rilke in einem seiner bekanntesten Gedichte
Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.Rilke: Das Stunden-Buch
spricht ja davon, dass unser Leben darin besteht, dass wir wachsende Ringe über die Dinge ziehn.
Die Dinge verändern sich, Ring um Ring, wie die Ringe eines Baumes durch unser Leben und unseren Umgang mit ihnen.
Rilke spricht auch davon, dass sich unsere Rühmung, also unsere dankbare Freude, wie ein Festtagskleid über die sinnenden Dinge breitet:
Vor lauter Lauschen und Staunen sei still,
du mein tieftiefes Leben;
dass du weißt, was der Wind dir will,
eh noch die Birken beben.Und wenn dir einmal das Schweigen sprach,
lass deine Sinne besiegen.
Jedem Hauche gieb dich, gieb nach,
er wird dich lieben und wiegen.Und dann meine Seele sei weit, sei weit,
dass dir das Leben gelinge,
breite dich wie ein Feierkleid
über die sinnenden Dinge.Rilke: Mir zur Feier
Unsere Dankbarkeit, unser Rühmen breitet sich über die sinnenden Dinge wie ein Festtagskleid.
Und zu diesen Dingen gehören auch die Bücher. Ein Buch ist ganz in einem besonderen Sinn ein «sinnendes Ding».
Und die haben ein Eigenleben, diese «Dinge».
Wenn Sie dann nachher in den Vitrinen schauen, werden Sie einige Beispiele meiner «lieben Dinge» sehen.[5]
Gehorsam hinhorchen
können wir nur, wenn wir still werden.
Inneres Stillwerden lässt sich üben und erlernen.
Aus der Stille des Herzens entspringt dann
wie von selbst das Horchen des Gehorsams.[6]
Das ist nun das Entscheidende: Das Verstehen ist jene Tätigkeit, die wir nur im Vollzug verstehen können. Was es heißt zu verstehen, das müssen wir von innen her verstehen. Es von außen her verstehen ist noch kein richtiges Verstehen des Verstehens. Man versteht nur, was verstehen heißt, indem man eben etwas versteht. Aber dieses Etwas ist nicht das Verstehen selbst. Der Sehende sieht ja nicht sein Sehen.
Es geschieht im Sehen, dass wir sehen,
es geschieht im Verstehen, dass wir verstehen.
Und das führt nun zu einer ganz eigenen Dimension des christlichen Gebetes, die man das Gebet des Verstehens nennen könnte oder christliches Yoga.
Yoga ist ja Verstehen. Swami Venkatesananda hat dieses wunderschöne Wort geprägt:
«Yoga i s t einfach Verstehen.»
Yoga ist Verstehen, weil es (mit dem deutschen Worte Joch wurzelverwandt) Wort und Schweigen zusammenjocht.
Und was wir hier Gebet des Verstehens genannt haben, wird traditionell meditatio in actione genannt.
Eine wohl nicht wörtliche Übersetzung von meditatio in actione, aber eine, die vielleicht ausspricht, was gemeint ist, könnte lauten:
Gott i m Tun finden.
Meditatio in actione, nicht während des Tuns, sondern im Tun.
Unser Verständnis von meditatio in Actions krankt sehr oft daran, dass wir meditatio in actione sagen, aber Meditation während des Tuns meinen.
Wir sagen zum Beispiel: Oh, das ist eine sehr einfache Tätigkeit, die übe ich gerne aus, denn da kann ich gleichzeitig gut meditieren. Aber ich meditiere über etwas ganz anderes als das, was ich tue. Sehr nett, Kartoffeln zu schälen, da kann ich meine Gedanken bei Gott behalten.
Dagegen ist allerdings nichts einzuwenden, nur ist es keineswegs meditatio in actione.
Wenn wir wirklich meditatio in actione beim Kartoffelschälen durchführen wollen, dann müssen wir Gott im Kartoffelschälen finden. Dass das ohne weiteres möglich ist, liegt ja dem ganzen Konzept der meditatio in actione zugrunde.
Wie ist es aber möglich, dass wir Gott in unserer Tätigkeit finden, nicht nur während unserer Tätigkeit?
Es ist so, weil er, indem wir tätig sind, zugleich in uns tätig ist. Wir finden ihn in unserem Tun, weil es sein Tun ist; und wir finden ihn insofern, als unser Tun wirklich sein Tun ist.
Nur indem wir die Wahrheit tun,
können wir die Wahrheit verstehen.
Dieses Verstehen des Wortes
durch liebenden Gehorsam ist unser Heil,
denn es ist Gottes Leben in uns;
es ist unser Ergriffensein vom Heiligen Geist.[7]Nur wenn Du’s tust, wirst Du‘s verstehen.
Verstehen heißt sich hineinstellen, ganz hineinstellen.
Im Englischen heißt es: understanding, das heißt: drunterstehen.
Einer meiner Zen Lehrer hat immer gesagt: «O ihr im Westen, ihr sagt immer, ihr wollt verstehen im Sinne von u n t e r stehen, aber was ihr eigentlich wollt ist ü b e r stehen, aus der Hubschrauberperspektive betrachten.» Er sagt: «Ihr seid wie Leute, die unter der Dusche stehen und einen Regenschirm aufspannen.»
Oder so wie das Kind sagt: «Wie ist es eigentlich, wenn man stirbt? Ich möcht’s nicht tun, aber ich möcht‘s wissen.»
Wenn ihr Schwimmen lernt: Ihr könnt jedes Buch lesen oder euch jede Vorlesung über Schwimmen aneignen, habt aber dennoch keine Ahnung vom Schwimmen, bevor ihr ins Wasser geht. Man muss hineingehen: «Du wirst nur mit der Tat erfasst» (Rilke, Das Stunden-Buch).[8]
Das Geheimnis ist uns unzugänglich, außer wenn wir auf die Frage Wie? durch Tun antworten:
«Tu es einfach, dann wirst Du schon verstehen Wie?»[9]
[Quellenangaben zum obigen Text in Anm. 1-7 und 9]
[Ergänzend:
1. Audios
1.1. Interreligiöser Dialog (2014)
Bruder David: Grußwort und Vortrag; siehe auch Schweigen ‒ Wort ‒ Verstehen: Haupttext und Ergänzend: 1.1.:
(29:24) Die Methode: Stop ‒ Look ‒ Go, Innehalten ‒ Innewerden ‒ Tun: Unsere täglichen buddhistischen Augenblicke, unsere ‹amunah›-Spiritualität und unser Yoga
1.2. TAO der Hoffnung (1994)
Vortrag; siehe auch Tanz ‒ der Sinn des Ganzen: Ergänzend: 2.4.:
(28:12) «Wenn wir uns vom Wort in das Schweigen führen lassen und vom Schweigen in das Wort ‒ das ist ein Tanz, das ist eine Rundbewegung vom Wort ins Schweigen und vom Schweigen ins Wort ‒, dann verstehen wir. Wir verstehen erst wirklich, wenn wir uns einem Wort: einer Situation, einem Menschen … diesem Wort, dem, was Sinn hat, so hingeben, dass es uns in die Stille führt ‒, dann verstehen wir. Und wenn wir so in die Stille lauschen, dass die Stille zu Wort kommt, dann verstehen wir auch. Oder wenn wir so uns dem Wort so hingeben, dass es uns in die Stille führt und uns dann sendet sozusagen, hinaussendet, etwas zu tun: In dem Tun verstehen wir dann. Im Tun, nur im Tun können wir richtig verstehen. … Verstehen und Tun gehören engstens zusammen.»
(36:08) Yoga ist Verstehen ‒ Atman und Brahman – Krishna zu Arjuna in der Bhagavad Gita: Tu’s, dann wirst du verstehen / (41:47) ‹Das ist es!› in drei verschiedenen Betonungen – Der Reigentanz der Religionen von außen und von innen her betrachtet
1.3. Begegnung der Religionen (1993)
Vortrag; siehe auch Religionen ‒ drei Innenwelten: Ergänzend: 1.3.:
(44:19) Das Verstehen durch Tun im Hinduismus: ‹Yoga i s t Verstehen› (Swami Venkatesananda) und der Prinz Arjuna in der Bhagavad Gita – ‹Wer bereit ist, den Willen Gottes zu tun, wird erkennen› (Joh 7,17) – ‹Du wirst nur durch die Tat erfasst› (Rilke: Das Stunden-Buch)
2. Texte
2.1. Schweigen ‒ Wort ‒ Verstehen: Haupttext und Ergänzend: 2., Themenbereich 4): Gebet ‒ drei Innenwelten; Kontemplation im Handeln
2.2. Orientierung finden (2021), 113; siehe auch Sinn ‒ dreifaltiges Mysterium:
«So oft wir innehalten, sei’s auch nur für einen Augenblick, umfängt uns das Geheimnis im Schweigen.
So oft wir aus innerer Stille heraus hinhorchen auf das, was der Augenblick uns zuspricht, öffnen sich die Ohren unseres Herzens für das Geheimnis als Wort.
Und so oft wir dann durch unser Tun Antwort geben auf dieses Wort, sei es ein Mensch, ein Tier, eine Pflanze, dein Ding oder ein Ereignis, werden wir das unbegreifliche Geheimnis durch unser Tun verstehen, so wie wir den Tanz nur dadurch verstehen können, dass wir tanzen.»
2.3. Dankbarkeit als Schlüsselwort benediktinischer Spiritualität (2018); siehe auch Sakramentales Leben: Anm. 9:
«Darum scheint mir manchmal, dass ‹dankbar leben› sogar unser Motto ‹Ora et labora› ersetzen könnte. Es geschieht ja durch dankbares Leben, dass die Arbeit selbst zum Gebet wird – und alle Geräte des Klosters zu heiligem Altargerät (RB 31,10).»
2.4. Auf dem Weg der Stille (2023), 38-40; siehe auch Religionen ‒ drei Innenwelten:
«Es sei an das erinnert, was hier schon über das Verstehen gesagt wurde: Es ist der Prozess, in dessen Verlauf das Schweigen ins Wort findet und das Wort ins Schweigen heimfindet.
Das liefert uns den Schlüssel zur zentralen Intuition des Hinduismus: Atman ist Brahman ‒ der manifeste Gott (das Wort) ist der nichtmanifeste Gott (das Schweigen) ‒ und Brahman ist Atman ‒ das göttliche nicht Manifeste (das Schweigen) ist das manifeste Göttliche (das Wort).
Zu wissen, dass das Wort Schweigen ist und das Schweigen Wort ‒ unterschieden, aber ungetrennt und untrennbar verbunden, jedoch ohne Vermischung ‒, das ist Verstehen.
Das Sanskrit-Wort ‹Yoga› und das englische Wort ‹yoke› (‹Joch›) haben die gleiche sprachliche Wurzel, die ‹verbinden› bedeutet. Yoga in allen seinen verschiedenen Formen ‒ Dienst, Einsicht, Frömmigkeit usw. ‒ ist die Handlung, bei der Wort und Schweigen durch Verstehen miteinander verbunden werden.
Im Hinduismus weiß man, dass dieses Verstehen nur durch Tun zustande kommt.
In der Bhagavad-Gita wird Prinz Arjuna mit einem Rätsel konfrontiert, das er wahrscheinlich gar nicht lösen kann. Der Glaube hat ihn in eine Situation gebracht, in der es seine Pflicht ist, eine gerechte, aber grausame Schlacht gegen seine eigenen Verwandten und Freunde zu führen. Wie kann ein friedliebender Prinz dieses Dilemma sinnvoll lösen? Sein Wagenlenker, der als Krishna verkleidete Gott Vishnu, kann ihm nur den Rat geben: Tu deine Pflicht, und im Tun wirst du verstehen.
Oder nehmen wir ein anderes Beispiel: Wir könnten Buch um Buch über die Kunst des Schwimmens lesen, würden aber dennoch nie verstehen, wie sich Schwimmen anfühlt, solange wir nicht selbst ins Wasser stiegen und schwämmen. Genauso könnten wir auch alle jemals geschriebenen Bücher über die Gottesliebe lesen und dennoch nie das Lieben verstehen, solange wir nicht selbst liebten. Unzählige liebevolle Menschen praktizieren die Kontemplation in Aktion, ohne je diese Bezeichnung gehört zu haben. Was macht das schon aus? Indem sie lieben, verstehen sie Gottes Liebe von innen heraus.»
Genau wie man das Stillegebet als die buddhistische Dimension der christlichen Spiritualität bezeichnen kann, so lässt sich die Kontemplation in Aktion als deren hinduistische Dimension bezeichnen.
Zugegeben, dies alles stelle ich aus meiner eigenen Sicht vor, die christlich ist. Aber welche andere Wahl hätte ich denn?
Würde ich versuchen, völlig von meiner eigenen religiösen Sinnsuche abzusehen, so würde ich die Berührung mit genau der Wirklichkeit verlieren, die ich genauer erkunden möchte. Ich wäre dann wie der Junge, der seinen Zahn in die Hand nimmt, nachdem ihn der Zahnarzt gezogen hat, etwas Zucker darauf streut und abwartet, wie das wehtut. Schmerz kann man nicht von außen her verstehen, und genauso wenig Freude, Leben oder Religion. Es ist nichts Falsches daran, wenn man vom Inneren einer Tradition her spricht, solange man nicht seine eigene Sichtweise verabsolutiert, sondern diese in ihrer Beziehung zu allen anderen sieht.»
2.5. Bruder David im Schlusskapitel «Amen» seines Buches Credo: Ein Glaube, der alle verbindet, 236; siehe auch Schweigen ‒ Wort ‒ Verstehen durch Tun in den Weltreligionen im letzten Abschnitt der Vorträge Credo ‒ Ein Glaube, der alle verbindet (2010) in Freiburg, München, Wien anlässlich der Vorstellung dieses Buches:
«Swami Satchidananda war schon vor mir in Chicago angekommen, und ich hatte ihn von weitem gesehen. Er war als der ‹Woodstock Guru› bekannt, weil er das Woodstock Festival im August 1969 eröffnet hatte. Das Festival stand unter dem Motto ‹Drei Tage Frieden und Musik› und er hatte von Musik gesprochen als dem ‹himmlischen Klang, der ins ganze Universum Ordnung bringt›. Von meiner langen Freundschaft mit diesem großen Lehrer wusste ich, dass im Hinduismus weder Wort noch Schweigen letzte Bedeutung haben, sondern Verstehen.
‹Yoga i s t Verstehen›, hatte Swami Venkatesananda gesagt und so sein tiefes Verständnis bezeugt für das, worauf es dem Hinduismus letztlich ankommt, denn das Wort Yoga fasst ja die ganze hinduistische Spiritualität zusammen.
Was wir oben über das Wort sagten, das aus dem Schweigen kommt und durch Verstehen ins Schweigen heimkehrt, gab mir Zugang zu der hinduistischen Einsicht: ‹Atman ist Brahman› und ‹Brahman ist Atman› ‒ der offenbare Gott (das Wort) i s t der verborgene Gott (Schweigen); und der verborgene Gott i s t der offenbare.
Einzusehen, dass das Wort das offenbar gewordene Schweigen ist und Schweigen das verborgene Wort ‒ unterschieden und doch ohne Trennung, untrennbar eins, und doch unvermischt ‒, das heißt verstehen.
(Freilich geht es hier um ein Verstehen, das weit über verstandesmäßiges Begreifen hinausgeht, ein Verstehen mit dem Herzen, an dem Denken, Fühlen und Wollen gleichermaßen beteiligt sind.)»
2.6. Einsichten aus Rilkes Dichtung, Teil I (2016): Dienstagmorgen, 61-80, in 70 und 80 mit Übersicht über die drei Formen des Gebets]
__________________
[1] Du großes Geheimnis: Gebete zum Aufwachen (2019), ‹52 ‒ Beten›, 61
[2] Die Achtsamkeit des Herzens (2021): ‹Leben aus der Stille›, 156; siehe den vollständigen Text, S. 152-159, in Stille leben
[3] Bruder David im Eröffnungsvortrag anlässlich der Salzburger Hochschulwochen Jesus als Wort Gottes (1972), abgedruckt im Buch Die Frage nach Jesus (1973), 50
[4] GEHORSAM, in: Das ABC der Schlüsselworte, im Buch: Orientierung finden (2021), 139
[5] Ansprache von Bruder David am Festakt der Übergabe seiner «geliebten Dinge» an die Universitätsbibliothek der Paris Lodron Universität Salzburg (PLUS) am 28. Oktober 2024
[6] GEHORSAM, in: Das ABC der Schlüsselworte, im Buch: Orientierung finden (2021), 139, die Fortsetzung des Textes in Anm. 12
[7] Jesus als Wort Gottes (1972), 55f.
[8] Siehe das Gedicht in Einsichten aus Rilkes Dichtung, Teil I (2014), 63
«Und das Wie? ist unsere dritte Orientierungsfrage: Wie sollen wir leben? Und darauf ist die Antwort: Mit der Tat.»
Verstehen im Raum der Stille
Text und Audios von Br. David Steindl-Rast OSB
«Du großes Geheimnis, Quellgrund meines Lebens,
Meer, dem alles zuströmt!Du rührst mich an durch alles, was mich berührt,
am tiefsten aber berührt mich Musik.Sie lässt mich auch am deutlichsten erfahren,
was es heißt, Dich zu verstehen,
Du unbegreifliches Geheimnis.Begriffliches Begreifen ist etwas ganz anderes
als dieses Ergriffenwerden durch Musik,
das mich sie verstehen lässt,
mich ganz drin stehen lässt
durch meine Ergriffenheit.Ich will heute wenigstens kurz
irgendwann Musik anhören.Letztlich ist aber alles, was es gibt,
geheimnisvoll wie Musik.Gib mir Mut, meine Rüstung abzulegen
und mich ergreifen zu lassen. Amen.»[1]
Bruder David: «Mir scheint, letztlich kommt es darauf an, sich vom Geheimnis ergreifen zu lassen. Ganz gleich, was man begrifflich darüber sagt. Und das gilt auch für Menschen, die begrifflich das Richtige sagen, die zum Bespiel christlich erzogen sind, das Credo beten können und sozialisiert sind im Christentum. Wenn sie nicht ergriffen sind vom Geheimnis, dann ist alles andere eigentlich letztlich nicht wichtig. Aber ich bin überzeugt, dass das Leben so verläuft, dass Erfahrungen des Geheimnisses unumgänglich sind. Wir müssen zumindest den Tod erleben. Der Tod konfrontiert uns mit etwas, was wir nicht begreifen, was wir aber verstehen können, wenn es uns ergreift.[2]
Das gleiche gilt bei vielen Menschen für Musik und Naturerlebnisse. Ich bin überzeugt, dass Musik und Natur bei ihnen die eigentlichen religiösen Erfahrungen auslösen, auf die es ankommt.
Wenn uns das Geheimnis ergreift, dann führt es uns in den Bereich, den Rilke den ‹Weltinnenraum› nennt. Und darauf kommt es an, nicht auf begriffliche Auslegungen.»
Johannes Kaup: «Kurz zu ‹Weltinnenraum›: Was ist damit genauer gemeint?»
Bruder David: «Rilke hat noch andere Ausdrücke dafür. ‹Weltinnenraum›[3], ‹das Offene›[4], ‹die Unbetretbarkeit›[5]:
Das sind dichterische Begriffe, die man auf sich wirken lassen muss. Da klingt etwas an, aber es begrifflich zu fassen, ist nicht möglich. Ergriffenheit, darum geht es immer wieder im Letzten.»[6]
«Du großes Geheimnis, Quellgrund meines Lebens,
Meer, dem alles zuströmt!Aus Gipfelerlebnissen weiß ich, was es heißt,
von dir ergriffen zu sein.Aber Ergriffenheit kommt selten ‒ überraschend.
Im Alltag berührst Du mich, wenn etwas mich rührt.
Babys und neugeborene, noch blinde Kätzchen
wecken spontan diese Rührung:Wie ausgesetzt sie sind, wie verletzlich!
Aber ist nicht letztlich alles vom Schicksal verwundbar,
alles der Zerstörung ausgesetzt?Ich will mein Herz nicht verhärten
gegen die Zerstörbarkeit aller Dinge,
nicht gegen meine eigene Verwundbarkeit.Gib mir heute Mut, mich durch Rührung
sanft von dir berühren zu lassen. Amen.»[7]
(43:33) Bruder David erzählt, wie er im Teenageralter in die Nationalbibliothek ging. Er hat dort den Hohelied-Kommentar von Bernhard von Clairvaux (1090-1153) ausgeliehen, auf den ihn Pater Walter Schücker (1913-1977), ein Zisterzienser aus der Abtei Heiligenkreuz im Wienerwald aufmerksam gemacht hat, mit dem bedeutungsvollen Satz:
«Begriffe machen wissend,
Ergriffenheit macht weise.»
