Text und Audios von Br. David Steindl-Rast OSB

geheimnisCopyright © - Barbara Krähmer

Jesus verkündet die unter uns wirksame erlösende Kraft Gottes, und er appelliert an den gesunden Menschenverstand, an den Gemeinsinn.

Es ist unser Gemeinsinn, er ist uns allen gemein.

Und er hat etwas zu tun mit der Sinneserfahrung.

Es gibt zwei sehr wichtige Aspekte der christlichen Mystik: die Betonung der Gemeinschaft und die Betonung der Sinneserfahrung. Beide sind in dem Begriff Gemeinsinn enthalten.

Auf diesen Gemeinsinn beruft sich Jesus stets.

Diese Tatsache ist wichtig, wenn wir Jesus und den mystischen Durchbruch, der sich bei ihm und durch ihn einstellte, verstehen wollen.[1]

Fragen Sie sich selbst: Auf welche Autorität  berief sich Jesus?

Die Antwort lautet: Auf den Gemeinsinn.

Wenn Sie in die Kirche gehen und Predigten hören, gewinnen Sie unter Umständen den Eindruck, Jesus habe sich auf die Autorität Gottes berufen, so wie seit alters die Propheten.

Doch bei genauerer Betrachtung stellen wir fest, dass Jesus nie die typische prophetische Formel benutzte: «Also sprach der Herr …»

Er berief sich nicht einfach auf die Autorität Gottes und am allerwenigsten auf seine eigene. (Leute, die das tun, können kaum jemanden für sich gewinnen. Schon aus diesem Grund können wir überzeugt sein, dass er es nie tat.)

Er berief sich auf die göttliche Autorität in den Herzen seiner Zuhörer, auf den Gemeinsinn.

Aus diesem Grund geriet Jesus auch in Schwierigkeiten, kam es zu der historischen Krise in seinem Leben.

Jemand, der sich auf den Gemeinsinn beruft, gerät zwangsläufig in Konflikt mit den Autoritäten.

Sowohl für die religiösen als auch für die politischen Autoritäten ist niemand verdächtiger als jemand, der gelernt hat, auf seinen eigenen Füßen zu stehen, und der dies anderen vermittelt.

So jemand war Jesus, und solche Menschen sind auch die Mystiker. Die Mystiker geraten ständig in Schwierigkeiten mit religiösen Autoritäten, häufig auch mit politischen Autoritäten.

Durch seine Lehre und sein Leben trieb Jesus einen Keil zwischen den Gemeinsinn und die öffentliche Meinung. Er berief sich auf den Gemeinsinn und machte dadurch den Anspruch der öffentlichen Meinung völlig zunichte.

Aus diesem Grund berichtet Markus auch, dass die einfachen Leute sagten:

«Donnerwetter, dieser Mann spricht mit Autorität, nicht so wie unsere Autoritäten.»

Sie können sich vorstellen, was die Autoritäten davon hielten und wie sie reagierten, nämlich: Dieser Mann muss sterben.

So teilen es uns auch die Evangelien mit.

Wir sagten ‒ Sie erinnern sich -, dass Religion mit der Mystik beginnt und sich schließlich zu Lehre, Moral und Ritual verfestigt.[2]

Aus diesem Grund wird Jesus auch in den Evangelien etwas schematisch gegen drei Gruppen von Autoritäten abgesetzt: gegen die Schriftgelehrten (stellvertretend für die Lehre), die Rechtsgelehrten (stellvertretend für das Gesetz), und die Pharisäer (stellvertretend für das Ritual).

Die Evangelien selbst und auch das übrige Neue Testament beweisen ‒ sonst würden wir es ja gar nicht wissen ‒, dass es hervorragende heilige Schriftgelehrte, Rechtsgelehrte und Pharisäer gab.

Doch sie werden jeweils als Typus dargestellt, und als solche gibt es sie auch heute noch. In jeder Kirche kann man den Schriftgelehrten, den Rechtsgelehrten und den Pharisäern begegnen.

Wir finden sie aber auch in unserem eigenen Inneren. Sie stehen für den toten Buchstaben im Gegensatz zur persönlichen Erfahrung, für den Legalismus im Gegensatz zu einem Handeln, das aus einem lebendigen Zugehörigkeitsgefühl entspringt, und für den Ritualismus im Gegensatz zu einer Feier des Lebens als Ganzes.

