Text und Audio von Br. David Steindl-Rast OSB

gott barbara kraemer titelCopyright © - Barbara Krähmer

Zugehören ist immer etwas Gegenseitiges. Das ist selbst dann wahr, wenn es um Dinge geht. Wir neigen leider dazu, unsere Beziehung zu den Dingen, die uns gehören als einseitiges Besitzverhältnis zu betrachten. Das färbt unsere Liebe zu Dingen. Es gibt ihr die falsche Farbe. Richtig aufgefasst ist auch die Liebe zu Dingen ein «Ja» zum gegenseitigen Zusammengehören, ganz gleich, ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht.

Du magst vielleicht denken, dass dein Auto dir lediglich so zugehört, dass du es besitzt, dass es deinen Bedürfnissen dient. Aber das Auto weiß es besser. Es wird dir nur solange dienen, wie du seinen Bedürfnissen dienst und es pflegst. Das beinhaltet Gegenseitigkeit: «Ich bringe dich dort hin, wenn du für meinen Ölverbrauch sorgst.» Wenn du dein Auto wirklich liebst, dann wirst du auf seine Bedürfnisse achten. Du wirst intuitiv erfassen, dass ihr zwei zusammengehört. Liebe nimmt dieses gegenseitige Dazugehören ernst. Liebe kümmert sich, selbst um Dinge.

Natürlich kennt dieses gegenseitige Zusammengehören verschiedene Grade von Tiefe und Nähe. Auf der Ebene der Gegenstände verlangt es uns am wenigsten ab. Die Bindung kann hier auch leicht wieder gelöst werden. Mein Schweizer Taschenmesser stellt nur wenige Anforderungen an mich, gemessen an den ausgezeichneten Diensten, das es mir leistet. Und sollte ich es verlieren, dann dürfte es jedem, der es findet, leichtfallen, sein glücklicher Besitzer zu werden.

Die Pflanzen, die ich aufgezogen habe, würden schon nicht so leicht mit jemand anders zurechtkommen. Und wenn es um deinen verlorenen Hund geht, dann erkennst du, dass wir es mit einer wesentlich tieferen Ebene gegenseitigen Zusammengehörens zu tun haben. Es dürfte schwer zu sagen sein, wer den Verlust tiefer empfindet, du oder der verlorene Hund. Meine kleine Nichte schickte ihrem Pudel eine Ansichtskarte aus den Ferien, die sie mit «Lisa, deine Besitzerin» unterschrieb. Der Pudel aber ließ nie einen Zweifel aufkommen, dass er sich als Lisas Besitzer empfindet, so wie das Schwein in Denise Levertovs herrlichem Gedicht, das die Familie als «meine Menschen» nennt.[1]

Unter Menschen kann gegenseitiges Zusammengehören offensichtlich eine Intensität erreichen, die weit über das hinausgeht, was wir mit Dingen, Pflanzen oder Tieren erleben. Und hier dürfte es auch am angemessensten sein, von Liebe zu reden.

Tatsächlich bestehen einige Leute darauf, dass das Wort «Liebe» auf unser Verhältnis zu Menschen und zu Gott beschränkt werden sollte. Aber ich habe eine Beobachtung gemacht. In meinem Bekanntenkreis haben gerade jene, die pedantisch zwischen Liebe und gernhaben unterscheiden, oft wenig Gespür dafür, dass Zusammengehören immer gegenseitig ist. Die gleichen Leute finden es schwierig, sich unsere Beziehung zu Gott als wirklich gegenseitig vorzustellen.

Ich muss zugeben, dass ich es selbst lange Zeit für irgendwie anmaßend hielt, Gott im Gebet als «mein» Gott anzusprechen. Damals war Besitz noch die einzige Bedeutung, die «mein» für mich hatte. Und Besitz bedeutete für mich Besitzrecht ohne irgendeinen Gedanken an die Pflichten, die damit untrennbar verbunden sind.

Langsam aber gelangte ich zu der Erkenntnis, dass ich selbst irgendwie zu allem gehöre, das mir gehört, dass Gehören ein Geben-und-Nehmen bedeutet.

Vielleicht kam mir diese Einsicht mit der Entdeckung, dass die Tomatenpflanzen in der Ecke meines Gartens verwelken würden, wenn ich vergessen sollte, ihnen Wasser zu geben; dass meine weiße Maus darauf bestand, gefüttert zu werden, da sie sonst an Dingen zu knabbern begann, die ich ihr nicht geben wollte; ja, dass selbst meine Rollschuhe eine gewisse Fürsorge von mir verlangten.

Und ich entdeckte noch etwas anderes: Dinge gehören mir umso mehr, als ich ihnen gehöre. Das kleine Wort «mein» bedeutet mehr, wenn es auf meine Taube bezogen ist, als wenn damit meine Schuhe gemeint sind, und noch mehr, wenn es sich auf die Gruppe von Freunden bezieht, zu denen ich gehöre.

Wenn ich Gott uneingeschränkt gehöre, dann folgt daraus, dass Gott mir auch uneingeschränkt gehört.

Auf alles andere bezogen, ist das «mein» eingeschränkt. Seitdem mir das klar geworden ist, hat «mein» für mich nur dann seinen vollen Klang, wenn ich «mein Gott» sage.

Dies sagt mir ein weiteres über das Wort «mein». Es zeigt mir, dass «mein» umso passender wird, je weniger es Ausschließlichkeit bedeutet. Ich möchte es anders ausdrücken: je mehr etwas wirklich mein ist, desto weniger ist es nur mein.

Wir erkennen das in jenen Augenblicken, in denen wir ganz besonders wach und lebendig sind, in Momenten, in denen wir Gott ahnen. Dann erleben wir totale Zugehörigkeit. Einen Augenblick lang wissen wir einfach, dass alles uns gehört, weil wir allem angehören.

Im Licht jener Erfahrung können wir aus ganzem Herzen sagen: «Alles ist mein.» Aber «mein» ist dann ganz und gar nicht ausschließlich gemeint. Es kommt aus dem Herzen, wo jedes mit allem eins ist. Das Herz sagt «Ja» zu diesem universellen Zusammengehören und weiß sofort, dass «Ja» ein Name Gottes ist.

Für mich wirft diese Einsicht neues Licht auf die Wahrheit: «Gott ist die Liebe» (1 Johannes 4,8).

Momente, in denen wir dies erleben, sind Schlüsselmomente für das Verständnis dessen, was Fülle des Lebens bedeutet. Darum müssen wir auch dann und wann auf sie zurückkommen.

Sie sind zugleich Momente überwältigender Dankbarkeit. Wir haben das schon früher erkannt, aber jetzt sind wir in einer besseren Lage zu verstehen, warum das so ist. Ganz am Anfang unserer Untersuchung von Dankbarkeit entdeckten wir schon, dass das «Ja» zur gegenseitigen Abhängigkeit zwischen Geber und Empfänger der springende Punkt ist. Schenken und Danken dreht sich um den Angelpunkt dieses «Ja». Geber und Empfänger werden im Danksagen eins. Und das «Ja» zu ihrem Zusammengehören ist nichts anderes als das «Ja» der Liebe.

Wir haben gesehen, wie schwer es in unserem täglichen Leben manchmal ist, das «Ja» der Dankbarkeit auszusprechen.

In Augenblicken jedoch, wenn unser Herz voller Lebendigkeit schlägt, erfahren wir die gegenseitige Abhängigkeit von allem mit allem als Freiheit, als Freude, als Erfüllung. Unser Herz erhascht einen flüchtigen Blick unseres wahren Zuhause.

Zuhause aber nennen wir den Ort, wo jeder von jedem abhängt. Kein Wunder, wenn ein «Ja» aus unserem Herzen hervorbricht wie ein Stoßseufzer der Erleuchtung, der Befreiung, des Heimkommens. Das sagt auch D. H. Lawrence in einem Gedicht, das er «PAX» nennt, das lateinische Wort für «Frieden».

Lesen wir das Gedicht laut, dann besitzt es eine beschwörende Kraft. Seine Wiederholungen scheinen einen Zauber auf uns auszuüben ‒ kein Zauber, der uns bannt, sondern einer, der uns befreit.

«Eins … friedlich, in Frieden und eins … daheim, daheim … daheim.»

Diese Beschwörung lässt uns entspannen. Sie erlaubt, dass wir «eine tiefe Ruhe des Herzens» finden. Es ist wie ein Nachhausekommen in das «Haus des Lebens», in das «Haus der Lebendigen», in das «Haus des Gottes des Lebens», wohin wir gehören, wo unser wirkliches Zuhause ist.

Bei all ihrer Ruhe leben diese Zeilen von einer dynamischen Kraft. Sie haben Feuer in sich.

Selbst das Gähnen der Katze ist ein «Gähnen vor dem Feuer.» Das Gähnen einer jeden Katze, die auf sich hält, ist Teil eines ganzen Rituals aus dehnen und strecken, das voller Lebenskraft steckt.

Wenn wir nicht aus Langeweile oder Müdigkeit gähnen, sondern mit «eine(r) tiefen Ruhe im Herzen», dann heißt das

«gähnend (…) vor dem Feuer des Lebens.»

«Leben» ist ein Schlüsselwort in diesem Gedicht. Sechsmal wird «Leben» und «lebendig» wiederholt.

Die Ruhe wahren Friedens ist nicht totes Schweigen, sondern die lebendige Stille einer hell brennenden Flamme:

«Alles, worauf es ankommt, ist, eins zu sein mit dem
lebendigen Gott,
ein Geschöpf zu sein im Haus des Gottes des Lebens.
Wie eine Katze, die auf einem Stuhl eingeschlafen ist,
friedlich, in Frieden
und eins mit dem Herrn des Hauses, mit der Herrin,
daheim, daheim im Haus des Lebendigen,
schlafend am Herd und gähnend am Feuer.

Schlafend am Herd der lebendigen Welt,
gähnend daheim vor dem Feuer des Lebens
und die Gegenwart des lebendigen Gottes fühlend
wie eine unerschütterliche Gewissheit,
eine tiefe Ruhe im Herzen,
Gegenwart
des Herrn, der am Tisch sitzt
in seinem eigenen größeren Sein
im Hause des Lebens.»

«Alles, worauf es ankommt», absolut alles, «ist eins zu sein mit dem lebendigen Gott.»

Und «der Gott des Lebens» ist als «Feuer des Lebens» im «Hause des Lebens» gegenwärtig.

(Am Anfang, in der Mitte und am Ende des Gedichtes stehen diese Sätze und gewinnen so besondere Bedeutung.)

Feuer ist häufig ein Bild für Liebe. Hier aber ist es nicht das tobende und verzehrende Feuer der Leidenschaft. Hier ist es das ruhige, lebensspendende Feuer im Herd, das jeden im Hause willkommen heißt und zuhause fühlen lässt.

Wie also sollen wir «eins (...) sein mit dem lebendigen Gott», wenn das unser wahres Ziel ist?

Indem wir uns vom Herdfeuer durch und durch wärmen lassen; indem wir zulassen, dass uns die Wärme ein Gefühl von zuhause vermittelt; einfach dadurch, dass wir «daheim» sind, «daheim im Haus des Lebendigen.»

In einer von der Liebe erwärmten Welt gibt es keine Kluft zwischen Himmel und Erde. Das «Haus des Lebens» ist das «Haus des Gottes des Lebens.»

«Gottes Gegenwart im Haushalt der Erde ist Gegenwart
des Herrn, der am Tisch sitzt
in seinem eigenen größeren Sein
im Hause des Lebens.»

Das Bild des pater familias[2] gibt diesen Zeilen Bedeutung und beschützt sie zugleich davor, pantheistisch missverstanden zu werden.

Die Welt ist nicht mehr eins mit Gott, als der Haushalt eins ist «mit dem Herrn des Hauses, mit der Herrin.» Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Es ist keine Frage des Einsseins, sondern des Zusammenseins, des Beieinanderseins durch jene Liebe, die nur die Vorstellung von pietas[3] uns zu vermitteln beginnt.

Und doch, mit welcher Ehrfurcht füllt uns das Bewusstsein dieser Zugehörigkeit.

Wenn wir uns den Erdhaushalt[4] als unseres himmlischen Vaters «eigenes größeres Sein» vorstellen, dann wird uns das jedes Steinchen, jeden Grashalm, jeden Käfer mit Ehrfurcht betrachten ‒ und entsprechend behandeln lassen.

Dann wird Liebe ihre Zu- und Abneigungen ebenso leicht nehmen, wie wahrer Glaube seine Überzeugungen und wirkliche Hoffnung ihre Hoffnungen.

Schließlich, welchen Unterschied machen Zu- und Abneigungen schon, wenn «alles, worauf es ankommt, ist, eins zu sein mit dem lebendigen Gott»?

Jene, die wir mögen und die, die wir nicht mögen, sind gleichermaßen «daheim im Haus des Lebendigen.» Wir gehören alle zusammen. Wir können alle zusammen in Frieden leben, sobald wir unserem tiefsten Sehnen folgen und zu unserem Herzen nach Hause kommen.

[Dankbarkeit: Das Herz allen Betens (2018), 147-150, 159-162 [bzw. Fülle und Nichts (2015), 148-151, 160-162]

[Ergänzend:

1. Film und Audios

1.1. Dem Welthaushalt freudig dienen ‒ Spiritualität 2011
Spiritualität und Ökologie:
(32:11) Bruder David schließt mit seiner deutschen Übersetzung des
Gedichtes PAX  von D. H. Lawrence und Ausklang mit Musik von Hannelore und Bruder Thomas

1.2. Transkription Wort und Schweigen ‒ Über den Sinn des Gebets (1996) des Films Wort und Schweigen ‒ Über den Sinn des Gebets (1992): [5]

(04:49) «Oder eine andere Situation: Wir sind in größter Not. Ein Kind ist schwer krank, ein lieber Mensch stirbt uns. Und wir sind außer uns vor Verzweiflung, vor Traurigkeit. Und wieder ‒ in dieser äußersten Not ‒ finden wir uns doch wieder echter, als wir es meistens sind, wenn wir an der Oberfläche dahinleben. Und auch in einem solchen Augenblick brechen wir wieder durch zu der Erfahrung, dass wir nicht verwaist sind. Dass wir uns auf irgendetwas verlassen können. Wir verlassen  u n s : Wir sind  a u ß e r  uns. Und wir verlassen uns auf etwas hin. Und das ist wieder diese geheimnisvolle Wirklichkeit, die jene Menschen, die das Wort ‹Gott› richtig verwenden, Gott nennen. Und in diesen Augenblicken rufen auch Menschen, die sonst gar nicht in irgendeiner Weise an Gott glauben, so etwas wie: ‹mein Gott›. Und dieser Ausruf auf Gott hin, ganz spontan in Augenblicken, in denen wir außer uns sind, das ist eigentlich das ursprünglichste Gebet.»

1.3. TAO der Hoffnung (1994)
Vortrag:
(14:30) Gottraumfahrten und Meilensteine im selben Gott-Raum – Zugehörigkeit ist immer gegenseitig angefangen bei Dingen über Pflanzen und Tiere bis zu: ‹Oh Gott, du bist mein Gott› (Psalm 63,2) ‒ Gott ist ‹persönlich›, aber nicht ‹Person›: ‹God isn’t sombody else› (Thomas Merton)

1.4. Transkription des Vortrags Wähle das Leben (5 Mose 30,19) (1992); siehe auch Sterben und Tod:

(21:07) «Dann könnte man noch sehen, wenn wir den Tod so ernst nehmen, dann haben auch unsere Leiden, unsere Freuden, unsere Lebensumstände, die Wahlen die wir treffen, die Entscheidungen, die wir treffen, ganz eine andere Bedeutung, denn sonst stellen wir uns das nur so vor ‒ ein bisschen karikiert ‒, aber wir denken, das Leben ist so eine Art Wartezimmer, wo man so wartet, oder wenigstens so wie zu Weihnachten, wo die Kinder draußen warten müssen bis das Glöckerl leutet und dann die Tür aufgeht und da ist der Christbaum. So stellt man sich das häufig vor: wir warten so da herum und dann, wenn die Tür aufgeht, sehen alle den gleichen Christbaum. Aber um Gottes Willen, warum müssen wir dann so schreckliche Dinge durchmachen: ich so, du was ganz anderes, ein Dritter wieder ganz etwas anderes: Warum müssen wir so verschiedene Leben erleiden, wenn wir dann alle zu dem gleichen Christbaum gehen?

Wir schaffen sozusagen das Fenster,  d u r c h  das wir die Visio Beatifica haben werden. In Zusammenarbeit mit Gott schaffen wir jetzt  d e n  bestimmten Gesichtspunkt, in dem wir Gott sehen werden. Sonst ist es ja nur eine Quälerei dieses ganze Leben. Aber wenn mein Leben so sein muss, weil ich  d a n n  erst zu dem Menschen werde, der Gott so verstehen kann auf eine ganz einzigartige Weise, dann hat es Sinn und auch Sinn, dass wir sagen:

‹O Gott, du bist  m e i n  Gott› (Psalm 63,2) ganz persönlich.»

1.5. Retreat-Woche in Assisi (1989)
Paradoxien und Meilensteine auf dem Weg vom Gottahnen zum Gottesbewusstsein bis zum Bekennen: ‹Ich glaube an Gott›:
(32:27) Gott: eine noch inhaltslose Bezugsrichtung unserer tiefsten und allumfassendsten Zugehörigkeit wie auch Gräber in einer bestimmten Richtung ‒ Zugehörigkeit ist immer gegenseitig: von Gegenständen über Pflanzen, Tiere, Menschen bis zu Gott, von dem wir allein sagen können: ‹Gott, du bist mein Gott› (Psalm 63,2)
(40:00) Gott persönlich, aber nicht mit der Beschränkung einer Person: ‹God isn't somebody else› (Thomas Merton)

1.6. Mit dem Herzen horchen (1988)
Vortrag:
(38:35) ‹Gott spricht›: Zugehörigkeit ist gegenseitig, von Dingen zu Pflanzen und Tieren bis zu ‹mein Gott›

2. Weitere Texte

2.1. Orientierung finden (2021), 54f.:

«Das Wort ‹Gott› entstand früh in der Geschichte unsrer Sprache und geht auf die indogermanische Wurzel ‹gheu› mit der Grundbedeutung ‹rufen› zurück. Unter ‹Gott› wurde also ursprünglich ‹Das Angerufene› verstanden, vielleicht auch ‹Das uns Anrufende›. Jedenfalls schwingt bei dem Wort ‹Gott› von Anfang an die Gegenseitigkeit einer Ich-Du-Beziehung mit. Gleichzeitig war das grammatische Geschlecht des Wortes ursprünglich sächlich und so wurde die Gefahr vermindert, Gott ‒ das große Geheimnis ‒ zu vermenschlichen. Noch heute gibt es Völker und Stämme, die religiöse Vorstellungen bewahrt haben, welche in prähistorischen Kulturen verbreitet waren. Anthropologische Feldforschung zeigt, dass sie häufig Personifikationen natürlicher Kräfte wie Sturm oder Blitz verehren und dennoch, diesen ‹Göttern› übergeordnet, eine höchste Kraft anerkennen, von der sie weniger bildhaft sprechen.

So zum Beispiel Chief Luther Standing Bear (1868-1,939), wenn er sagt: ‹Aus Wakan Tanka, oft als großes Geheimnis übersetzt, kam eine mächtige vereinigende Lebenskraft, die in und durch alle Dinge floss.›

Black Elk (1863-1950) sprach von unsrer Beziehung zu dieser Kraft und von dem großen inneren ‹Frieden, der in den Seelen der Menschen herrscht, wenn sie ihre Beziehung, ihre Einheit mit dem Universum und all seinen Kräften erkennen›.

Aber er ging noch einen Schritt weiter und sprach von dieser Beziehung zugleich als einer persönlichen. Er betonte den Frieden, den die Menschen erleben, ‹wenn sie erkennen, dass im Zentrum des Universums der große Geist wohnt; und ‒ da dieses Zentrum überall ist ‒ wohnt er auch in uns.› Die Einsicht, dass wir mit dieser Lebenskraft in persönlicher Beziehung stehen, entspricht der bedeutsamen Entdeckung, dass das große Geheimnis unser großes DU ist.»

2.2. Credo (2015): ‹Ich glaube an Gott›, 39:

«In den besten, lebendigsten Augenblicken unseres Lebens, in jenen Urerlebnissen, die Abraham Maslow ‹Peak Experiences› (Gipfel-Erlebnisse) nennt ‒ auf den Gipfeln wacher Lebendigkeit also erleben wir grenzenlose Zugehörigkeit. Wir können dem Wesen dieser Zugehörigkeit tiefer nachforschen. Dabei finden wir zunächst, dass Zugehörigkeit immer gegenseitig ist: Was uns gehört, dem gehören auch wir irgendwie an. Diese Gegenseitigkeit wird um so intensiver, je persönlicher die Beziehung ist. Selbst unsere Beziehung zu Dingen zeigt eine gewisse Gegenseitigkeit; sie verlangen etwas von uns: Pflege, Behutsamkeit, Geduld. Von da können wir zu Pflanzen, zu Tieren und zu Mitmenschen fortschreiten, um ein Ansteigen und eine Vertiefung von Gegenseitigkeit anschaulich zu machen. Um zu fühlen, wie gegenseitige Zugehörigkeit sich fortschreitend vertieft, brauchen wir nur aufmerksam der Reihe nach sagen: ‹mein Fahrrad›, ‹meine Hauspflanzen›, ‹mein Kind›. Schließlich weist dieser Anstieg in die Richtung, die wir Gott nennen. In dem Psalmvers

‹Gott, du bist  m e i n  Gott› (Psalm 63,2)[6]

hat das Fürwort ‹mein› mehr Gewicht und tiefere Bedeutung als in irgend einem anderen Zusammenhang. Schon bevor ich sonst noch etwas über Gott weiß, kann ich sagen, dass Gott im vollen Sinne  m e i n  ist, weil ich Gott völlig angehöre. In der menschlichen Beziehung zur göttlichen Quelle des Seins erreicht Gegenseitigkeit ihren Höhepunkt.»

2.3. Begegnung mit Gott durch die Sinne (1993); siehe auch Auf dem Weg der Stille (2023), 83f.:[7]

«Wenn Liebe echt ist, ist Zugehörigkeitsgefühl immer gegenseitig. Der Geliebte gehört zum Liebenden wie der Liebende zum Geliebten gehört. Ich gehöre zu diesem Universum und zu dem göttlichen Ja, aus dem es hervorging, und dieses Zueinander-Gehören ist ebenfalls gegenseitig. Deshalb kann ich sagen ‹mein Gott› – nicht im Sinne eines Besitzergreifens, sondern im Sinne liebevoller Verwandtschaft.

Wenn nun mein tiefstes Zugehören gegenseitig ist – könnte dann auch mein glühendstes Verlangen gegenseitig sein? Es muss so sein. So verblüffend der Gedanke anmuten mag: Was ich als meine Sehnsucht nach Gott erlebe, ist Gottes Sehnsucht nach mir. Man kann keine persönliche Beziehung mit einer unpersönlichen Kraft haben. Es ist wahr: ich darf die begrenzten Aspekte einer menschlichen Person nicht auf Gott projizieren ‒ und doch muss die göttliche Quelle alles Vollkommene der Personhaftigkeit besitzen. Woher sonst sollte ich sie erhalten haben?»[8]]

____________________

[1] Denise Levertov (1923-1997): ‹Her Judgement›, in: Denise Levertov: Collected Poems, New York, New Directions 2013: ‹Candles in Babylon›: II. ‹Pig dreams›, 626f.

[2] Dankbarkeit: Das Herz allen Betens (2018), 157f.:

«Die Römer hatten ein Wort für Liebe, das genau diese Haltung ausdrückt. Es ist das lateinische Wort ‹pietas›. Wir könnten es als ‹Familiensinn› übersetzen, eine Haltung, die dem Wissen um Zusammengehörigkeit entspringt und es entsprechend zum Ausdruck bringt. Pietas ist vor allem die Haltung des ‹pater familias›. Die Familie gehört zum Vater, von dem sie ihren Namen bezieht. ‹Pietas› gibt dem ‹pius pater› Rechte und Pflichten. Aber ‹pietas› ist eine Haltung, die von allen Mitgliedern des Haushalts geteilt wird und alle miteinander verbindet. Ehemann und Gattin lieben sich vielleicht auch mit Leidenschaft und Verlangen, das Band aber, das sie am stärksten und tiefsten zusammenhält, ist ‹pietas›. Das gleiche Band hält Brüder und Schwestern, Kinder und Eltern zusammen. Aber ‹pietas› bezieht auch Diener und Sklaven mit ein, jeden, der zum Haushalt gehört. Als Haushalt sind sie den Vorfahren der Familie und den Schutzgöttern, den ‹lares› verbunden durch die gleiche ‹pietas›, die selbst die Haustiere miteinbezieht, das Land, die Werkzeuge, den Hausrat und alles Ererbte. Unsere Sprache kennt keinen vergleichbaren Begriff.»

[3] Fortsetzung von Anm. 2:

«Könnten wir die Kraft des lateinischen Wortes ‹pietas› in unser Wort ‹Pietät› übertragen, das sich von ihm ableitet, dann würden unsere Vorstellungen von Mitgefühl und Hingabe sicherlich bereichert werden. Sie alle stehen im Zusammenhang mit der Vorstellung des Zusammengehörens. Ein Wort können wir nicht willkürlich wiederbeleben. Aber wir müssen das Gefühl des Zusammengehörens wiederentdecken, das das Wort ‹pietas› prägte.»

[4] ‹Erdhaushalt› ist eines der liebsten Begriffe von Bruder David, ein Ausdruck, den der Dichter und Umweltaktivist Gary Snyder (*1930) geprägt hat. Die folgenden Zeilen in Hausverstand sind dem Text Spiritualität und gesunder Menschenverstand (2012) entnommen; siehe auch Reich Gottes ‒ erlösende Kraft: Ergänzend: 2.1. und Erlösung ‒ Sünde und Heil: Haupttext und Anm. 8:

«So ist gesunder Menschenverstand mehr als Denken.

Er ist eine vibrierende Lebendigkeit  zur Welt, in der Welt und für die Welt. Er ist ein Wissen durch Zugehörigkeit. Und er wird zu einer Grundlage für unser Tun und Handeln.

Im Geist zu handeln, heißt so zu handeln wie Menschen, die zusammengehören. Wir gehören alle zusammen in diesem ‹Erd-Haushalt› wie Gary Snyder es so schön nennt, und ein spirituelles Leben zu leben, bedeutet so zu handeln wie bei sich zuhause, wo man zusammengehört. Das und nur das ist moralisches Tun.»

[5] Die Transkription von Werner Binder † ist abgedruckt in: David Steindl-Rast: Staunen und Dankbarkeit: Der Weg zum spirituellen Erwachen, hrsg. von Werner Binder†, Freiburg/Basel/Wien, Herder 1996, S. 138-147, unter dem Titel: ‹Beten: Dankbares Leben›: ‹Teilnahme am göttlichen Leben›

[6] Im Buch steht (Ps 63, 1) wie in den englischsprachigen Bibelausgaben

[7] Quelle: Original-Textfahne (1993) von Bruder David; derselbe Text im Buch Auf dem Weg der Stille (2023): Kapitel 5: ‹Gott durch die Sinne finden›, 83f., ist von Bernardin Schellenberger übersetzt aus der amerikanischen Originalausgabe The way of Silence (2016)

[8] Weiterführend Ein intimes Gespräch mit David Steindl-Rast in Argentinien (2023), der Film in Englisch (12:37-17:54): ‹Der persönliche und der unpersönliche Gott›

Auf der Suche nach einem heilen und heilenden Gottesverständnis im Buch Mystik ‒ Spiritualität der Zukunft (2005), 82:

«Die Erfahrung von Wort, Horchen und Antworten öffnet die Möglichkeit einer persönlichen Beziehung zu dem ‹Mehr› ‒ zu Gott als persönlich mit uns verbunden (obwohl wir nicht in den Irrtum verfallen dürfen, Gott sei ‹eine Person›). Wir dürfen uns selbst als Wort Gottes verstehen, als Wort von Gott ausgesprochen und zugleich angesprochen (Ferdinand Ebner). Durch unsere Antwort werden wir erst zu dem Wort, als das wir gemeint sind. Das Selbstverständnis Jesu als eins mit dem ‹Vater› ist der Durchbruch auf eine neue Ebene menschlichen Selbstverständnisses und darf nicht auf Jesus beschränkt werden. Christliche Mystiker wussten dies und Thomas Merton fasste es zusammen, wenn er sagte: ‹Gott ist nicht jemand anders.›»


Quellenangaben

Film, Audio und Text von Br. David Steindl-Rast OSB

jesus d christus titelCopyright © - Klaudia Menzi-Steinberger

[Film 30:53] Isha Johanna Schury: «Jetzt hast du ja bestimmt auch viel mit Sterbenden schon in deinem Leben zu tun gehabt, mit Menschen, die am Ende ihres Lebensweges sind. Ich könnte mir vorstellen oder vielleicht kannst du uns sagen, was ist es denn, was diese Menschen am Ende unzufrieden macht, warum sie dann am Ende vielleicht doch irgendetwas bereuen. Was äußern sie, was sagen sie, was benennen sie?»

David Steindl-Rast: «Also ich muss zugeben, ich habe nicht sehr viel Erfahrung mit Sterbenden, Sterbehilfe oder so, das habe ich nicht gemacht. Ich war am Tod von Menschen dabei, aber alte Menschen, die sich irgendwie vor dem Tod fürchten, denen bin ich natürlich begegnet und dieses Gefühl, dass man etwas versäumt hat oder dass man etwas schlecht gemacht hat oder so, das ist schon oft ein Problem. Wie soll man damit umgehen?

Ich kann es mir nur so vorstellen, wie man mit Schuldgefühlen überhaupt im Laufe des Lebens umgehen kann, ganz gleich, wie nahe man dem Tod ist.

Und mein Rat ist immer, einerseits die Schuld anzuerkennen: Da war ich mir nicht selber treu, da war ich einem Andern nicht treu, da hab ich etwas versäumt, was ich tun hätte können, und es zunächst einmal eingestehen, dann mit festem Entschluss gleich aus diesem Gefühl, es ist ja ein ungutes Gefühl, eine Energie, diese Energie gleich verwenden, um zu sagen, nächstes Mal mache ich es besser, und von dem Augenblick an keinerlei Energie mehr in dieses Erlebnis einfließen zu lassen, denn das ist alles verschwendete Energie, über meine Fehler nachzudenken, sondern von da an nur vorwärts und alle Energie ‒ : Jetzt besser machen.

Das ist das Entscheidende. Und ganz gleich, wie nahe man dem letzten Augenblick steht, ich kenne keine andere Methode, damit umzugehen.

Wenn dann jemand sagen wird, ja, die Ärzte sagen mir, ich habe nur noch ein paar Tage oder ein paar Stunden zu leben, dann würde ich sagen, in den paar Stunden alles, Menschen und Tiere und Pflanzen dir vorzustellen und Ja zu sagen und dankbar zu sein dafür und das Leben zu rühmen und zu preisen und nicht auf meine kleinen Fehler überhaupt einzugehen.

Das Leben ist viel großzügiger als wir es sind.

Sogar in der christlichen Bibel, im Neuen Testament, das ja sonst sehr verrufen ist, diese Schuldgefühle immer wieder aufzubringen und den Menschen aufzuladen, sogar dort steht ganz ausdrücklich:

‹Wenn dein Herz dich anklagt, Gott ist größer als dein Herz.›

Die Vergebung Gottes ist immer größer. Darauf kann man sich sogar als Christ verlassen.»[1]

«Du großes Geheimnis, Quellgrund meines Lebens, Meer dem alles zuströmt!

Je wacher ich werde, umso klarer erkenne ich meine persönliche Schuld.
Nicht im Sinne kindischer Schuldgefühle und Angst vor Strafe, sondern so:
Das Leben verschenkt sich an mich, ich aber knausere.
Ich bleibe dem Leben etwas schuldig:
mein Ja zur Welt, wie sie ist ‒ herrlich und schrecklich zugleich.

Aus Furcht versage ich meine volle Hingabe.
Heute aber will ich beginnen, meine Schuld zurückzuzahlen ‒
an einer Stelle wenigstens will ich mich großzügig verschenken.

Zeig du mir die rechte Stelle. Ich werde tatbereit Ausschau halten. Amen.»[2]

«Du großes Geheimnis, Quellgrund meines Lebens, Meer, dem alles zuströmt!

Jeden Morgen erwache ich zum Geschenk eines neuen Tages,
aber auch zu allem Elend der Welt.
Unheil, das wir Menschen anrichten, ist entsetzlich genug.
Aber Erdbeben, Epidemien, Tsunamikatastrophen, wo kommen die her?
Ich will keine rosa Brille, will Dich nicht nach meinen Wunschträumen erfinden.
Ich möchte Dich kennenlernen, wie Du bist.
Lebensfülle und Vernichtung ‒ beides stammt von Dir, Du Unergründlicher. Mich schaudert.
Ich kann verzweifeln oder vertrauen. Ich wähle vertrauen.
Alles Böse ist das Noch-nicht-Gute.
Mit diesem Vertrauen will ich heute Schreckensnachrichten hören.
Amen.»[3]

[Ergänzend:

1. Audios

1.1. Audios in Tanz ‒ der Sinn des Ganzen: Ergänzend: 2.1. und 2.6.

1.2. Fragen, denen wir uns stellen müssen (2016)
Tag 1 ‒ Vormittag:
Drei Grundfragen Warum? Was? Wie? (Bruder David):
(32:10) Unsere Aufgabe: ‹Rühmen, das ists› (Rilke: Sonette an Orpheus ‒ ‹Ich geh doch immer auf dich zu› (Rilke: ‹Du wirst nur durch die Tat erfasst›) ‒ Kann man denn alles rühmen? ‹Schau auf das Ganze, rühme das Ganze› (Augustinus) ‒ ‹Zwischen den Schlägen besteht unser Herz› (Rilke: Die Neunte Elegie) ‒ Die Dunkelheit, der Schatten des Geheimnisses und unser eigener Schatten gehören zum Ganzen dazu ‒ ‹Du Dunkelheit aus der ich stamme› (Rilke: Das Stunden-Buch)
(37:37) Das Böse, das noch nicht Vollendete ‒ Und so gehen wir aus dem Schweigen in das Wort und durch das Verstehen wieder ins Schweigen zurück auf einer andern Ebene ‒ In der liebenden Dunkelheit sind wir versöhnt mit dem Schweigen
(58:30) Gibt es falsche Antworten? Mit Situationen umgehen, in denen wir versagten oder die Gelegenheit versäumten: Sich erinnern, den Fehler eingestehen, aber keine Energie verschwenden mit Schuldgefühlen

1.3. Das glauben wir ‒ Spiritualität für unsere Zeit (2015)
Vortrag in Themen des Abends aufgeteilt:
‹Das Böse mit den Augen einer Mutter anschauen›

1.4. Wie das Göttliche in uns wächst (2005)
Vortrag und wortgetreue Mitschrift in den folgenden 8 Audios:
‹Was hindert gesundes spirituelles Wachstum›; siehe auch
Mitschrift:
(03:36) ‹Die Sünde ‒ ein sehr gefährliches Wort, aber ich verwende es in dem Sinne: Es bedeutet ‹die Absonderung›. ‹Sünde› und ‹sondern› gehören sprachlich zusammen: Die Sünde sondert uns ab von unserem eigenen wahren Selbst, von den Anderen, von dem MEHR. Sie wird nun juristisch verstanden. Denn wenn da so ein Machthaber oben sitzt, dann muss das juristisch interpretiert werden. So wird die Sünde zur Schuld und muss bestraft werden. Wir dürfen diese Sünde aber auch entwicklungsgeschichtlich verstehen, in unserer eigenen persönlichen Entwicklung als das noch nicht Geglückte. Und dann ‒ statt Strafe: lernen, nachlernen ‒ etwas ganz Anderes!›

1.5. «Wähle das Leben» (5 Mose 30,19) (1992)
Vortrag; siehe auch Sterben und Tod:
(03:59) Sich in Gottes Hände fallen lassen / (05:21) ‹Die Blätter fallen› (Rilke) / (07:14) ‹Gott ist grösser als unser Herz› (1 Joh 3,20)

2. Weitere Texte

2.1. Erwachende Worte (2023): ‹Rühmen›, 31; siehe auch Rühmen, Er-innern, Aufheben:

«‹Rühmen, das ist’s!›[4] Ja, alles, was ist, rühmt das Sein durch sein Dasein.
Einfach da zu sein ist Rühmung.
Dasein ist ein Ja-Sagen zum Sein.
Und dieses Ja fasst alles Rühmen in einem einzigen Wort zusammen.

Jedes Sein ist ein Ja ‒ ein ‹aus dem Nein aller Verneinung gehobenes› Ja:
Dasein ist Ja-Sein. Und dieses Ja-zum-Leben-Sagen heißt Rühmen.

Auch ich bin ‹ein zum Rühmen Bestellter›.[5]
Warum ist mein Ja zum Leben oft so zaghaft, so trüb, sogar oft widerwillig?
Aus Furcht, Ja zu sagen zum Ganzen.

‹Schau auf das Ganze, rühme das Ganze!›[6]

Das will ich mir zu Herzen nehmen ‒ vertrauensvoll trotz allem. Amen.»

2.2. Das Vaterunser (2022): ‹Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern›, 76; siehe auch Erlösung ‒ Sünde und Heil:

«Meine Scham lässt mich fühlen, dass mein Versagen die zarte Vernetzung zerreißt, durch die alles mit allem verbunden ist ‒ verbunden auch mit dir. Das Wort ‹Sünde› kommt ursprünglich von ‹absondern›. Sünde meint einen Riss im Gewebe des Ganzen. Sie trennt, was zusammengehört, und das ist buchstäblich herzzerreißend. Denn das Herz ist ‒ wie Rilke das so wunderbar ausdrückt ‒

‹das ins Ganze Geborne.›[7]

Wenn wir aus unserm Herzen leben, dann gehören wir dem Ganzen, dann werden wir ganz, dann werden wir auch das, was uns am Ganzen so schwierig erscheint, in uns aufnehmen, dann werden wir mit dem Ganzen auskommen. Das Herz ist jener Bereich, wo wir am tiefsten und innigsten mit allem und allen und mit dem Göttlichen verbunden sind. Darum findet sich das Herz nicht ab mit der Trennung und es mahnt uns, die Trennung zu überwinden.

Aber auch dort, wo unser Herz uns anklagt, dürfen wir dir vertrauen, denn du bist ‹größer› als unser Herz und kennst uns durch und durch› (1 Joh 3,20). Auf dein grenzenloses Verzeihen lass mich vertrauen und es freigebig weiterschenken.»

2.3. Weihnachtsbotschaft 2022:

«Mutter und Kind sind das Urbild von Gemeinschaft und bleiben ihr Leitbild. Die Mutter sieht das Böse im Kind als das Noch-nicht-Gute. Wir können lernen, mit den Augen einer Mutter das Böse in der Welt – ohne es zu beschönigen – als das Noch-nicht-Gute zu sehen. Dann heißt es alles aufzubieten, um einfallsreich damit umzugehen. Was kann ich persönlich ganz konkret tun, um irgendwo eine gesellschaftliche Kluft zu überbrücken – ganz gleich was es mich kostet? Dazu bereit zu sein, ist unser unerlässlicher Beitrag, um das Versprechen der Weihnachtsengel Wirklichkeit werden zu lassen: ‹Friede den Menschen auf Erden!›»

2.4. Orientierung finden (2021), 59f.:

«Projizierte Gottesvorstellungen sind leider allzu häufig. Es gibt zwei Grundtypen: einen überdimensionierten kosmischen Weihnachtsmann und einen Superpolizisten mit den gleichen kolossalen Ausmaßen. Diese beiden können sogar miteinander verschmelzen. Die sich entwickelnde Beziehung eines Kindes zum großen Du kann durch diese beiden Projektionen irregeführt und verzerrt werden. Wenn das große Du die Maske des Superpolizisten trägt, wird das Kind möglicherweise sein Leben lang mit Schuldgefühlen und Angst zu kämpfen haben. Und wenn das Bild eines wunscherfüllenden Weihnachtsmanns den Platz des großen Du in der kindlichen Vorstellung einnimmt, wird eine bittere Erfahrung früher oder später den Schrei auslösen: ‹Wie kann ein liebender Gott solche Dinge tun›? In beiden Fällen wird eine echte Gottesbeziehung verlorengehen.

Dass ein Kind ein gesundes Verhältnis zum großen Du entwickelt, wird wohl weitgehend davon abhängen, wie sein Verhältnis zum maßgeblichen kleinen Du sich gestaltet. Für Eltern bedeutet das die schwierige Aufgabe, weder in die Rolle des Weihnachtsmannes zu verfallen noch in die des Superpolizisten. Vor allem aber wird es darum gehen, dem Kind die persönliche Beziehung zu Gott vorzuleben und so eine spontane Beziehung zu Gott ernst zu nehmen und zu fördern. Kinder aus ihrer Gotteserfahrung heraus auf eigene Weise zu Gott sprechen zu lassen, ist weit besser, als ihnen mit vorgegebenen Gottesbildern den freien Blick zu verstellen.»]

________________

[1] Filminterview Was am Ende wirklich zählt (2022); siehe auch Transkription, 10f.

[2] Du großes Geheimnis: Gebete zum Aufwachen (2019), ‹Schuld›, 23; siehe auch Erlösende Kraft

[3] Du großes Geheimnis: Gebete zum Aufwachen (2019), ‹Das Böse›, 12; siehe auch Sinne und Sinn

[4] R. M. Rilke: Sonette an Orpheus 1. Teil, VII

[5] Ebenda

[6] Für Bruder David eines der liebsten Worte des Kirchenvaters Aurelius Augustinus, die er immer wieder zitiert.

[7] R. M. Rilke: Sonette an Orpheus 2. Teil, II:

«Ach, der Erde, wer kennt die Verluste?
Nur, wer mit dennoch preisendem Laut
sänge das Herz, das ins Ganze geborne.»



Quellenangaben

Text und Audios von Br. David Steindl-Rast OSB

jesus d christus titelCopyright © - Klaudia Menzi-Steinberger

«Was ich wollte, liegt zerschlagen,
Herr, ich lasse ja das Klagen,
Und das Herz ist still.
Nun aber gib auch Kraft, zu tragen,
Was ich nicht will!»

Joseph von Eichendorff: «Der Umkehrende»[1]

Im Vertrauen auf dieses große Du verlassen wir uns. Wir verlassen uns auf das große Du hin, dem wir gegenüberstehen, wenn wir im Augenblick stehen. In der Vergangenheit nicht, wenn wir uns mit der Vergangenheit identifizieren. Nicht, wenn wir uns mit der Zukunft identifizieren. Nur wenn wir im Augenblick stehen, dann sind wir mit diesem großen Du konfrontiert, das uns trägt.

Und darum sagt Eichendorff in einer weiteren Strophe aus dem Gedicht «Der Pilger»:[2]

«So lass herein nun brechen
Die Brandung, wie sie will,
Du darfst ein Wort nur sprechen,
So wird der Abgrund still;
Und bricht die letzte Brücke
Zu Dir, der treulich steht,
Hebt über Not und Glücke
Mich einsam das Gebet.»

Das ist das Gebet des Vertrauens. Es braucht gar kein gesprochenes Gebet zu sein. Es ist einfach das Vertrauen, das zum Gebet wird:

«So lass herein nun brechen
die Brandung, wie sie will,
du darfst ein Wort nur sprechen,
so wird der Abgrund still.»

Du ‒ das große Du ‒ steht in dem «Nunc stans»[3], in dem «Jetzt» treulich und verlässlich. Wann immer wir uns auf den Augenblick einlassen, steht dieses Du treulich und verlässlich uns gegenüber. Aber nicht nur «uns gegenüber».

Es steht mit uns, es trägt uns, es hebt über Not und Glücke. In diesem Gebet des Vertrauens. So scheint mir der Dichter die Frage zu beantworten: «Wie können wir überstehen?»

Und dann kommen wir gegen Abend, in der Lebensreife, im Herbst jeden Jahres immer wieder zu der Frage:

«Woran reifen wir?»

Es gibt nichts Traurigeres als ein unausgereiftes menschliches Leben. Und darum nichts Traurigeres als den Tod eines jungen Menschen. Ich muss an den Tod dieser unzähligen jungen Menschen denken, die jetzt im Krieg sterben. Da kann ich mich nur darüber hinwegtrösten, indem ich an ein Buch von Thornton Wilder denke, das vielleicht viele von Ihnen kennen, «The Bridge of San Luis Rey».

Es erzählt von einem Franziskaner, einem Missionar, der im 18. Jahrhundert in Peru zu einer Seilbrücke kommt, die schon Hunderte von Jahren gehalten hat. Doch gerade in dem Augenblick, wo er auf die Brücke gehen will, bricht sie zusammen und reißt fünf Menschen in den Abgrund. Und er stellt sich jetzt die Frage: «Warum gerade diese fünf?» Der Missionar geht dem Lebenslauf dieser fünf Menschen nach und kommt am Ende des Buches zu dem Schluss:

«Man stirbt nicht am Tod, man stirbt an der ausgereiften Liebe» (Otto Mauer).

Und die Liebe kann schon sehr früh ausreifen. Die Kirschen reifen schon im Juni, die Trauben erst im Oktober. Wir wissen es nicht. Von außen kann man es nicht sehen. Wenn junge Menschen sterben, dürfen wir hoffen, dass ihre Liebe ausgereift war. Ja, wir können dessen eigentlich sicher sein.

Aber für uns, die ein reiferes Alter erleben dürfen, stellt sich im Herbst die Abend-Frage: «Wie reifen wir?»

Rilke schreibt im Stundenbuch:

«Jetzt reifen schon die roten Berberitzen,
alternde Astern atmen schwach im Beet.
Wer jetzt nicht reich ist, da der Sommer geht,
wird immer warten, wird sich nie besitzen.

Wer jetzt nicht seine Augen schließen kann,
gewiss, dass eine Fülle von Gesichten
in ihm nur wartet bis die Nacht begann,
um sich in seinem Dunkel aufzurichten ‒
der ist vergangen wie ein alter Mann.

Dem kommt nichts mehr, dem stößt kein Tag mehr zu,
und alles lügt ihn an, was ihm geschieht;
auch du, mein Gott. Und wie ein Stein bist du,
welcher ihn täglich in die Tiefe zieht.»

Wie kann das sein?

«… und alles lügt ihn an, was ihm geschieht;
auch du, mein Gott.»

Lügt Gott uns an? Ein falsches Gottesbild, das lügt uns an.

Aber der Stein, welcher uns täglich in die Tiefe zieht, das ist der Gott unserer Sehnsucht, das ist der Gott, der in uns reift.

Und unser eigentliches Reifen ist das Reifen Gottes in uns.

«Auch wenn wir nicht wollen:
Gott reift»,

schreibt Rainer Maria Rilke.

Doch was macht uns reifen?

Ein anderes Gedicht von Rilke legt nahe, dass es die Begegnung mit der Wirklichkeit ist, die uns reifen lässt.

Auch die Begegnung mit allem Widersprüchlichen, einfach mit allem, was es gibt, macht uns reif, wenn wir uns ihm aussetzen.

Und so schreibt Rilke:

«Wer seines Lebens viele Widersinne
versöhnt und dankbar in ein Sinnbild fasst,
der drängt die Lärmenden aus dem Palast,
wird anders festlich, und du bist der Gast,
den er an sanften Abenden empfängt.»

Wenn wir unseres Lebens viele Widersinne versöhnen und dankbar in ein Sinnbild fassen: Was kann dieses Sinnbild sein?

Clemens Brentano nennt in einem wunderschönen Gedicht das Feldkreuz als dieses Sinnbild. Er hat dieses Gedicht an das Ende seines Buches gestellt und damit eigentlich an das Ende von allem, was er geschrieben hat.[4]

Im Kreuz steht die Gegenwart, das Jetzt, senkrecht auf dem Fluss der Zeit: der gegebene Augenblick. Brentano findet ans Feldkreuz angeschrieben diese Worte. Und er findet den Gekreuzigten, der ihm zum Sinnbild wird.

«Oh Stern und Blume
Geist und Kleid
Lieb, Leid und
Zeit und Ewigkeit!»

In allem, was es gibt, drückt sich das Grenzenlose, Unbegrenzte und Unendliche aus. Es drückt sich in allen Formen aus. Der Stern etwa zeigt sich in der Blume. Kinder zeichnen das gerne, den Stern. Oder die Sonne oben und drunter die Sonnenblume, oder den Stern und die Sternblume.

«Oh Stern» ‒ das Unendliche ‒ und die Blume ‒ das ganz Kleine.

«Geist und Kleid»: Alles, was wir sehen, ist Kleid des Geistes. Alles, was es gibt, ist Gabe dieses unbegrenzten Es, das uns alles gibt.

Auch «Lieb und Leid». Im Leid drückt sich die Liebe völlig aus. Das Unbegrenzte ist die Liebe, das Leid ist die begrenzte Form, in der wir hier in diesem Leben die Liebe am tiefsten erfahren. Dieses Sinnbild ist am Feldkreuz angeschrieben.

Und schließlich: «Zeit und Ewigkeit.»

Am Feldkreuz wird es umgedreht: «Ewigkeit und Zeit». Die Ewigkeit drückt sich in der Zeit aus, in dem Augenblick. So wie der Stern in der Blume, wie der Geist in seinen vielen Kleidern, wie die Liebe sich im Leid ausdrückt. Zeit und Ewigkeit.

Das ist das Sinnbild, scheint mir, in dem wir die vielen Widersinne unseres Lebens versöhnen und dankbar zusammenfassen ‒ das Kreuz.

«Was kann uns da trösten?»

in der Dunkelheit der Nacht, im Winter. Was tröstet uns? Meine Antwort, das können Sie wahrscheinlich schon voraussehen, wenn Sie meine Bücher kennen, ist:

«Was uns tröstet, das ist die Dankbarkeit.»

Dankbarkeit ist immer die große Antwort, der große Trost.

Eichendorff betitelte eines seiner Gedichte «Dank».

Es ist ein Lebensabendgedicht. Er schreibt:

«Mein Gott, dir sag ich Dank,
Dass du die Jugend mir bis über alle Wipfel
In Morgenrot getaucht und Klang ...
Und auf des Lebens Gipfel,
bevor der Tag geendet,
Vom Herzen unbewacht
Den falschen Glanz gewendet,
Dass ich nicht taumle ruhmgeblendet,
Da nun herein die Nacht
Dunkelt in ernster Pracht.»

Schon die Musik dieses Gedichtes ist unglaublich schön.

«Da nun herein die Nacht dunkelt in ernster Pracht.»

Dunkel und ernst kommt die Nacht, sie «dunkelt in ernster Pracht».

Ich verstehe das Wort Dunkelheit in bewusstem Kontrast zu «Finsternis».

Die Finsternis droht, die Dunkelheit aber versöhnt.

Die Finsternis ist etwas Bedrohliches, nicht aber die Dunkelheit.

«Du Dunkelheit, aus der ich stamme,
ich liebe dich mehr als die Flamme,
welche die Welt begrenzt,
indem sie glänzt
für irgend einen Kreis,
aus dem heraus kein Wesen von ihr weiß.

Aber die Dunkelheit hält alles an sich:
Gestalten und Flammen, Tiere und mich,
wie sie's errafft,
Menschen und Mächte ‒
Und es kann sein: eine große Kraft
rührt sich in meiner Nachbarschaft.

Ich glaube an Nächte.»

Wenn wir uns auf diese große Nacht verlassen, die alles an sich hält, wenn wir vertrauend uns auf diese Nacht einlassen, dann finden wir darin Trost. Sehr tiefen Trost.

Aber zur Nacht gehört beides: Dunkelheit und Stille.

Und auch zur Dankbarkeit gehört beides: im Jetzt sein ... alles umfassend ... und still sein.

Niemanden ausgrenzen und ganz still werden.

Auch das letzte Gedicht von Rilke, das ich wiedergeben möchte, ist aus dem Stundenbuch:

«Wenn es nur einmal so ganz stille wäre.
Wenn das Zufällige und Ungefähre
verstummte und das nachbarliche Lachen,
wenn das Geräusch, das meine Sinne machen,
mich nicht so sehr verhinderte am Wachen ‒ :

Dann könnte ich in einem tausendfachen Gedanken
bis an deinen Rand dich denken
und dich besitzen (nur ein Lächeln lang),
um dich an alles Leben zu verschenken
wie einen Dank.»
[5]

Das ist der Segen, die Gnade. Das ist die Gnade, die durch unser Leben fließt, die in uns ständig einfließt, in jedem Augenblick: jetzt ... jetzt ... jetzt. Und die erst ganz völlig zu sich kommt, wenn wir sie verschenken «wie einen Dank».

Nach einer Reise ins Heilige Land erinnert man sich nachher ganz besonders an den See Genezareth, der voller Fische ist, umgeben von wunderbaren Bäumen und Gärten. Alles blüht, alles ist lebendig. Der Fluss Jordan kommt vom Libanon herunter und er füllt diesen See und alles, was darum ist, mit Leben an. Das ist der Fluss der Gnade sozusagen. Der Jordan fließt dann weiter in das Tote Meer. Nun ist rundherum alles Wüste, es gibt keine Fische mehr, alles ist tot. Und man fragt sich: Es ist doch dasselbe Wasser. Was macht den Unterschied?

Der Unterschied ist, dass der See Genezareth das lebende Wasser aufnimmt und weitergibt. Im Toten Meer aber bleibt es. Wenn wir die Gnade aufnehmen und weiterschenken, wenn wir «sie besitzen nur ein Lächeln lang», um sie dann «an alles Leben zu verschenken wie einen Dank», dann leben wir wirklich. Wenn wir das, was uns geschenkt ist, halten, dann verdirbt es und versauert es.

Mit all dieser Betonung auf das Jetzt ‒ es gibt keine Zufälle ‒ habe ich gestern Abend hier eine Uhr als Geschenk bekommen. Der große Künstler, der diese Uhr entworfen hat, gestaltete drei Modelle.

Beim ersten Modell ist das Ziffernblatt weiß, da steht nichts drauf als «jetzt». Also ich glaube, diese Uhr macht nicht Tick-Tack, sondern die macht

«Jetzt ‒ Jetzt ‒ Jetzt ‒ Jetzt.»

So eine Uhr brauchen wir.[6]

Das zweite Modell sagt es auf Englisch: «now». Und dieses Modell hier sagt: «Lukas 17,21». Das ist die Stelle, in der Jesus sagt:

«Das Reich Gottes ist jetzt schon unter euch.»

Das Jetzt ist es, welches die großen Fragen beantwortet, die uns bewegen. Und wenn wir uns auf dieses Jetzt einlassen, dann ist das Reich Gottes jetzt unter uns.

[Und ich mag mich nicht bewahren (2012): Vom Älterwerden und Reifen, 22-38; der Text ist die von Klaus Gasperi überarbeitete Fassung des Vortrages von Bruder David in der Propstei St. Gerold im September 2005 im Audio Fragen, die uns bewegen (2005) (20:48-42:38)]

[Ergänzend:

1. Obiger Text und Vortrag ist die Fortsetzung des Textes / Vortrags in Fragen des Lebens

2. «Der Mensch stirbt nicht am Tod, sondern an ausgereifter Liebe.» (Otto Mauer):

Filminterview Was am Ende wirklich zählt (2022); siehe auch Transkription, 8; Sterben und Tod: Ergänzung: 1:

«Wenn ich Liebe sage, meine ich das gelebte Ja zur Zugehörigkeit und wenn man genau hinschaut, sieht man, dass sich das eigentlich ‒ so wie eine Definition ‒ auf alle Formen der Liebe anwenden lässt.

Es ist das gelebte Ja zur Zugehörigkeit. Wenn wir das üben ‒ das ist natürlich das Entscheidende am ganzen Leben ‒ die Liebe ist das Entscheidende.

Ein großer Denker ‒ Otto Mauer ‒, ein Wiener Priester, Mitte des 20. Jh., hat das wunderschön ausgedrückt:

‹Der Mensch stirbt nicht am Tod, sondern an ausgereifter Liebe›.

Also das ist die Aufgabe des ganzen Lebens: die Liebe ausreifen zu lassen.»

Fragen, denen wir uns stellen müssen (2016):
Tag 4 ‒ Nachmittag:
‹Memento mori› ‒ ‹Memento vivere›:
(16:02) ‹Der Mensch stirbt nicht am Tod, sondern an ausgereifter Liebe› wie Otto Mauer Thornton Wilders Roman ‹Die Brücke von San Luis Rey› zusammenfasst
(45:48) Gespräch: Was, wenn die Liebe nicht ausgereift ist? Reinkarnation und Fegefeuer

3. Das Reifen Gottes in uns:

Arbeit und Schweigen ‒ Handeln und Kontemplation (1989), 294f., 300f.; siehe auch Kontemplation im Handeln: Ergänzend: 5.:

«Gott vollendet sich nicht ohne unser Zutun. Gott vollendet sich aber auch trotz unseres Versagens. … Und Gott ist immer noch größer. Wir bauen an Gott, wir bauen am Bild Gottes, und dieses Bauen ist Kontemplation.»

Rilke vergleicht das Bauen und die Arbeit, wenn sie wirklich verwurzelt sind im Schauen und Schweigen, mit einem unterirdischen Fluss, der in die Tiefen greift.

Nur aus den Tiefen des Schweigens schwemmt eine Arbeit, die Gebet ist, Gold zutage. Darum betet der Dichter:

Daraus, daß Einer dich einmal gewollt hat,
weiß ich, daß wir dich wollen dürfen.
Wenn wir auch alle Tiefen verwürfen:
wenn ein Gebirge Gold hat
und keiner mehr es ergraben mag,
trägt es einmal der Fluß zutag,
der in die Stille der Steine greift,
der vollen.

Auch wenn wir nicht wollen:
G o t t  r e i f t.›

(Rilke, Das Stunden-Buch)»

4. Die Begegnung mit der Wirklichkeit:

Musik der Stille (2023), 27; siehe auch: Jetzt im Stundengebet: Ergänzend: 2. ‹Die Tagzeiten›; Altern: Ergänzend: 3.: ‹Wirklich werden›:

«Warum haben wir Angst, im Jetzt zu leben? Wir fürchten uns, wirklich zu werden, genau wie die Spielsachen im Kinderbuch ‹Der Plüschhase›[7]. Sie wollen alle wirklich werden ‒ das ist der größte Traum der Spielsachen. Zugleich fürchten sie sich davor, und deshalb fragen sie ein erfahreneres Spielzeug:

‹Tut Wirklichwerden weh?›

Das ist dieselbe Angst, die wir haben. Tut die Begegnung mit der Wirklichkeit weh? Das alte Spielzeug gibt weise zur Antwort:

‹Wenn du wirklich bist, macht es dir nichts aus, dass es weh tut.›»

5. Die Begegnung mit allem Widersprüchlichen:

Kreuz ‒ Sinnbild und Sinnorgan Herz

6. Gnade ‒ Segen ‒ Blessing ‒ Blutstrom:

Credo ‒ ein Glaube, der alle verbindet (2010)
David Steindl-Rast in der
Evangelischen Ludwigskirche, Freiburg (DE)
Fragerunde in folgende Themen zusammengefasst:
(05:29) Gnade im Bild des Flusses Jordan / (07:18) Gnade – Segen – Blutstrom / (08:24) Empfangen – weiterschenken – die Stille / (09:13) ‹Wenn es nur einmal so ganz stille wäre› (Rilke)

7. Das Reich Gottes ist jetzt unter uns:

Löwe, Lamm und Kind (1992)
Vortrag:
(40:25) ‹Hier ist das Friedensreich schon da›: Bruder David schließt mit einem Erlebnis aus der chassidischen Tradition:

«Das Bild des Messias strahlte in einer anderen solchen Gnadenstunde auf, als sich Vertreter vieler Religionen 1972 auf Mount Saviour[8] trafen. … Ich weiß nicht mehr, ob es Reb Shlomo Carlebach war oder Reb Zalman Schachter, der bei unserem letzten gemeinsamen Abendessen eine chassidische Geschichte erzählte, die uns zu Herzen ging, weil sie von dem sprach, was unter uns Wirklichkeit geworden war: ‹Der gelehrte Rabbiner und seine Schüler waren beisammen und so glühend war die Liebe unter ihnen, dass der Meister einen von ihnen zum Fenster schickte: ‹Schnell, schau hinaus, ob der Messias nicht gekommen ist!› Enttäuscht kam die Antwort: ‹Alles da draußen wie eh und je.› ‹Aber Rabbi›, fragte ein anderer Schüler, ‹müssten wir hinausschauen, wenn der Messias gekommen wäre? Würden wir es nicht hier herinnen gleich wissen?› ‹Ja! Aber hier›, sagte der Meister strahlend, ‹hier ist der Messias ja gekommen!›»[9]]

_________________________

[1] Joseph von Eichendorff: ‹Der Umkehrende›, 3.

[2] Bruder David bezieht sich auf die erste Strophe des Gedichtes ‹Der Pilger› in Fragen des Lebens

[3] Der Ausdruck nunc stans findet sich erstmals bei Thomas von Aquin (1225-1274). Er hat eine lange Vorgeschichte, beginnend mit Platon (428-348 v. Chr.) und weiterführenden Beiträgen von Plotin (205-270), Augustinus (354-430), Boethius (ca. 480-524) und späteren Denkern zum Thema ‹Zeit und Ewigkeit›; siehe auch Jetzt und ewiges Leben: Anm. 8

[4] Mit diesem Gedicht enden die ‹Blätter aus dem Tagebuch der Ahnfrau›, die Fortsetzung des Märchens ‹Gockel, Hinkel und Gackeleia›. In den heutigen Ausgaben trägt das Gedicht die Überschrift ‹Eingang›; das Gedicht in Kreuz ‒ Sinnbild und Einsichten aus Rilkes Dichtung, Teil II (2014), 121-123

[5] R. M. Rilke: ‹Wenn es doch nur einmal so ganz stille wäre› (Das Stunden-Buch) ‒ Siehe auch Stille leben und Stop ‒ Look ‒ Go

[6] «Angesprochen auf das Ende aller Dinge, auch auf sein eigenes, benutzt Steindl-Rast gerne das bekannte Bild einer tickenden Uhr. Diese mache allerdings für ihn nicht Tick-Tack, sondern ‹Jetzt-Jetzt-Jetzt-Jetzt.›» [Der Zen-Christ: David Steindl-Rast im Portrait (2012)]; siehe auch Jetzt in diesem Augenblick: Ergänzend: 2.1.

[7] Siehe auch in Das Vaterunser (2022), 106, und Erlösende Kraft, Anm. 4:

«In dem klassischen Kinderbuch von Margery Williams ‹The Velveteen Rabbit›, erschienen 1922, das es als ‹Der Samthase› auch auf Deutsch gibt, reden bei Nacht die Puppen und Teddybären über ihren sehnlichsten Wunsch: wirklich zu werden. ‹Tut Wirklichwerden weh?›, fragen sie das alte, erfahrene Schaukelpferd. Das aber weiß: Einem, der wirklich wird, macht es nichts aus, dass das wehtut.»

[8] Bruder David trat 1953 in das kurz zuvor neu gegründete Benediktinerkloster Mount Saviour in Elmira, NY, ein.

[9] Ich bin durch Dich so ich (2016), 98; siehe auch Reich Gottes: Ergänzend: 1.2. und Reich Gottes ‒ ‹auferstanden›: Ergänzend: 2.



Quellenangaben

Text und Audios von Br. David Steindl-Rast OSB

jesus d christus titelCopyright © - Barbara Krähmer

Es gibt viele Fragen. Doch nicht alle Fragen bewegen uns. Viele Fragen beunruhigen uns vielmehr. Und die Fragen, die uns beunruhigen, die lassen uns zum Stillstand kommen. Wir sind fast eingefroren von Fragen, die uns beunruhigen. Und die Furcht macht uns erstarren.

Die Fragen, die uns beunruhigen, haben meist mit der Vergangenheit zu tun oder mit der Zukunft. Das sind Fragen wie «Wie konnte so etwas nur geschehen?», «Wie konnte ich nur das tun?» «Wie konnte man mir das nur antun?»

Oder Fragen über die Zukunft, «Was kommt da noch alles auf uns zu?» ‒ Angstfragen sind es, die machen uns starr.

Aber dann gibt es auch Fragen, die uns bewegen. Fragen, die uns in Bewegung setzen. Und das sind Fragen in der Gegenwart. Fragen, die wir nur in der Gegenwart stellen können. Nur in diesem Augenblick. Nur in dem Jetzt, auf das alles ankommt.

Denn dieses Jetzt ist der Schnittpunkt der Zeit mit der Ewigkeit.[1] Die Ewigkeit ist ja keine lange, lange Zeit, die Ewigkeit ist, wie Augustinus das definiert, das «Nunc stans»[2] ‒ Das Jetzt, das nicht vergeht.

Dieses Jetzt ist uns in jedem Augenblick geschenkt. Und in diesem Jetzt ist uns die Begegnung mit unserem großen und ewigen Du geschenkt. Wir aber sind meistens beschäftigt mit der Vergangenheit und mit der Zukunft. Wir sind abgelenkt durch die Zeit vom Jetzt. Das Jetzt aber ragt über die Zeit heraus, denn das Jetzt ist nicht eigentlich in der Zeit.[3]

Und diese großen Fragen, die uns da beschäftigen, die uns wirklich bewegen und die uns heute beschäftigen sollen, die stehen auf diesem Schnittpunkt von Zeit und Ewigkeit, die stehen im Jetzt. Das sind Fragen, die wir im Jetzt stellen und nur im Jetzt stellen können.

Und dieses Jetzt geht mit uns durch den Tag, durch das Leben. So wie auf einer Wanderschaft der Mond mit uns zu gehen scheint. Oder wenn der Mond auf einen See scheint: Immer zielt die Bahn des Lichtes auf uns, wohin wir auch gehen. Dieses Jetzt geht mit uns durchs Leben, durch den Tag.

Die vier Fragen:

Und so möchte ich nun vier von diesen Fragen herausgreifen: Fragen, die uns im Jetzt bewegen. Zunächst eine Frage, die mit unserer Jugend zu tun hat, damit, wie wir durchs Leben gehen, mit dem Morgen.

Und das ist eine Frage, die sich jeden Morgen neu stellt. Oder sich jedes Jahr mit dem Frühling erneuert. Diese Frage am Morgen heißt: «Wonach sehnen wir uns?» Wonach sehnen wir uns eigentlich?

Die Frage, die sich uns dann in der Lebensmitte stellt, am Mittag, im Sommer unseres Lebens, das ist die Frage: «Wie können wir überstehen?» ‒ Wenn alles auf uns hereinbricht, wenn alles unter uns zusammenbricht: Wie können wir überstehen?

Und dann eine dritte Frage, die Frage der Lebensreife, des Herbstes, des Abends: «Woran reifen wir?» ‒ Nicht in der Zukunft, nicht in der Vergangenheit, sondern jetzt, im gegenwärtigen Augenblick: Was macht uns jetzt reifen?

Und schließlich für die Lebensneige, für den Winter, für die Nacht die Frage: «Was tröstet uns?»

Wonach sehnen wir uns?

Um uns solche Fragen ganz persönlich nahezubringen, dafür gibt es kaum einen besseren Weg als die Dichtung. So möchte ich hauptsächlich Gedichte mit Ihnen teilen, und zwar von zwei Lieblingsdichtern von mir: von Rainer Maria Rilke und von Joseph von Eichendorff. Ich hoffe, dass wir diese Liebe zu diesen beiden Dichtern ‒ Eichendorff aus dem 19. Jahrhundert, Rilke aus dem 20. Jahrhundert ‒ auch wirklich teilen.

Und so möchte ich zunächst zu der Frage «Wonach sehnen wir uns?» mit Eichendorff beginnen, aus dem Gedicht «Der Pilger»:

«Man setzt uns auf die Schwelle,
Wir wissen nicht, woher?
Da glüht der Morgen helle,
Hinaus verlangt uns sehr.
Der Erde Klang und Bilder,
tiefblaue Frühlingslust,
Verlockend wild und, wilder,
Bewegen da die Brust.
Bald wird es rings so schwüle,
Die Welt eratmet kaum,
Berg’, Schloss und Wälder kühle
Stehn lautlos wie im Traum,
Und ein geheimes Grausen
Beschleichet unsern Sinn:
Wir sehnen uns nach Hause
Und wissen nicht wohin?»

Das ist der Lebensanfang.

«Man setzt uns auf die Schwelle, wir wissen nicht, woher?»

Das ist zugleich die Schwelle in das Leben und von woher. Und wir wissen nicht, von woher wir in dieses Leben kommen. Es ist nicht nur die Schwelle, über die hinaus wir jetzt ins Leben gehen. Es ist auch die Schwelle, über die wir in das Leben hereinkommen. Und wir wissen nicht, woher.

Da ist das große Verlangen: die Sehnsucht. Es verlockt uns etwas, hinaus verlangt uns sehr. Aber dann kommt ein geheimes Grausen!

Kennen wir dieses geheime Grausen, wenn wir uns fragen:

«Wonach sehnen wir uns denn eigentlich?»

Im Gedicht reimt es sich hier nicht ganz genau. Und das ist immer sehr bezeichnend, wenn ein Dichter ungenaue Reime verwendet. Nicht, weil er es nicht besser kann, sondern weil er eben diese Ungenauigkeit will: Ein «geheimes Grausen» reimt sich auf «Wir sehnen uns nach Hause».

Das Haus, nach dem wir uns sehnen, das nimmt das Grausen weg:

«Und. ein geheimes Grausen
Beschleichet unsern Sinn :
Wir sehnen uns nach Hause
Und wissen nicht wohin?»

Auch Rainer Maria Rilke spricht in einem Gedicht aus dem Stundenbuch von dem, was vor der Schwelle geschieht, auf die man uns setzt. Und er stellt sich das so vor:

«Gott spricht zu jedem nur, eh er ihn macht,
dann geht er schweigend mit ihm aus der Nacht.
Aber die Worte, eh jeder beginnt,
diese wolkigen Worte, sind:

Von deinen Sinnen hinausgesandt,
geh bis an deiner Sehnsucht Rand;
gieb mir Gewand.

Hinter den Dingen wachse als Brand,
dass ihre Schatten, ausgespannt,
immer mich ganz bedecken.

Laß dir Alles geschehn: Schönheit und Schrecken.
Man muss nur gehn: Kein Gefühl ist das fernste.
Laß dich von mir nicht trennen.
Nah ist das Land,
das sie das Leben nennen.

Du wirst es erkennen
an seinem Ernste.

Gieb mir die Hand.»

«Von deinen Sinnen hinausgesandt,
geh bis an deiner Sehnsucht Rand!»

Das, wovon Eichendorff als «verlockend, wild und wilder» spricht, das ist die Schönheit, die uns anzieht.

«Lass dir alles geschehn: Schönheit und Schrecken»,

heißt es bei Rilke.

Und der Schrecken ist dieses geheime Grausen, das auch zum Leben gehört.

«Man muss nur gehn: Kein Gefühl ist das fernste.
Lass dich von mir nicht trennen.»

Lass dich von mir nicht trennen ‒ das heißt, in der Zeit, in die du jetzt hinausgehst, sei immer bei mir, gib mir die Hand ‒ jetzt!

Jetzt, an diesem Schnittpunkt von Zeit und Ewigkeit.

Jetzt noch ein Gedicht von Eichendorff zu dieser Frage:

«Wonach sehne ich mich?»

Und das ist ein Jugendgedicht von ihm, ein frühes. Es heißt «Frische Fahrt»:

«Laue Luft kommt blau geflossen,
Frühling, Frühling soll es sein!
Waldwärts Hörnerklang geschossen,
Mut’ger Augen lichter Schein;
Und das Wirren bunt und bunter
Wird ein magisch wilder Fluss,
In die schöne Welt hinunter
Lockt dich dieses Stromes Gruß.

Und ich mag mich nicht bewahren!
Weit von euch treibt mich der Wind,
Auf dem Strome will ich fahren,
Von dem Glanze selig blind!
Tausend Stimmen lockend schlagen,
Hoch Aurora flammend weht,
Fahre zu! Ich mag nicht fragen,
Wo die Fahrt zu Ende geht!»

So gehen wir dann in die Welt hinein, in das Wirren, in den wilden Fluss, in den Strom. Wir lassen uns treiben vom Wind

«... selig blind ...»