Weisheit ist, wenn man das Leben nicht in den Griff bekommen will, sondern sich dem Leben stellt und mitspielt im Leben:
«Das kann jeder tun: jeden Augenblick einfach die Gewohnheit pflegen, hinzuhorchen: was will jetzt das Leben von mir? Und meistens ist es einfach, dass wir uns freuen. Wenn man sich zu Tisch setzt ‒ im Tischgebet sich sich erinnern, jetzt innezuhalten und bewusst zu tun, was das Leben von mir will: es will, dass ich mich an der Suppe freue.»[8]
Was uns Freude schenkt, ist nicht einfach das, was uns Spaß macht.
Unser echtes Begehren sitzt tiefer
als unsere Begierden.
Um herauszufinden, was wirklich dein tiefstes Begehren ist, wirst du einen Ort brauchen, an dem du ungestört allein sein und dir Zeit lassen kannst, um ganz still zu werden. Um innere Klarheit zu finden, ist Stille notwendig ‒ in uns und um uns herum.
Ein oft gebrauchtes Bild dafür ist trübes, aufgewirbeltes Wasser im Teich. In Stille wird es von selber klar. Du musst nichts tun, als zu warten, bis der Schlamm sich senkt, dann kannst du bis tief auf den Grund sehen.
Stille ist auch unerlässlich, um die zarte Stimme des Herzens zu hören ‒ die Stimme unseres tiefsten Begehrens. Sie wird immer wieder übertönt vom lauten Schreien unserer Begierden, verstummt aber doch nie ganz.
Begierden kommen und gehen.
Um das bleibende Begehren
unseres Herzens kennenzulernen,
können wir uns also fragen:
Wonach würde ich immer noch begehren,
wenn all meine Begierden gestillt wären?
Die Antwort darauf wird uns zugleich auch klarmachen, was uns bleibend begeistert.
Begeisterung im Sinne Campbells führt uns auf den Pfad des Helden, von dem der Mythos berichtet, dass er durch Todesschrecken gehen muss, um das begeisternde Ziel seines Begehrens zu erreichen.
Nur was uns zum Äußersten bereit macht,
ist unsere wahre Begeisterung;
von ihr dürfen wir uns leiten lassen.[9]
Unabhängig von unseren religiösen Überzeugungen: Die letzte Wirklichkeit ist nichts, das wir von außen betrachten und analysieren können. Dort oben ist Gott du hier unten auf der Erde sind wir: Mit diesem Zugang zu den Dingen kommen wir nicht weiter. Wir können dieses Gefühl des Eingebettet-Seins nur innerlich erleben.
Wir sollten uns also nicht fragen, wie wir dieses Gefühl verstehen, es lehren und wie wir darüber sprechen können. Denn ihm liegt ein Geheimnis zugrunde, über das wir eigentlich gar nicht sprechen können, wie sich dieses Gefühl nicht in Worte fassen lässt. Wir können es nur erleben.
«Kein Auge hat es gesehen.
Kein Ohr hat es gehört,
was Gott denen bereitet hat,
die ihn lieben.» (vgl. 1 Kor 2,9)«Manche Dinge berühren uns
in unserem tiefsten inneren Wesen,
weil sie Spiegelbilder
unseres eigenen Wesens sind.»[10]
Im Alltag bedeutet das, dass alle, die «durch den Geist Gottes geführt werden», mit kindlicher Unbefangenheit in jeder Lage die rechte Antwort finden können in Wort und Tat.
In der weitesten Sicht bedeutet es Teilnahme an dem göttlichen Reigentanz, den die christliche Vorstellungskraft aus Johannes 16,28 herausliest, wo der Logos spricht:
«Ausgegangen bin ich vom Vater
und gekommen bin ich in die Welt;
ich verlasse wieder die Welt
und gehe zum Vater.»
Aus dem Schweigen kommend, kehrt das Wort durch liebendes Verstehen ins Schweigen zurück.
Mitzutanzen in diesem Reigen ist die höchste Erfüllung dessen, was wir «Leben aus der Stille» nennen.
Leben aus der Stille ist nichts anderes als dankbares Leben.
Wir können «mitten in der Welt» all das, was wir tun, bestimmen lassen von jener Stille, die in der monastischen Tradition zu Hause ist.
Dazu bedarf es nicht einmal der äußeren Stille, obwohl diese eine große Hilfe sein kann. Wir müssen nur dankbar leben lernen.
Im trinitarischen Rundtanz dürfen wir
den Kreislauf der Dankbarkeit sehen.
Wir erleben den Urgrund der Wirklichkeit als den Ursprung all dessen, was «ES gibt».
Die Wirklichkeit, mit der wir es zu tun haben, zeigt sich uns immer als Gegebenheit ‒ also als Gabe.
Unser eigenes Leben ist uns zugleich gegeben und aufgegeben.
Die Aufgabe, die in dieser Gabe liegt,
heißt Leben in Dankbarkeit.
Und worin besteht das?
Einfach darin, dass wir uns dem Leben stellen.
Dankbarkeit ist still und einfallsreich;
sie macht etwas aus jeder Gegebenheit.
Meistens ist uns Gelegenheit gegeben,
uns an etwas zu freuen.
Leider sind wir oft nicht wach genug,
das wahrzunehmen.
Aber in jeder gegebenen Lage, sei sie noch so schwierig, wird uns Gelegenheit geschenkt, uns schöpferisch ‒ und dadurch dankbar ‒ zu erweisen. Wir müssen uns nur etwas einfallen lassen. Und jeder Einfall ist selber wieder Geschenk.
Indem wir so Schritt für Schritt,
aus unserem Leben etwas machen,
steigt es zum Ursprung zurück als Dank.In dieser gegebenen Welt dankbar leben,
heißt Sinn finden.
Und in dem Maß, in dem wir Sinn finden,
werden wir still.Dann fallen wir nicht mehr, wie Hölderlins leidende Menschen
«blindlings von einer Stunde zur andern,
wie Wasser von Klippe zu Klippe geworfen,
jahrlang ins Ungewisse hinab.»[11]
So oft wir aus innerer Stille heraus hinhorchen auf das, was der Augenblick uns zuspricht, öffnen sich die Ohren unseres Herzens für das Geheimnis als Wort.
Und so oft wir dann durch unser Tun
Antwort geben auf dieses Wort,
sei es ein Mensch, ein Tier, eine Pflanze,
ein Ding oder ein Ereignis,
werden wir das unbegreifliche Geheimnis
durch unser Tun verstehen,
so wie wir den Tanz nur dadurch
verstehen können, dass wir tanzen.
Im Tanzen kommt unser Dreischritt von Stop ‒ Look ‒ Go ins Fließen ‒ er zeigt sich als Fließweg.
In höchster sprachlicher Verdichtung hat Conrad Ferdinand Meyer (1825-l898) in seinem Gedicht «Der römische Brunnen» das Ruhen im Fließen in ein Bild gefasst.
Wenn wir ‒ ohne es intellektuell zu analysieren ‒ diesem Sinnbild gestatten, uns zu ergreifen, dann kann uns bewusstwerden, dass der Fließweg durch die drei Schalen zugleich der Weg der Sinnfindung ist, denn
Sinn ist das, worin das Herz Ruhe findet:
«Aufsteigt der Strahl und fallend gießt
Er voll der Marmorschale Rund,
Die, sich verschleiernd, überfließt
In einer zweiten Schale Grund;
Die zweite gibt, sie wird zu reich,
Der dritten wallend ihre Flut,
Und jede nimmt und gibt zugleich
Und strömt und ruht.»[12]
[Quellenangaben zum obigen Text in Anm. 1, 6-12]
[Ergänzend:
1. Siehe den wegweisenden Beitrag von Bruder David mit dem Titel: «Leben aus der Stille» im vorletzten Kapitel des Buches Die Achtsamkeit des Herzens (2021), 152-159, überschrieben mit den Zeilen von Joseph von Eichendorff:
«Mein Herz wird mir so stille
und wird nicht untergehn.»[13]
Der Beitrag ist vollständig enthalten in Stille leben.
Er erschien zuerst als Geleitwort und Epilog von Bruder David im Buch der Ruhe und der Stille (2005), 7f., 179-184, siehe auch Auszüge davon in Alles in uns schweige (2013), Finde die Stille (2010) und im obigen Text mit Anm. 12.
Der Beitrag schließt mit dem Satz, der den ganzen Inhalt zusammenfasst:
«Der Kreislauf in dem alles Gegebene als Dank zum Ursprung zurückkehrt ‒ der Kreislauf, in dem das Schweigen Wort wird und im Verstehen zurückkehrt ins Schweigen ‒ findet ein dichterisches Bild in den Marmorschalen von Conrad Ferdinand Meyers römischem Brunnen:
‹… und jede nimmt und gibt zugleich
und strömt und ruht.› (158f.)»
2. An welchen Gott können wir noch glauben (2008); siehe auch Geben und Nehmen: Ergänzend: 2.:
«Das Verstehen ereignet sich, indem wir so tief auf das Wort – was immer das Wort ist, es kann eine Situation sein, ein Mensch sein, ein Ding sein, Musik sein –, was immer das Wort im weitesten Sinne ist, wenn wir so tief darauf hinhorchen, dass es uns mitnimmt dorthin, wo es herkommt, in dieses Schweigen. Es kommt aus dem Schweigen, es ergreift uns und es führt uns in dieses Schweigen. Wenn wir da mitgehen, dann verstehen wir. Das ist der Prozess des Verstehens. Und das ist Sinnfindung durch Schweigen, Wort und Verstehen.
Es gibt ein kurzes Gedicht von Conrad Ferdinand Meyer, ‹Der römische Brunnen›. Da ist das alles drinnen.»
3. Audios
3.1. Dem Welthaushalt freudig dienen ‒ Spiritualität 2011
Spiritualität und Ökumene; siehe auch Fließweg: Ergänzend: 4
(31:54) «In ihm und durch ihn und mit ihm ‒ Jesus Christus ‒ gehen wir wieder zurück zum Vater: Wir als Christen drücken das so aus und erleben das so, aber alle Menschen erleben das so, können es verstehen, wenn man es ihnen nahebringt. … Einer der ganz frühen Kirchenväter sagt: ‹In meinem Herzen fließt eine Quelle und ich höre das Wasser sagen: Heim zum Vater.› Das ist etwas, das jeder Mensch erlebt, einfach als Mensch. Diese Quelle haben wir in unserem Herzen und hören diese Stimme, die sagt: ‹Heim zum Vater.›
3.2. Audios mit dem Gedicht von C. F. Meyer: ‹Der römische Brunnen›; siehe auch Fließweg: Ergänzend: 3.
Lebendige Spiritualität (2015)
Verstehen durch Tun:
(55:30) ‹Der römische Brunnen› (C. F. Meyer) und ‹Römische Fontäne› (R. M. Rilke, Neue Gedichte)
Dem Welthaushalt freudig dienen ‒ Spiritualität 2011
Spiritualität und Ökumene:
(01:12:38) ‹Der römische Brunnen› (C.F. Meyer)
Fragen in Wendezeiten ‒ Mut und Vertrauen finden (2010)
Vortrag:
(58:38) Der römische Brunnen (C.F. Meyer)]
__________________
[1] Du großes Geheimnis: Gebete zum Aufwachen (2019), ‹26 ‒ Ergriffenheit›, 35
[2] Helmut von Loebell (1937-2020) lebte in Kolumbien als Initiator von sozialen Projekten dauernd in Todesgefahr. Im Buch Der Stehaufmann (2016) blickt er auf sein Leben zurück. Bruder David schrieb unter dem Titel Ein Lobpreis des Lebens ein berührendes Vorwort zu diesem Buch. Beide begegneten sich 2018 in Salzburg im Video Würde ‒ was wären wir ohne sie? (2018) mit Übersicht über die Themen des Gesprächs.
[3] Rilke: ‹Es winkt zu Fühlung fast aus allen Dingen› (Gedichte aus dem Nachlass):
«Durch alle Wesen reicht der e i n e Raum
Weltinnenraum. Die Vögel fliegen still
durch uns hindurch. O, der ich wachsen will.
ich seh hinaus, und i n mir wächst der Baum.»
[4] Rilke: Die achte Elegie (Duineser Elegien):
«Mit allen Augen sieht die Kreatur
das Offene: Nur unsre Augen sind
wie umgekehrt und ganz um sie gestellt
als Fallen, rings um ihren freien Ausgang.»
Bruder David trägt die achte Elegie vor in Lebendige Spiritualität (2015)
Der Doppelbereich:
(29:14) Die achte Duineser Elegie und Zugänge zu Rilkes Gedichten
[5] Rilke: Die Sonette an Orpheus 2. Teil, III:
«Spiegel noch nie hat man wissend beschrieben,
was ihr in euerem Wesen seid.
Ihr, wie mit lauter Löchern von Sieben
erfüllten Zwischenräume der Zeit.
Ihr, noch des leeren Saales Verschwender ‒,
wenn es dämmmert, wie Wälder weit...
Und der Lüster geht wie ein Sechzehn-Ender
durch eure Unbetretbarkeit.
Manchmal seid ihr voll Malerei.
Einige scheinen in euch gegangen ‒,
andere schicktet ihr scheu vorbei.
Aber die Schönste wird bleiben -, bis
drüben in ihre enthaltenen Wangen
eindrang der klare gelöste Narziß.»
[6] Ich bin durch Dich so ich (2016): ‹7. Weltreiseerfahrungen ‒ 7. Dialog›, 149f.
[7] Du großes Geheimnis: ‹Gebete zum Aufwachen› (2019), ‹28 ‒ Rührung›, 37
[8] Andreas Salcher im Gespräch mit Bruder David (2021) mit Übersicht über die Themen des Gesprächs
[9] Orientierung finden (2021): ‹Berufung ‒ Folge deinem Stern›, 91f.; siehe auch Berufung
[10] Erkenntnis (2023): Kapitel 5: ‹Dem Welthaushalt freudig dienen: Die letzte Wirklichkeit›: 119f.
[11] Die Achtsamkeit des Herzens (2021): ‹Stille leben›, 157f.; weitere Hinweise in Ergänzend: 1.
Hölderlins Verse sind die Schlussverse in seinem Gedicht ‹Hyperions Schicksalslied›
[12] Orientierung finden (2021): ‹Stop ‒ Look ‒ Go: sich einüben in den Fließweg des Lebens›, 113f.
[13] Joseph von Eichendorff: ‹Der Pilger, 3›: ‹Schlag mit den flammgen Flügeln›
Vertrauen
Text von Br. David Steindl-Rast OSB
Vertraue dem Leben, dass es jeden Augenblick genau das zur Verfügung stellt, was du brauchst.
Dem Leben zu vertrauen heißt: fest damit rechnen, dass jeder Tag uns genau das bringen wird, was wir brauchen ‒ wenn es auch nicht immer das ist, was wir uns wünschen. Daher werden wir keine Energie an inneren Widerstand verschwenden oder an Wunschträume; dann haben wir mehr Energie verfügbar, um mit der gegebenen Lage umzugehen – genau dort, wo das Schicksal uns hingestellt hat. Wir verlassen uns eben darauf, dass die Lebensquelle uns schon gibt, was für uns gut ist, ob wir es immer gleich erkennen oder nicht.
Menschen, die so leben, gleichen Schwimmern in einem reißenden Strom. Sie liefern sich der Strömung nicht willenlos aus, aber sie widerstehen ihr auch nicht; sie passen sich vielmehr mit jeder Bewegung der Trift oder Sog an, und nützen den Lauf des Wassers zielstrebig und geschickt so aus, dass sie sich an dem Abenteuer richtig freuen können.
Was wäre für ein erfülltes, geglücktes Leben wichtiger als solch gläubiges Vertrauen? Je bewusster wir leben, umso klarer erkennen wir, was für ein unfassbares Geschenk es ist, überhaupt lebendig zu sein. Diese Einsicht löst mit jedem Atemzug tiefe Dankbarkeit aus und öffnet dadurch unser Herz für immer größere Lebensfreude. [CG 1) 184; 2) 184]
Vorrat
Text, Video und Audios von Br. David Steindl-Rast OSB
Copyright © - Klaudia Menzi-Steinberger
Wachstumsprozess
Text von Br. David Steindl-Rast OSB
Sobald wir aufwachen und nicht mehr alles als selbstverständlich erachten, glimmt zumindest ein Fünkchen von Staunen, der Beginn von Dankbarkeit in uns.
Dankbarkeit aber muss sich ausdrücken.
Wir kennen das unangenehme Gefühl, das mit einem anonymen Geschenk einhergeht. Wenn ich eines erhalte und nicht weiß, wem ich nun danken soll, dann drängt es mich den ganzen Morgen lang, jedem, der mir über den Weg läuft, so etwas wie Dank zu äußern, einfach um mein eigenes Bedürfnis danach zu befriedigen.
Und während ich meinen Dank ausdrücke, wird er mir immer mehr bewusst.
Und je größer meine Bewusstheit, desto größer mein Bedürfnis, ihn auszudrücken.
Was hier geschieht, ist ein spiralförmiges Ansteigen, ein Wachstumsprozess immer weiterer Kreise um ein ruhendes Zentrum herum, eine Bewegung, die immer tiefer in die Dankbarkeit führt.
Ebenso ist es mit Gebeten.
Als Ausdruck unserer Andächtigkeit verstärken Gebete unsere Andacht. Und jene größere Andächtigkeit bedarf wiederum des Ausdrucks in Gebeten.
Vielleicht haben wir anfänglich nicht viel vorzuweisen, aber die Spirale dehnt sich entsprechend ihrer eigenen inneren Dynamik solange aus, wie wir beteiligt bleiben.
Ein hervorragendes Abbild dieser dynamischen Wachstumsentwicklung ist die Nautilusmuschel.
Ich kann an keiner Muschelausstellung vorbeigehen, ohne nach einer dieser faszinierenden Muscheln zu suchen. Besonders begeistern mich jene Exemplare, die in zwei Hälften geschnitten wurden, um die ganze Reihe leerer Kammern mit ihren Innenwänden aus Perlmutt zu zeigen. Irgendwo im Südpazifik oder im Indischen Ozean baute sich eine Molluske diese großartige Muschelschale um ihren Körper.
Und als dieses geheimnisvolle Meerwesen immer größer wurde, wanderte es von einer Kammer zur nächsten, löste sich von der alten, zu klein gewordenen, um zur nächsten, größeren überzusiedeln.
Aber schon bald war auch diese neue zu klein geworden und zwang seinen Erbauer und Bewohner dazu, weiterzubauen und umzusiedeln.
| Year after year beheld the silent toil | Jahr für Jahr beäugte das schweigende Mühen | |
| That spread his lustrous coil; | sein strahlendes Gewölbe auszubauen. | |
| Still, as the spiral grew, | Und weiter wuchs die Spirale. | |
| He left the past year's dwelling for a new, | Er ließ das Heim vom vorigen Jahr für ein neues zurück, | |
| Stole with soft step its shining archway through, | Wanderte heimlich durch seinen glänzenden Bogengang, | |
| Build up its idle door; | Verbaute hinter sich die jetzt nutzlose Pforte, | |
| Stretch'd in his last-found home, and knew the old no more. | Dehnte sich aus im neugefundenen Heim und vergaß das alte. |
Diese Zeilen stammen aus einem Gedicht von Oliver Wendell Holmes, «The Chambered Nautilus».
Der Dichter dankt unserer kleinen weichen Muschel, jenem «Kind der ewigen See» für seine Botschaft, die in den längst verlassenen Kammern immer noch widerhallt.
Eine «himmlische Botschaft» nennt sie der Dichter, denn sie erzählt vom Wachsen auf ein höchstes Ziel hin.