Jesus bekam aber nicht nur Schwierigkeiten mit den religiösen, sondern auch mit den politischen Autoritäten.

Am Ende machten sie gemeinsame Sache und löschten ihn aus.

An diesem Punkt trat das Kreuz in das Leben Jesu.

Wir können das Kreuz ‒ wie in der christlichen Tradition geschehen ‒ auf vielfache Weise interpretieren, doch wir gehen am Wesentlichen vorbei, wenn wir nicht beachten, welche historische Rolle es spielte.

Jesus musste sterben, weil er die Grenzen des Bewusstseins durchbrach, weil er die Grenzen dessen durchbrach, was es bedeutet, religiös zu sein.

Wir sollten uns selbst lieber fragen, ob wir den Mut besitzen, uns für den Gemeinsinn gegen die öffentliche Meinung einzusetzen.

Wir gehen ein großes Risiko ein, wenn wir uns von den Gleichnissen mitreißen lassen.[3]

Wenn ich einmal «Ja» zum Gemeinsinn gesagt habe, warum lebe ich dann nicht danach?

Warum lebe ich nicht mit der Lebendigkeit meiner größten Augenblicke?

Warum mache ich all diese Konzessionen an die öffentliche Meinung?

Warum lasse ich mich nicht von der Autorität Gottes in mir leiten?

Warum beuge ich mich anderen Autoritäten?

Und es gibt viele verborgene Autoritäten.

Denken Sie an den Druck, der von Ihren Altersgenossen ausgeht. Da finden wir alle möglichen Autoritäten, denen wir uns beugen.

Und warum? Wenn man es nicht tut, endet man unweigerlich da, wo Jesus endete, an seinem eigenen Kreuz.[4]

Dies ist das erschütternde Ende des Lebens Jesu.

Dieser Mensch übt immer noch in einigen der frühesten Schriften eine gewaltige Wirkung auf uns aus, als jemand, von dem andere sagen würden:

«Ja, genau so würden wir gerne sein, wenn wir wirklich wir selbst wären.»

Er lebte aus diesen mystischen Augenblicken heraus, und wir tun es nicht.

Wir haben sie immer wieder einmal, und dann verraten wir sie wieder.

Er lebte aus dieser Realität.

Deshalb wurde er ausgelöscht, musste er sterben.

Historisch ist dies das Ende der Geschichte.

Doch dann kommt ein Ereignis, das sich nicht innerhalb und nicht außerhalb der Geschichte befindet, sondern den Rand der Geschichte markiert, das Ereignis, das Auferstehung genannt wird.

Man kann die Geschichte Jesu nicht angemessen erzählen, ohne über die Auferstehung zu sprechen.

Sie ist nicht lediglich ein Anhang zum Leben Jesu. Ohne sie gäbe nichts, was seitdem geschehen ist, ja nicht einmal das Bild, das wir von Jesus haben, einen Sinn.

Aber was ist diese Auferstehung?

Wie können wir rekonstruieren, was wirklich geschehen ist?

Halten wir uns an den frühesten Bericht. Nach diesem starb Jesus am Kreuz. Sie nahmen ihn vom Kreuz ab, begruben ihn hastig, weil es der Vorabend des großen Festes war, und bald nach dem Fest fanden Frauen das Grab leer.

Der Umstand, dass es ausgerechnet Frauen waren, brachte die Kirche der Anfangszeit sehr in Verlegenheit, denn Frauen hatten kein Recht, Zeugnis abzulegen. Frauen hatten vor Gericht keine Stimme. So etwas wie eine Zeugin gab es nicht. Und doch waren Frauen die ersten Zeugen der Auferstehung, und ihr Zeugnis wurde akzeptiert.

Dies markiert einen Wandel im ganzen Status der Frauen. Sie mussten (und müssen immer noch) einen langen Weg gehen, aber seit Anbeginn heißt es in der Überlieferung, dass Frauen als erste das Grab leer vorfanden. Und sie glaubten, dass Jesus, den sie als Sterbenden und als Leichnam gesehen hatten, lebendig war. Dies ging über jeden Bericht, wonach das Grab leer war, weit hinaus. Damals waren sogar diejenigen, die sagten, der Leichnam Jesu sei gestohlen worden, bereit zuzugeben, dass das Grab leer war.