Und wir wollen nicht fragen, wo die Fahrt hinführt. Wir wollen nicht fragen. Das ist unsere Verwirrung, das ist der Übergang von der Jugend zur Lebensmitte.

Doch lange bevor die Fahrt zu Ende geht, kommen wir an eine Stelle, an der wir uns fragen müssen:

«Wie kann ich das überstehen?»

Weil wir uns eben «selig blind» auf den Lauf der Zeit eingelassen haben, «selig blind» der Zeit verfallen sind und das Jetzt vergessen, können wir mit dem Wandel nicht umgehen.

Und so schreibt Eichendorff:[4]

«Es wandelt, was wir schauen,
Tag sinkt ins Abendrot,
Die Lust hat eignes Grauen,
Und alles hat den Tod.

Ins Leben schleicht das Leiden
Sich heimlich wie ein Dieb,
Wir alle müssen scheiden
Von allem, was uns lieb.

Was gäb’ es doch auf Erden,
Wer hielt den Jammer aus,
Wer möcht’ geboren werden,
Hielt'st Du nicht droben Haus!

Du bist's, der, was wir bauen,
Mild über uns zerbricht,
Daß wir den Himmel schauen ‒
Darum so klag’ ich nicht.»

Alles, was wir schauen, wandelt sich, ständig. Vielleicht erinnern Sie sich, wie uns das auf der Lebensmitte bewusst wird. Vielleicht gerade mitten im Getriebe. Irgendwann in einem Augenblick, wenn wir uns wirklich einmal aus der Zeit herausraffen, wird es uns bewusst:

«Es wandelt, was wir schauen,
Tag sinkt ins Abendrot,
Die Lust hat eignes Grauen,
Und alles hat den Tod.»

Dieses eigene Grauen ist das Grausen, von dem Eichendorff schon vorher gesprochen hat im Gedicht «der Pilger»:

«Und ein geheimes Grausen
beschleichet unsern Sinn.»

Dieses Grausen, das wir fühlen. Und jetzt geht das Gedicht weiter:

«Ins Leben schleicht das Leiden
Sich heimlich wie ein Dieb,
Wir alle müssen scheiden
Von allem, was uns lieb.

Was gäb’ es doch auf Erden,
Wer hielt den Jammer aus,
Wer möcht’ geboren werden,
Hielt'st Du nicht droben Haus!»

Und das ist nun das Haus, in dem wir zuhause sind. Jetzt plötzlich beginnt die Frage zu dämmern: «Wie können wir überstehen?»

Die letzte Strophe lautet:

«Du bist's, der, was wir bauen,
Mild über uns zerbricht,
Daß wir den Himmel schauen ‒
Darum so klag’ ich nicht.»

Wie können wir überstehen?

Hier und jetzt im Vertrauen. Nicht im Bedauern über die Vergangenheit, nicht in der Furcht vor der Zukunft, sondern durch Vertrauen im Jetzt. Das scheint mir die Antwort zu sein, die der Dichter hier auf diese Frage gibt.

Wenn unsere jüdischen Schwestern und Brüder das Laubhüttenfest feiern, einmal im Jahr, dann bauen sie sich kleine Laubhütten, um sich an den Weg durch die Wüste zu erinnern. Die Laubhütten erinnern an die Zeit, als das Volk Israel in der Wüste lebte. Das ist ein sehr freudiges Fest und es dauert eine ganze Woche. Die gesamte Familie sitzt zusammen in diesen Laubhütten, morgens und abends, und singt und isst und trinkt und feiert. Die Baubestimmungen für diese Laubhütte sagen:

«Baue die Wände so dünn, dass du die Nachbarn sehen kannst. Und baue das Dach so dünn, dass du die Sterne sehen kannst.»

Wenn wir so fest bauen, wie wir das gewohnt sind zu tun, dann muss Gott milde über uns zerbrechen, dass wir den Himmel schauen.

[Und ich mag mich nicht bewahren (2012): Vom Älterwerden und Reifen, 5-21; der Text ist die von Klaus Gasperi überarbeitete Fassung des Vortrages von Bruder David in der Propstei St. Gerold im September 2005 im Audio Fragen, die uns bewegen (2005) (00:22-20:48)]

[Ergänzend:

1. Siehe die Fortsetzung des Textes / Vortrags mit der Frage: «Woran reifen wir?» in Reifen

2. ‹Gott spricht zu jedem nur, eh er ihn macht› (Rilke: Das Stunden-Buch):

Fragen, denen wir uns stellen müssen (2016)
Tag 2 ‒ Nachmittag:
‹Im Selbst sein und im Jetzt sein ist identisch›:
(02:32) ‹Gott spricht zu jedem nur, eh er ihn macht› (Rilke, Das Stunden-Buch)

Beten ‒ mit dem Herzen horchen (1988)
1. Vortrag in thematische Brennpunkte aufgeteilt:
‹Gott spricht zu jedem nur, eh er ihn macht› (Rilke)

Musik der Stille (2023): Laudes ‒ TAGESANBRUCH: 48f.; siehe auch Einsichten aus Rilkes Dichtung, Teil I (2014), 31-35:

«Die klösterliche Stunde der Laudes führt uns aus der Finsternis hinaus ins Licht. Mit den Laudes bekommen wir bei Sonnenaufgang den neuen Tag geschenkt. Die Vigil begleitete uns durch die feierliche Finsternis und die dunkle Ewigkeit der Nacht; jetzt feiern wir das Licht.

In Rilkes Stunden-Buch findet sich ein wunderschönes Gedicht, das speziell für die Laudes geschrieben sein könnte. Es ist fast ein kleiner Schöpfungsmythos. Hier hört der Dichter, wie Gott im Schoß der Dunkelheit zu jedem von uns spricht, noch bevor wir geboren werden, bevor er uns vollendet. Dann begleitet Gott uns hinaus aus der Nacht:

‹Von deinen Sinnen hinausgesandt›, weist er uns an,
‹geh bis an deiner Sehnsucht Rand;
gieb mir Gewand›.

Gott findet seine Äußerung in dieser Welt durch die Art und Weise, wie wir mit der geheimnisvollen Stille und Finsternis umgehen, aus der wir kommen. Jeder ist dazu bestimmt, das göttliche Geheimnis in seiner ganz persönlichen Eigenart auszudrücken.

Und während er uns ins Licht führt, spricht Gott zu uns:

‹Laß dir Alles geschehn: Schönheit und Schrecken
… Kein Gefühl ist das fernste.
Laß dich von mir nicht trennen.›

Und zum Abschied sagt er uns:

‹Nah ist das Land,
das sie das Leben nennen.

Du wirst es erkennen
an seinem Ernste.

Gieb mir die Hand.›

Dieses neue Land, in das wir gesandt werden, ist Gottes Geschenk: Sein erhabenes Geschenk, das Geschenk des Lebens, das Geschenk des Seins.»

3. ‹Es wandelt, was wir schauen› (Joseph von Eichendorff):

So leben wir und nehmen immer Abschied (2009)
Vortrag:
(18:46) ‹Es wandelt, was wir schauen› (Joseph von Eichendorff) und ein Brauch im jüdischen Laubhüttenfest

Das Leid des Lebens zu Herzen nehmen (1992)
Eröffnungsreferat:
(30:39) Es wandelt, was wir schauen (Joseph von Eichendorff)

Retreat-Woche in Assisi (1989)
‹Stärke unseren Glauben› (Lk 17,5):
(49:08) Hoffnung vor dem Scherbenhaufen zerstörter Hoffnungen — ‹Du bist’s, der, was wir bauen, mild über uns zerbricht› (Joseph von Eichendorff: ‹Es wandelt, was wir schauen›): Die Hütten am Laubhüttenfest sind durchsichtig zu den Nachbarn und den Sternen

Erwachende Worte (2023): ‹Leiden›, 25:

«Leiden macht mir Angst, Du Quell der Seligkeit. Wo kommt es her? Doch nicht von Dir?

‹Ins Leben schleicht das Leiden
Sich heimlich wie ein Dieb,
Wir alle müssen scheiden
Von allem, was uns lieb.›

Soll ich dann  n i c h t  lieben, um nicht leiden zu müssen am Scheiden?

Nein, ich will lernen, so zu lieben, dass meine Liebe furchtlos das Scheiden vorausnimmt, mit-liebt und so das Leiden ‹aufhebt› ‒ schultert, aber erlöst, hinaufgehoben zu Dir.

‹Du bist’s, der, was wir bauen,
Mild über uns zerbricht,
Daß wir den Himmel schauen ‒
Darum so klag’ ich nicht.›

Alles Schwere am Leid aus Liebe zu anderen mitzutragen, ist wohl jener Himmel. Ihn zeig mir. Amen.»]

_____________________

[1] Jetzt und ewiges Leben: Ergänzend 3.3.

[2] Der Ausdruck nunc stans findet sich erstmals bei Thomas von Aquin (1225-1274). Er hat eine lange Vorgeschichte, beginnend mit Platon (428-348 v. Chr.) und weiterführenden Beiträgen von Plotin (205-270), Augustinus (354-430), Boethius (ca. 480-524) und späteren Denkern zum Thema ‹Zeit und Ewigkeit›; siehe auch Jetzt und ewiges Leben: Anm. 8

[3] Siehe Jetzt im Doppelbereich: Ergänzend: 2.3. und 3.1.

[4] Joseph von Eichendorff: ‹Der Umkehrende›, 4.



Quellenangaben

Text, Film und Audios von Br. David Steindl-Rast OSB

jesus d christus titelCopyright © - Klaudia Menzi Steinberger

Rilke sagt in dichterischer Sprache etwas aus, dessen wir uns alle irgendwie bewusst sind, wenn er zu Gott spricht:

«Du sagtest  l e b e n  laut und  s t e r b e n  leise
und wiederholtest immer wieder:  S e i n!»
[1]

In Augenblicken glühendster Lebendigkeit wird uns bewusst, dass wir inmitten allen Wandels etwas in uns kennen, das Bestand hat: Wir haben Anteil am Sein. In solchen Augenblicken wird uns klar, dass unser eigenes Sein am Einen Schönen, Guten und Wahren Anteil hat und daher unzerstörbar ist, so wie diese höchsten Werte es sind.

Wir wissen darum auch, dass dieses Heilsein unser ganzes Wesen umfasst, nicht nur unseren Geist, sondern auch unsere ganze leibliche Wirklichkeit, trotz ihrer Vergänglichkeit.

Aus dieser Perspektive können wir also doch etwas über «Auferstehung der Toten» wissen, obwohl der Inhalt dieses Glaubenssatzes auf den ersten Blick entschieden jenseits des Horizontes unserer jetzigen Erfahrung zu liegen scheint.[2]

Die innere Erfahrung unzerstörbaren Seins ist grundsätzlich jedem Menschen zugänglich. Wie aber könnten wir daran Anteil haben, ohne selbst unzerstörbar zu sein?

Unser innerstes Sein ist unverwelklich, obzwar wir uns nicht vorstellen können, was das für uns bedeuten wird, wenn unsere zeitgebundene Form sich auflöst. Das Bild vom Aufstehen (wie vom Schlaf) das hinter «Auferstehung der Toten» steht, soll uns nicht irreführen; es gehört der Zeit an. Wenn es um überzeitliche Aussagen geht, dann lässt uns unsere Vorstellungskraft im Stich. Aber unsere Zugehörigkeit zum unvernichtbaren Sein wiegt schwer, auch wenn wir uns nicht vorstellen können, wie sie sich am Ende auswirken wird.[3]

Das Credo verpflichtet uns zu keiner bestimmten Vorstellung vom Leben nach dem Tode. Wenn ich sterben muss, weil für mich die Zeit um ist ‒ wie die Weisheit der Sprache es so treffend ausdrückt ‒, was soll dann «n a c h  dem Tod» überhaupt bedeuten?

Das «Ewige Leben» kommt nicht nach dem Tod, sondern ist ein Leben, dem der Tod nichts anhaben kann.

Diese Sicht leugnet natürlich nicht, was im landläufigen Sinn mit «Leben nach dem Tod» gemeint ist, berichtigt es aber am entscheidenden Punkt und darf es umso nachdrücklicher behaupten, weil es das «nach» leugnet.

Selbst wenn wir uns das noch nicht voll bewusst gemacht haben, so sehnen wir uns ja vor allem nach einem Leben, das über den Tod hinausgeht ‒ nicht der Zeit nach, sondern essentiell, seinem Wesen nach.

Auf dieses Leben brauchen wir nicht bis zu unserer Todesstunde zu warten. Heute schon können wir über die Zeit ‒ und so über den Tod ‒ hinausgehen, in dem Ausmaß, in dem wir im Jetzt leben.[4]

Unsere Sterblichkeit widerspricht dem nicht. Sie zeigt nur an, dass Sterben zum Leben dazugehört. Wir wissen ja aus Erfahrung, dass wir nur dann wirklich leben, wenn wir jeden Augenblick sterben.

«Und so lang du das nicht hast,
Dieses: Stirb und Werde!
Bist du nur ein trüber Gast
Auf der dunklen Erde.»
[5]

Goethe wusste: Wir müssen den jetzigen Augenblick loslassen und so für das Alte sterben, um für das Neue, das uns entgegenkommt, empfänglich zu sein. Unsere vielen kleinen Tode bereiten uns für den letzten, großen vor.

In gläubigem Vertrauen auf die innerste Dynamik der Lebendigkeit ‒ im Glauben an den Heiligen Geist also ‒ dürfen wir sicher sein, dass auch im letzten Augenblick unseres Lebens, so wie in jedem vorhergehenden, das Loslassen des Alten Voraussetzung sein wird für den Empfang des Neuen ‒ dann des unvorstellbar Neuen.[6]

Verlangt das nicht Mut von uns? Großen Mut? Sollten wir nicht erwarten, dass «Ewiges Leben» höchsten Lebensmut von uns verlangt? Und nicht später einmal, sondern jetzt.

Wie anders sieht das doch aus, als die landläufige Vorstellung vom «Ewigen Leben» als Fortleben nach dem Tod.

Der indische Mystiker Kabir (1440-1518) sagt dazu:[7]

«Wenn du deine Fesseln nicht als Lebender sprengst,
meinst du,
Geister werden es später tun?
Seliges Entzücken der Seele,
nur weil der Leib verwest,
ist reine Phantasterei.
Was du jetzt findest, wirst du dann finden.
Wenn du jetzt nichts findest,
wirst du eben eine Wohnung
in der Stadt der Toten erben.
Wenn du dich jetzt auf göttliches Liebesspiel einlässt,
werden dann deine Züge befriedigte Lust spiegeln.»

Im Jetzt leben bedeutet nicht weniger, als sich auf ein Liebesspiel einzulassen mit der göttlichen Wirklichkeit, die uns mit jedem Atemzug neu begegnet.

Scheint es nicht so, als ob dieses letzte Wort im Credo uns «Das Ewige Leben» als größtes Versprechen vor Augen halte und zugleich als höchste Herausforderung für unser Leben hier und jetzt?[8]

[Audio Teil 4 (03:05-06:16)] Bruder David im Gespräch mit Pater Anselm Grün: «Unser Selbst ist nicht in Raum und Zeit, wir erleben es im Jetzt, das über Raum und Zeit erhaben ist. Unser Ich dagegen ist in Raum und Zeit. Und wir leben in diesem Doppelbereich. Das ist die Ehre und zugleich die Schwierigkeit ‒ die Aufgabe unseres Lebens in diesem Doppelbereich zu leben.

Ich und Selbst durchlaufen dabei, obwohl vereint, zwei unterschiedliche Prozesse:

Meine Lebensspanne von meiner Empfängnis bis zu meinem Tod gehört einem großen zyklischen Ereignis an, in dem Leben und Sterben ‒ ich unterscheide Tod und Sterben ‒ zusammengehören in unserer Lebendigkeit: Wir müssen viele Male sterben in dem vollen Sinne: loslassen und ganz was Neues kommt ‒ das gehört zum Leben dazu, das ist so eine Wellenbewegung oder eine Kreisbewegung, wie wir das ausdrücken wollen.

Zum Selbst gehört das Ausreifen. Also Ich-Selbst, dieser eine Ausdruck des Selbst, der ich bin, der gehört einerseits diesem Leben und Sterben an, das ist der Anteil in Raum und Zeit, aber in dem überzeitlichen Anteil geht es um Ausreifen.

Unter diesem Begriff verstehe ich, was der Dichter Rilke sagt:

‹Wir sind die Bienen des Unsichtbaren und unablässig ‒ éperdument ‒heimsen wir den Nektar des Sichtbaren in die große goldene Honigwabe des Unsichtbaren ein.›

Das Selbst wird durch alles, was wir an Freude und Leid erleben, irgendwie bereichert. Und in diesem Doppelbereich stehen wir auf den beiden Beinen einerseits in Zeit und Raum und anderseits im Jetzt ‒ über die Zeit erhaben im Selbst ‒, und ich sehe auch meine Aufgabe gerade jetzt in meinem hohen Alter darin, mehr und mehr das Selbst zu meinem Standbein zu machen, damit das Ich mehr das Spielbein wird. Und wenn dann das Ich stirbt, also nicht mehr da ist ‒ genau so wenig, wie es vorher da war, bevor ich da war und mich niemand vermisst hat ‒, dann bleibt noch das Selbst. Ich kann mir das freilich nicht bildlich vorstellen. Auch ein Embryo kann sich ja nicht vorstellen, wie man außerhalb des Mutterschoßes leben könnte. Ebenso kann sich eine Raupe nicht vorstellen, wie es sein könnte, als Schmetterling zu fliegen.

(06:34) «… Ich glaube als Christ an die Auferstehung des Fleisches. Darum bemühe ich mich zu verstehen, was das heißen kann, dieses Anreichern und ‹Einheimsen in die große goldene Honigwabe›. Ich kenne viele Menschen, die sagen: Ich lebe ein volles Leben und wenn es vorbei ist, ist es vorbei. Die leben auch nicht schlecht …»

(08:38) Weil wir eben in unserem ganzen Wesen auf ein Du bezogen sind, das über Zeit und Raum erhaben ist, kann sich das nicht ändern, wenn unsere Zeit zu Ende ist. Diese Beziehung bleibt. Sie hat ewigen Bestand. Beweisen lässt es sich wohl kaum, dass uns das physisch Erlebte auch über den Tod hinaus bewusst bleibt. Aber ich habe ein Argument dafür: Nachdem das unvergängliche Göttliche jetzt schon in unserem Erleben jeder Kastanienblüte, jeder-Wimper eines geliebten Menschen, jedes leisesten Seufzers gegenwärtig ist, wie sollte das Erlebte durch den Tod plötzlich verschwinden?

Ich freue mich also auf die Wiederbegegnung mit meiner Mutter, meiner Großmutter und mit Freunden, die schon gestorben sind. Aber ich möchte auch Menschen sehen, die ich nie persönlich kennenlernen konnte. Joseph von Eichendorff zum Beispiel möchte ich sehr gerne kennenlernen. Skifahren möchte ich mit Eichendorff, denn der ist in seinem Leben nie Ski gefahren. Ihm würde das sicher sehr gefallen. Ich kann mir das gut ausmalen ‒ und habe ich nicht ein Recht, mir das auszumalen?

‹Das, was war›, sagt T. S. Eliot, ‹und das, was hätte sein können, weisen auf das gleiche Ziel, und das ist immer jetzt.›»[9]

[Audio Tag 4 ‒ Nachmittag (30:49)] «‹Alles ist immer jetzt› (T. S. Eliot).[10]

Und wenn wir im Jetzt leben, ist es und ist und ist: Es hat Anteil an der Zeit ‒ wir erleben es in der Zeit ‒, aber alles, was ist, ist zugleich in diesem Doppelbereich, zugleich in der Zeit und über die Zeit hinaus, weil ‹Alles ist immer  j e t z t›, alles! Und das ist nicht nur der Mensch, der immer ist

Also ‹im Ewigen› ist zugleich in Zeit und Ewigkeit. Es ist die menschliche Einsicht oder Erfahrung, die hinter der christlichen Formulierung von der ‹Auferstehung des Fleisches› steht.

Das ist ja ein ganz früher Glaubenssatz im Credo, im apostolischen Glaubensbekenntnis:

‹Ich glaube an den Heiligen Geist,
die heilige Katholische Kirche,
Gemeinschaft der Heiligen,
Vergebung der Sünden,
Auferstehung der Toten (im Urtext: ‹Auferstehung des Fleisches›)
und das ewige Leben.
Amen.›

‹Ich glaube an den Hl. Geist›‹Geist› ist ‹Leben›:

‹Ich glaube an den Hl. Geist› heißt ‹Ich glaube, dass das Leben göttlich ist›, ich glaube, dass das Wesen des Lebens diesem großen Geheimnis angehört. Das ist sehr christlich ausgedrückt, das muss ja jeder Mensch sagen können: Das Leben ist göttlich, ist total geheimnisvoll. Und wir leben es ja, sind drin:

‹In ihm leben wir, weben wir und sind› (Apg 17,28).

Und dann folgt im Credo die Kirche, die Gemeinschaft, denn der Geist drückt sich ja in Beziehung aus, ‹Vergebung der Sünden›: keine Trennung mehr ‒ Sünde ist Absonderung ‒, alles vereint, und ‹Auferstehung des Fleisches› und ‹das ewige Leben›.

Und ‹Fleisch› ist alles, was vergänglich ist.

Und Auferstehung heißt ja nicht ‹zurück-kommen›, das ist so ein populäres Missverständnis: Jesus ist gestorben und dann ist er wieder auferstanden, wieder zurückgekommen. Nein, die Auferstehung geht in einer Richtung weiter.

Die älteste und beste Fassung von Auferstehung ist: ‹Sein Leben ist verborgen in Gott› (Kol 3,3), in dem großen Geheimnis. Aber es ist sein Leben.

Das ist ganz etwas anderes wie: er ist gestorben und damit ist es aus.

Nein, er ist gestorben und auferstanden in dem Sinn, dass sein Leben jetzt verborgen ist ‒ das große Geheimnis ist uns ja verborgen ‒ in Gott.

Und so ist auch die ‹Auferstehung des Fleisches› die Auferstehung von allem, was vergänglich ist: der Mandi und der Anton oder alle unsere Schweine ‒ die gehören ja dazu, die sind ja auch sterblich ‒, alles, was vergänglich ist: unsere Katzen, unsere Hunde, darum sagen die Kinder: ‹Ich möchte gar nicht in den Himmel, wenn mein Kanarienvogel nicht dort ist›. Selbstverständlich! Er muss ja dort sein. Das ist alles vergänglich, aber es lebt alles im Jetzt. Und das heißt: Es lebt zugleich in der Ewigkeit.

Ein wunderschönes Gedicht von Johann Gottfried Herder:[11]

‹Ein Traum, ein Traum ist unser Leben
Auf Erden hier.
Wie Schatten auf den Wogen schweben
Und schwinden wir

Und messen unsre trägen Tritte
Nach Raum und Zeit;
Und sind (und wissen’s nicht) in Mitte
Der Ewigkeit.›

Das Jetzt, dieser Augenblick ist unvergänglich, ist ja ewig.

Und da braucht nichts wiederholt zu werden, zurückkommen: Es ist einfach.

Und irgendwie scheint es, hofft man und glaubt man, dass dann im Tod, im Sterben, wenn die Zeit um ist, diese große goldene Honigwabe uns zugänglich wird, wo alles drin ist.»[12]

[Quellenangaben zum obigen Text in Anm. 2-4, 6, 8f., 12

[Ergänzend:

1. Jetzt und ewiges Leben:

1.1. Audio Aufwachsen in Widersprüchen (1989)
Dialog mit David Steindl-Rast
Teil 3:
(31:33) Tod und Jenseits: die traditionelle Lehre und die Sprache von Bruder David /
(35:33) Das Jenseits beginnt hier ‒ Ein Wort von Kabir / (38:06) Gegenwart Gottes im Herzen, das ‹Jetzt, das nicht vergeht› (‹Nunc stans›)[13] und die Schau Gottes / (40:25) Der Schmerz, wenn wir mit Geisteskranken an Grenzen stoßen / (42:47) Das beherzte Schlusswort einer Teilnehmerin

1.2. Jetzt im Doppelbereich:

Johannes Kaup: «Vom Leiden hoffen wir, dass es ebenfalls verwandelt wird. Deswegen frage ich noch einmal anders: Wird auch die Vergänglichkeit verwandelt?»

Bruder David: «Sie wird schon jetzt verwandelt. Jetzt oder nie.

Der mystische Dichter Kabir fragt: ‹Wenn du als Lebender nicht deine Ketten sprengst, sollen Geister es tun, wenn du tot bist?›

Er meint, ewige Seligkeit, nur weil die Würmer dich fressen, sei ein Wunschtraum. Was du jetzt findest, wirst du dann gefunden haben, was du jetzt versäumst, wirst du dann versäumt haben. Schon jetzt musst du den großen Gast empfangen und umarmen.»

2. Auferstehung des Fleisches:

2.1. Audio Credo (2023): Teil 2: Urkraft Hl Geist:
(15:05) ‹Die Auferstehung der Toten›, im Urtext heißt es ‹die Auferstehung des Fleisches›

2.2. Vertrauen in das Leben (2014); siehe auch Kreuz und Auferstehung: Ergänzend: 2.2.
Vortrag:
(38:21) ‹Stirb und Werde›: Auferstehung meint etwas anderes – ‹Wir sind die Bienen des Unsichtbaren› (Rilke)
– ‹Euer Leben ist verborgen in Gott› (Kol 3,3)

2.3. Credo (2015): ‹Auferstehung der Toten›, 217f. und 210:

«Wenn ich an persönliche Erlebnisse zurückdenke, bei denen mir die Wirklichkeit bewusst wurde, die im Credo ‹Auferstehung des Fleisches› heißt, dann spüre ich, wie schade es ist, dass diese wörtliche Übersetzung in ‹Auferstehung der Toten› umgewandelt wurde.

‹Fleisch› ist  a l l e s  Vergängliche, und wir dürfen gläubig vertrauen, dass es im Unvergänglichen liebend aufgehoben ist.

Die Einengung auf die Toten ist zugleich Verlust und Verzerrung. Verlust, weil so vieles ausgeblendet wird; Verzerrung, weil der Blick vom ganzen vergänglichen Kosmos abgelenkt, sich auf das menschliche Privatinteresse am Los der Toten beschränkt. Es geht hier um weit mehr. Ja, es geht gar nicht um Tod, sondern um Leben ‒ ewiges Leben. Es geht hier nicht um ein Ereignis ‹nach dem Tod›, sondern um etwas, das hier und jetzt stattfinden kann und soll.

Die ‹Auferstehung des Fleisches› ist nicht Umkehrung des Totseins, sondern Überhöhung des Lebendigseins.

So ruft auch in meiner Erinnerung ‹Auferstehung des Fleisches› Augenblicke wach, in denen meine Lebendigkeit so intensiv wurde, dass sie plötzlich Zeit und Vergänglichkeit überragte und im ewigen Jetzt ‒ wenn auch nur flüchtig ‒ an Unvergänglichkeit streifte.»

«Durch unseren Körper sind wir ja untrennbar mit allen anderen Lebewesen und darüber hinaus mit dem ganzen Universum verwoben. Jedes Atom in uns war einmal in einer Super-Nova.

Die Übersetzung ‹Auferstehung der Toten› engt die Aussage dieses Glaubenssatzes zu sehr ein. In meiner Jugend hieß es noch ‹Auferstehung des Fleisches›, und das trifft das lateinische ‹resurrectionem carnis› genauer.

Das Credo spricht hier nicht nur von Menschen, sondern von  a l l e m  Vergänglichen. Alle Formen, die in der Zeit erscheinen und vergehen, sind hier im Glauben an Auferstehung mit eingeschlossen ‒ das ganze Universum.»

2.4. Ich bin durch Dich so ich (2016): ‹9 Doppelbereich ‒ 9. Dialog›, 189f.:

«Bevor wir darüber sprechen, ist es wichtig zu wissen, was wir mit Auferstehung überhaupt meinen. Die meisten Leute denken dabei an ein wieder Auferstehen, also ein Wiederkommen von etwas, das gestorben und zerfallen ist. Aber im richtigen Verständnis von Auferstehung gibt es kein ‹wieder›. Auferstehung geht nicht wieder zurück in Raum und Zeit, sondern vorwärts in das große Geheimnis hinein. In einem Roman von C. S. Lewis[14], ‹Die große Scheidung oder Zwischen Himmel und Hölle›, ist dieses ‹Vorwärts› schön beschrieben. Die Seligen im Himmel reiten dem ewigen Sonnenaufgang entgegen und rufen einander zu: ‹Höher hinauf und tiefer hinein!› Diese Vorstellung ist in der christlichen Tradition fest verankert. Sie geht ‒ vielleicht sogar im Bewusstsein von C. S. Lewis ‒ zurück auf die kappadokischen Kirchenväter[15], die das Auferstehungsleben als eine dynamische Entdeckungsfahrt in das Geheimnis Gottes hinein gedacht haben. Auferstehung heißt, in das Geheimnis hineingenommen zu werden. In diesem Zusammenhang müssen wir die Auferstehung des Fleisches sehen. Sie ist eine Wirklichkeit, mit der wir jetzt schon in Berührung sind. Unser ganzes Leben ist eine Auseinandersetzung in Raum und Zeit dem Großen Geheimnis, das über Raum und Zeit hinausgeht. Schon jetzt nimmt jedes Erlebnis im Doppelbereich an diesen beiden Aspekten teil. Wenn also Raum und Zeit wegfallen, ist das, was ich erlebt habe, damit nicht ausgelöscht. Das zeigt uns schon jetzt unsere Erinnerung, die Tatsache, dass wir uns überhaupt an etwas erinnern können.»

3. Entwicklung als zyklischer Entfaltungsprozess im Unterschied zu Entwicklung als allmähliche Anreicherung, Bereicherung, Ausreifen[16]:

3.1. Film Heilsame Spiritualität (12. April 2013): Teil 1 «Lebenslanges Lernen»:
(16:05-27:12) Entwicklung auf der natürlichen Ebene: Same ‒ Keim ‒ Blüte ‒ Frucht ‒ Same und Entwicklung im Sinn von Erfahrungen sammeln, zielgerichtet nicht vorauszusehen, indem wir im Jetzt sind / (22:38) im Jetzt ist der Schnittpunkt von Zeit und Ewigkeit, ‹der Augenblick innerhalb und außerhalb der Zeit› (T. S. Eliot)  / (23:35) ‹Wir sind die Bienen des Unsichtbaren› (Rilke) ‒ den Nektar ‹einheimsen› und Wort des Kirchenvaters Ignatius von Antiochien: ‹In meinem Herzen fließt eine Quelle und ich höre das Wasser sagen: Heim zum Vater›[17]

3.2 Audio Lebensorientierung (2015)
4. Tag, 13. Februar, Freitagvormittag mit 7. Impulsvortrag (Bruder David), siehe
Transkription S. 2, 17f. und 28:
Entwicklung auf zwei Ebenen, was passiert im Tod?

3.3. Audio Dankbarkeit als Achtsamkeit im Dialog (2014); siehe auch Mitschrift, 7-9, und Sterben:
(33:58) «Im Bereich des Geistes geht es um etwas ganz anderes. Da geht es nicht um Entwicklung, sondern um etwas, was man Anreicherung nennen könnte.»

3.4. Einsichten aus Rilkes Dichtung, Teil II (2014), 105-107:

«Und das ist unsere Lebensgeschichte als Selbst: Bereicherung, ganz was anderes wie Entwicklung. Bereicherung geht in einer Linie, Entwicklung ist kreisförmig.»[18]]

_______________

[1] Bruder David spricht das Gedicht von Rilke aus dem Stundenbuch ‹Ich lese es heraus aus deinem Wort› im Audio
Fragen, denen wir uns stellen müssen (2016)
Tag 4 ‒ Nachmittag: ‹Memento mori› ‒ ‹memento vivere›:
(04:33) ‹Der Tod ist groß›: Sterben in jedem Augenblick ‒ der Tod, die Frucht des Lebens ‒ den eigenen Tod sterben: Bruder David liest Gedichte und Verse aus dem Stundenbuch von R. M. Rilke

[2] Credo (2015): ‹Auferstehung der Toten›, 213f.

[3] Credo (2015): ‹Auferstehung der Toten›, 214

[4] Credo (2015): Ewiges Leben›, 222

[5] J. W. Goethe: ‹Selige Sehnsucht›

[6] Credo (2015): ‹Auferstehung der Toten›, 215

[7] Robert Bly (Hrsg.): Kabir: Ecstatic Poems, 2004

[8] Credo (2015): Ewiges Leben›, 228

[9] Gespräch von Bruder David mit P. Anselm Grün im Audio
Christliche Spiritualität für die Gegenwart (2023): Teil 4:
‹Dankbar leben – oder: Wenn jeder Augenblick zum Geschenk wird›; abgedruckt im Buch Das glauben wir ‒ Spiritualität für unsere Zeit (2015), 91-97 und 105f. (leicht überarbeitet):
(03:05) Ich-Selbst in zwei sich unterscheidenden Aspekten von Entwicklung: einerseits als zyklischer Entfaltungsprozess und anderseits als allmähliche Bereicherung
(06:18) Ich glaube an die Auferstehung des Fleisches, die unsere Einzigartigkeit einschließt

T. S. Eliot: Four Quartets: Burnt Norton, V; siehe auch Stillehalten (Anm. 6)

[10] T. S. Eliot: Four Quartets: Burnt Norton, V; siehe auch Stillehalten

[11] Siehe auch Einsichten aus Rilkes Dichtung, Teil II (2014), 91

[12] Sinngemäße Wiedergabe des Vortrags von Bruder David im Audio
Fragen, denen wir uns stellen müssen (2016)
Tag 4 ‒ Nachmittag: ‹Memento mori› ‒ ‹memento vivere›:
(31:31-35:27); zugleich die Fortsetzung dieses Vortrags (21:24-30:49) in Doppelbereich Ich-Selbst

[13] Der Ausdruck ‹nunc stans findet sich erstmals bei Thomas von Aquin (1225-1274). Er hat eine lange Vorgeschichte, beginnend mit Platon (428-348 v. Chr.) und weiterführenden Beiträgen von Plotin (205-270), Augustinus (354-430), Boethius (ca. 480-524) und späteren Denkern zum Thema ‹Zeit und Ewigkeit›; siehe auch Jetzt und ewiges Leben, Anm. 8.

[14] Clive Staples Lewis (1898-1963): irischer Schriftsteller und Literaturwissenschaftler, verfasste neben Werken der Literaturkritik auch bekannte christliche apologetische Schriften wie ‹Mere Christianity›, ‹The Abolition of Man› und Romane wie ‹The Great Divorce› und ‹The Chronicles of Narnia›.

[15] Kappadokien ist ein großes Gebiet in Kleinasien. Im 4. Jahrhundert n. Chr. prägten die kappadokischen Kirchenväter Basilius der Große, Gregor von Nyssa und Gregor von Nazianz die Geschichte der künftigen christlichen Kirche. Sie bildeten das kappadokische Dreigestirn im Kampf für trinitarischen Glauben an die Dreifaltigkeit Gott-Vater, Gott-Sohn und Gott-Heiliger Geist.

[16] Siehe auch ENTWICKLUNG, in: Das ABC der Schlüsselworte, 132f. im Buch Orientierung finden (2021) mit Blick auf drei verschiedene Aspekte unserer persönlichen Geschichte, 52f.:

«Zunächst weist Entwicklung auf den Entfaltungsprozess hin, der uns und allen andren Lebewesen gemein ist ‒ wie etwa die in der Knospenhülle eingewickelten Blütenblätter sich entwickeln und entfalten. Entwicklung kann aber auch eine allmähliche Bereicherung bedeuten, beispielsweise, wenn wir unseren Wortschatz oder unsren Freundeskreis in sozialen Netzwerken entwickeln.»

[17] Dem Welthaushalt freudig dienen – Spiritualität 2011
Spiritualität und Ökumene:
(32:15) ‹Heim zum Vater› (das Wort von Ignatius von Antiochien)

[18] Einsichten aus Rilkes Dichtung, Teil II (2014), 105-107. Bruder David sagt dort ‹Bereicherung›, meint aber dasselbe wie ‹Anreicherung› im Unterschied zu Entwicklung.



Quellenangaben

Text, Film und Audios von Br. David Steindl-Rast OSB

jesus d christus titelCopyright © - Klaudia Menzi Steinberger

Mein Staunen kennt keine Grenzen: Der Krieg ist vorbei und ich bin am Leben! Nur langsam dämmert es mir auf, aber dann steht mir plötzlich klar vor Augen: Ein ganzes Leben liegt jetzt vor mir!

Beglückt und erschreckt zugleich bin ich von dieser Einsicht ‒ erschreckt, weil ich ahne, dass diese große Gabe mir eine ebenso große Aufgabe stellt. Was soll ich aus meinem Leben machen?

Wenn ich eine der unzähligen Möglichkeiten ergreife, so bedeutet das, dass ich alle anderen loslassen muss. Was ist mir also am wichtigsten?

Vorausblickend denke ich darüber nach und fühle, dass es mir weniger wichtig sein wird, was ich tue, als dass ich es mir Freude tue.

Auf die Kriegszeit zurückblickend sehe ich, dass mir gerade in den schwersten, unglücklichsten Zeiten jene innere Freude, um die es geht, Auftrieb gab, eine Freude, die von Glück oder Unglück gar nicht abhängt. Aber wovon hängt sie dann ab? Darüber grüble ich nach.

Da kommt mir plötzlich aus heiterem Himmel der Satz in den Sinn:

«Den Tod allzeit vor Augen halten.»

Ja, wirklich «aus heiterem Himmel» ‒ aus heiterstem!

Es ist ein strahlender August in Salzburg. Ich bin hierher eingeladen worden von Freunden, darunter ein entzückendes Mädchen, in das ich verliebt bin. Die Stadt ist voller Musik; überall flattern Klänge im Sommerwind auf Straßen und Plätzen, unter Arkaden und aus offenen Fenstern. Zum ersten Mal finden dieses Jahr die Salzburger Musikfestwochen wieder in einem freien Österreich statt. Für eine Packung amerikanischer Zigaretten findet ein Platzanweiser im Festspielhaus wie selbstverständlich zwei freie Parterresitze und wir können Mozarts «Don Giovanni» miterleben.

Don Giovannis Ende bringt es mir wieder in den Sinn:

«Den Tod allzeit vor Augen halten.»

Dieser Satz geht mir im Kopf herum. Er stammt aus der Regel des heiligen Benedikt, einem fast 1500 Jahre alten Büchlein, das ich als Student gelesen habe, weil wir aus Trotz alles lasen, was dem totalitären Regime gegen den Strich ging. Ausgerechnet diese wenigen Worte haben sich mir eingeprägt und jetzt dämmert mir auch, warum:

In all den vergangenen Jahren hatten wir junge Menschen den Tod zum Greifen nahe vor Augen. Es scheint mir jetzt, dass mehr meiner Freunde an den Fronten umgekommen sind, als übrig blieben. Und auch zu Hause hatten Bomben täglich Zerstörung und Tod gebracht. Ein einziges unvorsichtig geflüstertes Wort konnte die Todesstrafe nach sich ziehen; einer unserer Kapläne wurde verhaftet und hingerichtet.[1] Aber trotzdem muss ich jetzt sagen: Diese schrecklichen Kriegsjahre waren für mich und meine Freunde Jahre echter Freude, jener Freude, dich ich nie einbüßen möchte. Darum die Frage: Wovon hing denn noch bis vor Kurzem diese Freude ab?

Darauf steht nun plötzlich die überraschende Antwort vor mir: Wir haben so freudig gelebt, weil wir gar nicht anders konnten, als den Tod allzeit vor Augen zu haben. Das zwang uns, im Augenblick zu leben ‒ ganz im Jetzt ‒, und darin lag das Geheimnis unserer Lebensfreude.

Um diesen Zündfunken freudigen Lebendigseins nicht zu verlieren, müsste ich also auch in Zukunft

«den Tod allzeit vor Augen halten.»

Diesen Leitsatz hatte ich aber in der Benediktsregel gefunden. Sollte das also von mir verlangen, Benediktinermönch zu werden? Bei diesem Gedanken wird mir unbehaglich und so gehe ich lieber Polka tanzen; niemand tanzt die Krebspolka mit so viel Feier wie meine Elisabeth.

Johannes Kaup im Gespräch mit Bruder David:

«Die Kriegsjahre, in denen so viele Freunde und Kameraden an der Front oder durch Bombentreffer in Wien ihr Leben lassen mussten, haben Sie einmal in einem früheren Gespräch als ‹Jahre höchsten Lebendigseins› geschildert. Wie ist das zu verstehen, denn Sie hätten bei jedem Schicksalsschlag verzweifeln und resignieren können? Woher trotzdem Lebendigkeit und Lebensmut?»

Bruder David: «Ich glaube, viele Menschen erleben das auch heute noch, wenn sie in Lebensgefahr geraten, dass die Lebendigkeit umso mehr aufflammt. Der Grund scheint mir zu sein, dass man dann ganz in der Gegenwart leben muss. Der Grad unserer Lebendigkeit misst sich am Ausmaß, in dem wir nicht an der Vergangenheit hängen oder auf die Zukunft schauen, sondern wirklich im Jetzt sind. Dazu waren wir damals gezwungen, und darum waren wir so lebendig und freudig, trotz allem.»

Johannes Kaup: «Weil Sie den Tod vor Augen hatten?»

Bruder David: «Weil wir den Tod ständig vor Augen hatten, waren wir gezwungen, diesen möglicherweise letzten Augenblick des Lebens voll zu genießen.»

Johannes Kaup: «Also: Lebe deinen Tag so, als ob es dein letzter wäre.»

Bruder David: «Ganz in diesem Sinn.»

Johannes Kaup: «Du weißt nicht, ob du morgen noch aufwachst.»

Bruder David: «Wir mussten als Kinder in den Kriegsjahren praktisch jede Nacht in den Luftschutzkeller.»

Johannes Kaup: «Bei einem dieser Angriffe haben Sie es einmal nicht geschafft.»

Bruder David: «Das war in unserem Haus im Kaasgraben. Unser Hausherr hatte selbst einen Luftschutzkeller gebaut, weil er kleine Kinder hatte, und wir durften dann auch immer in diesen Keller flüchten. Einmal konnten wir diese schwere Tür nicht mehr zuziehen, weil der Luftdruck von den fallenden Bomben schon so stark war und sie immer wieder aufriss. Zu dieser Zeit haben wir unsere Kleidung abends immer genauso legen müssen, dass wir sie schnell finden und anziehen können, auch im Finsteren; viel Licht durfte man nicht machen. Es war Verdunkelung in Wien befohlen. Beim Fliegeralarm in der Nacht mussten wir also im Dunkeln alles schnell finden und anziehen und dann in den Luftschutzkeller. Heute noch lege ich beim Ausziehen alles so hin, dass ich es auch im Finstern finden könnte. Das ist mir zur Gewohnheit geworden.»

Johannes Kaup: «Das war schon eine unglaublich aufregende Zeit, zwischen Leben und Tod hin und her zu pendeln und alle Emotionen zu erleben.»

Bruder David: «Es war sicher prägend, aber wir haben es nicht anders erlebt als: Jetzt muss das getan werden. Augenblick für Augenblick. Man hatte gar keine Zeit, um darüber nachzudenken. Das muss jetzt erledigt werden; so muss jetzt geholfen werden, mehr dachten wir nicht. Sich darüber Gedanken zu machen, wie schrecklich alles ist, wäre uns gar nicht in den Sinn gekommen.»

[Ich bin durch Dich so ich (2016): ‹3 Entscheidung, 1946-1956›, 50f. und ‹2 Christ werden: Meine frühe Jugend zwischen Menschenwürde und Verdemütigung, 1936 und 1946› ‒ 2. Dialog›, 44f. und 47]

[Ergänzend:

‹Den Tod allezeit vor Augen› (Regula Benedicti RB 4,47):

1. Filminterview Was am Ende wirklich zählt (2022); siehe auch Transkription, 13f.:

Isha Johanna Schury: «Ich hätte Dich jetzt gefragt, ob sich aus Dir noch etwas mitteilen möchte, abschließend für unser Gespräch, wo Du das Gefühl hast, das möchte noch hinaus?»

David Steindl-Rast: «Vielleicht den Gedanken, den Tod allzeit vor Augen zu haben.

Das ist ein Satz aus der Regel des hl. Benedikt, der mich schon bevor ich Benediktiner geworden bin, sehr berührt hat, und ich habe erkannt ‒ damals war ich so ungefähr 19 oder 20 Jahre, höchstens ‒, dann habe ich erkannt, dass unser ganzes Leben bis dahin dadurch geprägt war, dass wir den Tod allezeit vor Augen hatten. Das war ja mitten im Krieg und unsere Freunde sind immer wieder gefallen an der Front, die Bomben sind gefallen links und rechts, also, wir hatten den Tod allezeit vor Augen.

Und rückblickend, damals habe ich gesehen: ‹Ah, darum waren wir so glücklich!

Darum waren wir so freudig! Weil wir ‒ damals hätte ich das nie so ausdrücken können ‒, weil wir im Jetzt leben mussten.

Wenn man den Tod vor Augen hat, muss man im Jetzt leben.

Warum ich dann Mönch geworden bin und Benediktiner, hat viel damit zu tun, dass ich wirklich den Tod täglich vor Augen halten wollte. Und ich muss sagen, wenn ich auch sonst Vieles besser machen hätte können. Aber das ist mir jedenfalls gelungen. Ich bin vollkommen überzeugt, dass es keinen Tag in meinem Leben gegeben hat, an dem ich nicht viele Male den Tod vor Augen hatte.

Und darum muss ich sagen, ich hatte wirklich ein sehr freudiges Leben. Dafür bin ich auch sehr dankbar.»

2. Film Dem Geheimnis auf der Spur (2016):

(01:22) «Was ist das Kostbarste, das man sich vorstellen kann? Der nächste Augenblick. Wenn du den nicht bekommst, ist alles andere, was du dir wünschst, nicht da. Der geschenkte Augenblick. Dieser wird dir einfach gegeben. Du kannst nichts machen, nicht einmal, wenn du dir einen weiteren kaufen willst. Ein reines Geschenk! Das größte Geschenk ist jeder Augenblick, der dir gegeben wird ‒ jetzt und jetzt und jetzt. Und sich dieses Geschenkes bewusst zu werden, das ist ‹dankbar leben›

Und dieser Viktor Springer:[2] Ich bete für ihn und bin dankbar: mein ganzes Leben, das hat er mir geschenkt sozusagen, und darum auch diese ganze Idee von Dankbarkeit: Werde dir bewusst, dass du jetzt einen einzigartigen Augenblick vor dir hast!

Das Mönch werden war eigentlich, weil ich die Idee von ‹den Tod allezeit vor Augen haben› damit verbunden habe, Benediktiner zu werden, weil dieser Satz in der Benediktiner Regel steht: ‹den Tod allezeit vor Augen haben›, und mir bewusst geworden ist, ‒ nach dem Krieg ‒, dass wir das eigentlich verwirklicht haben und darum so glücklich waren. Wir waren darum so glücklich, denn das heißt ja: im Augenblick leben.»

3. Fragen, denen wir uns stellen müssen (2016): Tag 4 ‒ Nachmittag: ‹Memento mori› ‒ ‹memento vivere›:
(49:25) Leiden als Hebel zur Praxis: ‹den Tod allezeit vor Augen haben›

4. Die Achtsamkeit des Herzens (2021), 92:

«Wo wir es mit Lebendigem zu tun haben, ist nichts automatisch. Im Leben ist Wachstum organisch mit Sterben verbunden. Leben heißt, mit jedem Wimpernschlag für Altes sterben und für Neues geboren werden. Jeder Fortschritt im Leben ist ein Sterben in größere Lebendigkeit hinein. Wer dazu den Mut nicht hat, kann weder leben noch sterben. Lebensmut ist die Tapferkeit, die wir für jenes Immer-wieder-Sterben brauchen, das zum wachen Lebendigsein untrennbar dazugehört. Auch im Bereich der Sinnlichkeit müssen wir immer wieder sterben, um so Sinn zu finden.

Das ist ja die Bedeutung des ‹memento mori›, das wir als Mahnwort etwa an Sonnenuhren alter Köster lesen. Wenn es uns auch dem Wortlaut nach auffordert, daran zu denken, dass wir sterben müssen ‒ und nicht später irgendwann, sondern hier und jetzt ‒, so ist diese Mahnung gerade deshalb Aufruf, bewusster zu leben. Darum lautet die Aufschrift auch manchmal ‹memento vivere›, ohne dass die Bedeutung sich ändert.»

5. Die christlich-buddhistische Begegnung, 1-3: Transkription der DVD: ‹Der Atem der Stille: Mystik heute›, Benediktushof Edition (2006):

«Und da ist mir plötzlich klar geworden in dieser herrlichsten Zeit meiner Jugend, dass wir deshalb so glücklich waren. ‒ Wir waren ungeheuer glücklich: Die ganze Verwüstung geschehen, aber inmitten von dem allem, und besonders in den vorhergehenden Jahren, waren wir die glücklichsten jungen Leute, die ich mir vorstellen kann. Es war wunderbar trotz all dem. ‒ Und jetzt hab ich dann plötzlich gesehen, das war deshalb so, weil wir den Tod allezeit vor Augen hatten. Dadurch sind wir so lebendig geworden.»]

______________

[1] P. Heinrich Maier (1908-1945) war ein österreichischer römisch-katholischer Priester, Pädagoge, Philosoph sowie Widerstandskämpfer gegen Hitler.

[2] (00:45) «Da oben ‒ hinter diesem Fenster oben, war die Geschichte, wo die Russen uns gedroht haben, uns zu erschießen, wenn wir diese Nadja nicht herausgeben. Und wir haben natürlich keine Ahnung gehabt, wo diese Nadja ist, und dann haben sie so in die Luft geschossen und da ist der Viktor Springer, der unten in der nächsten Villa wohnt, gekommen und hat uns retten wollen und hat an der Gartentüre gerüttelt und da haben sie dann ihn erschossen. Der hat mein Leben gerettet.»



Quellenangaben

Text, Film und Audios von Br. David Steindl-Rast OSB

jesus d christus titelCopyright © - Arijana Somolanji Kurbanović

«Wir sind die Bienen des Unsichtbaren» (R. M. Rilke)

Haben Sie schon einmal mit angesehen, wie eine Honigbiene in den seidigen Abgründen einer Pfingstrosenblüte herumtorkelt und taumelt? Dann wird Ihnen ein Bild gefallen, das Rilke gebraucht, um von unserer Aufgabe zu sprechen, die Sinneserfahrung in eine über unsere Sinne hinausgehende Erfahrung umzusetzen. Beobachten Sie die Biene, wie sie im Duft unzähliger purpurner und weißer und rosa Blütenblätter schwelgt, bis sie schließlich, mit goldenen Pollen bestäubt, die im Herzen der Blume verborgene Quelle des Nektars findet. Sehen Sie mit an, wie die Biene mit totaler Hingabe aller ihrer Sinne an dieser Pfingstblütenwelt vorführt, was ihre Lebensaufgabe und zugleich ein ekstatisches Spiel für sie ist. Und dann lesen Sie, wie der Dichter unsere eigene Aufgabe in dieser Menschenwelt versteht:

Rilke schreibt in seinem Brief an seinen polnischen Übersetzer Witold Hulewicz, 13. November 1925:

«So gilt es, alles Hiesige nicht nur nicht schlecht zu machen und herabzusetzen, sondern gerade, um seiner Vorläufigkeit willen, die es mit uns teilt, sollen diese Erscheinungen und Dinge von uns in einem innigsten Verstande begriffen und verwandelt werden.

Verwandelt?

Ja, denn unsere Aufgabe ist es, diese vorläufige, hinfällige Erde uns so tief, so leidend und leidenschaftlich einzuprägen, dass ihr Wesen in uns ‹unsichtbar› wieder aufersteht.

Wir sind die Bienen des Unsichtbaren.

Nous butinons éperdument le miel du visible, pour l'accumuler dans la grande ruche d'or de l'Invisible: Wir tragen leidenschaftlich den Honig des Sichtbaren ein, um ihn im großen goldenen Bienenkorb des Unsichtbaren anzuhäufen.»

Vom Bienenkorb zur blühenden Wiese und dann wieder heim fliegen unsere Herzen ihren Weg, vom Unsichtbaren durch das Sichtbare und dann ‒ ernteschwer wie Bienen mit vollen Pollenhöschen und von Nektar prallen Bäuchen ‒ wieder heim in den «großen goldenen Bienenkorb des Unsichtbaren». Das ist das Grundmuster der vielen Reisen unseres Herzens durchs Leben und der Suche, auf der wir unser Leben lang sind.

Kennen wir nicht dieses selbstvergessene Blütensaftsaugen aus der tiefsten Erfahrung unseres eigenen Lebens? So verwandelt unser Herz das Sinnliche unseres wachsten Erlebens und birgt es in seiner großen, goldenen Honigwabe als Sinn. Darum wird beim Altwerden jedes Weihnachtsfest reicher, gewichtiger, schwerer und süßer, weil Freude und Traurigkeit aller vergangenen Weihnachtsfeste von frühester Kindheit an im Erleben mitschwingt; weil in der Erinnerung Altes und Neues einander bereichern.[1]

«Weh spricht: Vergeh!
Doch alle Lust will Ewigkeit ‒,
will tiefe, tiefe Ewigkeit!»

F. W. Nietzsche: ‹Das trunkene Lied›

Unser Herz stimmt dieser Einsicht Nietzsches zu. Alles in uns sehnt sich nach Sinn.

Sinn hebt das Sinnliche auf; hebt es auf in allen drei Bedeutungen des Wortes:

Aufheben heißt ungültig erklären, wie eine Haltestelle, die schon lange niemand mehr benutzt.
Aufheben heißt erhöhen und überhöhen.
Aufheben heißt aber auch aufbewahren und bergen.[2]

So wird aller Wandel im Bleibenden ungültig erklärt, überhöht und doch für immer vor dem Verlorengehen bewahrt.

«W a s  haben Augen einst ins umrußte
lange Verglühn der Kamine geschaut:
Blicke des Lebens, für immer verlorene.

Ach, der Erde, wer kennt die Verluste?
Nur, wer mit dennoch preisendem Laut
sänge das Herz, das ins Ganze geborne.»

Rilke: Sonette an Orpheus 2. Teil, II (Sextett)

Selbst Galgenhumor kann unversehens zur Rühmung werden, Rühmung, die umso reiner klingt, weil sie sich des Rühmens selbst kaum bewusst ist.

Angesichts der Aufhebung unserer Sinnlichkeit ist Humor deshalb trotzdem noch möglich, weil

«nichts vergänglich ist, als die Vergänglichkeit.»
Trunken von Beständigkeit,

stößt Werner Bergengruen mit dieser Einsicht tief in den Sinn des Sinnlichen vor.[3]

Damit stehen wir aber schon völlig «im Raum der Rühmung», wie Rilke ihn nennt.

Rühmend hebt der Dichter das Sinnliche auf, indem er es erhöht, überhöht, übertrifft.

«RÜHMEN, das ist's! Ein zum Rühmen Bestellter,
ging er hervor wie das Erz aus des Steins
Schweigen. Sein Herz, o vergänglicher Kelter
eines den Menschen unendlichen Weins.

Nie versagt ihm die Stimme am Staube,
wenn ihn das göttliche Beispiel ergreift.
Alles wird Weinberg, alles wird Traube,
in seinem fühlenden Süden gereift.

Nicht in den Grüften der Könige Moder
straft ihn die Rühmung Lügen, oder
dass von den Göttern ein Schatten fällt.

Er ist einer der bleibenden Boten,
der noch weit in die Türen der Toten
Schalen mit rühmlichen Früchten hält.»

Rilke: Sonette an Orpheus 1. Teil, XIX

Das ist der Dichter, der das Sinnliche aufhebt und über den Wandel hinaushebt, indem er es zu Sinn verdichtet.

Wir dürfen aber den Begriff Dichter nicht zu eng fassen.

Es gibt den Dichter in jedem von uns.

Wir alle sind dazu berufen, das, was wir durch unsere Sinne empfangen, im Herzen aufzuheben.

Menschliche Berufung ist es, das Nur-Sinnliche ungültig zu machen, indem wir es rühmend über sich hinausheben, es aber zugleich in seiner ganzen vergänglichen Einmaligkeit im immer Bleibenden geborgen halten und verwahren.[4]

«‹Rühmen, das ist’s!» Ja, alles, was ist, rühmt das Sein durch sein Dasein. Einfach da zu sein ist Rühmung. Dasein ist ein Ja-Sagen zum Sein. Und dieses Ja fasst alles Rühmen in einem einzigen Wort zusammen.

Jedes Sein ist ein Ja ‒ ein ‹aus dem Nein aller Verneinung gehobenes› Ja: Dasein ist Ja-Sein. Und dieses Ja-zum-Leben-Sagen heißt Rühmen.

Auch ich bin ‹ein zum Rühmen Bestellter›. Warum ist mein Ja zum Leben oft so zaghaft, so trüb, sogar oft widerwillige? Aus Furcht, Ja zu sagen zum Ganzen.

‹Schau auf das Ganze, rühme das Ganze!›[5]

Das will ich mir zu Herzen nehmen ‒ vertrauensvoll trotz allem. Amen.»[6]

Erinnerung ist es, die diese Aufgabe letztlich vollendet. Das Sinnliche, das im Humor gärt, klärt sich in der Dichtung und gewinnt seine volle Süße im Erinnern.

Wir müssen dem Wort «Erinnerung» hier seine volle Bedeutung zurückgeben. Er-innerung ist Ver-innelichung, Sinnernte unserer Sinnlichkeit ‒ Einbringung, Verwandlung.[7]

«Erinnern bedeutet mir so viel mehr als mir etwas zu merken. Nicht meinem Gedächtnis prägt das Erinnern ja Erlebnisse ein, sondern meinem Innersten, meinem Herzen. Mein Herz aber ist jene Mitte, in der ich vor Dir stehe, jener Ort, der Begegnung, an dem Du mir gegenwärtig bist.

Von dem vielen, das mir zufließt, fließt das meiste, kaum bemerkt, wieder ab von mir. Nur weniges erlebe ich wirklich ‒ das nämlich, was ich Dir erzähle. Im Erzählen bringe ich es in Dein Licht, halte es Dir hin, und es wird zur Erinnerung. Nicht im Gehirn ist Erinnertes aufbewahrt, sondern in Dir; weil ich Dir nicht gleichgültig bin, hälst Du es fürsorglich behütet. Auch wenn mir einmal alles aus dem Gedächtnis entschwindet, lass es in deiner verzeihenden Liebe aufgehoben sein. Amen.»[8]

Im Doppelbereich des Jetzt sind Zeit und Ewigkeit eins. Darum kann auch nicht die kleinste Einzelheit von allem, was mir hier lieb ist, je verloren gehen.

«Alles ist immer jetzt», sagt wieder T.S. Eliot, «All is always now»[9] ‒ und spricht damit eine Wahrheit aus, die sich nicht leugnen lässt, denn was nicht jetzt ist, ist nicht, es hat nur eine Schattenwirklichkeit in Vergangenheit oder Zukunft.

Im Jetzt aber kann es nicht verloren gehen, da ist es in einem dreifachen Sinn «aufgehoben»:

Es besteht nicht länger (wie etwa ein Gesetz, das aufgehoben wird),
es wird aber auf eine höhere Ebene hinaufgehoben
und bleibt dort bewahrt (wie ein Goldreif in einer Schatzkammer gut aufgehoben ist).[10]

In diesem Sinn verstehe ich, warum Rilke im Aufheben unsere Lebensaufgabe sieht:

«Wir sind die Bienen des Unsichtbaren. Leidenschaftlich heimsen wir den Nektar des Sichtbaren ein in die große, goldene Honigwabe des Unsichtbaren.»

Bruder David im Gespräch mit Johannes Kaup: «Schon jetzt nimmt jedes Erlebnis im Doppelbereich an diesen beiden Aspekten teil. Wenn also Raum und Zeit wegfallen, ist das, was ich erlebt habe, damit nicht ausgelöscht. Das zeigt uns schon jetzt unsere Erinnerung, die Tatsache, dass wir uns überhaupt an etwas erinnern können.»

Johannes Kaup: «Aber Erinnern ist ein zeitliches Phänomen.»

Bruder David: «Erinnerung ist ein Phänomen in der Zeit, aber dass Erinnerung nur in der Zeit ist, ist eine sehr reduktionistische Vorstellung. Ja, es gibt etwas wie neuronale Konstellationen oder Engramme, Aufzeichnungen irgendeiner Art, die dann wieder aufgerufen werden. Da ist etwas dran, aber das ist nicht das Wesentliche von Erinnerung.

Erinnerung ist nicht Wiederbringung von Vergangenem, sondern ‹Er-inner‒ung›:

Etwas ist ins Innerste eingegangen und gehört nicht nur meinem persönlichen Innersten an, sondern dem Weltinnenraum.

Rilke fasst das in die dichterische Vorstellung, dass wir Menschen die ‹Bienen des Unsichtbaren› sind.

Unser ganzes Leben besteht darin, jeden Augenblick, jede Erfahrung in die ‹große goldene Honigwabe› des Weltinnenraums einzuheimsen.

Nichts kann dort je wieder verloren gehen. Was ich einheimse in diese große goldene Honigwabe, ist mein einzigartiger Beitrag.

Wir sind so verschieden voneinander, dass es wohl nie zwei Menschen gegeben hat, die, sagen wir, eine Rose angeschaut und dasselbe gesehen haben.

Mit meiner einzigartigen Sensibilität reichere ich den Weltinnenraum an.

Ich bereichere ihn mein Leben lang, nicht nur durch alles Angenehme, was ich erlebe, sondern auch durch jedes Leiden. Alles hat Wert und Bestand. Nichts geht verloren.»[11]

[Quellenangaben zum obigen Text in Anm. 1, 4, 6-8,11]

[Ergänzend:

1. Film

Film Wir sind daheim in dieser Welt (1975); siehe auch Transkription:
(40:09) ‹Das Erlebnis ist nicht vollendet, bevor es nicht in Erinnerung übergeführt wird. Diese Verwandlung von Sinneserfahrung in Erinnerung ist eine Verwandlung aus dem Sichtbaren, Schmeckbaren, Tastbaren, Riechbaren, Hörbaren in einen Bereich des Übersinnlichen.
Der Dichter Rainer Maria Rilke hat das so schön ausgedrückt. Er vergleicht uns Menschen mit Bienen, die den Nektar des Sichtbaren in die großen goldenen Honigwaben des Unsichtbaren sammeln. Das ist unsere große menschliche Aufgabe.

2. Audios

2.1. Fragen, denen wir uns stellen müssen (2016): Tag 4 ‒ Nachmittag
‹Memento mori› ‒ ‹memento vivere›:
(21:24) Leben im Doppelbereich Leben-Sterben heißt Rühmen auch unter Schatten: ‹Schau auf das Ganze, rühme das Ganze› (Augustinus), ‹Seidener Faden kamst du hinein ins Gewebe› (Rilke: Sonette an Orpheus 2. Teil, XX), ‹Nur wer die Leier schon hob auch unter Schatten› (Rilke: Sonette an Orpheus 1. Teil, IX) / (26:32) Leben im Doppelbereich Ich-Selbst heißt im Augenblick leben ‒ Warum das Ich? ‹Wir sind die Bienen des Unsichtbaren› (Rilke): Nichts geht verloren: ‹All is always now› (T. S. Eliot: Four Quartets: Burnt Norton, V)

2.2. Audio Lebendige Spiritualität (2015)
Verstehen durch Tun:
Rühmen und die Gestalt des Orpheus, bei Rilke und den Kirchenvätern eine Christus-Figur – ‹Rühmen, das ists› (Die Sonette an Orpheus 1. Teil, VII) – Gott verherrlichen / ‹O trotz Schicksal: die herrlichen Überflüsse› (Die Sonette 2. Teil, XXII) – Wir sind die Treibenden (Die Sonette 1. Teil, XXII) / (31:05) ‹Singe die Gärten, mein Herz, die du nicht kennst› (Die Sonette 2. Teil, XXI) – ‹Schau auf das Ganze, rühme das Ganze› (hl. Augustinus) / (35:04) Nur im Raum der Rühmung darf die Klage gehn (Die Sonette 1. Teil, VIII) – Zwischen den Hämmern besteht unser Herz (Die neunte Elegie) / (39:35) ‹Wir sind die Bienen des Unsichtbaren› (Brief an Witold Hulewicz, 13. Nov. 1925) – ‹Preise dem Engel die Welt› – ‹Aber weil Hiersein viel ist› (Die neunte Elegie)

2.3. Audio Fülle und Nichts (1996)
Vortrag:
(30:42) In der Erinnerung verinnerlichen wir uns, was wir mit den Sinnen nicht mehr erreichen können – Beispiel einer blinden, 83jährigen, Frau / (32:04) ‹Wir Menschen sind die Bienen des Unsichtbaren› (Rilke)

2.4. Audio Das Leid des Lebens zu Herzen nehmen (1992)
Eröffnungsreferat Vortrag; siehe dazu auch Tagungsband
Schmerz ‒ Stachel des Lebens, 22f.:
(22:47) Verleiblichen des Geistigen und Vergeistigen des Leiblichen: Durch die Sinne Sinn finden – ‹Wir sind die Bienen des Unsichtbaren› (Rilke) – Das Fronleichnamsfest ist das Fest der Verleiblichung des Göttlichen und der Vergöttlichung des Leiblichen

2.5. Audio Festival «Die Kraft der Visionen» (1991)
2.1 ‹Der Weg zu Fülle und Nichts› ‒ Vortrag und Kanon:
(00:00) Was Dichtung vermag und Einstimmung mit den ersten Zeilen aus Rilke: Sonette an Orpheus 2. Teil, XIII: ‹Sei allem Abschied voran› / (22:35) Singender steige …› ‒ der ‹reine Bezug› ‒ unter ‹Schwindenden› endlich Klang werden / (26:31) Bruder David liest und deutet das Sonett
‒ ‹Lebe doch, sagt der Tod, ich komme› (‹Das tanzende Mädchen›)
(33:30) ‹Wo ist dann unsere Verantwortung?› Darin, es zu feiern: Bruder David liest und deutet von Rilke: ‹Rühmen, das ists!› und die Schlussverse des Sonetts ‹Sei allem Abschied voran›

3. Weitere Texte

3.1. Die Achtsamkeit des Herzens (2021), 64, in Riechen, Düfte, Erinnerung:

«Woher kommt es eigentlich, dass unser Geruchsinn uns leicht zum Lachen reizt? Vielleicht hat es damit zu tun, dass im Bereich des Riechens Kindheitserinnerungen überall die Etikette der Erwachsenen durchbrechen. Gerüche zu erwähnen, gehört ja nicht zum guten Ton. Ich denke, dieses Lachen ist ein befreiendes Lachen. Das Kind in uns wird einen Augenblick lang frei und lacht; lacht uns vielleicht sogar aus.»

3.2. Dankbarkeit als Schlüsselwort benediktinischer Spiritualität (2019):

«Angesichts von Leid und Schrecken, sind ‹wir gerecht nur, wo wir dennoch preisen.›[12] Dieser Einsicht entspringt ein Motto des Benediktinerordens, das ich zum Abschluss erwähnen möchte. Geschichtlich ist es vielleicht das älteste. Es kennt Erschütterungen und Zerstörung, preist aber dennoch das Grünen:

‹succisa virescit› – ‹abgehauen grünt sie wieder.›

Das dazugehörige Sinnbild ist der Strunk eines uralten Baumes, aus dem ein neuer Schössling aufsprießt. Die Lebensfülle, die dem Gehorsam und der Dankbarkeit entspringt, wird – so wie das immer wieder neu erbaute Kloster Monte Cassino – nach jedem Niedergang wieder neu aufblühen. Gerade heute kann uns dies Mut machen.»

3.3. Einsichten aus Rilkes Dichtung, Teil I (2014), 45-48:

«Es heißt immer, dass in der Erinnerung besonders Düfte sehr heftig Erinnerungen auslösen: Wer kennt nicht viele, viele Kindheitserinnerungen, die mit Düften zu tun haben. Die Lade [Schublade] der Großmutter und die vielen Speisen zu besonderen Festzeiten. Das heißt doch, dass die Erinnerung zusammenhängt mit dem Geruchssinn.»

3.4. Einsichten aus Rilkes Dichtung, Teil II (2014): ‹Wir sind die Bienen des Unsichtbaren› (Rilke), 105f.; ‹Rühmen›, 132-134:

«Das Thema der Elegien ist die Vergänglichkeit der Welt und die Köstlichkeit der Welt, weil sie ebenso vergänglich ist, und unsere Aufgabe als Menschen, sie zu rühmen.»]

 _____________

[1] Komposition mit Abschnitten in Auf dem Weg der Stille (2023), 95-97 und Die Achtsamkeit des Herzens (2021), 97f.

[2] «Aufheben» hat für Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831) einen dreifachen Sinn: negieren (tollere) ‒ emporheben (elevare) ‒ bewahren (conservare)

[3] Werner Bergengruen: ‹Nichts Vergängliches vergeht› und ‹Magische Nacht›, in Die den Kurs begleitenden Gedichte, 37f. und Einsichten aus Rilkes Dichtung, Teil II (2014), 110f.

[4] Die Achtsamkeit des Herzens (2021), 90, 93, 96f.

[5] Für Bruder David eines der liebsten Worte von Augustinus, die er immer wieder zitiert.

[6] Erwachende Worte (2023): ‹Rühmen› 31

[7] Die Achtsamkeit des Herzens (2021), 97

[8] Erwachende Worte (2023): ‹Erinnern›, 57

[9] T. S. Eliot: Four Quartets: Burnt Norton, V; siehe auch Stillehalten

[10] Siehe Anm. 2

[11] Ich bin durch Dich so ich (2016): ‹9. Doppelbereich, 2006-2016›, 184f. ‒ ‹9. Dialog, 190; siehe auch Jetzt im Doppelbereich

[12] ‹Wir, gerecht nur, wo wir dennoch preisen,
weil wir, ach, der Ast sind und das Eisen
und das Süße reifender Gefahr.›

Rilke: Sonette an Orpheus 2. Teil, XXIII



Quellenangaben

Text und Audios von Br. David Steindl-Rast OSB

jesus d christus titelCopyright © - Klaudia Menzi-Steinberger

«Tod und Leben gehören untrennbar zusammen. So heißt es, ich weiß. Aber ich würde es lieber klarer ausdrücken und sagen:

Leben und Sterben gehören zusammen: der Tod aber widerspricht beiden.

Mit dem Sterben bin ich vertraut. Ich muss ja alles, was mir das Leben schenkt, wieder loslassen, bevor ich Neues empfangen kann. Dieses Loslassen aber ist das Entscheidende am Sterben. Starres Festhalten ist Tod ‒ ‹rigor mortis›.[1]

Ich will dabei das Loslassen nicht beschönigen, nicht verharmlosen. Allzu oft ist es bedrohlich und beängstigend, entsagen zu müssen.

Das Leben schenkt uns viel, nimmt uns aber auch erschreckend viel Liebes und bedrohlich vieles, das uns unersetzlich nötig erscheint.

Lass mich täglich zarter loslassen und unbefangener sterben lernen und rette mich vor dem Tod. Amen»[2]

«Es ist doch alles nur aus Liebe schön! Es ist doch alles nur aus Liebe gut!» (Will Vesper).[3]

Was aber, wenn das Selbst ‒ um im Bild zu bleiben ‒ die Handpuppe abstreift oder wenn die Maske in Staub zerfällt? Ist dann alles aus, alles zu Ende?

Zu Ende wohl, würde ich sagen, aber nicht aus. Ich will nicht von einem Leben nach dem Tod reden. Wenn sterben bedeutet, dass für mich die Zeit um ist, dann macht es keinen Sinn, von «nachher» zu sprechen.

Aber alles, was ich erlebe, hat ja schon jetzt eine Dimension, die über Zeit und Raum erhaben ist. T. S. Eliot nennt das Jetzt «the moment in and out of time»[4] ‒ es gehört der Zeit an und doch auch nicht.

Im Doppelbereich des Jetzt  sind Zeit und Ewigkeit eins. Darum kann auch nicht die kleinste Einzelheit von allem, was mir hier lieb ist, je verloren gehen.

