18. Dezember 2004 ©Radio Vorarlberg
David Steindl-Rast hielt einen Vortrag in der Probsteikirche St. Gerold, der zu einem tieferen Verständnis dessen führt, was wir an Weihnachten feiern und was Menschwerdung bedeutet. In der Sendung FOCUS - Themen fürs Leben, berichtet Dr. Franz-Josef Köb, Radio Vorarlberg (AT).
Bearbeitung der Originalaufnahme und in Themen zusammengefasst: Hans Businger

Vortrag in folgende Themen zusammengefasst
(00:00) Einführung: Der Vortrag ist in drei Teilen aufgebaut: Im ersten Teil geht es um Jesus, die historisch fassbare Persönlichkeit.
Das Thema des zweiten Teils ist Christus, die mystische Erfahrung Jesu, die uns mit ihm innigst verbindet. Jesus und Christus bilden zwei Pole in einem Spannungsverhältnis: Jesus ohne Christus ist für uns nicht verbindlich, Christus ohne Jesus ist eine mystische Erfahrung ohne Bezugspol in der Außenwelt. Die Spannung zwischen diesen beiden Polen wird in jeder geschichtlichen Epoche neu und auf verschiedene Weise erlebt. Im dritten Teil: Heute, kommt unsere gegenwärtige Sicht zur Sprache / (04:22) Die Evangelien sind Bekenntnis zu Jesus, aber sie haben einen ganz wesentlichen geschichtlichen Kern und dieser bescheidene, aber äußerst schwerwiegende Kern ist völlig ausreichend für unser Verständnis für das ungeheure Gewicht seiner Persönlichkeit: / (05:50) Jesus ist Mystiker und hat Gott mit dem Kosenamen Abba, Vater angesprochen. Statt Vater könnte man besser Mutter sagen. Im Gleichnis vom verlorenen Sohn (Lk 15,11-32) verhält sich der Vater wie eine Mutter. Jesus lehrt seine Jünger, Gott als Abba anzusprechen (Lk 11,2). Im semitischen Kulturkreis bis heute ist das Verhältnis zwischen Vater und Sohn viel inniger als bei uns / (09:24) Br. David weist hin, wie sich das Gottesverständnis Jesu von jenem der Pharisäer unterschied, wie es auch im Kyrie von Michael Haydn zum Ausdruck kommt. Die Oberschicht der Pharisäer beachtet folgerichtig die gesetzlichen Reinheitsvorschriften (Lk 11,37-52), was dem einfachen Volk, den Ausgestoßenen, Unreinen: Frauen, Kinder, Hirten, gar nicht möglich war, sie konnten nur auf Barmherzigkeit Gottes hoffen. Und die hat Jesus um sich geschart / (12:41) Jesus spricht vom Reich Gottes und meint damit nicht ein Reich im Vergleich zu andern, sondern Gottes Familie, Gottes Haushalt, zu dem die ganze Schöpfung gehört und die Machtpyramide mit einander dienen abgelöst wird: Auffällig, dass im Johannesevangelium die Einsetzung des Abendmals mit der Fußwaschung (Joh 13, 1-17) ersetzt wird / (16:17) Jesus hat in Gleichnissen gesprochen: Br. David erklärt die literarische Form von Gleichnissen. Ohne ihre Kenntnis verfehlen wir den springenden Punkt im Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lk 10,25-37). Jesus lehrt in Witzen: Er stellt eine Frage, wir sagen: «Das wissen wir ja alle!» «Warum handelt ihr nicht danach?» der Witz ist auf unsere Kosten / (22:13) Er weist hin, wie die Gleichnisse Jesu eine religionsgeschichtliche Wende bedeuten: Jesus spricht nicht wie ein Prophet mit der Autorität Gottes, er nimmt auch nicht charismatisch seine eigene Autorität in Anspruch, sondern verlegt die Autorität Gottes in die Herzen seiner Hörer: «Ihr wisst das doch!» / (23:41) Und damit kommen wir zur Christus Erfahrung, die mystische Erfahrung Jesu, die wir selber machen