Manche Leute schauen heute auf dieses Grab, sehen, dass es leer ist, und sagen: «Der Leichnam muss gestohlen worden sein, kein Zweifel.»

Andere sehen dasselbe leere Grab und glauben dennoch, dass Jesus auferstanden ist. Sie sagen:

«Jetzt verstehen wir! Warum sollten wir auch den Lebenden unter den Toten suchen?! Dieser Mann verkörperte das Leben selbst.

Er zeigte uns, was es bedeutet, lebendig zu sein.

Es ist jedem Vernünftigdenkenden klar, dass er sich nicht unter den Toten befindet.»

Und dann kommt die Frage: Wenn er nicht hier ist, wo ist er dann?

«Er ist verborgen in Gott»

lautet eine frühe Antwort (Kolosser 3,3).

Gott ist ebenfalls verborgen. Und dennoch erfahren wir die Macht Gottes. Jesus ist mit Gott, er ist verborgen in ihm, und er verleiht uns auch weiterhin Gottes Kraft.

So gelangten die erschütterten Nachfolger Jesu zu der Erkenntnis, dass das Leben, das er führte, stärker war als der Tod.

Noch heute, zweitausend Jahre später, spürt die Welt die Auswirkungen der Druckwelle, die ihr Glaube an seine Auferstehung ausgelöst hat.

Was Jesus als das Kommen des Reichs Gottes ankündigte, verkündigt die Kirche durch die Jahrhunderte als die Auferstehung Jesu Christi.

Beide Verkündigungen haben denselben Inhalt: Gottes manifest gewordene erlösende Kraft.

Hier haben wir den mystischen Kern der christlichen Religion, den vulkanischen Ausbruch eines neuen Beginns.

Und nun fängt der ganze Prozess unweigerlich wieder von vorn an.[5]

Die Begegnung mit Jesus wird interpretiert und die Erfahrung verfestigt sich zur Lehre. Die Implikationen der alles umfassenden Liebe Jesu werden formalisiert und verfestigen sich zu moralischen Regeln.

Sie erinnern sich, wie sie das Leben zelebrierten, als er mit ihnen aß und mit ihnen trank, und sie machen das Brechen des Brots zum Ritual.

Und so haben Sie immer wieder die christusähnlichen Figuren in der Kirche, die in dieselben Schwierigkeiten geraten, die Jesus mit seinen religiösen Autoritäten bekam.

Und doch wird uns die «frohe Botschaft» durch die Kirche, in ihr und trotz ihr vermittelt.

In der Kirche finden Sie alle die Heiligen, die durch die Jahrhunderte bis heute ein Christus ähnliches Leben geführt haben.

In derselben Kirche finden Sie aber auch die Pharisäer, die Rechtsgelehrten und die Schriftgelehrten.

Als wir fragten: «Was soll jemand, der seinen mystischen Weg akzeptiert, mit der Religion anfangen?», lautete meine Antwort:

«Sie tragen die Verantwortung dafür, die Religion religiös zu machen, weil sie, sich selbst überlassen, zu etwas Irreligiösem verkommt.»

Nun fragen wir: «Was soll ein Christ tun, der die volle Bedeutung Christi erkennt?»

Die Antwort ist. «Nun, er soll den Rest seines Lebens damit verbringen, die Kirche christlich zu machen.»

Sie wird die Kirche der Heiligen und der Sünder genannt.

Sie ist aber auch die Kirche der Mystiker und zugleich die Kirche, die es den Mystikern schwer macht.

An diesem Punkt befinden wir uns jetzt, wenn wir realistisch sein wollen.

Doch im Herzen dieser Kirche ist das mystische Element, das sie am Leben hält, das Erbe Jesu.