«Alles ist immer jetzt», sagt wieder T.S. Eliot, «All is always now»[5] ‒ und spricht damit eine Wahrheit aus, die sich nicht leugnen lässt, denn was nicht jetzt ist, ist nicht, es hat nur eine Schattenwirklichkeit in Vergangenheit oder Zukunft.

Im Jetzt aber kann es nicht verloren gehen, da ist es in einem dreifachen Sinn «aufgehoben»:

Es besteht nicht länger (wie etwa ein Gesetz, das aufgehoben wird), es wird aber auf eine höhere Ebene hinaufgehoben und bleibt dort bewahrt (wie ein Goldreif in einer Schatzkammer gut aufgehoben ist).[6]

In diesem Sinn verstehe ich, warum Rilke im Aufheben unsere Lebensaufgabe sieht: «Wir sind die Bienen des Unsichtbaren. Leidenschaftlich heimsen wir den Nektar des Sichtbaren ein in die große, goldene Honigwabe des Unsichtbaren.»[7]

Kann ich dann überhaupt noch Angst haben vor dem Sterben? Ja, ich habe Angst. Ich gebe es zu, aber fürchten will ich mich nicht. Furcht und Angst, das ist ja zweierlei. Angst und Enge sind im Deutschen wurzelverwandte Wörter, und sicher nicht zufällig; unser menschliches Urerlebnis von Angst ist die Enge des Geburtskanals. Durch diesen ersten Engpass gehen wir noch mit instinktivem Vertrauen hindurch; erst später müssen wir mühsam lernen, uns auch auf jede Angst so furchtlos einzulassen, wie uns das bei unserer Geburt spontan gelang.

Furcht und Vertrauen, diese beiden Haltungen sind einander diametral entgegengesetzt. Letztlich sind es Lebenshaltungen.

Angst ist im Leben unvermeidlich; zwischen Furcht und Mut aber können wir wählen: Furcht  sträubt sich gegen die Angst und bleibt so in der Enge stecken; Mut lässt sich voll Vertrauen auf die Angst ein und findet so den Weg ins Weite.

Mut nimmt dabei die Angst nicht weg; im Gegenteil: Wer keine Angst hat, braucht keinen Mut. Wer aber mitten in der Angst aufs Leben vertraut, den führt das Leben durch jede Angst zu einer neuen Geburt. Ich beweise mir das selbst.

Ich blicke zurück auf die Engpässe meines Lebens und sehe ganz klar: Je drückender die Beängstigung war, umso strahlender das überraschend Neue, das daraus hervorging. Mich immer wieder daran zu erinnern, gibt mir Lebensvertrauen und Sterbensmut.

Was mir auch hilft, ist das Vorbild von Menschen, deren Tod ich miterleben durfte. Zwei Mitbrüder aus Mount Saviour fallen mir da ein:

Bruder Christopher war damals für Arbeiten am Klosterbau zuständig. Er war erst 40, aber schwer herzleidend. An diesem Tag war er Vorleser beim Mittagessen. Als Tischdiener stand ich neben ihm, als er die Lesung begann:

«In jener Nacht erging das Wort des Herrn an Natan: Geh und sage zu meinem Diener, zu David: So spricht der Herr: Du willst mir ein Haus bauen, damit ich darin wohne?»

Sechs Verse später kam er zu der Stelle: «So spricht der Herr: Ich werde  d i r  ein Haus bauen.»

Da legte er still seinen Kopf auf das Buch und war tot.

Und unser P. James Kelly (wir mussten seinen Nachnamen verwenden, weil wir zwei Brüder mit dem Namen James hatten) kam am Karsamstagabend noch einmal in die Kapelle, die schon für Ostern geschmückt war, und flüsterte mit für ihn typischer Begeisterung: «Ich kann ja gar nicht warten auf morgen!» Dann ging er schlafen. Am Morgen sollte er das Exultet singen, aber er hatte wirklich nicht warten können und sang nun wohl schon im Himmel.

Knapp eine Woche vor dem Tod meiner Mutter ‒ sie ist schon recht schwach ‒ kommt Vanja Palmers, der ihr lieb ist wie ein Sohn, zu Besuch aus der Schweiz. Er erzählt, dass heute, am St. Martinstag, die Kinder in Sursee sich beim «Chäszänne» mit einer möglichst verrückten Grimasse ein Stück Käse verdienen können. Wir setzen zwar keinen Käse als Preis aus, versuchen aber, einander im Gesichterschneiden zu übertreffen. Mutti auf ihrem Sterbebett überflügelt uns alle.[8]

Bruder David im Gespräch mit Johannes Kaup: «Was mir persönlich Angst macht, wenn ich an den Tod denke, ist zweierlei. Einerseits die Tatsache, dass wir nicht wissen, was im Tod auf uns zukommt. Wir wissen es einfach nicht. Wir gehen auf etwas zu, das uns nicht nur unbekannt ist, sondern ganz und gar unvorstellbar. Wie sollte sich eine Raupe im Puppenstadium vorstellen können, dass sie als Schmetterling von Blume zu Blume fliegt? Auch wir gehen auf etwas ganz Neues zu. Neues und Unbekanntes macht uns jedoch Angst.

Und das Zweite ist, dass wir wissen, dass es um den Tod herum sehr häufig Krankheiten, Leiden und Schmerzen gibt. Das allein genügt, mir Angst zu machen, wenn ich es mir ausmale. Hinzu kommt, dass man heutzutage früher oder später nur mehr ein Fall oder eine Nummer wird in einem Krankenhaus. Diese Entpersönlichung macht mir ebenfalls Angst. Aber das Leben macht uns, abgesehen von Alter und Sterben, immer wieder auf die eine oder andere Weise Angst. Wir brauchen Mut.»

Johannes Kaup: «Was macht Ihnen in diesem Zusammenhang Mut?»

Bruder David: «Mit einem Wort: Lebensvertrauen. Wenn ich auf dem Lebensweg in die Enge gerate und Angst bekomme, wird Lebensvertrauen entscheidend. Furcht sträubt sich gegen die Angst und bleibt darin stecken. Vertrauen lässt sich durchschleusen und vertraut sich dem Auftrieb des Lebens an wie beim Schwimmen.»

Johannes Kaup: «Sie sagen, dass Sie nicht von einem Leben nach dem Tod sprechen wollen. Ist das so missverständlich?»

Bruder David: «Leider ist die Ausdrucksweise missverständlich, weil es so klingt, als ob mit dem Tod alles aus sei. Das will ich keineswegs behaupten. Es dreht sich hier mehr darum, dass mit dem Tod meine Zeit abgelaufen ist. Wenn meine Zeit um ist, dann hat das Wörtchen ‹nach› nicht viel Sinn. Ich sterbe, wenn für mich die Zeit um ist. Wie soll ich da von einem Nachher sprechen? Die Zeit ist mit dem Tod vorbei. Auf der Ebene von Zeit und Raum ist mein Leben zu Ende. Das möchte ich nicht verharmlosen oder beschönigen. Ich möchte es ganz ehrlich konfrontieren: Mit meinem Tod geht die Raumzeit für mich zu Ende. Das heißt aber nicht, dass alles aus ist. Keineswegs! Ich erlebe schon mitten in Raum und Zeit ‒ in der Erfahrung des Jetzt ‒ eine Dimension, die über Raum und Zeit hinausgeht, und die unterliegt dem Tod nicht.

Freilich komme ich dabei um eine Schwierigkeit nicht herum: Jemand könnte sagen: Nur durch meine Sinne, die in Raum und Zeit sind, kann ich das erfahren, und nur mit meinem Gehirn kann ich es denken; wenn aber mein Gehirn zu Staub zerfällt, was dann?

Ich kann nur antworten: Hier und jetzt bringen mich meine Sinne und mein Denken an die Grenze von etwas, das über Zeit und Raum hinausgeht, das nicht gebunden ist durch Zeit und Raum. Und dieser Dimension meines Daseins ‒ dem Bleibenden ‒ gehöre ich genauso an, wie ich Zeit und Raum angehöre. Das ist eben der Doppelbereich, in dem ich lebe.

Diese Erfahrung gibt mir Vertrauen und Zuversicht auf etwas Bleibendes, auch wenn meine körperliche Wirklichkeit endet. Schon jetzt berühre ich eine bleibende Wirklichkeit. Im Jetzt rühre ich an das Bleibende. Darauf muss ich mich einlassen, muss mich einfühlen ins Jetzt und dort heimisch werden. Im Getriebe der Zeit geht dieses Bewusstsein allzu leicht verloren.»[9]

[Quellenangaben zum obigen Text in Anm. 2 und 8f.]

[Ergänzend:

1. TAO der Hoffnung (1994)
Diskussion:
(54:39) Bei schweren Prüfungen sehen wir erst nachher, dass wir sie gebraucht haben. Wir alle haben Angst vor dem Leben: Das Leben ist ein ununterbrochenes Sterben in größeres Leben hinein. Sterben ist etwas, was wir tun müssen: Ein sich hingeben – Loslassen üben

2. Wähle das Leben (5 Mose 30,19) (1992)
Gespräch Teil 1
(02:18) Sich ans Leben klammern – sich hingeben, leichter sterben (Angst vor dem Tod, und noch mehr Angst vor dem Leben) / (05:35) Wir müssen mitsterben ‒ ‹Das wird jetzt meine letzte Tasse Tee sein›!

3. Der Anspruch von Engeln und Tieren (1994)
Vortrag in Themen aufgeteilt:
Erlebnisse im Zug, beim Sterben, mit einer Osterkerze:
(02:57) Bruder Christopher stirbt beim Vorlesen]

________________

[1] ‹rigor mortis› = ‹Totenstarre›

[2] Erwachende Worte (2023): ‹Tod›, 83

[3] Aus dem gleichnamigen Gedicht von Will Vesper (1882-1962), einem deutschen Schriftsteller und Literaturkritiker

[4] T. S. Eliot: Four Quartets: The Dry Salvages, V; siehe auch Stillehalten

[5] T. S. Eliot: Four Quartets: Burnt Norton, V; siehe auch Stillehalten

[6] Siehe auch die Bedeutung des Wortes ‹aufheben› in Rühmen, Er-innern, Aufheben  im Text und in Anm. 2

Bruder David erwähnt den Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1830) im Zusammenhang mit ‹Fragen aufheben› in der Einleitung zu seinem Vortrag in Fragen, denen wir uns stellen müssen (2016): Tag 1 ‒ Vormittag

[7] Rilke im Brief an seinen polnischen Übersetzer Witold Hulewicz: ‹Nous butinons éperdument le miel du visible, pour l’accumuler dans la grande ruche d’dor de l’Invisible.›; ausführlicher in Rühmen, Er-innern, Aufheben

[8] Ich bin durch Dich so ich (2016): ‹9 Doppelbereich›, 184-186

[9] Ich bin durch Dich so ich (2016): ‹9 Doppelbereich ‒ 9. Dialog›, 188f.


Quellenangaben

Text und Audios von Br. David Steindl-Rast OSB

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[Audio Tag 4 ‒ Nachmittag (21:24)] «Wie können wir leben und sterben lernen? Und da hat Rilke einen Begriff eingeführt, einen bildlichen Begriff: den Doppelbereich.

Das ist für ihn etwas ganz Wichtiges, dieses Wort der Doppelbereich. Das heißt: Zwei Bereiche sind eins, nicht ein Doppelbereich in dem Sinn, dass die nebeneinanderstehen, sondern sie sind eins, und doch zwei.

In einem der Sonette an Orpheus (1. Teil, IX) erwähnt Rilke den Ausdruck ‹Doppelbereich› im Zusammenhang mit ‹rühmen›:

‹Nur wer die Leier schon hob
auch unter Schatten,
darf das unendliche Lob
ahnend erstatten.›

Was ist unsere Lebensaufgabe? Die große Aufgabe des Menschen ist für Rilke mit einem Wort: Rühmen. Und mit dem Zitat von Augustinus wird klarer, was damit gemeint ist:

‹Schau auf das Ganze, rühme das Ganze› (Augustinus).

Jedes Detail ist nur ein kleiner Teil. Rilke spricht in einem seiner Sonette (2. Teil, XXI) von einem gewobenen Teppich:

‹Seidener Faden, kamst du hinein ins Gewebe.
Welchem der Bilder du auch im Innern geeint bist
(sei es selbst ein Moment aus dem Leben der Pein),
fühl, dass der ganze, der rühmliche Teppich gemeint ist.›

Nur wer rühmen kann ‹auch unter Schatten›, kann das unendliche ‒ nicht das endliche ‒ Lob ahnend erstatten. Und dann kommen Bilder, die einfach heißen: Nur wer den Tod integriert, ‹wird nicht den leisesten Ton wieder verlieren›:

‹Nur wer die Leier schon hob
auch unter Schatten,

darf das unendliche Lob
ahnend erstatten.

Nur wer mit Toten vom Mohn
aß, von dem ihren,
wird nicht den leisesten Ton
wieder verlieren.

Mag auch die Spieglung im Teich
oft uns verschwimmen:
W i s s e  d a s  B i l d
.

Erst in dem Doppelbereich
werden die Stimmen
ewig und mild.›

Mild im Sinn von ‹compassion›‹mifühlen›: Also Weisheit und Mitgefühl bekommen erst Raum, wenn man im Doppelbereich lebt.

Und dieser Doppelbereich ist offensichtlich für Rilke das Leben und das Sterben. Die gehören ebenso zusammen, dass es eins ist. Wer wirklich lebt, lebt voll im jetzigen Augenblick und ist schon gestorben für die Vergangenheit.

Und dieses Einüben Schritt für Schritt: im Augenblick, im Jetzt leben, und so lernen loszulassen, das ist Sterben lernen.

T. S. Eliot sagt in den Four Quartets:

‹Die Zeit des Sterbens ist jeder Augenblick.›‹And the time of death ist every moment.›[1]

Dieser Doppelbereich ist nicht einfach Einheit, aber auch nicht Zweiheit[2] ‒ das ist immer die Gefahr, wenn man sagt ‹Doppelbereich›, es sind zwei Seiten einer Münze ‒ viel mehr noch wie zwei Seiten ‒, ganz eng verbunden. Aber man kann sie doch unterscheiden ‒ sie sind untrennbar ‒, aber unterscheidbar.

(26:32) Ich-Selbst ist ebenso ein Doppelbereich, solange wir leben. Und ganz eng verbunden mit dem Doppelaspekt von Leben und Sterben, denn das Selbst lebt, das kann nicht sterben. Es ist nicht in der Zeit.

Und das Sterben kann definiert werden: ‹Wenn meine Zeit um ist›. Das ist eine ganz gute Definition: Ich sterbe, wenn meine Zeit um ist. Meine Zeit beginnt zu einem gewissen Punkt und ist dann zu einem gewissen Punkt um.

Und Zeit und Raum hängen so eng zusammen, dass mein Leib stirbt, wenn meine Zeit um ist, aber was davon gar nicht berührt wird, ist mein Selbst.

Wir vergessen halt das Selbst immer, aber je mehr wir lernen im Ich-Selbst zu leben ‒ und das heißt im Augenblick zu leben: wir brauchen uns gar nicht um das Selbst zu kümmern, wir brauchen gar nicht an das Selbst zu denken, dann leben wir schon im Selbst.

Und je mehr wir lernen, das zu tun, umso mehr wird dann der letzte Augenblick der Augenblick sein, in dem das Ich stirbt, aber das Selbst bleibt: ewig, über der Zeit erhaben.

Es kommt für Rilke noch etwas sehr Wichtiges: Warum denn nicht gleich das Selbst? Warum dieser ganze Umweg über das Ich?

Und da hat er in einem Brief dieses wunderschöne Bild geprägt:

‹Wir sind die Bienen des Unsichtbaren.›

Das Sichtbare ist alles, was mit dem Ich zu tun hat in Raum und Zeit, das Unsichtbare ist das Selbst. Und wir sind die Bienen des Unsichtbaren, die Honigbienen und eifrig ‒ ‹éperdument› ‒, er schreibt das in Französisch[3]: ganz hingegeben sammeln wir den Nektar des Sichtbaren ‒ also alles, was wir mit den Sinnen erfassen ‒, in die große goldene Honigwabe des Unsichtbaren.

Das ist unsere Lebensaufgabe. Und das heißt, dass nichts verlorengeht.

Es kann nicht verloren gehen, denn ‹Alles ist immer jetzt› (T. S. Eliot).[4]

Und wenn wir im Jetzt leben, ist es und ist und ist: Es hat Anteil an der Zeit ‒ wir erleben es in der Zeit ‒, aber alles, was ist, ist zugleich in diesem Doppelbereich, zugleich in der Zeit und über die Zeit hinaus, weil ‹Alles ist immer jetzt› ist, alles! Und das ist nicht nur der Mensch, der immer ist[5]

«Doppelbereich nennt Rilke die Einheit von Diesseits und Jenseits und sagt:

‹Engel (sagt man) wüssten oft nicht, ob sie unter Lebenden gehen oder Toten.›[6]

Nur wenn ich mich bewusst in diesem Doppelbereich von Vergänglichem und Bleibendem bewege, kann ich in allem Vergänglichen das Bleibende miterfahren und in allem Bleibenden Dich, Du Ursprung bleibenden Seins.

Erweitere Du die Reichweite meiner Sinne; öffne sie für das Übersinnliche im Sinnlichen. Lass mich ‹die Spiegelung im Teich› als ein Ganzes sehen und dieses Bild niemals vergessen. Lass mich jetzt schon das vertrauliche Nahsein der uns Vorangegangenen erfahren. Und wenn meine Zeit kommt, heimzugehen, dann schenk mir einen sanften Übergang. Amen.»[7]

[Quellenangaben zum obigen Text in Anm. 5 und 7]

[Ergänzend:

1. ‹Wir sind die Bienen des Unsichtbaren› und unsere Aufgabe: Rühmen, Er-innern, Aufheben

2. Den einen Pol im andern sehen:

Ich bin durch Dich so ich (2016): ‹9 Doppelbereich ‒ 9. Dialog›, 190f.; siehe auch Kreuz ‒ Sinnbild

Johannes Kaup: «Das Geistige und das Emotionale, das Leibliche und Seelische, das Profane und das Heilige, das Zeitliche und das Ewige: Wie hängen diese Doppelbereiche zusammen bzw. wie existieren Sie in diesen Doppelbereichen so, dass Sie nicht an einer Gespaltenheit leiden?»

Bruder David: «Diese Gegensätze begegnen uns überall, und die wichtige Einsicht ist, dass wir sie zwar unterscheiden können, aber nicht trennen dürfen. Sie bleiben Gegensätze, gehören aber innig zueinander und bedingen einander. Sie polarisieren nicht das Leben, sondern sind Pole einer unteilbaren Einheit.

Clemens Brentano weist an einer wichtigen Stelle seiner Dichtung auf Pole jeder vollen Lebendigkeit hin:

‹O Stern und Blume, Geist und Kleid, Lieb, Leid und Zeit und Ewigkeit.›

Rilke hat dafür den schönen Begriff Doppelbereich geprägt.

Wir können Polarisierung dadurch vermeiden, dass wir den einen Pol anschauen und in diesem Pol schon den anderen sehen. Ich schaue z. B. auf die Zeit und erfahre in der Zeit die Ewigkeit, eben das Jetzt, das über die Zeit hinausgeht. Oder ich schaue auf das Leid und sehe darin das irdische Antlitz der Liebe. Ich schaue auf den Stern und sehe darin die Blume oder ich schau die Blume und sehe darin den Stern. Der ganze Kosmos ist ein Doppelbereich.»]

 ________________

[1] T. S. Eliot: Four Quartets: The Dry Salvages, III

[2] A-DWAITA, in: Das ABC der Schlüsselworte, 128: ‹A-Dwaita ist ein zentral wichtiges Wort im Hinduismus und bedeutet wörtlich Nicht-Zweiheit›; siehe auch Jetzt im Doppelbereich: Ergänzend: 3.1.

[3] Rilke im Brief an seinen polnischen Übersetzer Witold Hulewicz: ‹Nous butinons éperdument le miel du visible, pour l’accumuler dans la grande ruche d’dor de l’Invisible.›

[4] T. S. Eliot: Four Quartets: Burnt Norton, V; siehe auch Stillehalten

[5] Sinngemäße Wiedergabe des Vortrags von Bruder David in Fragen, denen wir uns stellen müssen (2016): Tag 4 ‒ Nachmittag: ‹Memento mori› ‒ ‹memento vivere› (21:24-31:31)

[6] Rilke, aus der Ersten Duineser Elegie

[7] Erwachende Worte (2023): ‹Doppelbereich›, 35



Quellenangaben

Film, Text und Audios von Br. David Steindl-Rast OSB

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«Altern war mein Schicksal, jetzt ist es Aufgabe ‒ ein gesegnetes Schicksal und eine nicht ganz leichte Aufgabe. Unter den Gaben des Altwerdens bin ich vor allem für meine Gesundheit dankbar ‒ ein unermessliches Geschenk. Dann für die unzähligen Begegnungen in all diesen Jahren ‒ die erinnerten und die vergessenen; sie alle haben mich geformt. Und wenn ich an die Erlebnisse denke, zu denen diese vielen Jahre mir Zeit schenkten, dann bin ich überwältigt von Dankbarkeit.

Jetzt gilt es, die Erinnerungen zu sichten. Schenk ihnen, ich bitte Dich, noch sonnige Herbsttage, in denen sie zur vollen Süße ausreifen können.[1] Lass mich alles, was mich drückt, vertrauensvoll Deiner Vergebung übergeben, alles Schöne noch einmal lange und dankbar betrachten und dann loslassen. Von allem Beschwerlichen des Alterns lass mich die Augen aufheben zum ‹Morgenglanz der Ewigkeit›. Amen».[2]

Johannes Kaup im Gespräch mit Bruder David: «Bruder David, ich habe noch keine Ahnung, wie es sich anfühlt, wenn man neunzig Jahre alt ist. Da kommt sicher einiges auf mich zu. Doch nicht nur ich bewundere, dass Sie in Ihrem Alter noch so wach, so neugierig und lebendig sind. Was ist das, was Sie heute im vielleicht letzten Lebensjahrzehnt beschäftigt, umtreibt, bewegt?»

Bruder David: «Es kristallisiert sich für mich immer klarer heraus, dass meine große Aufgabe darin besteht, im Jetzt zu leben und das immer wieder zu üben.

Das sehe ich als meine Hauptaufgabe an, und zugleich ist es ein großes Geschenk, das so viele Jahrzehnte lang üben zu dürfen.

Vielleicht wird uns das Leben nur verlängert, weil wir noch nicht gelernt haben, wirklich im Jetzt zu leben.»

Johannes Kaup: «Woran haben Sie heute noch besondere Freude? Worüber können Sie nach wie vor staunen und was macht Ihr Herz ganz weit?»

Bruder David: «Um das zu beantworten, müsste ich alles aufzählen, was mir im Lauf des Tages begegnet. Alles macht mich staunend, mehr als je zuvor. Schon wenn ich am Morgen die Augen aufschlage. Dass mir noch einmal ein Tag geschenkt wird, ist das nicht eine große Überraschung?

Johannes Kaup: «Ich bin auch noch da ...»

Bruder David: «Aha! Es gibt mich noch. Alles, alles wird immer staunenswerter.»

Johannes Kaup: «Das heißt staunenswerter, je älter Sie werden ‒ wie das? Sie könnten ja auch sagen: ‹Ich bin schon abgebrüht, ich kenne das schon.›»

Bruder David: Wie Augustinus sagt:

«Alles ist Gabe, alles ist Gnade, alles ist Geschenk.»[3]

Als junger Mann wanderte ich bei einem meiner ersten Besuche in New York City eines Abends die 5th Avenue aufwärts und schlenderte an der 59th Straße in den kleinen Zoo hinein, den es damals an dieser südöstlichsten Ecke des Central Parks gab. Den Zoo besuchten vor allem Kinder und um diese Zeit war ich alleine hier. Doch plötzlich fühlte ich eine mächtige Gegenwart, blickte auf und sah einen Gorilla auf dem Dach seines Häuschens sitzen. Der massige Klotz schien sich in der Dämmerung riesig aufzutürmen und doch saß er gebeugt und wie trauernd da. Beim Näherkommen konnte ich in seine Augen schauen, aber es schien mir, dass er mich kaum wahrnahm und seine Gedanken weit weg irgendwo wanderten. Er war alt, vielleicht sehr alt. Ich kann nicht sagen, wie lange wir so Auge in Auge verweilten, aber ich weiß, es war eine ganze Zeit lang. Lange genug, um mir etwas mitzuteilen über das Altwerden, eine Ahnung, so tief, dass ich sie immer noch nicht völlig ausgelotet habe, auch nicht in diesem bisher letzten Jahrzehnt meines Lebens ‒ ich sage «bisher», denn ich habe gelernt, mit Überraschungen zu rechnen, und weil es eben noch Geheimnisse gibt, die aufs Ausloten warten.

In diesem Lebensabschnitt gerät das Senklot meines ahnenden Nachdenkens immer wieder in Tiefen, in denen ich ein Schlüsselwort Rilkes hilfreich finde; der Dichter spricht vom Doppelbereich:

«Mag auch die Spieglung im Teich
oft uns verschwimmen:
W i s s e  d a s  B i l d.

Erst in dem Doppelbereich
werden die Stimmen
ewig und mild.»
[4]

Auf vieles lässt sich dieses Bild anwenden, und dabei erscheint es mir besonders wichtig, nicht zu vergessen, dass der Doppelbereich eine untrennbare Einheit ist, auch wenn mein Denken seine beiden Aspekte immer wieder auseinanderreißen möchte. Unterscheiden ‒ ja; trennen ‒ nein!

Aufs Ganze zu schauen, es so umfassend wie möglich zu sehen und nicht zu erlauben, dass es in meiner Vorstellung auseinanderfällt ‒ das sehe ich als meine große Aufgabe beim Altwerden.

T. S. Eliot weist auf die Schwierigkeit hin:

«Ich will dir zeigen, was das Alter bringt ...
Da Leib und Seele auseinanderfallen.»
[5]

An manchen Tagen scheint es wirklich, als ob alles im Begriff wäre, auseinanderzufallen: Das Dinkelweckerl fällt mir in den vollen Suppenteller und bespritzt die weiße Kutte von oben bis unten mit Kürbissuppe und Kernöl ‒ schwarz und gelb in den kaiserlichen Farben.

Ist das meine «zweite Kindheit»? Aus meiner ersten weiß ich, weil meine Mutter es mir lachend erzählte: Als ich zum ersten Mal einen Teller voll Spinatsuppe vor mir auf dem Tisch sah, war ich so begeistert vom Grün, dass ich beide Hände in die Suppe tauchte und mich von oben bis unten damit anmalte. Auch jetzt lachen die Brüder verständnisvoll bei meinem kleinen Unfall im Refektorium und schlagen vor: «Vielleicht darf man das ‹Aktionskunst› nennen.» Das ist jedenfalls eine positivere Interpretation, als vom Auseinanderfallen zu sprechen.

Warum liegt denn überhaupt der Gedanke nahe, dass beim Altwerden und Sterben Leib und Seele auseinanderfallen?

Weil ich mir einerseits bewusst bin, dass meine Seele, mein Selbst, im Jetzt lebt, also nicht in der Zeit gefangen ist, andererseits aber mein Leib einen Anfang hatte bei meiner Empfängnis und seinem Ende zugeht, das täglich näher kommt.

Durch meinen Leib bin ich also an die Zeit gebunden und mein Ich ist vergänglich, mein Selbst aber hat Bestand.

Und doch erlebe ich mich als Einheit, als ich selbst ‒ nicht als ich und selbst. Dieses Einssein ist mir jedoch nur bewusst, solange ich im Jetzt lebe, im Augenblick, im Doppelbereich von Zeit und Ewigkeit.

Sobald ich an Vergangenem hängen bleibe oder mich in Zukunftsfantasien verstricke, bin ich mir nur mehr des Zeitablaufs bewusst, und es bedrückt mich, dass meine Zeit rasch abläuft und ausläuft.

«Ich verrinne, ich verrinne
wie Sand, der durch Finger rinnt,»
[6]

sagt der Dichter. Ich sehe es jetzt mehr noch als in früheren Lebensabschnitten als meine große Aufgabe an, immer wieder ins Jetzt zurückzukehren und zu erkennen, dass ich nicht in einem Nebeneinander von Zeit und Ewigkeit lebe, sondern in ihrem Ineinander, in der dynamischen Spannung des einen Doppelbereichs.[7]

«Doppelbereich nennt Rilke die Einheit von Diesseits und Jenseits und sagt:

‹Engel (sagt man) wüssten oft nicht, ob sie unter Lebenden gehen oder Toten.›[8]

Nur wenn ich mich bewusst in diesem Doppelbereich von Vergänglichem und Bleibendem bewege, kann ich in allem Vergänglichen das Bleibende miterfahren und in allem Bleibenden Dich, Du Ursprung bleibenden Seins.

Erweitere Du die Reichweite meiner Sinne; öffne sie für das Übersinnliche im Sinnlichen. Lass mich ‹die Spiegelung im Teich› als ein Ganzes sehen und dieses Bild niemals vergessen. Lass mich jetzt schon das vertrauliche Nahsein der uns Vorangegangenen erfahren. Und wenn meine Zeit kommt, heimzugehen, dann schenk mir einen sanften Übergang. Amen.»[9]

In seinem berühmten Gedicht «Sailing to Byzantinum»[10] sagt Butler Yeats, ein alter Mann sei eine jämmerliche Vogelscheuche,

«… wenn nicht die Seele klatscht und singt und lauter singt
für jeden Riss im sterblichen Gewand.»

Das versuche ich zu tun, so oft wieder etwas in Fetzen geht am «sterblichen Gewand», und klatsche dankbar allen Körperteilen und Organen Beifall, die noch funktionieren. So wird das, wofür ich dankbar sein kann, täglich mehr.

«Mein Becher fließt über» (Psalm 23,5).

Es wird mir immer klarer bewusst: Dankbarkeit ist Feste feiernde Liebe.

Wie Liebe das gelebte Ja freudiger Zugehörigkeit ist, so feiert Dankbarkeit das Leben durch ein freudiges Ja an jedem Knoten des großen Netzwerks, in dem alles mit allem zusammenhängt.

Je überzeugter wir dieses Ja leben, desto sommerlicher reift die Liebe in uns und um uns.[11]

Ein großer Denker ‒ Otto Mauer ‒, ein Wiener Priester, Mitte des 20. Jh., hat das wunderschön ausgedrückt:

‹Der Mensch stirbt nicht am Tod, sondern an ausgereifter Liebe›.[12]

Also das ist die Aufgabe des ganzen Lebens: die Liebe ausreifen zu lassen.»[13]

[Quellenangaben zum obigen Text in Anm. 2f., 7, 9, 11, 13]

[Ergänzend:

1. Film Was am Ende wirklich zählt (2022) und Transkription, 13:

Isha Johanna Schury: «Ja, diese Energie des Lernen Wollens, das ist auch ein Geschenk, ich trage das ganz stark. Deswegen hatte ich auch den Impuls für diesen ÄLTESTENRAT-Kongress, weil ich es wunderschön finde, von dieser Weisheit und von dieser Erfahrung lernen zu dürfen. Da wohnt so viel ‒ großes Geschenk für mich drin. Viele von uns haben so das Gefühl, sie müssen nichts mehr lernen, sie wissen schon alles, aber lernen ist doch eine große Freude und trägt mich schon ein ganzes Stück weiter.»

David Steindl-Rast: «Ich war noch ein recht junger Mann, als ich eines Abends in New York City in einen kleinen Zoo hineingewandert bin ‒ damals hat es den Zoo noch gegeben, den gibt es heute nicht mehr, das muss eine Art Kinderzoo gewesen sein im Central Park. Da war kein Mensch drinnen, es war eben Abend, kurz vor dem Absperren ‒ stell ich mir vor. Da ist auf dem Dach seiner Hütte ein Orang-Utan gesessen. Der ist nur so dort gesessen und ich bin lange Zeit vor dem gestanden. Der hat mir eine Weisheit übermittelt, die mir für das ganze Leben wichtig war. Ich kann es natürlich nicht in Worte fassen, aber das war ein weises altes Lebewesen. Dafür bin ich immer noch dankbar. Das ist mindestens schon … 60 oder 65 Jahre her.»

Isha Johanna Schury: «Wunderschön, wunderschön. Diese Weisheit strahlt einfach, die so ein älteres, gelebtes, erfahrenes Wesen in sich trägt. Und so Vieles kann man nicht mit Worten ausdrücken, was einfach die Worte übersteigt.»

2. Widersprüche in ein Sinnbild fassen:

Audio Fragen, die uns bewegen (2005) (28:48) und Text in Und ich mag mich nicht bewahren (2012): Vom Älterwerden und Reifen, 29-32, siehe auch Kreuz ‒ Sinnbild:

«Wenn wir unseres Lebens viele Widersinne versöhnen und dankbar in ein Sinnbild fassen: Was kann dieses Sinnbild sein?»

3. Wirklich werden:

Musik der Stille (2023), 27; siehe auch: Jetzt im Stundengebet: Ergänzend: 2. ‹Die Tagzeiten›:

«Warum haben wir Angst, im Jetzt zu leben? Wir fürchten uns, wirklich zu werden, genau wie die Spielsachen im Kinderbuch ‹Der Plüschhase›[14]. Sie wollen alle wirklich werden ‒ das ist der größte Traum der Spielsachen. Zugleich fürchten sie sich davor, und deshalb fragen sie ein erfahreneres Spielzeug:

‹Tut Wirklichwerden weh?›

Das ist dieselbe Angst, die wir haben. Tut die Begegnung mit der Wirklichkeit weh? Das alte Spielzeug gibt weise zur Antwort:

‹Wenn du wirklich bist, macht es dir nichts aus, dass es weh tut.›»

4. Sich erinnern:

Achtsamkeit des Herzens (2021): ‹Sinnlichkeit und christliche Askese›,97f.; siehe auch Rühmen, Er-innern, Aufheben:

«Wir müssen dem Wort ‹Erinnerung› hier seine volle Bedeutung zurückgeben. Er-innerung ist Ver-innerlichung, Sinnernte unserer Sinnlichkeit ‒ Einbringung, Verwandlung.

Rilke schreibt in seinem Brief an seinen polnischen Übersetzer Witold Hulewicz, 13. November 1925:

‹So gilt es, alles Hiesige nicht nur nicht schlecht zu machen und herabzusetzen, sondern gerade, um seiner Vorläufigkeit willen, die es mit uns teilt, sollen diese Erscheinungen und Dinge von uns in einem innigsten Verstande begriffen und verwandelt werden.

Verwandelt?

Ja, denn unsere Aufgabe ist es, diese vorläufige, hinfällige Erde uns so tief, so leidend und leidenschaftlich einzuprägen, dass ihr Wesen in uns ‹unsichtbar› wieder aufersteht.

Wir sind die Bienen des Unsichtbaren.

Nous butinons éperdument le miel du visible, pour l'accumuler dans la grande ruche d'or de l'Invisible: Wir tragen leidenschaftlich den Honig des Sichtbaren ein, um ihn im großen goldenen Bienenkorb des Unsichtbaren anzuhäufen.›

Kennen wir nicht dieses selbstvergessene Blütensaftsaugen aus der tiefsten Erfahrung unseres eigenen Lebens? So verwandelt unser Herz das Sinnliche unseres wachsten Erlebens und birgt es in seiner großen, goldenen Honigwabe als Sinn. Darum wird beim Altwerden jedes Weihnachtsfest reicher, gewichtiger, schwerer und süßer, weil Freude und Traurigkeit aller vergangenen Weihnachtsfeste von frühester Kindheit an im Erleben mitschwingt; weil in der Erinnerung Altes und Neues einander bereichern.

5. Unter Tränen lächelnd, willig dieses Lied singen:

So leben wir und nehmen immer Abschied (2009)
Vortrag:
(25:52) ‹Wandelt sich rasch auch die Welt› (Rilke, Sonette an Orpheus 1. Teil, XIX): Bruder David deutet das Sonett mit Blick auf die Zeit und das Jetzt, das kleine Ich und das Selbst, Orpheus und Christus

Retreat-Woche in Assisi (1989)
Schöpfungsmythos und Anfangsritual …
(36:58) ‹Wandelt sich rasch auch die Welt› (Rilke, Die Sonette an Orpheus 1. Teil, XIX)

Die Achtsamkeit des Herzens (2021): ‹Sinnlichkeit und christliche Askese›,98f.:

«Wandelt sich rasch auch die Welt
wie Wolkengestalten,
alles Vollendete fällt
heim zum Uralten.

Über dem Wandel und Gang,
weiter und freier,
währt noch dein Vor-Gesang,
Gott mit der Leier.

Nicht sind die Leiden erkannt,
nicht ist die Liebe gelernt,
und was im Tod uns entfernt,

ist nicht entschleiert.
Einzig das Lied überm Land
heiligt und feiert.»

R. M. Rilke: Sonette an Orpheus Teil 1, XIX

«In diesem ‹Lied überm Land› liegt der bleibende Sinn, in den das horchende Herz allen Wandel führt. Unter Tränen lächelnd, willig dieses Lied singen, das heißt durch die Sinne Sinn finden[15]]

___________________

[1] ‹Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren laß die Winde los.

Befiel den letzten Früchten, voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin, und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.›

R. M. Rilke: ‹Herbsttag›

[2] Erwachende Worte (2023): ‹Altern›, 99

‹Morgenglanz der Ewigkeit
Licht vom unerschaffnen Lichte,
schick uns diese Morgen-Zeit
deine Strahlen zu Gesichte,
Und vertreib’ durch deine Macht
unsre Nacht.›

Erste Strophe aus dem Kirchenlied von Christian Knorr von Rosenroth (1636-1689) im heutigen Sprachgebrauch

[3] Ich bin durch Dich so ich (2016): ‹9. Doppelbereich ‒ ‹9. Dialog, 193; siehe auch Jetzt im Doppelbereich

[4] Rilke: Sonette an Orpeus 1. Teil, IX

[5] ‹Let me disclose the gifts reserved for age
To set a crown upon your lifetimes’s effort.
First, the cold friction of expiring sense
Without enchantment, offering no promise

But bitter tastelessness of shadow fruit
As body and soul begin to fall asunder.›

T. S. Eliot: Four Quartets: Little Gidding, II

[6] Siehe auch Jetzt im Doppelbereich, Anm. 1 und Audio zu Beginn von Kreuz ‒ Sinnbild:

‹Stimme eines jungen Bruders

Ich verrinne, ich verrinne
wie Sand, der durch Finger rinnt.
Ich habe auf einmal so viele Sinne,
die alle anders durstig sind.
Ich fühle mich an hundert Stellen
schwellen und schmerzen.
Aber am meisten mitten im Herzen.

Ich möchte sterben. Laß mich allein.
Ich glaube, es wird mir gelingen,
so bange zu sein,
daß mir die Pulse zerspringen.›

R. M. Rilke, Das Stunden-Buch

[7] Ich bin durch Dich so ich (2016): ‹9 Doppelbereich›, 180-182

[8] Rilke, aus der Ersten Duineser Elegie

[9] Erwachende Worte (2023): ‹Doppelbereich›, 35; siehe auch dieses Gebet am Ende des Haupttextes in Doppelbereich Ich-Selbst

[10] ‹An aged man is but a paltry thing,
A tattered coat upon a stick, unless
Soul clap ists hand an sing, and louder sing
For every tatter in tis mortal dress …›

W. B. Yeats: Sailing to Byzantium

[11] Ich bin durch Dich so ich (2016): ‹9 Doppelbereich›, 186

[12] Siehe auch Sterben und Tod: Ergänzend: 1.

[13] Film Was am Ende wirklich zählt (2022) und Transkription, 8

[14] Siehe auch in Das Vaterunser (2022), 106, und Erlösende Kraft, Anm. 4:

«In dem klassischen Kinderbuch von Margery Williams ‹The Velveteen Rabbit›, erschienen 1922, das es als ‹Der Samthase› auch auf Deutsch gibt, reden bei Nacht die Puppen und Teddybären über ihren sehnlichsten Wunsch: wirklich zu werden. ‹Tut Wirklichwerden weh?›, fragen sie das alte, erfahrene Schaukelpferd. Das aber weiß: Einem, der wirklich wird, macht es nichts aus, dass das wehtut.»

[15] Siehe auch dieses Sonett im Film Wir sind daheim in dieser Welt (1975)
(08:59)
vorgetragen von Ellinor Jensen; siehe auch Transkription



Quellenangaben

Text und Audios von Br. David Steindl-Rast OSB

jesus d christus titelCopyright © -Arijana Somolanji Kurbanović

[Audio Vortrag(03:58-9:53)] «Ich möchte mit ein paar Zeilen eines Gedichtes aus Rilkes Stundenbuch beginnen, die unsere Situation recht gut kennzeichnen, die Situation aus der vielleicht viele von euch heute Abend hierhergekommen sind:

Ich verrinne, ich verrinne
wie Sand, der durch Finger rinnt.
Ich habe auf einmal so viele Sinne,
die alle anders durstig sind.
ich fühle mich an hundert Stellen
schwellen und schmerzen.
Aber am meisten mitten im Herzen.›

Dieses Verrinnen, dieses sich Verlieren ist genau das Gegenteil von der Sammlung, die uns zu unserer Herzmitte führt.

Darum auch nicht nur die Beschreibung dieser Situation, die wir so gut aus unserer eigenen Erfahrung kennen, aus dem täglichen Leben:

‹Ich verrinne, ich verrinne›: ich verliere mich, ‹ich verrinne
wie Sand, der durch Finger rinnt›
,

sondern ich fühle den Schmerz dieses Verrinnens am meisten mitten im Herzen, am meisten dort, wo ich gesammelt sein sollte, aber nicht gesammelt bin.

‹Ich habe auf einmal so viele Sinne›: die Sinne, die einander widersprechen, die Sinne, die uns hinausziehen und uns hinauslocken, weil wir sie nicht zusammenbringen können in einen Sinn.

Die Frage des Sinnlichen ist ungeheuer wichtig im Zusammenhang mit dem Herzen: Es ist nur durch die Sinne, dass wir Sinn finden können. Aber unsere Sinne können einander widersprechen, wie das eben hier so schön heißt:

‹Ich habe auf einmal so viele Sinne,
die alle anders durstig sind.›

Anstatt dankbar empfangend zu sein, sind sie durstig und widersprechen einander. Und die große Aufgabe, wenn wir das Herz finden wollen, ist, diese Sinne in unserer Sinnlichkeit zu sammeln und die Sinne in ein Sinnbild zu sammeln.

Und daher ein paar andere Zeilen auch aus dem Stundenbuch Rilkes:

‹Wer seines Lebens viele Widersinne (die einander widersprechenden Sinne)
versöhnt und dankbar in ein Sinnbild fasst,
der drängt die Lärmenden aus dem Palast,
wird anders festlich, und du bist der Gast,
den er an sanften Abenden empfängt.

Du bist der Zweite seiner Einsamkeit,
die ruhige Mitte seinen Monologen;
und jeder Kreis, um dich gezogen,
spannt ihm den Zirkel aus der Zeit.›

Ein Gebet an Gott gerichtet:

‹Du bist der Gast,
den er an sanften Abenden empfängt›,

wenn es ihm gelingt, seines Lebens viele Widersinne zu versöhnen und dankbar in ein Sinnbild zu fassen.

Darum geht es uns und darum ist es auch so hilfreich, Bilder aus der Dichtersprache dazu zu verwenden, die uns helfen, unser eigenes Erleben zu fassen und in ein Sinnbild zu fassen.

Wir können Sinn letztlich nur durch die Sinne finden. Wie sollten wir ihn anders finden? Thomas von Aquin sagt schon, dass nichts in unserem Intellekt ist, was nicht durch die Sinne hereingekommen ist.

Wir wären leer ohne die Sinne. Die Sinne können auch einander widersprechen, können durstig uns zerreißen, wenn wir sie nicht zusammenführen und es ist das Sinnbild, durch das wir sie zusammenführen und in dem wir dann Sinn finden.

Sinn bedeutet in diesem Zusammenhang das, worin wir Ruhe finden. Das worin wir ausruhen können. Das womit wir das Leben feiern können.

Darum sagt Rilke auch: Wem dies gelingt, der ‹wird  a n d e r s  festlich›, anders festlich als unsere weltlichen Feste sind: Der hat die Mitte gefunden, für den wird das Göttliche zum ‹Zweiten seiner Einsamkeit›,

‹die ruhige Mitte seinen Monologen;
und jeder Kreis, um dich gezogen,
spannt ihm den Zirkel aus der Zeit.›

Wir alle kennen ‒ und hier richte ich mich an ihr eigenes Erleben ‒, es kommt ja sehr viel darauf an, dass wir nicht Abstraktionen herumwerfen, sondern, dass wir vom Erlebten zum Erlebnis sprechen, dass wir in der Erinnerung unsere eigenen Erlebnisse hier hereinbringen:

Ich glaube, Sie erinnern sich alle an Augenblicke, in denen uns das Leben plötzlich in ein Sinnbild gefasst wird. Manchmal ist es ein visuelles Sinnbild, manchmal ist es Musik, manchmal ist es eine Begegnung: auf viele verschiedene Arten kann sich plötzlich alles für uns in ein Bild sammeln, in ein Wort sammeln.»[1]

Wenn wir unseres Lebens viele Widersinne versöhnen und dankbar in ein Sinnbild fassen: Was kann dieses Sinnbild sein?

Clemens Brentano nennt in einem wunderschönen Gedicht das Feldkreuz als dieses Sinnbild. Er hat dieses Gedicht an das Ende seines Buches gestellt und damit eigentlich an das Ende von allem, was er geschrieben hat.[2]

«Was reif in diesen Zeilen steht,
Was lächelnd winkt und sinnend fleht,
Das soll kein Kind betrüben,
Die Einfalt hat es ausgesäet,
Die Schwermut hat hindurchgeweht,
Die Sehnsucht hat's getrieben;
Und ist das Feld einst abgemäht,
Die Armut durch die Stoppeln geht,
Sucht Ähren, die geblieben,
Sucht Lieb', die für sie untergeht,
Sucht Lieb', die mit ihr aufersteht,
Sucht Lieb', die sie kann lieben,
Und hat sie einsam und verschmäht,
Die Nacht durch dankend in Gebet,
Die Körner ausgerieben,
Liest sie, als früh der Hahn gekräht,
Was Lieb' erhielt, was Leid verweht,
Ans Feldkreuz angeschrieben,
O Stern und Blume, Geist und Kleid,
Lieb', Leid und Zeit und Ewigkeit!»

Im Kreuz steht die Gegenwart, das Jetzt, senkrecht auf dem Fluss der Zeit: der gegebene Augenblick. Brentano findet ans Feldkreuz angeschrieben diese Worte. Und er findet den Gekreuzigten, der ihm zum Sinnbild wird.

«Oh Stern und Blume
Geist und Kleid
Lieb, Leid und
Zeit und Ewigkeit!»

In allem, was es gibt, drückt sich das Grenzenlose, Unbegrenzte und Unendliche aus. Es drückt sich in allen Formen aus. Der Stern etwa zeigt sich in der Blume. Kinder zeichnen das gerne, den Stern. Oder die Sonne oben und drunter die Sonnenblume, oder den Stern und die Sternblume.

«Oh Stern» ‒ das Unendliche ‒ und die Blume ‒ das ganz Kleine.

«Geist und Kleid»: Alles, was wir sehen, ist Kleid des Geistes. Alles, was es gibt, ist Gabe dieses unbegrenzten Es, das uns alles gibt.

Auch «Lieb und Leid». Im Leid drückt sich die Liebe völlig aus. Das Unbegrenzte ist die Liebe, das Leid ist die begrenzte Form, in der wir hier in diesem Leben die Liebe am tiefsten erfahren. Dieses Sinnbild ist am Feldkreuz angeschrieben.

Und schließlich: «Zeit und Ewigkeit». Am Feldkreuz wird es umgedreht: «Ewigkeit und Zeit». Die Ewigkeit drückt sich in der Zeit aus, in dem Augenblick. So wie der Stern in der Blume, wie der Geist in seinen vielen Kleidern, wie die Liebe sich im Leid ausdrückt. Zeit und Ewigkeit. Das ist das Sinnbild, scheint mir, in dem wir die vielen Widersinne unseres Lebens versöhnen und dankbar zusammenfassen ‒ das Kreuz.[3]

Johannes Kaup: «Das Geistige und das Emotionale, das Leibliche und Seelische, das Profane und das Heilige, das Zeitliche und das Ewige: Wie hängen diese Doppelbereiche zusammen bzw. wie existieren Sie in diesen Doppelbereichen so, dass Sie nicht an einer Gespaltenheit leiden?»

Bruder David: «Diese Gegensätze begegnen uns überall, und die wichtige Einsicht ist, dass wir sie zwar unterscheiden können, aber nicht trennen dürfen. Sie bleiben Gegensätze, gehören aber innig zueinander und bedingen einander. Sie polarisieren nicht das Leben, sondern sind Pole einer unteilbaren Einheit.

Clemens Brentano weist an einer wichtigen Stelle seiner Dichtung auf Pole jeder vollen Lebendigkeit hin:

‹O Stern und Blume, Geist und Kleid, Lieb, Leid und Zeit und Ewigkeit.›

Rilke hat dafür den schönen Begriff Doppelbereich geprägt.

Wir können Polarisierung dadurch vermeiden, dass wir den einen Pol anschauen und in diesem Pol schon den anderen sehen. Ich schaue z. B. auf die Zeit und erfahre in der Zeit die Ewigkeit, eben das Jetzt, das über die Zeit hinausgeht. Oder ich schaue auf das Leid und sehe darin das irdische Antlitz der Liebe. Ich schaue auf den Stern und sehe darin die Blume oder ich schau die Blume und sehe darin den Stern. Der ganze Kosmos ist ein Doppelbereich.»[4]

[Die Quellenangabe zum obigen Text in Anm. 1, 3f.]

[Ergänzend:

1. Die Crux gemmata:

Fragen, denen wir uns stellen müssen (2016): Tag 4 ‒ Nachmittag
‹Memento mori› ‒ ‹memento vivere›:
Gespräch:
(01:08:24) Die Crux gemmata, das mit Edelstein geschmückte kosmische Kreuz im Vergleich zum Isenheimer Altar

Das Leid des Lebens zu Herzen nehmen (1992)
Zweites Seminar mit Bruder David im Rittersaal des Schlosses Goldegg
Teil 1:
(21:55) Der Auferstandene trägt nicht Narben, sondern freudenstrahlende Wunden: Ursprünglicher Sinn der Kreuzenthüllung und Ausklang mit Glockengeläut

2. Prophetischer Gehorsam im Sinnbild des Kreuzes:

Arbeit und Schweigen, Beitrag von Bruder David im Buch Geist und Natur (1989), 298; siehe auch Reich Gottes ‒ ‹gekreuzigt›: Ergänzend: 2.:

«Das Ideal des Gehorsams ist der prophetische Gehorsam, das heißt, ein Gehorsam, der so tief horcht, dass er etwas hört, was die vorherrschende Meinung nicht hören will, und nicht umhin kann, es klar herauszusagen.

So wie der Prophet Jeremias, der es ja gar nicht sagen will. Er schreit: ‹Ich will meinen Mund verschließen, weil es mich in solche Unannehmlichkeiten bringt, aber es verbrennt mich von innen. Ich kann nicht anders, es stößt mir von innen den Mund auf› (Jer 20, 7-18).

Wenn wir sagen, denen geb ich es jetzt einmal, ich weiß schon, was Gott von denen will, dann sind wir höchstwahrscheinlich nicht gerade prophetisch. Wenn wir uns winden und wenden, aber nicht umhin können, es doch zu sagen, dann besteht eine gewisse Möglichkeit, Prophetisches zu äußern.

Aber es gehört noch etwas dazu. Das freie und tapfere Aussprechen genügt nicht, obwohl das schon schwer genug ist. Wenn wir es jetzt sagen und dann schnell hinausgehen, schnell verschwinden, dann sind wir nur noch Kritiker von außen, aber der Prophet ist kein Kritiker von außen. Der Prophet steht drinnen, mitten in der Gemeinschaft. ‹Kein Prophet kann außerhalb Jerusalems sterben› (Lk 13,33),[5] sagt Jesus, das heißt, er muss dort sein, wo es ums Wesentliche geht.

So müssen auch wir mitten drinstehen. Dieses Drinstehen in einer Gemeinschaft ist so schwierig, dass man glauben sollte, es genüge schon. Drinnen zu bleiben, ohne sich bemerkbar zu machen, ist schwer genug. Darin, dass beides von uns verlangt wird, in der Gemeinschaft zu stehen  u n d  sie zugleich herausfordern, da liegt das Kreuz des Propheten.

Das Drinnenstehen ist der senkrechte Balken und das Herausfordern ist der horizontale Balken.

So endet jeder Prophet früher oder später am Kreuz. Versuchen Sie nur einmal bei irgendeiner Gelegenheit, wirklich aus dem tiefsten inneren Horchen, aus dem Herzen zu sprechen, besonders dann, wenn sich das, was Sie sagen wollen, mit der vorherrschenden Meinung nicht ganz verträgt. Sie werden auf die eine oder die andere Weise gekreuzigt werden.»]

_______________

[1] Transkription des Vortrags (03:58-09:53) Mit dem Herzen horchen (1988):
(03:58) ‹Ich verrinne, ich verrinne›
/ (06:32) ‹Wer seines Lebens viele Widersinne (R. M. Rilke aus dem Stundenbuch) / (07:56) Die Sinne im Sinnbild zusammenführen, Sinn finden: Das worin wir Ruhe finden ‒ Augenblicke, in denen uns das Leben plötzlich in ein Sinnbild gefasst wird

[2] Mit diesem Gedicht enden die ‹Blätter aus dem Tagebuch der Ahnfrau›, die Fortsetzung des Märchens ‹Gockel, Hinkel und Gackeleia›. In den heutigen Ausgaben trägt das Gedicht die Überschrift ‹Eingang›.

[3] Fragen, die uns bewegen (2005):
(28:48)
‹Wer seines Lebens viele Widersinne› (Rilke, Das Stundenbuch) ‒ ‹O Stern und Blume, Geist und Kleid, Lieb’, Leid und Zeit und Ewigkeit› (Clemens Brentano, ‹Eingang›); der Text dazu in Einsichten aus Rilkes Dichtung, Teil II (2014), 121-123, und der Vortrag Fragen, die uns bewegen (2005), abgedruckt im kleinen Buch Und ich mag mich nicht bewahren (2012): Vom Älterwerden und Reifen, 29-32

[4] Ich bin durch Dich so ich (2016): ‹9 Doppelbereich ‒ 9. Dialog›, 190f.; siehe auch Doppelbereich: Ergänzend: 2.

[5] Audio in Reich Gottes ‒ ‹gekreuzigt: Ergänzend: 3.2.



Quellenangaben

Text und Audios von Br. David Steindl-Rast OSB

jesus d christus titelCopyright © - Klaudia Menzi-Steinberger

 [Vortrag (05:21-30:56)]

«Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.

Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.

Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh die andre an: Es ist in allen.

Und doch ist einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.»

Rainer Maria Rilke: Herbst

«Es sind viele, viele Anklänge in dem Gedicht, nicht nur, dass jetzt gerade so Frühherbst ist und die Blätter fangen schon an zu fallen und

‹sie fallen mit verneinender Gebärde.›

Aber dieses Nein ist doch auch schließlich ein Ja oder fällt in das unendliche Ja Gottes.

‹Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh die andre an: Es ist in allen.

Und doch ist einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.›

Und mir klingt das fast wie ein Echo des Satzes im Johannesbrief:

‹Wenn dein Herz dich anklagt, Gott ist größer als dein Herz› (1 Joh 3,20).

Dieses Fallen ist auch ein Anklagen unseres Herzens und ich stell mir vor, dass besonders die, die mit Theresia viel zusammen waren, sich auch ständig immer fragen ‒ so ist das ja in solchen Gelegenheiten: ‹Hab ich das Rechte gesagt, hab ich das Rechte getan, was hätte ich sonst noch tun können. Wo war ich noch nicht, wie sie mich gebraucht hat?›

‹Wenn unser Herz uns anklagt, Gott ist größer als unser Herz› (1 Joh 3,20).

Sein sind diese Hände, in die wir da fallen, die allgemeine Fallkraft uns zieht ‒, die Schwerkraft, die zieht uns auf diesen Schwerpunkt hin. Das müssen wir schon ernst nehmen. Und überhaupt, ich glaube, dass der Trost, den wir finden können, immer daraus entspringt, dass wir den Tod ernst nehmen.

Wenn wir den Tod nicht ernst nehmen, nehmen wir auch das Leben nicht ernst und finden auch nicht den Trost, den wir finden können.

Aber wenn wir den Tod ernst nehmen, dann sehen wir zunächst, dass wir alle unsern Tod wählen.

Wenn es so dramatisch und mitten im Leben ist, wenn die Umstände so ungewöhnlich sind, dann ist es offensichtlicher.

Aber jeder, der mit Sterbenden war und der irgendetwas vom Sterben weiß und den Tod ernst nimmt, weiß auch, dass wir nicht sterben können, solange wir nicht unsern Tod willentlich wählen.

Natürlich ist es meistens für uns eine Krankheit oder einfach Altersschwäche, die uns umbringt, aber umgebracht werden ist ja noch nicht sterben.

Sterben ist etwas, was wir freiwillig tun müssen.

Sterben hat kein Passiv in der deutschen Sprache und in keiner der andern Sprachen, die ich kenne. Man kann nicht sagen: ‹Ich werde gestorben›

‹I c h  s t e r b e.›

Und darin drückt die Sprache eine tiefe Einsicht aus, dass es sich hier um etwas handelt, was uns tatkräftigen Mut abverlangt. Wir müssen etwas tun.

Und die Schwierigkeit ist nun, dass wir gerade in den Situationen, in denen wir gewöhnlich sterben müssen, nicht sehr tatkräftig sind, dass wir schwach sind, alt sind, krank sind, unter schrecklichen Schmerzen stehen, leiden, gepresst sind, gedrängt sind.

Und da entspringt auch wieder ein zweiter Punkt aus dem Ernstnehmen des Todes:

Erstens, dass wir willentlich sterben müssen: alle ‒ dass man nur willentlich sterben kann, aber:

Zweitens, Dass die meisten von uns das nicht im letzten Augenblick können. Das ist nicht anzunehmen, daher weiß man nicht, wann wir wirklich sterben.

Wenn wir den Tod ernst nehmen, sehen wir mehr und mehr, dass es wichtigere Todespunkte in unserem Leben gibt als die letzte Minute ‒, dass nicht anzunehmen ist, dass die meisten Menschen in ihrer letzten Minute sterben. Ich könnte mir vorstellen, dass die meisten Menschen irgendwann in der Mitte ihres Lebens sterben. Wir wissen ja auch nicht ‒ und das ist die andere Seite ‒, wann Menschen wirklich zum Leben kommen.

Und zwar brauchen wir da gar nicht erst hinausschauen und uns fragen, ob das embryonale Leben bei der Befruchtung des Eis beginnt, oder beim Herzklopfen oder im dritten Monat oder im sechsten Monat: Das ist ja alles äußerlich gesehen. Wir brauchen uns nur selber zu fragen: Wann bin ich wirklich völlig lebendig geworden?

Sicher nicht bei der Geburt, sicher nicht wie ich sieben Jahre war, denn wie ich zehn Jahre war, war ich mehr lebendig, als wie ich sieben Jahre war, war mehr Leben da.

Wann bin ich der geworden, der ich eigentlich bin oder sein sollte oder werden sollte?

Wir wissen gar nicht, ob wir nicht schon den Gipfelpunkt erreicht haben in unserem Leben ‒, in gewisser Hinsicht sicher nicht, in gewisser Hinsicht schon. Wir wissen es nicht, es ist völlig verborgen.

Das zum Leben kommen ist völlig verborgen, warum soll denn das Sterben nicht völlig verborgen sein?

Wir wissen nicht, wann ein Mensch völlig lebendig wird und wir wissen nicht, wann der Mensch stirbt. Und meine persönliche Ansicht ‒ ich würde fast schon sagen: Überzeugung ‒ ist, dass wir genau an dem Punkt sterben, wo wir völlig lebendig werden.

(13:02) Das ist irgendwo ein ganz versteckter Punkt in unserem Leben ‒ wir wissen‘s vielleicht selber nicht ‒, aber, wenn wir einmal wirklich lebendig geworden sind, von da an ist nichts mehr übrig, als dass das Äußerliche sich dann zur Ruhe legt irgendwie. Und das ist mit allen von uns so.

Daher kann man auch von einem Leben, das so dramatisch und so plötzlich endet, nicht sagen, dass dieser letzte Sprung oder dieser letzte Tag oder diese letzte Woche das Ende dieses Lebens waren. Das kann irgendwann zur Fülle gekommen sein und schon zum Tod vor Jahren! Das wissen wir nicht, das ist völlig verborgen.

Und dann ‒ das ist auch nur so eine Anregung, einfach mein Denken und mein Fühlen und meine Überzeugung, aber keineswegs irgendwie dogmatisch ‒, können wir uns wieder fragen, wenn wir den Tod ernst nehmen:

(14:04) Wie ist das überhaupt mit der Zeit und dem nach dem Tode?

Was ist nach dem Tode? Und ich würde vorschlagen, dass wenn wir den Tod wirklich ernst nehmen, wie wir ihn ernst nehmen sollten ‒ schon als Christen sollten wir den Tod sehr ernst nehmen, denn Tod und Auferstehung hängen innigst zusammen, und wenn man den Tod nicht ernst nimmt, kann man die Auferstehung nicht ernst nehmen. ‒

Ich würde sagen, wir sollten sehr vorsichtig sein, von irgendetwas nach dem Tod zu sprechen. Denn, wenn wir den Tod wirklich ernst nehmen, so kommt der Tod dann, wenn meine Zeit um ist. Und wenn meine Zeit um ist, dann ist irgendeine andere Zeit für mich uninteressant. Das geht mich weiter nichts mehr an.

Und wenn meine Zeit um ist ‒ wenn sie wirklich um ist, das hängt damit zusammen, den Tod ernst nehmen ‒, dann ist nach dem Tod nichts. Das heißt natürlich nicht, dass ich einfach sage: Mit dem Tod ist alles aus.

Ich glaube, dass viele Menschen heute nur dann ernstlich über das sprechen können, was über den Tod hinausgeht, wenn sie es auch ernst nehmen, dass nach dem Tod ‒ und ich betone das Wort nach, das mit der Zeit zu tun hat ‒, dass nach dem Tod nichts mehr ist, weil nach dem Tod keine Zeit mehr ist.

Was kann dann nach dem Tod sein? Nichts nach dem Tod, für mich gilt nicht ‹nach dem Tod›, aber wir drücken uns halt so ungeschickt aus, weil wir betonen wollen, dass wir ein Leben kennen, das über den Tod hinausgeht. Nicht zeitlich nachher, sondern über den Tod hinausgeht. Und das kann nur ewiges Leben  sein, das kann nur Ewigkeit sein.

Das Einzige, das über Zeit hinausgeht, ist Ewigkeit.

Darum betone ich das so, denn wenn wir da nicht vorsichtig sind, wird plötzlich aus der Ewigkeit eine lange, lange, lange Zeit. Wir müssen da schon ehrlich mit uns selber sein: Wer von uns würde nach dem Tod eine lange, lange, lange Zeit weiterleben wollen? Noch so glücklich irgendwo. Es ist ein untragbarer Gedanke, dass die Zeit ewig weitergeht, ununterbrochen weiter, es ist den meisten Menschen ein völlig unerträglicher Gedanke. Und es ist eine große Erleichterung, wenn man sich sagen kann:

‹Meine Zeit wird einmal um sein.›

Und dann kann man erst überhaupt anfangen, wirklich aufzuatmen und das Leben zu leben, das gar nicht von der Zeit gefangen ist. Denn eine Zeit, die auch nach dem Tod nur so in ein Tunnel hineingeht und auf der andern Seite wieder herauskommt und die Minuten reihen sich weiter an für Millionen Jahre und Milliarden Jahre und dann noch Milliarden Jahre, so wie man sich Ewigkeit vorstellt, wäre ja unerträglich, menschlich gesprochen.

Aber wenn wir sehen: Die Zeit ist aus! Gott sei Dank! Besonders, wenn es uns schlecht geht, kann das ein sehr hilfreicher Gedanke sein, und wenn es uns gut geht auch. Das wird auch vergehen. Dann kosten wir es erst so richtig aus. Und dann stoßen wir vor in den Bereich, in den wir als Menschen eigentlich vorstoßen sollten, und das ist der Bereich der Ewigkeit.

(17:43) Und Ewigkeit ‒ das haben wir immer schon gewusst und hätten es schon immer wissen sollen aus unserem Religionsunterricht ‒, ist nicht eine lange, lange Zeit, sondern die Seinsweise Gottes, oder wie der hl. Augustinus es sagt: Das ‹Nunc stans›:[1] das Jetzt, das nicht vergeht, das Jetzt, das stehen bleibt, das besteht. Und wir kennen dieses Jetzt, wir kennen diese Ewigkeit jetzt schon. Das steht hinter Goethes «Faust»,

‹zum Augenblicke möchte ich sagen:
Verweile doch du bist so schön.›
[2]

Wir brauchen das dem Augenblick gar nicht sagen, denn Augenblick, der wirklich dieser Augenblick ist, der so schön ist, in dem erleben wir schon etwas, was einfach über die Zeit hinausgeht. Und wir wissen das alle, ich appelliere da nur an Euer eigenes Erleben: Wir haben alle Augenblicke erlebt, die vielleicht nur Bruchteile von Sekunden waren und uns vorgekommen sind wie Stunden oder Tage oder Jahre, und wir haben lange Zeitstriche erlebt vielleicht, unter Umständen Stunden sogar, die wie ein Augenblick vorbeigegangen sind. In diesen Momenten stehen wir über der Zeit, hat Zeit keine Bedeutung mehr. In diesen Augenblicken wissen wir auch zugleich, dass der Tod uns überhaupt nichts anhaben kann, wir sind über den Tod erhaben, sind völlig ausgesöhnt mit dem Tod. Wir denken manchmal, hier in einer solchen Situation sollte man sterben, so jetzt wäre ich bereit zu sterben, denken wir in dieser Lage.

Aber wenn wir in diesem Jetzt, das nicht vergeht, in das wir hineinreichen als Menschen, wenn wir in der Zeit stehen, aber wir sind nicht in der Zeit: wir gehen nicht in der Zeit auf. Wenn wir in dieses Jetzt hineinreichen und hineinwachsen, immer mehr uns darin zu Hause fühlen: Immer wieder beten die Kirchengebete ‒ wenn man das römische Missale anschaut ‒, immer wieder erinnern sie daran, dass wir in der Ewigkeit verankert sein sollen, dass wir dort unsere wahren Freuden haben, sie sollen uns nicht vergehen. Das ist dieser Bereich, das ist nicht später ‒ so eine Art geistliches Sparbuch, in das man so Einlagen macht und dann, wenn man stirbt, kriegt man sie wieder heraus. Dass wir jetzt hier und jetzt schon dort verankert sind, wo die ewigen Freuden sind.

Und wenn wir so leben, dann werden wir viel lebendiger. Dann macht der Tod uns lebendig. Und das steht ja auch hinter dem ‹Memento mori›, das man auf den Sonnenuhren sieht, und manchmal steht dort auch: ‹Memento vivere›, ganz das gleiche: An den Tod sollen wir uns nur deswegen erinnern, weil uns das viel lebendiger macht und weil es uns endlich zeigt, weil es uns endlich dazu aufweckt, so zu leben, wie wir wirklich leben wollen, wenn wir nur eine begrenzte Zeit zur Verfügung haben. Und wir haben eine begrenzte Zeit zur Verfügung.

Dann könnte man noch sehen, wenn wir den Tod so ernst nehmen, dann haben auch unsere Leiden, unsere Freuden, unsere Lebensumstände, die Wahlen die wir treffen, die Entscheidungen, die wir treffen, ganz eine andere Bedeutung, denn sonst stellen wir uns das nur so vor ‒ ein bisschen karikiert ‒, aber wir denken, das Leben ist so eine Art Wartezimmer, wo man so wartet, oder wenigstens so wie zu Weihnachten, wo die Kinder draußen warten müssen bis das Glöckerl leutet und dann die Tür aufgeht und da ist der Christbaum. So stellt man sich das häufig vor: wir warten so da herum und dann, wenn die Tür aufgeht, sehen alle den gleichen Christbaum. Aber um Gottes Willen, warum müssen wir dann so schreckliche Dinge durchmachen: ich so, du was ganz anderes, ein Dritter wieder ganz etwas anderes: Warum müssen wir so verschiedene Leben erleiden, wenn wir dann alle zu dem gleichen Christbaum gehen?

Wir schaffen sozusagen das Fenster, durch das wir die Visio Beatifica haben werden. In Zusammenarbeit mit Gott schaffen wir jetzt den bestimmten Gesichtspunkt, in dem wir Gott sehen werden. Sonst ist es ja nur eine Quälerei dieses ganze Leben. Aber wenn mein Leben so sein muss, weil ich dann erst zu dem Menschen werde, der Gott so verstehen kann auf eine ganz einzigartige Weise, dann hat es Sinn und auch Sinn, dass wir sagen:

‹O Gott, du bist  m e i n  Gott› (Psalm 63,2) ganz persönlich.

(23:00) Vielleicht noch einmal zusammenfassend:

Also wenn wir den Tod wirklich ernst nehmen, wird uns zunächst bewusst, dass wir wirklich den Tod wählen und wir erkennen sogar, wenn wir aufmerksam sind, dass unser ganzes Leben sich eigentlich, schon lange vor dem endgültigen Tod, immer wieder durch ein Sterben in größeres Leben verwandelt. Wir kommen immer wieder zu einem Engpass, wo wir sagen müssen, so geht’s nicht weiter, das bringt mich noch um, sagen wir. Es bringt einen auch um. Wir kommen öfters in Gelegenheiten, die einen wirklich umbringen. Und wenn wir dann sterben: in demselben Augenblick, in dem uns etwas umbringt, sehen wir, dass wir auf der anderen Seite herauskommen, viel lebendiger.

Aber auch: Ich fürchte viele von uns sind manchmal durch Situationen hindurchgegangen, wo uns etwas umgebracht hat, und wir sind nicht gestorben. Und da haben wir noch so in unserer Vergangenheit diese nur toten und nicht wieder lebendig gewordenen, nicht auferstandenen Teile von unserem Leben, und solang wir noch in dieser Zeit sind, haben wir die Gelegenheit, durch Erinnerung diese toten Teile unseres Lebens in die Gegenwart zu bringen und jetzt zu sterben. Damals konnten wir nicht. Jetzt sterbe ich dafür. Das heißt:

‹Ich gebe mich völlig dem hin.›

Und auf einmal wird auch der Teil wieder lebendig. Und das kann manchmal nach zwanzig oder dreißig oder noch mehr Jahren sein. Dass plötzlich etwas, was vorher nur tot war, wieder lebendig werden kann in unserem Leben.

Also wir dürfen es ernst nehmen, dass wir unsern Tod wählen. Und zwar nicht nur einmal, sondern immer wieder willentlich sterben, das heißt willentlich uns dem Leben hingeben, denn das Leben zielt immer wieder durch das Sterben auf größeres Leben hin.

Wir sehen dann, dass unsere Zeit begrenzt ist, und das kann auch wirklich eine Erleichterung sein, und zugleich kann es uns in eine ganz andere Dimension hineinführen, nämlich in die Dimension der Ewigkeit, die jetzt mitten in der Zeit anbricht:

Wenn wir mitten im Leben im Tod sind, dann sind wir auch mitten im Leben in der Ewigkeit.

Und dann: dass die Erinnerung an den Tod uns eben wirklich völlig lebendig macht, und dass wir durch unser Leben das Fenster oder die Linse, den Spiegel schaffen, in dem wir dann Gottes Antlitz sehen.