Von der Botschaft sagt er:
| While on mine ear it rings | Während sie in meinem Ohr nachklingt | |
| Through the deep caves of thought I hear a voice that sings: | Höre ich durch die tiefen Gedankenhöhlen hindurch eine singende Stimme: | |
| ‒ Build | ‒ Baue | |
| Build thee more stately mansions, O my soul, | Baue dir erhabenere Gebäude, meine Seele, | |
| As the swift seasons roll! | Während die Jahreszeiten dahinfliegen! | |
| Leave thy low-vaulted past! | Verlasse deine flachgewölbte Vergangenheit! | |
| Let each new temple, nobler than the last, | Jeder neue Tempel, vornehmer als der vorige, | |
| Shut thee from heaven with a dome more vast, | Soll dich mit höheren Kuppeln vom Himmel schirmen | |
| Till thou at length art free, | Bis du zuletzt befreit | |
| Leaving thine outgrown shell by life's unresting sea! | Die Muschel, der du entwachsen, an des Lebens müheloser See zurücklässt. |
[FN 1) 44-46; 2-5) 46-48; 6) 48-51; die deutsche Übersetzung des Gedichts ist dieser Ausgabe entnommen]
[Ergänzend:
Wandlung ins Übersinnliche
Text, Video und Audios von Br. David Steindl-Rast OSB
[Video ab (36:46)]: «Der Geschmacksinn ist eigentlich der innerlichste unserer Sinne. Es ist kein Zufall, dass das lateinische Wort für Weisheit ‒ sapientia ‒ eigentlich ein innerliches Schmecken heißt. Wörtlich ist sapientia ein innerliches Schmecken.
Und die tiefste Weisheit des Herzens besteht darin, einen Geschmack für die Welt zu entwickeln.
Und wie sollen wir das tun, wenn wir es nicht auch sinnlich mit unserer Zunge, mit unserm Geschmack lernen? Das ist eine sehr spirituelle Aufgabe wie mit all den andern Sinnen. Es handelt sich einfach darum, wirklich lebendig zu werden, wirklich aufzuwachen zu der Tiefe und Fülle des Lebens.
(38:40) Diese Art der Spiritualität, diese Art wirklich lebendig zu sein, und die Askese der Sinne, die dazu führt, ist im wahrsten Sinne allumfassend und also im echten Sinne katholisch. Sie schließt sich der ganzen Welt auf. Und das ist unsere große Aufgabe.
Das Kind in uns ist immer Dichter, bleibt Dichter. Und es tut das, was der Dichter tut. Es hebt das Sinnliche über den Wandel der Zeit ins Zeitlose hinaus.
(40:09) Das Erlebnis ist nicht vollendet, bevor es nicht in Erinnerung übergeführt wird. Diese Verwandlung von Sinneserfahrung in Erinnerung ist eine Verwandlung aus dem Sichtbaren, Schmeckbaren, Tastbaren, Riechbaren, Hörbaren in einen Bereich des Übersinnlichen.
Der Dichter Rainer Maria Rilke hat das so schön ausgedrückt.[1] Er vergleicht uns Menschen mit Bienen, die den Nektar des Sichtbaren in die großen goldenen Honigwaben des Unsichtbaren sammeln. Das ist unsere große menschliche Aufgabe.
(41:26) Diese Offenheit der Welt gegenüber von der wir hier sprechen, ist etwas so Wunderschönes, so Anziehendes, dass man sich wundern muss, warum wir uns so oft davor verschließen, warum wir nicht so leben, einfach im Alltag, warum man das üben muss. Und die einzige Antwort, die ich finden kann, ist, dass wir uns fürchten. Es kostet uns zu viel, uns dem auszusetzen. Wir wollen auswählen. Wir wollen uns nur dem aussetzen, was uns gut gefällt. Daher verschließen wir uns. Daher engen wir unsern Gesichtskreis ein. Angst verengt uns überhaupt. Angst verengt schon die Blutgefäße. Angst hat zu tun mit Angina, ángina: mit Enge: mit der inneren Enge, mit dem nicht atmen können. Es hat aber auch zu tun mit der Enge des Geburtskanals, durch den wir durchmüssen, um wirklich das Licht der Welt zu sehen, um geboren zu werden. Und das verlangt ungeheuren Mut von uns.
Dieser Mut, dieser Lebensmut, dieses gläubige Vertrauen in das Leben, das heißt im religiösen Sprachgebrauch Glaube. Und der Glaube ist eben einfach diese Offenheit dem Leben gegenüber, diese Bereitschaft für alles, was uns entgegenkommt. Dieses tiefe Vertrauen in die Welt, in das Leben und in den Urgrund und die Quelle des Lebens: Gott, wenn wir es so nennen wollen.
(43:41) Das Einzige, das wir wirklich lernen müssen, und das ist sehr einfach, ist aufzuwachen zu den vielen, vielen Geschenken, die wir täglich empfangen und sie dankbar entgegenzunehmen. Wenn wir wirklich dankbar sind, dann nehmen wir schon ganz spontan die Haltung ein, von der hier die Rede ist. Denn in der Dankbarkeit ist schon das Vertrauen beinhaltet dem Geber gegenüber, dem Gegebenen gegenüber, dem Leben, das uns sich gibt. Wenn wir dankbar sind, sind wir offen für dieses Geben, es in Empfang zu nehmen. Wir sind offen für Überraschungen. In der Dankbarkeit freut man sich über Überraschungen. Man weist sie nicht zurück, sie sind einem willkommen, man ist bereit dafür. Und wir sind auch bereit für dieses Geben und Nehmen, das zur Dankbarkeit gehört, das in Empfang nehmen und das Dank sagen. Und in diesem Geben und Nehmen besteht unsere Zugehörigkeit zu der Welt: unser Daheimsein in der Welt.»
[Bruder David im Buch HerzWerk (2025), 163, 98, 55-57]:
Werner Bergengruen sagt so schön (163):
«Nichts ist, was dich schrecken darf, und du bist daheim.»[2]
Das Leben will Wandlung ‒
in immer glühendere Lebendigkeit
auf immer höheren Ebenen. (98 und 101)
In seinem mit Recht berühmten Brief vom 13. November 1925 an seinen polnischen Übersetzer Withold Hulewicz erklärt Rilke eine grundlegende Einsicht seines Weltverständnisses:
«Alle Welten des Universums stürzen sich ins Unsichtbare,
als in ihre nächst-tiefere Wirklichkeit.»
Und noch einmal, etwas anders ausgedrückt:
«Die Vergänglichkeit stürzt überall in ein tiefes Sein.
Und so sind alle Gestaltungen des Hiesigen
nicht nur zeitbegrenzt zu gebrauchen,
sondern, soweit wirs vermögen,
in jene überlegenen Bedeutungen einzustellen,
an denen wir Teil haben.» (55 und 207)
Uns Menschen fällt bei dieser Verwandlung eine ganz wesentliche Aufgabe zu:
«Unsere Aufgabe ist es, diese vorläufige, hinfällige Erde
uns so tief, so leidend und leidenschaftlich einzuprägen,
dass ihr Wesen in uns ‹unsichtbar› wieder aufersteht.»
In uns also findet nach Rilkes Verständnis die Verwandlung des Sichtbaren in Unsichtbares statt:
«Die Erde hat keine andere Ausflucht,
als unsichtbar zu werden: in uns,
die wir mit einem Teil unseres Wesens
am Unsichtbaren beteiligt sind.» (55)
Um Verinnerlichung geht es bei diesem Prozess und Rilke sagt das ausdrücklich in seiner siebten Duineser Elegie:
«Nirgends, Geliebte, wird Welt sein, als innen. Unser
Leben geht hin mit Verwandlung. Und immer geringer
schwindet das Außen.»
Verwandlung stellt für Rilke unsere einzigartige Lebensaufgabe als Menschen dar. Wohl deshalb, weil wir Menschen jene Tiere sind, die bewusst am Übersinnlichen Anteil haben.
Für den Dichter besteht offenbar der Reifungsprozess eines Menschenlebens in fortschreitendem Verwandeln, bei dem das Außen immer geringer wird und schließlich verschwindet, wenn aller von uns lebenslang eingeheimster Nektar des Sichtbaren zu Honig wurde ‒ im unsichtbaren Bereich. Er nennt uns Menschen ja
«die Bienen des Unsichtbaren».
«In uns allein kann sich diese intime
und dauernde Umwandlung
des Sichtbaren in Unsichtbares,
vom sichtbar- und greifbar-sein
nicht länger Abhängiges vollziehen,
wie unser eigenes Schicksal in uns
fortwährend zugleich
vorhandener und unsichtbar wird. …
Wir sind, noch einmal sei's betont, …
diese Verwandler der Erde,
unser ganzes Dasein,
die Flüge und Stürze unserer Liebe,
alles befähigt uns zu dieser Aufgabe
(neben der keine andere, wesentlich, besteht).»(56 und 207f.)
Alexandra: In dem wichtigen Brief, den du hier mehrmals zitierst, finde ich das Bild der «Bienen des Unsichtbaren» besonders hilfreich für ein Verständnis von Verwandlung.
Bruder David: Ja, Alexandra, außerordentlich hilfreich. Rilke sagt:
«Wir sammeln voll Leidenschaft ‒
eigentlich ‹ganz in unserer Arbeit aufgegangen› ‒
den Honig des Sichtbaren, um ihn zu speichern
im großen goldenen Bienenstock des Unsichtbaren.»
Er schreibt diesen einen Satz auf Französisch:
«Nous butinons éperdument le miel du visible,
pour l'accumuler dans la grande ruche d’or de l’invisible.»
Alexandra: Es war ja tatsächlich die überragende Leidenschaft Rilkes, durch sein Leben und Dichten alles Sichtbare im Bereich des Unsichtbaren zu speichern ‒ es innerlich auf eine höhere Ebene hinaufzuheben und dort sozusagen aufzuheben wie in einer großen goldenen Honigwabe. (56f.)
«So gilt es, alles Hiesige nicht nur
nicht schlecht zu machen und herabzusetzen,
sondern gerade, um seiner Vorläufigkeit willen,
die es mit uns teilt,
sollen diese Erscheinungen und Dinge
von uns in einem innigsten Verstande
begriffen und verwandelt werden.
Verwandelt? Ja, denn
unsere Aufgabe ist es.»(57 und 208)
Bruder David: Und dieses Verwandeln ist aus Rilkes Sicht eben unsre große Aufgabe als Menschen:
«Umwandlung des Sichtbaren in Unsichtbares.»
Er versteht «Unsichtbares» als etwas «vom sichtbar- und greifbar-sein nicht länger Abhängiges».
Dabei ist offenbar, dass es Rilke daran liegt, «im Unsichtbaren einen höheren Rang der Realität zu erkennen», wie er ausdrücklich betont (57):
«Der Engel der Elegien ist dasjenige Wesen, das dafür einsteht,
im Unsichtbaren einen höheren Rang der Realität zu erkennen. ‒
Daher ‹schrecklich› für uns, weil wir, seine Liebenden und Verwandler,
doch noch am Sichtbaren hängen.» (213)
[Obiger Text ist eine Komposition mit Auszügen aus der Transkription des Videos Wir sind daheim in dieser Welt (1975) ab (36:46) und dem Buch von Bruder David und Alexandra Kreuzeder: HerzWerk (2025): ‹Freude finden mit Rainer Maria Rilkes Sonette an Orpheus›, 163, 98, 55-57]
[Ergänzend:
‹Wir sind die Bienen des Unsichtbaren›
1. Audios
1.1. Fragen, denen wir uns stellen müssen (2016)
Tag 4
Nachmittag: ‹memento mori› ‒ ‹memento vivere› (Bruder David):
(21:24) Leben im Doppelbereich Leben-Sterben heißt Rühmen auch unter Schatten: ‹Schau auf das Ganze, rühme das Ganze› (Augustinus), ‹Seidener Faden kamst du hinein ins Gewebe› (Rilke: Sonette an Orpheus 2. Teil, XX), ‹Nur wer die Leier schon hob auch unter Schatten› (Rilke: Sonette an Orpheus 1. Teil, IX) ‒ ‹And the time of death is every moment› (T. S. Eliot: Four Quartets: The Dry Salvages, III) / (26:32) Leben im Doppelbereich Ich-Selbst heißt im Augenblick leben ‒ Warum das Ich? ‹Wir sind die Bienen des Unsichtbaren› (Rilke): Nichts geht verloren: ‹All is always now› (T. S. Eliot: Four Quartets: Burnt Norton, V) / (31:31) Auferstehung des Fleisches: von allem, was vergänglich ist, unser Leben verborgen in Gott (Kol 3,3)
Siehe auch Jetzt im Doppelbereich und Jetzt und ewiges Leben
1.2. Lebendige Spiritualität (2015) mit Bruder David und Pater Johannes Pausch in vier Gesprächsabenden mit Gedichten und Texten von Rilke
Verstehen durch TUN:
(39:35) ‹Wir sind die Bienen des Unsichtbaren› ‒ ‹Preise dem Engel die Welt› – ‹Aber weil Hiersein viel ist› (Die neunte Elegie)
Siehe auch Lobpreis des Lebens: Ergänzend: 3.
1.3. Lebensorientierung (2015)
Tag 4:
(27:11) Der Schlüsselbegriff ‹Entwicklung› weist in seiner Doppelbedeutung hin auf unsere Lebensaufgabe, unsern einzigartigen Beitrag im Großen und Ganzen des Selbst: ‹Wir sind die Bienen des Unsichtbaren›
Siehe auch in der Nachschrift Tag 4 den Abschnitt mit dem Untertitel: ‹Entwicklung auf zwei Ebenen›
1.4. Dankbarkeit als Achtsamkeit im Dialog (2014)
Vortrag:
(30:31) Worum geht es im Leben? Wie begegnen wir dem Sterben und dem Tod?
‹Anreicherung›, Erfahrungsreichtum im Bereich des Geistes unterscheidet sich von ‹Entwicklung›, dem ‹Stirb und Werde› im materiellen, leiblichen Bereich:[3]
Siehe auch die Transkription des Audios:
«Wir sind die Bienen des Unsichtbaren. Wir heimsen den Nektar des Sichtbaren ‒ und das heißt, den Nektar des Sichtbaren und mit allen Sinnen Erfahrbaren: darum leben wir in dieser Körperlichkeit im Bereich der Materie ‒ Wir heimsen den Nektar des Sichtbaren in die große goldene Honigwabe des Unsichtbaren.
Und das ist der Bereich des Geistes. Das ist, was ich Anreicherung nenne, und das kann niemand von außen beobachten, das können wir nur aus eigener Erfahrung, nur von innen her.»
«Und das kann ein großer Trost sein, nicht was äußerlich Beweiskraft hat, aber etwas, das innerlich Trost und Stärke geben kann. Dass wir in diesen großen goldenen Honigwaben etwas ansammeln, was durch unser Sterben, das eben zum Leben gehört ‒ zum Leben gehört das Sterben ‒, überhaupt nicht betroffen wird, sondern eben: Sein ist über den Tod erhaben. Sterben ‒ Tod ist nicht das Gleiche.»
1.5. Einsichten aus Rilkes Dichtung mit Bruder David in Flüeli-Ranft (2014): Audio Tag 3-4 ab (23:55), transkribiert in Teil II, 105-107; siehe auch Rühmen, Er-innern, Aufheben
1.6. Fülle und Nichts (1996)
Vortrag:
(30:42) In der Erinnerung verinnerlichen wir uns, was wir mit den Sinnen nicht mehr erreichen können – Beispiel einer blinden, 83jährigen, Frau
(32:04) ‹Wir Menschen sind die Bienen des Unsichtbaren›
1.7. Das Leid des Lebens zu Herzen nehmen (1992)
Eröffnungsreferat Vortrag:
(22:47) Verleiblichen des Geistigen und Vergeistigen des Leiblichen: Durch die Sinne Sinn finden – ‹Wir sind die Bienen des Unsichtbaren›
Der Text des Vortrages Das Leid des Lebens zu Herzen nehmen ist abgedruckt im Tagungsband Schmerz ‒ Stachel des Lebens; siehe S. 23
1.8. Menschenwürde (2019)
‹Würde und unsere Einzigartigkeit›; siehe auch die Mitschrift:
«Jetzt haben wir über die Zugehörigkeit nachgedacht, über die Eigenart könnten wir auch nachdenken: Nicht zwei Menschen, nicht einmal Zwillinge haben den gleichen Fingerabdruck. Das heißt aber auch, dass niemand einen Strauß Tulpen so gesehen hat ‒ vorher oder nachher in der Geschichte ‒, wie jede und jeder jetzt diese Tulpen sieht. Denn was wir da sehen, ist ja nicht nur Licht, das unsere Augen trifft: Sehen heißt, es erleben. Und erleben hängt davon ab, wer wir sind. Wir sind so verschieden voneinander, dass nicht zwei Menschen das gleiche erleben können. Das ist auch unser Beitrag zur Menschheitsgeschichte, dass wir das wirklich erleben.
Rilke sagt: ‹Wir sind die Bienen des Unsichtbaren, und wir heimsen den Nektar des Sichtbaren in die große goldene Honigwabe des Unsichtbaren›. Das ist unsere Aufgabe im Leben. Und das mit allen Sinnen zu machen. Und jede und jeder von uns kann das nur ganz anders machen wie alle andern. Wir unterscheiden uns so voneinander!»
2. Texte:
2.1. Die Achtsamkeit des Herzens: ‹Sinnlichkeit und christliche Askese› (2021), 97f.:
«So gilt es, alles Hiesige nicht nur nicht schlecht zu machen und herabzusetzen, sondern gerade, um seiner Vorläufigkeit willen, die es mit uns teilt, sollen diese Erscheinungen und Dinge von uns in einem innigsten Verstande begriffen und verwandelt werden. Verwandelt? Ja, denn unsere Aufgabe ist es, diese vorläufige, hinfällige Erde uns so tief, so leidend und leidenschaftlich einzuprägen, dass ihr Wesen in uns ‹unsichtbar› wieder aufersteht. Wir sind die Bienen des Unsichtbaren. Nous butinons éperdument le miel du visible, pour l'accumuler dans la grande ruche d'or de l'Invisible.»
Ebd. ‹Die Dankbarkeit der fünf Sinne› (2021), 56f.:
«Wir sind daheim in dieser Welt, und das Kind in uns weiß es. Als Kinder zweifelten wir nicht einen Augenblick daran, dass Liebe diese Welt entwarf. Darum blickten unsere Augen noch ‹mit hellem Mut›. Wir hatten eben noch den Mut, die Welt arglos dankbar als das zu erkennen, was sie ist, als Gabe. Was verdüstert uns dann heute so oft hellen Mut und hellen Blick? Furcht. Wir fürchten, uns auf die Güte des großen Gastgebers zu verlassen; Furcht, uns ehrfürchtig vor dem Geber zu neigen. Wir haben Furcht vor der Ehrfurcht. Und warum? Weil die Ehrfurcht Gott jene Mitte zugesteht, die wir uns so gerne selber anmaßen. Gerhard Terstegen hat mit wenigen Worten zielsicher auf das Entscheidende an der Ehrfurcht hingewiesen: Nicht wir sind in der Mitte, sondern Gott.
‹Gott ist gegenwärtig; lasset uns anbeten
Und in Ehrfurcht vor ihn treten!
Gott ist in der Mitte …›Gerhard Teerstegen: Anbeten vor Gottes Gegenwart
Wir müssen wählen zwischen Ehrfurcht und Furcht. Wer nicht den Mut zur Ehrfurcht hat, der fällt unweigerlich existentieller Angst zum Opfer. Nur die Ehrfürchtigen sind daheim in dieser Welt und wissen es.»
2.2. 99 Namen Gottes (2019): ‹88 al-Ġanī, der REICHE, der niemanden braucht›, 183:
«Wir gehören ja als Menschen dem Vergänglichen an, ragen aber ins Geheimnis hinein, also ins Unvergängliche. Durch uns fließt alles, was unsere Sinne ergreifen, ins unbegreifliche Geheimnis zurück. Darum nennt Rilke uns ‹die Bienen des Unsichtbaren›: Durch alles, was wir tun und erleiden, sammeln wir den Nektar des Sichtbaren in die große, goldene Honigwabe des Unsichtbaren. Dieses Bild zeigt den Strom des Segens als zurückfließend und der REICHE erscheint nun auch deshalb so überreich, weil sein verschenkter Reichtum unaufhörlich bereichert in ihn zurückfließt.
‹So fließt der Dinge Überfluss dir zu.