Zu diesem mystischen Keim immer wieder vorandringen ‒ das ist die letzte Grenzerfahrung der christlichen Mystik.[6]

[Die Quellenangabe zum obigen Text in Anm. 6]

[Ergänzend:

1. Seele

2.. Audios

2.1. Das glauben wir ‒ Spiritualität für unsere Zeit (2015)
Vortrag in Themen des Abends aufgeteilt:
‹Der verleugne sich selbst› ‒ das Kreuz

2.2. Vertrauen in das Leben (2014)
Vortrag:
(38:21) ‹Stirb und Werde›: Auferstehung meint etwas anderes – ‹Wir sind die Bienen des Unsichtbaren› (Rilke)[7] – ‹Euer Leben ist verborgen in Gott› (Kol 3,3)

2.3. So leben wir und nehmen immer Abschied (2009)
Vortrag: [8]
(06:20) Die Begegnung von Jesus mit seiner Mutter auf dem Kreuzweg ‒ Abschied von dem unverstandenen Kind
(07:20) Die Kreuzigung ‒ Abschied vom vertrauten Gottesbild: Jesus stirbt mit den Worten: ‹Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?› ‒ ‹In deine Hände empfehle ich meinen Geist›
(09:21) Der Schmerz der Kreuzabnahme, der Schmerz der Pietà: Maria hat das Kind auf dem Schoss ‒ der Abschied vom Kind im Tod ‒ ‹Jetzt wird mein Elend voll, und namenlos› (Rilke, Pietà, Das Marien-Leben)
(11:10) Die Grablegung Jesu ‒ ein Abschied voll Hoffnung ‒ ‹Stillung Mariae mit dem Auferstandenen› (Rilke, Das Marien-Leben)

2.4. Was bedeutet uns Jesus Christus heute? (2004)
Vortrag:
(16:17) Jesus hat in Gleichnissen gesprochen: Bruder David erklärt die literarische Form von Gleichnissen. Ohne ihre Kenntnis verfehlen wir den springenden Punkt im Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lukas 10,25-37).[9] Jesus lehrt in Witzen: Er stellt eine Frage, wir sagen: «Das wissen wir ja alle!» «Warum handelt ihr nicht danach?» der Witz ist auf unsere Kosten / (22:13) Er weist hin, wie die Gleichnisse Jesu eine religionsgeschichtliche Wende bedeuten: Jesus spricht nicht wie ein Prophet mit der Autorität Gottes, er nimmt auch nicht charismatisch seine eigene Autorität in Anspruch, sondern verlegt die Autorität Gottes in die Herzen seiner Hörer: «Ihr wisst das doch!» / (23:41) Und damit kommen wir zur Christus Erfahrung, die mystische Erfahrung Jesu, die wir selber machen können

2.5. Mit allen Sinnen leben (1993)
Christlicher Glaube in heutiger Sprache
Teil 2: «Ihr wisst alles über Gott von innen her»
(15:18) Der Tod hat uns als solcher nicht erlöst, sondern die Auferstehung: ‹Friede sei mit euch› ‒ er hat ihnen verziehen, das war das erste Wort /
(17:07) Wofür Jesus steht, unterliegt nicht dem Tod / (18:53) ‹Gott gehorchen oder euch›? (Apg 5,29): Wieder Autorität in den Herzen der Hörer ‒ Die innere Autorität zurückgewinnen: Einander ermächtigen, Befreiung von den Sünden, denn Sünde ist diese Hölle, die wir aus dieser Welt gemacht haben ‒ Es kostet sehr viel: Wir müssen umkehren, die Verantwortung übernehmen, auf eigenen Füßen stehen