Denn jetzt leben wir in der Zeit, in der die Zukunft ununterbrochen die Vergangenheit auffrisst. Und was wir Gegenwart nennen, ist kaum ein dünner Saum zwischen Vergangenheit und Zukunft. Und solange es noch die kleinste Strecke von Zeit ist, kann man es immer noch in die Hälfte teilen, und die Hälfte davon ist nicht, weil sie nicht mehr ist, ist schon vergangen; die andere Hälfte ist nicht, weil sie noch nicht ist, in der Zukunft: diese Zukunft frisst ständig die Vergangenheit auf. Wo ist die Gegenwart?[3]

Die Gegenwart ist das Jetzt, für uns Menschen das Jetzt ‒ man kann sich fragen, ob Tiere überhaupt eine Gegenwart haben: das wissen wir nicht ‒, aber für unser menschliches Bewusstsein ist die Gegenwart das Jetzt, das nicht in der Zeit ist. Es ragt aus der Zeit heraus ‒ in der Zeit ist nur Vergangenheit und Zukunft. Aber wir kennen die Gegenwart: Wir kennen sie als das Jetzt, das ist Ewigkeit, das ist Gottes Leben: Das, was für uns Zeit ist, ist für Gott Ewigkeit:

‹das Jetzt, das nicht vergeht›.

(27:21) Und jedes Jetzt unseres Lebens ist uns gleich nahe. Wenn wir an ein Jetzt denken vor fünfzehn, zwanzig Jahren und an ein Jetzt von Gestern: die sind uns nur in Hinblick auf die Zeit, irgendwie geschichtlich weiter entfernt, aber in unserem Erleben ‒, wenn wir uns an ein Kindheitserlebnis erinnern, ist es ganz frisch da, wie wenn es jetzt wäre ‒, es ist auch jetzt: Alles, was wir wirklich in unserer Erinnerung haben, ist jetzt, und daher kann man sagen, dass in dem Augenblick, wo für mich die Zeit zu Ende ist ‒ so definiere ich den Tod: die Zeit ist um ‒, wenn meine Zeit um ist, in dem Augenblick brauche ich mich um Zeit nicht mehr zu kümmern, und alles, was ich habe, ist Ewigkeit: Jedes Jetzt meines Lebens ist gegenwärtig.

Und da brauche ich dann nicht den Kopf zu zerbrechen: Werde ich dann in der Ewigkeit alt sein oder jung oder mittelalterlich oder wann wars am besten oder was suchen wir da aus und so: Alles auf einmal! Das Jetzt, das ganze Leben jetzt. Und in diesem Leben sehen wir die Gegenwart Gottes. Denn das macht ja unser Jetzt immer wieder aus.

Und in diesem Jetzt haben wir dann alle die andern, die in irgendeiner Weise zu unserem Leben gehört haben. Selbstverständlich nicht nur die andern Menschen! Da kommt diese ganze Frage: Werden wir unsere Hunde im Himmel wieder sehen oder unsere Katzen usw.? Wenn man das so anpackt, wie das bisher angepackt wurde: Ja, haben die eine unsterbliche Seele, haben die keine unsterbliche Seele? ‒ Das ist mein Hund und  i c h  habe eine unsterbliche Seele: Wenn ich in den Himmel komme und der Hund nicht dort ist, dann gehe ich wieder! Der Hund ist dort ‒ selbstverständlich ‒, er ist ja ein Teil meines Lebens.

Und alle andern Menschen, denen ich je begegnet bin, und so Menschen, die man nur einmal, so episodenhaft gesehen hat … und da kann man sich dann ausdenken: Was wäre gewesen, wenn wir uns besser kennengelernt hätten? Das ist jetzt alles möglich, und nachdem alles mit allem zusammenhängt ‒ das wissen wir auch in diesem Leben schon ‒, reicht unsere Ewigkeit in jeder Richtung auf das Ganze. In diesem Ganzen sind wir ein kleiner Punkt, der sozusagen das Ganze beinhaltet, und jeder kleine Punkt beinhaltet das Ganze und in dieser unglaublichen Facette spiegelt sich die Gegenwart Gottes.

Und so hängen wir dann auch wieder mit Theresia zusammen und jeder von uns auf ganz verschiedene Weise dadurch, dass wir sie auf ganz verschiedene Weise gekannt haben, aber sie gehört zu unserem Leben. Und zu unserer Ewigkeit.

Also jedenfalls, das sind so ein paar Punkte …, aber wenn ihr etwas von ihr erzählen wollt, vielleicht auch Begegnungen oder so oder irgendwelche Fragen, die durch meine Vorschläge angeregt wurden, wäre es eure Gelegenheit, das weiterzuspinnen.

[Transkription des Vortrags Wähle das Leben (5 Mose 30,19) (1992)]

[Ergänzend:

1. «Der Mensch stirbt nicht am Tod, sondern an ausgereifter Liebe» (Otto Mauer):

Filminterview Was am Ende wirklich zählt (2022); siehe auch Transkription, 8 und Reifen: Ergänzend 2.:

«Wenn ich Liebe sage, meine ich das gelebte Ja zur Zugehörigkeit und wenn man genau hinschaut, sieht man, dass sich das eigentlich ‒ so wie eine Definition ‒ auf alle Formen der Liebe anwenden lässt.

Es ist das gelebte Ja zur Zugehörigkeit. Wenn wir das üben ‒ das ist natürlich das Entscheidende am ganzen Leben ‒, die Liebe ist das Entscheidende.

Ein großer Denker ‒ Otto Mauer ‒, ein Wiener Priester, Mitte des 20. Jh., hat das wunderschön ausgedrückt:

‹Der Mensch stirbt nicht am Tod, sondern an ausgereifter Liebe›.

Also das ist die Aufgabe des ganzen Lebens: die Liebe ausreifen zu lassen.»

Audio Fragen, denen wir uns stellen müssen (2016)
Tag 4 ‒ Nachmittag:
‹Memento mori› ‒ ‹Memento vivere›:
(16:02) ‹Der Mensch stirbt nicht am Tod, sondern an ausgereifter Liebe›, wie Otto Mauer Thornton Wilders Roman ‹Die Brücke von San Luis Rey› zusammenfasst
(45:48) Gespräch: Was, wenn die Liebe nicht ausgereift ist? Reinkarnation und Fegefeuer

Audio Fragen, die uns bewegen (2005), abgedruckt im kleinen Buch Und ich mag mich nicht bewahren (2012): Vom Älterwerden und Reifen, 25f.:

«Und dann kommen wir gegen Abend, in der Lebensreife, im Herbst jeden Jahres immer wieder zu der Frage: ‹Woran reifen wir?› Es gibt nichts Traurigeres als ein unausgereiftes menschliches Leben. Und darum nichts Traurigeres als den Tod eines jungen Menschen. Ich muss an den Tod dieser unzähligen jungen Menschen denken, die jetzt im Krieg sterben. Da kann ich mich nur darüber hinwegtrösten, indem ich an ein Buch von Thornton Wilder denke, das vielleicht viele von Ihnen kennen, ‹The Bridge of San Luis Rey›.

Es erzählt von einem Franziskaner, einem Missionar, der im 18.Jahrhundert in Peru zu einer Seilbrücke kommt, die schon Hunderte von Jahren gehalten hat. Doch gerade in dem Augenblick, wo er auf die Brücke gehen will, bricht sie zusammen und reißt fünf Menschen in den Abgrund. Und er stellt sich jetzt die Frage: ‹Warum gerade diese fünf?› Der Missionar geht dem Lebenslauf dieser fünf Menschen nach und kommt am Ende des Buches zu dem Schluss:

‹Man stirbt nicht am Tod, man stirbt an der ausgereiften Liebe.›

Und die Liebe kann schon sehr früh ausreifen. Die Kirschen reifen schon im Juni, die Trauben erst im Oktober. Wir wissen es nicht. Von außen kann man es nicht sehen. Wenn junge Menschen sterben, dürfen wir hoffen, dass ihre Liebe ausgereift war. Ja, wir können dessen eigentlich sicher sein.»

2. Den Tod ernst nehmen und umdenken:

Retreat-Woche in Assisi (1989)
Schöpfungsmythos und Anfangsritual am Beispiel der hl. Taufe:

(27:21) «Wir sind mit Ewigkeit als Menschen ebenso vertraut wie mit Zeit. Denn wir wissen, was ‹Sein› heißt und was ‹Ist› heißt, in dem Rilke Gedicht:

«Du sagtest  l e b e n  laut und  s t e r b e n  leise
und wiederholtest immer wieder:  S e i n!»
[4]

Wir wissen, was ‹Sein› heißt. Aber ‹Sein› findet man nicht in der Zeit. In der Zeit ist immer nur ‹war› und ‹wird sein›. Und was war, ist nicht, denn es ist nicht mehr, und was sein wird, ist nicht, denn es ist noch nicht. Und was ist, muss im Jetzt sein: Jetzt, hier, aber dieses Jetzt lässt sich immer noch in die Hälfte teilen, und die Hälfte von Jetzt ist nicht, weil sie nicht mehr ist, und die andere Hälfte ist nicht, weil sie noch nicht ist. ‒ Solange es noch eine Strecke von Zeit ist, lässt es sich teilen: Das Jetzt ist nicht in der Zeit. In der Zeit frisst die Vergangenheit nahtlos die Zukunft auf, und wir wissen, was Jetzt ist, weil wir aus der Zeit herausragen. Wir ‹ex-istieren›, das heißt, wir ragen heraus aus der Zeit in das Jetzt, das  i s t.[5]

Und Augustinus definiert die Ewigkeit ‒ soweit man das Definition nennen kann ‒, in wunderbarem Latein, zwei Wörter nur: ‹Nunc stans›: das Jetzt, das steht, das Jetzt, das nicht vergeht.[6] Das ist die Ewigkeit: Das Jetzt, das  i s t  ohne zu vergehen. Das ist Gottes Ewigkeit.

(29:30) Wir ragen also als Menschen aus der Zeit in Gottes Ewigkeit hinein. Wir kennen beides. Und darum leben wir schon jetzt ewiges Leben. Besonders in den Augenblicken, in denen wir völlig lebendig sind, ragen wir in diese zeitlose Ewigkeit hinein. Und wenn wir wirklich gegenwärtig sind, wenn wir nicht so halb schon uns selbst voraus sind und halb hinten nachhängen, weil wir uns an etwas klammern, was nicht mehr besteht und halb uns hinausstrecken: Wenn wir wirklich gegenwärtig sind, dann ragen wir in dieses Jetzt hinein, das Bestand hat und nicht vergehen kann.

Und das ist jetzt einfach meine Vorstellung ‒ Vorstellung ist vielleicht auch schon zu viel gesagt ‒, aber meine Annäherung an was ewiges Leben und Auferstehung von den Toten bedeuten kann, wenn es nicht ein Herauskriechen aus dem Grab ist, und dann geht alles wieder so weiter wie vorher. Das kann man heute nicht mehr so denken. … Wir müssen das irgendwie umdenken. Und ein Weg das umzudenken ist folgender:

(30:56) Ich weiß, was  i s t  heißt, ich weiß, was  s e i n  heißt, finde es aber eigentlich nicht in der Zeit. In der Zeit findet man nur immer ‹wird sein› und ‹war›. Aber ich kenne es doch, weil ich aus der Zeit herausrage. Und wirklich mich im Sein zu verwurzeln wird mir dadurch verhindert, dass ich in der Zeit stehe. Ich kenne das Sein, ich kenne das Ist, ich kenne das Unvergängliche, aber ich bin auch in die Zeit eingetaucht wie in einen Strom, es fließt immer, ich habe keine feste Stelle in der Zeit.

Aber ich weiß, dass früher oder später meine Zeit um sein wird. In diesem Sinn ist es notwendig, dass wir das Sterben, den Tod wirklich ernst nehmen:

Wenn ich sterben muss, ist meine Zeit um. Daher hat es keinen Sinn, von dem zu sprechen, was ‹nach› dem Tod kommt. Wenn es wirklich Tod heißt, kommt nichts nachher. Denn wenn der Tod das Ende der Zeit ist, dann kann nachher nichts mehr kommen.

Es braucht aber gar nichts nachher zu kommen. Denn, was  i s t, ist immer schon da. Und das kann eine ungeheure Befreiung sein! Ich weiß nicht, ob ihr es nachvollziehen könnt, für mich ist es eine ungeheure Befreiung.

Denn wenn ich mir vorstellen müsste, dass die Zeit immer weiter geht, immer, immer weiter, immer weiter, immer weiter, das wäre Hölle, das Entsetzlichste, was man sich vorstellen kann.

Wir sind jetzt glücklich, wenn wir  s i n d, nicht, wenn wir immer gehetzt werden zwischen ‹wird sein› und ‹war›. In unsern glücklichsten, besten Augenblicken, wo wir wirklich lebendig sind, da  s i n d  wir.

(32:57) Und jetzt stelle ich mir das so vor, dass in dem Augenblick, in dem ich endlich weiß: Jetzt ist meine Zeit um, alles, was übrig bleibt, ist mein ganzes Leben, alles von meinem Leben, das  i s t. Das ist jetzt alles gegenwärtig. Denn wir wissen ja schon jetzt, dass ‒ wenn wir uns an etwas erinnern, was 20 Jahre zurückliegt, 30, 40, 50 Jahre zurückliegt ‒, solang wir uns erinnern können ‒ wenn es ein wirklich lebendiger Augenblick war, in dem wir voll gegenwärtig waren ‒, so ist uns das heute genauso nah, wie es morgen sein wird und gestern war: Wir haben diesen Zugang zu dem, was  i s t.

Das Einzige, was uns daran hindert, in dem Bereich wirklich zu leben, ganz da zu sein, ist, dass jetzt schon wieder ein nächster Augenblick kommt und ein nächster Augenblick. Wenn jetzt diese Augenblicke aufhören ‒ die Zeit ist vorbei für mich ‒, dann bin ich da, mit einem Seufzer der Erleichterung  b i n  ich.

(34:02) Wenn wir es uns so vorstellen können ‒ ich möchte es niemandem aufdrängen ‒, aber wenn wir das so sehen, dann schließt das andere Einsichten ein: Zum Beispiel so viele, viele Fragen, die die Kinder haben ‒ die Kinder haben immer die besten Fragen über Tod und Leben, weil sie sich noch trauen und diese existentiellen Fragen haben, so Fragen wie: Werden wir dann alle wieder beisammen sein? Das ist überhaupt keine Frage.

Natürlich werden wir alle wieder beisammen sein, das ist ja mein Leben. Mein Leben ist das Zusammensein, ich werde alle die Menschen sehen.

Frage: Werden die Tiere auferstehen? Dann kommt man mit der Seele der Tiere, die haben keine unsterbliche Seele. Das hat ja damit überhaupt nichts zu tun. Wenn das mein Tier war und ich lebe, dann lebt dieses Tier. Selbstverständlich ist der Himmel voll mit Haustieren und allen übrigen Tieren, die wir kennen. Die gehören ja zu unserem Leben. Wir brauchen ja gar nicht zu fragen, ob diese Katze das dann weiß, dass sie lebt. Das muss man Gott überlassen und der Katze. Für mich wäre das ja gar kein Himmel ohne die Katze und die Kinder wissen das vollkommen. Aber man muss vorstellungsmäßig dem gerecht werden.»

(35:53) «Wenn wir umdenken, dann ‹haben› wir plötzlich die Visio beatifica, die Schau Gottes, d u r c h  unser Leben.

Und man kann sich wieder fragen: Warum hat jeder so ein verschiedenes Leben, um alle dann den gleichen Himmel zu haben?

Wir haben ‒ jeder ‒ ein verschiedenes Leben, um den gleichen Himmel durch so viele verschiedene Weisen zu sehen. Wir sehen den Himmel durch das Fenster, das unser Leben ist. Wir sehen die Ewigkeit ‒ Gottes Gegenwart, die wir auch schon hier beginnen sollen zu erleben ‒, sehen wir dann dort, wenn die Zeit uns nicht mehr ablenkt, völlig gegenwärtig.»]

________________

[1] Der Ausdruck nunc stans findet sich erstmals bei Thomas von Aquin (1225-1274). Er hat eine lange Vorgeschichte, beginnend mit Platon (428-348 v. Chr.) und weiterführenden Beiträgen von Plotin (205-270), Augustinus (354-430), Boethius (ca. 480-524) und späteren Denkern zum Thema ‹Zeit und Ewigkeit›; siehe auch Jetzt und ewiges Leben, Anm. 8, und Fragen des Lebens, Anm. 2

[2] Faust zu Mephistoteles in Goethes ‹Faust. Der Tragödie erster Teil›:

‹Und Schlag auf Schlag!
Werd ich zum Augenblicke sagen:
Verweile doch! du bist so schön!
Dann magst du mich in Fesseln schlagen,
Dann will ich gern zugrunde gehn!
Dann mag die Totenglocke schallen,
Dann bist du deines Dienstes frei,
Die Uhr mag stehn, der Zeiger fallen,
Es sei die Zeit für mich vorbei!›

[3] Siehe auch Jetzt im Doppelbereich: Ergänzend: 2.3. und Jetzt und ewiges Leben: 3.3.

[4] Bruder David spricht das Gedicht von Rilke aus dem Stundenbuch ‹Ich lese es heraus aus deinem Wort› im Audio
Fragen, denen wir uns stellen müssen (2016)
Tag 4 ‒ Nachmittag:
‹Memento mori› ‒ ‹memento vivere›:
(04:33) ‹Der Tod ist groß›: Sterben in jedem Augenblick ‒ der Tod, die Frucht des Lebens ‒ den eigenen Tod sterben: Bruder David liest Gedichte und Verse aus dem Stundenbuch von R. M. Rilke

[5] Siehe auch Anm. 3

[6] Siehe auch Anm. 1


Quellenangaben

Text, Filme und Audios von Br. David Steindl-Rast OSB

hl geist georg stahl titelCopyright © - Barbara Krähmer

Morgens, mittags und abends erinnert das Angelusläuten vom Kirchturm die Gläubigen an die Botschaft, die der Erzengel Gabriel der Jungfrau Maria brachte, und an ihre Antwort, wie wir sie im Evangelium nach Lukas (1,26-38) lesen.

«Angelus» heißt (nach seinem ersten Wort im lateinischen Text) dieses täglich dreimal wiederholte Gebet. Es stellt gewissermaßen die christliche Parallele dar zu den durch Gebet geheiligten Zeiten im Islam und in anderen Traditionen.

An den drei Wendezeiten des Tages ‒ wenn die Nacht dem Tag weicht, wenn die Sonne sich am Mittag vom Aufstieg zum Abstieg wendet, und wenn der Tag sich abends neigt ‒ feiert das Angelusgebet den Einbruch des ewigen Jetzt in die Zeit und erinnert uns daran, in diesem Jetzt zu leben.

Die traditionelle Form dieses Gebetes ist einfach. Eine Abfolge der gleichen drei Verse zu jeder Tagzeit bildet sein Herzstück.

«Der Engel des Herrn brachte Maria die Botschaft, und sie empfing vom Heiligen Geist.»

Dieser erste Vers bietet ‒ vorausschauend ‒ eine Zusammenfassung dessen, worum es geht. Der zweite zitiert aus dem Evangelium (Lk 1,38), wie um uns einzuladen, selber mit Maria zu sprechen:

«Siehe, ich bin eine Magd des Herrn, mir geschehe nach Deinem Wort.»

Und der dritte Vers ‒ er stammt aus dem Prolog zum Johannesevangelium (Joh 1,14) ‒ will anzeigen, was sich damals ereignete und immer noch ereignet, wenn wir selber wie Maria das Wort Gottes mit offenem Herzen empfangen:

«Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt»

hat (richtiger) «unter uns Wohnung genommen», wohnt also heute wie damals unter uns.

Diese drei Verse sind miteinander verwoben durch ein dreimal wiederholtes Ave Maria, ein kurzes Gebet, das auch zum Großteil aus Worten des Verkündigungsengels an Maria besteht.

Von Kindheit auf habe ich den Angelus gebetet und kann bezeugen, dass er Kraft hat, dem Tagesablauf Form und Halt zu geben. Dreimal am Tag ruft uns dieses Gebet, inmitten aller Eile und Geschäftigkeit der Zeit, zurück ins zeitlose Jetzt.

Wann sollte denn das Wort Fleisch werden, wenn nicht jetzt?

Wie sollte das geschehen, wenn nicht dadurch, dass ich mich empfänglich öffne für den Heiligen Geist?

Was aber könnte mein Leben mächtiger verändern und dadurch auch meine Umwelt? Beim Angelus-Glockenläuten fließt der Mythos der Jungfrauengeburt[1] durch das Ritual des Angelus-Gebetes als lebensspendende Kraft in unser tägliches Leben ein.

Zu beten, nicht nur wenn es uns danach zumute ist, sondern wenn es Zeit ist ‒ und die Glocken  erinnern uns daran ‒, das hilft uns, unser Leben auf den großen kosmischen Rhythmus der Tages- und Jahreszeiten einzustimmen. Es «erdet» und verankert uns sozusagen in jener größeren kosmischen Wirklichkeit, die unsere verschwindend kleine Existenz hält und trägt.

Und Du? Nimmst Du Dir manchmal Zeit, zu unterbrechen, was immer Du tust und tief zu atmen? Die Welt braucht unser bewusstes Bemühen, immer wieder aus der Zeit ins Jetzt zurück zu kommen und uns in jungfräulicher Empfänglichkeit dem Heiligen Geist zu öffnen.[2]

Durch den Glauben sind wir selber mitten in der Zeit dennoch in dem Jetzt verankert das über die Zeit hinausragt. Das gibt uns festen Halt im Auf und Ab unseres Bemühens, für Gottes Liebe Zeugnis abzulegen.[3]

Wenn Gott den Spatzen nicht vergisst, dann kann sein kurzes Zwitscherleben niemals verlorengehen. Nur in der Zeit kann etwas enden. Wenn aber die Zeit selbst längst nicht mehr ist, bleibt alles, was aus der Zeitperspektive so flüchtig erschien ‒ jedes Spatzentschilpen ‒, taufrisch aufgehoben in Gottes ewigem Jetzt.

Das Jetzt ist über die Zeit erhaben, wir erleben es aber in der Zeit ‒ Augenblick um Augenblick ‒ sozusagen «gebrochen», wie das farblose Licht, wenn es uns ‒ Farbe um Farbe ‒ aufleuchtet.

Darin liegt viel Trost für alle, die über einen Todesfall trauern, denn im ewigen Jetzt dürfen wir ja unsere Freunde, unsere Verwandten und unsere lieben Tiere wiederfinden ‒ allerdings auch alle, mit denen wir uns jetzt in der Zeit streiten; es ist also keine schlechte Idee, uns jetzt schon auszusöhnen.[4]

So ruft auch in meiner Erinnerung Auferstehung des Fleisches Augenblicke wach, in denen meine Lebendigkeit so intensiv wurde, dass sie plötzlich Zeit und Vergänglichkeit überragte und im ewigen Jetzt ‒ wenn auch nur flüchtig ‒ an Unvergänglichkeit streifte.

Ich schließe meine Augen und öffne sie innerlich. Jetzt grünt um mich ein Sommermorgen in den Ost-Tiroler Alpen. Von der blühenden Bergwiese, zu der mich ein Fußpfad heraufführte, geht es fast senkrecht hinunter zum Sommerheim der Wiener Sängerknaben, bei denen ich Präfekt bin. Mit offenen Augen ist das «damals in meinen Studententagen», in der Erinnerung aber ist es jetzt.

Auch damals war es ja jetzt; und jetzt ist immer jetzt.

Das Jetzt lässt sich nicht vervielfachen; es ragt über die Zeit hinaus.

Nur wir verfangen uns immer wieder in der Illusion von Zeit.

Manchmal aber scheint es uns, dass die Zeit still steht, weil wir einen Augenblick lang ganz im Jetzt sind ‒ und so in der Ewigkeit, dem ‹Jetzt, das nicht vergeht›.

(In meiner Erinnerung ist das so ein Augenblick:) Tief unter mir probt der Chor, und durch die große Stille steigt Ton um Ton silberklar zu mir empor ‒ da Vittorias (c 1548-1611) Motette «Duo Seraphim».

Wovon der Text spricht, wird jetzt hier Wirklichkeit: Von Anbetung hingerissen, rufen zwei flammen-geflügelte Engel einander zu: «Heilig, heilig heilig!»

Das ist zugleich meine eigene innerlichste Stimme, die da singt; und nichts sonst ist von Bedeutung, als dieses unerschöpfliche «Heilig, heilig, heilig!» im ewigen Jetzt.

Ein zweites solches Erlebnis fällt mir ein, weil es auch mit Musik verbunden ist, und auch auf die Auferstehung des Fleisches Licht wirft. In der Zeit spielt es sich ein paar Jahre später ab, in der bleibenden Wirklichkeit aber ist es jetzt.

Wieder bin ich Präfekt bei einem Knabenchor, diesmal in Florida. Es ist der Abend vor den langen Ferien. Die meisten der jungen Sänger sind schon auf der Heimreise. Einer steht noch beim Klavier und singt Händels Arie «O hätt’ ich Jubals Harf’ und Miriams süßen Ton» ‒ wohl zum letzten Mal, denn er steht kurz vor dem Stimmbruch und wird nicht zum Chor zurückkehren.

Selbst unter all diesen ausgewählten Knabenstimmen ist sein Alt von einzigartiger Schönheit. Wie bernsteinfarbener Honig fließt das Abendlicht schräg durch die hohen Bogenfenster des halbdunklen Raumes und scheint in dieser Altstimme Klang zu werden.

Jetzt muss ich eine blitzschnelle Entscheidung treffen. Neben mir steht das Gerät, das mir erlaubt, diese Stimme auf einem Tonband zu «verewigen». Soll ich die Taste drücken? Fast schon strecke ich die Hand aus, aber etwas in mir sagt ein klares «Nein!» Dieser Augenblick ist  ja schon ewig.

Erinnerungen verblassen und verlöschen. Wenn aber meine Zeit um ist, wird das Jetzt jenes Tiroler Sommermorgens, das Jetzt jenes Abends in Florida, wird jedes Jetzt meines Lebens lebendige Gegenwart sein.

Nichts geht verloren, so flüchtig es erscheinen mag, denn «Alles ist immer jetzt».[5]

Ich glaube an die Auferstehung des Fleisches und das schließt natürlich auch die Toten ein ‒ weil alles Vergängliche unvergänglich aufgehoben ist im Jetzt, das nicht vergeht.

Es muss nicht wiedergebracht werden aus dem Staub, wie die Leiber der Verstorbenen auf mittelalterlichen Bildern vom jüngsten Gericht. Es ist ja mit dem auferstandenen Christus «in Gott verborgen» (Kol 3,3), gegenwärtig.

Darum vertraue ich, dass wir unsere Lieben mit jeder Sommersprosse und mit jedem Grübchen in der uns so lieben Wange «wiedersehen» werden, wenn wir «Gott schauen». «Gib mir Liebende», sagt Augustinus, «denn die wissen, was ich meine». Das kann auch ich hier sagen.

Vielleicht bist Du schon alt genug, um Fotos von Verwandten und Freunden zu besitzen, die Du von ihrer Geburt bis zu ihrem Tod kanntest.

Dann schließt Deine Liebe doch das Nackerpatzerl (liebevolle österreichische Ausdrucksweise für kleines nacktes Kind) in der Badewanne ebenso ein wie den zahnlückigen Volksschüler, den ruppigen Buben auf dem Fahrrad, den zum Abschluss-Ball geschniegelten Maturanten, das junge Ehepaar, und so Bild um Bild bis zum letzten matten Lächeln.

In welchem der Bilder siehst Du den von Dir geliebten Menschen? Nicht doch in jedem? Musst Du wählen?

Dieses Jetzt des Lebens ist gegenwärtig im «Jetzt, das nicht vergeht», das heißt in der Ewigkeit.

«Wir sind die Bienen des Unsichtbaren», schrieb Rilke.

«Nous butinons éperdument le miel du visible, pour l'accumuler dans la grande ruche d'or de l'Invisible.»

(«Inständig sammeln wir den Honig des Sichtbaren, um ihn anzuhäufen in der großen goldenen Wabe des Unsichtbaren.»[6])

Unsichtbar heißt hier: dem Bereich der Sinne entzogen. Sommermorgen und Winterabend, das «Heilig, heilig, heilig!» der Seraphim und «Miriams süßer Ton» sind nicht nur physiologisch gespeichert in meinem zur Verwesung bestimmten Gehirn.

Sie sind meinem über Zeit und Raum erhabenen Selbst mit der Glut des Geistes eingebrannt. Wenn einst der Wassertropfen meines Lebens ins Meer zurückkehrt, wird er nach dieser Musik schmecken, und das Meer wird diesen Geschmack unverlierbar enthalten.[7]

Manchmal in unserem Leben, und gerade wenn wir bis in die tiefsten Schichten unseres Seins wach und lebendig sind, können wir eine Art Zeitlosigkeit erfahren.

Minuten oder sogar Stunden können uns in diesem Bewusstseinszustand wie ein einziger Augenblick erscheinen.

Die Uhren ticken weiter, aber für uns steht die Zeit still.

Solche Augenblicke liefern den Erfahrungsinhalt für den Begriff von Ewigkeit.

In elegantem Latein definiert Augustinus Ewigkeit als «nunc stans»: Das «Jetzt», das nicht vergeht, weil es jenseits aller Zeit «steht».[8]

Ewigkeit hebt die Zeit auf. Danach sehnt sich das menschliche Herz.

Wie Goethes Faust wollen wir alle zum Augenblick sagen: «Verweile doch, du bist so schön!» Oder wie Friedrich Nietzsche (1844-1900) es ausdrückte: «… alle Lust will Ewigkeit ‒, will tiefe, tiefe Ewigkeit!»

Unser ganzes Wesen sehnt sich nach Befreiung von einer Zeit, die alles Gegenwärtige ununterbrochen zur Vergangenheit abbaut, so wie das Meer die Sandburgen, die wir als Kinder bauten, am nächsten Morgen immer wieder eingeebnet hatte. Mit unserem ganzen Leben geht es uns so:

«Uns überfüllts. Wir ordnens. Es zerfäIlt.
Wir ordnens wieder und zerfallen selbst.»
[9]

Der Gegenpol zu solchem Zerfall ist aber nicht einfach Bestand; damit blieben wir ja immer noch im Bereich von Zeit.

Was wir als Ewigkeit erahnen, ist nicht statisch, sondern im höchsten Grad dynamisch. Es ist jene von Zeit befreite Lebendigkeit, nach der sich alles in uns sehnt ‒ Ewiges Leben also.

Weil die uns hie und da flüchtig geschenkte Erfahrung davon weit über unsere jetzige Begrenztheit hinausgeht, schreiben wir sie dem göttlichen Leben zu, dem Heiligen Geist.

Je besser wir lernen im Jetzt zu leben, umso lebendiger werden wir. Das kann jeder Mensch durch eigene Erfahrung überprüfen. Auf Grund dieser Erfahrung vertrauen wir im Glauben, dass wir, wenn unser zeitliches Leben um ist, in Gottes ewiges Leben eingehen werden mit jener Lebendigkeit, die jetzt schon unsere eigentliche ist.

Tief innerlich verstehen wir, was Rilke meint, wenn er sagt:

«Mit kleinen Schritten gehen die Uhren neben unserem eigentlichen Tag.»[10]

Wer bekennt: Ich glaube an das ewige Leben, der verlegt das Schwergewicht seines Lebens auf das Jetzt, in dem die Zeit aufgehoben ist.

Von dieser Mitte her können wir «in Fülle» leben, weil Zeit für uns auf eine höhere Ebene hinaufgehoben ist. Wir brauchen uns nicht länger darüber Sorgen zu machen, dass unsere Zeit unaufhaltsam abläuft. Die Zeit, die so abläuft, ist für uns schon jetzt aufgehoben, sie ist außer Kraft gesetzt, abgeschafft. Aber gerade deshalb dürfen wir jeden Augenblick als Gabe und Aufgabe voll ausschöpfen. Das Jetzt in der Zeit gibt uns ja Zugang zum Jetzt, das über Zeit erhaben ist.

Wir dürfen darauf vertrauen, dass alles, was schön und gut und echt ist an der Zeit, aufgehoben und geborgen ist im ewigen Jetzt; mit jeder für uns bedeutsamen Einzelheit ist es liebend aufbewahrt dort, wo wir letztlich zuhause sind ‒ in Gott.

Weil wir an das ewige Leben glauben, dürfen wir das Leben hier ‒ wo immer wir sind ‒ im großen Jetzt, das die Zeit aufhebt, feiern.[11]

(Die Quellenangaben zum obigen Text in Anm. 2-4, 7, 10f.)

[Ergänzend:

1. Filme

1.1. Filminterview von Ramon Pachernegg mit Bruder David (2017), siehe auch Transkription:
(08:35) «Das JETZT ist nicht ein kleiner Teil der Zeit, sondern richtig verstanden ist das JETZT die Ewigkeit, also Nicht-Zeit ‒ das Gegenteil von Zeit, denn es geht über die Zeit hinaus. Es ist falsch zu sagen, das JETZT ist in der Zeit. Es ist richtiger zu sagen, die Zeit ist im JETZT»

1.2. Wir sind daheim in dieser Welt (1975); siehe auch Transkription:
(40:09) ‹Das Erlebnis ist nicht vollendet, bevor es nicht in Erinnerung übergeführt wird. Diese Verwandlung von Sinneserfahrung in Erinnerung ist eine Verwandlung aus dem Sichtbaren, Schmeckbaren, Tastbaren, Riechbaren, Hörbaren in einen Bereich des Übersinnlichen.
Der Dichter Rainer Maria Rilke hat das so schön ausgedrückt. Er vergleicht uns Menschen mit Bienen, die den Nektar des Sichtbaren in die großen goldenen Honigwaben des Unsichtbaren sammeln. Das ist unsere große menschliche Aufgabe.›

2. Audios

2.1. Vertrauen in das Leben (2014)
Vortrag:
(38:21) ‹Stirb und Werde› – Auferstehung meint etwas anderes – ‹Wir sind die Bienen des Unsichtbaren› (Rilke) – ‹Euer Leben ist verborgen in Gott› (Kol 3,3)

2.2. Dem Welthaushalt freudig dienen – Spiritualität 2011
Dem Welthaushalt freudig dienen: Pater Johannes und Bruder David im Gespräch:

(06:23) Ein bayerischer Biergarten im Himmel: Das Jetzt ist nicht in der Zeit ‒ die Zeit ist im Jetzt

2.3. Die Weisheit, die alle verbindet (2010)
Gespräch:
(11:56) Im Jetzt leben ‒ ‹All is always now› (T. S. Eliot)‚ ‹Nunc stans›: das Jetzt, das nicht vergeht (Augustinus) / (14:04) Warum gib es überhaupt Zeit? Bruder David zu Zeit und die Gelegenheit, Jetzt und Sterben, Tod / (15:44) Wie viele Gelegenheiten hast du verpasst in deinem Leben? ‹Was immer wir wählen, wird uns geschenkt, und was wir zurückweisen, wird uns am Ende auch geschenkt› (Tania Blixen [Isak Dinesen]: ‹Babettes Fest›)

2.4. Wähle das Leben (1992)
Vortrag in folgende Themen zusammengefasst:
(17:35) ‹Nunc stans› – Ankommen in der Ewigkeit

(26:02) Wenn jedes Jetzt meines Lebens gegenwärtig ist / (28:44) Nicht ohne meinen Hund

2.5. «Im Paradoxen Sinn erfahren»: Eröffnungsvortrag der Tagung Aufwachsen in Widersprüchen (1989); siehe die Transkription des Vortrags, abgedruckt im Buch Aufwachsen in Widersprüchen (1990), 61f.; siehe auch Jetzt im Doppelbereich: Ergänzend: 2.3.:

(11:07) «Im tiefsten fragt unser Herz das, von Anfang an:  W e r  b i n  i c h? ‒ Was bedeutet aber diese Frage? Die Betonung müsste da auf dem ‹b i n› liegen.
Ich muss mit dieser Spannung leben, dass ich der bin der dieses ‹bin› nie in der Zeit findet und es doch in der Zeit verwirklichen muss.»

2.6. Retreat-Woche in Assisi (1989)
Das Glaubensbekenntnis mit eigenen Worten zusammenfassen ‒ Ausklang mit Rilke Gedichten und dem Thema Reinkarnation:
(39:47) Im Jetzt leben: Deshalb das Desinteresse der jüdischen Propheten an Themen, die in den Religionen ihrer Nachbarvölker einen zentralen Platz einnehmen. ‒ «Von einem einzigen Punkt aus, wenn ich wirklich da bin, habe ich zu allem Zugang»: Br. David ermutigt zum wissenden Nichtwissen

3. Weitere Texte

3.1. Zeit der großen Glocken

3.2. Jetzt im Stundengebet: Ergänzend: 1.3. Audio und 2. Sext ‒ INBRUNST UND HINGABE, 94f.

3.3. Orientierung finden (2021): ‹Das Jetzt ‒ im Schnittpunkt von Zeit und Ewigkeit›, 81f.:

«Wir stellen uns typisch die Zeit als eine Linie vor, auf der das Jetzt der kurze Abschnitt zwischen Vergangenheit und Zukunft ist. Aber wie kurz dieser Abschnitt auch sein mag, wir können ihn in die Hälfte teilen. Dann ist die eine Hälfte  n i c h t, weil sie vergangen, also nicht mehr ist; die andre Hälfte ist auch  n i c h t, weil sie zukünftig, also noch nicht ist. Wir können diesen Teilungsprozess ad infinitum fortsetzen. Es zeigt sich also, dass dieses Jetzt, mit dem wir doch so vertraut sind, gar nicht in der Zeit ist. Im Gegenteil, wir sind berechtigt zu sagen: Die Zeit ist im Jetzt.

Alle Vergangenheit war ja einmal jetzt, und wenn die Zukunft kommt, wird sie jetzt sein.

‹Alles ist immer jetzt›, sagt T. S. Eliot ‒ ‹all is always now›.

Nur was jetzt ist, ist, sonst war es oder es wird erst sein, ist also nicht.

Wie erstaunlich: Mitten in der Vergänglichkeit erleben wir etwas, das Dauer hat ‒ das Jetzt. Johann Gottfried Herder (I744-1803) schrieb:

Ein Traum, ein Traum ist unser Leben
auf Erden hier.
Wie Schatten auf den Wogen schweben
und schwinden wir,
und messen unsre trägen Tritte
nach Raum und Zeit;
und sind (und wissen's nicht) in Mitte
der Ewigkeit.

Das Jetzt ist ‹der Schnittpunkt des Zeitlosen mit der Zeit› (T. S. Eliot) ‒ der Schnittpunkt von Zeit und Ewigkeit.

Ewigkeit ist ja nicht eine endlos lange Zeit, sondern der Gegenpol zu Zeit, ‹das beständige Jetzt›, das ‹nunc stans›, wie Augustinus Ewigkeit definiert. Wenn deine Zeit um ist, bleibt nur deine Ewigkeit.

Schon heute lebst du aber im Doppelbereich, gehörst also beiden Bereichen an.

Außen stehst du mitten in der Zeit; innen in dir aber ist die ‹Mitte des Immer, drin du atmest und ahnst›, wie Rilke in der ‹Elegie an Marina› schreibt.

Und für T. S. Eliot ist das Jetzt ‹der Augenblick in und außerhalb der Zeit› ‒ die Ewigkeit inmitten der Zeit.

Mein Selbst gehört zum Bereich der Ewigkeit. Mein Ich gehört zum Bereich von Raum und Zeit. Aber diese beiden sind der eine untrennbare Doppelbereich. Ich selbst bin eins ‒ nicht aus zwei Hälften zusammengesetzt. In diesem Bewusstsein zu leben, heißt im Jetzt leben. Nur dann bin ich ‹Ich-Selbst

3.4. Credo (2015): ‹gestorben›, 128f.:

«Meine Generation im Wien jener Zeit wuchs in Todesnähe heran. Über unseren Teenager-Jahren hingen die Gewitterwolken des Zweiten Weltkriegs, und täglich schlugen Blitze ein. Trotzdem, oder vielleicht gerade deswegen ist mir meine Jugend als eine Zeit strahlender Lebensfreude in Erinnerung. Bombenangriffe töteten täglich Unzählige; unsere etwas älteren Freunde fielen einer nach dem andern, an der Front; wir selber konnten an keine Zukunft denken. ‒

Dann war der Krieg plötzlich zu Ende, und ich wurde mir bewusst, dass ein Leben vor mir lag. Das kam wie ein Schock.

Da erinnerte ich mich an eine Mahnung aus der Regel des hl. Benedikt ‹Den Tod allzeit vor Augen haben!› und es war mir auf einmal klar: Mit diesem Bewusstsein sind wir ja aufgewachsen!

Zugleich sah ich aber ein, dass wir gerade deshalb so intensiv gelebt hatten. Wir mussten immer im Augenblick leben, und das ist ja der Schlüssel zur Lebensfreude. Es ist auch der springende Punkt im Mönchsleben.

Die Mönche der verschiedensten Religionen ‒ das sollte ich später erfahren ‒ sind sich darin einig dass alles darauf ankommt, im Jetzt zu leben.

Um die Lebensfreude, mit der ich aufgewachsen war, nicht versickern zu lassen, wurde ich schließlich selber Mönch. Und ich muss gestehen ich würde es wieder tun.

Auch das Mahnwort ‹memento mori› ‒ ‹Denk an das Sterben› ‒, das oft auf klösterlichen Sonnenuhren zu lesen ist, zielt auf das Im-Jetzt-leben ab.

Darum findet man nicht selten auch die Version ‹vergiss nicht zu leben!› Dies ist ja gemeint mit dem ‹Vergiss das Sterben nicht›. Also: ‹Carpe diem!› Nütze jeden Augenblick! Ein ‹guter Tod› ist ja die Frucht eines vollen Lebens. Diese Frucht reift mit jedem Atemzug; wenn wir rückhaltlos leben, dürfen hoffen, dass sie mit unserem letzten Atemzug ausgereift sein wird.»

3.5. Einsichten aus Rilkes Dichtung, Teil II (2014), 89-91:

«Das Jetzt ist ein ganz geheimnisvolles Geschenk.

Wir meinen, das Jetzt sei diese kleine und kleinste Strecke auf dieser Linie der Zeit, die aus der Vergangenheit kommt und in die Zukunft geht: Links ist die Vergangenheit, die ist nicht, weil sie nicht mehr ist, und rechts ist die Zukunft, die ist noch nicht, also auch nicht.

T.S. Eliot: ‹All is always now›im Jetzt,

und das ist nicht diese winzig kleine Strecke dazwischen.

Solange es eine Strecke ist, können wir sie in die Hälfte teilen und die eine Hälfte ist nicht, weil sie nicht mehr ist und die andere Hälfte ist nicht, weil sie noch nicht ist, und wenn jemand sagt: ‚Das ist Haarspalterei!‘ Stimmt! Aber solange es ein Haar ist, kann man es spalten. (Gelächter). ‒

Und wir kommen zu der Einsicht, dass das Jetzt gar nicht in der Zeit ist, im Gegenteil: Die Zeit ist im Jetzt.

Wenn wir uns an die Vergangenheit erinnern, sind wir im Jetzt in der Vergangenheit.

Wir können uns nicht an die Vergangenheit erinnern und in der Vergangenheit sein.

Die ganze Vergangenheit ist eingeheimst in das Jetzt.

Und wenn wir an die Zukunft denken, ist sie auch Jetzt und wenn die Zukunft kommt, wird sie Jetzt sein:

‹All is always now› — ‹Alles ist immer Jetzt›.

Und die Zeit ist einfach eine Ausdrucksweise dieses übervollen Jetzt, das uns nicht nur diese eine Gelegenheit geben will, sondern die vielen Gelegenheiten.

E s  teilt aus, es schenkt und schenkt und schenkt eine Gelegenheit nach der andern: Das ist das Jetzt.

Das Jetzt ist das Geheimnis, das Jetzt ist auch die Ewigkeit.

Das ist ja die Definition von Ewigkeit in der westlichen Tradition: ‹Nunc stans›, ‹Stehendes Jetzt›: Sehr elegant auf Lateinisch, nur zwei Wörter: nunc heißt jetzt und stans: es bleibt stehen.

Das Jetzt, das nicht vergeht.

Das ist die Ewigkeit, Ewigkeit ist nicht eine lange, lange Zeit.

Dieses Jetzt ist nicht nur das Jetzt des sich Freuens, sondern auch das Jetzt des Ringens, des Sturmes, – nicht nur das Bauen, sondern auch das Ringen ist das Tun.»]

 ___________________

[1] Credo (2015): ‹Geboren aus Maria der Jungfrau›, 94:

«Die dichterische Vorstellungskraft der frühen Christen sah im Jungfrauenschoß, aus dem der neue Adam geboren wird, ein Spiegelbild der jungfräulichen Erde, aus welcher der alte Adam im Paradies geformt wurde. In beiden Bildern bedeutet Jungfräulichkeit einen taufrischen Neubeginn. So wie ein Skifahrer durch ‹jungfräulichen› Pulverschnee die erste Spur zieht, so bahnt Jesus einen ganz neuen Weg zu Gott. Das ist die entscheidende Aussage dieses Glaubenssatzes.»

[2] Credo (2015): ‹Geboren aus Maria der Jungfrau›, 99f. und 101

[3] Credo (2015): ‹Am dritten Tage auferstanden von den Toten›, 155

[4] Credo (2015): ‹Auferstehung der Toten›, 212

[5] T. S. Eliot: Four quartets: Burnt Norton, V; siehe auch in Ergänzend: 3.3. und in Stillehalten

[6] Rilke im Brief an seinen polnischen Übersetzer Witold Hulewicz; siehe auch Einsichten aus Rilkes Dichtung, Teil II (2014), 105f.

[7] Credo (2015): ‹Auferstehung der Toten›, 217-220; siehe auch Seele

[8] Der Ausdruck nunc stans findet sich erstmals bei Thomas von Aquin (1225-1274). Er hat eine lange Vorgeschichte, beginnend mit Platon (428-348 v. Chr.) und weiterführenden Beiträgen von Plotin (205-270), Augustinus (354-430), Boethius (ca. 480-524) und späteren Denkern zum Thema ‹Zeit und Ewigkeit›.

[9] R. M. Rilke, 8. Duineser Elegie

[10] Credo (2015): ‹Das ewige Leben›, 223f.; R. M. Rilke: ‹Heil dem Geist, der uns verbinden mag›,
das vollständige Sonett in Einsichten aus Rilkes Dichtung, Teil II, 96f.

[11] Credo (2015): ‹Das ewige Leben›, 222f.



Quellenangaben

Text, Filme und Audios von Br. David Steindl-Rast OSB

hl geist georg stahl titelCopyright © - Barbara Krähmer

Ego ist das lateinische Wort für «lch», aber wir werden es mit einer negativen Bedeutung verwenden, weil wir ein Wort brauchen für eine Fehlform des Ich. Auch im oft gebrauchten Wort «egoistisch» ist Ego negativ belastet. Das «lch» wird zum Ego durch einen Prozess des Vergessens. Je mehr ich mein Selbst vergesse, das mich mit allen andren verbindet, desto einsamer und ganz auf mich allein gestellt muss ich mich fühlen. Mein «Ich-Selbst» schrumpft mehr und mehr zum Ego zusammen, bis ich mein Selbst fast völlig vergessen habe. Ganz vergessen können wir es nie.

Im Europakloster spielen wir Mönche einmal im Monat nach dem Sonntagsgottesdienst für die Kinder Kasperltheater. Da kann es vorkommen, dass einer der Brüder mit einer Hand das Krokodil spielt, mit der andren die vom Krokodil bedrohte Prinzessin. Wenn wir uns in die Prinzessin hineindenken, wird es uns gewiss Zuversicht schenken, das zu wissen. Wir werden zwar Angst haben vor dem Krokodil, werden aber dem Puppenspieler vertrauen, der uns beide spielt. Aber eine Puppe, die den Puppenspieler vergisst, muss sich als eine leere Haut fühlen, umgeben von unzähligen andren, von denen einige alles andre als freundlich zu sein scheinen. Sie wird also Angst bekommen. Wenn wir vergessen, dass das eine Selbst uns innerlich verbindet, ist Angst fast unvermeidlich. Das Ego sträubt sich voller Furcht gegen diese Angst. Furcht aber ist die Ursache für alles, was im Welttheater schiefgeht.

Furcht macht das Ego aggressiv. Dann sucht es Sicherheit, indem es Macht über andre zu erlangen sucht; danach strebt, sich über alle andren hochzuarbeiten, andre zu unterdrücken und sie auszunutzen. Auch wird das Ego ein Gefühl des Mangels nicht los. Aus Furcht, dass nicht genug für alle da ist, wird das Ego gierig, geizig und neidisch. Es hat seine Einbettung in ein größeres Ganzes verloren und ist zum Mittelpunkt geworden, um den sich nun all sein Denken und Streben dreht. Es verstrickt sich immer mehr in eine von Furcht getriebene Gesellschaft, in der Ego auf Ego prallt, eine Gesellschaft ‒ leider unsre eigene! ‒ gekennzeichnet durch Machthunger, Gewalttätigkeit, Gier und Ausbeutung, und all das aus Furcht!

Wie kann das Ego aus dieser Verirrung und Verstrickung heimfinden in die rechte Beziehung zum Selbst? Die Antwort liegt auf der Hand: Aus Vergesslichkeit und Furcht hat es sich verirrt, durch das Gegenteil ‒ also durch Achtsamkeit und Vertrauen ‒ kann es den Heimweg finden.

Auch das zum Ego gewordene Ich kann ja das Selbst nie ganz vergessen. Es kann also umkehren und heimkehren. Im innersten Herzen des Egos schläft sie nur, die Erinnerung an das Selbst.

Wir können zusammenfassen: Das Ego ist nichts andres als das Ich, aber ein krankes Ich, zusammengeschrumpft, weil es sein weites, allumfassendes Selbst aus dem Bewusstsein verloren hat. Daher hat es auch seine Verbundenheit mit allen andren vergessen und alle echten Beziehungen verloren. Nur durch Beziehungen aber finden wir Sinn und Orientierung im Leben. Und alle Beziehungen beginnen mit der Beziehung zum Du.

[Orientierung finden (2021): ‹Das Ego ‒ wenn das Ich das Selbst vergisst›, 24f.]

[Ergänzend:

1. Filminterview von Ramon Pachernegg mit Bruder David (2017), siehe auch Transkription:

(20:10) «Wie schaut die Welt des Selbst aus?

(23:29) Wir leben in einer Gesellschaft, die eben durch das Ego geprägt ist, und die daher eine Art Pyramide ist. Der Stärkste ‒ zugleich auch wahrscheinlich der, der am meisten Furcht hat, das macht ihn so aggressiv ‒, ich sage ihn, das ist eine sehr männliche Haltung, aber es kann auch Frauen passieren:

Wer am meisten Angst hat, der kommt am höchsten hinauf, weil er die Andern am stärksten tritt. Und da baut sich diese Pyramide auf und jeder ‒ auf jeder Schicht ‒, buckelt nach oben und tritt nach unten, wie ein Radfahrer. So baut sich diese Machtpyramide auf. Das Gegenteil ist eine Welt, nicht der Pyramide, sondern der Vernetzung.

(26:47) «An dem Beispiel der Flüchtlinge und der Flüchtlingskrise, in der wir leben, zeigt sich eigentlich recht schön, wie das im Praktischen ausschaut:

Es heißt noch nicht: ‹Ich weiß schon, was man da machen muss ‒, ich habe schon alles ausgedacht› ‒ ‹Keine Ahnung, ich habe sogar Angst, dass mir gar nichts einfallen wird. Aber ich vertraue, ich sträube mich nicht. Diese Situation ist gegeben. Ich baue keine Zäune, das ist das Sträuben. Ich setze mich damit auseinander und gemeinsam werden wir irgendeine Lösung finden.›

Man braucht noch nicht das Rezept zu haben, man muss nur die Haltung haben, aus der sich früher oder später die Lösung entwickelt. Vielleicht ganz ohne Rezept sich einfach entwickelt, weil man gewisse Grundsätze, zum Beispiel Ehrfurcht vor dem Andern: Das ist ja nicht nur Nummer 50364 von den Flüchtlingen, das ist ein Mensch mit einem ganz eigenen Schicksal ‒, dem trete ich ehrfürchtig entgegen und versuche gemeinsam:

‹Was können wir da machen›? Und wenn genügend Leute fragen: ‹Was können wir da machen?› ‒ das ist schon ein Weg auf eine Lösung hin, wenn genügend Leute fragen.

… Aber das Gegenteil ist, zu sagen: ‹Abschließen, Mauern, Zäune, niemanden mehr hereinlassen› …

Das ist ganz ein anderer Ansatz. Und dieser kreative Ansatz entspringt dem Bewusstsein: Wir sind ein Selbst, das viele, viele verschiedene Rollen spielt, aber es ist das eine Selbst und es wird schon etwas herauskommen, wenn wir unsere Rolle gut spielen: Der Flüchtling spielt die Flüchtlingsrolle, der Helfer spielt die Helferrolle. Der Zuschauer spielt die Zuschauerrolle. Wir müssen unsere Rollen gut spielen.»

2. Audios

2.1. Fragen, denen wir uns stellen müssen (2016)
Tag 3 Vormittag:
‹Das Ego ‒ die Fehlform des Ich› (Bruder David)

2.2. Lebensorientierung (2015)
3. Tag, 12. Februar, Donnerstagvormittag mit 5. Impulsvortrag (Bruder David), siehe
Transkription S. 16 und 28:
(28:55) Das Ego: wenn das Ich sich fürchtet und gewalttätig wird
(42:53) Gespräch: Warum fallen wir immer wieder ins Ego?

2.3. Das glauben wir ‒ Spiritualität in unserer Zeit (2015)
Vortrag in Themen des Abends aufgeteilt:
Ich ‒ Selbst ‒ Liebe ‒ Ego

2.4. Dankbarkeit als Achtsamkeit im Dialog (2014); siehe auch Transkription:

(26:44) Warum ist das Ego aber schlecht, was ist das Problem, wenn man vergisst, dass wir alle eins sind? Darum geht’s ja: Wenn man das Selbst vergisst, hat man vergessen, dass wir alle eins sind. Warum ist das so problematisch?

2.5. Dem Welthaushalt freudig dienen – Spiritualität 2011
Dem Welthaushalt freudig dienen: Pater Johannes und Bruder David im Gespräch:
(03:16) Wenn das Ich das Selbst vergisst

3. Weitere Texte

3.1. Machtpyramide und Netzwerke; Konkurrenz, Wettbewerb, Rivalität

3.2. Einsichten aus Rilkes Dichtung, Teil II (2014) 112-115:

«Wenn das ICH jetzt plötzlich das SELBST vergisst, wird es zum EGO.

Das ICH schrumpft ein, es schrumpft zusammen und fürchtet sich. Das ist das Erste. Wenn wir uns fürchten, werden wir aggressiv. Aggression, Gewalttätigkeit kommt immer von Furcht.

Das nächste ist: Wir wollen weiter hinaufkommen: kompetitiv, Wettbewerb um jeden Preis, höherkommen wie die anderen, es sind ja so viele, vielleicht steigen die auf mich drauf, da steig ich lieber auf sie drauf. Und dann der Gedanke, da ist ja nicht genug für uns alle: Wir werden neidisch und geizig, wollen mehr und mehr.

Und das sind alles die Charakteristiken, die unsere Welt, Kulturwelt, die wir geschaffen haben, charakterisieren: Gewalttätigkeit, Wettbewerb und Geiz und Neid und in allen spirituellen Traditionen aus der Erfahrung aus dem SELBST heraus wird eine Welt vorgestellt und erhofft, wo Frieden ist, nicht Gewalttätigkeit, nicht Aggression, Zusammenarbeit statt Wettbewerb und Teilen.»]


Quellenangaben

Text und Audios von Br. David Steindl-Rast OSB

hl geist georg stahl titelCopyright © - Georg Stahl

Jeder von uns weiß es aus eigener Erfahrung, kann es zumindest selbst nachprüfen. «Erkenne dich selbst!» stand über dem Eingang des Apollotempels in Delphi, aber nicht nur die alten Griechen sahen darin den Schlüssel zur tiefsten Einsicht. Sobald ein Mensch zu Selbstbewusstsein erwacht, steht er vor der Herausforderung zur Selbsterkenntnis.

Und schon bei den ersten Schritten auf dem Weg der Selbst-Erkundung stoßen wir auf den Unterschied zwischen dem Bewusstsein, das wir beobachten, und dem höheren, größeren Bewusstsein, das beobachtet.

Ein Nach-innen-Schauen kann uns zeigen, wie sehr wir uns meist mit dem Ego identifizieren, das wir beobachten können; es ist uns aber auch möglich zu lernen, mehr und mehr daheim zu sein im Beobachter selbst, in unserem wahren Selbst.

In dem Ausmaß, in dem uns das gelingt, wird das Ego aufgehoben ‒ aufgehoben in der dreifachen Bedeutung dieses Wortes:

Unser Selbst-Verständnis wird auf eine höhere Ebene des Bewusstseins hinaufgehoben; unsere Selbst-Identifizierung mit dem Ego, unserer äußeren «Maske», wird für ungültig erklärt, aber das, worum es uns eigentlich geht, unsere Selbst-Wertschätzung, wird unverlierbar bewahrt.

Wir können es auch so sagen: Selbstbeobachtung / Selbstreflexion, Selbsterkenntnis zeigt uns, wie sehr wir im Ego verstrickt sind. Wir sind nicht einmal imstande, dem Sturzbach unserer Gedanken Einhalt zu gebieten. Nur selten denken wir; meist denkt es uns. Nur selten gebrauchen wir unser Denken als Werkzeug, das uns gehorcht; meist werden wir einfach mitgerissen vom Strudel der Gedanken und Geschichtchen, durch die unser Ego die Illusion seiner Eigenständigkeit aufrechterhält.

Wir können aber lernen, dem ein Ende zu machen, indem wir im Jetzt leben; die Gedanken sind nämlich immer mit Vergangenheit und Zukunft beschäftigt.

Wer im Jetzt des Augenblicks lebt, findet da den Beobachter der Gedanken, sein wahres Selbst.

Klassische Statuen haben typischerweise ein Standbein und ein Spielbein. Rufen wir uns zum Beispiel Michelangelos David in Erinnerung. Sein rechtes Bein trägt ihn, sein linkes schwingt fast tänzerisch aus. Anfänger in der Selbsterkenntnis stehen mit ihrem Standbein fest im Ego. Die Aufgabe besteht darin, unser Schwergewicht zu verlagern, bis unser Schwerpunkt im großen Selbst liegt ‒ in unserer Buddha-Natur würden Buddhisten sagen.

Andere Traditionen drücken das Heimfinden zum wahren Selbst anders aus.

Christen werden etwa mit Paulus sagen:

«Ich lebe, doch jetzt nicht ich, sondern Christus lebt in mir» (Gal 2,20) ‒ was Paulus da meint, ist das eine, uns allen eigene Selbst, das uns zu Menschen macht.

Dieses unser wahres Selbst kann lächeln über die Kniffe, durch die das Ego sich zu verewigen sucht; es ist ja eins mit allen; was soll es da fürchten?[1]

Es hat grenzenloses Vertrauen; das heißt, es glaubt, im tiefsten Sinn des Wortes.

Darum heißt es [im Glaubensbekenntnis] auch nicht «wir glauben», sondern ‒ die Verwirklichung vorwegnehmend ‒ «ich»: der Mensch schlechthin, das eine allumfassende Selbst, ‒ «Purusha» in der Hindu-Mythologie, oder etwa «I’itoi» in der Mythologie der Tohono O’Odham in Arizona; der kosmische Christus, der hier im Christen das erste Wort des Glaubensbekenntnisses spricht, das Wort, in dem alles Weitere zusammengefasst und schon vorweggenommen ist.

Welchen Namen wir ihm auch geben wollen, dieses von Natur aus gläubige Selbst in uns zu finden, ist uns möglich, ja, es ist das Ziel aller spirituellen Übungen.[2]

Das Jetzt ist «der Schnittpunkt des Zeitlosen mit der Zeit» (T. S. Eliot) ‒ der Schnittpunkt von Zeit und Ewigkeit.[3] Ewigkeit ist ja nicht eine endlos lange Zeit, sondern der Gegenpol zu Zeit, «das beständige Jetzt», das «nunc stans», wie Augustinus Ewigkeit definiert.[4]

Wenn deine Zeit um ist, bleibt nur deine Ewigkeit. Schon heute lebst du aber im Doppelbereich, gehörst also beiden Bereichen an.

Außen stehst du mitten in der Zeit; innen in dir aber ist die «Mitte des Immer, drin du atmest und ahnst», wie Rilke in der «Elegie an Marina» schreibt.[5]

Und für T. S. Eliot ist das Jetzt «der Augenblick in und ausserhalb der Zeit» ‒ die Ewigkeit inmitten der Zeit.[6]

Mein Selbst gehört zum Bereich der Ewigkeit. Mein Ich gehört zum Bereich von Raum und Zeit.

Aber diese beiden sind der eine untrennbare Doppelbereich. Ich selbst bin eins ‒ nicht aus zwei Hälften zusammengesetzt. In diesem Bewusstsein zu leben, heißt im Jetzt zu leben. Nur dann bin ich «Ich-Selbst».

Dann werde ich aus einem Ego, das sich in Vergangenheit und Zukunft verstrickt hat, wieder zum «Ich-Selbst».

Darum ist es so wichtig zu lernen, bewusst in diesem Doppelbereich zuhause zu sein.

Schon «Erkenne dich selbst!» ist eine Aufgabe, die wir nur im Jetzt lösen können. Und die Herausforderung «Werde, wer du bist!» verlangt, dass wir ein Leben lang lernen, im Jetzt zu leben.[7]

Nun spielt sich das aber nicht so schlagartig ab, sondern es ist wie eine Skala, eine lange fließende Skala, und auf der einen Seite wird’s mehr und mehr Ego und auf der anderen Seite wird’s mehr und mehr «Selbst». Und wenn wir uns unsere Bekannten und Verwandten anschauen, dann sehen wir, dass manche mehr auf der Ego-Seite sind und andere mehr auf der Selbst-Seite sind und gewöhnlich die Menschen, die wir besonders bewundern, die sind so durchleuchtend für das Selbst, dass das Ich schon fast verschwindet, es wird so ganz durchscheinend. Und beim Ego ist das Ich recht handfest.[8]

Öfter als früher denke ich über meine Ahnen nach, versuche sie mir vorzustellen, weit zurück. Meine rechte Handfläche zeigt eine Kontraktur der Bindegewebe,[9] die mich nicht stört, aber daran erinnert, dass ich sie vielleicht von Wikinger-Vorfahren geerbt habe. Welche Raubüberfälle da in meiner Vorgeschichte liegen könnten oder welche Pogrome, bei denen vielleicht meine aristokratischen Vorfahren in Polen meine chassidisch-jüdischen niedermetzelten. Wie kam es dazu, dass sie dann doch zusammenflossen in meiner Person? [10]

Das Wort «Person» kommt aus dem Bühnenwortschatz der Römer und bedeutete die «Rolle», die «Maske», welche die Stimme des Schauspielers durchtönen lässt (per = durch, sonat = tönt).

Welche Zufälle mögen mitgespielt haben, damit mir die Rolle zufiel, die ich jetzt spiele? Ja, im Bild des Rollenspiels kann ich mir die Beziehung zwischen meinem Ich im Fluss der Zeit und meinem überzeitlichen Selbst vorstellen.

Die ganze unabsehbare Vergangenheit hat die Rolle bestimmt, die mir jetzt aufgegeben ist. Wie vieles war schon bei meiner Geburt festgelegt ‒ mein Geschlecht, meine Hautfarbe, die Familie und Kultur, in die ich hineingeboren wurde, Tausende andere unabänderliche Gegebenheiten.

Am 1. Sonntag im Monat spielen im Europakloster die Brüder nach dem Kindergottesdienst Kasperltheater. Ein und derselbe Bruder kann da etwa mit der rechten Hand den Seppl spielen und mit der linken das Krokodil. So spielt auch das eine große Selbst unzählige Rollen. So spielt mein eigenes Selbst, das daheim ist im großen Selbst, die Rolle, die mir zugefallen ist.

Selbst und Ich sind eins im Spielen; ich kann sie unterscheiden, aber nicht trennen.

Was heißt es, frage ich mich, meine Rolle «gut» zu spielen? Die Antwort muss wohl lauten: gut zu spielen heißt, mit Liebe zu spielen ‒ ein Ja zu grenzenloser Zugehörigkeit zum Ausdruck bringen. Wenn das Ich dieses Ja verweigert, gibt ihm das Selbst trotzdem Kraft zu spielen, aber dann spielt das Ich «schlecht».[11]

(Die Quellenangaben zum obigen Text in Anm. 2, 7f., 11)

[Ergänzend: Wir im Spannungsfeld von ‹Ich glaube› und Ego

1. Anfangs- und Schlussakkord und des Buches Credo (2015): ‹Ich glaube›, 18f. und ‹Amen›, 229; siehe auch Glaube:

«‹Ich glaube›: Was heißt das eigentlich?

Nur in der Zusammensetzung ‹Ich glaube› enthüllt jedes dieser beiden Wörter seine volle Bedeutung: Glauben ist für das Ich, um das es hier geht, unendlich mehr als ein Für-wahr-halten; und nur das Ich, das in diesem Vollsinn glaubt, ist unser wahres menschliches Selbst.

Das kleine Ich ‒ unser Ego, das letztlich aus einer Täuschung entspringt ‒ kann bestenfalls etwas als tatsächlich anerkennen; glauben kann es nicht.

Und warum nicht? Weil der Glaube nicht eine Ansammlung von Behauptungen ist, die ein gläubiger Mensch für wahr hält; der Glaube ist vielmehr tiefstes, wagemutiges Vertrauen.

Sein Gegenteil ist nicht Zweifel, sondern Furchtsamkeit.

Angst und Furchtsamkeit aber sind das Lebenselement des Ego, das der Selbsttäuschung des Abgetrenntseins vom Ganzen sein Scheindasein verdankt. Kein Wunder, dass es in seiner Vereinzelung den Rest der Welt als drohend und beängstigend erlebt.

Unser wahres Ich ist im Ganzen des Seins eingebettet ‒ wovor soll es da Angst haben?

Wenn wir also sagen ‹Ich glaube› und beiden Wörtern ihre volle Bedeutung geben, treten wir damit in die Größe und Tiefe wahren Menschseins ein.

Wir können das zur Verdeutlichung etwas dramatisch ausmalen:

Da tritt ein Menschlein in ein Kirchlein ‒ alles recht zahm und alltäglich, bis es zum Credo kommt und zum ‹ich glaube›.

Für Augen, die sehen könnten, was sich da in Wirklichkeit ereignet, flögen plötzlich Dach und Kirchturm davon, die Mauern würden zerstieben, Raum und Zeit wären nicht mehr. Es betet jetzt das eine, allumfassende menschliche Ich im ewigen Jetzt.

Das Ich, das sagen kann ‹ich glaube› und es im Vollsinn sagen kann, ist unser wahres Ich, das eine echte, allen Menschen gemeinsam eigene Selbst.»

«AMEN zu sagen heißt, sich auf Gottes Verlässlichkeit zu verlassen.[12] So fasst das AMEN am Schluss des Glaubensbekenntnisses noch einmal zusammen, was glauben heißt: Unser Herz vertrauensvoll auf Gott zu setzen und dementsprechend zu leben. Nicht, als ob Gottes Vertrauenswürdigkeit überhaupt in Frage gestellt werden könnte. Nur das, was uns so verlässlich erscheint, dass wir uns vorbehaltslos darauf verlassen können, verdient ja Gott zu heißen. In dem Ausdruck ‹uns verlassen› schwingt die Vorstellung mit, dass wir unser kleines Selbst zurücklassen und uns vertrauend auf etwas Größeres hinbewegen. Diese innere Bewegung haben wir schon mit dem ersten Wort des Glaubensbekenntnisses begonnen. ‹Ich glaube› heißt genau das gleiche wie ‹ich verlasse mich›. Und mit AMEN schließt sich nun der Kreis.»

2. Fragen, denen wir uns stellen müssen (2016)
Tag 2 Nachmittag:
‹Im Jetzt sein und im Selbst sein ist identisch› (Bruder David)
:
(08:17) Es war noch nie jemand da wie du, um einen Ton der Rühmung zu singen / (10:52) Das Selbst ist über Raum und Zeit erhaben ‒ Die Balance Ich und Selbst in spirituellen Übungen und Gipfelerlebnissen / (13:57) Ganz im Jetzt sein / (18:15) Im Selbst sein und im Jetzt sein ist identisch ‒ Immer wieder ins Jetzt kommen: das Kernanliegen aller spirituellen Wege
(27:54) Sich auf das große Geheimnis verlassen heißt glauben
(38:11) Das Selbst spielt in jedem Ich eine einzigartige Rolle ‒ der Vergleich mit dem Kasperltheater

3. Retreat-Woche in Assisi (1989)
Amen: Unsere Antwort auf die ‹amunah›, die Treue Gottes:
(00:00) Glaube ‒ sich verlassen auf die Verlässlichkeit Gottes

4. Einsichten aus Rilkes Dichtung, Teil II (2014) 109-115:

«Und das Ego vergisst eben, dass es ja nur ein Spiel ist. Alles was wir hier aufführen ist ein Spiel.

Ein Spiel dieses Selbst.

Es kann auch eine Tragödie sein, es kann auch sehr schön sein.

Wir sind Schauspieler sozusagen.

Uns ist ein Drehbuch mitgegeben bei der Empfängnis.

Und wir haben keine Ahnung für gewöhnlich, wenn wir nicht beginnen darüber nachzudenken, wie detailliert dieses Drehbuch ist: Dass wir überhaupt hier geboren sind, zu dieser Zeit, von diesen Eltern, mit diesen Begabungen, mit diesen Krankheiten oder was immer: Fehlern.

Das ist schon so ein Drehbuch und wie kann man das gut spielen?

Indem man diese Rolle gut spielt.

Und gut spielt man sie, solange man sich erinnert: Das ist mir aufgegeben! Das ist meine Aufgabe. Ich selbst spiele das.

Wenn ich das Selbst vergesse, glaube ich, ich bin die Rolle. Ich verwechsle mich mit der Rolle.

Und eine Schauspielerin, die sich mit der Rolle verwechselt, spielt nicht gut.

Sie spielt nur gut, solange sie sich wirklich, sich völlig hineinlebt, aber immer noch weiß, wer sie ist. Dass sie nachher sich wieder abschminkt und nach Hause geht und sich duscht und dann in der Küche sich etwas richtet.

Aber wenn sie das vergisst, wenn sie glaubt, ich bin jetzt die Minna von Barnhelm, ist sie verrückt geworden. Und wir leben meistens verrückt! (Lachen im Saal). ‒

Wir identifizieren uns so mit unserer Rolle, dass wir gar nicht wissen, dass es nur eine Rolle ist.

Wenn wir sie gut gespielt haben, wenn es fertig ist: Wie ein Puppenspieler spielt das Selbst mit allen diesen Puppen, hat viele Hände ‒, nimmst dann die Puppe ab, legst sie weg, das Selbst bleibt.

Was wirklich innerhalb von mir gespielt hat, das war ja das Selbst.

Meine Rolle ist ja nur diese Puppe, die ich da anziehe.»]

________________________

[1] Retreat-Woche in Assisi (1989)
Das Glaubensbekenntnis mit eigenen Worten zusammenfassen … Reinkarnation:
(26:08) Wortwörtlich nehmen klammert sich ans kleine Ich entgegen der Intention des Buddhismus wie auch des Christentums: ‹Nicht mehr ich lebe, Christus lebt in mir› (Gal 2,20)

[2] Credo (2015): ‹Ich glaube›, 19f.

[3] T. S. Eliot: ‹ But to apprehend the point of intersection of the timeless / With time …› (Four Quartets: The Dry Salvages, V);

siehe auch Stillehalten und Film Wir sind daheim in dieser Welt (1975) und Transkription, 5:

(25:01) «T. S. Eliot spricht von dem ruhenden Punkt im Fluss der Zeit. Wir können uns diesen Punkt vorstellen wie eine einzige Achse, um die sich ein enormes Räderwerk bewegt, das doch immer wieder dort seinen stillen Punkt findet. Und für uns Menschen besteht dann die große Aufgabe darin, auch immer wieder diesen ruhenden Punkt in unserem Leben zu erreichen. Und hier an diesem Schnittpunkt von Zeit und Zeitlosigkeit gilt nicht mehr die Zeit der Uhren, sondern ‒ sagen wir ‒ Zeit der großen Glocken. Oder die Zeit, die uns bewusst wird, wenn wir die Meereswogen beobachten in Ebbe und Flut, die ihre ganz eigene Zeit, ihren ganz eigenen Rhythmus haben.»