Und wie die obern Becken von Fontänen
beständig überströmen, wie von Strähnen
gelösten Haares, in die tiefste Schale, so
fällt die Fülle dir in deine Tale,
wenn Dinge und Gedanken übergehn.›
(Rilke: ‹Und du erbst das Grün›: Das Stunden-Buch: ‹Von der Pilgerschaft›)
Du bist einzigartig. Noch nie hat jemand einen Baum genau so gesehen, wie du ihn siehst. Alles, was du von Geburt aus bist, und deine ganze bisherige Erfahrung fließen in dein Schauen ein. Vielleicht willst du heute still und lange einen Baum anschauen und dich daran freuen, dass du dadurch das Universum bereicherst und dem REICHEN den Baum durch dein Schauen bereichert zurückschenkst.»
2.3. Im Buch Auf dem Weg der Stille (2016), 95f.; siehe den Text in Rühmen, Er-innern, Aufheben
2.4. Im Buch Ich bin durch Dich so ich (2016): ‹9. Doppelbereich ‒ Dialog›, 190f.; siehe auch Jetzt im Doppelbereich und Rühmen, Er-innern, Aufheben:
«Erinnerung ist nicht Wiederbringung von Vergangenem, sondern ‹Er-inner-ung›:
Etwas ist ins Innerste eingegangen und gehört nicht nur meinem persönlichen Innersten an, sondern dem Weltinnenraum.
Rilke fasst das in die dichterische Vorstellung, dass wir Menschen die ‹Bienen des Unsichtbaren› sind.
Unser ganzes Leben besteht darin, jeden Augenblick, jede Erfahrung in die ‹große goldene Honigwabe› des Weltinnenraums einzuheimsen.
Nichts kann dort je wieder verloren gehen. Was ich einheimse in diese große goldene Honigwabe, ist mein einzigartiger Beitrag.
Wir sind so verschieden voneinander, dass es wohl nie zwei Menschen gegeben hat, die, sagen wir, eine Rose angeschaut und dasselbe gesehen haben.
Mit meiner einzigartigen Sensibilität reichere ich den Weltinnenraum an.
Ich bereichere ihn mein Leben lang, nicht nur durch alles Angenehme, was ich erlebe, sondern auch durch jedes Leiden. Alles hat Wert und Bestand. Nichts geht verloren.»
Johannes Kaup: «Vom Leiden hoffen wir, dass es ebenfalls verwandelt wird. Deswegen frage ich noch einmal anders: Wird auch die Vergänglichkeit verwandelt?»
Bruder David: «Sie wird schon jetzt verwandelt. Jetzt oder nie.»
2.5. Bruder David im Gespräch mit Anselm Grün im Buch Das glauben wir (2016): ‹Wie kann ich endlich leben? ‒ oder: Über das Sterbliche und das Ewige›, 92f.:
Bruder David spricht vom Unterschied von Ich und Selbst: «Unser Selbst ist nicht in Raum und Zeit, wir erleben es im Jetzt, das über Raum und Zeit erhaben ist. Unser Ich dagegen ist in Raum und Zeit. Menschliche Größe und menschliche Aufgabe zugleich ist es, in diesem Doppelbereich zu leben.
Ich und Selbst durchlaufen dabei,
obwohl vereint,
zwei unterschiedliche Prozesse:
Für mein Ich stellt meine Lebensspanne von der Empfängnis bis zum Tod ein Prozess dar, in dem es um Entwicklung geht ähnlich wie vom Samen über die Blüte zur Frucht, die selbst wieder zu neuem Samen wird.
Beim Selbst geht es nicht um diese Art von Entwicklung, sondern um Entwicklung in einem anderen Prozess, den wir vielleicht Anreicherung nennen könnten.[4] In diesem Sinn verstehe ich, was der Dichter Rilke von uns Menschen sagt:
«Wir sind die Bienen des Unsichtbaren
und heimsen den Nektar des Sichtbaren in die
große goldenen Honigwabe des Unsichtbaren ein.»
Ich sehe den Sinn von allem, was wir in der Zeit an Freude und Leid erleben, in einem Anreichern, einem Einbringen in diese ‹goldene Honigwabe› des Überzeitlichen. Jenseits von Zeit wird das Selbst bereichert durch alle Leiden und Freuden, die wir Zeit unseres Erdendaseins durchstehen.
Im Doppelbereich stehen wir sozusagen auf zwei Beinen, einerseits mit unserem Ich in Raum und Zeit, andererseits mit unserem Selbst im Jetzt, im überzeitlich Bleibenden.
Ich sehe meine Aufgabe in meinem hohen Alter darin, mehr und mehr das Selbst zu meinem Standbein zu machen, bis mein Ich nur mehr das Spielbein ist.
Wenn mein Ich stirbt und nicht mehr da ist, genauso wenig, wie es vorher da war, dann bleibt doch das Selbst ‒ und, im Selbst aufgehoben, jeder Augenblick meiner Zeit mit all seiner Fülle. Ich kann mir das freilich nicht bildlich vorstellen. Auch ein Embryo kann sich ja nicht vorstellen, wie man außerhalb des Mutterschoßes leben könnte. Ebenso kann sich eine Raupe nicht vorstellen, wie es sein könnte, als Schmetterling zu fliegen.»
2.6. Einsichten aus Rilkes Dichtung mit Bruder David in Flüeli-Ranft (2014): Teil II, 105-107; siehe auch Ergänzend: 1.5.
2.7. Ostergrüße 2013]
_____________________
[1] Siehe weiter unten: R. M. Rilke am 13. November 1925 in einem Brief an seinen polnischen Übersetzer Witold Hulewicz
[2] Werner Bergengruen (1892-1964): ‹POETA CREATOR, Ein Glückwunschgedicht›, in seinem Buch: ‹Die heile Welt: Gedichte›, Zürich, im Verlag der Arche 1952, 158-162; ausführlich in Heim ‒ Heimweg: Haupttext und Ergänzend: 3.
[3] Im Buch Orientierung finden (2021), 52, engt Bruder David den Begriff ‹Entwicklung› nicht mehr auf den Entwicklungsprozess ein, den wir mit andern Lebewesen teilen. Er gibt dem Wort ‹Entwicklung› nun drei Bedeutungen:
ENWICKLUNG, in: Das ABC der Schlüsselworte, im Buch: Orientierung finden (2021), 134:
«Entwicklung ist ein Wort mit dreifacher Bedeutung. [1] Einerseits bedeutet Entwicklung Entfaltung, etwa im Hinblick auf biologische Prozesse. [2] Das Wort ‹entwickeln› kann aber auch auf Prozesse wie das Aufbauen eines Wortschatzes hinweisen. [3] Und in der Fachsprache der Photografie ist Entwicklung der Prozess, durch den ein Negativ zum positiven Foto wird. Im Sinne dieser drei Prozesse lässt sich in unsrem Lebenslauf von Entwicklung sprechen. Entwicklung bedeutet also Entfaltung, Anreicherung und Verwirklichung von Möglichkeiten. Auch im Hinblick auf Entwicklung im Sinne von Evolution kommt diesen drei Aspekten große Bedeutung zu.»
[4] Überarbeite Fassung im Sinn von Anm. 3
Wandlung will Lebendigkeit
Text, Video und Audios von Br. David Steindl-Rast OSB
«Wolkengestalten in ihren pausenlosen Verwandlungen
erstaunen und begeistern mich,
schon seit ich mit Kinderaugen
ihrem Dahinziehen in die Ferne folgte.
Und seither hat jeder Tag ‒
so viele Jahre und Jahrzehnte lang ‒
neue Wunder an Wolkengestalten vor mir aufgetürmt
und an mir vorüberziehen lassen.
Alles, was ich an Wandel der Welt
erleben durfte in meinem langen Leben
‒ und es war viel ‒,
fand im Wandel der Wolken sein Widerspiel.
Das Stürmen der Zeit und Stürme im Luftraum:
Stimme und Gegenstimme im Kontrapunkt
der einen großen polyphonen Musik
und darüber gewölbt Deine Stille
als ungetrübtes Blau des Himmels.Ich will lernen, mich dem Wandel
nicht zu widersetzen.
In meinem Leben kann ich so wenig aufhalten
wie am Wolkenhimmel.
Lass mich Schritthalten lernen ‒ Tanzschritt.
Amen»«Bewegung in zahllosen Formen,
das ist doch eigentlich,
was wir das Leben nennen.
Vom Kreisen der Galaxien,
Sonnen und Planeten zum Kreisen
der Falken, ihrem Hinabsausen
und dem Zappeln der Maus;
vom plötzlichen Aufblühen der
Feuerwerksraketen zum sachten Entfalten
der Wiesenblumen; vom Flug des Pfeiles
zum Fallen plumper Pflaumen,
Bewegungen von Fliehen und Erhaschen,
von Mühe und Entspannung,
Einschlafen und Erwachen.Aber auch die Bewegung aufsteigender
Dankbarkeit, sprießenden Verliebtseins,
stiller Verinnerlichung.
Verinnerlichung hinein in eine Stille,
die nicht Stillstand bedeutet,
sondern bis zum scheinbaren Stillstand
geballte Bewegung ‒
wie der Flügelschlag des Kolibris.
Aus dieser Mitte lass jede letztlich
ein Empfangen und Weiterschenken werden,
ein Geben und Nehmen zwischen Dir und mir.
Amen.»(Bruder David: Erwachende Worte (2023): ‹Meditative Gebete›, 55 und 105)
«Du großes Geheimnis, Quellgrund meines
Lebens, Meer, dem alles zuströmt!Zu diesem Strömen gehört auch das Fließen
meiner Lebenszeit in die Ewigkeit.
Schon jetzt ist Ewigkeit gegenwärtig in der Zeit,
so wie unsichtbares Licht gegenwärtig ist
in allem, was ich sehe.
Weil ich hier im Diesseits
Ewigkeit in der Zeit erlebe,
darf ich mir vorstellen,
dass im Jenseits Zeit in Ewigkeit aufgehoben ist.
Übergangspunkt ist meine Sterbestunde.
Wann sie kommen wird, weiß ich nicht,
aber jeden Tag durchlaufe ich diesen Punkt.
Daran will ich heute denken
und jede Stunde so vollbewusst leben,
als wäre es meine letzte. Amen.»(Bruder David: Du großes Geheimnis (2019): ‹Gebete zum Aufwachen›, 56)
Das Leben will Wandlung ‒
in immer glühendere Lebendigkeit
auf immer höheren Ebenen. (98 und 101)
Rilkes Sonett «Wolle die Wandlung» ist ein Weckruf zu wacher Lebendigkeit:
«Wolle die Wandlung. O sei für die Flamme begeistert,
drin sich ein Ding dir entzieht, das mit Verwandlungen prunkt;
jener entwerfende Geist, welcher das Irdische meistert,
liebt in dem Schwung der Figur nichts wie den wendenden Punkt.»
(Rilke: ‹Wolle die Wandlung›:
Die Sonette an Orpheus 2. Teil, XII) (100)
«Du großes Geheimnis, Quellgrund meines
Lebens, Meer, dem alles zuströmt!Es wird mir immer klarer, dass ich
vor allem für den verschwindend kurzen
Zwischenraum zwischen einem Gedanken
und seiner Ausführung wach sein muss,
um wirklich achtsam zu leben.
In dieser haardünnen Zeitritze
scheinen Entscheidungen Platz zu haben,
auf die alles ankommt ‒
etwa die Entscheidung, ob ich ein Wort,
das mir schon auf der Zunge liegt,
sagen soll, oder es verschlucken.
Ungesagt kann ich es nachher
nicht mehr machen.
Oft wird mir das erst zu spät bewusst.
Heute will ich auf diesen Drehpunkt achten.
Amen»(Bruder David: Du großes Geheimnis, 87)
«Was sich ins Bleiben verschließt, schon ists das Erstarrte;
wähnt es sich sicher im Schutz des unscheinbaren Grau's?
Warte, ein Härtestes warnt aus der Ferne das Harte.
Wehe –: abwesender Hammer holt aus!»
(Rilke: ‹Wolle die Wandlung›) (100)
«Du großes Geheimnis, Quellgrund meines
Lebens, Meer, dem alles zuströmt!An manchen Tagen scheint alles schon
beim Aufstehen zu klemmen.
Alles stockt irgendwie.
Ich kann nur tief durchatmen
und mich Dir anvertrauen,
Du Lebensstrom,
an dem mein Atmen teilnehmen darf.
Dann denke ich an alles,
was in der großen Welt draußen klemmt,
an Stellen, wo Austausch stockt
und Beziehungen brechen.
Und weil alles mit allem zusammenhängt,
kann ich überall, wo Leben nach Heilung schreit,
Dich, Du Lebenskraft, hineinatmen.
Lass das nicht eine Art Magie sein,
sondern Fürbittgebet für meine Lieben.
Amen.»(Bruder David: Du großes Geheimnis, 52)
«Wer sich als Quelle ergießt, den erkennt die Erkennung;
und sie führt ihn entzückt durch das heiter Geschaffne,
das mit Anfang oft schließt und mit Ende beginnt.»
(Rilke: ‹Wolle die Wandlung›) (100)
«Du großes Geheimnis, Quellgrund meines
Lebens, Meer, dem alles zuströmt!Dieses Strömen von allem ist doch zugleich
auch ein Kreisen:
Alles kehrt zu seinem Ursprung zurück,
wie Wasser verdunstet,
aber als Regen zurückkehrt;
wie Erde sich verwandelt in Lebendiges,
das wieder zu Erde wird.
Kreisläufe vermitteln Geborgenheit.
Darum will ich in allem,
was kreist ‒ im Kreisverkehr,
in den unzähligen Rädern ‒,
nicht nur das Hinwegreißende
beachten, sondern das
im Kreislauf Ruhende.
So kann mein Anschauen den tollen Wirbel
in einen gelassenen Rundtanz verwandeln.
Heute soll Reigentanztag werden ‒
Dir zu Ehren. Amen.»(Bruder David: Du großes Geheimnis, 59)
«Jeder glückliche Raum ist Kind oder Enkel von Trennung,
den sie staunend durchgehn. Und die verwandelte Daphne
will, seit sie lorbeern fühlt, dass du dich wandelst in Wind.»
(Rilke: ‹Wolle die Wandlung›) (100)
«Du großes Geheimnis, Quellgrund meines
Lebens, Meer, dem alles zuströmt!Du schenkst mir den Morgenwind;
der mir Stirn, Wangen und Ohren streichelt.
Er tut es ohne Absicht, hat kein Ziel.
Er weht eben.
Er ist reines Verschenken.
So wünsche ich mir mein eigenes Dasein.
Hast Du es nicht so gemeint?
Mein Leben vergeht so oder so.
Ich will es nicht auströpfeln lassen
wie Wasser durch ein Loch im Eimer.
Lass es mich willig verströmen
und freudig verschenken an alle,
die mir begegnen, und durch alles,
was ich tue ‒ am heutigen Tag
und immer. Amen.»(Bruder David: Du großes Geheimnis, 15)
«Wolle die Wandlung. O sei für die Flamme begeistert,
drin sich ein Ding dir entzieht, das mit Verwandlungen prunkt;
jener entwerfende Geist, welcher das Irdische meistert,
liebt in dem Schwung der Figur nichts wie den wendenden Punkt.
Was sich ins Bleiben verschließt, schon ists das Erstarrte;
wähnt es sich sicher im Schutz des unscheinbaren Grau's?
Warte, ein Härtestes warnt aus der Ferne das Harte.
Wehe –: abwesender Hammer holt aus!
Wer sich als Quelle ergießt, den erkennt die Erkennung;
und sie führt ihn entzückt durch das heiter Geschaffne,
das mit Anfang oft schließt und mit Ende beginnt.
Jeder glückliche Raum ist Kind oder Enkel von Trennung,
den sie staunend durchgehn. Und die verwandelte Daphne
will, seit sie lorbeern fühlt, dass du dich wandelst in Wind.»
(Rilke: Sonette an Orpheus 2. Teil, XII) (100)
[Obiger Text ist eine Komposition mit Auszügen aus dem Buch von Bruder David und Alexandra Kreuzeder: HerzWerk (2025): ‹Freude finden mit Rainer Maria Rilkes ‹Sonette an Orpheus›,98, 100f., und Gebeten von Bruder David in Erwachende Worte (2023) und Du großes Geheimnis (2019)]
[Ergänzend:
‹Wolle die Wandlung›
1. Video Leben in Zeiten der Bedrängnis (2017) und Transkription; siehe auch Abschied, der Klang des Lebens und Abschied, Wandlung, Aufheben:
(15: 36) «Und was hindert uns daran so zu überleben? So zu überstehen?
Was uns hindert ist Furcht. Furcht vor Wandel. Wir wollen, dass alles immer bleibt. Wir fürchten den Wandel. Und da sagt Rilke im Sonett: ‹Wolle die Wandlung›:
Wenn es still ist und wir uns ins Bleiben verschließen wollen, ist das nur die Stille vor dem Sturm, nur die Stille vor dem Hammer, der schon ausholt. Denn nichts kann sich dem Bleiben verschließen: das Leben ändert sich ständig. Und das macht uns Angst.»
2. Audio So leben wir und nehmen immer Abschied (2009); siehe auch Sterben und Wandlung: Ergänzend: 1.
Vortrag:
(36:46) ‹Wolle die Wandlung›
3. Einsichten aus Rilkes Dichtung mit Bruder David in Flüeli-Ranft (2014): Audio Tag 5-1 ab (48:52), transkribiert in Teil II, 150-155.
In den Vorträgen im Haus St. Dorothea in Flüeli-Ranft vom 14.-18. September 2014 bildete dieses Sonett ‒ wie auch ‹Sei allem Abschied voran› ‒ das Herzstück dieser vier intensiven Tage.
4. Im Buch HerzWerk (2025): ‹Wolle die Wandlung› (Die Sonette 2. Teil, XII): ‹Sich nicht ins Bleiben verschließen›, 100-107:
« … ‹in dem Schwung der Figur nichts wie den wendenden Punkt›:
Wen erinnert das nicht an die Vorliebe antiker Meister für den Wendepunkt einer Figur in Bewegung ‒ etwa beim berühmten Diskuswerfer des Myron. Nur deshalb wirken antike Skulpturen so lebendig, weil es dem Bildhauer gelang, den Augenblick der Stille im ‹Schwung der Figur› festzuhalten ‒ ein Bild für das Jetzt, in dem der ganze Ablauf von Vergangenheit und Zukunft Gegenwart wird.» (101f.)
«Die Verweigerung der Wandlung nennt Rilke hier das Bleiben ‒ verschlossen und erstarrt ‒, das Gegenteil vom ständig sich wandelnden Leben. Aber ‹jener entwerfende Geist›, das innerste Lebensprinzip, will Lebendigkeit und kann das Erstarrte nicht dulden. Man sollte diese warnenden Verse laut lesen und die Pause nach dem ‹Wehe› erleben, um ihre Drohung hautnah zu fühlen: ‹Warte, ein Härtestes warnt aus der Ferne das Harte. Wehe ‒: abwesender Hammer holt aus›!
Die Stille, in die sich alles zurückzieht, was sich ins Bleiben verschließt, ist ein grau verstaubtes duckmäuserisches Stillhalten, nicht die horchende Stille, wie Tiere sie uns vorleben.[1] Sie ist die unheilschwangere Stille vor dem Donnerschlag ‒ bevor der noch abwesende Hammer niederkracht.» (102)
«Aber wenn die Verkrustung dessen zerschlagen ist, was sich ins Bleiben verschließt, kommt alles wieder ins Fließen. ... Wir dürfen uns einfühlen in dieses Uns-Ergießen und in jenes Völlig-erkannt-Werden, nach dem wir uns zutiefst sehnen. Mit dieser Haltung werden wir uns ‹entzückt durch das heiter Geschaffne› führen lassen und erst solche Hingabe wird uns so recht die Heiterkeit der Schöpfung erleben lassen. Wir werden einbezogen in den großen Reigentanz alles Geschaffenen, in dessen Kreis Anfang und Ende eins sind.» (102)
«Das letzte Bild dieses Sonetts spielt auf einen griechischen Mythos an. Die Nymphe Daphne flieht vor der ungestümen Begierde Apollos und wird von Zeus zur Rettung in ein Lorbeerbäumchen verwandelt. Rilke stellt diese klassische Ikone der Verwandlung ans Ende dieses Sonetts und wandelt zugleich dessen Anfang ab, indem er die Blickrichtung umkehrt.