2.6. Audio-Seminar Das Leid des Lebens zu Herzen nehmen ‒ Goldegger Dialoge (1992)
Eröffnungsvortrag;
siehe auch die Mitschrift des Vortrags
(22:47) Verleiblichen des Geistigen und Vergeistigen des Leiblichen: Durch die Sinne Sinn finden – Wir sind die Bienen des Unsichtbaren (Rilke)[10] – Das Fronleichnamsfest ist das Fest der Verleiblichung des Göttlichen und der Vergöttlichung des Leiblichen
Erstes Seminar mit Bruder David im Rittersaal des Schlosses Goldegg:
(37:00) Weltgeschichtliche Wende: Jesus verlegt die Autorität Gottes in die Herzen seiner Hörer und unsere Aufgabe in der Kirche / (42:48) ‹Bisher hat die Kirche den Glauben getragen, jetzt müssen die Gläubigen die Kirche tragen› (Karl Rahner) / (51:35) Jesus: voll Mensch und daher voll göttlich, und das Ziel des christlichen Lebens: voll menschlich zu werden und daher völlig vergöttlicht / (54:07) Kreuzesnachfolge: Im Lebensstrom schwimmen gegen den Strom der Gesellschaft ‒ Unser Ego besitzen und es aufgeben / (56:22) Einer Gesellschaft, die aus der Angst und Unterdrückung lebt, stellt Jesus das Reich Gottes entgegen, er ist nicht nur Mystiker, er ist auch Sozialreformer / (58:37) Bekehrung, Umkehr im Alltag ‒ die Kreuzigung nicht suchen, aber sie nicht scheuen
Zweites Seminar mit Bruder David im Rittersaal des Schlosses Goldegg:
Teil 1:
(21:55) Der Auferstandene trägt nicht Narben, sondern freudenstrahlende Wunden: Ursprünglicher Sinn der Kreuzenthüllung und Ausklang mit Glockengeläut

2.7. Löwe, Lamm und Kind (1992)
Vortrag:
(29:12) Autoritätskrise und wie ‒ am Beispiel der Gleichnisse Jesu ersichtlich ‒ Jesus die Autorität Gottes in die Herzen seiner Zuhörer verlegt / (33:14) ‹Der Mann spricht mit Autorität, nicht wie unsere Autoritäten›: Wie Jesus die Menschen ermächtigt und der unvermeidliche Konflikt mit autoritären Autoritäten bis zur Kreuzigung / (35:49) Die Angst vor authentischer Autorität: Selbst seine Jünger verlassen ihn / (36:54) Die erlösende Kraft des Kreuzes und die Auferstehung ‒ ‹Wenn irgendjemand von uns einen einzigen Menschen kennengelernt hat im Leben, der aus dieser Lebenskraft Jesus lebt, dann haben wir die Auferstehung erlebt› / (38:56) ‹So kann man leben›: Ein Sieg durch den Tod des Siegers und ein Friede, den die Welt nicht geben kann / (40:25) ‹Hier ist das Friedensreich schon da›: Bruder David schließt mit einem Erlebnis aus der chassidischen Tradition

2.8 Vater Unser (1992)
Teil 1 in Themen aufgeteilt:
Jesus als Mystiker verstehen
Jesus ‒ Mystiker und Sozialreformer[11]
Teil 3 in Themen aufgeteilt:
Auferstehung, Vergebung, ‹Honig aus des Löwen Munde›[12]

2.9. Retreat-Woche in Assisi (1989)
Geistliches Leben, das Maß nimmt an der Gestalt Jesu:
(19:29) ‹Auferstanden von den Toten›: Ein geschichtliches Ereignis über das man nur in mythischer Sprache reden kann ‒ Fragen und Diskussion
Schöpfungsmythos und Anfangsritual am Beispiel der hl. Taufe ‒ «Einander vergeben ist äußerstes Geben»:
(09:38) ‹Vergebung der Sünden›: Das zentrale Auferstehungserlebnis der Jünger und unsere Aufgabe (Joh 20,22f.): ‹Perdonare›, vergeben ist das schwerste Geben, es heißt die Schuld auf uns nehmen: ‹Wir sind jetzt eins im Herzen, und dadurch ist der Bruch schon geheilt›

2.10. Beten ‒ Mit dem Herzen horchen (1988)
2. Bruder David in der Fragerunde:
Das Urwesen des Christlichen zurückgewinnen; siehe auch die Transkription
Teil II, 2f.:
(04:47) Kreuz und Auferstehung ist nur vom Leben Jesu her zu verstehen:

«Alles steht und fällt im Christentum mit der Auferstehung. Das sagte schon Paulus: ‹Wenn Christus nicht auferstanden ist, dann sind wir die elendesten aller Menschen› (1 Kor 15,19).

Was ich eigentlich zu Kreuz und Auferstehung zu sagen habe, und zwar nur deshalb, weil es nicht genügend betont wird, ist, dass wir das Leiden und Sterben und die Auferstehung Jesu ‒ das gehört alles zusammen ‒ nicht, wie das so oft getan wird, abgetrennt von seinem Leben betrachten dürfen.»