[4] Der Ausdruck nunc stans findet sich erstmals bei Thomas von Aquin (1225-1274). Er hat eine lange Vorgeschichte, beginnend mit Platon (428-348 v. Chr.) und weiterführenden Beiträgen von Plotin (205-270), Augustinus (354-430), Boethius (ca. 480-524) und späteren Denkern zum Thema ‹Zeit und Ewigkeit›; siehe auch Jetzt und ewiges Leben: Anm. 8

[5] R. M. Rilke: ‹Von der Mitte des Immer, drin du atmest und ahnst› (Elegie an Marina Zwetajewa-Efron); siehe auch Audio (39:16) ‹Schweigen› in Lebendige Spiritualität (2015)

[6] T. S. Eliot: ‹The moment in and out of time› (Four Quartets: The Dry Salvages, V); siehe auch Stillehalten

[7] Orientierung finden (2021): ‹Das Jetzt ‒ im Schnittpunkt von Zeit und Ewigkeit›, 81f.

[8] Dankbarkeit als Achtsamkeit im Dialog (2014); siehe auch Transkription

[9] Dupuytrensche Kontraktur. Das Hauptverbreitungsgebiet ist Haithabu, die Hauptstadt der Wikinger.

[10] Bruder David spricht über seine Vorfahren in ihrem Schloss in Maria Rast am Stein im Film Dem Geheimnis auf der Spur (2016) ab 04’:50.

[11] Ich bin durch Dich so ich (2016): ‹9. Doppelbereich, 2006-2016›, 183f.

[12] «In Augenblicken, in denen wir wirklich aus unserem Herzen leben, sind wir mit dem Herzen aller Dinge verbunden. Ganz spontan erkennen wir dann ‹die Zuverlässigkeit im Herzen aller Dinge›, wie Reinhold Niebuhr es so schön sagte.» [Dankbarkeit: Das Herz allen Betens (2018), 93; bzw. Fülle und Nichts (2015), 92]; siehe auch Sinne und Kind werden, Anm. 8


Quellenangaben

Text und Audios von Br. David Steindl-Rast OSB

hl geist georg stahl titelCopyright © - Erich Baumgartner

In den persönlichen Erwägungen zum Glauben an «Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn» in seinem Buch Credo bezieht sich Bruder David auf das berühmte Eis-Vogel-Sonett von Gerhard Manley Hopkins (1844-1889) in der Übertragung von Andreas Koziol.

Gerard Manley Hopkins (*28. Juli 1844 in Stratford bei London; † 8. Juni 1889 in Dublin) war ein britischer Lyriker und Jesuit, dessen Gedichte vor allem wegen der Lebendigkeit ihres Ausdrucks bewundert werden.[1]

In diesem Gedicht prägt der Dichter für das Selbst-Werden ein neues Wort in der englischen Sprache ‒ «to selve›, was man Deutsch mit «selbsten» wiedergeben kann. Etwas «selbstet», indem es durch sein Tun aussagt, was es ist. Jede Glocke, jede langezupfte Saite «selbstet» so durch ihren ganz eigenen Ton.[2]

«Wie Eis-Vögel entbrennen, Libellen-Flug sich anfacht;
Wie ein vom Brunnenrand gestürzter Stein erklingt;
Wie jede Saite, die man anschlägt, ihre Sage singt;
Wie jeder Glocke Zunge deren Erz bekanntmacht;
Tut jedes Ding, das sterblich, dieses eine einfach:
Es weist das Wesen, welches in ihm Wohnung nimmt
Als Selbst ‒ ‹ich selbst ward› spricht es vor sich hin;
Ruft: ‹Bin, was ich hier tu, und hierzu hergebracht›.

Ich sage mehr: dem Menschen ist Recht verbürgt,
Der Huld erhält: hält Huld sein Tun und Lassen;
Er führt vor Gott das auf, was Gott in ihm bewirkt ‒
Christus ‒ Christus spielt an tausenden von Straßen,
An Aug und Gliedern lieblich, er lebt und stirbt
Den Vater durch Gesichter, die ihn menschlich fassen.»

«As kingfishers catch fire, dragonflies dráw fláme;
As tumbled over rim in roundy wells
Stones ring; like each tucked string tells, each hung bell's
Bow swung finds tongue to fling out broad its name;
Each mortal thing does one thing and the same:
Deals out that being indoors each one dwells;
Selves ‒ goes itself; myself it speaks and spells,
Crying Whát I do is me: for that I came.

I say móre: the just man justices;
Kéeps gráce: thát keeps all his goings graces;
Acts in God's eye what in God's eye he is ‒
Chríst ‒ for Christ plays in ten thousand places,
Lovely in limbs, and lovely in eyes not his
To the Father through the features of men‘s faces.»

(Eis-Vogel-Sonett von Gerard Manley Hopkins, 1844-1889)[3]

Die ersten drei Wörter ‒ «I c h  sage mehr» ‒ sind der Wendepunkt dieses Sonetts. Sie fassen alles zusammen, was seine ersten acht Zeilen über das Selbst sagten, und weisen auf das Wesentliche der abschließenden Zeilen hin:

Wo bisher Selbst im Mittelpunkt stand, tritt nun Recht an seine Stelle ‒ nicht aber in dem Sinne, den das Gerichtswesen dem Recht gibt, sondern in dem viel tiefer liegenden Sinn einer inneren Ausrichtung auf Gerechtigkeit.

Recht will hier nicht statisch, sondern dynamisch verstanden werden. Darum prägt der Dichter auch hier ein neues Wort ‒ «justicing» ‒, das zu «selbsten» die gesellschaftspolitische Parallele darstellt und soviel wie «Gerechtigkeit schaffen» bedeutet.

Um das Bewirken echter Gemeinschaft von innen her geht es hier. In gerechter Gemeinschaft besteht das «Mehr», das ich als Mensch sagen kann. Dadurch reicht mein Selbst über das aller anderen Daseinsstufen hinaus.

Jedes sterbliche Ding tut

… dieses einfach:
Es weist das Wesen, welches in ihm Wohnung nimmt
Als Selbst. …

«Ich aber» ‒ als Mensch ‒ «sage mehr: wer gerecht ist, wirkt Gerechtigkeit»,

wie eine wörtliche Wiedergabe der englischen Vorlage lautet.

Sam Keen, ein vielgelesener nordamerikanischer Autor, der sich vorbildlich für eine friedliche, gerechte Gesellschaft einsetzt, sagt mit Nachdruck:

«Ob es uns lieb ist oder nicht, wir gehören alle zu einer Gerechtigkeitsgemeinschaft im Werden.»

Klingt das nicht fast wie ein Kommentar zu Hopkins’ «Ich sage mehr»?

«Selbsten» zeitigt klare Selbst-Aussage jedes Einzelnen. Aber erst wenn wir die uns allen gemeinsame Christuswirklichkeit als unser eigentliches Selbst erkennen, entsteht Gerechtigkeitsgemeinschaft.

Als Glied dieser Gemeinschaft wird ein lebendiges Wesen mehr sagen als: «Ich selbst ward». Was hier ward, ist, «was Gott in ihm bewirkt ‒ Christus» ‒ der kosmische Christus, die innerste Wirklichkeit von allem, was es gibt.

Wo der Dichter hier «Christus» sagt, könnte er unmöglich Jesus  sagen. Selbst «Jesus Christus» würde nicht passen.

Es geht um die Christus-Wirklichkeit, an der jedes Selbst Anteil hat, und die darum als innerstes Aufbaugesetz wirkt für die ganze Gemeinschaft des Seins.

In Jesus, wie ‒ potentiell in jedem Menschen, hat Offenheit für das Christus-Selbst sein Ich unendlich erweitert. Das Selbst Jesu Christi fand Ausdruck in seinem Leben und Sterben für eine alles-einschließende Gerechtigkeitsgemeinschaft.[4]

Im Innersten weiß ich ‒ und das Leben zeigt es mir jeden Augenblick neu: Das Geheimnis «will etwas» ‒ es hat eine «Neigung».

«Der Bogen des moralischen Universums ist weit, aber er neigt sich Richtung Gerechtigkeit»,

sagte Martin Luther King, der bewundernswerte Blutzeuge für diese Gerechtigkeit. Meine tiefste Beziehung zum Geheimnis sagt mir, dass ich in dieses moralische Universum hineingestellt bin, um meinen Beitrag zu leisten ‒ um Gerechtigkeit zu verwirklichen. Die Dynamik des Seins zielt auf Gerechtigkeit ab. Diese Gerechtigkeit in unsren Beziehungen zur Mitwelt und zur Umwelt zu verwirklichen, das ist eine außerordentlich schwierige Herausforderung für uns Menschen. Sie erfordert, dass wir uns immer wieder von neuem am Leben in der Komplexität seiner Einzelheiten ausrichten. Bei dieser Aufgabe ist es hilfreich, wenigstens eine klare Orientierung zu haben ‒ Gerechtigkeit als das Ziel zu erkennen und zu wissen, dass das Geheimnis, das uns zuinnerst miteinander verbindet, uns dieses Ziel setzt. Inwiefern wir dieses Ziel erreichen, ist weniger wichtig, als dass wir mit brennendem Verlangen ununterbrochen danach streben.» [5]

Wie kannst Du, als Leser, das Sonett von G. M. Hopkins verbinden mit Deinem Ich-Bewusstsein, Deinem Selbst-Bewusstsein und Deinem Bewusstsein vom «Christus» in Dir selbst?

«Dem Menschen ist Recht verbürgt», sagt der Dichter. Was bedeutet für Dich persönlich diese tiefste innere Ausgerichtetheit des menschlichen Herzens auf Gerechtigkeit?

Wie siehst Du in diesem Licht das Recht aller auf Würdigung ihrer Person und Gleichberechtigung in der menschlichen Gesellschaft?

Wie setzt sich das um in Dein politisches Handeln? (Nicht handeln bedeutet hier auch handeln, denn es stützt den Status Quo.)

Für Jesus Christus war dies so wichtig, dass er schließlich für seinen gewaltfreien politischen Einsatz mit seinem Leben bezahlen musste.

Auf diese Art sagte Jesus «mehr» und führte vor Gott auf der Bühne dieser Welt das auf, was Gott in ihm bewirkte (und in uns allen bewirken will) ‒ «Christus».[6]

(Die Quellenangaben zum obigen Text in Anm. 2-6)

[Ergänzend:

1. Christus verschmilzt mit ‹Sophia›, der göttlichen Weisheit:

Credo (2015): ‹Und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn›, 74f.:

«... Christus spielt an tausenden von Straßen,
An Aug und Gliedern lieblich, er lebt und stirbt
den Vater durch Gesichter, die ihn menschlich fassen.

Mit dem Bild, dass Christus ‹spielt›, greift Hopkins eine Vorstellung auf, die schon im Neuen Testament anklingt, wo Paulus und besonders Johannes Christus und  S o p h i a , die personifizierte göttliche Weisheit, ineinander verschmelzen. Sie greifen da auf eine der entzückendsten Bibelstellen zurück, in der Gottes Weisheit von sich spricht:

‹Die Ewige› schuf mich zu Beginn ihrer Wege,
als Erstes all ihrer Werke von jeher.
Gewoben wurde ich in der Vorzeit;
zu Urbeginn, vor dem Anfang der Welt.
Bevor es das Urmeer gab, wurde ich geboren.
Bevor die Quellen waren, von Wasser schwer.
Bevor die Berge verankert wurden, vor den Hügeln wurde ich geboren.
Noch hatte sie weder Erde noch Felder erschaffen
oder den ersten Staub des Festlands.
Als sie den Himmel ausspannte, war ich dabei,
als sie den Erdkreis auf dem Urmeer absteckte,
als sie die Wolken oben befestigte,
als die Quellen des Urmeers kräftig waren,
als sie das Meer begrenzte, damit das Wasser ihren Befehl nicht überträte,
als sie die Fundamente der Erde einsenkte:
Da war ich der Liebling an ihrer Seite.
Die Freude war ich Tag für Tag und spielte die ganze Zeit vor ihr.
Ich spielte auf ihrer Erde und hatte meine Freude an den Menschen.»

(Buch der Sprüche 8,22-31, Bibel in gerechter Sprache, 2006)[7]

Dem Welthaushalt freudig dienen – Spiritualität 2011
Audio Spiritualität und Ökologie; siehe auch im Buch
Erkenntnis (2023): Kapitel vier: Natur und Seele, 82-106, das auf dieser Gesprächsreihe basiert:

«Gott ist Weisheit. Weisheit ist Gott. Das eröffnet uns völlig neue Perspektiven. Wir können uns fragen, wohin es uns führt, wenn wir sie im Kosmos entdecken und betrachten, die heilige Weisheit namens sophia.

Für den heiligen Johannes war logos die richtige Übersetzung von sophia. Er bezieht sich dabei mehr auf die Weisheit Gottes im Alten Testament als auf Platons Logos-Philosophie beziehungsweise die griechische Philosophie im Allgemeinen, für die nur das Erklärbare Teil des Wissens sein kann.»

Retreat-Woche in Assisi (1989)
Ich glaube an Jesus Christus, unsern Herrn:
(35:01) Zwei Blickrichtungen auf Jesus Christus: Er ist einer von uns, die Pointe seiner Gleichnisse, kein Prophet im eigentlichen Sinn und die spätere Deutung in der Logos-Sophia-Theologie (Joh 1)
(38:49) Jesus: Ganz der Vater (Joh 1,18; 10,30) ‒ ‹Die Weisheit hat ihr Haus gebaut› (Spr 8) ‒ ‹Und all denen, die an seinen Namen glauben, gab er Kraft, das zu werden, was er ist› (Joh 1,12)
Das Glaubensbekenntnis mit eigenen Worten zusammenfassen … Reinkarnation:
(26:08) Wortwörtlich nehmen klammert sich ans kleine Ich entgegen der Intention des Buddhismus wie auch des Christentums: ‹Nicht mehr ich lebe, Christus lebt in mir› (Gal 2,20)

2. Christus-in-uns: unser ureigenstes gott-menschliches Selbst:

Credo (2015): ‹Und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn›, 74, 75f. und 71:

«... Christus spielt an tausenden von Straßen,
An Aug und Gliedern lieblich, er lebt und stirbt
den Vater durch Gesichter, die ihn menschlich fassen.

Hopkins bereichert den Sinngehalt dieser Bilder noch, indem er betont, dass Christus/Sophia lieblich sei an Aug und Gliedern, die aber ‹nicht seine eigenen› seien ‒ der englische Text sagt ausdrücklich: ‹not his own› ‒ sondern dass diese Augen zu Gesichtern gehören, ‹die ihn menschlich fassen›, wie es in Koziols Übersetzung heißt. So wird Christus sichtbar ‹in Tausenden von Straßen›. Wo immer es Frauen, Männer und Kinder gibt, spielt der eine Christus in allen und jedem, als ob es nur einen einzigen Schauspieler gäbe, der so viele verschiedene Rollen spielt.»

«Gott liebt jeden Menschen so, als ob es nur diesen einen Menschen gäbe. Darin besteht das Herzstück der Lehre Jesu, und dazu bekennen wir uns in gläubigem Vertrauen, wenn wir Jesus Christus Gottes eingeborenen Sohn nennen. Er ist Repräsentant der ganzen Menschheit. Wer auf Gottes väterliche Liebe vertraut, glaubt an sich selbst als ‹einzig geliebtes› Gotteskind.

Aber ist das Verhältnis zwischen Gott und Jesus Christus nicht doch einmalig? Sicher. Aber das gilt für jeden Menschen. Die Beziehung jedes Menschen zu Gott ist einmalig und unauswechselbar, eine immer neue Abwandlung der Christuswirklichkeit, ähnlich wie sich auch Stern von Stern an Glanz unterscheidet. ‹Allen, die ihn aufnahmen› ‒ d.h. allen, die aus der Christuswirklichkeit in ihrem Herzen leben, ob sie Jesus kennen oder nicht ‒ ‹gab er Vollmacht Gottes Kinder zu werden› (Joh 1,12). Oder wie es im ersten Johannesbrief heißt: ‹Sehet, welch eine Liebe uns der Vater geschenkt hat, dass wir Kinder Gottes genannt werden ‒ und sind› (1 Joh 3,1).»

Gesprächsreihe mit Pater Johannes Pausch (2011)
Demut ‒ der Weg zum Gipfel
Fragerunde:
(01:22:09) In, durch und mit dem Selbst und dieses Selbst nennen wir als Christen ‹Christus›: Und dieses Selbst war auch in Jesus, geht aber über Jesus hinaus und verwirklicht sich auch in uns. Und das war schon dem Paulus ganz klar: Denn er hat nicht nur gesagt: Christus lebt in mir (Gal 2,20) ‒ er hat nicht gesagt: Jesus lebt in mir: Christus lebt in Jesus, Christus lebt in mir, Christus lebt in uns allen ‒, er hat auch gesagt: Wir müssen in unseren Leiden vollenden, was noch am Leiden Christi unvollendet ist (Kol 1,24). Also die Christuswirklichkeit verwirklicht sich in uns allen. Und so beten wir auch ‹In Christus, durch Ihn und mit Ihm›. Das kann alles missverstanden werden, aber so würde ich es verstehen.

Credo ‒ ein Glaube, der alle verbindet (2010)
David Steindl-Rast in der Kath. Akademie Bayern, Kardinal Wendel Haus, München (DE)
Fragerunde in folgende Themen zusammengefasst:
(20:55) Christus in uns ‒ Panentheismus

Credo ‒ ein Glaube, der alle verbindet (2010)
David Steindl-Rast in der
Evangelischen Ludwigskirche, Freiburg (DE)
Fragerunde in folgende Themen zusammengefasst:
(13:39) Der dreifaltige Gott – ein Kreislauf von Beziehungen: das Christus-Selbst

Spiritualität im Alltag in Dienten (1994)
Vortrag:
(18:52) Das Wesentliche am Christentum ausdrücken mit Mythos, Ethos und Ritus /
(20:05) Das Reich Gottes: Wir sind alle eine große Familie im Gotteshaushalt, der vom göttlichen Geist belebt ist, dem Hausfrieden Gottes / (21:52) Das Gebot der Gottesliebe und ‹liebe deinen Nächsten als dich selbst› ‒ ‹Nicht mehr ich lebe, Christus lebt in mir› (Gal 2,20) / (24:08) Die Feier der Tischgemeinschaft: Die ganze Welt ist eine Tischgemeinschaft, Gott Gastgeber und Speise zugleich, wir ernähren einander, das ist schon in der Natur vorgegeben

TAO der Hoffnung (1994)
Diskussion:
(06:38) Nicht mehr ich lebe, Christus lebt in mir (Gal 2,20) – Den dreifaltigen Gott von innen her verstehen (1 Kor 2,10-16) – Die panentheistische Sicht im Vergleich zum Pantheismus: Wer bin ich denn, dass ich es Gott verweigern sollte, dass Gott ich sein will?

Das Leid des Lebens zu Herzen nehmen (1992); Reich Gottes ‒ erlösende Kraft: Ergänzend: Audio 1.2.
Erstes Seminar mit Bruder David im Rittersaal des Schlosses Goldegg:
(50:22) Gerade Johannes sagt an der zentralen Stelle im Prolog: ‹Und allen jenen, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden› (Joh 1,12), das heißt, genau das zu werden, was er nach dem Johannesevangelium ist: Sohn Gottes.

3. «Ich und der Vater sind eins» ‒ «Atman ist Brahman und Brahman ist Atman»:

Credo (2015): ‹Und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn›, 74, 76:

«... Christus spielt an tausenden von Straßen,
An Aug und Gliedern lieblich, er lebt und stirbt
den Vater durch Gesichter, die ihn menschlich fassen.

Wo der Originaltext sagt, er spiele  v o r  dem Vater ‒ ‹to the Father›, eigentlich ‹auf den Vater zu› ‒ sagt Koziol hier, er spiele  d e n  Vater, dadurch wie ‹er lebt und stirbt›. Auch das ist theologisch haltbar. In Jesus Christus manifestiert sich ja der un-manifeste Gott, den wir ‹Vater› nennen. Darum sagt Jesus bei Johannes: ‹Philipp, wer mich sieht, der sieht den Vater› (Joh 14,9).»

Religionen ‒ drei Innenwelten:

«Es sei an das erinnert, was hier schon über das Verstehen gesagt wurde: Es ist der Prozess, in dessen Verlauf das Schweigen ins Wort findet und das Wort ins Schweigen heimfindet.

Das liefert uns den Schlüssel zur zentralen Intuition des Hinduismus: Atman ist Brahman ‒ der manifeste Gott (das Wort) ist der nichtmanifeste Gott (das Schweigen) ‒ und Brahman ist Atman ‒ das göttliche nicht Manifeste (das Schweigen) ist das manifeste Göttliche (das Wort).»

An welchen Gott können wir noch glauben (2008):

«Wir finden uns in der Unruhe unseres Herzens von einem unauslotbaren Geheimnis umgeben. Wir wissen nicht, woher wir letztlich kommen, wir wissen nicht, wohin wir gehen, wir sind rundum von Geheimnis umgeben. Und je tiefer wir versuchen, dieses Geheimnis zu erfahren, umso mehr kommen wir in Geheimnisse hinein. Dorothee Sölle, die große protestantische Theologin, spricht von Gott als MEHR, mehr und immer mehr, könnte man sagen, und nicht nur auf derselben Ebene, sondern in immer neuen Dimensionen. Und dieses Geheimnis, das uns umgibt, ist NICHTS. Es ist nicht etwas, und in diesem Sinne nichts.

Es ist aber in keiner Weise ein leeres Nichts, sondern es ist das NICHTS, das der Quellgrund und Mutterschoß von allem ist, was es gibt. Und es ist ein göttlicher Abgrund, aus dem die Fülle von allem kommt. Und die Fülle selbst ist wieder unausschöpflich. Und da ist unser eigenes Selbst eingeschlossen und daher sind wir uns selbst auch unauslotbar. Dieses MEHR und immer MEHR, das das Göttliche bedeutet, ist in uns selbst.

Das ist die manifestierte Wirklichkeit, wie die Hindus das nennen, im Gegensatz zu der unmanifestierten. Und beide sind unauslotbar, beide Begegnungen mit dem Göttlichen.»

Jesus als Wort Gottes (Salzburger Hochschulwochen 1972), 50f.:

«‹Gott spricht›, dieses ganz prägnante Wort, ist der Schlüssel, der uns das Verständnis aufschließt für die ganze biblische Tradition. ‹Ich habe das Schweigen gehört›, dieses Paradox kann uns als Schlüssel dienen für das Verständnis buddhistischen Sinnerlebens. Ähnlich können wir als Schlüssel (freilich nur als Schlüssel) die immer wiederholte, zentrale Feststellung des Hinduismus betrachten: ‹Atman ist Brahman, und Brahman ist Atman›; oder, wie man sagen könnte: Gott, der sich offenbart, bleibt der verborgene Gott, und Gott als der Verborgene ist wahrlich offenbar; oder: Das Wort ist Schweigen, das zu Wort gekommen ist, und das Schweigen ist Wort, das im Schweigen aufgehoben ist. Indem Gott seine Verborgenheit offenbart, verbirgt er sich in seiner Offenbarung. Das einzusehen heißt verstehen.»

Credo ‒ ein Glaube, der alle verbindet (2010)
David Steindl-Rast im Kardinal König Haus, Wien (AT)
Fragerunde in folgende Themen zusammengefasst:
(09:29) ‹Verstehen› im Hinduismus mit Blick auf ‹Ich und der Vater sind eins› (Joh 10,30) und einfache Übung mit einer Blume

Credo ‒ ein Glaube, der alle verbindet (2010)
David Steindl-Rast in der
Evangelischen Ludwigskirche, Freiburg (DE)
Fragerunde in folgende Themen zusammengefasst:
(10:46) Begegnung mit Gott, dem
Mehr und immer mehr (Dorothee Sölle)[8] in drei Grunderlebnissen: Die Begegnung mit dem unergründlichen Urgrund von allem ‒ mit dem Unmanifesten, wie die Hindus das nennen ‒, mit der unbegreiflichen Fülle allen Seins ‒ dem manifesten Universum ‒, und mit der Dynamik des unerschöpflichen Lebens, der Lebendigkeit, die das ganze durchpulst: in diesen drei Bereichen, die im Christentum in der Trinitätslehre sich ausdrücken, da tritt diese Gottesbeziehung ein, wird uns ermöglicht: Wenn wir uns bewusst bleiben, dass es sich um eine Beziehung handelt, um eine dynamische Auseinandersetzung mit diesen Bereichen, nicht um ‹jemanden›, dann wird uns unsere Beziehung zu dem Göttlichen und zu Gott, viel leichter:

Bruder David im buddhistischen Bergkloster Tassajara, siehe im Buch Ich bin durch dich so ich (2016), 94f.:

«Immer wieder steigt in diesen Sommerwochen die Frage in mir auf, warum ich mich als Mönch hier so zu Hause fühle. Ja, der Tagesablauf ist sehr ähnlich wie auf Mount Saviour, aber statt des Chorgebetes sitzen wir auf unseren Kissen im Meditationsraum und versenken uns in was wir Christen das Gebet der Stille nennen. Wir lassen uns in das abgründige Schweigen des Großen Geheimnisses hinunter. Schweigen verbindet: Sehr schnell sind wir hier zu einer echten Gemeinschaft geworden. So wie auf Mount Saviour unser Chorgebet die gemeinschaftsbildende Mitte ist, so ist es hier die schweigende Meditation. Dort rühmt in uns ‒ christlich ausgedrückt ‒ der Heilige Geist durch das ewige Wort den Vater, hier dagegen kehrt das Wort ins Schweigen zurück, also Christus zum Vater. Hier wie dort führt uns die innere Bewegung hinein in ein und dasselbe unergründliche Geheimnis. Ein begriffliches Brückenbauen wird mich noch jahrelange Gedankenarbeit kosten, aber jetzt schon erlebe ich diese Gemeinsamkeit und das fasziniert mich. Was Thich Nhat Hanh in Vietnam erlebte, wird mir in Tassajara bewusst: dass wir durch unser Mönchsein zutiefst verbunden sind ‒ über alle äußeren Unterschiede hinweg. Und diese Gemeinsamkeit ist ein tragender Grund ‒ überzeugender als alle scheinbaren Widersprüche.»

Die Weisheit, die alle verbindet (2010):
(04:29) ‹Wir können uns im Schweigen in den Abgrund Gottes hinunterlassen ohne Ende, nie wird ein Echo zurückkommen› (T. S. Lewis) ‒ jede Tradition kennt das Selbst, das uns alle verbindet, die göttliche Wirklichkeit tief in uns: das Christus-Selbst, die Buddha-Natur, Purusha, I’itoi

4. Christus als Choryphaeos, als Anführer des Reigentanzes:

Credo (2015): ‹Und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn›, 74, 76:

«... Christus spielt an tausenden von Straßen,
An Aug und Gliedern lieblich, er lebt und stirbt
den Vater durch Gesichter, die ihn menschlich fassen.

Der Originaltext sagt, er spiele  v o r  dem Vater ‒ ‹to the Father›, eigentlich ‹auf den Vater zu› …

Der kosmische Christus spielt und tanzt  i n  und  d u r c h  uns vor dem Vater. Dieses Bild sollten wir tief in uns aufnehmen und mit geschlossenen Augen auf uns einwirken lassen. Was es uns sagen will, ist klar: Der Glaube an Jesus Christus als Gottes eingeborenen Sohn schließt niemanden aus, sondern bezieht uns in diese einzigartige Liebe des Vaters zu seinen Kindern ein.

Auf dem Weg der Stille (2023), 20f., siehe den Text von Eve Landis übersetzt in Den großen Tanz beten (1998), siehe auch Dreifaltigkeit: Ergänzend: 2.4.:

«Während einer Predigt unseres Dominikaner-Studentenpfarrers Father Diego hob ich einmal geradezu ab. Mich erfasste ekstatisch die Wahrnehmung, dass wir Gott als den Dreieinen genau deshalb erkennen können, weil wir in den ewigen Tanz von Vater, Sohn und Heiligem Geist mit hineingezogen werden. Für Studenten in Wien ist es nicht albern, von Gott zu sagen, dass er tanze. Tanzen ist etwas Ernsthaftes ‒ natürlich nichts Todernstes, aber etwas Lebenswichtiges. Viel später lernte ich den Hymnus über Christus als ‹Lord of the Dance› ‒ ‹Tanzmeister› ‒ kennen, der auf eine alte Shaker-Melodie gesungen wurde.[9]

Ich erfuhr auch, dass der heilige Gregor von Nyssa im 4. Jahrhundert die Beziehung der drei göttlichen Personen zueinander als eine Art Kreistanz beschrieben hatte: Der ewige Sohn kommt aus dem Vater hervor und führt uns im Heiligen Geist zusammen mit der ganzen Schöpfung zum Vater zurück.

Wir können von diesem Großen Tanz auch mit den Begriffen Wort, Schweigen und Handeln sprechen: Der Logos, das Wort Gottes, kommt aus dem unergründlichen Schweigen Gottes hervor und kehrt wieder zu Gott zurück, schwer beladen mit der Ernte des zum liebevollen Handeln inspirierenden Geistes. Diese trinitarische Sicht hilft mir auf immer neue Weisen die ‹Kommunikation mit Gott› zu verstehen, die wir als Beten bezeichnen ‒ nicht als eine Art Ferngespräch bis zum Himmel, sondern als das Geschenk, dank der Teilhabe an Gottes Leben immer mehr von Leben erfüllt und lebendiger zu werden.»

Credo (2015): ‹Amen›, 237f.; siehe auch Tanz ‒ der Sinn des Ganzen: Ergänzend: 3.3. und Dreifaltigkeit:

«Hier beim Parlament der Weltreligionen zeigte sich mir aber etwas Wichtiges:

Spiritualität ist nicht nur ein Suchen nach Sinn, sie ist ebenso Feier von Sinn.

Jeder dieser wundervollen Tage in Chicago brachte neue Feiern und Festlichkeiten, in denen die Schönheit einer Tradition nach der anderen zum Leuchten kam.

Das Bild eines prachtvollen Reigentanzes drängte sich mir dabei auf, und ich entschied mich, es in meiner Ansprache zu verwenden.

Schon im 4. Jahrhundert verwendeten die griechischen Kirchenväter das Bild des Reigens oder Rundtanzes ‒ so wie Kinder ihn tanzen, einander bei den Händen haltend und ‹Ringa ringa reia› singend ‒, um tiefe theologische Einsichten über Gottes Dreieinigkeit auszusprechen:

Der Sohn ‒ Christus als ‹Choryphaeos›, als Anführer des Tanzes ‒ kommt aus der Verborgenheit des Vaters hervor und kehrt im Schwung des Heiligen Geistes zum Vater zurück.

Wenn mein christlicher Glaube an Gott als dreieinig ‒ nicht eins und nicht drei, sondern eins in drei und drei in eins ‒ wirklich Ausdruck des Ur-Glaubens ist, dann musste selbst eine so spezifische Lehre wie die von Gottes Dreifaltigkeit keimhaft in dem Glauben enthalten sein, den ich mit allen Menschen gemein habe.»

An welchen Gott können wir noch glauben? (2008):

«Und mit großem Erstaunen sieht das dann ein Christ, dem man immer gesagt hat, die Dreifaltigkeit, das ist ein großes Geheimnis, das wirst du nie verstehen. Ja, verstehen nicht, ausloten nie, aber es zeigt sich, dass das plötzlich inmitten aller großen Traditionen steht. Wort, Schweigen und Verstehen. Das Wort, das haben schon die griechischen Väter so gesehen, das Wort kommt aus dem Schweigen und geht durch das Verstehen ins Schweigen zurück. Sie haben das den großen ‹Reigentanz der Trinität› genannt. Und wir sind in diesem Reigen und können teilnehmen an diesem Tanz. Das Wort ist der Anführer des Tanzes, der Koryphaios in diesem trinitarischen Tanz.»

Fragen, denen wir uns stellen müssen (2016)
Tag 2
Nachmittag:
(57:38) Der Reigentanz der Trinität und Christus, der Logos: das WORT ist der Choryphaeos, der Anführer im Tanz

Begegnung der Religionen (1993)
Vortrag:
(51:31) Der Reigentanz der Trinität gespiegelt in den Weltreligionen]

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[1] Gerard Manley Hopkins (Wikipedia)

[2] Siehe Credo (2015): ‹Und an Jesus Christus›, 66; im Buch Orientierung finden (2021): Geheimnis ‒ wenn uns die Wirklichkeit ‹ergreift›, 44, übersetzt Bruder David:

«Jedes vergänglich’ Ding tut eins nur und dasselbe:
stellt, was zutiefst ihm innewohnt, zur Schau:
es selbstet ‒ nennt sich, drückt sich selber aus,
es ruft, ich bin ich selbst: Nur dazu bin ich da.»

«Auf unsre Frage ‹Was?› ruft uns jedes Ding sozusagen seinen einzigartigen Namen zu und wartet nicht darauf, dass wir ihm einen geben. ‹Es selbstet.› Hopkins musste ein neues Wort prägen, um dies auszudrücken. Die Dinge ‹buchstabieren› ihr Selbst, wie er sagt, sie rufen es uns zu mit ihrem ganzen Sein, aber wir können das Wort, das jedes Ding im Innersten ist, nicht begreifen. Es entzieht sich dem Zugriff jeglichen Begriffes. Nur wenn wir uns davon ergreifen lassen, können wir es verstehen. So führt uns also auch die Frage ‹Was?› tief ins Geheimnis.»

Siehe auch Geheimnis: Erg. 3.1. und Anm. 12.

[3] Credo (2015): ‹… und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn›, 76f.

[4] Credo (2015): ‹Und an Jesus Christus›, 67-69

[5] Orientierung finden (2021): Geheimnis ‒ wenn uns die Wirklichkeit ‹ergreift›, 48f.

[6] Credo (2015): ‹Und an Jesus Christus›, 69

[7] Im Buch Credo  ist der Text aus der Lutherbibel 1554 abgedruckt

[8] Siehe auch die Audios Wie das Göttliche in uns wächst (2005)

[9] Anmerkung von Bernard Schellenberger: Die Shaker («Schüttler») waren eine im 18. Jahrhundert aus den Quäkern hervorgegangene Freikirche in den USA, in der man ekstatische Schütteltänze pflegte.



Quellenangaben

Film, Text und Audios von Br. David Steindl-Rast OSB

jesus d christus titelCopyright © - Barbara Krähmer

(Film 13:35) «Die Lage von der Treppe stimmt vollkommen … Und da hab ich geträumt ‒ da war ich noch ziemlich klein, ich muss sechs oder so gewesen sein ‒, hab ich geträumt, dass ich die Treppe heruntergekommen bin und Jesus, wie ich ihn halt von Bildern gekannt habe, Jesus ist heraufgekommen über die Treppe und wir sind so verschmolzen, wir sind nicht aneinander vorbeigegangen, sondern ineinander hineingegangen, sozusagen.

Dieses Erlebnis hat mich begleitet, mein Christusverständnis auch geformt. Geschichtlich sind sowohl Gautama wie Jesus geschichtliche Personen, die man auch geschichtlich fassen und behandeln kann. Buddha ist Gautama als der Erleuchtete und Christus ist Jesus als der Auferstandene: die beiden kann man auch wieder auf dieser Ebene vergleichen von Ich und Selbst und dieses Selbst ist, was wir Christen die Christuswirklichkeit in uns nennen und was die Buddhisten die Buddha-Natur nennen. Das ist dieses große Selbst, das ist ein und dieselbe Wirklichkeit.»[1]

Ganz früh schon sagten Christen: «Hast du deine Schwester, deinen Bruder gesehen, dann hast du Gott gesehen.»[2]

Die Menschen, auf die das Credo letztlich zurückgeht, waren überrascht, wie leicht es war Gott zu sehen, wenn man Jesus in die Augen schaute, Gott zu hören, wenn Jesus sprach. Begeistert legten sie in Wort und Tat Zeugnis dafür ab, und bis heute begegnen Christen Gott in und durch Jesus Christus. Dabei darf sich jedoch keine Ausschließlichkeit einschleichen. Wir können Gott jederzeit, irgendwo und in irgendeiner Form begegnen; das wird hier vorausgesetzt.

Für uns Christen ist Jesus Christus der zentrale Begegnungspunkt mit der göttlichen Wirklichkeit; das gibt unserem Gottesglauben eben seine spezifisch christliche Färbung und macht uns zu Christen. Dabei ist es von großer Bedeutung, dass wir nicht nur von Jesus sprechen, oder von Christus, sondern von Jesus Christus.

Die Benennung Jesus Christus hält zwei Pole in schöpferischer Spannung miteinander verbunden: Jesus, eine geschichtliche Persönlichkeit, und Christus, die gottmenschliche Wirklichkeit (in jedem Menschen, also auch in uns selbst, die in Jesus einzigartig aufleuchtet).

Wir dürfen diese Spannung nicht aufheben. Wenn ich den einen Pol ‒ Jesus ‒ auf Kosten des Christus-in-mir betone, so verliert Jesus seine einzigartige Bedeutung für mich persönlich; er kann mir zwar ein bewundernswerter Lehrer sein, aber ich erkenne in ihm nicht die geschichtliche Verwirklichung meiner eigenen gottmenschlichen Möglichkeit.

Wenn ich aber den anderen Pol so ausschließlich betone, dass ich den Christus-in-mir nicht in Jesus von Nazareth verwirklicht sehe, dann ist meine innere Christuswirklichkeit ihres objektiven geschichtlichen Bezugspunktes und Maßstabes beraubt und ich kann sie allzu leicht subjektiv verzerren.

Beide Pole verlangen unsere beständige Aufmerksamkeit. Ich muss mich bemühen immer klarer zu sehen, worauf ich mich einlasse, wenn ich Jesus nachfolge. Zugleich muss ich immer bewusster aus meiner innersten Mitte leben und so Christus in mir verwirklichen. Dieser doppelten Aufgabe muss ich mich stellen, um dem gerecht zu werden, was die Worte «Ich glaube an Jesus Christus» im Credo für den Gottesglauben bedeuten.

Was wir von Jesus wissen, das haben wir von anderen erfahren; was Christus heißt, das kennen wir aus eigener Erfahrung, auch wenn wir nie von Jesus hören. Von dieser inneren Christuswirklichkeit soll hier zuerst die Rede sein.

«Verliebte sind blind», heißt es; sie sind aber zugleich auch besonders hellsichtig. Wenn wir jemanden aus ganzem Herzen lieben, dann kann es vorkommen, dass wir plötzlich erfahren, wie uns in einem anderen Menschen Gott begegnet.

Das ist weit entfernt von vernarrter Vergötterung. Worum es geht, ist vielmehr ein gegenseitiges Anschauen Liebender: so innig und so tief, dass der Blick bis zum göttlichen Wesensgrund des Anderen durchdringt.

Eine solche Erfahrung kann zur Einsicht führen, dass, was wir Gott nennen, nicht nur alle unsere Horizonte überschreitet, sondern uns zugleich «zuinnerst näher ist als wir uns selber sind» («Intimior intimis meis», sagt Augustinus).[3]

Im Bild der Bibel heißt das, dass wir «als Gottes Ebenbild» geschaffen sind. Unsere Gottesähnlichkeit wird umso strahlender leuchten, je mehr wir unser ureigenstes Selbst ‒ Christus-in-uns ‒ verwirklichen. In diesem Sinne muss man nicht Christ sein, um Christus zu kennen. Einfach als Menschen sind wir mit Christus in dem Ausmaß vertraut, in dem wir uns selber kennen, sind ihm in dem Ausmaß verbunden, in dem wir unserer innersten Wirklichkeit getreu leben. Indem du dich selber kennst, kennst du Christus; indem du dich selber verwirklichst, wirkt Christus in dir; indem du dein wahres Selbst findest, findest du Christus.

Je mehr wir unser wahres Selbst kennenlernen, umso klarer erkennen wir Christus in uns. Was Jesus für uns bedeutet und welchen Zusammenhang wir zwischen Jesus und Christus finden können, das ist eine andere Frage. Die Antwort wird von äußeren Umständen abhängen, von unserer kulturellen Einbettung, unserer religiösen Erziehung (oder deren Mangel), sogar von unserer Geschichtskenntnis. Ein christliches Kind mag aufwachsen, ohne je klar zwischen Gott und Jesus zu unterscheiden; ein jüdisches Kind mag entdecken, dass Jesus auch nur zu erwähnen, tabu ist. Wenn wir Glück haben, begegnen wir überzeugten Christen, die ihren Glauben leben und Liebe ausstrahlen. Es kann uns aber auch zustoßen, dass wir es mit widerwärtigen Menschen zu tun haben, die als öffentliche Vertreter Jesu gelten. Es macht wohl auch einen Unterschied aus, ob meine Kultur im Namen Jesu von Missionaren (trotz bester Absicht) zerstört wurde, oder ob höchste Gipfel meiner Kultur ‒ etwa der «Christus» Rembrandts, das Rote Kreuz, oder Beethovens «Missa Solemnis» ‒ vom Namen Jesu untrennbar sind. Vielen Menschen wird Unvoreingenommenheit gegenüber Jesus ehrliche Bemühung kosten ‒ ob es sich dabei um negative Vorurteile handelt oder um positive. Jedenfalls verdient eine Persönlichkeit, die in der Geschichte soviel Widerspruch erregt hat, unsere Aufmerksamkeit und ehrliche Auseinandersetzung: Es geht letztlich um die Entscheidung zwischen der Liebe zur Macht und der Macht der Liebe.

Dreierlei muss zusammenkommen, bevor wir sagen können, dass wir an Gott und an Jesus Christus glauben:

  • Wir müssen unser wahres Selbst, die Christuswirklichkeit in uns, wenigstens keimhaft erfühlen.
  • Wir müssen die geschichtliche Gestalt Jesu und die gewaltfreie Revolution, für die er sein Leben gab, genügend kennenlernen.
  • Und wir müssen diese beiden verbinden, indem wir uns mit Überzeugung hinter sein Programm sozialer Veränderung ‒ «das Reich Gottes» ‒ stellen und so zugleich unser göttliches Selbst (Christus-in-uns) verwirklichen.

Manche, die sich Christen nennen, erfüllen leider diese drei Bedingungen nicht. Wenn wir sie erfüllen, dann sehen wir in Jesus Christus unsere eigene gottmenschliche Selbstverwirklichung vorgebildet.

Der Glaube an Jesus (als) Christus schließt ein, dass wir in Jesus unser eigenes gott-menschliches Selbst erkennen, das Selbst, das als Gottes «Ebenbild» geschaffen ist und Gottes eigenen Lebensatem atmet.[4]

Diese Bilder verwendet die Bibel, wo die Rede ist von der Erschaffung Adams, dem Urbild jedes Menschen. Wer an Jesus Christus glaubt, setzt sein gläubiges Vertrauen darauf, dass Gottes liebende Gegenwart in uns Wirklichkeit werden will, und durch uns in der Welt. Sich dazu zu bekennen ist schon der erste Schritt zu der neuen Weltordnung, die Jesus das Reich Gottes nannte.

Das hilft uns verstehen, warum der Glaube an Jesus Christus keine Kluft aufreißt zwischen Christen und Andersgläubigen; obwohl das in der Vergangenheit oft missverstanden wurde. Im Gegenteil, die wichtige Einsicht, die das Credo hier ausspricht, ist:

Das Göttliche kann sich inmitten des Menschlichen verwirklichen ‒ also auch in mir selbst.

Das gilt nicht nur für Christen, sondern für uns alle. Gott will sich im Menschlichen offenbar machen, wenn wir nur unsere Herzen dafür öffnen. Nur gemeinsam können wir dieser Anforderung gerecht werden. Mensch sein ist nicht Privatsache. Unsere Zeit stellt uns vor die Aufgabe, ein für alle Menschen gültiges Weltethos klar zu formulieren. Unser Überleben hängt davon ab. Die ganze Menschheit und jeder Einzelne von uns ist da herausgefordert. Es gibt keine höhere Aufgabe für uns Menschen als Menschlichkeit.

Das wichtige und in unserem Satz «Ich glaube an Gott … u n d  an Jesus Christus» bedeutet, dass ich nicht nur an den Gott jenseits aller Horizonte glaube, sondern auch an Gott in mir, Gott immanent in der Welt ‒ und auf ausgezeichnete Weise in Jesus Christus. Das gibt unserem Glauben an Gott einen handgreiflichen Bezugspunkt ‒ den geschichtlichen Jesus ‒, und es gibt uns eine klare Aufgabe: durch gewaltfreie Revolution für eine neue Weltordnung einzutreten, für das Reich Gottes. Beides ist wichtig.[5]

(Die Quellenangaben zum obigen Text in Anm. 1 und 5)

[Ergänzend:

1. Christuserlebnis von Bruder David in seiner Kindheit:

Schon jetzt berühre ich eine bleibende Wirklichkeit (2021): Interview von Stefan Seidel mit Bruder David:

«‹Wenn unser Ich in Raum und Zeit vergeht, bleibt noch unsere Beziehung zum Ur-Du. Die war und ist das grundlegend Erste, aus dem alles entspringt, und wird das Letzte sein, was übrig bleibt.› Dies ist der tiefste mystische Gedanke, den Steindl-Rast mitteilt und der vermutlich auf eine frühe Kindheitserfahrung zurückgeht, die ihn zeitlebens prägte und führte: ‹In diese Zeit, also etwa in mein viertes oder fünftes Lebensjahr, fällt auch ein Traumbild, das mir ‒ ohne dass ich es damals ahnte ‒ grundlegend werden sollte für mein Lebensgefühl: Ich gehe die steinerne Wendeltreppe vom ‹alten Stock› hinunter. Auf halber Höhe begegnet mir Jesus Christus, der von unten heraufkommt. Er sieht so aus wie auf dem Bild, das über dem Bett meiner Großmutter hängt. Wir bewegen uns aufeinander zu, aber anstatt aneinander vorbeizugehen, verschmelzen wir miteinander.»

Ich bin durch Dich so ich (2016): ‹1. Mensch werden: Meine Herzmitte finden und den Zugang dazu, 1926-1936›, 9f. und 199: Anm. 6:

«… Eine steinerne Wendeltreppe führt in den ersten Stock hinauf; ich nenne ihn den ‹alten Stock›, weil meine Großmutter und meine Urgroßmutter dort oben wohnen. Im ‹alten Stock› bin ich am liebsten. Dort baut meine Großmutter oft ein Zelt aus einem bunten Tischtuch, das sie über zwei Sessellehnen breitete; da fühle ich mich geborgen und lasse mich von meiner Omi bewirten. Wir staunen gemeinsam über das Tanzen der Sonnenstäubchen, wenn Lichtstrahlen zwischen den schweren Vorhängen ins Zimmer strömen. Wir beten auch gemeinsam. Von meiner Großmutter lerne ich das Vaterunser, das Angelus-Gebet und bald den ganzen Rosenkranz.

Weit auseinanderliegende Wirklichkeitsbereiche fließen in meinem Erleben zu dieser Zeit noch ganz ineinander. Es ist kurz vor Weihnachten. Alles strahlt schon vor Vorfreude. Da glitzert etwas auf dem Teppich im Schlafzimmer meiner Eltern. Ich nehme das winzige Goldfädchen zwischen Daumen und Zeigefinger. Was kann das nur sein? ‹Vielleicht ist das Christkind schon vorübergekommen und hat ein Haar aus seinen Locken verloren?› schlägt meine Mutter vor. Das genügt, um mich in Verzückung zu versetzen. Auch rückblickend muss ich sagen: Das war für mich eine echte, freilich kindliche Begegnung mit dem unergründlichen Geheimnis, mit dem wir uns als Menschen auseinandersetzen müssen.

In diese Zeit, also etwa in mein viertes oder fünftes Lebensjahr, fällt auch ein Traumbild, das mir ‒ ohne dass ich es damals ahnte ‒ grundlegend werden sollte für mein Lebensgefühl: Ich gehe die steinerne Wendeltreppe vom ‹alten Stock› hinunter. Auf halber Höhe begegnet mir Jesus Christus, der von unten heraufkommt. Er sieht so aus wie auf dem Bild, das über dem Bett meiner Großmutter hängt. Wir bewegen uns auf einander zu, aber anstatt aneinander vorbeizugehen, verschmelzen wir miteinander.

Grundlegend wurde dieser Traum in dem Sinn, dass sein Verschmelzungsbild auch auf alle weiteren Phasen meines Menschwerdens immer wieder passt. Der Traum löste in mir kein Gefühl von Ehrfurcht oder Ergriffenheit aus. Er war überhaupt nicht gefühlsgeladen. Ich würde eher sagen, dass er eine Einsicht auslöste, die über mein Begreifen weit hinausging, mir aber vielleicht gerade deshalb als gewichtig in Erinnerung blieb.»

2. Jesus, der Christus ‒ zwei Pole:

Credo ‒ ein Glaube, der alle verbindet (2010)
David Steindl-Rast in der Evangelischen Ludwigskirche, Freiburg (DE)
Fragerunde in folgende Themen zusammengefasst:
(33:39) Die unerschöpfliche Christuswirklichkeit (Kol 1,24) und Jesus, der Bezugspunkt

Was bedeutet uns Jesus Christus heute (2004)
Vortrag:
(00:00) Einführung: Der Vortrag ist in drei Teile aufgebaut: Im ersten Teil geht es um Jesus, die historisch fassbare Persönlichkeit.
Das Thema des zweiten Teils ist Christus, die mystische Erfahrung Jesu, die uns mit ihm innigst verbindet. Jesus und Christus bilden zwei Pole in einem Spannungsverhältnis: Jesus ohne Christus ist für uns nicht verbindlich, Christus ohne Jesus ist eine mystische Erfahrung ohne Bezugspol in der Außenwelt.
(23:41) Und damit kommen wir zur Christus Erfahrung, die mystische Erfahrung Jesu, die wir selber machen können, denn in unseren besten und lebendigsten Augenblicken wissen wir, dass wir dem Göttlichen zutiefst verbunden sind: Gott als das Geheimnis, das alles umfasst, uns selbst als Gabe Gottes, und den Geist Gottes als Danksagung, die von uns zu Gott zurückfließt. Oder wir können sagen: Wir kennen Gott als das
Schweigen ‒ Wort ‒ Verstehen oder Vater, Sohn und Heiliger Geist.
(40:33) Bruder David schließt mit unserer Aufgabe: Mensch werden: Mensch sein ist nicht Privatsache, wir hängen alle zusammen. Wir sind das Missing Link zum vollen Menschen Jesus. Die Evolution selbst von Stufe zu Stufe bis zum Menschen ist Menschwerdung Gottes und nach der ersten Seite der Bibel leben wir vom ureigensten Leben Gottes: Wir sind Gott-menschliche Wesen

Retreat-Woche in Assisi (1989)
Ich glaube an Jesus Christus, unsern Herrn:
(10:41) Epochaler Durchbruch in der Religionsgeschichte durch Jesus Christus
(13:16) Der Mensch lebt nach der biblischen Anthropologie vom ureigensten Leben Gottes ‒ Christus und Buddha
Geistliches Leben, das Maß nimmt an der Gestalt Jesu:
(11:25) Jesus Christus, ein Name mit zwei Polen: Der Christus in uns und Jesus, wofür er steht. Geistliches Leben, das immer wieder Maß nimmt am Leben Jesu

Die Wiedergeburt christlicher Mystik (1988)
Vortrag in Themen aufgeteilt:
Jesus, der Christus ‒ zwei Pole

3. Christuswirklichkeit in der Bewegung von ‹to selve› zu ‹justicing› im Eisvogel-Sonett von Gerard Manley Hopkins und Ergänzend:
1. Christus, der Logos, das Wort, in der Gestalt der Sophia, der alttestamentlichen Weisheit
2. Christus-in-uns: unser ureigenstes gott-menschliches Selbst
3. «Ich und der Vater sind eins» ‒ «Atman ist Brahman und Brahman ist Atman»
4. Christus als Choryphaeos, Anführer im Reigentanz der Hl. Dreifaltigkeit

4. Christusgeburt in uns:

Credo (2015): ‹Geboren von Maria der Jungfrau›, 94f.:

«Die dichterische Vorstellungskraft der frühen Christen sah im Jungfrauenschoß, aus dem der neue Adam geboren wird, ein Spiegelbild der jungfräulichen Erde, aus welcher der alte Adam im Paradies geformt wurde. In beiden Bildern bedeutet Jungfräulichkeit einen taufrischen Neubeginn. So wie ein Skifahrer durch ‹jungfräulichen› Pulverschnee die erste Spur zieht, so bahnt Jesus einen ganz neuen Weg zu Gott. Das ist die entscheidende Aussage dieses Glaubenssatzes.

Wir müssen den Mut haben, Gottes Geist jungfräulich zu empfangen, und selber das göttliche Kind zu gebären, denn das heißt ja nichts anderes als für die Christuswirklichkeit lebendiges Zeugnis abzulegen. Angelus Silesius spricht für die mystische Tradition, wenn er sagt:

‹Wird Christus tausendmal zu Bethlehem geborn
Und nicht in dir; du bleibst noch ewiglich verlorn.›

Positiv drückt er dieselbe Einsicht in den weniger bekannten Versen aus, die an Maria gerichtet sind:

‹Sag an / O werte Frau / hat dich nicht auserkorn
Die Demut / dass du Gott empfangen und geborn?
Sag / obs was anders ist? Damit auch ich auf Erden
Kann eine Magd und Braut und Mutter Gottes werden.›

So verstanden wird dieser Glaubenssatz: ‹Geboren von Maria der Jungfrau›, der sonst nur überflüssige und unbeweisbare Information für Neugierige enthielte, zur begeisternden Herausforderung für Mutige.»

Die Wiedergeburt christlicher Mystik (1988)
Vortrag in Themen aufgeteilt:
Christliche Mystiker wie Angelus Silesius und Franz von Assisi

5. Christus, der Weg:

Arbeit und Schweigen, Beitrag von Bruder David im Buch Geist und Natur (1989), 299-301:

«Dieser Tage bekam ich ein Flugblatt in die Hand. Ich bewundere die jungen Menschen, die es verteilt haben. Sie haben sich wirklich getraut, für ihre Überzeugung einzutreten. Aber der Inhalt dieses Blattes zeigt mir, dass sie in ihrem Glauben nicht weit genug gegangen sind, zumindest nach christlichem Maß. Denn das Blatt besteht aus Bibelzitaten, und das sollte uns schon zu denken geben. Ist die Bibel für Christen ein Handbuch, aus dem man Sätze herauszieht, mit denen man seine Gesprächspartner bestenfalls überzeugt und schlimmstenfalls mundtot macht? Oder ist die Bibel Wort, das mich persönlich jetzt und hier herausfordert? Heraus-fordert, aus was heraus? Aus der Angst in den Glauben! Aus der Angst in das Vertrauen.

Ich lese gleich am Anfang: Jesus Christus spricht: ‹Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben› (Joh 14,6).

Ich würde es als gläubiger Christ sehr unter der Würde dessen, was wir als Christen von Jesus Christus glauben, halten, dass wir ihn nur als einen von vielen Wegen darstellen. Was heißt es denn, auf dem Weg zu sein? Auf dem Weg sein, heißt, sich bewegen. Jeder, der sich vorwärtsbewegt nach jenem Kompass des Herzens, der immer auf Gott weist, der ist auf dem Weg. Der ist also auf dem Weg, den wir als Christen ‒ Gott sei Dank ‒ als Jesus Christus kennen. Aber es ist viel weniger wichtig, dass man den Namen kennt, als dass man auf dem Weg ist. Christus, der Weg, kennt alle, die sich auf den Weg gemacht haben. Und die Wahrheit, so steht darüber, die Wahrheit wird Euch frei machen. Was uns nicht frei macht, kann nicht die Wahrheit sein. Was uns frei macht, etwa von Angst, das ist Wahrheit. Frei in Verantwortung. Unverantwortlichkeit ist nicht frei.

Einer der frühen Kirchenväter hat schon ganz deutlich gesagt: ‹Wenn es wahr ist, frag nicht, wer es gesagt hat. Die Wahrheit kommt immer vom Heiligen Geist.›

Wenn wir das nur auch heute noch wüssten! Hier ist nun der Punkt, wo im Hören des Wortes und in der Antwort durch die Tat Schweigen und Arbeit sich verbinden. Hier beginnt ein Prozess, den Rilke so wunderbar das Reifen Gottes nennt.

Wir haben oft ein viel zu statisches Gottesbild. Dass Gott eine Wirklichkeit ist, die in und um uns reift, ist zutiefst christlich. Wir Christen warten ja auf die Wiederkunft Jesu Christi. Aber nicht Wiederkunft, so wie er schon einmal gekommen ist, sondern das endliche Kommen, die endliche Verklärung der Welt. Daher schon sollten wir uns in Gemeinschaft verbunden wissen mit all denen, die auf dem Weg sind.

Rilke vergleicht das Bauen und die Arbeit, wenn sie wirklich verwurzelt sind im Schauen und Schweigen, mit einem unterirdischen Fluss, der in die Tiefen greift. Jetzt sind wir wieder bei den dunklen Tiefen, mit denen wir angefangen haben. Nur aus den Tiefen des Schweigens schwemmt eine Arbeit, die Gebet ist, Gold zutage. Darum betet der Dichter:

Daraus, dass Einer dich einmal gewollt hat,
weiß ich, dass wir dich wollen dürfen.
Wenn wir auch alle Tiefen verwürfen:
wenn ein Gebirge Gold hat
und keiner mehr es ergraben mag,
trägt es einmal der Fluss zutag,
der in die Stille der Steine greift, der vollen.
Auch wenn wir nicht wollen:

Gott reift.»

Begegnung der Religionen (1993)
Gespräch, Fragen nach dem Vortrag:
(20:13) ‹Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben› (Joh 14,6)

6. Orpheus, eine Christus-Figur:

Einsichten aus Rilkes Dichtung, Teil I, 53f.:

«Und Rilke sagt: er wurde nicht zerrissen, er wurde verteilt, so wie die Kommunion verteilt wird. Und darum singen wir jetzt: Er singt in uns, in den Felsen, in den Löwen, in den Bäumen singt er noch, er wurde verteilt. Er wird zur Christus Figur. Sie konnten sein Haupt nicht zerstören, das Haupt schwimmt am Fluss hinunter und singt noch. Und die Leier wird zum Himmel gehoben und wird zum Sternbild. Er wird verteilt an die ganze Welt. Das ist der große Gott, der göttliche Sänger. Und der singt in uns.»

So leben wir und nehmen immer Abschied (2009)
Vortrag:
(25:52) ‹Wandelt sich rasch auch die Welt› (Rilke, Sonette an Orpheus 1. Teil, XIX): Bruder David deutet das Sonett mit Blick auf die Zeit und das Jetzt, das kleine Ich und das Selbst, Orpheus und Christus]

_____________________

[1] Film Dem Geheimnis auf der Spur (2016)

[2] Zwei Audios mit dem Wort der frühen Christen in Sehen ‒ schöpferisches Schauen: Ergänzend: 2.1. (29:53) und 2.2. (01:05:31)

[3] Augustinus: ‹Confessiones›, III, 6,11

[4] Siehe auch: Hl. Geist ‒ Lebensatem Gottes: Ergänzend: 2. Weitere Texte: 2. Wir leben vom ureigensten Leben Gottes (1972): Auszug aus dem Vortrag Jesus als Wort Gottes, abgedruckt in Die Frage nach Jesus (1973), 59-63

[5] Credo (2015): ‹Und an Jesus Christus›, 60-64



Quellenangaben

Text, Filme und Audios von Br. David Steindl-Rast OSB

hl geist georg stahl titelCopyright © - Barbara Krähmer

Durch meinen Leib bin ich an die Zeit gebunden und mein Ich ist vergänglich, mein Selbst aber hat Bestand. Und doch erlebe ich mich als Einheit, als ich selbst ‒ nicht als ich  u n d   selbst.

Dieses Einssein ist mir jedoch nur bewusst, solange ich im Jetzt lebe, im Augenblick, im Doppelbereich von Zeit und Ewigkeit.

Sobald ich an Vergangenem hängen bleibe oder mich in Zukunftsfantasien verstricke, bin ich mir nur mehr des Zeitablaufs bewusst, und es bedrückt mich, dass meine Zeit rasch abläuft und ausläuft.

«Ich verrinne, ich verrinne wie Sand, der durch Finger rinnt», sagt der Dichter.[1]

Ich sehe es jetzt mehr noch als in früheren Lebensabschnitten als meine große Aufgabe an, immer wieder ins Jetzt zurückzukehren und zu erkennen, dass ich nicht in einem Nebeneinander von Zeit und Ewigkeit lebe, sondern in ihrem Ineinander, in der dynamischen Spannung des einen Doppelbereichs.

Auf Reisen fällt mir das nicht schwer. Da muss ich einfach im Augenblick leben. Und Reisen wurden mir geschenkt in meinem hohen Alter ‒ zahlreicher und weiter und spannender als je zuvor.

Zugleich mache ich immer weitere Reisen nach innen in neue Gebiete des Doppelbereichs. Er ist ungeteilt und unteilbar eins. Das rufe ich mir immer wieder ins Bewusstsein. Meine Reisen in seine Tiefen sind nicht ein Verlassen dessen, was als Oberfläche erscheint. Nein.

I n  Raum und Zeit kommt Ewigkeit zum Vorschein ‒ scheint hervor, wirft Licht auf meinen Weg. Alles, was hinter mir liegt auf diesem Weg, war notwendig, um mich genau an diese Stelle zu bringen. Alles, was vor mir liegt, ist nur von diesem Standpunkt aus erreichbar.

Rilke hilft mir zu benennen, was zu entdecken vor mir liegt. «Weltinnenraum», «das Offene», die «Mitte des Immer», das «Namenlose», letztlich die «Unbetretbarkeit» ‒ das Geheimnis. Es ist groß und einfach. Was ich dagegen rückblickend gewahre, ist schier unüberschaubar in seiner tausendfach vernetzten Vielfalt.

Aber alles, was ich erlebe, hat ja schon jetzt eine Dimension, die über Zeit und Raum erhaben ist.

T. S. Eliot nennt das Jetzt «the moment in and out of time»[2] ‒ es gehört der Zeit an und doch auch nicht.

Im Doppelbereich des Jetzt sind Zeit und Ewigkeit eins. Darum kann auch nicht die kleinste Einzelheit von allem, was mir hier lieb ist, je verloren gehen.

«Alles ist immer jetzt», sagt wieder T.S. Eliot, «All is always now»[3] ‒ und spricht damit eine Wahrheit aus, die sich nicht leugnen lässt, denn was nicht jetzt ist, ist nicht, es hat nur eine Schattenwirklichkeit in Vergangenheit oder Zukunft.

Im Jetzt aber kann es nicht verloren gehen, da ist es in einem dreifachen Sinn «aufgehoben»:

Es besteht nicht länger (wie etwa ein Gesetz, das aufgehoben wird), es wird aber auf eine höhere Ebene hinaufgehoben und bleibt dort bewahrt (wie ein Goldreif in einer Schatzkammer gut aufgehoben ist).

In diesem Sinn verstehe ich, warum Rilke im Aufheben unsere Lebensaufgabe sieht: «Wir sind die Bienen des Unsichtbaren. Leidenschaftlich heimsen wir den Nektar des Sichtbaren ein in die große, goldene Honigwabe des Unsichtbaren.»[4]

Bruder David im Gespräch mit Johannes Kaup: «Ich erlebe schon mitten in Raum und Zeit ‒ in der Erfahrung des Jetzt ‒ eine Dimension, die über Raum und Zeit hinausgeht, und die unterliegt dem Tod nicht.»

«Freilich komme ich dabei um eine Schwierigkeit nicht herum: Jemand könnte sagen: Nur durch meine Sinne, die in Raum und Zeit sind, kann ich das erfahren, und nur mit meinem Gehirn kann ich es denken; wenn aber mein Gehirn zu Staub zerfällt, was dann?

Ich kann nur antworten: Hier und jetzt bringen mich meine Sinne und mein Denken an die Grenze von etwas, das über Zeit und Raum hinausgeht, das nicht gebunden ist durch Zeit und Raum.

Und dieser Dimension meines Daseins ‒ dem Bleibenden ‒ gehöre ich genauso an, wie ich Zeit und Raum angehöre.

Das ist eben der Doppelbereich, in dem ich lebe.

Diese Erfahrung gibt mir Vertrauen und Zuversicht auf etwas Bleibendes, auch wenn meine körperliche Wirklichkeit endet.

Schon jetzt berühre ich eine bleibende Wirklichkeit. Im Jetzt rühre ich an das Bleibende.[5]

Darauf muss ich mich einlassen, muss mich einfühlen ins Jetzt und dort heimisch werden. Im Getriebe der Zeit geht dieses Bewusstsein allzu leicht verloren.»

«Unser ganzes Leben ist eine Auseinandersetzung in Raum und Zeit mit dem Großen Geheimnis, das über Raum und Zeit hinausgeht.

Schon jetzt nimmt jedes Erlebnis im Doppelbereich an diesen beiden Aspekten teil. Wenn also Raum und Zeit wegfallen, ist das, was ich erlebt habe, damit nicht ausgelöscht. Das zeigt uns schon jetzt unsere Erinnerung, die Tatsache, dass wir uns überhaupt an etwas erinnern können.»

Johannes Kaup: «Aber Erinnern ist ein zeitliches Phänomen.»

Bruder David: «Erinnerung ist ein Phänomen in der Zeit, aber dass Erinnerung nur in der Zeit ist, ist eine sehr reduktionistische Vorstellung. Ja, es gibt etwas wie neuronale Konstellationen oder Engramme, Aufzeichnungen irgendeiner Art, die dann wieder aufgerufen werden. Da ist etwas dran, aber das ist nicht das Wesentliche von Erinnerung.

Erinnerung ist nicht Wiederbringung von Vergangenem, sondern ‹Er-inner-ung›:

Etwas ist ins Innerste eingegangen und gehört nicht nur meinem persönlichen Innersten an, sondern dem Weltinnenraum.

Rilke fasst das in die dichterische Vorstellung, dass wir Menschen die ‹Bienen des Unsichtbaren› sind.

Unser ganzes Leben besteht darin, jeden Augenblick, jede Erfahrung in die ‹große goldene Honigwabe› des Weltinnenraums einzuheimsen.

Nichts kann dort je wieder verloren gehen. Was ich einheimse in diese große goldene Honigwabe, ist mein einzigartiger Beitrag.

Wir sind so verschieden voneinander, dass es wohl nie zwei Menschen gegeben hat, die, sagen wir, eine Rose angeschaut und dasselbe gesehen haben.

Mit meiner einzigartigen Sensibilität reichere ich den Weltinnenraum an.

Ich bereichere ihn mein Leben lang, nicht nur durch alles Angenehme, was ich erlebe, sondern auch durch jedes Leiden. Alles hat Wert und Bestand. Nichts geht verloren.»

Johannes Kaup: «Vom Leiden hoffen wir, dass es ebenfalls verwandelt wird. Deswegen frage ich noch einmal anders: Wird auch die Vergänglichkeit verwandelt?»

Bruder David: «Sie wird schon jetzt verwandelt. Jetzt oder nie.

Der mystische Dichter Kabir fragt: ‹Wenn du als Lebender nicht deine Ketten sprengst, sollen Geister es tun, wenn du tot bist?›

Er meint, ewige Seligkeit, nur weil die Würmer dich fressen, sei ein Wunschtraum. Was du jetzt findest, wirst du dann gefunden haben, was du jetzt versäumst, wirst du dann versäumt haben. Schon jetzt musst du den großen Gast empfangen und umarmen.»

Johannes Kaup: «Ich muss da noch einmal nachhaken. Unvergänglichkeit bedeutet, wenn ich es recht verstehe, dem zeitlichen Strom des Vergehens entrissen zu sein. In gewisser Weise können wir uns nicht anders denken als als leibliche Wesen. Dass der Körper sich bereits zu Lebzeiten verändert, ist unbestritten. Mir geht es um unsere Gestalt. Wir sind immer Gestalt und dadurch erkennbar. Ich möchte einmal, so es mir vergönnt ist, Sie, Bruder David, im Himmel an der ‹Honigwabe› wiedertreffen und Sie erkennen können.»

Bruder David: «Auch jetzt ist es doch schon so, dass wir nach zwanzig Jahren keine Schwierigkeit haben, einen alten Bekannten wiederzuerkennen, und doch ist keine einzige Zelle in seinem Körper dieselbe geblieben.

Es ist die Gestalt, die wir wiedererkennen. Und Gestalt des Leibes ist die Definition von Seele

Johannes Kaup: «Anima forma corporis es, (Thomas von Aquin), sagen die scholastischen Theologen. Die Seele ist die Gestalt des Leibes.»[6]

Bruder David: «Sie ist es, was diesen Leib zu diesem Leib macht. Und nicht nur zum Leib, sondern was diesen Menschen zu diesem einzigartigen Menschen macht.»

Johannes Kaup: «Die Seele ist diese Lebendigkeit.»

Bruder David: «Im Doppelbereich haben wir alle eine doppelte Lebendigkeit ‒ in Raum und Zeit und im großen Selbst, das über Zeit und Raum hinausgeht.»

Johannes Kaup: «Bruder David, ich habe noch keine Ahnung, wie es sich anfühlt, wenn man neunzig Jahre alt ist. Da kommt sicher einiges auf mich zu. Doch nicht nur ich bewundere, dass Sie in Ihrem Alter noch so wach, so neugierig und lebendig sind. Was ist das, was Sie heute im vielleicht letzten Lebensjahrzehnt beschäftigt, umtreibt, bewegt?»

Bruder David: «Es kristallisiert sich für mich immer klarer heraus, dass meine große Aufgabe darin besteht, im Jetzt zu leben und das immer wieder zu üben.

Das sehe ich als meine Hauptaufgabe an, und zugleich ist es ein großes Geschenk, das so viele Jahrzehnte lang üben zu dürfen.

Vielleicht wird uns das Leben nur verlängert, weil wir noch nicht gelernt haben, wirklich im Jetzt zu leben.»

Johannes Kaup: «Woran haben Sie heute noch besondere Freude? Worüber können Sie nach wie vor staunen und was macht Ihr Herz ganz weit?»

Bruder David: «Um das zu beantworten, müsste ich alles aufzählen, was mir im Lauf des Tages begegnet. Alles macht mich staunend, mehr als je zuvor. Schon wenn ich am Morgen die Augen aufschlage. Dass mir noch einmal ein Tag geschenkt wird, ist das nicht eine große Überraschung?

Johannes Kaup: «Ich bin auch noch da ...»

Bruder David: «Aha! Es gibt mich noch. Alles, alles wird immer staunenswerter.

Johannes Kaup: «Das heißt staunenswerter, je älter Sie werden ‒ wie das? Sie könnten ja auch sagen: ‹Ich bin schon abgebrüht, ich kenne das schon.›»

Bruder David: Wie Augustinus sagt: Alles ist Gabe, alles ist Gnade, alles ist Geschenk.

Johannes Kaup: «Bruder David, ich danke Ihnen herzlich für das Gespräch.»

Bruder David: «Ich danke Ihnen für Ihre Fragen.»

[Ich bin durch Dich so ich (2016): ‹9. Doppelbereich, 2006-2016›, 181-185 und ‹9. Dialog, 188-191, 193]

[Ergänzend:

1. Filme

1.1. Filminterview von Ramon Pachernegg mit Bruder David (2017), siehe auch Transkription:
(09:46) T. S. Eliot nennt das JETZT: ‹the moment in and out of time›, ‹der Augenblick, der innerhalb und außerhalb der Zeit ist› ‒ beides. Und wir leben in diesem Doppelbereich. Das ist sehr wichtig: Rilke hat sehr viel mit diesem Gedanken des Doppelbereichs gearbeitet, ist immer wieder auf den Doppelbereich zurückgekommen als Dichter.
Dieser Doppelbereich ist, dass wir einerseits in Raum und Zeit leben: einen gewissen Anfang haben, ein gewisses Ende unseres Lebens, überschaubar, und anderseits im JETZT:
Einerseits das ICH ‒ in Zeit und Raum ‒, anderseits das SELBST: im JETZT ‒ über Raum und Zeit erhaben. Und diese beiden zusammenzuhalten ‒ es ist weder gemischt noch getrennt: Es ist eben dieser sonderbare Doppelbereich; und in dem leben zu lernen, das ist in vielen spirituellen Traditionen eigentlich das Ziel.