Hieß es am Beginn ‹Wolle die Wandlung ... drin sich ein Ding dir entzieht›, geht es am Schluss um die Verwandelte, die sich dir durch ihre Wandlung entzogen hat, und sie will etwas von dir: ‹dass du dich wandelst›.
Meisterhaft weist Rilke durch diese Umwandlung vom Ende auf den Anfang zurück. Er tut es, scheint mir, mit einem schelmischen Lächeln. Er weiß aus Erfahrung, dass jede Daphne ‹mit Verwandlungen prunkt›, und will, dass du dich wandelst, je nachdem, wie sie sich fühlt. Wenn sie sich lorbeerartig f ü h l t, so ist es eben notwendig, ‹dass du dich wandelst in Wind›. Das stellt deine Liebe auf die Probe. Echte Liebe gibt Kraft zur Wandlung.»]
________________
[1] Im Buch HerzWerk (2025): 2. ‹Da stieg ein Baum. O reine Übersteigung› (Die Sonette 1. Teil, I): ‹Orpheus und Christus›, 23 und 29:
«Tiere aus Stille drangen aus dem klaren
gelösten Wald von Lager und Genist;
und da ergab sich, dass sie nicht aus List
und nicht aus Angst in sich so leise waren,
sondern aus Hören. Brüllen, Schrei, Geröhr
schien klein in ihren Herzen.»
Weg, Wandeln, Wagnis
Text, Video und Audios von Br. David Steindl-Rast OSB
An einem Sommermorgen
Da nimm den Wanderstab,
Es fallen deine Sorgen
Wie Nebel von dir ab.Des Himmels heitre Bläue
Lacht dir ins Herz hinein,
Und schließt, wie Gottes Treue,
Mit seinem Dach dich ein.Rings Blüten nur und Triebe
Und Halme von Segen schwer,
Dir ist, als zöge die Liebe
Des Weges nebenher.So heimisch alles klinget
Als wie im Vaterhaus,
Und über die Lerchen schwinget
Die Seele sich hinaus.Theodor Fontane: Guter Rat
Der Wanderer, den Fontane beschreibt, ist guten Mutes, weil die Liebe an seiner Seite wandert. In seinem Vaterhaus ist der Himmel das Dach. Die Welt ist seine Heimat. Er fühlt sich aufgehoben im Welthaushalt, er kennt seinen Platz und seine Seele fühlt sich fast unbesiegbar.[1]
Wieder und wieder finden wir in der Bibel ein Bild für die Abenteuer des Herzens: das Bild des Weges. Das Bild erhält noch tiefere Bedeutung, wenn wir uns daran erinnern, dass in der Bibel Weg immer Pilgerweg bedeutet.
Es ist der Weg, auf dem uns überraschenderweise der nächste Schritt schon zum Ziel führen kann, während das Ziel sich, auf ebenso überraschende Weise, als nur der nächste von vielen weiteren Schritten herausstellen kann.
Das Bild des Weges sagt uns, dass wir uns nicht fürchten müssen, die Ungebundenheit der Suche zu verlieren, selbst wenn wir finden. Wir müssen uns aber auch nicht fürchten, die Freude am Gefundenen zu verlieren, selbst wenn die Suche immer weiter geht.
In seinen «Four Quartets» spricht T. S. Eliot von dem Paradox
«still sein und dennoch vorangehen»,
dem Paradox der Hoffnung.
Seine Einsichten sind so klar und so treffend ausgedrückt, dass ich hier gerne ein paar von Eliots poetischen Zeilen in meine eigenen tastenden Versuche, über Hoffnung zu sprechen, einfügen möchte:
Wir werden nicht nachlassen in unserem Kundschaften
Und das Ende unseres Kundschaftens
Wird es sein, am Ausgangspunkt anzukommen
Und den Ort zum ersten Mal zu erkennen.T. S. Eliot: Four Quartets: Little Gidding, V[2]
«Wir werden nicht nachlassen in unserem Kundschaften», weil «auf dem Weg sein» das Unterwegs sein bedeutet.
Es spielt kaum eine Rolle, ob wir uns auf der falschen oder der richtigen Straße niederlassen. Solange wir sitzen, sind wir nach nirgendwo hin auf dem Weg. Wann immer wir uns bequem niedergelassen haben, sagt Gott:
«Eure Wege sind nicht meine Wege.» (Jesaja 55,8)
Das lässt die Illusion von Sicherheit zerbrechen und wirft uns wieder hinaus auf die kalte, dunkle Straße. Und das ist ein Segen. Arg wäre es, wenn Gott uns uns selbst überließe, bis uns übel würde von dem, was wir am meisten wünschten.
Im Gefundenen steckenzubleiben ist nicht besser als beim Suchen uns selbst zu verlieren.
Früher oder später werden wir erkennen,
dass nicht unser Finden wirklich zählt,
sondern unser Gefundenwerden.
Wir werden sehen, dass es nicht darauf ankommt, dass wir den Weg kennen, sondern dass wir an unserem Gehen erkannt werden.
Biblisch ausgedrückt heißt das:
«Es kennt der Herr den Weg des Gerechten» (Psalm 1,6),
und das ist es, was zählt.
Als Pilger haben wir ein Ziel. Aber der Sinn unserer Pilgerschaft hängt nicht davon ab, dass wir dieses Ziel erreichen.
Wichtig ist, dass wir in unserer Hoffnung offen bleiben,
offen für die Überraschung,
denn Gott kennt unseren Weg viel besser als wir selbst.
In diesem Wissen kann unser Herz Ruhe finden,
auch während wir weiterwandern.
Hoffnung als die Tugend des Pilgers vereint Stille mit Bewegung.[3]
An dem ruhenden Punkt der kreisenden Welt.
Weder Körper noch Geist,
Weder Hin noch Her;
Am ruhenden Punkt,
da ist der Tanz,
Weder einhalten noch Bewegung.
Und nenn es nicht Stillstand,
Wo Vergangenes und Künftiges zusammenfallen.
Bewegung weder hin noch her,
Weder Steigen noch Fallen.
Wäre der Punkt nicht, der ruhende Punkt,
so wäre der Tanz nicht,
und es gibt nichts als den Tanz.T. S. Eliot: Four Quartets: Burnt Norton, II
Die Zeit um die es hier geht, ist nicht unsere Zeit, aber eine Zeit, die wir in den großen Rhythmen des Lebens entdecken und der wir uns hingeben können auf unserem Weg zum Sinn.[4]
Gegenwärtig zu sein, bedeutet,
zur Wirklichkeit des Ortes aufzuwachen.
Wenn nicht hier, wo sonst?
Wann, wenn nicht jetzt?[5]«Das Ziel hienieden
Den meisten von uns unerreichbar,
Wir, die nur unbesiegt bleiben,
Weil wir es stets aufs Neue versuchten.»«Für uns gilt nur der Versuch
Der Rest ist nicht unsere Sache.»T. S. Eliot: Four Quartets[6]
Johannes Kaup: «Jesus sagt:
‹Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.› (Joh 14,6)
Ist das nicht ausschließlich gemeint?»
Bruder David: «Der Weg, um den es hier geht, ist der Weg zu Gott, der Weg ins große Geheimnis hinein. Wer auf diesem Weg ist, der verwirklicht dadurch das Christus-Selbst.
Wenn Jesus Christus bei Johannes sagt, ‹Ich bin der Weg›, so heißt das nicht: ‹Ich bin unter all den vielen Wegen der einzige, der ans Ziel führt.› Es muss vielmehr heißen:
‹Wer sich auf den Weg macht,
der ist auf dem Weg zur Verwirklichung des Christus-Selbst.›
Um aber auf dem Weg zu sein, muss ich mich auf den Weg machen. Auf diese Bewegung kommt es an. Beim Straßenschild faul herumzusitzen, heißt nicht, auf dem Weg zu sein, auch wenn ich den Namen auf dem Schild für den einzig richtigen halte. Auf den Straßennamen kommt es nicht an.
Wer immer sich aufmacht und geht, ist auf dem Weg.
Wer immer die Wahrheit sucht, findet mich ‒
das heißt, die Christuswirklichkeit in seinem Innersten;
und wer diese findet, findet Leben in Fülle.»[7]«Weg und Ziel zeigst Du mir nicht nur an,
Du großes Geheimnis im Herzen des Lebens,
Du b i s t mir beides.Als Weg erfahre ich Dich am richtungsweisenden Fließweg des Lebens,
dem ich mich anvertrauen darf wie ein Schwimmer dem Strom.Als Ziel erkennt Dich die Strömung in meinem Inneren mit ihrem geheimnisvollen Sog, der mir zuraunt: ‹Heim zum Vater!›
Lass mich nicht erschlaffen beim Schwimmen,
nicht schlapp dahintreiben wie Schwemmholz,
sondern wendig werden wie ein Fisch.Mach mich achtsam für den leisesten Hinweis,
den mir das Leben ‒ den D u mir gibst.
Und lass mich täglich fröhlicher werden,
weil ich ja auf dem Heimweg bin zu Dir. Amen.»[8]
[Die Quellenangaben zum obigen Text in Anm. 1-8]
[Ergänzend:
1. T. S. Eliot: Four quartets
1.1. Video Wir sind daheim in dieser Welt (1975) und Transkription; siehe auch Zeit der großen Glocken
1.2. Audio Das Leid des Lebens zu Herzen nehmen ‒ Goldegger Dialoge (1992)
Eröffnungsreferat, Vortrag:
(15:08) Hungern nach Weisheit und Sinn – Unruhig ist unser Herz (Augustinus) – Wir lassen niemals vom Entdecken / Und am Ende allen Entdeckens / Langen wir, wo wir losliefen, an / Und kennen den Ort zum ersten Mal. / Durchs unbekannte, erinnerte Tor (T.S. Eliot)
Im Tagungsband Schmerz ‒ Stachel des Lebens (1992) ist dieser Vortrag abgedruckt unter dem Titel Das Leid des Lebens zu Herzen nehmen. Siehe S. 21f.
1.3. T. S. Eliot in Stillehalten und Zeit der großen Glocken
2. Abraham, der «Vater unseres Glaubens»
2.1. «Verlass dein Land!» (1 Mose 12,1)
Audio Das Leid des Lebens zu Herzen nehmen ‒ Goldegger Dialoge (1992)
Drittes Seminar mit Bruder David im Pfarrsaal bei der Georgskirche Goldegg:
(28:06) In die Zukunft hineingehen ohne noch klar sehen zu können, wie die Landschaft ausschauen wird – Geh hinaus in das Land, das ich dir zeigen werde (Die Berufung Abrahams, 1 Mose 12,1)
Im Buch Dankbarkeit: Das Herz allen Betens (2018), 83, [bzw. Fülle und Nichts (2015), 81f.]:
«‹Verlass dein Land!› sind Gottes erste Worte an Abraham, der erste Vers aus Kapitel 12 der Genesis. ‹Geh hinaus!› lautet die Herausforderung. ‹Wage dich vor!› Die deutsche Übersetzung erlaubt es kaum, die volle Wucht dieser Aufforderung auszudrücken. Und dann türmt sich Bild auf Bild, um dieses Wagnis für Abrahams Mut so herausfordernd wie möglich zu machen: ‹Verlass dein Land und deine Verwandtschaft und deines Vaters Haus.› Und wohin soll er gehen?
‹… in das Land, das ich dir zeigen will.›
Weder eine Karte, noch eine Richtung, noch der Name seines Ziels werden Abraham gegeben. Es ist, als sagte Gott:
‹Vertrau Mir! Ich bringe dich hin.
Alles was du brauchst, ist der Mut hinauszugehen
und alles hinter dir zu lassen.›
So und nur so wird Abraham zu unserem Vater im Glauben. Und fast nebenbei erfahren wir hier, wie alt Abraham war, als er sich im Glauben auf den Weg machte: fünfundsiebzig! Das ist nicht unbedingt ein Alter, in dem sich Menschen besonders abenteuerlustig fühlen. Es muss Abraham einiges an Vertrauen und Mut gekostet haben.»
2.2. «Wandle vor mir und sei vollkommen!» (1 Mose 17,1)
Vortrag Jesus als Wort Gottes, abgedruckt in: Die Frage nach Jesus (1973), 15f.; siehe auch Sterben und Wandlung:
«In diesem Wort an Abraham ist schon, wie in einem Samen, das ganze Wagnis der Heilsgeschichte beschlossen. Das Wagnis liegt einfach darin, vor Gott zu wandeln, sich dem Wort zu stellen.
Es heißt ja nicht: Wandle vor mir und nimm dich jetzt zusammen, wirklich vollkommen zu sein, denn ich werde dich beobachten!
Es heißt: wandle vor mir und sei vollkommen! In einem Parallelismus, in dem die zweite Hälfte dasselbe aussagt wie die erste: Wandle vor mir; das ist schon Vollkommenheit. Setze dich mir aus, darin liegt das Wagnis der Vollkommenheit.»
3. «Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.» (Joh 14,6)
Arbeit und Schweigen, Beitrag von Bruder David im Buch Geist und Natur (1989), 299f.; siehe auch Jesus, der Christus: Ergänzend: 5.:
«Dieser Tage bekam ich ein Flugblatt in die Hand. Ich bewundere die jungen Menschen, die es verteilt haben. Sie haben sich wirklich getraut, für ihre Überzeugung einzutreten. Aber der Inhalt dieses Blattes zeigt mir, dass sie in ihrem Glauben nicht weit genug gegangen sind, zumindest nach christlichem Maß. Denn das Blatt besteht aus Bibelzitaten, und das sollte uns schon zu denken geben. Ist die Bibel für Christen ein Handbuch, aus dem man Sätze herauszieht, mit denen man seine Gesprächspartner bestenfalls überzeugt und schlimmstenfalls mundtot macht? Oder ist die Bibel Wort, das mich persönlich jetzt und hier herausfordert? Heraus-fordert, aus was heraus? Aus der Angst in den Glauben! Aus der Angst in das Vertrauen.
Ich lese gleich am Anfang: Jesus Christus spricht: ‹Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben› (Joh 14,6).
Ich würde es als gläubiger Christ sehr unter der Würde dessen, was wir als Christen von Jesus Christus glauben, halten, dass wir ihn nur als einen von vielen Wegen darstellen. Was heißt es denn, auf dem Weg zu sein? Auf dem Weg sein, heißt, sich bewegen. Jeder, der sich vorwärtsbewegt nach jenem Kompass des Herzens, der immer auf Gott weist, der ist auf dem Weg. Der ist also auf dem Weg, den wir als Christen ‒ Gott sei Dank ‒ als Jesus Christus kennen. Aber es ist viel weniger wichtig, dass man den Namen kennt, als dass man auf dem Weg ist. Christus, der Weg, kennt alle, die sich auf den Weg gemacht haben.»
4. «Fahre zu! Ich mag nicht fragen, / Wo die Fahrt zu Ende geht!» (Joseph von Eichendorff: «Frische Fahrt»), siehe Fragen des Lebens
5. Das Leid des Lebens zu Herzen nehmen ‒ Goldegger Dialoge (1992)
Eröffnungsreferat Vortrag:
(24:59) ‹leiden› und das ‹Leid(ige)› unterscheiden: Mit oder gegen den Strich gehen / (29:12) leiden, leiten, Lotse: Die leitende Kraft ist das Leben selbst
Das Leid des Lebens zu Herzen nehmen, 23f., sowie im Haupttext in Leiden und das Leidige:
«Die Lebensreise ist das Leiden.
Das überrascht uns vielleicht, besonders, wenn wir noch jung sind.
Es ist aber auch in der Philosophie, die in unserer Sprache enthalten ist, völlig klar angelegt. Leiden heißt ursprünglich gehen, fahren, reisen.
Leiden hatte nichts mit e r leiden zu tun.
Das Leiden, das ursprünglich fahren, reisen, gehen bedeutete, kommt von e i n e r Wurzel her, und das Leid (das Leidige) ist ein anderes Wort, das ursprünglich das W i d e r w ä r t i g e bedeutete. Langsam vermischen sich die beiden Wörter.
Erst, wenn wir wieder sehen, dass Leiden gar nicht unbedingt etwas Leidiges sein muss, beginnen wir darüber nachzudenken, was denn das Leiden leidig macht.»
6. Eng ist der Weg (2005); siehe auch Leiden als Mitleiden: Ergänzend: 4.:
«S.H. der Dalai Lama antwortete, indem er sagte: ‹So leicht ist es nicht. Leiden wird nicht dadurch überwunden, dass man die Schmerzen einfach hinter sich lässt; Leiden wird überwunden, indem man den Schmerz für andere trägt.› Und dies ist eine von diesen Antworten, welche sowohl christlich wie buddhistisch ist. Es ist eine grundlegende Aussage, die aus der Tatsache kommt, dass die Enge der Pfad ist.»]
___________________
[1] Erkenntnis (2023): ‹In der Welt zu Hause sein›, 112f.
[2] T. S. Eliot: Four Quartets: Little Gidding, V; siehe auch Die Achtsamkeit des Herzens: ‹Spiegel des Herzens› (2021), 129, und Stillehalten
«We shall not cease from exploration
And the end of all our exploring
Will be to arrive where we started
And know the place for the first time.»
[3] Dankbarkeit: Das Herz allen Betens (2018), 114f., [bzw. Fülle und Nichts (2015), 114f.]; siehe auch ST 151 unter dem Titel ‹Ziel›
[4] Video Wir sind daheim in dieser Welt (1975) (26:00) und Transkription; siehe auch Die Achtsamkeit des Herzens: ‹Spiegel des Herzens› (2021), 112, und Stillehalten
T. S. Eliot: Four Quartets: Burnt Norton, II:
«At the still point oft he turning world. Neither flesh nor fleshless;
Neither from nor towards; at the still point, there the dance is,
But neither arrest nor movement. And do not call it fixity,
Where past and future are gathered. Neither movement from nor towards,
Neither ascent nor decline. Except for the point, the still point,
There would be no dance, and there is only the dance.»
[5] Die Achtsamkeit des Herzens: ‹Die Umwelt als Guru› (2021), 26 und 28; siehe auch Zeit der großen Glocken
[6] Ebd. 30; siehe auch Stillehalten und Zeit der großen Glocken
T. S. Eliot: Four Quartets: The Dry Salvages, V:
«For most of us, this is the aim
Never here to be realised;
Who are only undefeated
Because we have gone on trying.»
T. S. Eliot: Four Quartets: East Coker, V:
«For us, there is only the trying. The rest is not our business.»
[7] Das glauben wir (2015): ‹Spiritualität für unsere Zeit›: Bruder David im Gespräch mit Anselm Grün, 69 (Frage von Johannes Kaup) und 70f. (Antwort von Bruder David)
Siehe auch: Die Weisheit, die alle verbindet (2010):
(04:29) ‹Wir können uns im Schweigen in den Abgrund Gottes hinunterlassen ohne Ende, nie wird ein Echo zurückkommen› (T. S. Lewis) ‒ jede Tradition kennt das Selbst, das uns alle verbindet, die göttliche Wirklichkeit tief in uns: das Christus-Selbst, die Buddha-Natur, Purusha, I’itoi
[8] Erwachende Worte (2023): 11 ‒ Weg, 39; siehe auch Fließweg und Gewissen
Wiedergeburt
Text von Br. David Steindl-Rast OSB
Ein Grund, warum die christliche Tradition mich immer davon abgehalten hat, mich mit Reinkarnation zu beschäftigen, hat weniger mit Glaubenslehre als mit spiritueller Übung zu tun. Die Endgültigkeit des Todes soll uns zu einer Entscheidung herausfordern, der Entscheidung, jetzt und hier vollkommen gegenwärtig zu sein und so ewiges Leben zu beginnen. Denn Ewigkeit ist richtig verstanden nicht die Aufrechterhaltung von Zeit, in einem fort, sondern eher die Überwindung von Zeit durch das Jetzt, das nicht vergeht. Aber wir suchen immer nach Möglichkeiten, die Entscheidung hinauszuschieben.
Wenn du also sagst: «Oh, nach diesem werde ich ein weiteres Leben haben und noch ein weiteres Leben», dann lebst du vielleicht nie, sondern schleppst dich immer halb tot weiter, weil du dich nie dem Tod stellst.
Don Juan sagt zu Carlos Castaneda: «Du bist so mürrisch und nicht vollständig lebendig, weil du vergisst, dass du sterben wirst; du lebst, als würdest du für immer leben.» Wie ich es verstehe, hilft uns das Gewahrsein des Todes, die Entscheidung zu treffen. Don Juan hebt den Tod als Ratgeber hervor.