3. Weitere Texte

3.1. Wendezeit im Christentum, Teil I (2015): Fritjof Capra im Dialog mit Bruder David und Thomas Matus, 95-97:

Fritjof Capra: «Aber wie steht es um die Auferstehung? Vorhin sagten Sie so ganz beiläufig ‹nach seinem Tod und seiner Auferstehung›.

Im Katholizismus, wie ich ihn in der Schule gelernt habe, galt die Auferstehung als Beweis dafür, dass Jesus Gott ist. Er stand von den Toten auf.»

Thomas Matus: «Das ist keine Theologie, sondern Apologetik. Und kein verantwortungsbewusster Theologe wird das heute noch einmal ausgraben. Das gehört zum alten Paradigma. Das neue würde es ungefähr so ausdrücken: Die Erfahrung Jesu mit der Auferstehung vom Tode ist ein unkommunizierbares, ganz persönliches Erlebnis.

Was die Apostel erfuhren, war folgendes: Jesus war ihnen auf eine Weise gegenwärtig, die sie erkennen ließ, dass sie ebenfalls auferstanden waren und mit ihm und in ihm von den Toten auferstehen würden.

Anders ausgedrückt: Seine Auferstehung ist allgemein gültig und die Ursache unserer eigenen Auferstehung.

Das großartige Argument des hl. Paulus lautet daher: ‹Denn wenn Tote nicht auferweckt werden, ist auch Christus nicht auferweckt worden.»

Fritjof Capra: «Das ist doch praktisch dasselbe wie Gott sein.»

Thomas Matus: «Es ist eine Parallele dazu. Wichtig ist hierbei, dass die frühesten Ausdrucksformen christlichen Glaubens sich auf das Geschehen konzentrierten, das auf den Tod Jesu am Kreuz folgte.

Das ist der Schlüssel zum Verständnis seines Todes als Manifestation der erlösenden Kraft Gottes.

Die Tatsache, dass ein großartiger Lehrmeister, ein wunderbarer, liebenswerter Mensch aufgrund zweifelhafter Anschuldigungen zum Tode verurteilt wird, kann einem intelligenten Menschen wohl kaum als Manifestation der erlösenden Kraft Gottes gelten.

Es ist eine Manifestation menschlicher Gewalttätigkeit, von Brutalität, von Unwissenheit.

Und dennoch wird sie zur Manifestation der erlösenden Kraft durch eine nicht vermittelbare, grundlegend undefinierbare und auf jeden Fall mystische Erfahrung: die Apostel erleben Jesus als den Auferstandenen.»

David Steindl-Rast: «Wie wäre es, wenn ich es folgendermaßen formuliere:

Es macht von vornherein keinen Sinn, über Tod und Auferstehung Jesu zu sprechen ‒ wie es leider oft getan wird ‒, ohne über sein Leben zu sprechen.»

Thomas Matus: «Die Kreuzigung beendet ein wunderbares Leben, aber sie teilt uns dieses nicht mit.

Das Erlebnis, den auferstandenen Jesus sehen und berühren zu können, überzeugte die Apostel, dass dieses außergewöhnliche Leben nicht nur in ihrer Erinnerung weiterbestehen konnte, sondern auch zu einem Teil ihrer selbst wurde, dass sie es selbst leben konnten.

Mit anderen Worten ‒ das Königreich wird durch die Auferstehung zu Jesus.»

David Steindl-Rast: «Daher ist das Leben Jesu so wichtig. Sein irdisches Wirken, das aus seinem mystischen Einssein mit Gott erwächst, ist der Grund für die besondere Stellung, die Jesus in der Welt einnimmt.

Ein Blick auf Jesus zeigt uns, wie man lebt, wenn man auf diese Weise mystisch eins ist mit Gott, wenn man ja sagt zum grenzenlosen Zugehören.

Er hat es uns vorgelebt. Lebt man derart in dieser von uns geschaffenen Welt, dann wird man vernichtet oder auf die eine oder andere Weise gekreuzigt. Genauso wie es ihm widerfahren ist.

Und dann stellt sich die Frage: Ist das das Ende? Die Lehre von der Auferstehung gibt uns die Bestätigung, dass dies nicht das Ende ist.