1.2. Wir sind daheim in dieser Welt (1975); siehe auch Transkription:
(40:09) ‹Das Erlebnis ist nicht vollendet, bevor es nicht in Erinnerung übergeführt wird. Diese Verwandlung von Sinneserfahrung in Erinnerung ist eine Verwandlung aus dem Sichtbaren, Schmeckbaren, Tastbaren, Riechbaren, Hörbaren in einen Bereich des Übersinnlichen.
Der Dichter Rainer Maria Rilke hat das so schön ausgedrückt. Er vergleicht uns Menschen mit Bienen, die den Nektar des Sichtbaren in die großen goldenen Honigwaben des Unsichtbaren sammeln. Das ist unsere große menschliche Aufgabe.›

2. Audios

2.1. Lebendige Spiritualität (2015)
Doppelbereich:
(04:26) Erst in dem Doppelbereich werden die Stimmen ewig und mild (Die Sonette an Orpheus 1. Teil, X)
(39:16) Mitte des Immer, drin du atmest und ahnst (Elegie an Marina Zwetajewa-Efron)

2.2. Lebensorientierung (2015)
3. Tag, 12. Februar, Donnerstagvormittag mit 5. Impulsvortrag (Bruder David), siehe
Transkription S. 2, 11-13 und 27f.:
Wer bin ich? Ich-Selbst oder Ego? ‒ (00:15) Immer wieder kommen wir auf den Doppelbereich / (07:14) Der Doppelbereich von ‹innen› und ‹außen› /
(21:37) Das Selbst ist immer Jetzt ‒ Einheit und Vielheit ‒ Wandel und Bestand ‒ ‹die Mitte des Immer› (Rilke, Elegie an Marina) ‒ von außen betrachtet bin ich Materie, von innen betrachtet bin ich Geist: Einheit, besser: Nicht-Zweiheit ‒ a-dwaita / (55:57) Seele ist ein abstrakter Begriff, der unsere Verschiedenheit wie auch Einzigartigkeit ausdrückt ‒ In der Definition ‹Anima forma corporis est› (Thomas von Aquin›) ist ‹forma› nicht ‹etwas›, sondern ‹Causa formalis› (Aristoteles): Was mich zu mich selbst macht

2.3. «Im Paradoxen Sinn erfahren»: Eröffnungsvortrag der Tagung Aufwachsen in Widersprüchen (1989); siehe die Transkription des Vortrags, abgedruckt im Buch Aufwachsen in Widersprüchen (1990), 61f.:

(11:07) «Im tiefsten fragt unser Herz das, von Anfang an:  W e r  b i n  i c h? ‒ Was bedeutet aber diese Frage? Die Betonung müsste da auf dem ‹b i n› liegen.

Die Frage erhebt sich ja gerade deshalb, weil ich weiß, dass vor nicht so langer Zeit ich noch nicht war. Es hat mich einfach nicht gegeben. Und ich weiß auch, dass ich in absehbarer Zeit nicht mehr sein werde, jedenfalls nicht in der Form, in der ich mich jetzt kenne. Ich war nicht, ich werde nicht sein, und trotzdem weiß ich, ich bin! Dieses ‹bin› ist aber, wenn wir recht zusehen, nicht der Zeit unterworfen; es ist ewig; ich kenne mich als ewig und muss mich doch in der Zeit verwirklichen.

Ich weiß, ich bin, aber ‹bin› muss immer in der Gegenwart sein; wenn es in der Vergangenheit ist, heißt es ‹ich war›. Dann bin ich nicht, denn ich bin nicht mehr. In der Zukunft ‹bin› ich auch nicht; ‹ich werde sein›, aber ich bin noch nicht.

Ich ‹bin› nur in der Gegenwart. Und diese Gegenwart, dieser gegenwärtige Augenblick ist etwas, was uns immerfort entgeht und entgleitet. Es ist im tiefsten Sinn fragwürdig.

Wir stellen uns das so vor, dass unser Leben ein langer Weg ist, eine Linie, die aus der Zukunft auf uns zukommt und in die Vergangenheit versinkt. Die kleine Wegstrecke, auf der wir jetzt stehen, das ist die Gegenwart: hier  b i n  ich.

Solange wir aber von einer Wegstrecke sprechen, hindert uns nichts daran, diese Strecke in die Hälfte zu teilen. Die eine Hälfte ist dann nicht, weil sie nicht mehr ist, und die andere Hälfte ist nicht, weil sie noch nicht ist. Wo bin ich dann? In dieser Klemme sind wir vielleicht geneigt, die Gegenwart nicht mehr als Zeitstrecke, sondern als Zeitpunkt zu verstehen. Aber ein Punkt hat keine Ausdehnung; ein Zeitpunkt hat also keine Dauer, die doch zum Begriff der Zeit gehört. Sobald wir aber an Dauer denken, sind wir wieder beim Bild einer Zeitstrecke und eine Strecke lässt sich immer halbieren: die eine Hälfte ist nicht mehr, die andere Hälfte ist noch nicht. Hat also unser Bewusstsein von ‹ich bin› überhaupt Platz in der Zeit?

Nein. Wir existieren, und existieren heißt wörtlich: herausreichen, herausstehen. Wir reichen heraus aus der Zeit ins Sein, ins Ewige.

Ewig heißt ja nicht: lange, lange Zeit; Ewigkeit ist ‒ wie Augustinus definiert ‒ das ‹nunc stans›, also das Jetzt, das niemals vergeht.

‹Ich bin› gehört also zur Ewigkeit, zum Jetzt, das bleibt. Dieses bleibende Jetzt kennt schon jedes Kind, wenn es nur versteht, was ‹ich bin› heißt. Jeder Mensch reicht eben existenziell über die Zeit in die Ewigkeit hinein, in das Sein.

Ich muss mit dieser Spannung leben, dass ich der bin, der dieses ‹bin› nie in der Zeit findet und es doch in der Zeit verwirklichen muss.

Eben da erhebt sich nun die existenzielle Frage des Menschen: Wer bin ich denn? Und das heißt letztlich: Wie bin ich, von Zukunft verunsichert und von Vergangenheit ausgelöscht, dennoch verbunden mit dem, was wirklich ist?

Was ist meine Beziehung zum Wirklich-Seienden, zum Sein?

Das ist die Frage, die hinter dem: Wer bin ich? steht. Das Herz des Menschen hat von Anfang an schon immer diese Frage gestellt und stellt sie immer neu.

Jedem Menschen stellt sich diese Frage, ob das reflexiv erfasst und deutlich ausgesprochen oder nur so ganz ahnend erlebt wird. Die Frage ist da und das Herz gibt auch Antwort darauf.»

3. Weitere Texte

3.1. Im Buch Orientierung finden (2021):

‹Innen / Außen ‒ zwei Aspekte der einen Wirklichkeit›, 76f.:

«Von biologischem Leben können wir erst sprechen, wenn es ‒ wie bei den einfachsten Einzellern, die wir kennen, ‒ ein Innen gibt, das, durch die Zellwand vom Außen getrennt, auf die Außenwelt reagiert. Auf unser menschliches Leben und Erleben angewandt, sind Innen und Außen bildliche Ausdrücke für zwei Aspekte der einen Wirklichkeit.

Der Unterschied ist uns aus täglicher Erfahrung vertraut: Im Außen kennen wir nur Vielfalt. Innen aber können wir jene Einheit erfahren, welche die Vielfalt zusammenfasst, enthält und übersteigt.

So übersteigt unsre innerste Du-Erfahrung Einheit, aber auch Zweiheit.

Darum spricht der Hinduismus hier nicht von Einheit, sondern von Nicht-Zweiheit ‒ a-dwaita. Was mir als Außen bewusstwird, ist an Raum und Zeit gebunden und beständigem Wandel unterworfen. Als Innen kann ich etwas erleben, was unteilbar und immer jetzt ist. Rilke spricht von der ‹Mitte des Immer› und drückt mit diesem Bild ein innerstes Bleibendes aus.

Unter diesen beiden Aspekten von Innen und Außen erlebe ich die eine ungeteilte Wirklichkeit als Doppelbereich.

‹Mag auch die Spieglung im Teich
oft uns verschwimmen:
Wisse das Bild.
Erst in dem Doppelbereich
werden die Stimmen
ewig und mild.›
[7]

Einen Aspekt dieses Doppelbereichs auf den andren zu reduzieren, würde dem Unterschied von Innen und Außen nicht gerecht. Aber den Unterschied als Dualität zu verstehen, widerspricht der nahtlosen Einheit unsrer Erfahrung.»

‹Das Jetzt ‒ im Schnittpunkt von Zeit und Ewigkeit›, 81f.:

«Wenn deine Zeit um ist, bleibt nur deine Ewigkeit. Schon heute lebst du aber im Doppelbereich, gehörst also beiden Bereichen an.»

«Mein Selbst gehört zum Bereich der Ewigkeit. Mein Ich gehört zum Bereich von Raum und Zeit. Aber diese beiden sind der eine untrennbare Doppelbereich. Ich selbst bin eins ‒ nicht aus zwei Hälften zusammengesetzt. In diesem Bewusstsein zu leben, heißt im Jetzt leben. Nur dann bin ich ‹Ich-Selbst›.»

A-DWAITA, in: Das ABC der Schlüsselworte, 128

DOPPELBEREICH, in: Das ABC der Schlüsselworte, 132f.

3.2. Einsichten aus Rilkes Dichtung, Teil II (2014), 98-105; 108f., 118-123; siehe 121f.:

«Als unser letztes Gedicht heute, möchte ich eigentlich um der letzten Zeilen dieses Gedichtes willen, ein Gedicht von Clemens Brentano lesen.

Es heißt ‹Eingang› und ist das Eingangsgedicht zu einem seiner Gedichtbände.»

Beim ersten Vers: ‹Was reif in diesen Zeilen steht›, fügt Bruder David humorvoll an: «Und das gilt auch zugleich für die Dichtung Rilkes, für alle Gedichte. Ich stelle mir vor, dass im Himmel sich alle Dichter treffen und nicht mehr wissen, wer was geschrieben hat.»

(Entspanntes Lachen im Saal). ‒

Und nach der Zeile: «Ans Feldkreuz angeschrieben

Und das ist jetzt die Inschrift: O Stern und Blume ‒

Die ‹Stern-Blume›, Stern ‒ Blume: Doppelbereich.

Geist und Kleid,
Lieb', Leid und Zeit und Ewigkeit!

Lieb und Leid gehören so zusammen wie Geist und Kleid, wie Stern und Blume.

O Stern und Blume, Geist und Kleid,
Lieb', Leid und Zeit und Ewigkeit!»
]

_____________________

[1] ‹Stimme eines jungen Bruders

Ich verrinne, ich verrinne
wie Sand, der durch Finger rinnt.
Ich habe auf einmal so viele Sinne,
die alle anders durstig sind.
Ich fühle mich an hundert Stellen
schwellen und schmerzen.
Aber am meisten mitten im Herzen.

Ich möchte sterben. Laß mich allein.
Ich glaube, es wird mir gelingen,
so bange zu sein,
daß mir die Pulse zerspringen.›

R. M. Rilke, Das Stunden-Buch

[2] T. S. Eliot: Four Quartets: The Dry Salvages, V; siehe auch Stillehalten

[3] T. S. Eliot: Four Quartets: Burnt Norton, V; siehe auch Stillehalten

[4] Rilke im Brief an seinen polnischen Übersetzer Witold Hulewicz; siehe auch Einsichten aus Rilkes Dichtung, Teil II (2014), 105f.

[5] Siehe auch Schon jetzt berühre ich eine bleibende Wirklichkeit (2021): Interview von Stefan Seidel mit Bruder David:

«Ich erlebe schon mitten in Raum und Zeit − in der Erfahrung des Jetzt − eine Dimension, die über Raum und Zeit hinausgeht, und die unterliegt dem Tod nicht. (...) Hier und jetzt bringen mich meine Sinne und mein Denken an die Grenze von etwas, das über Zeit und Raum hinausgeht, das nicht gebunden ist durch Zeit und Raum. Und dieser Dimension meines Daseins − dem Bleibenden − gehöre ich genauso an, wie ich Zeit und Raum angehöre. Das ist eben der Doppelbereich, in dem ich lebe. Diese Erfahrung gibt mir Vertrauen und Zuversicht auf etwas Bleibendes, auch wenn meine körperliche Wirklichkeit endet. Schon jetzt berühre ich eine bleibende Wirklichkeit.»

[6] Bruder David geht auf die Definition von Thomas von Aquin ein weiter unten im Audio in Ergänzend: 2.2. (55:57)

[7] Rilke: ‹Nur wer die Leier schon hob auch unter Schatten› (Sonette an Orpheus 1. Teil, IX); siehe in Einsichten aus Rilkes Dichtung, Teil II (2014), 99-101


Quellenangaben

Film, Audios und Text von Br. David Steindl-Rast OSB

hl geist georg stahl titelCopyright © - Barbara Krlähmer

(Film 13:35) Isha Johanna Schury: «Aber was ich bei Dir jetzt heraushöre, ist, dass es unabhängig von dem äußeren Umstand immer mein inneres Jetzt gibt, und das innere Jetzt kann ich jederzeit mit Freude, mit erkennender Freude füllen, indem ich zulasse, zu erkennen, dass ich bereits beschenkt bin, weil ich schon atmen darf, weil meine Augen sehen dürfen, weil meine Ohren hören dürfen, und ich einfach hier sein darf und diesen Moment jetzt erleben darf. Verstehe ich das richtig?»

David Steindl-Rast: «Darum ist es so entscheidend, dass wir innehalten und dann horchen: hinhorchen: Was will jetzt das Leben von mir?

Es gibt mir eine Gabe, immer die Gelegenheit, die das Leben jetzt mir schenkt, ist eine Gabe, aber wie es heißt: In jeder Gabe ist eine Aufgabe enthalten und sehr häufig kommt es vor, dass unsere Ideen, was wir jetzt werden müssen oder sollen oder was wir noch aus uns machen sollen usw.: Das hat sehr wenig damit zu tun, was das Leben von uns will.

Und das ist eine der großen Schwierigkeiten: Nicht seine eigenen Ideen zu haben, sondern hinzuhorchen …

Wenn ich sage: Das Leben ‒ das sind die ganzen Umstände, in denen ich mich jetzt zur Zeit befinde ‒, und dahinter steht natürlich das große Geheimnis des Lebens selber, ist uns ein unauslotbares Geheimnis.

Wenn ich sage ‹Geheimnis, dann meine ich nicht irgendwie so was wie Geheimnistuerei oder etwas Verschwiegenes. Ich meine etwas ganz Konkretes:

Wir sind im Leben immer wieder konfrontiert mit einer Wirklichkeit, die hinter allen anderen Wirklichkeiten steht, eine Wirklichkeit, die wir nicht begreifen können. Wir können sie nicht in den Griff bekommen, aber wir können sie verstehen, wenn wir hinhorchen.

(18:43) Isha Johanna Schury: «Woher weiß ich, welche Stimme gerade auf mich einspricht? Ich will sie unterscheiden, dass ich auch wirklich höre: Welche Stimme ist jetzt das wirkliche Leben und welche Stimme ist vielleicht mein Ego oder mein Brauchen, mein Wollen, meine Angst?»

David Steindl-Rast: «Vielleicht meine Güte und mein Mitleid. Wer heute nicht mit tiefem Mitleid und Schmerz auf die Welt schaut, dem fehlt etwas.

Wenn man wirklich wach ist, musss man heute schon an der Welt leiden, leider.

Aber im gegebenen Augenblick ein gutes Glas Wasser zu haben, was Millionen Menschen fehlt, und einfach jetzt dieses Glas Wasser mit Freude und Genuss zu trinken …

Alle diese Ängste und Schmerzen für die Welt sind im Augenblick nicht wichtig für dich. Was für dich dir das Leben jetzt schenkt, ist dieses Glas Wasser und an dem darfst du dich vollkommen freuen und es genießen.

Darum ist dieses Eine jetzt wichtig und das Andere ist natürlich im großen Bild viel wichtiger, aber für dich jetzt ist etwas wichtig, was dir jetzt das Leben sagt.»

(28:35) Isha Johanna Schury: «Warum haben wir immer so das Gefühl, etwas zu versäumen, Bruder David?

Die Menschen haben immer das Gefühl, sie versäumen etwas und landen nie in ihrem Jetzt, sind immer entweder in der Vergangenheit oder in der Zukunft, und wenn doch Liebe im Leben nur im Jetzt stattfindet, warum versäumen wir dann so gern oder so oft unser Leben?»

David Steindl-Rast: «Es ist wieder die Frage: Können wir im Jetzt wirklich leben, können wir uns Üben, im Jetzt zu leben?

Und wenn wir dankbar leben, wenn wir im Augenblick ‒ in jedem Augenblick idealerweise ‒ hinhorchen, ganz da sind, für das, was das Leben uns zuspricht in diesem Augenblick und es dann versuchen zu tun, der Aufgabe gerecht zu werden: Wenn wir das tun, dann leben wir im Augenblick.

Und im Augenblick hat dieses Gefühl, etwas zu versäumen überhaupt keinen Platz, wird sind ja so beschäftigt mit dem, was wir jetzt tun, dass uns das gar nicht in den Sinn kommt.

Ich verstehe schon, was du damit meinst: immer das Gefühl haben, ich versäume etwas, aber das kommt nur davon, dass wir eben nicht wirklich im Jetzt leben.

Die Übung der Dankbarkeit ‒ Dankbarkeit als ein spiritueller Weg, das ist er ja ‒, auf diesem Weg zu gehen, ist eigentlich ein sehr sicheres Mittel, nicht in diese Angst zu verfallen, etwas zu versäumen.»

(37:05) David Steindl-Rast: «Und wir erleben immer wieder, dass das Leben es besser meint und besser weiß als wir. Das Leben ist weiser als unser kleiner Verstand.»

Isha Johanna Schury: «Ja! Das heißt, wir könnten uns dieses ganze Tamtam schenken mit ‹Finde deinen Lebenssinn, finde dies, finde jenes›: Macht das Sinn? Wahrscheinlich nicht so viel, oder?»

David Steindl-Rast: «Es ist schon eine sehr gute Frage: ‹Wie kann ich meinen Lebenssinn finden›? Und die Antwort ist: ‹Nicht dadurch, dass ich in mir grüble und mir selber Pläne mache ‒ das ist ja ein winziger Teil des ganzen Lebens ‒, sondern ich kann den Sinn meines Lebens dadurch finden, dass ich auf das Leben selber, wie es mir gerade jetzt in diesem Augenblick begegnet, hinhorche und antworte.»

(43:56) Isha Johanna Schury: «Ich hätte dich jetzt gefragt, ob sich aus dir noch etwas mitteilen möchte, abschließend für unser Gespräch, wo du das Gefühl hast, das möchte noch hinaus?»

David Steindl-Rast: «Vielleicht den Gedanken, den Tod allzeit vor Augen zu haben.

Das ist ein Satz aus der Regel des hl. Benedikt, der mich schon, bevor ich Benediktiner geworden bin, sehr berührt hat, und ich habe erkannt ‒ damals war ich so ungefähr 19 oder 20 Jahre, höchstens ‒, dann habe ich erkannt, dass unser ganzes Leben bis dahin dadurch geprägt war, dass wir den Tod allezeit vor Augen hatten. Das war ja mitten im Krieg und unsere Freunde sind immer wieder gefallen an der Front, die Bomben sind gefallen links und rechts, also, wir hatten den Tod allezeit vor Augen.

Und rückblickend, damals habe ich gesehen: ‹Ah, darum waren wir so glücklich!

Darum waren wir so freudig! Weil wir ‒ damals hätte ich das nie so ausdrücken können ‒, weil wir im Jetzt leben mussten.

Wenn man den Tod vor Augen hat, muss man im Jetzt leben.

Warum ich dann Mönch geworden bin und Benediktiner, hat viel damit zu tun, dass ich wirklich den Tod täglich vor Augen halten wollte. Und ich muss sagen, wenn ich auch sonst Vieles besser machen hätte können, aber das ist mir jedenfalls gelungen. Ich bin vollkommen überzeugt, dass es keinen Tag in meinem Leben gegeben hat, an dem ich nicht viele Male den Tod vor Augen hatte.

Und darum muss ich sagen, ich hatte wirklich ein sehr freudiges Leben. Dafür bin ich auch sehr dankbar.»

[Filminterview Was am Ende wirklich zählt (2022); siehe auch Transkription]

[Ergänzend:

1. Audios

1.1. Fragen, denen wir uns stellen müssen (2016)
Tag 2 Nachmittag:
‹Im Jetzt sein und im
Selbst sein ist identisch› (Bruder David)

1.2. Wie uns dankbar leben heil und gesund macht (2011): Audio und Transkription:

(08:50) ‹Und da könnte man es ganz einfach sagen: Spiritualität ist aus der Ganzheit leben. Das ist dann diese Lebendigkeit, die aus der Ganzheit kommt, aus der Verbundenheit mit allen und allem.

Und da muss ich eben wieder auf ein persönliches Erlebnis zurückgreifen, denn wir wollen ja nicht etwas über die Sache sagen, sondern Ihr Erlebnis wecken: Wo haben Sie diese Einheit mit allen erlebt? Wo haben Sie diesen Geist, Lebensatem, diese Lebendigkeit, die alles verbindet, wo haben Sie die erlebt? (S. 3)

(15:02) Worauf es ankommt, ist, wir erleben dieses Einssein mit allem, und zwar mit uns selbst, mit allen und allem und mit dem Grund des Lebens, dem Lebensgrund. Und in diesen Augenblicken sind wir über da müssen Sie wirklich genau aufpassen, war das auch wirklich so bei mir? , da sind wir irgendwie über die Zeit erhaben.

Es kann ein Augenblick sein, in dem sich so viel ereignet, als ob es Stunden gewesen wären, fast ein Leben lang. Es kann aber auch sein, dass eine ganze Stunde plötzlich vorüber ist, wie wenn es nur ein Augenblick gewesen wäre.

Also die Zeit verschiebt sich in diesen Gipfelerlebnissen, wir sind im Jetzt! Das ist das Entscheidende, wir sind wirklich im Jetzt. Und meistens sind wir nicht im Jetzt. Meistens sind unsere Gedanken 49% schon in der Zukunft und können es nicht erwarten oder fürchten, befürchten, was sich ereignen wird und 49% hängen noch an der Vergangenheit und bedauern, dass wir nicht mehr dort sind, oder beweinen die Umstände, dass wir uns als Opfer ansehen. Wir hängen an der Vergangenheit, wir strecken uns aus in die Zukunft. Und ungefähr 2% sind da für unser Bewusstsein, im Augenblick zu leben, im Jetzt zu leben. Und in diesen Augenblicken der Gipfelerlebnisse das ist für Maslow auch so bedeutend , sind wir im Jetzt: vollkommen, 100% im Jetzt. Und darum erleben wir diese große Befreiung.

Es ist eine Befreiung von der Zeit. Wir sind jetzt im Jetzt ‒, wir sind wirklich Wir selbst. Nicht unser kleines Ich, sondern unser Selbst. (S. 4f.)

(23:29) In dem Augenblick, wo wir dankbar sind wieder, erinnern Sie sich an einen Augenblick, in dem Sie wirklich dankbar waren , sind wir im Jetzt. Man kann für die Vergangenheit dankbar sein, man kann für die Zukunft dankbar sein, dankbar sein kann man immer nur im Jetzt.

Sind wir im Jetzt, sind wir Wir selbst. (S. 7)

(27:57) Wie kann man das also jetzt im Alltag auch üben? Wie kann man das praktizieren? Wie können wir es methodisch tun? Und wie können wir uns methodisch immer wieder an die Gelegenheit erinnern, die uns da geboten wird, und diese Gelegenheit verwenden im Jetzt?

Wie können wir immer wieder ins Jetzt kommen? Denn das ist das Ziel jeder spirituellen Übung. (S. 8)

(33:56) Wenn wir im Jetzt leben lernen, und das lernen wir durch die Dankbarkeit: Jedes Mal, wo wir dankbar sind, verschieben wir unser Gewicht vom Ich auf das Selbst. (S. 10)

(35:52) Und wenn wir im Selbst sind und im Jetzt sind, dann sind wir über den Tod erhaben. Dann brauchen wir keine Furcht mehr vor dem Tod haben.

Denn der Tod kommt, wenn meine Zeit um ist, aber das heißt gar nicht, dass mein Selbst davon betroffen wird.

Das Jetzt ist nicht in der Zeit.

Das wird Sie vielleicht überraschen, wenn ich sage, das Jetzt ist nicht in der Zeit. Aber unsere westliche Philosophie hat das schon sehr lange gewusst:

Die Zeit ist im Jetzt!

Wir stellen uns das meistens so vor, dass die Zeit eine lange, lange Linie ist. Auf der einen Seite ist die Vergangenheit, auf der anderen Seite ist die Zukunft. Wo ist jetzt das Jetzt? Es ist der kleine Abschnitt zwischen der Vergangenheit und der Zukunft. Wenn es ein kleiner Abschnitt ist, lade ich Sie dazu ein, diesen kleinen Abschnitt in die Hälfte zu schneiden und die eine Hälfte ist nicht, weil sie nicht mehr ist, und die andere Hälfte ist nicht, weil sie noch nicht ist: Wo ist das Jetzt? Das ist Haarspalten. Gut ‒, solang es ein Haar ist, können wir es spalten.

Wir können es spalten, bis wir finden, dass das Jetzt, das wir erleben, zu unserem Leben gehört, nicht in der Zeit ist: In der Zeit frisst die Vergangenheit nahtlos die Zukunft auf. (S. 10f.)

1.3. Dem Welthaushalt freudig dienen – Spiritualität 2011
Vertiefungsseminar:
(00:43) Dankbarkeit, der kürzeste Weg ins Jetzt zu kommen

1.4. Wie das Göttliche in uns wächst (2005)
Peak Experience, mystische Erfahrung, vier Kennzeichen
(Mitschrift):
Wir sind JETZT im Augenblick, wir sind völlig gegenwärtig, JETZT im Augenblick
Fragen im anschließenden Gespräch:
Erlösung aus der Verstrickung in der Zeit

1.5. Festival «Die Kraft der Visionen» (1991)
2.1. Der Weg zu Fülle und Nichts ‒ Vortrag und Kanon:
(30:52) Bruder David übersetzt und deutet die Zeilen von John Cage (
Übersetzung ins Deutsche) ‹If you let it, it supports itself. You don’t have to. Each something is a celebration of the nothing that supports it. When we remove the world from our shoulders we notice it doesn’t drop. Where ist the responsibility?› / (33:30) ‹Wo ist dann unsere Verantwortung?› Darin, es zu feiern: Bruder David liest und deutet von Rilke: ‹Rühmen, das ists!› und die Schlussverse des Sonetts ‹Sei allem Abschied voran› ‒ Chronos: Zeit der Uhren und Kairos: Zeit zum Entschluss , Gelegenheit, völlig zu sein ‹dieses einzige Mal› / (37:53) Br. David liest das Sonett noch einmal

1.6. Retreat-Woche in Assisi (1989); siehe auch Erlösende Kraft: Ergänzend: 2.3.:
Das Glaubensbekenntnis mit eigenen Worten zusammenfassen ‒ Ausklang mit Rilke Gedichten und dem Thema Reinkarnation:
(14:48) ‹Wir sind die Treibenden› (Rilke: Die Sonette 1. Teil, XXII): ‹Sich in dieses Ausgeruhtsein einsinken lassen, das ist Gebet. Gebet im Unterschied von den Gebeten, die Mittel zum Zweck sind. Ausgeruhtsein ist die Voraussetzung zum Handeln›

2. Weitere Texte

2.1. Tanz ‒ der Sinn des Ganzen: Text und Anm. 2:

«Beides muss unser Sinnbild der Wirklichkeit ausdrücken können, Bewegung und Ruhe. Da bietet sich das Bild eines Reigens an, der ohne Anfang und Ende in sich ruht, während er sich doch unaufhörlich bewegt. Wir tanzen nicht, um irgendwo anzukommen. Tanzen bezweckt nichts. Es ist zweckfrei, aber sinnvoll. Und doch zielen wir beim Tanzen auf etwas ab: Wir wollen der Musik den bestmöglichen Ausdruck verleihen und perfekt im Schritt sein, jetzt und jetzt und jetzt.»

Dr. Henning Klingen: «Angesprochen auf das Ende aller Dinge, auch auf sein eigenes, benutzt Steindl-Rast gerne das bekannte Bild einer tickenden Uhr. Diese mache allerdings für ihn nicht Tick-Tack, sondern ‹Jetzt-Jetzt-Jetzt-Jetzt.›»

2.2. Einsichten aus Rilkes Dichtung, Teil I (2014), 20:

Ein Teilnehmer fragt, welche Formen und Wege es gibt, um ins Schweigen zu kommen und darin zu wachsen. Er erwähnt Zen-Meditation.

Bruder David: «Das Stichwort für dieses ins Schweigen kommen, ist ‹Innehalten›.

Der Grund, warum wir nicht immer schon im Schweigen sind, ist: Wir sind die Eilenden, Wir sind die Treibenden, sagt Rilke (Sonette an Orpheus 1. Teil, XXII):

Wir sind die Treibenden,
Aber den Schritt der Zeit,
nehmt ihn als Kleinigkeit
im immer Bleibenden.
[1]

Und das Bleibende ist das Jetzt, das große Jetzt, der Augenblick und wir sind meistens so in der Zeit gefangen, wir hängen noch an der Vergangenheit und weinen, dass sie nicht mehr da ist, oder fühlen uns als Opfer der Vergangenheit, oder wir sind ganz ungeduldig in der Zukunft. Also wir sind in der Zeit gefangen. Das ist wie ein reißender Strom ‒ und ein reißender Strom ist noch ein zu schönes Bild, weil es nicht so organisch ist wie ein reißender Strom ‒, sondern ganz mechanisch: Wir sind in dieser mechanischen Zeit der Schweizer Uhren eingefangen, und im Augenblick des Innehaltens ‒ ein schönes Wort, ‹Innerlichkeit› ist da drin ‒ wird es schon schweigen, wird es schon still. Das werden wir dann gleich ein bisschen üben.»

Einsichten aus Rilkes Dichtung, Teil II (2014), 83-85:

«Zeit hat zwei Aspekte: Einen Positiven und einen Negativen. Der Negative ist, dass wir uns in der Zeit verfangen.

Die meisten von uns müssen zugeben, dass wir oft an der Vergangenheit hängen oder die Vergangenheit bedauern und sehr mit der Vergangenheit beschäftigt sind oder / und zugleich auf die Zukunft schon nicht mehr warten können, und auch mit ihr beschäftigt sind, oder uns vor der Zukunft fürchten, und es bleibt ganz wenig Energie übrig, um im Jetzt zu sein.

Und auf dieses Jetzt kommt wieder alles an. Im Jetzt zu sein, das ist das Entscheidende.

T.S. Eliot, den ich schon mehrmals zitiert habe, sagt:

‹All is always now.› ‒ ‹Alles ist immer Jetzt.›[2]

Das klingt zuerst wie eine Binsenwahrheit, aber es ist eine ganz tiefe Einsicht.

Es ist nur Jetzt.

Wenn wir nicht im Jetzt sind, dann sind wir nicht wirklich da.

Was sich in uns an die Vergangenheit klammert oder auf die Zukunft schon ausrichtet, ist nicht da.

Das heißt nicht, dass man sich nicht erinnern soll. Erinnerung ist etwas Wunderbares:

Im Jetzt kann Erinnerung sein oder Planung, ist etwas ganz Wichtiges, kann auch Jetzt sein.

Aber es muss immer Jetzt sein, denn wenn’s nicht Jetzt ist, war es nur oder wird sein, und das  i s t  nicht.

Und wir wollen sein!

Nur im Sein, in der Lebendigkeit des Jetzt-Seins begegnen wir dem Geheimnis.

Der negative Aspekt der Zeit ist, dass wir in ihr gefangen sind.

Der positive Aspekt der Zeit ist, dass sie uns immer wieder neue Gelegenheiten schenkt.

Wir können uns hier überhaupt fragen: Warum soll es überhaupt Zeit geben? Warum ist nicht alles Jetzt?

Wenn alles nur Jetzt wäre, gibt es nur diese eine Gelegenheit, und das Leben ist so großzügig, dass es uns, wenn man diese Gelegenheit verpasst, eine neue Gelegenheit gibt.

Und wenn wir diese Gelegenheit beim Schopf ergreifen, führt es zu einer weiteren Gelegenheit. Immer wieder eine neue Gelegenheit, solange wir leben, von Anfang bis Ende eine große Gelegenheit nach der andern.

Und dieses Innewerden bezieht sich letztlich auf die Gelegenheit.

Das Innehalten, damit wir diesen Automatismus der Zeit brechen und wirklich im Jetzt sind. ‒

Das Innewerden bezieht sich auf: die Gelegenheit innewerden.

Wozu ist jetzt, das Jetzt, die Gelegenheit?

Und meistens ist es die Gelegenheit uns zu freuen. Uns einfach an dem Geschenk zu freuen.

Wir können es kaum glauben, das ist 99% der Zeit, einfach jeder Augenblick eine Gelegenheit, uns zu freuen.

Aber wenn wir beginnen innezuhalten, innezuwerden, und dann zu antworten auf die Gelegenheit, die uns geboten wird, wird uns plötzlich  b e w u s s t, dass eine Gelegenheit nach der andern eigentlich Gelegenheit ist, uns zu freuen.

Man kann das nur übersehen, weil wir entweder so in der Zeit befangen waren, dass wir gar nicht in der Gegenwart waren, oder weil wir alles so als gegeben hingenommen haben und nicht weiter darüber nachdenken.

Durch das Innehalten wachen wir dann auf und werden wirklich inne, was uns jetzt geschenkt ist.

Im Augenblick nachdenken, innehalten, innewerden: Was wird uns jetzt geschenkt?»

Einsichten aus Rilkes Dichtung, Teil II (2014), 88f., 91:

Eine Teilnehmerin fragt Bruder David:

«Wo ist die Entscheidung in dem Stop ‒ Look ‒ Go

Bruder David: «Das Entscheidende ist im Augenblick zu sein. ‒

Und das Stop ‒ Look ‒ Go ist eine Methode ins Jetzt zu kommen.

Wenn wir im Jetzt sind, dann fließt die Entscheidung schon durch uns durch und wir brauchen uns gar nicht mehr kompliziert zu entscheiden.

Wir sind eins im Selbst, im Jetzt, und es fließt durch.

Und wir kennen diese Situation, nicht von außen, sondern von innen.

Wir alle haben diese Situationen erlebt, in denen es sich einfach getan hat.

Und nachher fragt man sich, wie hast du denn das gemacht? —

Keine Ahnung! Es hat sich wie von selbst ergeben.

Es ergibt sich.»

Bruder David bringt das Beispiel eines Feuerwehrmannes, der ein Kind aus den Flammen rettet. Und der Reporter fragt: «Wie war das, diese Entscheidung zu fassen?» «Entscheidung? — Ich hab es schon getan, bevor ich etwas gewusst hatte.»

«… Das ist dieselbe innere Kraft, Lebenskraft, die wir durch uns fließen lassen, wenn wir im Jetzt sind.»

Ein Mann meldet sich: Er kann nicht gut zuhören. … Er strengt sich an …

Bruder David: «Nur immer wieder üben und keine Energie daran verschwenden, sich zu ärgern, weil’s nicht gelungen ist. Die Energie wird schon gebraucht für den nächsten Ausgenblick und die nächste Gelegenheit.

Immer wieder anfangen. Das ist eben das große Geschenk, dass das Leben uns noch eine Gelegenheit und noch eine Gelegenheit gibt.»]

 _______________________

[1] Einsichten aus Rilkes Dichtung, Gedichte, 3; siehe auch Arbeit und Schweigen (1989), 296; Orientierung finden (2021), 98, und Audio in Ergänzend: 1.5.

[2] T. S. Eliot: Four quartets: Burnt Norton, V; siehe auch in Stillehalten



Quellenangaben

Text, Filme und Audios von Br. David Steindl-Rast OSB

hl geist georg stahl titelCopyright © - Barbara Krähmer

Wenn ich von meinem Selbst spreche, meine ich mein ureigenstes Wesen. Ich bin mir bewusst, dass ich «in mich gehen» kann, in einen inneren Bereich, der nur mir selbst zugänglich ist. Nur ich kann mein Bewusstsein erfahren, die andren erfahren nur meine von außen sichtbare Gegenwart als Körper unter andren Körpern. Aber normalerweise sagen wir nicht «Ich  b i n  ein Körper», sondern «Ich  h a b e  einen Körper». Das ist jedoch seltsam, wenn wir es bedenken. Da sitzt ein Körper und sagt: «lch  h a b e  einen Körper.»

Wer spricht denn da? Es ist mein verkörpertes Selbst, das spricht ‒ als eins mit meinem Körper. Und zugleich spricht es über meinen Körper als seine sichtbare Erscheinung. Innen und außen können nicht getrennt, sondern nur unterschieden werden.

Wenn ich also «lch-selbst» sage, dann meine ich eine Einheit, mein verkörpertes Selbst. Wie aber kann ich mein Ich klar von meinem Selbst unterscheiden? Kann ich den Unterschied zwischen Selbst und Ich bewusst erleben?

Das lässt sich an einem Experiment erproben. Unser reflektierendes Bewusstsein ermöglicht es uns, uns selbst zu beobachten. Beobachte dich also, wie du dasitzt und diese Zeilen liest. Damit uns das gelingt, müssen wir uns innerlich von dem, was wir beobachten, «distanzieren».

Schau noch einmal genau hin mit deinem inneren Auge: Siehst du irgendwie gleichzeitig dich selbst als beobachtet und als Beobachter? Dann musst du dich noch ausschließlicher auf das Beobachten konzentrieren. Früher oder später wird es dir gelingen, nur mehr das Beobachtete zu beachten, weil du dich vollständig mit dem Beobachter identifizierst. Wenn dir das gelingt, hast du das Ziel erreicht. Der Beobachter, den niemand mehr beobachtet, ist das Selbst.

Wo ist dieses Selbst? Nirgends und überall. Du kannst es nicht verorten. Daher ist es auch nicht in Teile zerlegbar. Daraus entspringt die überraschende Einsicht, dass es nur ein einziges Selbst gibt: eins für uns alle ‒ ein grenzenloses, unteilbares Ganzes!

Trotzdem ist unser Ich einzigartig und verschieden von jedem andren Ich.

Das eine unerschöpfliche Selbst drückt sich immer wieder in einem neuen Ich aus. Wir sind so verschieden voneinander, dass nicht einmal unsre Fingerabdrücke sich zweimal unter Milliarden andrer finden. Und doch meinen wir alle ein und dasselbe Selbst, wenn wir «Ich selbst» sagen. In jedem, dem ich gegenüberstehe, begegnet mir das eine Selbst, das uns allen gemeinsam ist. Dies ist von schwerwiegender Bedeutung für meine Beziehung zu andren.

Das Selbst ist nicht nur über den Raum erhaben, sondern auch über die Zeit und ist in diesem Sinne überzeitlich.

Wenn ich mich an meine Kindheit erinnere, finde ich ein andres, ein kindliches Ich, nicht mein jetziges. Trotzdem aber ist mein Selbst damals wie heute das gleiche; es bleibt auch in meiner Erinnerung unverändert. Schulfreunde erkennen einander nach dreißig Jahren wieder, obwohl nicht ein einziges Molekül in ihren Körpern mehr das gleiche ist. Sie erkennen einander, weil das bleibende Selbst sich im stets veränderlichen Ich des andren ausdrückt. Trotz all unsrer Einschränkungen ist jeder Mensch eine neue Verwirklichung der unbegrenzten Möglichkeiten des Selbst.

Erinnerst du dich an den Beginn deiner allerersten Freundschaft ‒ vielleicht schon im Kindergarten? War das nicht ein Augenblick überwältigten Staunens: Wie kann ein andres Kind so völlig anders sein und gleichzeitig so ich? Nicht wie ich ‒ die große Verschiedenheit zwischen uns macht das Ganze erst so spannend ‒ und doch im wahrsten Sinn des Wortes ich!

Der griechische Philosoph Aristoteles (385-332 v. Chr.) verstand Freundschaft als «eine einzige Seele, die in zwei Körpern wohnt» ‒ ein einziges Selbst in unsrer Terminologie.

Natürlich wohnt in allen Körpern «ein einziges Selbst», wenn wir es so ausdrücken wollen. Aber die Augen von Freunden sind offen für diese ausschlaggebende Tatsache und sie sind sich ihrer Bedeutung füreinander bewusst.

Wenn wir uns dessen in Bezug auf alle andren wenigstens manchmal bewusst sein könnten, dann wäre unsere Welt ein freundlicherer Ort.

Im Laufe meines Lebens wurde mir mehrmals die Freude zuteil, Menschen kennenzulernen, deren Ich das Selbst mit großer Klarheit durchscheinen ließ. In ihrer Gegenwart fiel es mir leichter, «ich selbst» zu sein. Sie machten mir bewusst, dass auch ich ein einzigartiger Ausdruck des einen großen Selbst bin.

Verschiedene Traditionen geben dem Selbst unter diesem Aspekt unterschiedliche Namen. Für die Pima in Arizona heißt es z. B. «I’itoi», für Hindus «Atman», für Buddhisten «Buddha-Natur». Christen nennen es «Christus in uns».

In diesem Sinne schreibt der heilige Paulus: «lch lebe, aber nicht ich, Christus lebt in mir» (Gal 2,20).

Dieses Selbst immer klarer durchscheinen zu lassen durch unser Ich, stellt die große Aufgabe dar, «zu werden, wer wir wirklich sind».

Das ist die Aufgabe, «unsre Rolle im Leben gut zu spielen», wie man sagt.

Was heißt das aber? Unsre Rolle im Leben ist kein festes Drehbuch, und sie zu spielen, bedeutet zu improvisieren ‒ wie Schauspieler bei Improvisationsaufführungen oder wie Jazzmusiker. Jazz entfaltet und verändert sich ständig auf unvorhersehbare Weise, weil die Spieler aufeinander hinhorchen und jeder von allen andren beeinflusst wird.

Was ein Einzelner beitragen kann, wird von seinem Instrument mit all dessen Möglichkeiten und Grenzen bestimmt. Das Instrument, das wir von Geburt an mitbekommen, ist weitgehend durch Faktoren bestimmt, die nicht unter unsrer Kontrolle stehen. Wie viel hängt allein schon von Zeit und Ort unsrer Geburt ab ‒ von Zeit und Ort unsres «Auftritts» auf der Bühne des großen Welttheaters, auf der das Stück schon seit Jahrtausenden läuft.

Und denken wir an unsre Stärken und Schwächen, unsre ererbten Begabungen und Unzulänglichkeiten. Ganz gleich, wie wir mit ihnen umgehen, werden sie jedenfalls die Möglichkeiten und Grenzen unsrer Improvisation weitgehend mitbestimmen. Die Erfüllung unsrer Aufgabe «gut zu spielen», kann also nicht vom Instrument abhängen, auf das wir ja keinen Einfluss haben. Sie muss davon abhängen, wie «gut» wir es spielen.

Woran kann ich aber erkennen, dass ich meine Rolle gut spiele? Was heißt hier «gut»? Die Antwort ergibt sich aus dem, was wir über das Selbst gesagt haben:

Sie lautet: Du musst als «Du selbst» spielen. Wie gut wir «unsre Rolle im Leben spielen», hängt nicht von unsrer Veranlagung ab, sondern davon, dass unser Ich immer transparenter wird für das Selbst.

Das bedeutet auch, dass wir uns dessen bewusst bleiben, dass wir ‒ die Spieler ‒ alle ein Selbst sind. Und dass wir unsre gegenseitige Zugehörigkeit durch unsre Art zu spielen bekräftigen. Dann wird unser Spielen ‒ alles, was wir tun ‒ ein «gelebtes Ja zur Zugehörigkeit» ausdrücken. Das aber ist genau unsre Definition von Liebe.

Wenn du darüber nachdenkst, wirst du finden, dass Liebe in all ihren authentischen Formen «das gelebte Ja zur Zugehörigkeit» ist. «Unsre Rolle gut zu spielen», heißt also, durch alles, was wir im Leben tun, Liebe auszudrücken.

Das entspricht der Forderung, die wir in jeder Form von Spiritualität wiederfinden und die in der jüdisch-christlichen im allbekannten Gebot ihren Ausdruck findet: «Liebe deinen Nächsten als dich selbst!» (Lev 19,18).

Nicht «wie dich selbst» lautet es, sondern, «a l s  dich selbst» ‒ da dein Selbst ja auch das Selbst deines Nächsten ist. In jedem unsrer Mitspieler begegnen wir unsrem gemeinsamen Selbst ‒ auch in unsren Feinden. Daher ist «Liebe deine Feinde» (Mt 5,44) keine widersprüchliche Zumutung.

Zum Beispiel bleiben alle, die den Regenurwald zerstören, meine Feinde, obwohl ich als Christ sie lieben will. Würde Liebe alle zu Freunden machen, dann könnte ich ja niemals Feinde lieben. Meine Liebe wird sich daran zeigen, dass ich zwar alles tue, um ihren Bemühungen entgegenzuwirken und es ihnen unmöglich zu machen, Schaden anzurichten, ihnen aber gleichzeitig den Respekt erweise, der jedem Menschen gebührt, und sie so behandle, wie ich selbst behandelt werden möchte, wenn unsre Rollen vertauscht wären.

Inmitten meiner tatkräftigen Opposition darf ich niemals vergessen, dass das Selbst meiner Feinde mein Selbst ist.

Es gibt nur  e i n  Selbst. In dem Ausmaß, in dem wir diese Tatsache aus dem Bewusstsein verlieren, ist uns auch nicht mehr bewusst, dass letztendlich das Selbst alle Rollen spielt.

Wenn ich das vergesse, werde ich wie ein Schauspieler, der sich so in seine Rolle verliert, dass er sich am Ende nicht mehr von der Rolle unterscheiden kann. Wenn dies geschieht, hat mein Ich mein Selbst vergessen. Wir nennen das Ich, das seine Beziehung zum Selbst verloren hat, das Ego.

[Orientierung finden (2021): ‹Das Selbst ‒ mein ureigenstes Wesen›, 19-23]

[Ergänzend:

1. Filme

1.1. Filminterview von Ramon Pachernegg mit Bruder David (2017), siehe auch Transkription:

 «Wenn man von der Selbstfindung spricht, denken leider sehr viele Menschen nicht an wirkliche SELBST-findung, sondern an noch größere Vereinzelung dadurch, dass man sein EGO, sein kleines ICH in Zeit und Raum beweihraucht oder genau definiert oder was immer. Wirkliche SELBST-findung heißt ja, das in uns selbst finden, was uns mit allen andern verbindet.

Das SELBST ist, was uns mit allen andern verbindet. Letztlich gibt es nur ein SELBST. Und dieses eine SELBST drückt sich in vielen ICH aus.»

1.2. Die Rolle ist das Ich, der Schauspieler ist das Selbst (2011)
Zum Film:    Das Ich als Maske und das Selbst ‒ kurzer Ausschnitt aus ‹Ich und Selbst› im Zentrum Buddhas Weg im Odenwald (DE)

2. Audios

2.1. Fragen, denen wir uns stellen müssen (2016)
Tag 2 Nachmittag:
‹Im Jetzt sein und im Selbst sein ist identisch› (Bruder David)

2.2.Lebendige Spiritualität (2015)
Der Doppelbereich
Die Themen des Gesprächs:
‹Selbstlos› ‒ Selbst ‒ Heilung

2.3. Lebensorientierung (2015)
3. Tag, 12. Februar, Donnerstagvormittag mit 5. Impulsvortrag (Bruder David), siehe
Transkription S. 2, 11-13 und 27f.:
Wer bin ich? Ich-Selbst oder Ego?

2.4. Dankbarkeit als Achtsamkeit im Dialog (2014); siehe auch Transkription:
(18:43) Was meinen wir, wenn wir Ich sagen und was meinen wir, wenn wir ‹Ich selbst› sagen?
(29:51) Wie kommen wir in Kontakt mit unserem Selbst? Durch alle die verschiedenen Formen der Meditation und der spirituellen Praxis: Auch dankbar leben ist ein ganz ebenso gültiger Weg wie jede andere spirituelle Praxis, ein Weg mit dem Selbst in Kontakt zu kommen, aus dem Selbst heraus zu leben

2.5. Dem Welthaushalt freudig dienen – Spiritualität 2011
Heilung von Körper und Geist: Gespräch mit Pater Johannes und Bruder David:

(22:04) Ich und Selbst unterscheiden: Das Selbst, der Quellgrund in uns

Dem Welthaushalt freudig dienen – Spiritualität 2011
Sehen lernen:
(01:24:43) Ich und Selbst: die göttliche Wirklichkeit in uns

3. Weitere Texte

3.1. Das grosse Geheimnis (2019): Interview in Visionen (3/2019) zum 93. Geburtstag von Bruder David:

«Erwachen – was löst der Begriff aus in einem 93jährigen Benediktiner mit viel Zen-Erfahrung?»

Bruder David: «Die christliche Taufe bedeutet ursprünglich ‹Erleuchtung› – griechisch ɸωτισμος (phōtismos). Und in einem Taufhymnus aus dieser frühesten Zeit des Christentums heißt es: Wach auf, der du schläfst, und steh auf von den Toten, so wird dich Christus erleuchten (Epheser 5:14). Erwachen und Erleuchtung sind hier aufs Engste verbunden. Worum aber geht es dabei? Um diese Frage zu beantworten, muss ich etwas weiter ausholen.

Wir Menschen leben im Doppelbereich von Ich und Selbst. Unser Ich steht in Raum und Zeit, hat Anfang und Ende, ist also vergänglich. Wir rühren aber auch an Unvergängliches (das Große Geheimnis habe ich es genannt) und wissen in unseren lebendigsten Augenblicken – etwa in Gipfelerlebnissen – dass wir mit unserem innersten Selbst auch dieser Wirklichkeit angehören. Dabei kann uns bewusstwerden, dass unser Selbst über Raum und Zeit erhaben, und daher unvergänglich und unteilbares Eines für uns alle ist. Es gibt nur ein Selbst, ob wir es Christus nennen, wie in dem erwähnten Taufhymnus, oder unsere Buddha-Natur, oder Ātman, oder mit sonst einem Namen. Wenn wir vollbewusst ‹ich selbst› sagen, betonen wir zugleich unsere Einzigartigkeit als Ich und unsere Verbundenheit mit allen Andren im Selbst. Alles, was wir aus dieser Mitte heraus tun, blüht auf in Harmonie mit dem Universum.

Aber leider vergisst unser Ich allzu oft sein Selbst und schrumpft dadurch zum Ego zusammen. Das Ego ist ein Ich, das vergessen hat, dass es durch sein Selbst mit dem Ganzen verbunden ist. Daher muss das Ego sich vereinzelt und von all den anderen Egos eingeschüchtert und bedroht fühlen. Aus Furcht wird es bereit zu Gewalt, Rivalität und Habsucht – alle drei Grundübel unserer Gesellschaft. Wenn mein Ego aber wieder zu vollem Selbstbewusstsein erwacht, dann wird es zum Ich-Selbst und kann Gewalt durch Gewaltfreiheit ersetzen, Rivalität in Zusammenarbeit verwandeln und Habsucht in Teilen. Das sind Stichworte für eine Gesellschaft, wie wir alle sie uns ersehnen.»

3.2. Einsichten aus Rilkes Dichtung, Teil II (2014), 103-112, 148-150:

«Das SELBST ist eines, aber ist so unerschöpflich, dass es sich immer wieder, immer wieder neu in noch einem ICH und noch einem ICH und noch einem ICH ausdrücken will, muss und kann. Drum gibt es so viele ICH und nur ein SELBST für uns alle. Und wenn man nur bedenkt, wenn man mit dem Bewusstsein, mit dem SELBST-Bewusstsein, lebt, wie anders man sich dann zu anderen Menschen verhält: Jeder Mensch, auch der unsympathischste, bin ich selbst. Nicht ich, aber das ist mein SELBST, wir haben nur ein SELBST, auch wenn er unsympathisch ist, der Mensch, nur ein ganz anderes ICH. Aber es hilft schon, zu wissen, er ist mein SELBST.»]



Quellenangaben

Text und Audios von Br. David Steindl-Rast OSB

hl geist georg stahl titelCopyright © - Thorsten Scheu

Die stille Ekstase der Gregorianischen Gesänge spricht Menschen aller Glaubensrichtungen an. Was übt diese zeitlose Faszination aus? Die Gesänge sprechen auch heute unser Herz an: Sie rufen uns auf, in das Jetzt einzutreten, innezuhalten, zuzuhören und auf die Botschaft des jetzigen Augenblicks zu achten. Sie sprechen den Mönch in jedem von uns an und ebenso unsere Seele, die sich nach Frieden sehnt und nach der Verbindung mit jener letztendlichen Quelle von Sinn und Wert.

Mit Informationen übersättigt, oft jedoch jeglichen Sinnes beraubt, haben wir das Gefühl, in einem endlosen Strudel von Pflichten und Anforderungen gefangen zu sein, gefordert von Dingen, die wir erledigen und in Ordnung bringen müssen. Auch wenn wir uns bange von einer Aktivität in die nächste stürzen, spüren wir dennoch, dass es im Leben mehr geben muss als unsere geschäftlichen Termine. Unbehagen und hektisches Herumjagen sind das Ergebnis unserer verkehrten Zeitempfindung ‒ einer Zeit, die stets abzulaufen scheint.

Die westliche Kultur verstärkt diese irrtümliche Auffassung von Zeit als beschränktem Gut: ständig arbeiten wir auf Termine hin, ständig fehlt uns die Zeit, ständig ist die Zeit abgelaufen.

Die Gesänge hingegen rufen ein anderes Verhältnis zur Zeit wach, in dem Zeit wohl wertvoll, aber nicht knapp ist. Sie beschwören die Urform des klösterlichen Lebens herauf, in welcher die Zeit harmonisch dahinfließt. Die verfügbare Zeit entspricht der vorliegenden Aufgabe. Es ist immer genügend Zeit da für alles, was getan werden muss.

Die reinen, klaren und erhabenen Töne der Gesänge erinnern uns daran, dass es sehr wohl eine andere Art und Weise gibt, in dieser lauten, zerstreuten Welt zu leben, und dass diese nicht so unerreichbar ist, wie es scheint.

Wenn wir uns den Gregorianischen Gesang anhören, werden wir nicht nur der ineinander verwobenen Stimmen der Mönche gewahr, sondern auch eines beinahe unhörbaren Echos, einer zusätzlichen Tiefendimension dieser Musik. Und es ist diese heilige, transzendente Qualität der in einer hohen Kapelle gesungenen melodischen Linien, welche viele am Gregorianischen Gesang so sehr berührt.

Gerade diese Tiefendimension gleicht der Jetzt-Dimension der Zeit. Denn «jetzt» findet nicht innerhalb der chronologischen Zeit statt, sondern transzendiert sie.

Hier kann Zeit nicht als etwas, das knapp wird, begriffen werden, sondern als etwas, das wie Wasser aus einer Quelle steigt und zu jener Fülle der Zeit anschwillt, die jetzt ist.

Genau in die Mitte dieses Lebens im Jetzt holen uns die Gesänge zurück.

Der Gregorianische Gesang regt uns durch seine Harmonie, Ganzheit und Gesundheit dazu an, aus den Vorgegebenheiten und Spannungen des Arbeitstages auszutreten, unser eingefahrenes Selbst loszulassen und uns in unserem wahren Selbst einzufinden.

Der Gesang ist eine Einladung an unsere Seele, den Zynismus hinter uns zu lassen, das innere Geschwätz abzustellen und hinzuhorchen.

Die Stunden sind die «Jahreszeiten» des Tages. Früher wurden sie mystisch verstanden. Frühere Generationen, die nicht von der Uhr beherrscht wurden, verstanden die Stunden persönlich und begegneten ihnen als Boten der Ewigkeit im Fluss der Zeit, der wächst, erblüht und Früchte trägt. Im sich entfaltenden Rhythmus aller Dinge, die auf Erden wachsen und sich verändern, war die Vorgabe jeder Stunde von einer unendlich reicheren und komplexeren Eigenart als unsere sterile Uhrzeit. Man verstand sie als Boten einer anderen Dimension ‒ gleichsam als Engel ‒ die anzeigten, dass jeder Stunde ihre ureigene Bedeutung innewohnte.

Auch heute noch ‒ inmitten unserer vollgepackten Geschäftstermine ‒ können wir feststellen, dass die Zeit vor der Morgendämmerung, die frühen Morgenstunden, der Vormittag und die Mittagszeit eine eigene Qualität haben. Die Zeit mitten am Nachmittag, wenn die Schatten länger werden, hat einen anderen Charakter als die Zeit der Abenddämmerung, wenn wir das Licht einschalten.

So ist eine Gebetszeit denn eher eine unsichtbare Kraft als eine Maßeinheit.

Die Stunden, in denen die Mönche zum Gebet und zum Gesang zusammengerufen werden, sind Engel, denen wir zu bestimmten Zeitpunkten im Laufe des Tages begegnen.

Die Gebetszeiten werden «kanonische» Gebetszeiten (oder Stundengebete) genannt, weil das Wort «Kanon» ursprünglich einen Messstab bezeichnete und weil der Tag nach seinen verschiedenen Stimmungen gemessen wird. «Kanon» kann aber auch Gitter bedeuten, wie ein Spalier, an dem man Reben hochzieht. So können wir uns die Gebetszeiten auch wie einen Rahmen vorstellen, der den klösterlichen Tag und das gesamte mönchische Leben trägt und unterstützt.

Die mönchische Beziehung zur Zeit wird geformt durch die Stunden des Gebetes; dadurch steigert sich unsere Aufmerksamkeit für die feinen Unterschiedlichkeiten im Ablauf des Tages. Und je größer diese Sensibilität wird, desto empfindlicher werden wir für den gegenwärtigen Augenblick.

Die Wechselgesänge jeder Stunde helfen den Mönchen, voll in die flüchtige Dimension des Jetzt einzutreten.

Der Gesang bereitet uns darauf vor, auf den Ruf jeder Stunde zu antworten; denn das wirkliche Leben findet weder in der Uhrzeit noch in der chronologischen Zeit (nach dem Griechischen chronos) statt, sondern in dem, was die Griechen kairos nannten: der Zeit als Gelegenheit oder als Begegnung.

Aus der mönchischen Perspektive ist die Zeit immer eine Reihe von Gelegenheiten, von Begegnungen.

Wir leben im Jetzt, indem wir uns auf den Ruf eines jeden Augenblicks einstimmen, indem wir hören, was jede Stunde und jede Situation von uns verlangt, und indem wir darauf antworten.

Die Gebetszeiten sind noch in einem anderen Sinn mönchische Tagzeiten. Das englische Wort «season» (oder das französische «saison») hat eine lateinische Wurzel, die «säen» bedeutet.

So sind denn die Stunden des Tages die eigentlichen Stationen oder Abschnitte des Tages, zu denen wir in uns, und draußen in der Welt, bestimmte Samen säen. Die Samen, die wir säen, sind die Tugenden, die jeder Stunde eigen sind.

Tun wir einen Schritt aus der bloßen Uhrzeit hinaus, in der wir lediglich reagieren, und gehen stattdessen in die Tageszeit der Stunden ein, indem wir bewusst auf die Botschaft des Engels einer bestimmten Stunde antworten.

Jede Stunde des klösterlichen Tages stellt eine unverwechselbare Aufforderung dar und verlangt daher nach einer einmaligen Antwort.

Dieses wechselseitige Spiel von Botschaft und Antwort findet wiederum ihren symbolischen Ausdruck in der antiphonalen Struktur der Gesänge.

Anrufung und Antwort ist das Wesen dieser Musik. Die Gesänge sind kein Vortrag eines Solisten, sondern die Darbietung eines Chorals. Und die ganze Gemeinde singt, nicht nur einige spezialisierte Sänger. Wichtig ist nicht der Sänger, sondern der Gesang und eine über sich selbst hinausgehende Antwortbereitschaft, die dieser Gesang erfordert.

Die Regel des heiligen Benedikt - das «Spalier» (denn Regel heißt griechisch canon), das Gitterwerk, das 1500 Jahre lang das mönchische Leben getragen hat ‒ erinnert die Mönche daran, dass sie sich jedes Mal, wenn sie singen, in Gegenwart von Engelchören befinden. Und sie singen wie die Engel, von denen man sagt, sie würden einander gegenseitig anrufen und in nie endendem Lobpreis antworten.

So drückt sich auch das spirituelle Leben als Ganzes aus, das wesensgemäß ein Leben der Liebe ist, in der wir Gott und einander zuhören und antworten. Liebe (Agape) ist keine Privatangelegenheit.

In den Gesängen, die nicht so sehr ein akustisches Phänomen als vielmehr eine innere Erfahrung sind, begegnen wir einer Wirklichkeit, die wirklicher ist als das, was wir in unserem geschäftigen Alltagsleben erleben. Weshalb ist das so?

Einer der Gründe für ein Gefühl des Unbehagens in unserem Alltagsleben könnte darin liegen, dass wir entweder über die Vergangenheit grübeln oder uns Sorgen über die Zukunft machen und deshalb nicht im Hier und Jetzt sind, wo unser wirkliches Selbst weilt.

Die Gesänge rufen uns aus der chronologischen Zeit heraus, in der «jetzt» niemals gefunden werden kann, und in das ewige Jetzt hinein, das gar nicht in der Zeit zu finden ist.

Wenn wir uns die Zeit als Linie vorstellen, die von der Zukunft in die Vergangenheit reicht, dann frisst die Vergangenheit die Zukunft ständig und ohne den geringsten Rest auf.

Solange wir uns «jetzt» als eine ganz kurze Zeitstrecke vorstellen, hält uns nichts davon ab, diese Strecke zu halbieren und dann nochmals in zwei zu teilen.

Weil sich die chronologische Zeit immer weiter teilen lässt, gibt es kein «jetzt» auf unseren Uhren, und in der Uhrzeit lässt sich keine «stille Mitte»[1] finden. Es ist ein Gedankenexperiment, das uns klar machen kann, wie wir im Jetzt etwas erfahren, das in der Zeit gar nicht enthalten ist, sondern weit über sie hinausgeht: die Ewigkeit.

Die Ewigkeit ist nicht eine lange, lange Zeit. Sie ist, wie Augustin sagte: «Das Jetzt, das nicht vergeht.»

Wir können die Ewigkeit nicht dadurch erreichen, dass wir einfach in einer chronologischen Reihenfolge vorangehen, und dennoch ist sie uns in jedem Augenblick als geheimnisvolle Fülle der Zeit zugänglich.

Wir werden ab und zu, in den Augenblicken, in denen wir am lebendigsten sind, in unseren Gipfelerlebnissen, in das Mysterium der Zeit aufgenommen.

Von solchen Momenten sagen wir etwa: «Die Zeit stand still» oder: «So viel hatte in einem einzigen winzigen Augenblick Platz» oder: «Stunden vergingen, und es war wie im Nu, wie eine Sekunde.»

Unser Zeitgefühl verändert sich in solchen Momenten der tiefen und intensiven Erfahrung, und dann wissen wir, was Jetzt bedeutet.

Wir fühlen uns in jenem Jetzt, in jener Ewigkeit zu Hause, weil das der einzige Ort ist, wo wir wirklich sind.

Wir können nicht in der Zukunft sein, wir können nicht in der Vergangenheit sein; wir können nur in der Gegenwart sein.

Wir sind nur in dem Maße wirklich, in dem wir im gegenwärtigen Hier und Jetzt leben.

Opus Dei nennen es die Mönche, wenn sie die Stunden des klösterlichen Tages besingen: das Werk Gottes. Wenn wir verliebt sind, ist der Lobpreis des geliebten Geschöpfes, das uns gegenübersteht, keine Mühe. Ebenso wenig sind es die Gesänge der Mönche. Der Gregorianische Gesang ist ein Lobpreis, der von Herzen kommt. Wenn die Gesänge auch manchmal ein Schmerzensschrei oder ein Ausdruck unserer Not sind, so behalten sie dennoch stets die Ober- und Untertöne des Lobpreisens bei. Lobpreisen ist unsere Antwort auf die Herrlichkeit Gottes, darauf, dass Gottes Gegenwart in allem, in jedem Menschen und in jeder Situation erstrahlt. Je liebevoller wir sind, desto öfter sehen wir diese strahlende Herrlichkeit. Je öfter wir sie erstrahlen sehen, desto eher ist Lobpreisen unsere spontane Antwort darauf. Das ist es, wozu der Mensch gemacht ist. Wir sind wesensgemäß diejenigen, die lobsingen. Das ist unser höchstes Ziel.[2]

In der traditionellen christlichen Spiritualität heißt es, dass alles sub specie aeternitatis anzusehen ist, was soviel heißt, wie die Dinge vom Gesichtspunkt der Ewigkeit aus zu betrachten.

Im Alltagsleben sind wir versucht, den Dingen ein subjektives Maß anzulegen, sei es den irdischen Erfolg, das Erreichen unserer Ziele oder die Erfüllung der Erwartungen anderer. Unser Leben hat aber nur dann Tiefe und Sinn, wenn wir es von einer höheren Warte aus betrachten und unsere zeitlichen Ziele am ewigen Jetzt messen. Dieses Jetzt hallt in den Gesängen nach.

Wir wissen, dass es uns nicht wirklich glücklich macht, nur Ziele auf der pragmatischen, materiellen, zeitlichen (und damit auch befristeten) Ebene zu erreichen.

Wenn uns etwas mit einer tiefen und anhaltenden Freude erfüllt, dann bedeutet dies, wirklich zu sein, ganz lebendig und gegenwärtig im Jetzt zu Hause zu sein.

Doch wer kann lange in diesem gesegneten Bereich verweilen? Wir stellen uns gerne vor, die großen spirituellen Meister, die großen Asketen, könnten das. Können sie?

In einer alten Geschichte aus den Anfängen des christlichen Klosterlebens kommt das schön zum Ausdruck: Ein junger Mönch reist zu einem alten, hoch geachteten Mönch weit draußen in der ägyptischen Wüste und berichtet ihm, dass er immer wieder seinen Geistesfrieden verliert. Der junge Mönch sucht eine Anleitung, um seinen inneren Frieden zu bewahren. Zu seinem großen Erstaunen antwortet ihm der alte Mann: «Ich habe dieses Gewand nun siebzig Jahre getragen, und nicht einen einzigen Tag lang habe ich Frieden gefunden.»

Wenn sogar dieser erfahrene Mönch feststellt, dass der Frieden des Augenblicks ständig bedroht ist, was sollen wir dann erst dazu sagen? Was zählt, ist aber nicht, dass dieser Friede ein fester Besitz ist, sondern vielmehr, dass wir nie aufhören, danach zu streben. Vollkommenheit heißt nicht etwas erreichen; Vollkommenheit liegt im unermüdlichen Streben.[3]

Die gregorianischen Gesänge erscheinen vollkommen, auch wenn sie nicht von Berufssängern vorgetragen werden. Es gehört zur Eigentümlichkeit dieser Musik, dass jeder lernen kann, im Choral mitzusingen.

Diese Gesänge sind eine Volkskunst: Ihre Unvollkommenheit gehört zu ihrer Vollkommenheit. Sie haben für alle Arten von Stimmen und Gesangstalenten Platz; im Kloster werden die Gesänge von allen gesungen, die gerade da sind und die den Geist der Gemeinsamkeit teilen. So sind Unvollkommenheiten unvermeidlich, genau wie im Leben. Und gerade darum geht es: Eine bemerkenswert überirdische Schönheit entsteht, wenn ganz normale Leute mit all ihren Unzulänglichkeiten sich diesem Gesang hingeben.

Singen ist ein wesentlicher Bestandteil vieler religiöser Überlieferungen ‒ der buddhistischen, jüdischen, hinduistischen, islamischen und anderer. Das kommt daher, dass an einem gewissen Punkt der religiösen Erfahrung das Herz einfach singen will, das Singen bricht aus ihm heraus.

Obwohl es widersprüchlich scheint, kann man sagen, dass das Wort dann entsteht, wenn das Schweigen seine Fülle gefunden hat.

Wie es im Buch der Weisheit heißt: «Denn während tiefes Schweigen alles umfing und die Nacht in ihrem schnellen Laufe bis zur Mitte vorgerückt war» – als also die Nacht am dunkelsten und tiefsten war –, «da sprang sein allmächtiges Wort vom Himmel her, vom königlichen Thron» (Weish 18,14f.):

In der Weihnacht beginnt das Schweigen zu singen.

Dieses Buch ist eine Reise durch die Stunden des mönchischen Tages. Um die Musik der Stille zu hören und ihre Botschaft zu erlauschen, müssen wir aus der Uhrzeit in den klösterlichen Fluss der Zeit eintreten, der sich in den Horen, den Stunden des Gebetes äußert.

Wir müssen die Gewohnheit zu reagieren aufgeben und lernen, auf das zu antworten, was im Augenblick gegeben ist.

Wenn wir mit dieser inneren Haltung dem Engel jeder Stunde begegnen, dann werden wir offen sein für den Samen, den der Engel uns zu säen aufträgt, und die Tugend, die sich daraus entfaltet, wird in unserem Leben Frucht tragen.

[Musik der Stille (2023): ‹Einführung›, 15-17, 27-32]

[Ergänzend:

1. Audios

1.1. Gregorianische Gesänge, siehe QR Code in Musik der Stille (2023), 32:
Antiphona I: Sancta Maria, sucurre miseris ‒ Psalmus 109 Dixit Dominus; Interpretation: Heinrich Isaac-Ensemble, Karlsuhe; Leitung: Hans-Georg Renner

1.2.Lebendige Spiritualität (2015)
Schweigen:
(57:56) Im Gespräch: Das Geheimnis als Vater und Mutter (Gleichnis vom verlorenen Sohn) – Als tiefes Schweigen (Weihnachtsantiphon, Weish 18,14f.)

1.3. Mit allen Sinnen leben (1993)
Teil 3: ‹Die Rose, welche hier dein äußeres Auge sieht, die hat von Ewigkeit in Gott also geblüht› (Angelus Silesius):
(06:39) ‹Es ist jetzt 12 Uhr›: Das Läuten zum Angelus Gebet ist Anstoß zu einer Betrachtung über den Einbruch der Ewigkeit in der Zeit, in der auch die Katzen nicht fehlen

2. Weitere Auszüge aus : Musik der Stille (2023):

Beginn des Vorworts von Anselm Grün, 1f.:

«Der heilige Benedikt hat den Tag für seine Mönche so geordnet, dass sie siebenmal am Tag das Lob Gottes singen und in den nächtlichen Vigilien das Wort Gottes meditieren. Die frühen Mönche hatten noch ein Gespür für die Heiligkeit der Zeit. Jede Stunde sollte durch ein Gebet geheiligt werden. Heilig ist das, was der Welt entzogen wird, worüber die Welt keine Macht hat.

Durch die Heiligung der Zeit im Stundengebet wird deutlich, dass nicht wir es sind, die über die Zeit verfügen, dass die Zeit viel mehr Gott gehört und dass sie uns geschenkt ist. Jeder Augenblick ist, so verstanden, eine angenehme Zeit, eine Zeit der Gnade.

Jede Stunde hat ihre eigene Qualität. Das wird im Charakter der einzelnen Gebetszeiten deutlich, vor allem in den Hymnen.

Der Benediktiner David Steindl-Rast beschreibt die Gnade, die jede Stunde für uns bereithält. Und er verbindet das Geheimnis der Stunden mit der Musik des gregorianischen Chorals.

Der gregorianische Choral kennt acht verschiedene Töne. In diesen acht Tönen singt er die Psalmen. Wie jede Stunde ihre eigene Qualität hat, so auch jeder Choralton. Jeder Ton eröffnet einen Klangraum, in dem Gott anders erklingt. Jeder Ton eröffnet im Herzen des Singenden einen eigenen Geschmack. Und jeder Ton öffnet auch im Herzen der Sänger Räume, damit alle Bereiche der menschlichen Seele von Gottes Heil durchdrungen werden. Der ganze Mensch soll durch das Singen des Chorals geheilt werden.»

‹Die Tagzeiten›, 23-26; Text vollständig in Sinn und Feier:

«Die Glocke erweckt uns zum Jetzt und fordert uns auf, das zu tun, wofür es Zeit ist, weil es jeden Moment Zeit ist, etwas zu tun, auch wenn es bloß Zeit zum Schlafen ist.