Der Tod macht uns zu Kriegern. Wenn du dir bewusstwirst, dass der Tod sich genau über deiner linken Schulter befindet und du ihn dort sehen kannst, wenn du dich schnell genug herumdrehst, dann macht dich das lebendig und wachsam in Bezug auf Entscheidungen. [ST 146, Quelle: GR, aus dem Englischen übersetzt von Ulla Bohn]
Würde, Rückgrat, Scham
Text, Videoe und Audios von Br. David Steindl-Rast OSB
«Würde» ist mit dem Wort «Wert» wurzelverwandt. Dingen, die nur vereinzelt vorkommen, messen wir Seltenheitswert bei. Wer erkennt, dass jedes Ding, jedes Lebewesen, jedes Ereignis nicht nur selten, sondern einzigartig ist, wird sich der Würde bewusst, die allem, was es gibt, zukommt und wird ehrfürchtig durch das Leben gehen. Auch jedem Menschen steht diese Grundwürde zu. Wer dies erst einmal entdeckt, wird sich seiner eigenen Würde bewusst und weiß, dass sie nicht von der Anerkennung anderer abhängt. Ein solcher Mensch hat Rückgrat, geht aufrecht und weiß, was unter seiner Würde ist.
Das ist die Innenansicht von Menschenwürde. Es gilt dieses Grundverständnis von Würde festzuhalten, zugleich aber oberflächlichere und doch sehr wichtige Wertunterschiede anzuerkennen. Nur so können wir öde Gleichmacherei vermeiden. Es gibt eine Hierarchie der Werte. Für diese in vielen Bereichen der Kultur feinfühlig zu werden, kann unser Leben nachhaltig vertiefen und bereichern.
Unter dem Schlüsselwort «Würde» erwägen wir die Grundwürde, die jedem Menschen zusteht. Leider sind viele Menschen sich dieser Würde nicht bewusst. Um im Bewusstsein seiner Menschenwürde aufzuwachsen, braucht ein Kind zweierlei: die Erfahrung, bedingungslos geliebt zu sein, und die Erfahrung, in seiner Einzigartigkeit anerkannt, bejaht und unterstützt zu werden.
Weil dies heute vielen Kindern nicht zuteilwird, gibt es mehr und mehr Menschen, die sich wertlos und erniedrigt fühlen. Für Erwachsene, die nicht von Kindheit an ins Bewusstsein ihrer Menschenwürde hineinwachsen konnten, ist es schwierig, dies nachzuholen. Jedoch: Das Leben schenkt uns, was wir dazu brauchen. Wir gehören bedingungslos der Gemeinschaft der Lebenden an. Das heißt, das Leben liebt uns und bejaht uns in unsrer Einmaligkeit. Darauf dürfen wir uns verlassen. Dies zu bedenken, kann eine große Hilfe sein.
Menschenwürde ‒ unsre eigene und die jedes Menschen ‒ gehört heute unweigerlich zum Lehrstoff der Grundausbildung. Aber das Elend in unsrer Welt macht es für manche Menschen nahezu unmöglich, sich geliebt und anerkannt zu fühlen. Das Verbrechen gegen die Menschenwürde, das Not und Elend in der Welt darstellen, fordert die ganze Menschheitsfamilie heraus. Das Elend abzuschaffen, liegt laut Experten in realistischer Greifweite. Diese Aufgabe unverzüglich in Angriff zu nehmen, verlangt daher die Menschenwürde.[1]
Rückgrat
Rückgrat bedeutet zunächst rein anatomisch die Wirbelsäule, wird aber in verschiedenen übertragenen Bedeutungen für wichtige spirituelle Aspekte verwendet. Wer Rückgrat hat, erweist sich als selbstsicher und charakterstark. Menschen mit Rückgrat stehen zu ihren Grundsätzen, auch gegen Widerstand und unter Druck. Jemandem das Rückgrat brechen, das heißt, jemanden lahmlegen und ihm die Widerstandskraft nehmen. So wie wir durch Sport die Gelenkigkeit unsrer Wirbelsäule trainieren können, so können wir auch unser Rückgrat durch spirituelle Übungen trainieren.
Der Begriff «Rückgrat» eignet sich auch dazu, über einen Bewusstseinswandel zu sprechen, der in unsrer Zeit stattfindet. Es gab in der Entwicklungsgeschichte Jahrmillionen vor der Entstehung des inneren Skeletts, zu dem die Wirbelsäule gehört, ein sogenanntes äußeres Skelett, wie wir es heute noch als Panzerkruste von Krabben und Krebsen sehen können und als Chitin-Panzer von Käfern.
Ein äußeres Skelett gibt dem Körper Schutz und Stütze, macht aber die Bewegung schwerfällig. Denken wir nur an einen Laufkäfer, der auf dem Rücken liegt, mit den Beinen strampelt und sich nicht aufrichten kann. Durch ein inneres Skelett gewinnt der Körper eine ganz neue Beweglichkeit.
Wir erleben heute einen psychischen Entwicklungsschritt, der vergleichbar ist mit dem Schritt vom inneren zum äußeren Skelett in der physischen Evolution. Bis vor Kurzem war das ethische Tun und Lassen in unsrer Gesellschaft durch Verhaltensvorschriften bestimmt, die als allgemeinverbindlich galten und das Leben der Einzelnen ‹von außen› her bestimmten. Diese gesellschaftlichen ethischen Bindungen sind weitgehend verlorengegangen. In Zukunft werden wir sie, auf uns selbst gestellt, durch Rückgrat ersetzen müssen. Das verlangt von uns, dass wir uns als Einzelne unsrer ethischen Grundsätze klar bewusstwerden und überzeugt für sie einstehen. Wenn uns das gelingt, wird es dem Schritt vom Panzer zur Wirbelsäule vergleichbar sein, der selbst das Tanzen möglich macht. Die Weltgeschichte bietet uns leuchtende Beispiele von prophetischen Gestalten, die mit Rückgrat auftraten. Hildegard von Bingen setzte sich als Frau gegen eine Welt herrischer Männer durch und Katharina von Siena wies dem Papst mild und ehrerbietig, aber entschieden seinen Platz an.[2]
Ehrfurcht und Scham
(Bruder David am Schluss seines Vortrags Menschenwürde (2019); siehe auch Audio ‹Die Würde des Menschen›:)
(45:52) «Und da kommen wir zu einer Definition von Würde, und da könnte man sagen: Würde ist der unbedingte Wert jedes einzelnen Menschen als Repräsentant des großen Geheimnisses; so stellt sich das große Geheimnis dar.
Und was meine ich mit Geheimnis? Das ist gar kein so geheimnisvoller Begriff, das lässt sich ganz klar sagen: Unter Geheimnis verstehen wir eine Wirklichkeit, die wir nicht begrifflich erfassen können, wohl aber durch ihre Wirkkraft auf uns verstehen können. Das große Geheimnis können wir verstehen, wenn es u n s ergreift.[3]
Bernhard von Clairvaux sagt: ‹Begriffe machen wissend, Ergriffenheit macht weise.›[4] Und wir wissen alle zum Beispiel, dass man Musik nicht analytisch begreifen kann, aber man kann sie verstehen, wenn sie einen ergreift. Und das ist ein Beispiel von dem großen Geheimnis, das uns ergreift und unsere Beziehung zu diesem großen Geheimnis.
Und wir sind Repräsentanten dieses großen Geheimnisses, denn wir sind uns selber ja Geheimnis. Wir können uns selber nicht ausloten: du kannst dich verstehen, aber nicht begreifen. Also bist du dir selber Geheimnis und die ganze Umwelt und die ganze Mitwelt.
Und vor diesem großen Geheimnis des Lebens tragen wir Verantwortung. Das gehört unbedingt zur Würde dazu. Wir haben unbedingten Wert, weil wir Repräsentanten dieses großen Geheimnisses sind, und haben davor Verantwortung. Da kommen alle anderen Menschen, alle anderen Bereiche dazu; diese Verantwortung lässt sich nicht trennen von der Würde. Wer Würde hat, der hat Verantwortung, ist sich verantwortungsbewusst.
Verantwortung bedeutet, dass wir so leben, dass wir jeden Augenblick ‒ idealerweise ‒ den Anruf des Lebens hören. Denn das Leben gibt uns jeden Augenblick etwas Neues, das kann man als einen Anruf verstehen, weil es auch etwas von uns will. Meistens ist es sehr angenehm: es will nur, dass wir uns daran freuen ‒ meistens ‒, hie und da auch sehr schwierige Dinge, und wir müssen antworten. Und das ist Verantwortung im letzten Sinn.
Der große russische Philosoph Ende des 19. Jh., Wladimir Solowjow,[5] spricht von drei Haltungen, die uns wirklich zu Menschen machen, und das hat sehr mit der Würde zu tun.[6]
Und das Erste ist: Die Ehrfurcht vor dem großen Geheimnis. Wir erleben das meistens in unseren besten und lebendigsten Augenblicken, in unseren Gipfelerlebnissen, zugleich mit Furcht und Begeisterung. Wir sind zugleich angezogen und erschrocken in diesem Doppelereignis, wenn wir in einem großen Gewitter sind oder in den Bergen.[7] Diese Ehrfurcht ist nicht Furcht.[8]
Das Zweite, was uns zu Menschen macht ‒ gegenüber der Umwelt und Mitwelt ‒, ist Mitgefühl: ‹Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu›.[9]
Und das dritte ‒ uns selbst gegenüber ‒, sagt Solowjow, ist Scham. Das ist ein erstaunliches Wort, das er hier verwendet: es schützt unsern Intimbereich. Es hat mir unserer Würde zu tun, indem ich mich schäme, mich unwürdig zu benehmen. Die Scham behütet meine Einzigartigkeit, während das Mitgefühl meine Zugehörigkeit betont. Und die Ehrfurcht ist die Grundlage für Mitgefühl und Scham.
Und in unserer Gesellschaft ist das Bewusstsein der Würde weitgehend verlorengegangen. Das sagen alle, die sich mit diesem Begriff der Würde beschäftigen, und warum? Es gibt sicher viele Gründe; einer, der mir in die Augen sticht, ist unsere Vereinzelung. Die Vereinzelung ist das Gegenteil vom Bewusstsein der Zugehörigkeit. Viele Menschen erleben das als Einsamkeit, man kann es aber in diesem Zusammenhang als etwas sehr Positives sehen: Wir haben unsere Eigenständigkeit gefunden: das war ungeheuer schwierig, dafür haben Generationen unserer Vorfahren viel bezahlt an Energie und Leid, dass wir nicht einfach Teile der Gesellschaft sind, sondern eigenständige Wesen. Das ist etwas sehr Wichtiges. Aber wir haben das soweit getrieben, dass unsere Verbundenheit zu den anderen verlorengegangen ist.
Und jetzt stehen wir vor dem nächsten Schritt, dass wir alles das Positive, das durch unsere Eigenständigkeit erworben wurde, mitnehmen und die Verbundenheit wieder erleben und diese Verbundenheit l e b e n. Das ist die große Aufgabe.
Das Ziel ist eine Gesellschaft, in der jeder Mensch gewürdigt wird, und zwar als Person, nicht als Nummer oder Fall. Und Person ‒ das Wort kommt vom lateinischen Wort ‹persona›, der Maske, die die Schauspieler in Athen und Rom getragen haben, und heißt eigentlich ‹das Durchtönende›: ‹per-sonare› heißt durch-tönen.[10] Und wir sind Person, weil durch uns das große Geheimnis sich ausdrückt und wir aufeinander horchen und das Geheimnis durchtönt durch uns.
Und C. F. Lewis schreibt einmal: Wenn wir wirklich einen anderen Menschen sehen könnten mit offenen und gesunden Augen, wären wir so hingerissen, dass wir niederfallen würden und anbeten ‒ irgendeinen Menschen. Weil das große Geheimnis durch j e d e n Menschen durchtönt. Und das ist letztlich Grund unserer Würde.»
Am Schluss des Vortrags ermutigt Bruder David alle, die zuhörten, einen Entschluss und Vorsatz zu fassen, und «der Entschluss kann nicht kräftig genug sein, und der Vorsatz kann nicht spezifisch genug sein: d a s werde ich tun ‒, etwas ganz Kleines, zum Beispiel: Ich werde die anderen anders anschauen und sie anlächeln.»[11]
[Quellenangaben zum obigen Text in Anm. 1f. und 11]
[Ergänzend:
1. Videose
1.1. Vom Ich zum Wir: Wege aus einer gespaltenen Gesellschaft (2021): Videointerview von Egbert Amann-Ölz mit Bruder David; siehe auch Transkription des Videointerviews unter dem Titel: Menschenwürde und allgemeinmenschliche Religiosität, 3:
«Und das Leben zeigt uns auch, dass es uns anerkennt. Das Leben stellt keinerlei Bedingungen – keinerlei Bedingungen: Du atmest, du lebst, du wachst am Morgen wieder auf, nicht unter der Bedingung, dass du dich angepasst hast, sondern das Leben anerkennt dich wie du bist.»
1.2. Würde ‒ was wären wir ohne sie? (2018); Übersicht über die Themen des Gesprächs und Auszüge aus dem Buch Der Stehaufmann, 195:
«In meinem Leben habe ich selten Geborgenheit erlebt, die ja mehr ist als nur die Sicherheit äußerer Rahmenbedingungen. Als Kind wurde ich, weil ich mich seelisch nicht geborgen fühlte, immer wieder krank oder überspielte diese Leere, auch noch als Jugendlicher durch Ungezogenheit.»
2. Audios
2.1. Menschenwürde (2019); ebenso im Audio ‹Würde und unsere Einzigartigkeit›:
(38:35) «Wer Würde erlebt und Würde hat, ist unbestechlich, ist unverführbar. Zur Würde gehört: Ich weiß, was ich tue, ganz gleich, ob das andere tun oder nicht. Und da ist eben schon von Kindheit an der Gruppendruck sehr stark in die gegenteilige Richtung.
Um es nochmals zusammenzufassen: Ich gehöre dazu zu dem Ganzen. Die Evolution hat mir ein Heim bereitet.[12] … Es ist etwas ganz Außergewöhnliches, dass unser Planet wie ein Heim vorbereitet ist, um uns zu empfangen. Und das Leben erhält mich am Leben.
Das Leben, diese geheimnisvolle Wirklichkeit: Wir sprechen so leicht über das Leben: ich habe mein Leben, ich nehme mir das Leben, ich kann mir das Leben nehmen. ‒
Hast du wirklich das Leben, oder hat das Leben dich? Vielmehr: das Leben hat mich! Ich könnte keinen Augenblick überleben, wenn nicht das Leben mich am Leben erhielte.»
(44:39) «Ich bin in das Geheimnis des Lebens eingebettet, engstens verschlungen, verwoben: wir können gar keinen genügend starken Ausdruck finden, wie eng wir in das Leben eingebunden sind.
Und offensichtlich will das Leben mich so, als mich entfaltend in meiner Eigenart, weil: dieses so ist nicht statisch, es will mich so in meiner Eigenart, die bis zum letzten Augenblick noch nicht völlig entfaltet ist. Rumi sagt: ‹Niemand wird meinen wirklichen Namen kennen› ‒ das heißt, niemand wird wissen, wer ich wirklich bin ‒, ‹bevor mein letzter Atemzug ausgegangen ist›, weil ich es selber nicht weiß; und alles das gilt auch von allen anderen Lebewesen.»
2.2. Gespräche im Lehrgang «Geistliche Begleitung» (2018): Erstes Kamin-Gespräch mit Bruder David; siehe auch Übersicht über das Gespräch mit Kurzvortrag von Bruder David:
(06:26) «Vor 100 Jahren war Würde ein Wort, das jeder ständig im Mund führte. Und damit hängt zusammen: Scham. Also ‹unwürdig› und ‹unverschämt› gehören da zusammen. Und wir haben das Gefühl der Scham völlig verloren.
Wladimir Solowjow, der große russische Denker des späten 19. Jahrhunderts, schrieb: Was uns als Menschen charakterisiert, was uns vom Tier unterscheidet, ist Ehrfurcht vor dem großen Geheimnis, Mitgefühl ‒ mit allen Menschen, Tieren, Pflanzen, mit dem ganzen Universum ‒, und Scham. Scham, unsere Würde nicht zu verletzen.
Mitgefühl ist in aller Munde und Ehrfurcht ist spirituellen Menschen recht verständlich, aber Scham muss heute wieder sehr unterstrichen werden.»
2.3. Gespräche im Lehrgang «Geistliche Begleitung» (2018): Zweites Kamin-Gespräch mit Bruder David; siehe auch Jeder Augenblick enthält so viele Überraschungen (2019): Interview mit Bruder David von Sabine Schüpbach und Lebensvertrauen: Ergänzend: 4.1.:[13]
(26:55) «Das Wesentliche an der Ethik ist, Augenblick für Augenblick hinzuhorchen: was will das Leben jetzt von mir, und verantwortlich das zu tun. Sehr häufig wird diese Verantwortung nicht so klar gesehen.
Aber wenn man das übt, wenn man sich dessen bewusst ist: ich möchte in Gott und mit Gott leben ‒ das heißt, in diesem Augenblick begegnet mir Gott ‒, da muss ich mich immer wieder bemühen, zunächst einmal aufzuwachen: Was will jetzt dieses Leben von mir? Und das ist manchmal nicht so klar zu sehen. Da muss man halt das Beste tun, und wenn es ein Fehler war, den ändern, aber doch hinhorchen und auch vertrauen, dass das Leben jeden Augenblick etwas von uns verlangt, und zwar oft sehr angenehme Sachen. Das Leben ist ja nicht ein ganz so strenger Lehrer, es sagt fast in jedem Augenblick: Freu dich doch, und wir sind anderweitig beschäftigt.[14] Und auch, wenn andere Sachen dazukommen ‒ ja, das ist wirklich schwierig: du kannst ja doch noch tief durchatmen ‒ das ist ja auch ein Geschenk, viele Menschen können nicht anständig atmen, du kannst jetzt atmen ‒, und trotzdem, mit der ganzen Belastung: tu’s doch! Das ist auch eine Antwort auf die Herausforderung des Lebens.»
2.4. Eine Kultur der Ehrfurcht neu entdecken (2023): Audio-Gespräch von Jörn Florian Fuchs mit Bruder David:
(05:47) «Das Leben lebt u n s. Das Herz dieses Lebens ist das große Geheimnis. Es atmet uns, das ist christlich gesprochen der Heilige Geist. Der Geist Gottes atmet in uns. Und ich nenne es lieber das große Geheimnis, als von Gott zu sprechen, obwohl es genau dasselbe ist, aber das Wort Gott wurde so missbraucht, auf so viele Weise ‒ ich habe selber Hitler als Kind noch von Gott reden gehört. Gott nenne ich es unter dem Aspekt, dass wir zu diesem Geheimnis eine ganz enge Beziehung haben. Dass es zu uns spricht und wir zu diesem Geheimnis sprechen können.»
(17:08) «Ich glaube ‒ das ist eine durch viel Überlegen und viel Studium unterbaute Meinung ‒, dass unsere Zukunft ‒ ob wir eine Zukunft haben ‒, überhaupt davon abhängt, ob wir den Zugang zum großen Geheimnis, also eine Kultur der Ehrfurcht, dadurch auch Ehrfurcht vor anderen Menschen ‒ der Würde der anderen Menschen ‒, wieder finden.
In der Geschichte, wenn wir auf die Jahrhunderte zurückschauen, war es auch nicht so rosig. Wo Menschen sind, war es immer schon recht grausam, kann man nur sagen. Aber ein ganz wichtiger Unterschied, ein Bruch, zeigt sich mit dem Ende des ersten Weltkriegs. Und das steht mir persönlich ja noch sehr nahe: acht Jahre war der Weltkrieg vorbei, wie ich geboren wurde. Also ich habe noch die vielen Verwundeten gekannt, damals es hat ja nur so gewimmelt von einarmigen und einbeinigen Menschen und Blinden und Tauben, davon waren ja tausende und hunderttausende in Wien, ich habe das noch mitbekommen irgendwie. Auch den Umbruch. Ein Umbruch von einer grundsätzlich ehrfürchtigen Haltung dem Leben gegenüber zu einem oberflächlichen Dahinleben, das diese Ehrfurcht verloren hat. Es ist etwas Schreckliches. Und zurückbringen kann man nichts, man kann das Rad der Geschichte nicht zurückdrehen, aber was mir am wichtigsten und entscheidendsten erscheint, wenn wir auf die Zukunft hinschauen, ist, dass wir Ehrfurcht vor dem Leben und vor der Natur und vor den anderen Menschen und Tieren ‒ Ehrfurcht vor der Würde des Lebens ‒, wieder finden oder neu entdecken, sonst ist unser Weiterleben als Menschheit eigentlich sehr zweifelhaft.»