können, denn in unseren besten und lebendigsten Augenblicken wissen wir, dass wir dem Göttlichen zutiefst verbunden sind: Gott als das Geheimnis, das alles umfasst, uns selbst als Gabe Gottes, und den Geist Gottes als Danksagung, die von uns zu Gott zurückfließt. Oder wir können sagen: Wir kennen Gott als das Schweigen, das Wort, Verstehen oder Vater, Sohn und Hl. Geist / (25:11) Dieses Gottesbild ist nicht theistisch. Im Theismus ist Gott der ‘ganz-Andere’, der himmlische Herrscher oben, getrennt von uns. Im Gegensatz dazu kommt diese Erfahrung dem Pantheismus (alles ist Gott) so nahe wie möglich, ohne pantheistisch zu sein. Im Unterschied zum Pantheismus gibt der Panentheismus dem Herzstück der Religion ‒ der Dankbarkeit Raum: Gott übersteigt alles unendlich, ist aber doch in allem und alles ist in Gott. Die Trinität ist in diesem Verständnis panentheistisch zu verstehen und nicht theistisch / (27:06) Alle Kirchen des Neuen Testaments verband das gemeinsame Bekenntnis: ‘Jesus Christus ist Kyrios’, Herr: Es ist falsch, im Wort Herr wieder die Übermacht Gottes zu sehen. Das Bekenntnis ist die explizite Ablehnung des römischen Kaisers mit dem Hoheitstitel Kyrios / (28:00) Im dritten Teil, im Heute, wird uns bewusst, dass wir den dreifaltigen Gott und die Menschwerdung Gottes nicht mehr nachvollziehen können in der Form, wie wir sie aus unserem Religionsunterricht kennen: Aus der Dreifaltigkeit wurde ein völlig unverständliches Geheimnis irgendwo weit weg von uns und die Theologen spekulierten über das innergöttliche Leben in den Beziehungen zwischen Vater, Sohn und Hl. Geist. Und mit Blick auf die Welt, in der wir leben: Theistische und weltliche Machtpyramide stützen sich gegenseitig und schwächen das persönliche Selbstbewusstsein der inneren Autorität, die Jesus den Menschen vermittelte / (31:15) Wie können wir das Gottesverständnis Jesu zurückgewinnen? Br. David nennt das Gebet: Das Gebet der Stille ‒ das Gebet ‘Vom Worte Gottes leben ‒ ‘Contemplatio in actione’ mit hingebungsvollem, liebendem Tun / (33:26) In unsern Gipfelerlebnissen haben wir die Erfahrung, wie wunderbar es ist: dieses Zugehörigkeitsgefühl, und wir sagen ja zu diesem Zugehörigkeitsgefühl, und aus diesem grenzenlosen Zugehörigkeitsgefühl entspringt eine ganz neue Ethik ‒ ‚katholisch‘ im Sinn einer Kirche, die alle Menschen einschließt / (37:38) Was ist unsere Aufgabe in einer Welt, in der sich die Machtpyramide durchsetzt? Da gibt es nur Widerstand in einer Welt, in dem die Mächtigen ein Klima der Angst schaffen: ‘Fürchtet euch nicht’: Jesus lebt diese völlige Furchtlosigkeit, weil er in Gott eingebettet ist. Und wir sind furchtlos in dem Maß, in dem wir in Gott eingebettet sind. Sünde meint Absonderung, was uns trennt von Gott, von unserer eigenen Tiefe und den Andern, und äußert sich am meisten in Angst / (39:52) Und was wird aus dem Gehorsam? Echter Gehorsam für das Wort Gottes und den Geist Gottes in uns / (40:33) Br. David schließt mit unserer Aufgabe: Mensch werden: Mensch sein ist nicht Privatsache, wir hängen alle zusammen. Wir sind das Missing Link zum vollen Menschen Jesus. Die Evolution selbst von Stufe zu Stufe bis zum Menschen ist Menschwerdung Gottes und nach der ersten Seite der Bibel leben wir vom ureigensten Leben Gottes: Wir sind Gott-menschliche Wesen