Ein altes Motto lautet: ‹Age quod agis› ‒ ‹Tue, was du tust›.

Freiheit liegt darin, das, was du tust, wirklich zu tun.

Die liebevolle Antwort auf die Aufforderung eines jeden Augenblicks befreit uns aus der Tretmühle der Uhrzeit und öffnet eine Tür ins Jetzt.

Der Gesang lehrt uns noch etwas anderes über das Leben in der Gegenwart. Von einem Pragmatischen Gesichtspunkt aus ist er eine nutzlose Aktivität, er vollbringt nichts. Wir sind derart auf das Nützliche ausgerichtet, dass wir das Sinnvolle vergessen, das unserem Leben Freude, Tiefe und Wert verleiht. Musikhören oder Singen heißt etwas tun, was keinem praktischen Zweck dient. Es ist nur Feiern und Lobpreisen, es heißt nur, die Freude und Schönheit des Lebens, die Herrlichkeit Gottes zu kosten.

Musik sogar mitten in einem ganz zielgerichteten Tag anzuhören, erinnert uns daran, unserer Erfahrung eine andere Dimension hinzuzufügen, die Dimension des Sinnes, die das Ganze der Mühe wert macht.

Sich auf die Gesänge einzulassen, kann eine Art nüchterner Ekstase auslösen. Ekstase heißt wörtlich außerhalb von sich stehen.

Wenn wir singen oder Gesängen zuhören, haben wir Zugang zu jener Dimension, die außerhalb der Zeit ist: dem Jetzt.

Paradoxerweise brechen wir aus der Uhrzeit genau dann aus, wenn wir ganz im Augenblick sind.

Der Augenblick und die Ekstase gehören zusammen: Wenn wir wirklich hier, jetzt, in diesem Augenblick sind, dann sind wir ganz spontan auch ekstatisch.

T. S. Eliot spricht von ‹Musik, so innig gehört, dass sie nicht gehört wird, weil man selbst die Musik ist, solange sie forttönt.›[4]

Und in dieser Erfahrung sieht er einen Aspekt vom ‹Augenblick in und außer der Zeit›.[5]

Wenn wir lernen, die beiden miteinander zu verbinden und in und außer der Zeit zu leben, dann lassen wir aus der Polarität zwischen Zeit und Jetzt, zwischen Augenblick und Ekstase eine schöpferische Spannung entstehen.

Dank dieser inneren Einstellung können wir ein volles und schöpferisches Leben leben.»

‹Die Tagzeiten›, 26f.; siehe auch Religiosität ‒ Staunen und Ehrfurcht: Ergänzend: 3.4. und Erlösende Kraft:

«Die Beschäftigung mit dem Gesang entwickelt jene Haltung des Zuhörens und Antwortens in uns, die wir auf jede Handlung im Laufe des Tages übertragen können.

Wenn wir uns nach der Ganzheit und Harmonie sehnen, die entstehen, sobald wir ganz für jeden unserer Augenblicke da sind, so haben wir doch gleichzeitig auch Angst davor.

Wo immer wir den reinen Ruf des Augenblicks erleben und jedes Mal, wenn wir der nackten Wirklichkeit gegenüberstehen, erzittern wir.

Wir haben uns daran gewöhnt, die alltäglichen Düfte der Kompromisse in uns aufzunehmen und uns durchzumogeln ‒ werden wir plötzlich herausgefordert, reinen Sauerstoff einzuatmen, fürchten wir, gleich zu verbrennen.

Deshalb sagte Rilke: ‹Jeder Engel ist schrecklich.›

Und doch, was könnte schöner sein als ein Engel? Überwältigende Schönheit ist nicht hübsch. Eher ist es die Schönheit eines Gewittersturms: Er ist faszinierend und zugleich auch zum Fürchten.

‹Denn das Schöne›, sagt Rilke, ‹ist nichts als des Schrecklichen Anfang, den wir noch gerade ertragen, und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht, uns zu zerstören.›[6]

Wir sehnen uns nach einer Begegnung mit dem Engel. Wir sehnen uns nach einer echten Begegnung mit der Wirklichkeit, und doch fürchten wir uns gleichzeitig davor, genauso wie wir Angst vor der überwältigenden Erfahrung haben, uns zu verlieben. Wir fliehen davor und werden dennoch unwiderstehlich davon angezogen.

T. S. Eliot bemerkt: ‹Die Menschen ertragen nicht sehr viel Wirklichkeit.›[7]

Warum haben wir Angst, im Jetzt zu leben? Wir fürchten uns, wirklich zu werden, genau wie die Spielsachen im Kinderbuch ‹Der Plüschhase›. Sie wollen alle wirklich werden ‒ das ist der größte Traum der Spielsachen, Zugleich fürchten sie sich davor, und deshalb fragen sie ein erfahreneres Spielzeug: ‹Tut Wirklichwerden weh?› Das ist dieselbe Angst, die wir haben. Tut die Begegnung mit der Wirklichkeit weh? Das alte Spielzeug gibt weise zur Antwort: ‹Wenn du wirklich bist, macht es dir nichts aus, dass es weh tut.›»

Vigil ‒ NACHTWACHE›, 36-39:

«DIE VIGIL IST DER SCHOSS der Stille und die längste Stunde. Der Gang zum Oratorium noch vor der Morgendämmerung unter dem Sternenhimmel, wenn die Mönche sich zur Vigil einfinden, erfüllt uns mit Ehrfurcht und ist ein geeigneter Beginn des klösterlichen Tages.

Die Vigil lädt dazu ein, sich der Nacht hinzugeben und trotz der großen Furcht, die sie einflößen kann, auf die Dunkelheit zu vertrauen. Es gilt zu lernen, dem Mysterium mit jenem Mut entgegenzutreten, der lebendig macht. Dann entdecken wir, was im Prolog zum Johannesevangelium mit dem geheimnisvollen Wort ausgesprochen wird: ‹Das Licht leuchtet in der Finsternis›. Das heißt nicht, dass das Licht in die Finsternis hineinleuchtet, wie etwa der Strahl einer Taschenlampe in ein dunkles Zelt. Nein, das Erfreuliche an der Botschaft des Johannesevangeliums ist, dass das Licht mitten in der Finsternis leuchtet. Das ist eine große Offenbarung; die Finsternis selbst leuchtet.

Deswegen singt der Psalmist: ‹Zur Finsternis will ich sprechen: Sei mein Licht!› Die Finsternis selbst als Licht zu erkennen, kann sehr tröstlich sein. Wenn Finsternis in uns herrscht, dann rufen wir mit dem Propheten aus: ‹Wächter, ist die Nacht bald hin?› Wann wird es endlich Tag?

Die Herausforderung besteht darin, tief genug zu schauen, um zu erkennen, dass diese Finsternis alles ist, was wir brauchen, und in ihr finden, was wir suchen. Wenn wir uns in den Gregorianischen Gesang vertiefen, dann hören wir Klang gewordene Finsternis, eine Finsternis, die leuchtet.

Der Nachtwind ist die natürliche Stimme der Vigil. Der Wind ist ein Symbol für Geist, den spiritus, ein Wort, das auch ‹Atem› und ‹atmen› bedeutet. Der Heilige Geist oder spiritus sanctus ist jener Lebensatem, der in der Finsternis weht. Der Gesang ist hörbar gewordener Geist. Er ist ein Symbol für den Wind, der im Geist weht, und wir wissen nicht, von woher er kommt und wohin er fährt. Er ist voller Überraschung und ganz und gar schöpferisch.

Um in diesem Choral mitzusingen, lernt man als Mönch, richtig zu atmen. Wer bewusst atmet, lernt, in seiner Mitte und dort gegenwärtig zu sein, wo er sich gerade befindet.

In einem seiner Gedichte spricht Robert Frost scherzhaft vom Wind, der nicht wusste, wie er blasen sollte, bis wir Menschen ihn in uns aufnahmen und ihm Stimme verliehen. Gesang – wie Poesie – ist der Wind, wie er sein sollte: ‹Der Zweck war Gesang›.[8]

Wir alle haben mit dunklen Zeiten zu kämpfen, wie Jakob, der nachts mit der göttlichen Gegenwart in Form eines dunklen Engels rang, der so verführerisch schön und doch so beängstigend war. Am Ende der Nacht sagt der Engel: ‹Lass’ mich los›. Jakob aber antwortet: ‹Ich lasse dich nicht, bis du mich gesegnet hast›. Als die Dämmerung anbrach, segnete ihn der Engel, aber er verletzte ihn auch, indem er ihn am Hüftgelenk berührte. Von jenem Tag an hinkte Jakob. Es gibt diese geheimnisvolle Verletztheit, die mit einem großen Segen einhergeht.[9]

Wenn wir der Nacht wirklich in ihrer ganzen Schönheit und ihrem ganzen Schrecken entgegentreten, dann haben wir keinerlei Zusicherung, dass wir unversehrt davonkommen. Gehst du aber verletzt daraus hervor, kann dies auch ein Zeichen des Segens sein, den du dort empfangen hast.

DIE STUNDE DER VIGIL ist auch ein Zeichen für das Erwachen, das wir inmitten unseres Lebens vollbringen sollen. Die Welt, in der wir leben, ist in der Tat eine umnachtete Welt. Das Wachen in der Nacht, das Warten auf Licht, ist eine Wachsamkeit, die uns eindringlich darauf hinweist, den Tag hindurch aus der Welt des Schlafs in eine andere Wirklichkeit zu erwachen.»

‹Laudes ‒ TAGESANBRUCH›, 50f., 57-58:

«Die Musik schwingt sich empor: Es ist ein Gesang der Freude und ein Gesang der Dankbarkeit. Diese festliche Stimmung der Dankbarkeit und Freude zieht sich den ganzen Tag durch die Gesänge hindurch, sogar dann, wenn sie gemessener und zurückhaltender werden. Welche Gesänge wir uns auch anhören, es ist ein Widerhall dieser tiefen Freude darin zu hören, weil Freude selbst mitten im Leiden und mitten im Schmerz angebracht ist.

Freude ist jene Art von Glück, das nicht davon abhängt, was uns zustößt. Meist sind wir glücklich, wenn uns etwas glückt und unglücklich, wenn es uns missglückt. Wissen wir aber wirklich, was gut für uns ist? Was erlaubt uns, so wählerisch zu sein? Wahre Freude finden wir erst, wenn wir uns aus ganzem Herzen auf die Gelegenheit einlassen, die uns gerade jetzt geschenkt ist. Nur in dieser Hingabe finden wir wahre Freude und beständiges Glück, unabhängig davon, was sonst geschieht.»

«Die Gregorianischen Gesänge sprechen das Kind in uns an, weil sie die reine Freude am Lebendigsein ausdrücken. Die Freude äußert sich im Lobpreis Gottes und durchzieht sogar die klagenden Melodien der Gesänge. Freude ist etwas, das wir pflegen können: wenn wir erst einmal diese dankbare Freude in den Gesängen hören und ihre Schönheit unser Herz ergreift, dann können wir auf leichte und natürliche Weise anfangen, Dankbarkeit zu üben.»

«Die schlanken melodischen Linien des Gregorianischen Chorals in ihrer Einfachheit und überirdischen Schönheit wecken unsere volle Aufmerksamkeit. Sie entspringen einer tiefen Stille, und haben die Kraft, uns selbst still werden zu lassen, wenn wir sie nicht nur mit den Ohren aufnehmen, sondern mit dem Herzen. Diese Musik stumpft niemals unser Gehör ab, sondern verfeinert es. Ihre ‹asketische› Schönheit und ihre lautere Sinnlichkeit vermitteln den Hörenden mühelos Sammlung und jene besondere Lebenshaltung, die daraus entspringt.»

‹Prim ‒ BEWUSSTER BEGINN, 72-75; siehe Stop ‒ Look ‒ Go: Ergänzend: 1.:

«Wenn der Dirigent den Taktstock hebt, verharrt das ganze Orchester einen Augenblick in Stille ‒ danach erst setzt es mit dem ersten Abschlag des Taktstocks ein. Würde der Dirigent einfach aufs Podium steigen und unverzüglich damit beginnen, den Taktstock zu schwingen, könnte nie Musik daraus entstehen, sondern lediglich ein klanglicher Wirrwarr. Dieser Augenblick der Stille, bevor die Musik anhebt, ist auch beim Singen unerlässlich.»

«Man singt ja gemeinsam mit anderen, und gerade deshalb ist der Gesang so schön. Es ist nicht nur eine Stimme, die singt, sondern da singt eine Gemeinschaft. Und die Gemeinschaft singt nicht einfach nur, sondern sie singt ganz bewusst mit der gesamten Schöpfung, mit den Vögeln, den Bäumen, dem Wasser und den Engeln, mit der sichtbaren und der unsichtbaren Kreatur.»

«Solange wir unsere Arbeit aus Liebe tun für diejenigen, die uns etwas bedeuten, macht sie Sinn. Die Liebe ist der beste Grund für unsere Mühsal. Liebe verwandelt alles, was wir tun und erleiden, zu einer Musik, die sich erhebt und weit hinaufschwingt wie ein Lobgesang.»

Terz ‒ SEGEN, 88f.:

«Unser Unbehagen in der Welt, die wir uns geschaffen haben, spricht von unserer Sehnsucht, am Strom der Gnaden teilzuhaben, Gottes Geist in einer wahren Begeisterung zu erleben und zu spüren, dass Lebensfreude mehr ist als ein flüchtiges Gefühl. Der Gregorianische Gesang ist die Musik, die unsere Verbindung zum Ganzen ausdrückt. Er sagt uns, dass wir letztlich nicht verwaist und entfremdet sind. Der Geist des Universums belebt unseren Leib und fließt als Gesang aus unserem Mund»

Sext ‒ INBRUNST UND HINGABE, 94f.,100, 102f.; siehe auch Besinnung:

«Am Mittag läutet es zum Angelus. Die Glocken läuten, wenn der Tag seinen Höhepunkt erreicht hat, und zu diesem Zeitpunkt beten wir den Angelus. Dieses Gebet ist nach den ersten Worten der Verkündigung im Lukas-Evangelium benannt ‹Der Engel des Herrn brachte Maria die Botschaft und sie empfing vom Heiligen Geist.› In dem Bild der Gottesmutterschaft Marias feiern wir den Einbruch der Ewigkeit in die Zeit. Und genau das verkündigt eigentlich jeder Engel: dass das Ewige jetzt in unsere Zeit einbricht.»

«DIE SEXT IST mit der Stille und dem Frieden des Mittags verbunden, aber sie lenkt den Blick auch auf Krisen und Gefahr.»

«Der Mittagsteufel ist die Stimme der Negativität, der Verzweiflung und der Depression. Sein Gegenspieler, der ihm entgegengesetzte Engel, ist die Freude. Das Gegenteil von Freude ist nicht die Traurigkeit, sondern die Faulheit, welche die Mühe scheut, auf den geschenkten Augenblick voll und ganz zu antworten, und die Trübsinnigkeit, die daraus entspringt.

Die Gregorianischen Gesänge erinnern uns daran, dass Leid ‒ etwa Kummer über einen Schicksalsschlag, den Tod eines Kindes, das Ende einer Freundschaft, große Enttäuschung – mit Freude doch letztlich vereinbar ist. Sie können inmitten der Freude tieftraurig klingen, niemals aber trübsinnig. In vielen Gesängen ertönen Psalmen, die alle Wechselfälle des Lebens umfassen. Trotzdem schleicht sich nie Verzagtheit ein, weil diese Musik im tiefsten Glauben wurzelt.»

Non ‒ DIE SCHATTEN WERDEN LÄNGER, 107:

«Früher am Tag schwangen Kraft und Begeisterung mit, doch mit der Non begegnen wir der Wirklichkeit, dass im Menschenleben nichts für immer währt. Wie gehen wir mit der Tatsache um, dass wir etwas nicht ewig behalten können? Wie gehen wir mit der unausweichlichen Unbeständigkeit des Lebens um? Genau das ist die Frage dieser Stunde.

Die Gesänge verkörpern sowohl die Vergänglichkeit als auch Dauerhaftigkeit. Keine Note klingt länger an als etwa eine Sekunde. Die Gesänge sind Bewegung und Veränderung. Dennoch vermitteln die ununterbrochenen Gesänge durch alle rhythmischen und melodischen Wechsel hindurch eine Qualität von Dauerhaftigkeit und Zeitlosigkeit.»

Vesper ‒ DAS LICHTERANZÜNDEN, 122f.; siehe auch Erlösende Kraft: 3.2.:

«Schon das Anhören des Gregorianischen Gesangs wirkt versöhnlich. Auch andere Musik kann uns besänftigen und uns verwandeln. Diese Gesänge aber, die Klang gewordenes Gebet sind, wirken mit einer ganz besonderen Kraft auf uns. Wir sind nie frei von Konflikten oder Widersprüchen, aber gemeinsames Beten und Singen heilt und versöhnt.

Wenn wir tagein, tagaus in den acht Gebetszeiten in der Gemeinschaft singen, dann sinkt die rhythmische Ruhe der Gesänge tief in unsere Seele. Wir tragen sie dann in uns, wohin wir auch gehen. Diese Stille ist unsere innere Klausur. Und es mag wohl sein, dass diejenigen, die ein Einsiedlerleben in der Abgeschiedenheit wählen, das nur tun können, weil sie vorher jahrelang in Gemeinschaft gebetet und gesungen haben. Sogar wer diese Gesänge zu Hause hört, wird ihren mönchischen Geist tief in sich aufnehmen und ihre heilige Ruhe zu einer wesentlichen Dimension seines Innenlebens machen können.»

«Wir rücken näher zusammen, wenn es dunkel wird. Die Stunde der Vesper ist ein Aufruf zur Nachbarlichkeit. Diese dunkle Stunde der Weltgeschichte lädt uns ein, unsere Nachbarn näher kennenzulernen und mit ihnen gemeinsam zu arbeiten und zu feiern. Wenn das Gemeinschaftsbewusstsein, das den Gregorianischen Gesang prägt, zu einem stärkeren Füreinandersorgen führt, dann kann das ein großes Geschenk der Mönche an die Welt sein.»

Komplet ‒ DER KREIS SCHLIESST SICH, 132f.:

«In Rilkes Stunden-Buch heißt es in einem Gedicht von geheimnisvoller Schönheit: ‹Ich komme aus meinen Schwingen heim, mit denen ich mich verlor.› Die Aktivität hat mich verschluckt, ich war besessen von Bewegung und Tun, und jetzt trete ich hinaus aus meinen Schwingen, um still zu sein.

Ich war Gesang, und Gott, der Reim,
rauscht noch in meinem Ohr.
Ich werde wieder still und schlicht,
und meine Stimme steht;
es senkte sich mein Angesicht
zu besserem Gebet.
[10]

Er nennt dieses Gebet der Stille ‹ein besseres Gebet›, zumindest besser für diese Stunde. Die Komplet ist die Stunde, in der wir die Rückkehr der Gesänge, der Worte in die Stille feiern, aus der sie kommen.»

Das grosse Schweigen ‒ die MATRIX DER Zeit, 142f., entlässt uns am Schluss wieder in den Alltag; siehe auch Tanz ‒ der Sinn des Ganzen: Ergänzend: 3.4.:

«Wir haben nun alle mönchischen Tageszeiten durchlaufen, den Kreis geschlossen und sind im großen Schweigen angelangt, der Brücke der Stille zwischen Komplet und Vigil, die erneut den Kreislauf der Stunden eröffnet. …

Die Botschaft der Stunden lädt uns ein, täglich nach dem wirklichen Tagesrhythmus zu leben. Aufmerksam, bewusst und absichtsvoll zu leben, unser Leben von innen heraus zu lenken und uns nicht von den Forderungen der Uhr oder äußeren Terminen oder von bloßen Reaktionen auf irgendwelche Geschehnisse fortreißen zu lassen.

Wenn wir dem wirklichen Rhythmus zufolge leben, werden wir selbst wirklicher.

Wir lernen, auf die Musik dieses Augenblicks zu lauschen, lernen, ihr süßes Flehen und ihre nüchternen Anweisungen zu hören.

Wir lernen, im Herzen ein wenig zu tanzen, unsere inneren Pforten einen Spalt weiter zu öffnen und auf die Musik der Stille, den göttlichen Herzschlag des Universums, zu horchen.»]

 ________________________

[1] R. M. Rilke: ‹Mitte des Immer, drin du atmest und ahnst› (Elegie an Marina Zwetajewa-Efron)

[2] Im Retreat-Woche in Assisi (1989) weist Bruder David bereits zu Beginn im Audio ‹Stärke unseren Glauben› (Lk 17,5) auf den wunden Punkt der Verkündigung hin: Die Trennung von Glauben und Loben.

[3] In Zeit der grossen Glocken:

«In dem Augenblick, wo wir unsere Zeit loslassen, haben wir alle Zeit der Welt.

Wir sind jenseits der Zeit, weil wir in der Gegenwart sind, im Jetzt, das Zeit überwindet.

Das Jetzt ist nicht in der Zeit. Jetzt geht über Zeit hinaus.

Nur wir Menschen wissen, was ‹jetzt› bedeutet, weil wir ‹existieren›, ‒ weil wir aus der Zeit ‹herausragen›. Das ist ja die Bedeutung von Existenz. Und all diese klösterlichen Glocken wollen uns einfach erinnern: Jetzt! ‒ und sonst nichts.

Freilich können wir nicht behaupten, dass es uns schon gelungen sei. Um nochmals Eliot zu zitieren:

‹For most of us, this ist the aim
Never here to be realised;
Who are only undefeated
Because we have gone on trying.›

‹For us, there is only the trying. The rest ist not our business.›

‹Das Ziel hienieden
Den meisten von uns unerreichbar,
Wir, die nur unbesiegt bleiben,
Weil wir es stets aufs Neue versuchten.›

‹Für uns gilt nur der Versuch. Der Rest ist nicht unsere Sache.›»

T. S. Eliot: Four Quartets: The Dry Salvages, V und East Coker, V

[4] T. S. Eliot: Four Quartets: The Dry Salvages, V, in der Übertragung von Norbert Hummelt [Suhrkamp Verlag 2015, 60f.]; siehe auch Mystische Erfahrung: Anm. 1 und Stillehalten:

‹For most of us, there is only the unattended
Moment, the moment in and out of time,
The distraction fit, lost in a shaft of
                                            sunlight,
The wild thyme unseen, or the winter lightning
Or the waterfall, or music heard so deeply
That it is not heard at all, but your are the music
While the music lasts.›

‹Für die meisten von uns gibt es bloß den unbeachteten
Augenblick, in der Zeit und außerhalb der Zeit,
Einen Anfall von Zerstreuung, verirrt in einem Schacht aus
                                               Sonnenlicht,
Den wilden Thymian ungesehen, das Wintergewitter
Oder den Wasserfall, oder Musik, so tief gehört
Daß sie unhörbar wird, und Sie selbst die Musik sind
Solange sie währt.›

[5] Siehe Anm. 4

[6] R. M. Rilke: Erste Duineser Elegie

[7] T. S. Eliot: Four Quartets, Burnt Norton, I; siehe auch Religiosität ‒ Staunen und Ehrfurcht: Ergänzend: 3.3. und Erlösende Kraft: Ergänzend: 3.1.:

‹Go, go go, said the bird: human kind
Cannot bear much reality.

Time past and time future
What might have been and what has been
Point to one end, which ist always present.›

[8] Robert Frost: ‹The aim was song›

[9] Einsichten aus Rilkes Dichtung, Teil II, 94f.:

«Das ist unser Wachstum eigentlich, nicht Siege, sondern vom immer Größeren besiegt zu sein.»

[10] R. M Rilke: ‹Ich komme aus meinen Schwingen heim› (Das Stunden-Buch)



Quellenangaben

Text und Audios von Br. David Steindl-Rast OSB

hl geist georg stahl titelCopyright © - Robert Graf

Johannes Kaup: «Im Buddhismus gibt es eine zentrale Haltung, die man als Anfängergeist beschreiben könnte. Das ist im Englischen mit beginner's mind ein etwas missverständlicher Ausdruck, weil man meinen könnte, hier ginge es um den Gegensatz von unerfahrenen Schülern und erfahrenen Lehrern. Was ist dieser Anfängergeist, der auch für Sie sehr wichtig wurde?»

Bruder David: «Wer Anfängergeist hat, erlebt zum Beispiel jeden Tag so, als ob es der erste Tag wäre.

Mit Anfängergeist putzt man sich jedes Mal die Zähne so, als ob man sich noch nie die Zähne geputzt hätte.

Wenn man es einmal praktisch versucht, sieht man erst, was das für einen Unterschied im Leben macht. Wie interessant plötzlich alles wird, wie lebendig. Man bemerkt Dinge, die man vorher nie bemerkt hat. Darum sprechen buddhistische Lehrer vom typischen Dahinleben als einem Schlafwandeln. Ein schlafwandelnder Mensch wandelt eben durch die 24 Stunden des Tages dahin, aber ein wacher Mensch erlebt das Leben in voller Lebendigkeit. In diesem Sinn wach zu sein heißt, mit Anfängergeist zu leben. Bin ich nicht immer Anfänger? Ich habe ja diesen jeweils neuen Tag noch nie erlebt.»

Johannes Kaup: «Dieses Gespräch auch noch nicht. Wir haben schon ein paarmal miteinander gesprochen und es ist immer wieder neu. Wir fangen etwas Neues an, erkunden noch Unerhörtes. Ich jedenfalls komme mir auch immer wieder wie ein Anfänger vor.

Bruder David: «Das ist gut, das müssen wir beide ...»

Johannes Kaup: «… aus einem frischen Geist tun. Man könnte auch sagen, es geht darum, die Dinge von ihrem Ursprung her immer wieder neu und tiefer zu verstehen. Man versucht den Dingen auf den Grund zu gehen, zur Quelle zu gehen und nicht die fixierten Begrifflichkeiten, die Vorurteile, die gedanklichen Einbahnen, die Meinungen über Menschen und Sachen als Schablone zu übernehmen, sondern diese zurückzustellen und einzuklammern.»

Bruder David: «Jede Benennung ist schon eine Verallgemeinerung und sozusagen eine Ablage in irgendeiner Schublade. Solange ich etwas nicht benenne, bleibt es reines Erlebnis. Auch das gehört zum Anfängergeist: Ich habe noch keinen Namen dafür.

Wenn ich es benenne, erlebe ich es gar nicht so richtig, sondern der Name kommt zwischen das, was ich tue, und mein lebendiges Erleben. Es wird zur Gewohnheit.

Die Rabbiner sagen: Die Gewöhnung ist das eigentliche Exil.

Was war das eigentliche Exil? War es, in Babylon zu sein oder in Ägypten? Nein. Sie antworten: Das eigentliche Exil besteht darin, dass man sich daran gewöhnt. Das Exil ist die Gewöhnung.[1] Sobald wir uns an etwas gewöhnen, erleben wir es nicht mehr mit Anfängergeist, sondern sind im Exil.»

Johannes Kaup: «Ich möchte das doch noch mit dem Gedanken von vorhin in Verbindung bringen. Sie haben gesagt, Sie brauchen Ordnung, Stabilität und Wiederholung. Wie verträgt sich Ordnung, Stabilität und Wiederholung mit diesem Anfängergeist, der die Dinge immer wieder neu sehen, erleben und begreifen möchte, der sozusagen aus der Ursprünglichkeit heraus lebt?»

Bruder David: Vielleicht ist mir gerade deshalb Wiederholung so lieb, sogenannte eintönige Arbeit. Manche Brüder finden es langweilig, wenn wir gemeinsam die Rundbriefe ausschicken. Aber jeder Briefumschlag, in den man etwas hineinsteckt, ist neu: Diesen einen habe ich noch nie in der Hand gehabt.

Wenn wir im Augenblick leben, wird er für uns taufrisch und überraschend.

Diese Einsicht steht wohl auch hinter dem großen Versprechen Gottes in der Apokalypse: ‹Siehe, ich mache alles neu› (Offenbarung 21,5).

Wenn wir bewusst in Gott leben und weben und sind, dann wird alles jeden Augenblick neu.

Es meint nicht: An einem gewissen Punkt der Geschichte werde ich alles erneuern und von da an beginnt es wieder zu altern, nein. Vielmehr: Sieh her! Wach auf! Jeden Augenblick mache ich alles neu. Das ist das große Versprechen. Eigentlich gibt es also gar keine Wiederholung.»

Johannes Kaup: «Es ist paradox: Wir leben aus einer Quelle, die sich ständig schenkt. Zugleich zieht sich der Grund dieser Quelle zurück, ist nicht sichtbar und fassbar. Das beschreibt gut die Situation, in der wir leben. Wir können das unergründliche Geheimnis Gott nicht festhalten. Aber aus dem Anfängergeist heraus können wir entdecken, dass sich uns ständig etwas neu schenkt.»

Bruder David: «Der Quellgrund, der hinter dem Herausquellen liegt, ist ja noch nicht Quelle. Anfängergeist achtet jeden Augenblick auf das Herausquellen, auf den Ur-Sprung.»[2]

Östliche Weisheit verweist auf diesen natürlichen Fluss der Dinge als das TAO. Watercourse Way nennt Alan Watts das TAO auf Englisch. Fließweg könnten wir es vielleicht nennen ‒ ein schönes deutsches Wort, das Geologen bei der Beschreibung von Flüssen verwenden.

Um mit dem TAO zu fließen, müssen wir zu unsrer ursprünglichen Geisteshaltung, zum ‹Anfängergeist› des Kindes zurückfinden.

Als Baby bist du ganz selbstverständlich sowohl im Fluss des Lebens als auch im Jetzt. ‹Du hast noch kein Ich, das sich von dem, was geschieht, unterscheidet›, wie Alan Watts es ausdrückt. ‹Deshalb geschieht Dir auch nichts. Es geschieht einfach.› Du nimmst teil, sagt er an ‹den wundervollen Tanzfiguren … fließenden Wassers›.

Wann immer wir im Jetzt sind, sind wir auch als Erwachsene im ‹Fließweg›. Dann fließt unsre Entscheidung im Einklang mit dem Universum ‒ nicht durch irgendwelche Magie, sondern durch unser vernünftiges Eingehen auf die Gelegenheit, die das Leben uns hier und jetzt bietet.

Wie beim Baby ‹geschieht einfach› das Lebensbejahende, aber mit unsrer Zustimmung. Unsre willige Entscheidung ‒ was immer sie betrifft ‒ wird von der Lebenskraft getroffen, die frei durch uns durchfließt.»[3]

(Die Quellenangaben zum obigen Text in Anm. 2f.)

[Ergänzend:

1. Musik der Stille (2023), S. 53:

«Der Sonnenaufgang kommt unaufgefordert und kann uns daran erinnern, dass jeder Tag ein Geschenk ist. Nicht wir führen ihn herbei. Das Licht wird uns gegeben. Jeden Morgen wird die Welt neu geboren, und bringt uns eine Zeit voller neuer Gelegenheiten. Auch wenn die Schwierigkeiten dieselben sind wie gestern, so können wir sie doch ganz neu anpacken. Diese erfrischende Haltung, Dinge immer wieder neu zu betrachten, nennen buddhistische Mönche ‹Anfängergeist›.

Gelegenheit, diese Haltung einzunehmen, ist nicht nur Mönchen vorbehalten, sie ist allen zugänglich. Wie Rilke im Stunden-Buch sagt: ‹Nichts war vollendet, eh ich es erschaut.›[4] Niemand hat je gesehen, was ich sehe, weder mit meiner ganz eigenen Anschauungsweise noch von meinem ganz persönlichen Standpunkt aus. Ich bin Schöpfer eines jeden neuen Tages. Mir ist Gelegenheit gegeben, alles in diesem neuen Licht zu betrachten, und als der einmalige Mensch, der ich bin, dies zu würdigen und darauf zu antworten.»

2. ‹Es nicht benennen›:

2.1. Schmecken, Ahnen, Weisheit:

«Wir meinen etwas schon zu kennen, nur weil wir ihm einen Namen gegeben haben. Wenn wir uns aber dem Schmecken einmal wirklich hingeben, dann wird uns ‹langsam namenlos› im Munde.»

Audio Lebendige Spiritualität (2015)
Wort:
(55:40) ‹Voller Apfel, Birne und Banane› (R. M. Rilke, Die Sonette 1. Teil, XIII):
‹Wo sonst Worte waren, fließen Funde›: ‹Worte: das sind Begriffe ‒ Funde sind Ergriffenheit›
(58:41) Bruder David liest das Gedicht noch einmal

2.2. Riechen, Düfte, Erinnerung:

«Solange man dem nicht einen Namen gegeben hat, war es ein großes Erlebnis. Und dann sagt man ‹pille› (‹bitter›) und aus ist es, abgestempelt. Aber solange man nicht benennt, hat es einen ungeheuren Effekt. Und so ist es auch nicht nur mit dem Geschmack, sondern auch mit dem Geruch. Und das sollte man immer wieder mal ausprobieren: nicht benennen: ‒ erleben!»

Audio Lebendige Spiritualität (2015)
Wort:
(43:44) ‹Der Duft› (Rilke, aus dem Nachlass) – ‹Rose, du thronende› (Rilke, Die Sonette 2. Teil, VI)

2.3. Stille zulassen:

«In einem Kloster, das ich besuchte, trieb das Kreischen der Kreissäge beim Nachbarn eine der Schwestern buchstäblich die Wände hoch. ‹Wie kann denn so ein Geräusch Gabe Gottes sein?› Mein Vorschlag war: nur hinhorchen; nicht benennen. Und in diesem Fall wirkte es. ‹Ich hab's versucht›, berichtete die Schwester nach ein paar Tagen, ‹und was ich da hörte, klang wie die Stimme eines Erzengels!› Zwar verstehe ich mich nicht auf die Unterscheidung von Engelstimmen, aber ich glaube, mir würde schon die Stimme eines ganz gewöhnlichen Engels genügen.»

Audio Wie wir sinnvoll leben können in der Advents- und Weihnachtszeit (2011)
Bruder David im Gespräch mit Pater Johannes Pausch:
(13:52) Wie wir Stille finden können, wenn Lärm und Geräusche uns stören / (17:47) Die Tiefe des menschlichen Herzens, diese Tiefe liegt hinter allem: diese sehr tiefe Traurigkeit, die gehört dazu, und das Heimweh der Menschen liegt am Grund von allem Lärm]

__________________

[1] Siehe auch Sakramentales Leben: ‹Der Name unseres Exils ist nicht Babylon oder Ägypten, sondern Gewöhnung.›

[2] Ich bin durch Dich so ich (2016): 5. Dialog, 1966-1976, 103-105

[3] Orientierung finden (2021): ‹Entscheidung ‒ Was will das Leben jetzt von mir?›, 88f.]; siehe auch Tanz ‒ der Sinn des Ganzen: Ergänzend: 3.1.

[4] ‹Da neigt sich die Stunde und fasst mich an›: Das Gedicht, mit dem Rilke das Stundenbuch eröffnet, in Sehen ‒ schöpferisches Schauen, Sinn und Feier, Anm. 2, Stop ‒ Look ‒ Go, Anm. 2



Quellenangaben

Text, Film und Audios von Br. David Steindl-Rast OSB

hl geist georg stahl titelCopyright © - Barbara Krähmer

Wenn ich mich an die spirituellen Giganten erinnere, die zu treffen ich die Ehre hatte ‒ Mutter Teresa, Thomas Merton, Dorothy Day, S.H. der Dalai Lama ‒ kann ich noch immer die kraftvolle Energie spüren, die sie ausstrahlten.

Aber woher hatten sie diese Vitalität?

In dieser Welt gibt es keinen Mangel an Überraschungen, aber solch eine strahlende Lebendigkeit ist selten.

Mir ist aufgefallen, dass all diese Leute von tiefer Dankbarkeit waren, und so habe ich das Geheimnis verstanden.

Eine Überraschung macht uns nicht automatisch lebendig, Lebendigkeit ist eine Sache von Geben-und-Nehmen, von Erwiderung.

Wenn wir zulassen, dass die Überraschung uns lediglich stört, dann wird sie uns betäuben und unser Wachstum hemmen.

Jede Überraschung ist eine Herausforderung, dem Leben zu vertrauen und so zu wachsen.

Überraschung ist ein Samen.

Dankbarkeit sprießt, wenn wir uns dem Aufruf der Überraschung stellen.

Die Großen auf dem Gebiet des Geistes sind so sehr lebendig, weil sie von so tiefer Dankbarkeit sind.

Dankbarkeit kann durch Übung vertieft werden. Aber wo sollen Anfänger beginnen?

Der naheliegende Ausgangspunkt ist Überraschung.

Du wirst merken, dass du die Samen der Dankbarkeit wachsen lassen kannst, nur indem du ihnen Raum gibst.

Wenn Überraschung passiert, weil etwas Unerwartetes auftaucht, lasst uns nichts erwarten.

Lasst uns Alice Walkers Rat befolgen:

«Erwarte nichts. Lebe einfach von der Überraschung.»

Nichts zu erwarten, das kann bedeuten, dass du nicht für selbstverständlich nimmst, dass dein Auto startet, wenn du den Schlüssel drehst.

Versuche das, und du wirst überrascht sein von einem Technikwunder, das aufrichtige Dankbarkeit verdient.

Oder vielleicht bist du von deiner Arbeit nicht gerade begeistert, aber wenn du für einen Moment aufhören kannst, sie für selbstverständlich zu nehmen, dann wirst du die Überraschung spüren, überhaupt eine Arbeit zu haben, während Millionen andere arbeitslos sind.

Wenn dich das einen Funken Dankbarkeit spüren lässt, wirst du den ganzen Tag über ein kleines bisschen freudiger, ein kleines bisschen lebendiger sein.

Wenn wir aufhören, alles für selbstverständlich zu nehmen, werden unsere eigenen Körper zu den größten Überraschungen überhaupt.

Es erstaunt mich immer wieder, dass mein Körper in jeder Sekunde zugleich 15 Millionen rote Blutkörperchen produziert und zerstört, 15 Millionen! Das ist fast zweimal die Einwohnerzahl von New York City.

Mir wurde gesagt, dass die Blutgefäße in meinem Körper, hintereinander aufgereiht, um die ganze Welt reichen würden. Trotzdem benötigt mein Herz nur eine Minute, um mein Blut durch dieses filigrane Netzwerk und wieder zurück zu pumpen. So hat es das in den vergangenen 75 Jahren Minute für Minute, Tag für Tag getan, und es pumpt immer noch alle 24 Stunden 100.000 Herzschläge. Für mich geht es dabei um Leben und Tod, dennoch habe ich keine Ahnung davon, wie das funktioniert und es scheint trotz meiner Ahnungslosigkeit erstaunlich gut zu funktionieren.[1]

Solange wir unserer Wege gehen und die Dinge als selbstverständlich hinnehmen, werden wir das Licht nie sehen; die Wirklichkeit bleibt undurchlässig wie die Klosterfenster, bevor die Sonnenstrahlen sie zu Wänden aus Licht machen.

In dem Maß, in dem wir Überraschungen in unser Leben hereinfließen lassen, wird unser ganzes Leben lichtdurchlässig.

Überraschung ist noch nicht Dankbarkeit, aber mit ein bisschen gutem Willen wächst sie von ganz allein zu Dankbarkeit heran.[2]

Es hilft, täglich wenigstens eine Überraschung wahrzunehmen, irgend etwas, was überraschend und unvorhergesehen ist.

Vielleicht ist es das Wetter, vielleicht ein Anblick, auf den wir aufmerksam werden.

Es kann ein angenehmes oder ein unangenehmes Ereignis sein. Wenn wir unser Herz öffnen, um etwas Überraschendes hineinzulassen, wird es uns immer klarer, wie viele Überraschungen jeder Tag enthält, und mit der Zeit erkennen wir, dass wir in einem Universum leben, das irgendwie zu uns spricht. Wenn wir das erst einmal erkannt haben, hören wir ganz selbstverständlich hin, weil wir die Botschaft hören wollen.[3]

Ein Regenbogen ist immer eine Überraschung.

Das soll nicht heißen, dass man ihn nicht voraussagen könnte. Manchmal bedeutet überraschend unvorhersagbar, häufig aber bedeutet es mehr.

Überraschend im umfassenden Sinn bedeutet irgendwie grundlos, geschenkt, gratis.

Selbst das Vorhersagbare wird zur Überraschung, wenn wir aufhören, es für selbstverständlich zu halten.

Wüssten wir genug, dann wäre alles vorhersagbar, und doch bliebe alles grundlos.

Wüssten wir, wie das gesamte Universum funktioniert, dann wäre es immer noch überraschend, dass es das Universum überhaupt gibt. Mag es auch vorhersagbar sein, so ist es doch umso überraschender.

Unsere Augen öffnen sich diesem Überraschungscharakter unserer Welt im gleichen Moment, da wir aufwachen und aufhören, alles als selbstverständlich zu erachten. Regenbogen haben etwas an sich, das uns aufwachen lässt.

Es kommt vor, dass ein uns völlig Unbekannter uns am Ärmel zieht und zum Himmel zeigt:

«Haben Sie den Regenbogen bemerkt?»

Gelangweilte und langweilige Erwachsene werden zu erregten Kindern. Vielleicht verstehen wir nicht einmal, was uns da aufscheuchte, als wir jenen Regenbogen sahen.

Was war es? Es war das Geschenkhafte, das da in uns hereinplatzte, die Unentgeltlichkeit aller Dinge.

Wenn so etwas geschieht, dann ist unsere spontane Reaktion Überraschung. Plato erkannte jene Überraschung als den Anfang aller Philosophie. Sie ist auch der Beginn von Dankbarkeit.

Eine kurze Begegnung mit dem Tod kann jene Überraschung auslösen.

In meinem Leben kam das sehr früh zustande. Da ich im von den Nazis besetzten Österreich aufwuchs, gehörten Luftangriffe zu meiner täglichen Erfahrung. Und ein Luftangriff kann einem die Augen öffnen.

Ich erinnere mich an einen Tag, als die Bomben zu fallen begannen, unmittelbar nachdem die Warnsirenen abgeschaltet waren. Ich befand mich auf der Straße. Da es mir nicht gelang, schnell genug einen Luftschutzbunker zu erreichen, rannte ich in eine nur ein paar Schritte entfernte Kirche. Um mich vor Glassplittern und Trümmern zu schützen, kroch ich unter eine Kirchenbank und verbarg mein Gesicht in den Händen. Als aber die Bomben draußen explodierten und der Boden unter mir erzitterte, da war ich sicher, dass das gewölbte Dach jeden Moment einstürzen und mich lebendig begraben würde. Nun, meine Zeit war noch nicht gekommen.

Ein gleichbleibender Ton der Sirene verkündete, dass die Gefahr vorüber sei. Und da stand ich nun, reckte mich, klopfte den Staub aus meiner Kleidung und trat heraus in einen herrlichen Maimorgen.

Ich lebte. Welch eine Überraschung!

Die Gebäude, die ich vor weniger als einer Stunde noch gesehen hatte, waren jetzt rauchende Schuttberge.

Was mich aber auf überwältigende Art und Weise überraschte, war, dass es dort überhaupt noch irgendetwas gab.

Meine Augen fielen auf wenige Quadratmeter Rasen inmitten all dieser Zerstörung.

Es war als hätte mir ein Freund auf seiner Handfläche einen Smaragd angeboten.

Niemals, weder vorher noch nachher, habe ich Gras so überraschend grün gesehen.[4]

Wenn ich auf mein Leben zurückblicke, dann haben sich alle Schicksalsschläge und alles Arge, was mir widerfahren ist, immer als die Quelle einer guten Entwicklung herausgestellt.

Wir vergessen das nur allzu oft.

Und manchmal muss man auch lange warten, um es zu erkennen. So ist aber das Leben ‒ alles Schwere und alle Schläge wenden sich letztlich doch zu unserem Besten.

Rückblickend können wir das sehen. Und wenn wir uns üben, dann können wir daraus auch Vertrauen schöpfen im Voraus. Wir vertrauen uns dann dem Leben an. Wir sind offen für die Überraschungen, die uns das Leben schenkt.

Das alles entspringt aus der Dankbarkeit.[5]

Unser Herz sehnt sich nach der Überraschung, dass ein Geschenk auch wirklich ein Geschenk ist. Unser stolzer Intellekt aber stutzt bei einer Überraschung und will sie erklären, hinwegerklären.

Der Intellekt allein bringt uns nur ein Stück weit. Er hat einen Anteil an Dankbarkeit, aber eben nur einen Anteil.

Unser Intellekt sollte wach genug sein, die vorhersagbare Hülle der Dinge bis zu ihrem Kern zu durchschauen, um dort ein Körnchen Überraschung vorzufinden.

Das allein ist eine anspruchsvolle Aufgabe.

Aber Aufrichtigkeit verlangt ebenso, dass der Intellekt genügend demütig sei, das heißt genügend bodenständig, um seine Grenzen zu kennen.

Der Geschenkcharakter aller Dinge kann erkannt, nicht aber bewiesen werden ‒ zumindest nicht durch den Intellekt. Beweise finden sich im Leben. Und am Leben ist mehr, als der Intellekt zu fassen vermag.

Auch unser Wille muss seine Rolle übernehmen. Auch er gehört zur ganzen Fülle von Dankbarkeit. Es ist die Aufgabe des Intellekts, etwas als Geschenk zu erkennen, der Wille aber muss den Geschenkcharakter anerkennen. Erkennen und anerkennen sind zwei verschiedene Aufgaben.[6]

Es spielt keine Rolle, wie taub oder intellektuell verfangen wir sind, Überraschung ist immer nahe.

Selbst wenn in unserem Leben außerordentliche Überraschungen selten sind, das ganz Normale möchte uns immer wieder aufs Neue überraschen.

Wie ein Freund mir eines Wintermorgens aus Minnesota schrieb: «Ich war vor Sonnenaufgang auf den Beinen und beobachtete Gott dabei, wie er alle Bäume weiß anmalte. Den Großteil seiner besten Arbeit tut Er, während wir schlafen, um uns beim Aufstehen zu überraschen.»

Es ist ebenso wie bei der Überraschung, die wir in unserem Regenbogen fanden.

Wir können lernen, unseren Sinn für Überraschungen nicht nur durch das Außergewöhnliche anklingen zu lassen, sondern vor allem durch einen frischen Blick für das ganz Alltägliche.

«Natur ist niemals verbraucht», sagt Gerard Manley Hopkins und preist Gottes Größe.

«Ganz tief in den Dingen lebt die köstlichste Frische.»

Die Überraschung des Unerwarteten vergeht, aber die Überraschung über jene Frische vergeht niemals.

Bei einem Regenbogen ist das offensichtlich.

Weniger offensichtlich ist die Überraschung jener Frische in den allergewöhnlichsten Dingen. Wir können lernen, sie so klar zu sehen, wie wir den puderartigen Reif auf frischen Blaubeeren sehen können, «ein Schleier aus dem Atem eines Windes», wie Robert Frost das nennt, «ein Glanz, der mit der Berührung einer Hand vergeht.»

Wir können uns dazu trainieren, uns für jenen Hauch von Überraschung empfänglich zu machen, indem wir ihn zunächst dort entdecken, wo wir ihn am leichtesten finden.

Das Kind in uns bleibt immer lebendig, immer offen für Überraschungen; nie hört es auf, vom einen oder anderen erstaunt zu sein.

Vielleicht sah ich «an diesem Morgen des Morgens Liebling», Gerard Manley Hopkins «vom Morgengrauen gezogenen Falken schweben», oder einfach die zwei Zentimeter Zahnpasta auf meiner Zahnbürste.

Für das Auge des Herzens sind sie alle gleich erstaunlich, denn die allergrößte Überraschung ist die, dass es überhaupt etwas gibt ‒ dass wir hier sind.

Den Geschmack unseres Intellekts für Überraschung können wir kultivieren. Und alles, was uns erstaunt aufschauen lässt, öffnet «die Augen unserer Augen».[7]

Wir fangen an, alles als Geschenk zu betrachten. Ein paar Zentimeter Überraschung können zu Meilen von Dankbarkeit führen.

Überraschung führt uns auf den Weg der Dankbarkeit. Dies gilt nicht nur für unseren Intellekt, sondern auch für den Willen.

Es spielt keine Rolle, wie beharrlich sich unser Wille an unsere Selbständigkeit klammert, das Leben bietet uns die Hilfe, die zum Entkommen aus dieser Falle nötig ist.

Selbständigkeit ist eine Illusion. Und früher oder später zerbricht jede Illusion am Leben. Wir alle wären nicht das, was wir sind, ohne unsere Eltern, Lehrer und Freunde. Selbst unsere Feinde helfen dabei.

Niemals hat es jemanden gegeben, der sich selbst zu dem gemacht hat, was er ist. Jeder von uns braucht andere. Früher oder später begreifen wir diese Wahrheit.

Ein plötzlicher Trauerfall, eine lange Krankheit oder irgendetwas anderes ‒ ganz überraschend hat uns das Leben eingefangen.

Eingefangen?

Überraschend befreit, sollte ich besser sagen. Vielleicht schmerzt es, aber Schmerz ist ein geringer Preis für die Freiheit von Selbsttäuschung.[8]

(Quellenangaben zum obigen Text in Anm. 1-6, 8)

[Ergänzend:

1. Film Wir sind daheim in dieser Welt (1975) und Transkription:

(18:34) «Das Wesentliche am mit dem Herzen schauen ist das Staunen: staunen können, so wie Kinder noch staunen können mit ihrer Unbefangenheit. Oder wie Künstler staunend auf die Welt schauen und so die Überraschung geradezu herausfordern. Oder wie Mütter auf ihre Kinder schauen. So sollten wir eigentlich auf alles schauen: auf andere Menschen, auf Tiere, Pflanzen, auf die ganze Welt, mit mütterlichen Augen, die sagen: Überrasch mich! Und so schaffen wir dann einen Raum, in den die Welt hineinwachsen kann, in den auch andere Menschen hineinwachsen können. Wenn wir mit Augen schauen, die ohne Worte sagen: ‹Überrasche mich!›, dann werden wir wirklich unsere Überraschungen erleben.»

2. Audios

2.1. Interreligiöser Dialog (2014)
Bruder David: Grußwort und Vortrag:
(15:21) Das Leben will uns überraschen ‒ mit Hoffnung leben im Jetzt

2.2. TAO der Hoffnung (1994)
Diskussion:
(56:56) Offenheit für Überraschung in Angst und Panik

2.3. Begegnung der Religionen (1993)
Vortrag:
(19:29) Offen für Überraschung im Augenblick tiefster Dankbarkeit ‒ Überraschung ist ein Name Gottes

2.4. Retreat-Woche in Assisi (1989)
‹Stärke unseren Glauben› (Lk 17,5):
(49:08) Hoffnung vor dem Scherbenhaufen zerstörter Hoffnungen

3. Weitere Texte

3.1. Das Leben ist überraschend

Sinnenfreudiges Morgenlob mit Gedichten von Gerard Manley Hopkins; siehe auch Schönheit

Religiosität ‒ Staunen und Ehrfurcht:

«Wann und wo immer ich etwas mit Ehrfurcht beachte,
beschenkt es mich mit namenloser Überraschung,
weil bei allem ‹mehr dahintersteckt›.
Heute will ich also ehrfürchtig auf alle Dinge schauen.»

Jeder Augenblick enthält so viele Überraschungen (2019):

«Ob krank oder gesund, wir sollten unseren Sinn für Überraschungen schärfen. Der Anfang der Dankbarkeit ist, sich vom Leben überraschen zu lassen – nicht von außergewöhnlichen Dingen, sondern von ganz alltäglichen! Es ist beispielsweise unglaublich, wie mein Blut tagtäglich Sauerstoff zu den Zellen transportiert. Oder wenn ich jetzt aus dem Fenster schaue, staune ich über die Schönheit des Abendlichts auf dem See. In solchen Momenten wird das Geschenkhafte der Welt deutlich. Nichts ist selbstverständlich, sondern alles ist geschenkt, unentgeltlich. Wir müssen aufwachen und aufhören, alles als selbstverständlich hinzunehmen.»

Die Innehalten ‒ Schauen ‒ Handeln ‒ Technik im Buch Dankbar leben (2018):

«Zuerst einmal können wir nicht damit beginnen, dankbar zu sein, es sei denn, wir wachen auf.

Aufwachen zu was? Zu Überraschungen!

Solange uns nichts überrascht, gehen wir wie betäubt durchs Leben.

Wir brauchen Übung, um zu einer Überraschung aufzuwachen. Ich schlage vor, eine einfache Frage als eine Art Wecker zu verwenden: ‹Ist das nicht überraschend?›

‹Ja, natürlich!›, ist die richtige Antwort, egal, wann und wo und unter welchen Umständen diese Frage gestellt wird.

Ist es nicht letztendlich überraschend, dass da überhaupt etwas ist anstatt nichts?

Fragen Sie sich selbst mindestens zweimal am Tag: ‹Ist das nicht überraschend?›, und Sie werden schon bald wacher durch die überraschende Welt gehen, in der wir leben.

Überraschung kann uns ein Anstoß sein, genug, um uns aufzuwecken und uns daran zu hindern, alles für selbstverständlich zu halten.»

Einsichten aus Rilkes Dichtung, Teil I (2014), 68f.:

Wir sagen, das Leben überrascht mich. (Schmunzelnd:) Und das Leben überrascht uns immer. Keine Gefahr! Wenn’s lebendig ist, ist es überraschend, wenn es nicht überraschend ist, sind wir schon im Bereich des Mechanischen, die Maschine. Das Leben ist grundsätzlich Überraschung.»

3.2. Hoffnung ist Offenheit für Überraschung

Stop ‒ Look ‒ Go:

«2. Durch ‹Look› üben wir eine Haltung, die traditionell Hoffnung genannt wird.

Hoffnung unterscheidet sich von unsren Hoffnungen, denn diese sind immer auf etwas gerichtet, das wir uns vorstellen können.

Hoffnung aber ist radikale Offenheit für Überraschung ‒ für das Unvorstellbare. Wenn dies die Einstellung ist, mit der wir schauen, hinhorchen und alle andren Sinne öffnen, dann kommt zum Lebensvertrauen eine neue Dimension hinzu: Bereitschaft für die Anforderungen, die das Leben an uns stellt.»

Weihnachtsgrüße 2019:

«Hoffnung, so verstanden, unterscheidet sich von Hoffnungen. Auch wenn all unsere Hoffnungen zerschlagen werden, diese Hoffnung überlebt als ‹radikale Offenheit für Überraschung›. Das Leben ist immer überraschend, und dem Leben dürfen wir vertrauen. Darum ist es diese, unsere gemeinsame Hoffnung, die ich Euch ans Herz lege und die ich uns allen von ganzem Herzen erwünsche und erbete.»

Dankbarkeit: Das Herz allen Betens (2018): ‹Hoffnung: Offenheit für Überraschungen›, 115, 117, 122 [bzw. Fülle und Nichts (2015), 115, 117, 121f.]:

«Wichtig ist, dass wir in unserer Hoffnung offen bleiben, offen für die Überraschung, denn Gott kennt unseren Weg viel besser als wir selbst. In diesem Wissen kann unser Herz Ruhe finden, auch während wir weiterwandern. Hoffnung als die Tugend des Pilgers vereint Stille mit Bewegung.»

«Die Überraschung in der Überraschung jeder neuen Entdeckung besteht darin, dass es immer noch Neues zu entdecken gibt. Hoffnung hält die Gegenwart offen für eine völlig neue Zukunft. Wir wollen jedoch nicht vergessen, dass es wenig Sinn hat, von Gott, Vergangenheit und Zukunft in einem Atem zu sprechen. Gott lebt im ‹Jetzt, das nicht vergeht›.

Hoffnung hält uns im doppelten Sinne offen: für eine Zukunft in der Zeit und für eine Zukunft jenseits von Zeit, für Gottes Jetzt.»

«Warten ist nur dann ein Ausdruck von Hoffnung, wenn es ein ‹Warten auf den Herrn› ist, auf Gott, dessen Name Überraschungen heißt ‒ und auf sonst nichts. Solange wir auf eine Verbesserung der Situation warten, machen unsere Ambitionen einigen Lärm. Und wenn wir auf eine Verschlechterung der Situation warten, dann werden unsere Ängste laut. Die Stille, die in jeder beliebigen Situation auf das Aufleuchten des kommenden Herrn wartet ‒ das ist die Stille biblischer Hoffnung.»

3.3. Überraschung ist ein Name Gottes

Dankbarkeit: Das Herz allen Betens (2018): ‹Hoffnung: Offenheit für Überraschungen›, 109 [bzw. Fülle und Nichts (2015), 109]; siehe auch ST 139:

«Überraschung aber ist ein Name Gottes.

Tatsächlich ist Überraschung vielleicht der einzige Name, mit dem wir es wagen dürfen, den Namenlosen zu benennen. Zwar gelingt es auch dem Namen Überraschung nicht, Gott zu benennen. Indem wir ihn aussprechen, gelingt es uns aber zumindest, unser Herz für die Erkenntnis offen zuhalten, dass Gott mit keinem Namen eingefangen werden kann. Und das macht gerade aus unserer Unzulänglichkeit einen Erfolg.»

Das Vaterunser (2022): ‹Geheiligt werde dein Name ‒ Mein liebster Gottesname heißt Überraschung›, 46:

«Die Ergriffenheit, die mir vor dem Bild des Gottes Shiva in Chidambaram in Indien geschenkt wurde, kann ich nicht unterscheiden von dem, was mich manchmal beim Beten des Vaterunsers ereignet.

Es sollte uns daher gelingen, uns den Gottesnamen ‹Vater› immer wieder frisch zu eigen zu machen und ihn rühmend zu beten. Wir dürfen auch selber immer wieder neue Gottesnahmen erfinden.

Mein eigener liebster Gottesname ist ‹Überraschung›.»]

____________________________

[1] Einladung zur Dankbarkeit (2018): ‹Wunder des Lebens›, 57-61; siehe auch Lass dich überraschen (2019): ‹Jede Überraschung fordert uns auf, dem Leben zu vertrauen und so zu wachsen›

[2] Einladung zur Dankbarkeit (2018): ‹Staunen wie ein Kind›, 48; siehe auch Musik der Stille (2023), 55

[3] Einladung zur Dankbarkeit (2018): ‹Lass dich überraschen›, 51; siehe auch Der spirituelle Weg (1996): ‹Zen-Buddhismus und Christentum im täglichen Leben, ein Dialog› von Robert Aitken mit David Steindl-Rast›, TEIL 2, 102

[4] Einladung zur Dankbarkeit (2018): ‹Nichts ist selbstverständlich›, 52-56; siehe auch Dankbarkeit: Das Herz allen Betens (2018): ‹Staunen und Dankbarkeit›, 16f. [bzw. Fülle und Nichts (2015), 13f.]; siehe auch ST 137f.

[5] Einladung zur Dankbarkeit (2018): ‹Alles zu unserem Besten›, 113f.; siehe auch Spiritualität und Verantwortung: Christa Spannbauer im Gespräch mit Br. David (2009)

[6] Einladung zur Dankbarkeit (2018): ‹Erwachen›, 78f.; siehe auch Dankbarkeit: Das Herz allen Betens (2018): ‹Staunen und Dankbarkeit›, 19f. [bzw. Fülle und Nichts (2015), 16f.]

[7] Siehe auch den Titel der Festschrift zum 80. Geburtstag von Bruder David Die Augen meiner Augen sind geöffnet (2006), inspiriert vom Gedicht XAIRE / 65 von E. E. Cummings im Beitrag von Max Milz Nicht quantifizierbar: Anm. 3

[8] Dankbarkeit: Das Herz allen Betens (2018): ‹Staunen und Dankbarkeit›, 26f. [bzw. Fülle und Nichts (2015), 23f.]



Quellenangaben

Text und Audios von Br. David Steindl-Rast OSB

hl geist georg stahl titelCopyright © - Georg Stahl

Wenn wir unsere Lebendigkeit messen könnten, so wäre der Maßstab sicher unser Berührtsein vom heiligen Einen, dem unerschöpflichen Feuer im Herzen aller Dinge.[1]

Pfingsten steht in der christlichen Tradition für die Feier des Geistes, und Geist ist Atem, göttlicher Atem, der uns lebendig macht und uns alle verbindet. Und in der Lesung zu Pfingsten heißt es von diesem Geist-Atem Gottes: er füllt das All; er hält alles zusammen; und er spricht und kennt alle Sprachen. Dem sollten wir nachgehen. 

Zunächst einmal: Er erfüllt das All. Das «All» steht hier für Kosmos, für Universum und für die ganze Geschichte, von Anfang bis Ende aller Zeit. Der Geist-Atem Gottes, so wird uns gesagt, erfüllt dies alles; und da auch wir atmen ‒ so können wir folgern ‒ sind auch wir mit alledem verbunden.

Und tatsächlich sagt uns die Wissenschaft, dass wir mit jedem Atemzug ganz kleine Spuren von Edelgas einatmen. Zum Beispiel macht das Argon 1% unserer Atemluft aus. Da es keine Verbindung eingeht, ist es von allem Anfang an in der Luft gewesen. Aller Wahrscheinlichkeit nach atmen wir daher mit jedem Atemzug Argonatome ein, die Buddha eingeatmet hat, und Jesus und Moses. Auch in diesem Augenblick hat jeder von uns Atome in sich, die jeder große Mann und jede große Frau der Geschichte, an die Sie denken mögen, nach wissenschaftlicher Wahrscheinlichkeit einmal ebenfalls in sich hatten. So sind wir bereits physisch mit der ganzen Geschichte von Anfang bis Ende und mit jedem Ort der Erde verbunden.

Wir wissen darüberhinaus, dass unser Körper aus Sternenstaub gemacht ist, aus demselben Stoff also wie die Himmelskörper, die wir nur mit den stärksten Teleskopen überhaupt sehen können, die Sterne, die Millionen von Lichtjahren entfernt von uns sind. ‒ Die Materie war ursprünglich eins. Und so hängen wir schon über Raum und Zeit mit allem zusammen.

Aber viel mehr noch hängen wir zusammen durch den Geist. Was meinen wir damit?

Albert Einstein sagte einmal, dass die Fülle der Natur, die uns umgibt, die Fülle dessen, was wir erforschen können, erstaunlich sei, dass aber noch erstaunlicher sei, dass wir diese Fülle verstehen können.

Wie können wir diese Fülle, wie das Universum verstehen? Wir können sie nur verstehen, weil wir nicht nur physisch eins sind mit dem Universum, sondern weil wir auch den Geist, den Geist-Atem in uns haben, der alles er-füllt.

Wir können «Fülle» hier auch durch das Wort «Sinn» ersetzen. Da wir also den Sinn, der alles erfüllt, in uns haben, vermögen wir in uns auch den Sinn dessen zu verstehen, was uns umgibt; wir sind ihm verbunden.

Wir könnten aber genauso sagen, Sinn sei «Nichts». Wenn nämlich etwas Sinn hat, fügt der Sinn dem ja nichts hinzu. Es ist somit «Nichts», nicht aber ein leeres Nichts, sondern jenes Nichts, das für uns weit bedeutender ist als alles, was besteht. Wenn wir auch alles besäßen und es hätte keinen Sinn für uns, dann wäre dieses alles völlig belanglos. Der Sinn ist jenes Nichts, das das All wertvoll macht, es zum Leben bringt. Daher sprechen wir auch, wenn wir diesen Sinn meinen, von Geist, von Atem, weil Atem Leben bedeutet. Und wenn es heißt, dass wir Menschen erst durch Gottes Lebensatem lebendig werden, dann bedeutet dies, dass wir das Leben Gottes teilen.

Was meinen wir jedoch mit diesem so oft missverstandenen Begriff «Gott»? Hat das Vorgetragene Bedeutung aus Ihrem persönlichen Erleben heraus, auf das es bei Sinnfragen ja letztlich ankommt? Ich will versuchen, aus meinem Erleben eine Brücke zu schlagen. Vielleicht erinnert Sie das an Ähnliches, was Sie selbst erlebt haben.

Wenn wir fragen, wann wir diesen Geist, diesen Sinn-schaffenden Lebensatem erleben, so scheint mir die Antwort aus der gemeinsamen Erfahrung zu sein: Wir erleben ihn dann, wenn wir einmal wirklich in der Gegenwart stehen.

Meistens befinden wir uns ja doch nicht in der Gegenwart, sondern haften noch halb an der Vergangenheit und sind schon halb ausgestreckt auf die Zukunft.

Hie und da aber erleben wir einen Augenblick, in dem wir ganz geistes-gegenwärtig sind, wie es das schöne Wort ausdrückt. Und Gott, richtig verstanden, ist dann das, was uns ent-gegenwartet, wenn wir wirklich in der Gegenwart sind. Oder man kann es auch so sagen: das Göttliche ist die Gegenwart, in der wir aufgehoben sind.

Erinnern Sie sich an diese besten, lebendigsten Augenblicke Ihres Lebens? Augenblicke, in denen Sie ganz in der Gegenwart aufgehoben waren?

Nicht wahr, wir erleben uns aufgehoben in dreifacher Hinsicht.

Zunächst im Sinn von ausgelöscht: Was uns da ent-gegenwartet, das löscht uns aus, aber nicht in negativer Weise, sondern wie die Sterne ausgelöscht werden, wenn die Sonne aufgeht.

Wir erfahren uns aber auch aufgehoben in dem Sinn, dass wir auf eine höhere Ebene hinaufgehoben werden. Die Gegenwart, wenn wir uns ihr wirklich stellen, hebt uns über uns selbst hinaus. Von solchen Augenblicken pflegen wir zu sagen, «in diesem Moment bin ich über mich selbst hinausgewachsen».

Und schließlich ‒ und dies ist das Wichtigste ‒ sind wir auch aufgehoben im Sinn von geborgen. Wir wissen in unseren besten und lebendigsten Augenblicken, dass wir in dem, das uns entgegenwartet, zuhause sind, völlig aufgehoben und wohl geborgen.

Weil Gottes Geist das All und uns erfüllt ‒ so haben wir gesehen ‒ deshalb können wir das All verstehen. Und da er alles zusammenhält, sind wir in der Einheit aufgehoben; und auch dies in dreifachem Sinn.

Wir sind in einer Einheit aufgehoben, in der unser kleines Ich ausgelöscht ist ‒ dies ist die negative Seite.

Wir erleben uns in ihr aber auch hinaufgehoben in Gemeinschaft und Bezogenheit.

Und wir erfahren uns schließlich geborgen in Gemeinschaft, zugehörig zum großen Haushalt der Erde.

Ich erinnere Sie nur an etwas, was gewiss auch Sie erfahren haben: In solchen Augenblicken, in denen wir, wie wir sagen, uns selbst verlieren, finden  wir uns, da sind wir wirklich ganz die wir sind.

In Zeiten dagegen, in denen wir uns anklammern an das, was wir zu sein glauben, da verlieren und zerstreuen wir uns.

Wenn wir uns über uns selbst hinaus in eine Einheit hineingehoben erleben, die gleichzeitig grenzenlose Gemeinschaft bedeutet, dann finden wir uns, aber wir finden uns nicht in unserem kleinen Ich, sondern in unserer Einzigartigkeit, in unserem höchsten, umfassendsten Selbst als Person, und wir erleben uns verbunden mit der ganzen Schöpfung und dem ganzen All.

Und darum heißt es auch vom Geist Gottes, dass er nicht nur das All erfüllt, nicht nur alles in Einheit zusammenhält, sondern dass er jede Sprache kennt. Wenn wir eine solche Geisterfahrung hatten, wie ich sie geschildert habe, dann sind wir versucht zu denken, unsere Sprache ‒ oder genauer gesagt, die Sprache unsrer religiösen Tradition ‒ sei die einzige, in der wir diese Geisterfahrung ausdrücken können.

Aber der Geist Gottes kennt und spricht alle Sprachen, nicht nur die der Menschen, sondern die der ganzen Schöpfung. Jedes Tier ist ja eine eigene Sprache, die der Geist spricht, jede Pflanze, jeder Kristall, jeder Stein, jeder Stern, jedes Meer, ‒ das Weltall ist ein Sprechchor von verschiedenen Sprachen, die alle der eine Geist spricht.

Und das Pfingstwunder wird gerade so beschrieben, dass alle die vielen Völkerschaften, die das Brausen des Geistes vernahmen, sich wunderten, dass jeder einzelne von ihnen die eigene Sprache vernahm!

Es ist die Einheit in der Vielfalt, die hier erfahren wurde ‒ ein ganz und gar ökumenisches Ereignis! Daher bedeutet das Pfingstfest auch geschichtlich den Durchbruch aus der Enge einer Religion (die hier, mehr oder weniger zufällig, das Judentum war), in den Universalismus!

Was sich aber im Laufe der Zeit aus diesem Pfingstereignis heraus entwickelt hat, das ist ‒ jedenfalls bis heute noch ‒ kein solcher Ausbruch aus der Enge, sondern nur die Entstehung einer anderen Religion, nämlich des Christentums.

Wir können bedauern, wir können es aber ebenso begrüßen. Denn diese Religion hat doch im Wesentlichen nur die eine Aufgabe: Mit jeder neuen Generation erneut über sich selbst hinauszuführen in den Universalismus, auch wenn sie noch so oft in sich selbst steckenbleibt.

Das Gleiche aber gilt ja auch für jeden einzelnen von uns. Auch wir haben doch eigentlich die Aufgabe, aus jenem tiefsten Erleben unserer All-Einheit heraus zu leben, und dennoch bleiben wir täglich wieder in uns selber stecken. Wie können wir dieses dann den Religionen verübeln, die doch nur die Konglomerate sind aus den vielen einzelnen von uns.

Besinnen wir uns also darauf, dass auch heute noch, 2000 Jahre nach dem Pfingstereignis, unverändert die Herausforderung an uns besteht, aus Religion im engeren Sinn ‒ ob das nun die jüdische, die christliche, die buddhistische oder eine andere Religion ist ‒ in den Universalismus auszubrechen, ohne die Religion zurückzulassen.

Wir lassen uns ja auch selbst nicht zurück, wenn wir über uns hinauswachsen, im Gegenteil. Genauso die Religion. Und auch sie wird erst wirklich sie selbst, wenn sie universalistisch wird.

Sie wird aufgehoben in dreifachem Sinn: Ausgelöscht, soweit sie in der Vereinzelung, im Gegensatz zu den anderen, steht; hinaufgehoben auf eine höhere Stufe und in eine umfassendere Ordnung; und aufgehoben im Sinn von Bewahrung, bei der ihr Bestes zum Vorschein kommt.[2]

Der Heilige Geist ist der göttliche Lebensatem in uns. Geist und Fleisch stehen einander im biblischen Sprachgebrauch als Pole gegenüber. Fleisch bezeichnet alles, was unvermeidlich dem Tod verfallen ist. Fleisch muss ja verwesen, wenn es nicht mehr vom Lebensatem lebendig erhalten wird. Geist ist dieser Lebensatem, zunächst ganz konkret biologisch, dann in alle Grade des Lebendigseins übertragen, bis zur höchsten spirituellen Wirklichkeit, unserer Teilnahme am göttlichen Leben.

In dieser letzten Bedeutung sprechen wir vom Geist als Heilig im Sinne höchster Transzendenz. An den Heiligen Geist zu glauben heißt, auf unsere innerste Verbundenheit mit dem lebendigen Gott zu vertrauen und entsprechend zu leben.

Wir können uns bewusstwerden, dass «leben» nicht etwas ist, was wir «tun», wie kochen, laufen oder Schach spielen. Leben ist vielmehr ein Vorgang, an dem wir teilnehmen durch alles, was wir tun und erleiden ‒ ein Vorgang, der sich in uns abspielt, der aber weit über uns hinausgeht.

Es ist etwas, was wir nicht durch Analysieren verstehen können, sondern nur im Durchleben.

Wir können uns auch verschiedener Intensitätsgrade der Lebendigkeit bewusst werden.

Deine Lieblingsspeise wird Deine Lebendigkeit um einige Grade erhöhen.

Gute Musik wird sie noch etwas höher schrauben.

Das Lebensgefühl, wenn du dein erstgeborenes Kind in deinen Armen hältst, liegt auf einer noch weit höheren Ebene.

Anderseits kann es auch vorkommen, dass deine physische Lebendigkeit, sagen wir durch Krankheit oder Altersbeschwerden, hinuntergedrückt ist. Auch emotional fühlst du dich niedergeschlagen und deine Denkschärfe ist geschwächt; und trotzdem kannst du gerade in einer solchen Lage einer unerwarteten Lebensintensität gewahr werden; trotz erschlaffter Vitalität brennt tief in dir die Lebensflamme stetig, still und stark.