(22:12) «Ich habe Hoffnung. Aber Hoffnung ist etwas anderes wie Hoffnungen. Hoffnung im spirituellen Sinn, heißt: Offenheit für Überraschung. Und mit dieser Offenheit für Überraschung durchs Leben zu gehen ‒ privat, ganz persönlich ‒, ist sehr, sehr hilfreich. Denn, wenn wir Hoffnungen haben: die machen wir ja uns immer selber. Aber Offenheit für Überraschungen ist Offenheit für das, was das Leben uns schenkt. Und diese Offenheit macht uns so bereit, kreativ mit dem, was uns gegeben wird, umzugehen. Und das ist das Entscheidende. Also wenn es noch viel ärger kommt, als ich es mir überhaupt vorstellen kann, bin ich überzeugt: es wird das Beste sein. Denn das Leben weiß es besser.»
2.5. «Wähle das Leben» (5 Mose 30,19) ‒ Überlegungen zu Tod, Sterben, Leben
Gespräch Teil 2:
(23:00) Unser Leben, eine einzigartige, noch nie dagewesene Selbstverwirklichung Gottes – Selbstverwirklichung dieser überfließenden Liebe]
__________________
[1] WÜRDE / MENSCHENWÜRDE in: Das ABC der Schlüsselworte im Buch: Orientierung finden (2021), 164f. und 149f.; siehe auch Ehrfurcht: Ergänzend 2.1.
[2] RÜCKGRAT, in: Das ABC der Schlüsselworte, im Buch: Orientierung finden (2021), 155
[3] Siehe in Orientierung finden (2021): Geheimnis ‒ wenn uns die Wirklichkeit ‹ergreift›, 42
[4] Siehe auch Andreas Salcher im Gespräch mit Bruder David (2018), Anm. 6
[5] Wladimir Sergejewitsch Solowjow (1853-1900); ältere Schreibweise: Wladimir Sergejewitsch Solowjew
[6] Siehe Jean-Claude Wolf: Humanismus oder warum wir keine Tiere sind: Überlegungen im Ausgang von Wladimir Solowjew
[7] Orientierung finden (2021), 63; siehe auch Religiosität ‒ Staunen und Ehrfurcht:
«Rudolf Otto (1869-1937) hat die Begegnung mit dem Geheimnis unter dem Aspekt des ‹Heiligen› gründlich untersucht. Er beschreibt die beiden Gefühle, die das Heilige in uns auslöst, als «tremendum» ‒ das heißt, es lässt uns ehrfürchtig erschaudern ‒ und ‹fascinans› ‒ das heißt, es löst begeistertes Entzücken aus.»
[8] EHRFURCHT in: Das ABC der Schlüsselworte, im Buch: Orientierung finden (2021), 133:
«Nach allem, was wir über Furcht und Angst geschrieben haben, verlangt der zweite Teil dieses Wortes nach einer Erklärung. Die Ehrfurcht weigert sich ‒ denn Weigerung ist die Haltung der Furcht ‒, Ehre anzutasten. Ehrfurcht ist ein Erkennungsmerkmal eines spirituell wachen Menschen. Dieses Wachsein ist verlangt, um die Gegenwart des Geheimnisses zu spüren. Da das Geheimnis in allem, was uns begegnet, gegenwärtig ist, ist Ehrfurcht eine Lebenshaltung spiritueller Menschen. Diese Ehrfurcht zeigt sich in der Begegnung mit allen Lebewesen als Anerkennung der Würde, die ihnen zukommt. Von größter Bedeutung ist heute Ehrfurcht vor der Menschenwürde.»
[9] Diese Haltung ist auch als Goldene Regel bekannt, siehe Gespräche im Lehrgang «Geistliche Begleitung» (2018): Zweites Kamin-Gespräch mit Bruder David
(30:26) Wann ist Ethik ethisch? und Liebe ‒ die Antwort auf die Krisen unserer Zeit (2017)
[10] Die Rolle ist das Ich, der Schauspieler ist das Selbst (2011)
Zum Video:: Das Ich als Maske und das Selbst ‒ kurzer Ausschnitt aus ‹Ich und Selbst› im Zentrum Buddhas Weg im Odenwald (DE); siehe auch Ich-Selbst: Ergänzend: 1.2.
[11] Transkription des Vortrags Menschenwürde (2019) (45:52-55:10), identisch mit dem Audio ‹Die Würde des Menschen›
[12] Siehe den Video Wir sind daheim in dieser Welt (1975)
[13] siehe auch Audio-Fokus Das Wesentliche an der Ethik
[14] «Als ich mich wirklich geliebt habe, verstand ich, dass ich im Leben in jeder Situation zur richtigen Zeit am richtigen Ort war, und in genau dem Moment konnte ich mich entspannen. Heute weiß ich, dass es einen Namen für dieses Gefühl gibt: Selbstachtung.» (Charlie Chaplin) ‒ «Das Leben ist das, was passiert, während wir andere Pläne schmieden.» (John Lennon)
Zeit der großen Glocken
Video und Text von Br. David Steindl-Rast OSB
(Video 25:01) T. S. Eliot spricht von dem ruhenden Punkt im Fluss der Zeit. Wir können uns diesen Punkt vorstellen wie eine einzige Achse, um die sich ein enormes Räderwerk bewegt, das doch immer wieder dort seinen stillen Punkt findet. Und für uns Menschen besteht dann die große Aufgabe darin, auch immer wieder diesen ruhenden Punkt in unserem Leben zu erreichen. Und hier an diesem Schnittpunkt von Zeit und Zeitlosigkeit gilt nicht mehr die Zeit der Uhren, sondern ‒ sagen wir ‒ die Zeit der großen Glocken. Oder die Zeit, die uns bewusst wird, wenn wir die Meereswogen beobachten in Ebbe und Flut, die ihre ganz eigene Zeit, ihren ganz eigenen Rhythmus haben.
(27:14) Die Zeit um die es hier geht, ist nicht unsere Zeit, aber eine Zeit, die wir in den großen Rhythmen des Lebens entdecken und der wir uns hingeben können auf unserem Weg zum Sinn.
(46:10) Das Tönen der Glocke
misst die Zeit, die nicht die unsere ist, sondern eine, die geläutet wird
von der gemessenen Flut, eine Zeit,
älter als die der Uhren, älter
als die Zeit, wie sorgende Frauen sie zählen,
die wachliegen nachts und die Zukunft berechnen
zwischen Mitternacht und Morgengrauen, wenn die Vergangenheit Trug ist,
und die Zukunft nicht künftig vor der Morgenwache,
wenn die Zeit einhält und endlos sich dehnt;
Und die Flut, die heute wie von jeher anschwillt,
läutet
die Glocke.[1]
Losgelöstheit macht uns bedürfnisloser. Je weniger wir haben, umso leichter ist es das, was wir haben, zu würdigen.
Stille schafft eine Atmosphäre, die Losgelöstheit begünstigt.
Wie der Lärm das Leben außerhalb des Klosters durchdringt, so ist das Leben des Mönches von Stille durchdrungen.
Stille schafft Raum um Dinge, Menschen und Ereignisse …
Stille hebt ihre Einzigartigkeit hervor und erlaubt uns, sie eins nach dem andern dankbar zu betrachten.
Unsere Übung, dafür Zeit zu finden, ist das Geheimnis der Muße.
Muße ist Ausdruck von Losgelöstheit im Hinblick auf die Zeit.
Die Muße der Mönche ist ja nicht das Privileg derer, die es sich leisten können, sich Zeit zu nehmen, sondern die Tugend derer, die allem, was sie tun, so viel Zeit widmen, wie ihm gebührt.
Für den Mönch drückt sich das Hinhorchen, das die Grundlage dieses Trainings bildet, darin aus, dass er sein Leben mit dem kosmischen Rhythmus der Jahres- und Tageszeiten in Einklang bringt; mit der «Zeit, die nicht unsere Zeit ist», wie T. S. Eliot es ausdrückt.[2]
In meinem eigenen Leben verlangt der Gehorsam oft Dienste außerhalb des klösterlichen Rhythmus. Dann kommt es ganz besonders darauf an, die lautlose Glocke der «Zeit, die nicht unsere Zeit ist» zu hören, wo immer es auch sei, und zu tun, was es zu tun gibt, wenn es dafür Zeit ist ‒ «jetzt und in der Stunde unseres Todes».
«Und die Todesstunde ist jeder Augenblick», in dem wir wirklich hinhorchen, ist «Augenblick in und außer der Zeit».[3]
Die Askese des Raumes des fördert die Loslösung in Bezug auf den Ort, wo immer wir auch seien. Ihr Ziel ist,
da wirklich gegenwärtig zu sein,
wo wir gerade sind.
Dies ist der erste Schritt ‒ und wie oft gelingt er uns nicht!
Wir sind uns selbst voraus oder bleiben hinter uns zurück. Vielleicht aber schauen wir weder voraus in eine Zukunft, die noch nicht da ist, noch halten wir an einer Vergangenheit fest, die schon vorbei ist ‒ und sind doch nicht in der Gegenwart.
Wir sind hier und doch nicht hier, weil wir nicht wach sind.
Gegenwärtig zu sein, bedeutet,
zur Wirklichkeit des Ortes aufzuwachen.Wenn nicht hier, wo sonst?
Wann, wenn nicht jetzt?
Jetzt, hier oder nie und nirgends stehen wir vor der letzten Wirklichkeit.
Ob die Mönche auf dem Feld arbeiten oder auf Reisen sind, wo immer sie auch sein mögen, wenn es Zeit zum Gebet ist, dort sollen sie ehrfürchtig niederknien, gebietet die Regel. Und so führt die Askese des Raumes zur Askese der Zeit.
Zum Hier, zum heiligen Ort, gehört das Jetzt, der heilige Augenblick; «kairos» (griechisch: Zeit), die rechte Zeit, das Heute, von dem die Liturgie immer wieder singt:
«Heute, wenn ihr seine Stimme hört, verhärtet eure Herzen nicht!»
ein gewichtiges Psalmwort,[4] mit dem wir Mönche jeden Tag beginnen.
Dieses Heute ist immer.
lm klösterlichen Lebensraum ist Zeit etwas völlig anderes als das, was Uhren messen können.
Die Zeit gehört nicht uns.
Wenn T. S. Eliot von der «Zeit, die nicht unsere ist» spricht, dann weist dies auf Losgelöstheit von der Zeit hin.
Wir behaupten, Zeit zu haben, Zeit zu gewinnen, Zeit zu sparen; in Wirklichkeit gehört uns die Zeit nicht.
Sie wird nicht von der Uhr abgelesen, sondern daran, wann es Zeit ist.
Deshalb sind Glocken in einem Kloster von so großer Bedeutung. Und dies nicht nur, weil die meisten Mönche ohne Glocke nicht aufwachen (wenn auch niemand behaupten wird, das sei unwichtig).
In Wirklichkeit geht es darum, dass in einem Kloster Dinge nicht getan werden, wenn einem gerade danach zumute ist, sondern wenn es dafür Zeit ist.
Nach der Regel des Heiligen Benedikt wird von einem Mönch erwartet, dass er die Feder aus der Hand legt im Augenblick, wo die Glocke läutet, und nicht einmal mehr einen Querstrich aufs «t» oder ein Pünktchen aufs «i» setzt.
Wenn es Zeit für etwas ist, dann verlangt das etwas von uns, ob es uns passt oder nicht.
Auch wenn wir nur fünf Minuten zu spät kommen, geht die Sonne kein zweites Mal für uns auf oder unter. Auch die Mittagszeit können wir nicht verschieben, indem wir die Uhr zurückdrehen. Sonnenaufgang, Mittag, Abend, das sind entscheidende Zeiten, um die sich der Tag im Kloster dreht; kosmische Augenblicke, auf die die Glocke hinweist, nicht willkürliche Uhrzeiten auf einem Fahrplan.
Die Glocken im Kloster sollen uns daran erinnern, dass es Zeit ist, wenn wir sie läuten hören ‒ «nicht unsere Zeit».
In dem Augenblick, wo wir unsere Zeit loslassen, haben wir alle Zeit der Welt.
Wir sind jenseits der Zeit, weil wir in der Gegenwart sind, im Jetzt, das Zeit überwindet.
Das Jetzt ist nicht in der Zeit. Jetzt geht über Zeit hinaus.
Nur wir Menschen wissen, was «jetzt» bedeutet, weil wir «existieren», ‒ weil wir aus der Zeit «herausragen». Das ist ja die Bedeutung von Existenz. Und all diese klösterlichen Glocken wollen uns einfach erinnern:
Jetzt! ‒ und sonst nichts.
Freilich können wir nicht behaupten, dass es uns schon gelungen sei. Um nochmals Eliot zu zitieren:
Das Ziel hienieden
Den meisten von uns unerreichbar,
Wir, die nur unbesiegt bleiben,
Weil wir es stets aufs Neue versuchten.[5]Für uns gilt nur der Versuch
Der Rest ist nicht unsere Sache.[6]
Die Losgelöstheit, von der hier die Rede ist, muss klar von Gleichgültigkeit unterschieden werden. Während Gleichgültigkeit Liebe einer Situation entzieht, ist die Liebe der Losgelöstheit «ein Erweitern über das Begehren hinaus».[7]
Das Begehren ist in der Zeit verstrickt; es sehnt sich nach der Vergangenheit und sorgt sich um die Zukunft. Liebe, die über das Begehren hinauswächst, ist «Befreiung vom Künftigen wie vom Vergangenen».
Was übrig bliebt, ist das Jetzt, in dem «Vergangenes und Zukunft vereint sind», der ruhende Punkt.[8]
Wir können die befreiende Ausdehnung der Liebe in unserem eigenen Alltag erleben. Tatsächlich können wir unser Tun und Lassen bei fortschreitender Erweiterung des Horizonts als immer unwichtiger und zugleich immer bedeutsamer empfinden.
Und genau das geschieht bei fortschreitender monastischer Losgelöstheit.
Das Hier und Jetzt gewinnt genau in dem Maße an Bedeutung, wie es an Wichtigkeit verliert.
Im Ruhepunkt spielt das Hier und Jetzt keine Rolle mehr, und gleichzeitig gewinnt es letzte Bedeutung.
Daraus ergibt sich, dass wir ein dem Training in innerer Freiheit entsprechendes Raum-Zeit-Gefühl entwickeln müssen. Ohne das geht es nicht.
Die unterschiedlichen Formen, durch welche Mönche verschiedener Traditionen die Askese, zum Beispiel des Raumes, kultivieren, mögen von außen betrachtet als gegensätzlich erscheinen. Haben wir erst einmal den Schlüssel gefunden, ist leicht zu erkennen, dass alle dasselbe Ziel haben.
So unterschiedliche Formen wie die Heimatlosigkeit des Pilgermönchs und die Stabilität des Klosters sind nur zwei verschiedene Wege zum selben Ziel.
Ein Wandermönch auf den Straßen Indiens, ein Stylit, der sein Leben auf einer Säule sitzend verbringt; die seefahrenden irischen Mönche des Mittelalters oder die eingemauerten Eremiten im alten Russland und Tibet; und all die Mönche, deren Lebensformen irgendwo zwischen solchen Extremen liegen ‒ sie alle haben nur das eine Ziel: dort gegenwärtig zu sein, wo sie sind, wirklich, ganz, gegenwärtig.
… Um dahin zu gelangen,
Wo du schon bist, und fortzukommen von dort,
wo du nicht bist,
Musst du einen Weg gehen, der keine Ekstase kennt.[9]
«Ekstase» bedeutet wörtlich «außer sich sein», fehl am Platze sein, sogar verrückt sein ‒ also das genaue Gegenteil jener vollkommenen Gesammeltheit, jener Gegenwart im Hier und Jetzt, mit beiden Beinen fest auf dem Boden stehend.
Dass die Ekstase ausgerechnet im Augenblick höchster Sammlung und Gegenwärtigkeit eintritt, ist lediglich das sprachliche Spiegelbild des hier besprochenen Paradoxes.
Das klösterliche Training ist ohne Eile und Hektik, aufs Praktische und Alltägliche ausgerichtet: fegen, kochen, waschen, bei Tisch auftragen oder am Altar dienen, Bücher lesen, Karteikarten einordnen, den Garten umgraben, an der Schreibmaschine sitzen, Heu machen, Rohre reparieren; aber all das mit jener liebevollen Losgelöstheit, die jeden Ort zum Mittelpunkt des Universums wandelt.
Zu diesem monastischen Bewusstsein des Raums gehört ein entsprechendes monastisches Bewusstsein der Zeit.
Die Jahreszeiten und die Gezeiten der Sterne,
Die Zeit des Melkens und die Zeit des Erntens.[10]
Die Zeit des «unaufhörlichen Angelusläutens der Glockenboje» an der Küste:
Die Glocke zur See misst
Zeit, die nicht unsere Zeit ist, geläutet von dem gemessenen
Schwall der Dünung: eine Zeit, weit älter
Als die Zeit, wie Uhren sie deuten, weit älter
Als die Zeit, wie wir sie zählen…
Und dieser «gemessene Schwall der Dünung» wird zum Sinnbild jener Erweiterung der Liebe über das Begehren hinaus, innerlich frei, aber nicht gleichgültig, sondern hellwach und verantwortlich ‒ denn die Zeit, welche von der läutenden Glocke gemessen wird, ist «nicht unsere Zeit».
Wir werden gerufen. Wir müssen antworten.
Und die Dünung, heut wie von jeher,
läutet
Die Glockenboje.
Die Angelusglocke und der Gong, die Holzklöppel und die Trommel ‒ sie alle geben Zeit an, «nicht unsere Zeit».
Das ist der entscheidende Punkt: dass es nicht unserer Zeit ist.
Die Mönche stehen auf und gehen zu Bett, arbeiten und feiern ‒ wenn es Zeit dazu ist.
Sie «halten» sich nur an die Zeit, ohne sie zu «bestimmen».
Beim ersten Glockenschlag hat der Mönch in seiner Tätigkeit innezuhalten, was immer es sei, und sich dem zuzuwenden, wofür es Zeit ist.
Das Entscheidende ist das Loslassen. Es ist Befreiung.
Durch das Loslassen wird die Zeit, welche «nicht unsere Zeit» ist, alle Zeit, unser eigen, weil wir uns ihr hingeben. Wenn wir im Rhythmus des Lebens mitschwingen, sind wir im Einklang mit der Welt, und sie gehört ganz uns.
Die innere Freiheit von Raum und Zeit, durch die alles unser eigen wird, weil wir im Hier und fetzt völlig gegenwärtig sind, enthält das ganze monastische Leben wie eine Frucht den Samen.
Ein Zustand vollendeter Einfalt
(Der nicht weniger kostet als alles)[11]
Jeder andere Verzicht ist in der liebevollen Losgelöstheit des Mönchs vom Hier und Jetzt eingeschlossen.
Sie weist auf jene radikale Losgelöstheit von uns selbst hin, in der wir unser wahres Selbst finden.
Um das zu besitzen, was du nicht besitzt,
Musst du den Weg der Entäußerung gehen.
Um das zu werden, was du nicht bist,
Musst du den Weg gehen, auf dem du nicht bist.[12]
[Die Quellenangaben zum obigen Text in Anm. 1, 3, 6, 12]
_______________________
[1] Video Wir sind daheim in dieser Welt (1975) und Transkription
[2] T. S. Eliot: Four Quartets: The Dry Salvages, I, in der Übertragung von Norbert Hummelt [Suhrkamp Verlag 2015, 46f.]:
«And under the oppression of the silent fog
The tolling bell
Measures time not our time, rung by the unhurried
Ground swell, a time
Older than the time of chronometers, older
Than time counted by anxious worried women
Lying awake, calculating the future,
Trying to unweave, unwind, unravel
And piece together the past and the future,
Between midnight and dawn, when the past is all deception
The future futureless, before the morning watch
When time stops and time is never ending;
And the ground swell, that is and was from the beginning,
Clangs
The bell.»