Diese Art der Lebendigkeit kann nicht ausgelöscht werden.

Er starb, starb wirklich. Und siehe da ‒ er lebt.

Wo lebt er?

Verfallen wir nicht in den Fehler zu sagen, er ist hier oder dort. Nein.

Eine selten zitierte urchristliche Antwort lautet:

Paulus sagt es nicht mit diesen Worten, sondern spricht:

«Denn ihr seid gestorben, und euer Leben ist verborgen m i t C h r i s t u s in Gott» (Kol. 3,3).

Das impliziert jedoch, dass Christi Leben in Gott verborgen ist.

Gottes Gegenwart in dieser Welt ist verborgen.

Dennoch ist sie jedem, der das Leben eines Mystikers führt, absolut greifbar ‒ Gott ist allgegenwärtig.

Er starb und ist dennoch am Leben, doch ist sein Leben verborgen in Gott. Er ist in uns allen lebendig.

Es hat keinen Sinn, mit dem Finger zu deuten und zu sagen ‹Dort ist er› oder ‹Wutsch! Er ist aus dem Grab gestiegen›.

Auferstehung heißt nicht Wiederbelebung.

Es ist kein Überleben, nichts, zu dem man sagen kann: ‹Da ist er!›

Es ist eine verborgene Wirklichkeit, aber es ist eine Wirklichkeit, und wir können in ihr leben. Und das ist alles, was wir über die Auferstehung wissen müssen.»

3.2. Common Sense (2014): «Der Common Sense als oberste Autorität», 53-61:

«Die Autorität, die Jesus ins Spiel bringt, ist die Autorität des Common Sense; es ist die Göttliche Weisheit, Sophia, die sich ein Haus gebaut hat, das auf sieben Säulen ruht, wie es im Buch der Sprüche (9,1) heißt.

Laotse bezeichnete sie als Dao[13] und Heraklit nannte sie Logos.

In dem Satz ‹Durch viele Gleichnisse verkündete er ihnen das Wort› (Markus 4,33) verwendet Markus für ‹Wort› diesen Begriff Logos, in dem seit Heraklit genau das mitschwingt, was ich hier als Common Sense bezeichne.

Auf diesen Punkt möchte ich nachdrücklich hinweisen: Jesus beruft sich nicht auf die Autorität Gottes in der Heiligen Schrift, wie das die Priester und Schriftgelehrten mit der Aussage taten: ‹So steht es geschrieben ...›

Er beruft sich auch nicht auf die göttliche Autorität, die aus seinen eigenen Worten spricht, wie es die Propheten taten, die ihre Aussagen mit der Formel begannen: ‹So spricht Cott, der Herr ...›

Wenn Jesus seine Gesprächspartner mit dem Argument ‹Ihr wisst alle, dass ...› infrage stellt, appelliert er an die göttliche Autorität in den Herzen seiner Zuhörer.

Die Priester, Schriftgelehrten und Propheten reden von der hohen Warte göttlicher Autorität herab zum Volk; Jesus stellt sich auf die Ebene seiner Zuhörer und ermächtigt sie, sich auf ihre eigenen Füße zu stellen, indem er die göttliche Autorität ihres ihnen angeborenen Common Sense ernst nimmt, zu der sie sozusagen von innen her Zugang haben. Das ist ein entscheidender Wendepunkt; die Konsequenzen daraus sind Schwindel erregend.» (55f.)

«Auf einen autoritären Geist wirkt nichts bedrohlicher als die Berufung auf die Autorität des Common Sense. Religiös und politisch autoritäre Instanzen sind mit aller Gewalt darauf aus, jeden auszumerzen, der unter dem gemeinen Volk den Common Sense zu mobilisieren versucht. Aus diesem Grund musste Jesus sterben.» (56)

«Es ist unvermeidlich, dass unfähige Menschen sich der Autorität bemächtigen. Sie üben Macht aus, ohne über die nötige Weisheit und das erforderliche Mitgefühl zu verfügen. Solche autoritären Machthaber sind Todfeinde authentischer Autorität, die im Common Sense wurzelt.» (59)

«Unsere Furcht hindert uns daran, dem Common Sense zu folgen. Mit besonderer Klarheit empfanden das die daoistischen Weisen. In dem Maß, in dem sie sich in Einklang mit dem Rhythmus der Natur brachten, steigerte sich ihr Spott darüber, dass die Gesellschaft sich nicht an Dao hielt, an den Common Sense. Jesus stellt dieser Welt, die sich damit dem Tod statt dem Leben verschreibt, eine Welt gegenüber, die von Gottes lebendigem Atem belebt ist und dank dem Heiligen Geist ein «Leben in Fülle» führt.» (58f.)]