Themen des Vortrags mit Link zu weiterführenden Texten und Audios von Br. David:

(25:11) «Dieses Gottesbild, das jedem Menschen zugänglich ist, ist nicht theistisch»:
In Von Eis zu Wasser zu Dampf: im Wandel der Gottesvorstellungen: Was schätze ich am Christentum? (2003) schreibt Br. David über seinen eigenen Erfahrungsweg, die christliche Gottesidee in ganz neuem Licht zu sehen und zu würdigen: «Geistesgeschichtlich betrachtet war es die größte Leistung Jesu des Mystikers, dass er ‒ wie, auf andere Weise, Buddha vor ihm ‒ aus dem Bannkreis des Theismus ausbrach: Jesus erlebt sich als mit Gottes eigenem Leben lebendig. Dass er von Gott als ‚Vater‘ spricht, schafft Raum für liebende Beziehung, trennt aber nicht; für semitisches Empfinden sind Vater und Sohn eins. ‒ So unausrottbar war jedoch der Theismus, dass der geistige Durchbruch Jesu wie ein Leck im Boot verstopft wurde, um so schnell wie möglich den Status quo wiederherzustellen. Die Lehre Jesu musste uminterpretiert und dem theistischen Weltbild eingefügt werden. Wir dürfen, was sich da ereignete, als geistesgeschichtliche Katastrophe betrachten, es steht uns aber auch frei, es positiv zu sehen, dass in den Dogmen, die uns die Kirchenväter hinterließen, wirklich die bahnbrechende Gotteserfahrung Jesu enthalten ist, wenn auch in beinahe unkenntlicher Form.»

(28:40) «So wurde es uns dargestellt»:
In An welchen Gott können wir noch glauben (2008) schreibt Br. David: «Und mit großem Erstaunen sieht das dann ein Christ, dem man immer gesagt hat, die Dreifaltigkeit, das ist ein großes Geheimnis, das wirst du nie verstehen. Ja, verstehen nicht, ausloten nie, aber es zeigt sich, dass das plötzlich inmitten aller großen Traditionen steht: Wort, Schweigen und Verstehen.»

(39:37) «Die Angst ist heute die stärkste Waffe derer, die die Welt zerstören»:
Br. David hatte politisch motivierte Angst erlebt in Amerika unter der Regierung Bush, siehe das Gespräch mit Richard Baker Roshi am Festival
«Die Kraft der Visionen»
Berlin und Potsdam (1991)

(42:04) «Jesus war ja nicht göttlich, trotzdem er Mensch war ‒ er war göttlich, weil er Mensch war»:
Im Vortrag Gottesbild und Glaubenszweifel (2003) hören wir: «Wir sind uns selbst so abgründig, dass die tiefste Tiefe unseres eigenen Lebens göttlich ist. Sehen sie den Umschwung von einem Gottesbild, in dem Gott da draußen ist, und dann der Sohn Gottes irgendwie in unsere Welt, die ganz von Gott getrennt ist, hereinkommt, und nur er ist natürlich Gott und wir müssen uns dann irgendwie damit auseinandersetzen?»

Der Vortrag schließt mit: «Der Zweifel gehört zu dem Glauben, in dem man sich auf Gott verlässt: ich mich verlasse auf Gott hin. Zweifel im Sinne von Angst zum Beispiel: Zweifel ist eine Form von Angst. Und dieser Zweifel soll uns nicht stören, er gehört zum Glauben dazu; … wenn ich auf eine hohe Leiter hinaufklettere, wird die Angst immer größer: Unsere Angst und unser Zweifel zeigt uns nur, wie hoch wir schon im Glauben gekommen sind»

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