«Und unter dem Druck des schweigenden Nebels
Läutet die Glocke
Mißt Zeit, nicht die unsrige, von der nicht eiligen
Dünung geläutet, Zeit
Älter als die Zeit der Chronometer, älter
Als die Zeit, bang gezählt von besorgten Frauen
Die wachliegen und die Zukunft berechnen,
Abzuwickeln und zu entflechten suchen
Vergangenheit, Zukunft zusammenzuflicken,
Zwischen Mitternacht und Morgengrauen, wenn Vergangenheit Täuschung ist,
Zukunft ohne Gestalt, vor der Morgenwache
Wenn die Zeit stockt und Zeit niemals endet;
Und die Dünung, die ist und vor dem Anfang war,
Die Glocke
Hallt.»
«Die Salvages sind eine Felsengruppe vor Cape Ann (Massachusetts), die nur bei Ebbe zu sehen ist und in deren Nähe Eliot in seiner Jugend ‹riskante Segeltörns› unternahm. Die Erfahrung der rauen See, der Urgewalt des Meeres, ein im Zusammenhang mit Eliots Dichtung treffendes Vokabular, schlägt sich in The Dry Salvages entsprechend nieder. Da wird die auf dem Wasser schaukelnde Boje zur Schicksalsglocke, eine sorgenvolle akustische Begleitung für die implizite Frage: Kehren die Seeleute wieder nach Hause zurück?» [Mario Osterland zu T. S. Eliot]
[3] Die Achtsamkeit des Herzens: ‹Mit dem Herzen horchen› (2021), 18f.
T. S. Eliot: Four Quartets: The Dry Salvages, V; siehe Stillehalten:
«the moment in and out of time»
[4] Psalm 95,7f.; Regel des hl. Benedikt (RB Prolog 10)
[5] T. S. Eliot: Four Quartets: The Dry Salvages, V; siehe Stillehalten:
«For most of us, this is the aim
Never here to be realised;
Who are only undefeated
Because we have gone on trying»
[6] Die Achtsamkeit des Herzens: ‹Die Umwelt als Guru› (2021), 26, 28-30
T. S. Eliot: Four Quartets: East Coker, V:
«For us, there is only the trying. The rest is not our business.»
[7] T. S. Eliot: Four Quartets: Little Gidding, III:
«For liberation ‒ not less of love but expanding
Of love beyond desire, and so liberation
From the future as well as the past.»
[8] T. S. Eliot: Four Quartets: Burnt Norton, II; gesprochen von Reinhard Glemnitz (26:00) im Video Wir sind daheim in dieser Welt (1975); siehe auch Transkription (26:00) und Anm. 3, ebenso Stillehalten
[9] T. S. Eliot: Four Quartets: East Coker, III:
«Shall I say it again? In order to arrive there,
To arrive where you are, to get from
where you are not,
You must go by a way wherein there is no ecstasy.»
[10] T. S. Eliot: Four Quartets: East Coker, I:
«The time of the seasons and the constellations
The time of milking and the time of harvest»
[11] T. S. Eliot: Four Quartets: Little Gidding, V, siehe Stillehalten:
«A condition of complete simplicity
(Costing not less than erytheing)»
[12] Die Achtsamkeit des Herzens: ‹Spiegel des Herzens› (2021), 123-126
T. S. Eliot: Four Quartets: East Coker, III:
«In order to possess what you do not possess
You must go by the way of dispossession.
In order to arrive at what your are not
You must go through the way in which you are not.»
Zen
Interviews und Texte von Br. David Steindl-Rast OSB
«Der Zen-Meister Zentatsu Richard Baker Roshi nennt mich im Spaß einen ‹Zenediktiner› und ich sehe das als ein Kompliment an. Zen ist zwar innerhalb des Buddhismus entstanden, ist aber eine Form der Spiritualität, die mit jeder religiösen Tradition vereinbar ist. Es geht beim Zen nicht um eine Lehre, sondern um eine Weise die Welt zu erleben.
Sie haben vielleicht beim Tanzen Augenblicke erlebt, in denen Sie einfach zum Tanz werden; oder beim Joggen sind Sie plötzlich weg und ‹es joggt› nur noch. Beim Klettern in den Bergen gibt es solche Augenblicke und wir können sie bei den verschiedensten Tätigkeiten erleben. Das sind Zen Erlebnisse.
Wir können sie auch durch noch so große Mühe nicht zustande bringen, sie sind immer reines Geschenk des Lebens. Aber wir können uns darauf vorbereiten, dieses Geschenk zu empfangen, und wir können das Bewusstsein der Verschmelzung von dem, was wir sind, und dem, was wir tun, in unseren Alltag einfließen lassen. Darin besteht Zen Training.
Weil es beim Zen nicht um Glaubenssätze geht, sondern um Erfahrung, so werden Fragen, wie die, bezüglich Tod, Auferstehung und Reinkarnation, als Ablenkungen vom Wesentlichen angesehen.
Wenn ich mein Jausenbrot dankbar und mit voller Aufmerksamkeit esse und mich darin übe, hellwach gegenwärtig zu sein für alles, was das Leben mir schenkt, dann werde ich das auch in meinem letzten Augenblick tun, und das genügt für den Herzensfrieden, den wir Menschen uns ersehnen.» [Jeder Mensch ist zutiefst darauf angelegt Mystiker zu sein (2020): Bruder David im Interview von Evelin Gander]
«Mir persönlich hat Zen geholfen, mein christliches Gottesverständnis zu vertiefen. Die entscheidende Schwelle war für mich die zu erleben, dass für mich selbst, aber auch für die Mehrzahl der aufgeweckten Menschen das alte Gottesbild oder die überlieferte Gottesvorstellung nicht mehr greift. Sie entspricht unserem heutigen Erleben nicht mehr.
Wir leben heute in einer Welt, in der alles mit allem zusammenhängt, und zwar in allen Lebensbereichen, ob das nun Biologie oder Physik, Politik oder Wirtschaft ist. Alles hängt mit allem zusammen ‒ das ist unsere Erfahrung tagtäglich. Wie sollen wir uns da mit einem Gott abfinden, der von der Welt und von uns getrennt sein soll? Der von uns getrennte Gott ‒ das geht nicht mehr! Doch das war schon in der echten lebendigen christlichen Tradition nicht anders ‒ kein Mystiker hätte das anders gesehen: Gott ist mit jedem von uns ganz intim verbunden, er ist nicht jenseits, er ist meine lebendige Gegenwart!»
«Das, was im Zen als ‹Leere› bezeichnet wird, wäre das dann die Entsprechung von dem Gott, den Sie als das Schweigen begreifen?»
«Ja, das Schweigen oder die Quelle – das ist Gott. Die Quelle ist ‹Nichts› – und diese ‹Gottheit› jenseits des Vaters, von der auch Meister Eckhart und viele andere Mystiker sprechen, dieses Nichts als Fülle zu erfahren, dazu hat mir Zen verholfen.»
«Also muss man selbst seinen eigenen Gottesbegriff loslassen, um ihn mit neuer Kraft zu beleben?!»
«Selbstverständlich. Man erlebt das Durchdrungensein von Gott – und dann spürt man, dass man keinen erstarrten Gottesbegriff braucht. Wenn man an etwas klammert, dann ist man schon jetzt im Leben tot. Man kann dann nicht mehr im Fluss sein.» [Gelebte Dankbarkeit (2014): Bruder David im Interview von Ingeborg Szöllösi]
[Ergänzend:
1. «Wohin geht der Mensch?» (2022): Im überarbeiteten und ins Deutsche übersetzten Vorwort der Neuausgabe dieses Buches von Hugo M. Enomiya Lassalle, das Bruder David 1988 erstmals für die englische Ausgabe des Buches verfasste, schreibt er:
«Buddhisten wie Christen finden, dass Zen eine hilfreiche Methode ist, um die innere Quelle rein zu halten. Bei dieser Herzensarbeit machen sie eine erstaunliche Entdeckung. Diejenigen, deren Leben von diesem Urquell genährt wird, werden nach christlichen Maßstäben zu besseren Christen und nach buddhistischen Maßstäben zu besseren Buddhisten. (Dann nehmen sie solche Etiketten freilich nicht mehr wichtig.) Sie erkennen, dass der buddhistische wie der christliche Weg das gleiche Ziel hat: Den völlig wachen, völlig lebendigen Menschen. Sie erkennen auch dies: In dem Maße, wie wir lebendig werden, werden wir auch lebendig und wach für die Bedürfnisse anderer. Völlig lebendig werden ist eine Aufgabe, die wir nicht als Einzelgänger, sondern nur mit anderen gemeinsam verwirklichen können.»
2. Dankbarkeit macht eine Fütterung zum Mahl (2011): Interview mit Bruder David von Marietta Schürholz:
«… Thich Nhah Hanh führte aus, dass die Jünger Christus an der Art erkannten, wie er das Brot brach. Mir wurde da klar, wie in der Präsenz das Göttliche wohnt, wie Gegenwärtigkeit im Tun zu Gott führt.»
Bruder David: «Dieses Tun kommt aus einem Fühlen. Und dieses Fühlen ist ein Verstehen, das ganz tiefe körperliche Wurzeln hat, ein verkörpertes Verstehen. Das Fühlen ist ein verkörpertes Verstehen.
Das Denken ist ein entkörpertes Verstehen. Es wird umso besser, je mehr man vom Körper wegkommt. Das kann man natürlich nie ganz, aber man kann versuchen vom Körper weg zu kommen. Während im Gefühl versucht man vom Körper mehr und mehr in das Verstehen hineinzunehmen.»
3. Erinnerungen an die letzten Tage von Thomas Merton im Westen (1968):
«Es gab so viele Kontaktpunkte zum Zen Buddhismus, dass ich ihn einfach fragen musste, ob er auch zu diesen Einsichten gekommen wäre, wenn er Zen nie begegnet wäre. ‹Ich bin nicht sicher›, antwortete er nachdenklich ‹aber ich denke nicht. Ich sehe keinen Gegensatz zwischen Buddhismus und Christentum. Die Zukunft des Zen ist im Westen. Ich habe die Absicht, Buddhist zu werden so gut ich kann.›»
4. Askese und Zen:
«In spirituellen Überlieferungen wie etwa dem Zen lernen wir, dass Askese eine Disziplinierung der Sinne bezeichnet, durch die man die Fähigkeit entwickelt, jede Daseinsdimension mit gesteigerter Sensibilität zu erleben. Das wurde in Blütezeiten seit jeher vom Mönchstum in jeder Tradition betont. Für einen wahrhaft aufnahmebereiten Gaumen ist Quellwasser sehr wohlschmeckend.»
5. Konvertieren:
«Natürlich passiert es sehr oft, dass Leute, die einen christlichen Hintergrund haben, viele Jahre damit verbringen, beispielsweise Zen zu praktizieren, oder Yoga ‒ und dadurch letzten Endes ihren christlichen Hintergrund wiederentdecken.»]
Zugehörigkeit
Text von Br. David Steindl-Rast OSB
Echte Lebendigkeit ist der Ausdruck einer tiefen Zugehörigkeit.
Wir wissen es «bis in unsere Knochen».
Es ist die höchste Art von Wissen, das nicht auf Gedanken beschränkt ist, noch auf Gefühle, noch auf irgendeine andere Art von Wissen. Dies ist nicht das Wissen, auf das wir uns in alltäglichen Gesprächen beziehen.
Es ist nicht das, was der konfuzianische Weise Hui Tzu, der sehr um Wortgenauigkeit bemüht war, unter Wissen verstand.
Und dies führt zu einem köstlichen Wortwechsel zwischen ihm und dem großen taoistischen Meister Chuang Tzu.
Es handelt sich um eine Episode, die Thomas Merton entzückte und die er in seinem Buch «The Way of Chuang Tzu» mit dem Titel «The Joy of Fishes» (Die Freude der Fische) übersetzte[1]:
Chuang Tzu und Hui Tzu
gingen über den Fluss Hao
auf einem Damm.
Chuang sagte:
«Schau, wie frei
die Fische springen und herumschnellen:
Das ist ihre Glückseligkeit.»
Hui entgegnete:
«Da du kein Fisch bist,
wie kannst du wissen,
was Fische glücklich macht?»
Chuang sagte:
«Da du nicht mich bist,
wie kannst du bloß wissen,
dass ich nicht weiß,
was Fische glücklich macht?»
Hui erwiderte:
«Wenn ich, der ich nicht du bin,
nicht wissen kann, was du weißt,
folgt daraus, dass du,
der du kein Fisch bist,
nicht wissen kannst, was sie wissen.»
Chuang sagte:
«Warte einen Augenblick!
Lass uns zurückkommen
auf die ursprüngliche Frage.
Was du mich gefragt hast, war:
Wie kannst du wissen,
was Fische glücklich macht?
Von deinen Fragen her
scheinst du offensichtlich zu wissen, dass ich weiß,
was Fische glücklich macht.»
Und dann folgt die entscheidende Aussage, eine Erklärung von größter Bedeutung:
«Ich erkenne die Freude der Fische
im Fluss
durch meine eigene Freude,
wenn ich denselben Fluss entlang gehe.»
Gibt es noch einen anderen Weg, dies zu wissen? Offensichtlich nicht! Aber überlegt, was dies bedeutet.
Unser beglückendes Wissen kommt nicht vom Denken, sondern vom Bewusstsein einer gemeinsamen Lebendigkeit, in diesem Fall zwischen Hui Tzu und dem Fisch.
Die Taoisten nannten diese gemeinsame Lebendigkeit das «Tao». Dieses Wort bedeutete einfach «Weg» oder «Pfad». Doch die Taoisten erweiterten seine Bedeutung.
Für diese Gegebenheit benötigen wir einen Ausdruck und der beste, den unsere Sprache anbieten kann, ist «gesunder Menschenverstand».
Indem wir diese Art von Wissen gesunden Menschenverstand nennen, weiten wir die Definition dieses Begriffs, wie wir ihn normalerweise kennen, aus, doch wenn wir ihn mit neuen Ohren hören, ist es ein außergewöhnlich guter Begriff.
Oft wird gesunder Menschenverstand gebraucht, um herkömmliche Annahmen zu bezeichnen, das genaue Gegenteil von voller Lebendigkeit. Aber der gesunde Menschenverstand, von dem wir jetzt sprechen, ist so dynamisch, so lebendig, so weit, dass es allem, was wir tun und sind, eine neue Farbe, eine neue Note gibt.
Es ist ein sinnliches Wissen und es entspringt dem, was wir mit der ganzen Schöpfung gemein haben. Unseren Erfahrungen wohnt die Erkenntnis inne, dass wir nicht getrennte Leiber sind, sondern dass in diesem Universum alles zusammenhängt, alles ist Teil von allem. Aus diesem Bewusstsein entspringt das einzige Wissen, das Sinn macht. Dieses Wissen geht so tief, dass es in unseren Sinnen verkörpert ist und keine Grenzen hat. Es ist dem ganzen Universum gemeinsam. Wir müssen uns nur anschließen.
Ist es nicht das, was Chuang Tzu sagt? Durch unsere eigene Glückseligkeit erkennen wir die Glückseligkeit der Fische und die Glückseligkeit von allem, was es in der Welt gibt. In diesem glückseligen Augenblick haben wir ein spirituelles – voll lebendiges – Wissen im Herzen der Welt erreicht. [Spiritualität und gesunder Menschenverstand (2012)]
[Ergänzend:
1. ZUGEHÖRIGKEIT, in: Dankbarkeit: Das Herz allen Betens. (2018) [bzw. Fülle und Nichts (2015)]: Kapitel «Liebe Ein ‹Ja› zur Zugehörigkeit» und Schlüsselbegriffe «Liebe» und «Zusammengehören» am Ende des Buchs:
«… Jede Sehnsucht sehnt sich irgendwie danach, das Zusammengehören umfassender zu erkennen und somit reicher zu erfahren. Weil das Zusammengehören eine Tatsache ist, sind wir zuhause in der Welt, ganz gleich, wo wir uns befinden mögen. Und weil das Zusammengehören ein Geschenk ist, ist Dankbarkeit die richtige Antwort auf das Leben, ganz gleich, was es uns bringt.»
2. Auf dem Weg der Stille (2016), 71f.:
«T. S. Eliot kommt in seinen ‹Four Quartets› auch auf eine Gipfelerfahrung zu sprechen und erzählt von einer ‹Musik, die man in solcher Tiefe hört, dass man sie überhaupt nicht hört, aber du bist die Musik, solange diese Musik andauert.›[2]
Du bist die Musik. Das heißt, du vibrierst von dieser Musik, und selbst wenn du bloß an irgendeine Flötenmusik oder Klaviermusik denken solltest, der du zuhörst, ist das die Musik des Universums, mit der du vibrierst. Das ist die Musik nach der dieser ganze kosmische Tanz tanzt, und sie fließt durch dich hindurch ‒ und das ist dein Augenblick religiöser Erfahrung. In diesem Augenblick weißt du, dass du mit allem eins bist. Es ist einfach so: Du bist die Musik, solange die Musik andauert.
Und das ist jetzt der Ausdruck eines tiefen Dazugehörens. Und wenn du jetzt nach deinen Gipfelerfahrungen oder religiösen Erfahrungen suchst und deine Erinnerung durchgehst, so vergiss dabei alles andere, was du dir dabei gedacht hast und was dich davon abgelenkt hat ‒ wie etwa: ‹mein Körper hat noch nie geglüht› oder ‹Musik mag ich gar nicht› und so weiter.
Aber das eine, was du nicht unterlassen solltest, ist, dass du dich fragst: ‹Wo ist mir schon einmal für den Bruchteil einer Sekunde aufgegangen, dass ich dazugehörte, und ich das bis in meine Knochen hinein empfand, und dass ich mit allem eins war und alles mit mir eins war›?
Das ist das Wesentliche, und das ist eine Art des Erkennens, und zwar die größtmögliche Art des Erkennens, die nicht auf Gedanken beschränkt ist, nicht auf Gefühle und nicht auf irgendeine andere Art des Erkennens. Und das ist ‹Gemeinsam-Sinn› (common sense) in der tiefsten Bedeutung dieses Wortes.
Es ist ein Wissen, das so tief geht, dass es in unseren Sinnen verkörpert ist und keine Grenzen seines Gemeinsam-Seins hat.
Darin ist alles beschlossen: Mittels deiner eigenen Glückseligkeit kennst du die Glückseligkeit von allem und jedem, was es in der Welt gibt, denn in diesem Augenblick der Glückseligkeit hast du sozusagen ans Herz der Welt ‒ die spirituelle Erkenntnis ‒ gerührt, an das Wissen, dass alles ‹zusammen sinnt› (commonsense knowledge).»
3. Spiritualität im Alltag in Dienten (1994):
Vortrag
(09:59) Wir erleben Entfremdung und Augenblicke, in denen wir uns grenzenlos zu Hause fühlen, daheim
(20:05) Das Reich Gottes: Wir sind alle eine große Familie im Gotteshaushalt, der vom göttlichen Geist belebt ist, dem Hausfrieden Gottes]
_____________________________
[1] Siehe auch: Dschuang Dsi: «Das wahre Buch vom südlichen Blütenland»; übersetzt von Richard Wilhelm (= Diederichs gelbe Reihe, 14), Heinrich Hugendubel Verlag, Kreuzlingen / München 112000: Buch XVII: «Herbstfluten, 12. Die Freude der Fische», 192
[2] Kennen Sie
«… den Augenblick in und außer der Zeit,
Den Wachtraum, verloren im Sonnenstrahl,
Den ungesehenen Thymian, das Wetterleuchten im Winter,
Den Wasserfall oder Musik, die so innig gehört wird,
Dass du sie nicht mehr hörst, weil du selbst die Musik bist,
Solange sie forttönt.»
… the moment in and out of time
The distraction fit, lost in a shaft of sunlight
The wild thyme unseen or the winter lightning,
Or the waterfall, or music heard so deeply
That it is not heard at all, but you are the music
While the music lasts.
T. S. Eliot: «Four Quartets»: «The Dry Salvages», V, diese Verse ebenfalls zitiert in AH 1-2) 122; 3-5) 119
Copyright © 2026 - Bibliothek - David Steindl-Rast OSB