__________________________________

[1] Von Eis zu Wasser zu Dampf (2003):

«Geistesgeschichtlich betrachtet war es die größte Leistung Jesu des Mystikers, dass er ‒ wie, auf andere Weise, Buddha vor ihm ‒ aus dem Bannkreis des Theismus ausbrach. Gott ist für Jesus nicht die für den Theismus kennzeichnende Gottheit, die, von uns getrennt, uns gegenübersteht; Jesus erlebt sich als mit Gottes eigenem Leben lebendig.»

[2] Ausführlich in Religionen ‒ drei Ausdruckformen, Ergänzend: 3.5

[3] Bruder David erklärt in Mystik an der Grenze der Bewusstseinsrevolution (1988), 186-189, den dreiteiligen Aufbau der Gleichnisse Jesu und ihre Pointe:

«Aha, das weiß jeder, in Ordnung. Aber warum handelt ihr nicht danach?»

[4] Prophetischer Gehorsam

«Zufällig passt das Kreuz sehr gut zur christlichen Tradition, doch das Kreuz des Propheten erscheint in jeder Tradition.»

[5] Siehe Anm. 2

[6] Mystik an der Grenze der Bewusstseinsrevolution (1988), 189-194

[7] Das Wort von Rilke verdeutlicht, was Bruder David ‹Anreicherung› nennt im Unterschied zu ‹Entwicklung›; siehe dazu Sterben und Einsichten aus Rilkes Dichtung, Teil II (2014), 105-107

[8] Der Vortrag folgt den sieben Schmerzen Mariens:
1. Darstellung Jesu im Tempel mit Weissagung Simeons
2. Flucht nach Ägypten vor dem Kindermörder Herodes
3. Verlust des zwölfjährigen Jesus im Tempel
4. Jesus begegnet seiner Mutter auf dem Kreuzweg (unbiblische Szene)
5. Kreuzigung und Sterben Christi
6. Kreuzabnahme und Übergabe des Leichnams an Maria (Beweinung Christi)
7. Grablegung Christi

[9] Bruder David geht im Beitrag Mystik an der Grenze der Bewusstseinsrevolution (1988), 188f., ausführlich ein auf das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter (Lukas 10,25-37), ebenso in seinem Buch Common Sense (2014), 47-51, siehe auch in Nächstenliebe

[10] Siehe auch Audio in Ergänzend: 2.2. und Anm. 7

[11] Weiterführend in Hausverstand

[12] Jesus als Wort Gottes, abgedruckt in: Die Frage nach Jesus (1973), 38:

«Wenn wir uns aber öffnen, wenn wir wirklich lernen, vom Worte Gottes zu leben als Speise, dann wird diese wunderschöne Stelle der berühmten Bachkantate auf unseren Tod zutreffen:

‹Komm, o süße Todesstunde, da mein Geist Honig speist aus des Löwen Munde.›

Die biblischen Bilder, die dahinter stehen, sind ziemlich unbekannt und dunkel: Samson, der im Kadaver eines Löwen eine Honigwabe findet. Aber in der christlichen Tradition wird das Bild durchsichtig: In dem Augenblick, in dem der Löwe, der Tod, uns verschlingt, speist uns Honig aus des Löwen Munde. Wir leben davon, wir leben vom Sterben, weil wir gelernt haben, von jedem Worte Gottes zu leben. Nur wenn wir auch vom Tod leben lernen, jetzt, nicht nur in der Stunde unseres Todes, können wir wahrlich leben.»

[13] TAO, in: Das ABC der Schlüsselworte, im Buch: Orientierung finden (2021), 158:

«Das deutsche Wort Fließweg bietet sich als gute Übersetzung für Tao an.»



Quellenangaben

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