Solange wir uns gesund und kräftig fühlen, achten wir meist kaum auf dieses innerste Lebensfeuer.

Wenn in ihm unsere Sehnsucht nach der letzten Wirklichkeit glüht, wenn es uns wärmt und wach hält und uns Kraft gibt unserer Umwelt in Liebe als Mitwelt zu begegnen ‒ mit allen Konsequenzen, die sich daraus ergeben ‒, dann nennt die christliche Tradition diese Lebendigkeit den Heiligen Geist.

Jeder Mensch kann diese uns unendlich übersteigende und zugleich einbeziehende Lebenskraft in sich erfahren, ganz gleich welchen Namen wir ihr geben.

«Ich glaube an den Heiligen Geist»

Worum es in diesem Glaubenssatz geht, ist nicht ein Fürwahrhalten, dass es «eine göttliche Person» gibt, die Heiliger Geist heißt.

Es geht vielmehr um ein gläubiges Sich-verlassen auf das Leben in uns, das letztlich Anteilnahme an der göttlichen Lebendigkeit ist.

So dem Leben zu vertrauen  heißt: fest damit rechnen, dass jeder Tag uns genau das bringen wird, was wir brauchen ‒ wenn es auch nicht immer das ist, was wir uns wünschen.

Für mich persönlich war es eine folgenreiche Fügung, dass ich eingeladen wurde, im Sommer 1969, fünfzehn kleinen Klöstern-auf-Zeit im Staat Michigan beim Start zu helfen und sie zu betreuen; über die ganzen USA verstreut gab es Hunderte. Aus den stillen Gebetsgemeinschaften nahmen viele regelmäßig an den sprudelnden sprühenden charismatischen Gebetsabenden teil.[3]

Etliche von uns bereiteten sich in diesem Sommer auf die Geisttaufe vor, eine Erneuerung der Verpflichtungen, die man in der Taufe auf sich nahm, jetzt aber mit besonderer Offenheit für ein Leben im Heiligen Geist und für seine Gaben.

Als Tag für diese Feier hatte ich für mich den 20. Juli ausgewählt, weil das der 43. Jahrestag meiner Taufe war. Freilich konnte ich noch nicht voraussehen, welche spektakuläre zusätzliche Bedeutung dieser Tag in jenem Jahr erhalten sollte. Als wir am Abend des 20. Juli noch ganz glühend von Begeisterung aus dem Schulraum kamen, in dem wir gebetet und die Geisttaufe empfangen hatten, fiel mein Blick auf den Vollmond, der von hoch oben durch eines der Fenster herunterschaute. Eine kleine Menschengruppe stand da in der Eingangshalle vor einem Fernsehgerät. Warum waren sie alle so still? Als ich näher kam, bemerkte ich, dass sie atemlos zuschauten, wie der erste Mensch seinen Fuß auf die Mondoberfläche setzte.

«Ein kleiner Schritt für den Menschen, ein großer Schritt für die Menschheit», konnten wir aus 380.000 Kilometer Entfernung Neil Armstrong sagen hören und zugleich zum Mond aufblicken.

Bis heute kann ich kaum glauben, wie alles für mich zusammenstimmte, um eine Einsicht zu unterstreichen, die ich wohl nie vergessen werde:

Ja, der Heilige Geist ergreift und verändert uns durch tiefe innere Erfahrungen, aber derselbe Heilige Geist ergreift und verändert auch unsere äußere Welt.

Die leidenschaftliche, geduldige Forschungsarbeit von Wissenschaftlern, die Schöpferkraft von Technikern, Künstlern, Musikern, Dichtern und Schriftstellern, und der Einfallsreichtum von Frauen und Männern, die sich auf unzähligen anderen Gebieten im Dienst an der Menschheit um eine bessere Welt mühen, sie alle sind von ein und demselben Heiligen Geist inspiriert.

Jede Saite einer Windharfe antwortet mit einem anderen Ton auf denselben Wind. Welche Tätigkeit lässt dich selber am stärksten mitschwingen, wenn der Wind des Heiligen Geistes dich anrührt, der «weht, wo er will» (Joh 3,8)?

Die Turbulenz der Charismatischen Erneuerung in den Sechziger- und Siebzigerjahren hat sich gelegt, aber die Kirchen werden nie mehr zum alten Trott zurückkehren können. Ungezählte Christen hatten da tief spirituelle Erlebnisse und werden nie mehr ihre persönliche Erfahrung offizieller Lehre unkritisch unterwerfen.

Was hältst du persönlich von dieser Einstellung? Hat sie Grenzen, die respektiert werden wollen? Wie siehst du die Rolle des Heiligen Geistes in dieser Hinsicht? Wo siehst du den Heiligen Geist heute die Welt bewegen?[4]

(Die Quellenangaben zum obigen Text in Anm. 1f., 4)

[Ergänzend:

1. Audios

1.1. Mit allen Sinnen leben (1993)
Christlicher Glaube in heutiger Sprache
Teil 3:
(23:08) Unser innerstes Leben ist göttliches Leben, der Lebensatem Gottes: ‒ Einatmen und ausatmen, geben und nehmen

1.2. «Vom Rhythmus des Lebens»: Eröffnungsvortrag der Tagung Aufwachsen in Widersprüchen (1989) (06:02-15:47); siehe die Transkription des Vortrags, abgedruckt im Buch Aufwachsen in Widersprüchen (1990), 13-15:

«Leben ist zu breit, als dass wir hoffen könnten, das ganze Spektrum hier zu behandeln. Wir müssen daher auswählen. Aber im Leben hängt alles mit allem zusammen. Welchen Bereich des Lebens sollen wir hier in Frage stellen, ins Auge fassen? Biologisches Leben, psychologisches Leben, soziologisches Leben, sogar politisches, ökonomisches Leben spielt da herein; jedes hat seine Rhythmen.

Ich möchte vorschlagen, dass wir uns heute auf den umfassendsten Bereich des Lebens einstellen, auf das  g e i s t l i c h e  Leben.

Geistliches Leben, das ist ‒ im Deutschen ‒ ein schwieriges Wort und missverständlich, weil man gleich an ‹die Geistlichen› denkt. Was heißt also ‹Geistliches Leben›?

Es heißt: Leben im Geist, Leben aus dem Geist, Leben im Heiligen Geist, Leben aus dem Heiligen Geist. Und Geist heißt Lebensatem Gottes.

Lebensatem ‒ alle die Wörter, die unserem Wort ‹Geist› voranstehen in der biblischen Tradition, ruach, pneuma, spiritus ‒ alle bedeuten Lebensatem.

Beinahe ist es ein Pleonasmus, von geistlichem, also lebendigem Leben zu sprechen ‒ so etwas ist ein weißer Schimmel oder ein schwarzer Rappe ‒, aber es ist doch nicht wirklich ein Pleonasmus. Wenn wir nämlich vom  g e i s t I i c h e n  Leben sprechen, dann meinen wir damit  w a h r e s  Leben, wahrhaftige Lebendigkeit, aufblühendes Leben, fruchtbares Leben ‒ ganz im Gegensatz zu dem, was wir so häufig Leben nennen, nämlich unser halbtotes, sich selbst verneinendes, geistloses Dahinleben. Das nennen wir auch Leben. Und daher muss man es ausdrücklich sagen: Wir meinen hier geistliches Leben, nämlich wirkliche Lebendigkeit.

Was können wir über diese wirkliche Lebendigkeit sagen?

1. Wir haben sie von Gott als Geschenk.

Im Buch Genesis, im 2. Kapitel (1 Mose 2,7), lesen wir: Gott, der Bundesgott, formte den Menschen aus Erde und blies in seine Nase den Lebensatem. So wurde der Mensch zu einem lebendigen Wesen. Das heißt, in biblischer Sicht sind wir jene Lebewesen, die durch Gottes eigenen Lebensatem lebendig sind. Das ist der Mensch.

Was können wir weiters über diese wahre Lebendigkeit aus der Sicht der christlichen Tradition, der biblischen Tradition sagen?

2. Wir haben sie mit Gott gemeinsam.

Diese Lebendigkeit ist Gottes Lebendigkeit in uns. Freilich, wir haben sie nur so gemeinsam, wie das Wasser in einem Krug und das Wasser im Meer gemeinsam sind, aber es ist doch eine Gemeinsamkeit. Wir Menschen atmen Gottes Atem.

3. Wir kennen Gott durch diese Lebendigkeit, wir kennen Gott nur durch diese Lebendigkeit des göttlichen Lebens in uns.

Denn man kann zwar über Gott etwas wissen, von außen, aber kennen kann man Gott nur von innen. Selbst erahnen können wir Gott nur von innen. Der heilige Paulus spricht das sehr schön aus im ersten Korintherbrief, im 2. Kapitel (1 Kor 2,10-12).

Er sagt: Wer kann schon einen anderen Menschen wirklich kennen? Nur der Geist, der in dem Menschen selber ist, kennt den Menschen wirklich. Und in Parallele dazu sagt er: Wer könnte dann hoffen, Gott zu kennen? Nur der Geist Gottes selbst kann die Tiefen Gottes ausloten.

Da könnte man nun glauben, dass Paulus aus diesen beiden Prämissen den Schluss zieht, wir sollten uns gar nicht bemühen, Gott zu kennen. Wenn wir schon einen anderen Menschen nicht kennen können, um wieviel weniger Gott.

Aber da springt er jetzt in der Kraft dieses selben Heiligen Geistes über die beiden Prämissen sozusagen hinweg und zieht kühn den Schluss: Wir haben den Heiligen Geist Gottes empfangen und erkennen Gott daher mit Gottes eigener Selbsterkenntnis. Wir kennen Gott von innen her, weil uns an Gottes eigener Lebendigkeit Anteil  g e s c h e n k t  ist.

Gottes Lebensatem ist uns geschenkt, wir können also Gott von innen her verstehen, durch diesen Heiligen Geist, durch diese Lebendigkeit in uns.

4. Diese Lebendigkeit macht uns zu Menschen, macht uns erst zu Vollmenschen.

Wir Menschen werden zu lebendigen Wesen, indem Gott uns Anteil nehmen lässt am göttlichen Atem, am Heiligen Geist.

Und je mehr wir uns aufschließen und lebendig werden durch Offenheit aller Sinne und durch Opferbereitschaft, umso mehr werden wir wahrhaft menschlich: als Gotterfüllte erfüllen wir unsere menschliche Berufung.

5. Zugleich aber verbindet uns dieser Heilige Geist auch miteinander.

Im Römerbrief sagt Paulus: Alle, die sich vom Geiste Gottes leiten lassen, sind Söhne und Töchter Gottes (Röm 8,14). Das ist der Geist Gottes, den wir Menschen schon von Anfang an empfangen haben und dann in Fülle zu Pfingsten. Nach dem biblischen Menschenbild gibt es keinen Menschen in der ganzen Welt, der nicht aus Gottes eigenem Leben lebt, wenn er sich nur diesem Leben aufschließt, und so wirklich Mensch wird. Und darum verbindet uns der Heilige Geist mit allen, denn alle, die sich dem Geiste Gottes aufschließen, alle, die sich vom Geiste Gottes leiten lassen (und Paulus betont dieses ‹alle› hier), sind Söhne und Töchter Gottes.

6. Nicht nur mit den Menschen verbindet uns dieser Heilige Geist, dieser Lebendigkeit in uns, sondern mit allen und allem, mit den Tieren, den Pflanzen, ja mit dem ganzen Kosmos.

In den Psalmen hören wir immer wieder vom Atem Gottes, der ausgeht und alles lebendig macht; wenn er zurückgezogen wird, fällt alles wieder ins Nichtsein zurück. Wir hören auch schon im Alten Testament, dass der Geist Gottes den ganzen Erdkreis füllt und alles zusammenhält, alles vereinigt und jede Sprache kennt.

Da ist die vereinigende Kraft des Geistes ganz deutlich ausgesprochen. Und wie sehr wir dieses Gemeinsamkeitsbewusstsein mit der ganzen Schöpfung gerade heute brauchen! ‹Geistliches Leben› bedeutet also Lebendigkeit im Heiligen Geist Gottes. Gerade auf diesen Aspekt des Lebens möchte ich hier am Anfang unserer Tagung eingehen, wenn vom ‹Rhythmus des Lebens› die Rede sein soll.»

1.3. Aufwachsen in Widersprüchen (1989)
Dialog mit David Steindl-Rast
Teil 2:
(20:10) Bruder David spricht über seine Geisttaufe am 20. Juli 1969 und die Charismatische Erneuerung, wie er sie erlebt hat.

1.4. Retreat-Woche in Assisi (1989)
Ich glaube an Jesus Christus, unsern Herrn:
(10:23) Mit Jesus bricht durch, was in Israel angelegt war: Wir sind lebendig mit Gottes eigenem
Lebensatem. Jesus ist nicht in erster Linie Verkünder, sondern erinnert uns, dass wir in unserem eigenen Herzen mit dem innersten Gesetz unseres Lebens, in eins mit dem Baugesetz ‒ dem Hologramm ‒ des Kosmos, vertraut sind.

2. Weitere Texte

1. Wendezeit im Christentum, Teil I (2015): Fritjof Capra im Dialog mit Bruder David und Thomas Matus, 94f.:

«Der Heilige Geist bedeutet, dass wir die göttliche Wirklichkeit durch Gottes eigenes Selbsterkennen erfahren, an dem wir teilhaben. Gottes Selbsterkennen ist ein Aspekt dessen, was wir den Heiligen Geist nennen. Der hl. Paulus hat eine wunderbare Stelle in seinem ersten Brief an die Korinther formuliert (1 Kor 2,10-12): ‹Denn welcher Mensch weiß, was im Menschen ist, als der Geist des Menschen, der in ihm ist? Also weiß auch niemand, was in Gott ist, als der Geist Gottes.› Nun könnte man denken, aus diesen Sätzen sei der Schluss zu ziehen, dass kein Menschenwesen jemals Gott kennen könne. Wenn wir nicht einmal einen anderen Menschen in seinem Innersten kennen, wie könnten wir dann Gott kennen? Doch macht Paulus hier einen unglaublichen Sprung und sagt: ‹Wir haben aber nicht den Geist der Welt empfangen, sondern den Geist, der aus Gott stammt, damit wir erkennen, was uns von Gott geschenkt worden ist.› Das heißt, wir kennen Gott aus innerer Sicht, gewissermaßen durch Gottes Selbsterkennen. So gesehen ist die Dreifaltigkeit eine Art, über unsere menschliche Verbundenheit mit der göttlichen Wirklichkeit zu sprechen. Es ist eine Lehre, die ihre Wurzel in unserer mystischen Erfahrung hat.» [ST 63]

2 Wir leben vom ureigensten Leben Gottes (1972): Auszug aus dem Vortrag Jesus als Wort Gottes, abgedruckt in: Die Frage nach Jesus (1973), 59-63:

«Wenn wir den biblischen Schöpfungsbericht nacherzählen sollen, erinnern wir uns vielleicht an mehr oder weniger Einzelheiten, aber es stellt sich in 99 von 100 Fällen heraus, dass wir den springenden Punkt vergessen. Man wird immer wieder erzählen, dass Gott den Menschen erschafft und dann mit ihm spricht, dann sich ihm offenbart, dann mit ihm in Kommunikation eintritt. Aber da ist schon der springende Punkt verfehlt. Denn was die Bibel uns berichtet, ist nicht, dass Gott den Menschen da draußen erschafft, mit dieser Kluft zwischen Schöpfer und Geschöpf, sondern was Gott zunächst erschafft, ist noch gar nicht Mensch, nur etwas, das so aussieht wie ein Mensch, eine kleine Ton Puppe, leblos. Und jetzt kommt der eigentliche Schöpfungsakt, indem der Schöpfer in ganz drastischer biblischer Bildsprache dieser leblosen Figur sein eigenes Leben gibt, indem er seinen Geist, seinen Atem diesem leblosen Ding einhaucht. Er gibt also nach der biblischen Anthropologie keinen Augenblick, in dem der Mensch nicht schon in Gemeinschaft mit Gott steht.»

Dazu ergänzend aus Credo (2015): ‹Schöpfer des Himmels und der Erde›, 52f.:

«Im biblischen Schöpfungsmythos geht es anders zu als in Collodis ‹Pinocchio›, wo Gepetto eine Puppe schnitzt, die ihm davonläuft.

Der biblische Schöpfer haucht dem Werk seiner Hände seinen eigenen Lebensatem ein. Könnten wir (und so der ganze Kosmos) inniger verbunden sein mit Gott?

Hier muss das Bild von Gott als unser Vater das Bild von Gott als unser Schöpfer ergänzen und berichtigen. Es geht hier um ein Gegenüber, mit dem wir doch im Innersten eins sind.

Weil Lebendiges nicht  e r zeugt, sondern  g e zeugt wird, verlangt etwas in uns danach, dass auch Pinocchio zuletzt nicht Puppe bleibt, sondern in der Geschichte Collodis der Fleisch-und-Blut-Lausbub wird, der er eigentlich schon von Anfang an war.

‹Gezeugt, nicht geschaffen; eines Wesens mit dem Vater›, sagt eine andere Fassung des Glaubensbekenntnis von Christus aus.»[5]]

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[1] Sakramentales Leben; Sakramentales Leben ‒ «Zieh’ deine Schuhe aus!» (1979), aus dem Amerikanischen Englisch übersetzt von Eve Landis; siehe auch diesen Text in der Übersetzung von Bernardin Schellenberger im Buch Auf dem Weg der Stille (2016): Kapitel 8 ‹Auf heiligem Grund stehen›, 119

[2] Unsere Zukunft: das Reich des Kindes (1987): ‹Wo stehen wir›?

[3] Ebd. S. 185:

«Es begann im Februar 1967 mit einer förmlichen Explosion von Geistesgaben während eines Einkehrtages für Studenten der Duquesne University [in Ann Arbor, Michigan, eine kleine Universitätsstadt im Mittelwesten der USA] Von da aus verbreitete sich die Charismatische Erneuerung wie ein Lauffeuer über die ganze Welt. Solche Geistesgaben ‒ z. B Zungenreden (ein ekstatisches Beten in meist unverständlichen Lauten), prophetische Mahnreden und Heilung durch Handauflegung ‒ die in kleineren evangelischen Kirchen der Pfingstbewegung schon lange bekannt waren, fanden nun plötzlich in den großen traditionellen Kirchen Eingang; in jeder beliebigen Anglikanischen oder Römisch-Katholischen Pfarrkirche konnte man jetzt auf solche Phänomene stoßen.»

[4] Credo (2015): ‹Ich glaube an den Heiligen Geist›, 182-184, 186f.

[5] ‹genitum non factum, consubstantialem Patri› (Großes Glaubensbekenntnis); siehe auch Religionen und heiles Gottesbild: Anm. 3



Quellenangaben

Text mit Video-Film von Br. David Steindl-Rast OSB

kreuz b kraehmer titelCopyright © - piabay

(Video-Film gelesen von Bettina Buchholz) Singen ist eine meiner großen Freuden in dieser Zeit von Advent und Weihnachten. Aber heuer ist mir zum ersten Mal bewusst geworden, dass dieses Singen an der Schwelle eines neuen Jahres eigentlich das Einüben einer Haltung ist, die wir beibehalten wollen. Singen weckt uns auf und macht uns erst so recht lebendig. Ist diese wache Lebendigkeit nicht die Haltung, mit der wir allem entgegengehen wollen, was uns bevorsteht?

Wie wichtig diese Haltung ist, nicht nur für uns selbst, sondern für das Wohl der Welt, hat Howard Thurman (1899-1981), den ich als einen großen Denker, Lehrer und Friedensaktivisten schätze, so ausgedrückt:

«Frag’ dich nicht, was die Welt braucht. Frag’ dich, was deine eigene Lebendigkeit weckt, und mach’ dich dran, es zu tun. Denn was die Welt braucht, sind wache, lebendige Menschen.»

Solche Menschen schauen auf das Leid der Welt und ihre Augen kennen brennende Tränen, die nach innen fließen. Sie verstehen aber Augustinus, wenn er sagt:

«Schau auf das Ganze: Preise das Ganze!»[1]

Und darum kennen sie innen auch ein Singen, das weiterklingt, wenn das Singen der Weihnachtsengel verklungen ist. Auch davon schreibt Howard Thurman:

«Wenn das Singen der Engel verklungen ist,
Wenn der Stern nicht mehr am Himmel steht,
Wenn die Könige und die Weisen heimgekehrt sind,
Wenn die Hirten wieder ihre Herden weiden,
Dann fängt das Weihnachtswerk an:
Verlorene finden,
Gebrochene heilen,
Hungernde speisen,
Gefangene frei machen,
Nationen neu erbauen,
Menschen Frieden bringen
Und im Herzen singen.»

Was mit dem Singen der Engel begonnen hat, wird am Ende zum Singen im Herzen der Menschen. In diesem Singen drückt sich die wache Lebendigkeit aus, mit der allein wir das verwirklichen können, was wir zu Weihnachten feiern – heilen, befreien, Frieden in die Welt bringen – und all das nicht als grimmige Weltverbesserer, sondern aus Freude, freudig, preisend, trotz aller Hammerschläge des eigenen Schicksals und des Schicksals der Welt.

Vom Menschenherzen, das auf diese Weise singt, sagt Rilke:

«Zwischen den Hämmern besteht
unser Herz, wie die Zunge
zwischen den Zähnen, die doch,
dennoch, die preisende bleibt.»
[2]

Zum Segen für unsere arme Welt wünsche ich Euch (und mir selbst) so ein singendes Herz – in dieser festlichen Zeit, aber auch an jedem Tag des kommenden Jahres.

Euer Bruder David[3]

Der Gesang lehrt uns etwas über das Leben in der Gegenwart. Von einem pragmatischen Gesichtspunkt aus ist er eine nutzlose Aktivität, er vollbringt nichts. Wir sind derart auf das Nützliche ausgerichtet, dass wir das Sinnvolle vergessen, das unserem Leben Freude, Tiefe und Wert verleiht. Musikhören oder Singen heißt etwas tun, was keinem pragmatischen Zweck dient. Es ist nur Feiern und Lobpreisen, es heißt nur, die Freude und Schönheit des Lebens, die Herrlichkeit Gottes zu kosten. Musik sogar mitten in einem ganz zielgerichteten Tag anzuhören, erinnert uns daran, unserer Erfahrung eine andere Dimension hinzuzufügen, die Dimension des Sinnes, die das Ganze der Mühe wert macht.

Singen ist ein wesentlicher Bestandteil vieler religiöser Überlieferungen ‒ der buddhistischen, jüdischen, hinduistischen, islamischen und anderer. Das kommt daher, dass an einem gewissen Punkt das Herz einfach singen will, das Singen bricht aus ihm heraus. Obwohl es widersprüchlich scheint, kann man sagen, dass das Wort dann entsteht, wenn das Schweigen seine Fülle gefunden hat.[4]

(Die Quellenangaben zum obigen Text in Anm. 3f.)

______________________

[1] Tanz ‒ der Sinn des Ganzen: siehe die Audios in Ergänzend: 2.1-2.3

[2] R. M. Rilke: Die zweite Duineser Elegie

[3] Weihnachtsgrüsse 2014 mit Ernst Barlachs Bronzefigur ‹Singender Mann›

[4] Musik der Stille (2023): ‹Zum Gregorianischen Gesang›, 24f. und 31; siehe auch ST 119



Quellenangaben

Texte und Audios von Br. David Steindl-Rast OSB

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 «Dein Reich komme»

«D e i n R e i c h und was damit gemeint ist, können wir wohl nur dann recht verstehen, wenn wir die geschichtliche Lage beachten, in der dieses Gebet entstanden ist.

Jesus und seine Jünger waren Juden, gewalttätig unterdrückt und ausgebeutet von der römischen Besatzungsmacht. Erst im Gegensatz zum gewalttätigen Weltreich der Römer gewinnt die Bitte um dein Reich seine volle Wucht.

Dein Reich auf Erden gewaltfrei zu verwirklichen, das war die große Leidenschaft Jesu. Dafür lebte er und dafür musste er sterben.

Da stand Gottesreich gegen Römerreich.

Politische Machthaber spüren so etwas sofort. Sie erkannten die Konkurrenz und schlugen zu. Für unpolitische Nächstenliebe ist noch nie jemand ans Kreuz geschlagen worden.

Je aufrichtiger ich dein Reich erbete, umso tatkräftiger muss ich auch bereit sein, dafür einzutreten ‒ auch politisch. Gib du mir Mut dazu und nimm mir die Angst vor den Folgen. Amen.»

«D e i n R e i c h ist ‹nicht von dieser Welt› ‒ eben nicht von der Art der Weltreiche. Sondern es ist das von jedem Menschenherzen ersehnte Friedensreich.

In der Natur steht es uns als dein Welthaushalt schon vor Augen. In der Gesellschaft muss es als Gotteshaushalt erst noch verwirklicht werden durch das freie Ja der Liebe. Denn du zwingst uns deine Ordnung nicht auf. Du bist ja Vater, nicht Gewaltherrscher.

Und doch wirst du immer wieder ‹am höchsten Thron› einer Machtpyramide dargestellt.

Das ist zwar ein aufrichtiges Bemühen, dich zu ehren, aber auch eine herzzerreissende Blasphemie.

Genau als Gegenpol zur Machtpyramide hat Jesus ja dein Reich verstanden: nicht auf Eroberung gegründet, sondern auf Umdenken: nicht auf Angstmacherei gestützt, sondern auf gegenseitiges Vertrauen; nicht durch Gewalt verwirklicht, sondern gewaltfrei. Nicht von dieser Welt, aber mitten in ihr. Amen.»

«D e i n R e i c h, wie Jesus es verstanden hat, ist kein abgegrenzter Herrschaftsbereich ‹hier oder dort›, sondern ‹mitten unter› uns, als die uns von dir geschenkte Möglichkeit, die wir verwirklichen können, wenn wir nur wollen.

Deine ‹Herrschaft›, also die Wirkkraft deiner Liebe, steht uns jederzeit zur Verfügung. Und auch eine Gelegenheit, das Ja gegenseitiger Zugehörigkeit zu sprechen, ist stets zur Hand.

Dein Reich ist das freudige Zusammenleben, das sich ereignet, wenn eine Gemeinschaft nach deiner Musik zu tanzen beginnt.

Schon ‹zwei oder drei› genügen, um damit zu beginnen: zwei Liebende, die miteinander eine Familie gründen, oder drei Freunde, die den Keim einer Gemeinschaft bilden.

Und woran können wir dein Reich erkennen?

An gelebter Liebe. Daran, dass Menschen sich bedingungslos zuhause fühlen dürfen und sich geachtet wissen in ihrer Eigenständigkeit ‒ an Menschenwürde also.

Wecke in mir die wache Bereitschaft, mich dafür einzusetzen. Amen»

«D e i n R e i c h  meint nicht erst die himmlische Herrlichkeit, die wir erhoffen, wenn wir beten: ‹Lass uns eingehen in dein Reich›.

Der indische Mystiker Kabir sagt es ganz unverblümt:

‹Dass deine Seele Seligkeit finden soll, nur weil dein Leichnam verwest, ist ein Hirngespinst. Wenn du hier nichts findest, kannst du dort auch nur eine Wohnung im Totenreich erwarten.›

Ein Reich der Lebendigen ist dein Reich, und Lebendigkeit muss deshalb sein Hauptmerkmal sein, schon hier auf Erden.

Freilich bleibt im Diesseits alles Stückwerk ‒ auch dein Reich.

Die Richtschnur unsres Bauens muss ins Jenseits auslaufen.

Wir wissen ja: ‹Was hier wir sind, kann dort ein Gott ergänzen.›[1]

Jetzt und immer bist und bleibst du der Schnittpunkt aller Beziehungen und der Mittelpunkt deines Reiches.

Das Dichterwort gilt:

‹Jeder Kreis, um dich gezogen,
spannt uns den Zirkel aus der Zeit.›
[2]

Amen.»

«‹Dein Reich k o m m e›, beten wir, und das klingt recht passiv. Wo immer wir aber aktiv unser Zusammenleben gestaltet haben, ist in der ganzen Menschheitsgeschichte kaum jemals ein Aufdämmern deines Friedensreiches erkennbar geworden. So sehr wir alle es auch ersehnen, scheinen wir uns doch völlig verirrt zu haben. Der ganze Karren ist verfahren. Ist es zu spät, umzukehren?

Ein Geschenk muss dein Reich jedenfalls sein. Du schenkst uns ja auch sonst alles, was es gibt. Aber, wie alles andre auch, bleibt es nur ein Angebot. Es wird wahrhaft zum Geschenk, wenn wir uns dankbar erweisen, indem wir aus dem Angebotenen etwas machen.

Und das tun ja doch unzählige Menschen, die sich ehrlich und aufopfernd bemühen, Ansatzpunkte für ganze neue Formen geschwisterlichen Zusammenlebens zu finden.

Lass auch mich Ansatzpunkte für Neues als dein Geschenk erkennen und sie mutig und dankbar nutzen. Amen.»

«‹Dein Reich k o m m e› ‒ so bitten wir und wissen doch, dass es schon da ist, mitten unter uns ‒ als stete Möglichkeit.

Wenn du zwei oder drei von uns zusammenführst, dann liegt darin auch schon dein Angebot, ‹in deinem Namen› beisammen zu sein.

Dein Name ist ja ‹Liebe›, und jede Begegnung ist eine neue Gelegenheit, das Ja der Liebe zum Ausdruck zu bringen.

Mit diesem Ja ‹heiligen› wir deinen Namen und empfangen mit weit offenen Armen einander und so dein Reich.

Dein Name und dein Reich sind also keimhaft gegenwärtig, wann und wo immer wir Menschen gemeinsam unser Leben gestalten.

Mach du uns wach und achtsam für dieses uns anvertraute Aufkeimen und lass uns mit Geduld auch die zartesten Pflanzen der Liebe so geduldig pflegen, dass aus ihnen dein Reich aufblühen kann. Amen.»

«‹Dein Reich k o m m e› als gesellschaftliche Wirklichkeit! In der Ordnung des Kosmos wirkst du als ihre innerste Lebendigkeit, ‹du sanftestes Gesetz›.

Im Erd-Haushalt stellt uns die Natur ein lebendiges Bild jenes harmonischen Zusammenlebens vor Augen, das dein Reich ‒ der Gottes-Haushalt ‒ uns schenken will.

Die Natur baut keine Machtpyramiden, sondern vernetzt Netzwerk mit Netzwerk, so wie in der Musik sich Motiv mit Motiv verwebt.

Wo immer wir ehrfürchtig auf die Natur achten, zeigst du uns Leitbilder für die Gestaltung deines Reiches.

Lehre uns, ihnen zu folgen, bei allem, was wir bauen.

Dann dürfen wir wohl auch der schier unerschöpflichen Erneuerungskraft der Natur vertrauen, dass sie nicht nur die Verwundungen heilt, die wir ihr zugefügt haben, sondern auch unsrer Kultur den Weg zu heilem Sein weist. Amen.»

«‹Dein Reich k o m m e› ‒ das ersehnen wir. Und wir wissen auch, dass letztlich nur du diese Sehnsucht erfüllen kannst.

Und doch dürfen wir dein Reich nicht völlig ohne unser Zutun als dein Geschenk erwarten. Was aber ist unsererseits notwendig, damit dein Reich sich unter uns ereignen kann?

Was kann ich in meinem winzigen Umkreis dazu beitragen?

Mein Einflussbereich reicht allerdings weiter, als mir oft bewusst ist. Alles hängt ja mit allem zusammen! Und jeder Anstoß setzt sich grenzenlos fort.

Sooft wir einander Gutes tun aus dem Bewusstsein, dass wir füreinander da sind, setzen wir ein unaufhaltbares Ja der Liebe in Bewegung.

Sooft wir einander gegenseitig Achtung erweisen, springt ein Fünkchen vom Glanz dieses Reiches über, das weiter und weiter leuchtet.

So beizutragen zum Kommen deines Reiches, dazu schenke mir Kraft und Entschlossenheit. Amen.»

Brigitte Kwizda-Gredler: «Wenn du von den ‹Kreisen freudigen Lebens› sprichst, höre ich die Freude als das entscheidende Wort heraus. Und Freude ist ansteckend. Darum gefällt mir das Bild für freudiges Zusammenleben, das du gerne verwendest: eine Gemeinschaft, die nach der Musik Gottes zu tanzen beginnt.»

Bruder David: «Der Name Gottes ist Musik, der Tanz der Liebe ist sein Reich. Und obwohl unser Bemühen stets Stückwerk bleibt, bleibt die Hoffnung lebendig, dass das Reich Gottes wenigstens jenseits von Zeit und Raum Vollendung findet.

Paulus sagt: ‹Was Gott will, ist allen Menschen offenbar, Gott hat es uns offenbart. Schon seit Erschaffung der Welt drücken die Werke der Schöpfung seine unsichtbare Wirklichkeit aus› (frei nach Röm 1,19f.). An den Werken der Schöpfung kann unsre menschliche Vernunft also wahrnehmen, was Gott will. Das ist mir eine große Ermutigung.

So viele, die vom Christentum nichts wissen oder gar nichts wissen wollen, bauen dennoch tatkräftig mit an dem Friedensreich, das wir Christen das Reich Gottes nennen.»

«Das Lernen von der Natur ist dabei ein wesentlicher Bereich, in dem sich jederzeit Neues ereignet. Es geht um eine Forschungshaltung, die in der Fachsprache ‹Bionik› genannt wird oder auch ‹Biomimetik› ‒ die Befragung und Nachahmung der Natur, um schwierige technische, gesellschaftliche oder organisatorische Probleme zu lösen.»

«Die Natur heiligt den Namen Gottes, indem sie uns zeigt, wofür Gott eintritt.

Wenn wir vorurteilslos bereit sind, von der Natur zu lernen, dann finden wir in ihr schon samenhaft das Modell für das Reich Gottes angelegt.

Dante nennt ja die Liebe das innerste Geheimnis des Universums:

‹Liebe, die die Sonne rollt und andere Sterne›,[3]

lautet ein berühmter Ausspruch von ihm.

Vielleicht können wir die Evolution als die allmähliche Entfaltung dieses innersten Wesens verstehen ‒ als das Offenbarwerden des Reiches der Liebe, nach dem sich alles sehnt.»

Brigitte Kwizda Gredler: «So verstehe ich auch Pierre Teilhard de Chardins berühmten Ausspruch:

‹Eines Tages, nachdem wir Herr der Winde, der Wellen, der Gezeiten und der Schwerkraft geworden sind, werden wir uns in Gottes Auftrag die Kräfte der Liebe nutzbar machen. Dann wird die Menschheit zum zweiten Mal in der Weltgeschichte das Feuer entdeckt haben.›»

Bruder David: «Dann wird die Vaterunserbitte um das Kommen des Gottesreiches in Erfüllung gegangen sein.»[4]

(Quellenangabe zum obigen Text in Anm. 4)

[Ergänzend:

1. Audios

1.1. Audio Das Leid des Lebens zu Herzen nehmen (1992)
Erstes Seminar mit Bruder David im Rittersaal des Schlosses Goldegg
Bruder David im Gespräch:
(57:20) ‹Die Gesellschaft, in der die Starken die Schwachen unterdrücken, das ist die typische menschliche Gesellschaft. Leider. Eine Gesellschaft, die aus der Angst und aus der Unterdrückung lebt.
Und der entgegen stellt Jesus das Reich Gottes. Und das Reich Gottes ist eine Übersetzung dieses tiefsten Zugehörigkeitsgefühls in eine soziologische Wirklichkeit, in gesellschaftliche Wirklichkeit.
Er ist nicht nur Mystiker, er hat nicht nur diese tiefe Erfahrung der Zugehörigkeit, die sich ausdrückt dadurch, dass er alle Menschen, auch die Ausgestoßenen als Brüder und Schwestern anspricht und sich Gott so ganz eng verbunden fühlt: diese Familie Gottes, zu der auch die Tiere und Pflanzen gehören. Das ist ganz stark angelegt, aber nicht nur dieses Mystische, sondern dann die Übersetzung dieses Mystischen in ein tägliches Leben, in Gesellschaftsformen, die unsrer Art von Gesellschaftsform, wo einer den andern frisst und beißt, entgegengesetzt ist.
Und das versucht er zu verwirklichen und das nennt er Reich Gottes, und Bekehrung ist dann eine Umkehr von der Art von Gesellschaft, die wir kennen ‒ typisch ‒ zu der andern Gesellschaft.
Aber ich möchte nicht einfach so die Gesellschaft abschreiben. … das ist das Gute, dass es heutzutage ‒ wahrscheinlich wie immer in der Geschichte ‒, viele Zellen gibt, viele Ansatzpunkte, wo Menschen schon in einer Familie, in einer Freundschaft, in einer Pfarre, in irgendeinem Freundeskreis genau das zu verwirklichen beginnen. Und sie kommen in Konflikt mit der vorherrschenden Gesellschaft.›

1.2. Audio Löwe, Lamm und Kind (1992)
Vortrag:
(40:25) ‹Hier ist das Friedensreich schon da›: Bruder David schließt mit einem Erlebnis aus der chassidischen Tradition:

«Das Bild des Messias strahlte in einer anderen solchen Gnadenstunde auf, als sich Vertreter vieler Religionen 1972 auf Mount Saviour[5] trafen. … Ich weiß nicht mehr, ob es Reb Shlomo Carlebach war oder Reb Zalman Schachter, der bei unserem letzten gemeinsamen Abendessen eine chassidische Geschichte erzählte, die uns zu Herzen ging, weil sie von dem sprach, was unter uns Wirklichkeit geworden war: ‹Der gelehrte Rabbiner und seine Schüler waren beisammen und so glühend war die Liebe unter ihnen, dass der Meister einen von ihnen zum Fenster schickte: ‹Schnell, schau hinaus, ob der Messias nicht gekommen ist!› Enttäuscht kam die Antwort: ‹Alles da draußen wie eh und je.› ‹Aber Rabbi›, fragte ein anderer Schüler, ‹müssten wir hinausschauen, wenn der Messias gekommen wäre? Würden wir es nicht hier herinnen gleich wissen?› ‹Ja! Aber hier›, sagte der Meister strahlend, ‹hier ist der Messias ja gekommen!›»[6]

2. Weitere Texte

2.1. Osterbrief 2023

«Jesus hat ein Zusammenleben gelehrt, das er ‹Reich Gottes› nannte, das wir aber auch ‹Gotteshaushalt› nennen könnten, Gemeinschaftsleben, das dem Gemeinsinn der Vögel näher steht, als der Gesellschaftsordnung seiner und unserer Zeit. Er sagte: ‹Schaut euch die Vögel des Himmels an› (Mt 6,26) und baute eine auf ‹Wir-Denken› gegründete Gemeinschaft: Das ‹Reich Gottes›. Es war, wie wir heute sagen würden, ‹der Natur nachgebildet› ‒ der Natur, in deren innerstem Mysterium wir ‹Gott› begegnen. Dafür lebte und dafür musste er sterben, denn die Machtpyramide des ‹Ich-Denkens› erkannte, dass sie an ihrer Wurzel bedroht war.»

2.2. Vom mystischen Wasser kochen ‒ 99 Namen hat Gott im Islam (2019): Interview von Josef Bruckmoser mit Bruder David:

«Sind Ihnen von diesen 99 Namen einige besonders nahe gekommen?»

«Interessanterweise fällt mir keiner ein, aber es fallen mir viele ein, die mir eher unsympathisch sind, wie z. B. der König oder der Mächtige. Das sind Bezeichnungen für Gott, die sich auch weitgehend mit dem Christentum decken. Solche Namen Gottes kommen der Pyramide der Macht im Christentum wie im Islam sehr gelegen, weil weltliche wie religiöse Machthaber diesen Anspruch Gottes für sich selbst ausnützen. Das steht meinem Verständnis von Christentum völlig entgegen. Wenn Jesus vom Reich Gottes spricht, ist es genau das Gegenteil einer weltlichen Machtpyramide, an deren Spitze ein König sitzt. Das Reich Gottes ist keine Pyramide, es ist ein Netzwerk von Netzwerken. So hat Jesus das als Wanderprediger mit seinen Leuten gelebt. Seine mystische Erfahrung der Nähe Gottes machte ihn zum Revolutionär. Er hat gesellschaftliche und religiöse Macht untergraben und wurde dafür am Ende hingerichtet. Papst Franziskus versucht, die kirchliche Machtpyramide durch menschliche Beziehungen und Netzwerke zu ersetzen. Zwischen ihm und Vertretern dieser Machtpyramide spielt sich leider ein schwerer Zusammenstoß ab.]»

 __________________________

[1] «An Zimmern
Die Linien des Lebens sind verschieden
Wie Wege sind, und wie der Berge Grenzen.
Was hier wir sind, kann dort ein Gott ergänzen
Mit Harmonien und ewigem Lohn und Frieden.»

Friedrich Hölderlin

[2] R. M. Rilke: ‹Wer seines Lebens viele Widersinne› (Das Stunden-Buch); das Gedicht in Sinnorgan Herz und
(29:15) im Audio Fragen, die uns bewegen (2005)

[3] Tanz ‒ der Sinn des Ganzen: «L'amor che move il sole e I'altre stelle» ‒ «die Liebe, die alles bewegt.» ‒ Das zentrale Geheimnis des kosmischen Rundtanzes ist die Liebe.

[4] Das Vaterunser (2022): ‹Dein Reich komme›, 49-53 und ‹Reich Gottes als konkrete Aufgabe›, 55f.

[5] Bruder David trat 1953 in das kurz zuvor neu gegründete Benediktinerkloster Mount Saviour in Elmira, NY, ein.

[6] Ich bin durch Dich so ich (2016), 98



Quellenangaben

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Je mehr Menschen verschiedenster Art und je mehr ihrer Anliegen ich auf meinen Reisen kennenlernen durfte, umso häufiger stieg in mir die Ahnung auf, dass sich in unserer Zeit eine weltgeschichtliche Umwälzung anbahnte. Immer ging es bei den denkwürdigsten Begegnungen um Tränen, aber auch um unauslöschliche Hoffnung. Besonders ein Gespräch mit Studenten in Zaire löste Einsichten aus, die sich im Lauf des 8. Jahrzehnts meines Lebens herauszukristallisieren begannen.

Ich bin in Kinshasa. Die Unruhen haben ein solches Ausmaß erreicht, dass ich jede Nacht in eine andere, diesmal vielleicht etwas weniger gefährdete Unterkunft gebracht werden muss. Einmal besuchte ich Doktoranden in einem heruntergekommenen Studentenwohnbau. Hier leben sie mit ihren Frauen und Kindern auf engstem Raum zusammengepfercht. Der eine Tisch ist zugleich Kochtisch, Esstisch, Spieltisch für die Kinder und Schreibtisch, auf dem die teuren Bücher und die Unterlagen für ihre Doktorarbeit ständig in Gefahr sind. Trotz unvorstellbarer Entbehrungen sind diese Männer endlich dem Ziel ihrer Mühen nahe.

«Was erhofft ihr euch am heißesten für eure Zukunft?», frage ich und denke dabei ‒ ich gestehe es ‒ an Reichtum und Einfluss. Die Antwort macht mich sprachlos:

«Wenn wir es einmal geschafft haben, hoffen wir, der Versuchung widerstehen zu können, mit den Wölfen zu heulen. Wir wollen es einmal anders machen als die, die Macht und Geld haben. Aber dabei mitzuhalten ist nicht leicht; wir werden auf vieles verzichten müssen.»

Hier ist eine radikal neue Vision der Zukunft. Der Mut dieser Pioniere, gegen den Strom zu schwimmen, geht mir zu Herzen und erschüttert meine Vorstellungen. Er ist revolutionär.

«Revolution» wird nach und nach zu einem wichtigen Begriff. Ich verwende ihn allerdings halb scherzhaft, weil es um etwas ganz anderes geht als bei Revolutionen, die wir aus der Geschichte kennen. Die Revolution, die heute der weltgeschichtliche Augenblick von uns verlangt, muss sogar die hergebrachte Vorstellung von Revolution revolutionieren.

Bisher bestand Revolution darin, dass die jeweilige Machtpyramide auf den Kopf gestellt wurde und die ehemaligen Revolutionäre von unten nach oben stiegen; ansonsten blieb alles beim Alten.

Das Neue besteht nun darin, dass die Machtpyramide nicht umgekehrt, sondern total abgebaut und durch ein Netzwerk ersetzt werden muss.

Buddha setzte sich zum Ziel, das in seiner Sangha zu verwirklichen, und Jesus wollte es in der Gemeinschaft seiner Jüngerinnen und Jünger verwirklicht sehen:

«Die Könige der Nationen herrschen über sie, und die Gewalthaber lassen sich Wohltäter nennen. Ihr aber nicht so! Sondern der Größte unter euch sei wie der Geringste und der Befehlende wie der Dienende.»

Etwas Ähnliches wollten offensichtlich auch die Doktoranden in Kinshasa. Das Ziel, das ihnen und vielen anderen Gruppen, denen ich begegnen durfte, mehr oder weniger klar vorschwebte, war keine verbesserte Machtpyramide, sondern vielmehr ein Netzwerk gegenseitiger Ermächtigung.[1]

Bruder David, damals noch mit dem Geburtsnamen Franz Kuno Steindl-Rast:

«Werfen wir nur einen Blick auf unsere Zeit, um zu sehen, wo wir überhaupt stehen.

‹Der Mensch liegt in größter Not.›

Dieser Aufschrei, [den Gustav Mahler durch seine zweite Symphonie klingen lässt], gilt unserer Zeit mehr als der Zeit nach dem ersten Weltkrieg. Ja, es gibt keinen erschütternderen Hilferuf aus unserer Zeit als diesen: ‹Der Mensch liegt in größter Not›. Aber nicht nur er, alles, was von ihm geschaffen wurde, ist zerstört und geschändet, alles, was ihm zum Dienste und zur Freude vom Schöpfer gegeben wurde, hat er missbraucht und entweiht. Es scheint so, als ob der Fluch auf alles gefallen sei, das er berührte.»

«Wenn wir in kurzen Streiflichtern einige Punkte berühren, die nun über das persönliche Augenblickserlebnis hinausgreifen, wird der Eindruck in einer erschütternden Weise noch vertieft: Krieg in China, Terror in Palästina, Hetze und Propaganda verschiedenster Ideologien und Parteirichtungen, Hunger in allen Winkeln der Erde, Mangel an den nötigsten Gebrauchsgütern, Schleichhandel mit Arzneimitteln und Waren und Spenden für notleidende Völker, Aufruhr gegen Kirche und Christentum, bettelnde und sich verkaufende Kinder in allen Straßen der Städte der ganzen Erde, Raub, Totschlag, Schändung Quälerei, [6] Rachgier, Ehrgeiz, Verzweiflung, Selbstmord.

Es ist Karfreitag und die Welt schlägt Christus ans Kreuz und merkt nicht, dass sie sich selbst ‒ mordet in ihm. Denn was bleibt, wenn die Liebe getötet ist?

Ich weiß nicht, ob es nach den wenigen Sätzen noch viel bedarf, um zur Erkenntnis zu gelangen, dass der Mensch ein Enterbter und Entrechteter ist.

‹Der Mensch liegt in größter Not.›

Wir alle sind mitgerissen in dieses Chaos und fühlen die hilflose Einsamkeit des einzelnen Menschen, weil wir zu vielen Malen erlebt haben, dass wir in Auflehnung gegen Untergang und Verderben allein gestanden sind. Wir wissen, dass nicht alle dem Ruf nach Macht und Ehrgeiz folgen, wir wissen, dass sogar viele bereit sind, wenn es sein soll, selbst ihr Leben einzusetzen. Aber sie stehen allein in ihren Bestrebungen und Hoffnungen, sie werden umspült von einer Masse ablehnender und angreifender Menschen, dass sie sich hilfesuchend nach Gleichgesinnten umsehen müssen. Sie erkennen mit einmal, dass sie allein auf einem verlorenen Posten stehen, und einzig der Wunsch, das Leben sinnvoll einzusetzen, lässt sie Ausschau halten, wenigstens eine kleine Schar ähnlich Denkender und ähnlich Fühlender zu finden.»

«Wir müssen uns langsam zu der Erkenntnis durchringen, dass jeder von uns mitverantwortlich ist für den Ablauf der Geschichte in den kommenden Jahren und Jahrzehnten, und darüber hinaus vielleicht noch mitbestimmend an der Gestaltung kommender Jahrhunderte. [Wir mögen uns hier nur daran erinnern, wie die Wellen der französischen Revolution noch an die Ufer der Gegenwart schlagen, wie Ideen ausgehend von einigen Wenigen noch die Gehirne vieler beherrschen.]

Es nützt uns sehr wenig, zu bedauern, in eine so verworrene Situation hineingeboren zu sein. Kritik, Bedauern und Unzufriedenheit mit der Lage der Welt und der Menschheit führt bestens zur Resignation und zur Zurückgezogenheit des Einzelwesens. Bewährung bedeutet uns aber aufopfernde Stellungnahme zu den Gegebenheiten der Gegenwart. Freilich ist damit ein Übergang von der passiven zu einer aktiven Lebensgestaltung erforderlich. Das bedeutet, die Defensivstellung aufgeben und zum Angriff übergehen. Solange wir nur darauf bedacht sind, die überlieferten Schätze und Positionen zu bewahren, wird man uns Stück für Stück des eigenen Lebensraumes entreißen, ja, wir werden auf das Versprechen hin, geduldet zu sein, wichtige Bastionen aufgeben, um uns am Ende kaum mehr von Menschen anderer Gesinnung zu unterscheiden.

[11] Allein zu einer wirklichen Bewährung gehört mehr als nur Aktivismus. Es wäre verfehlt, zu meinen, damit den richtigen Weg zu einer Gesundung schon gefunden zu haben. Jeder Schritt, der unternommen wird, möge allein aus der einer Erkenntnis entsteigenden Notwendigkeit geboren werden.

Wir selbst scheinen verbraucht und müde, dass es einem unmöglich vorkommt, das Erbe der gegenwärtigen Situation übernehmen zu können. Aber vielleicht sind es gerade unsere Ausgelaugtheit und Müdigkeit, die uns so klar vor Augen stellen, dass es höchste Zeit ist, endlich den neuen Boden vorzubereiten, der ein gesünderes und in der Ordnung verwurzeltes Leben möglich macht. Nicht die Fortsetzung des alten Weges, sondern der Aufbruch zu einem neuen wird die Bewährung unserer Generation in dieser Zeit sein.

Es ist leicht, an bestehenden Dingen Kritik zu üben, ohne selbst einen Ausweg daraus zu kennen, d.h. wenigstens Ansatzpunkte dazu zu sehen. Darum soll hier angedeutet werden, worin nicht nur ein Ausweg aus einer Situation, sondern ein gültiger Weg liegen könnte. Um es klar und einfach zu sagen:

Ich meine damit eine christliche Generation, die imstande ist, eine Revolution der Herzen durchzuführen, die die Vormachtstellung einer materialistisch diesseits gerichteten Welt durchbricht.

Eine Generation, die endlich einmal zuerst das Reich Gottes sucht und damit den Traum eines in Organisation und Mechanisierung gesicherten Lebens aufgibt.

Eine Generation, die bereit ist, in ihre Herzen das Gesetz der Liebe zu brennen, weil Christus Mensch geworden ist, und er mit seinem Tod am Kreuze und seiner Auferstehung uns die Gültigkeit dieses Gesetzes bewiesen hat.

Eine aufbrechende christliche Generation würde bedeuten: bereit zu sein, vor der Welt Bekenntnis abzulegen, dass Christus nicht in die behüteten Räume unserer Wohnung, nicht in Klöster und Kirchen gebannt werden kann, sondern dass er Anspruch erhebt auf alle Menschen und alle Bereiche des Lebens. Allerdings nicht in Gewalt, [12] sondern allein in der Macht der Liebe.

Ich will Sie mit dieser Tatsache, wie gering der Anteil der christlichen Kräfte in unserer Generation ist, nicht beunruhigen, denn wer immer sich mit der Frage der Generation beschäftigt, wird auf den Begriff der ‹Wenigen› stoßen. Die Wenigen, die von einer nachkommenden Zeit gesehen, der Generation das Gesamtgepräge geben.

Es gibt in jeder Generation die kleine Schar dieser Wenigen, die den geheimen Hebel ihrer Zeit finden, wo sie sich fast selbstverständlich aus den eingefahrenen Geleisen einer Entwicklung heben lässt.

Um was Andere sich mühen und mit allen Anstrengungen nicht zustande bringen, gelingt diesen Wenigen, als ob ihre Hand geführt würde, traumwandlerisch, und es gelingt immer, wenn es der Schwerpunkt ist, an den sie die Hände legen.

Dass wir mit einer derartigen Auffassung von der Welt von den weitesten Kreisen als Narren, Phantasten und Utopisten abgetan werden, muss uns bei einiger Offenheit nicht wundern. Und auch die Generation vor uns wird wahrscheinlich kein anderes Urteil fällen. Aus diesem Grund ist unsere Stellung zu ihr schon in einer Weise bestimmt. Da wir mit ihr in unseren Gedankengängen in Widerspruch geraten, ist uns der geschichtliche Weg einer Nachfolge und Fortsetzung unmöglich geworden.

Die Grenze, die wir ziehen sollten, gilt vor allem den Richtungen, für die Verachtung der Natur, Zerschlagung aller uns als Sinnbilder gegebenen Formen, Zynismus und auswegloser Individualismus kennzeichnend sind.

Gegen die müssen wir eine scharfe Trennungslinie ziehen. Wir wollen gläubig die Natur und alle uns gegebene Formen sehen und sie aufschließen zu einem Hintergrund, dass sie zu leuchten beginnen als Gleichnis und Bild.»[2]

An einen gekreuzigten Verlierer zu glauben, heißt, für eine eher ungewöhnliche Wertskala einzutreten: für eine Gegenkultur mit utopischen Idealen.

Das Ideal, für das Jesus lebte und für das er gekreuzigt wurde, ist das «Reich Gottes», eine Weltordnung, die nicht auf Mächtigkeit, sondern auf Gerechtigkeit gründet. Wirklich daran zu glauben, heißt sich zu verpflichten, in unserer Gesellschaft gegen den Strom zu schwimmen.

Hast Du einmal Bilder von den Demonstrationen gesehen, die Dr. Martin Luther King in Selma, Alabama anstiftete, wo schwarze Bürgerrechtler vom Wasserstrahl aus Feuerwehrschläuchen niedergestoßen und von Polizeihunden angefallen wurden?

Hast Du selber einmal teilgenommen an einer öffentlichen Protestaktion für Menschenrechte oder für ein ähnliches Anliegen? Wann und wo (etwa bei den Abendnachrichten im Fernsehen) hast Du persönlich Christus unter Pontius Pilatus leiden gesehen?[3]

(Die Quellenangaben zum obigen Text in Anm. 1-3)

[Ergänzend:

1. Prophetischer Gehorsam

2. Das Vaterunser (2022): ‹Vater unser im Himmel›, 38f.:

«Wesentlich ist, mit sich und allen anderen im Frieden zu leben. Das heißt, bereit zu sein für alle Höhen und Tiefen des Lebens und sie als Impulse für unser Wachstum anzunehmen. Von ‹Leben in Fülle› spricht das Evangelium.

Je lebendiger wir werden, umso deutlicher erleben wir das.

‹Der ganze Weg zum Himmel ist Himmel›,

so lautet ein bekannter Ausspruch von Dorothy Day, die sich in den Slums von New York um die Ärmsten der Armen kümmerte. Ihre Freundschaft war eines der größten Geschenke meines Lebens. Wenn irgendjemand mit der Hölle auf Erden vertraut war, dann gewiss diese heiligmäßige Frau. Und ihr konnte man geradezu ansehen, dass sie zugleich auch jetzt schon im Himmel war.

Unsere Herzensbeziehungen zu Freunden und Verwandten machen die Erde zum Himmel. Das gilt nicht nur für unsere Beziehungen zu Menschen, sondern wohl auch für unsere Beziehungen zu Tieren. Sollte der Tod daran etwas ändern können? Schon jetzt erleben wir jede Beziehung in reiner Liebe als ‹Himmel auf Erden›. Und in dem Ausmaß, in dem unser Herz in Liebe mit dem Vater im Himmel verbunden ist, sind wir jetzt schon dort.»

3. Ich bin durch Dich so ich (2016): 8. Dialog, 1996-2006, 165f. und 168f.:

Johannes Kaup: «Noch einmal zurück zu den Vorbildern. Jesus haben Sie bereits genannt. Gibt es auch zeitgenössische Vorbilder?»

Bruder David: «Ja. Eine Frau, die ich sehr verehrt und bewundert habe, kommt mir sofort in den Sinn: Dorothy Day[4], die das «Catholic Worker Movement» gegründet hat.»

Johannes Kaup: «Das ist eine Organisation, die sich besonders um die Ausgegrenzten in der Gesellschaft kümmert.»

Bruder David: «Ja, diese Organisation ist auch heute noch ausserordentlich lebendig und erfolgreich. Sie ist entsprungen aus Dorothys Mitgefühl für die Armen und ihrer Einsicht, dass es so nicht weitergehen kann mit der Armut in den USA. Aus ihrer ursprünglichen Gründung zusammen mit Peter Maurin 1933 in New York entstanden dann weitere Gemeinschaften. So wie Mutter Teresa nahm Dorothy Day sich der Ärmsten der Armen an, aber sie ging darüber hinaus und hinterfragte eine Gesellschaftsordnung, die für solche Armut verantwortlich ist. Deswegen musste sie immer wieder ins Gefängnis. Der brasilianische Erzbischof Hélder Câmara kannte den Grund dafür. Er sagte:

‹Wenn ich den Armen zu essen gebe, nennt man mich einen Heiligen. Wenn ich frage, warum die Armen arm sind, nennt man mich einen Kommunisten›.

Auch die christlichen Basisgemeinden in Lateinamerika waren Gemeinschaften, die aufgrund ihres gemeinsamen Lesens der Frohbotschaft die Machtpyramide infrage gestellt haben. Solche Ansätze werden oft als kommunistisch verschrien und angeprangert.»

Johannes Kaup: «Zu Recht oder zu Unrecht?»

Bruder David: «Zu Recht im besten Sinn von kommunistisch, also gemeinschaftlich denkend, aber zu Unrecht im Sinne der politischen kommunistischen Internationale.»

Johannes Kaup: «Also der kommunistischen Parteiideologien?»

Bruder David: «Genau.» ‒

«Ich frage mich immer wieder: Ist da wirklich alles einfach zerstört worden? Wir schauen zurück und sehen, dass im Lauf der Geschichte immer wieder kleine Gruppen, die in unseren Geschichtsbüchern verteufelt werden ‒ weil Geschichte von den Machthabern geschrieben wird ‒, sich bemüht haben, das Ideal zu verwirklichen, die Macht der Liebe gegen die Liebe zur Macht durchzusetzen. Diese Versuche sind jedoch immer wieder vereitelt worden. Ich denke zum Beispiel an die Bauernaufstände, die sicher häufig in dieser Richtung gegangen sind.»

Johannes Kaup: «Das lässt sich auch in Bezug auf die Orden beobachten, beispielsweise die Franziskaner, die anfangs sehr revolutionär waren. Sie konnten nur überleben, weil es einen demütigen Papst gab.»

Bruder David: «In ihrer ursprünglichen Form haben die Franziskaner nicht überlebt. Schon in der zweiten Generation wurden sie zu etwas anderem. Die Ordensregel wurde umgeschrieben. Sogar die ursprünglichen Geschichten wurden zensiert und umgeschrieben. Da frage ich mich: War dann damit einfach alles aus?

Die einzige Antwort, die ich für mich persönlich darauf finde, sind Hölderlins Verse:

‹Die Linien des Lebens sind verschieden
Wie Wege sind, und wie der Berge Grenzen.
Was hier wir sind, kann dort ein Gott ergänzen
Mit Harmonien und ewigem Lohn und Frieden.›
[5]

Ich glaube an eine Vollendung aller positiven Bemühungen jenseits der Zeit. Dafür kann ich keine Beweise liefern, aber das Gute, das Schöne, das Wahre hat Bestand und unterliegt zu einem gewissen Grad nicht der Zeit. Alle Aufopferung, die wir dem Guten, Schönen und Wahren widmen, vor allem die Mühe, die wir dafür einsetzen, kann nicht verloren gehen. Mehr kann ich nicht sagen. Diese Überzeugung brauchen wir, sonst müssen wir verzagen.»

4. Am dritten Tag auferstanden von den Toten (2023):

Bruder David: «Da suche ich nach einem Vorbild, nach jemandem, der in unserer Zeit das ganze Gewicht seiner Persönlichkeit auf die Seite des machtlosen, verlachten Weltverbesserers warf, obwohl er ebenso gut in der Gesellschaft der (verächtlich lächelnden) Mächtigen ohne Mühe seinen Platz halten konnte. Dag Hammarskjöld fällt mir ein.»

5. Dankbarkeit ist Zusammenfassung des Christentums (2019): Pressebericht:

«‹Die großen Vorbilder der Furchtlosigkeit waren deshalb Revolutionäre, darunter viele der Ordensgründer wie Benedikt oder Franziskus. Sie hatten eine ganz andere, auf einem Vertrauensnetzwerk basierende Gesellschaft vor Augen, die somit im klaren Gegensatz steht zu unserer von Gewalttätigkeit, Rivalität und Habsucht geprägten›, erklärte Steindl-Rast. Gewalttätigkeit werde im Christentum durch Friedfertigkeit und Gewaltlosigkeit ersetzt, Rivalität durch Zusammenarbeit und Habsucht durch das Teilen.»

6. Brücken statt Mauern (Ostern 2017):

«Unzählige Menschen guten Willens suchen heute Jesus Christus, stoßen sich aber an kirchlichen Mauern. Wollen wir als Christen für das eintreten, wofür Jesus gekreuzigt wurde und wozu der Auferstandene uns aussendet? Wenn wir Zeugen werden für das Reich Gottes, dann bauen wir zugleich die einzig gangbare Brücke zur Zukunft unserer Kirche. Die Liturgie von Jesu Christi Tod und Auferstehung ruft uns wieder dazu auf.»

7. Audios

7.1. Das Leid des Lebens zu Herzen nehmen (1992); siehe auch Fließweg und Entscheidung
Eröffnungsvortrag:
(28:26) ‹Das ist unsere große Herausforderung::
‹Wir können im Leben entweder  m i t  der Maserung hobeln oder  g e g e n  die Maserung hobeln.

Wir können  m i t  dem Strich gehen oder  g e g e n  den Strich gehen ‒ und das heißt: den Strich des Lebens:
Wir können  m i t  dem Strom des Lebens schwimmen oder versuchen,  g e g e n  den Strom des Lebens zu schwimmen.
Aber da kommt dann das große Paradox herein, dass alle, die  m i t  dem Strom des Lebens schwimmen, gewöhnlich im Leben
g e g e n  den Strom schwimmen müssen.
Und darum schwimmen so wenige  m i t  dem Strom des Lebens.›

7.2. Das Leid des Lebens zu Herzen nehmen (1992)
Erstes Seminar mit Bruder David im Rittersaal des Schlosses Goldegg
Bruder David im Gespräch zur Frage:
(54:07) ‹Wenn wir die Christusnachfolge antreten, werden wir dann gekreuzigt werden, oder: Was muss dann gekreuzigt werden›?
‹Wenn wir so mit dem göttlichen Lebensstrom in uns schwimmen, dass wir gegen den Strom der Gesellschaft schwimmen, dann wird die Gesellschaft uns früher oder später kreuzigen.
Und das ist es auch, was wir an Jesus vorgezeichnet sehen und das ist, wofür wir uns entscheiden müssen.
Denn das ist ja gerade der Grund, warum wir es so schwer haben, wirklich mit diesem inneren Lebensstrom, diesem göttlichen Lebensstrom zu schwimmen. Das ist etwas Wunderschönes, ganz Begeisterndes. Aber wenn man in diese Konflikte kommt ‒ und früher oder später kostet es einem den Kragen ‒, dann ist das nicht so leicht.›
(57:20) [transkribiert in
Reich Gottes: Ergänzend 1.1.]
(59:34) ‹Bei sich selber beginnen ‒ die Kreuzigung nicht suchen, aber auch nicht scheuen ‒ eine Gesellschaftsordnung, die mit dem Strom geht, und eine, die gegen den Strom des Lebens geht: ‹Und wir ‒ jeder von uns, fürchte ich ‒, geht an einem Vormittag mehrmals hin und her zwischen diesen beiden. Das Reich Gottes ist unter uns: es ist eine Wirklichkeit, die unter uns beginnt ‒ in uns und um uns ‒ aber sie ist noch nicht ausgereift, weil wir uns nicht entschieden genug dahinterstellen.›]

 _____________________

[1] Ich bin durch Dich so ich (2016): 8. Kontemplation und Revolution, 1996-2006, 155f

[2] Franz Kuno Steindl-Rast: Die Kunst und die junge christliche Generation (1946)

[3] Credo (2015): ‹gekreuzigt›, 112 und ‹Gelitten unter Pontius Pilatus›, 107

[4] Die meisten Menschen würde ich als Schlafwandler bezeichnen (2017): Interview von Anne Voigt mit Bruder David:

«Die christliche Sozialistin und Journalistin Dorothy Day bewundern Sie sehr. 1906, als sie acht Jahre alt war, erlebte sie das starke Erdbeben in San Francisco mit. Damals schaute sie den Menschen auf der Straße zu, wie sie sich gegenseitig halfen und fragte sich: «Warum können wir nicht immer so leben?» Diese Frage lebte sie ihr ganzes Leben.»

Bruder David: «Ja, ganz tapfer.»

«Wie können wir es schaffen, immer so zu leben?»

[5] Friedrich Hölderlin: ‹An Zimmern›, in der Abschrift von Ernst Friedrich Zimmer; siehe auch Reich Gottes: Anm. 1



Quellenangaben

Text und Audios von Br. David Steindl-Rast OSB

kreuz b kraehmer titelCopyright © - Barbara Krähmer

Die heutige Bibelforschung ist von dem Ehrgeiz abgekommen, eine detaillierte Biographie von Jesus erstellen zu wollen. Die verfügbaren Daten reichen einfach nicht aus. Doch wir können etwas viel Wichtigeres erreichen. Wir können recht zuverlässig rekonstruieren, was für ein Mensch Jesus war. Es gibt heute ein sehr großes Interesse an der Person des vorchristlichen Jesus. Das Bild, das dabei zum Vorschein kommt, zeigt uns Jesus als einen Pionier des menschlichen Bewusstseins, und dies genau an der Grenze der Mystik.

Die von Jesus ausgehende Wirkung kann als eine neue Phase in der menschlichen «Gotteserforschung» verstanden werden.

Zudem stehen und fallen das Werk seines Lebens und seine Lehre mit der Mystik. Sie hängen beide an der «Erfahrung der gemeinschaftlichen Verbundenheit mit Gott» ‒ Jesu eigener Verbundenheit und der der Menschen, an die diese Botschaft gerichtet ist.

Wir können in dieses Thema einsteigen, indem wir zwei grundlegende Fragen über Jesus stellen, den vorchristlichen Jesus. Was lehrte er eigentlich? Und wie lehrte er?

Lassen Sie mich die beiden Antworten vorwegnehmen (die Gelehrten sind sich in diesen beiden Punkten praktisch einig). Der Kern der Botschaft Jesu ist die Verkündigung des Reiches Gottes, und seine charakteristische Lehrmethode besteht im Erzählen von Gleichnissen.

Wir müssen nun den Inhalt dieser beiden gedrängten Antworten auseinandernehmen, um festzustellen, welchen Weg Jesus bei der Überschreitung der Grenzen des Bewusstseins vorzeichnete und so anderen die Möglichkeit gab ihm zu folgen.

Im Markusevangelium, dem frühesten der vier Evangelien, finden wir eine Zusammenfassung der Lehre Jesu (1,15). Markus fasst sie in einem einzigen Vers zusammen, so dass man unzweifelhaft das Wesentliche erkennt:

«Jesus … kam … und predigte die frohe Botschaft Gottes. Er sprach: Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes hat sich genaht. Kehrt um und glaubt an die frohe Botschaft!»

«Die Zeit ist erfüllt»
das bedeutet «Jetzt.»

Wartet nicht auf etwas anderes, der Augenblick ist jetzt gekommen.

«Das Reich Gottes hat sich genaht»«Hat sich genaht» bedeutet

«Hier, an diesem Ort.»

Hier und Jetzt geben den Rahmen für die Verkündigung ab.

Jetzt ist der Zeitpunkt, hier ist der Ort.

Schaut nicht woanders hin, wartet nicht auf einen anderen Augenblick.

Und nun heißt es:

«Kehrt um und glaubt an die frohe Botschaft.»

Das Wort, das Markus für Umkehr verwendet, bedeutet eine grundlegende innere Wandlung. Es bedeutet eine völlige Umkehrung unserer gewohnten Denk- und Lebensweise.

Was bedeutet dann «Reich Gottes», das eine solche welterschütternde Reaktion rechtfertigt?

Die Antwort auf diese Frage führt uns geradewegs zurück in die Mystik und hilft uns zu verstehen, wie Jesus die Grenzen des Bewusstseins erweiterte.

Die Bibelwissenschaft ist sich heute weitgehend einig über die Bedeutung des Begriffs «Reich Gottes» in der Botschaft von Jesus. «Reich Gottes» bedeutet nicht einen Ort oder ein Reich wie etwa das britische Weltreich. Es bedeutet auch nicht eine Gemeinschaft ‒ die Gemeinschaft all derer, für die Christus der König ist. Und es bedeutet auch nicht die Herrschaft oder Macht Gottes in einem abstrakten Sinn.

Im Gegenteil, der Begriff «Reich Gottes» bezieht sich auf die unmittelbar erfahrbare Realität.

«Reich Gottes» bedeutet für Jesus Gottes manifest gewordene erlösende Kraft.

Wenn wir den Begriff «Reich Gottes» in der Botschaft Jesu als «Gottes manifest gewordene erlösende Kraft» auffassen, dann können wir sofort erkennen, wie relevant er für unser Thema christliche Mystik ist.

Wann erfahren wir ‒ in unserem eigenen Erleben ‒ Gottes «Macht» oder «erlösende Kraft»?

Verstehen wir diese Begriffe richtig, dann muss die Antwort lauten: in unseren lebendigen Augenblicken, in jenen mystischen Augenblicken, über die wir bereits gesprochen haben.

Wie können wir Begriffe wie «Gottes Macht» oder «Erlösung» mit unserer heutigen Zeit in Verbindung bringen?

Wir könnten es vorziehen, den Begriff Gott zu vermeiden. Führt man diesen Begriff ein, so stiftet man heute vielfach Verwirrung. Auf der anderen Seite aber verwenden wir hier Begriffe der christlichen Tradition, der jüdischen Tradition. Deswegen müssen wir auch versuchen, die Terminologie dieser Tradition zu verstehen.

Wann machen wir heute Erfahrungen, die denen der erlösenden Kraft Gottes gleichkämen?

Ich meine, wir machen sie in jenen Augenblicken, in denen wir von Empfindungen der Lebendigkeit überwältigt werden. Denken Sie an die Beispiele von Eugene O'Neill[1] und Mary Austin[2], die ich Ihnen vorgelesen habe. In ihnen werden Augenblicke beschrieben, in denen Menschen von etwas übermannt wurden, das stärker war als sie.

Und auch wir wissen, wenn wir uns an ähnliche Augenblicke erinnern, dass wir über die Grenzen unseres normalen Bewusstseins durch eine Kraft, eine erlösende Kraft hinausgetragen wurden.

Führen Sie es sich wieder vor Augen. Es ist das Gefühl, aus einem Käfig herausgelassen zu werden. Eine über uns stehende Macht befreit uns, rettet uns vor dem Ertrinken.

In unseren mystischen Erlebnissen werden wir plötzlich von der Entfremdung erlöst. Wir sind zu Hause, wir sind keine Waisenkinder, keine Ausgestoßenen. Wir gehören zum Ganzen dazu. So erfahren wir in unseren größten Augenblicken das «Reich Gottes».

Wir gehen aufrechter, sobald wir diese Erfahrung gemacht haben. Wir sind in einem viel wahreren Sinn wir selbst, sobald diese erlösende Kraft in unserer Erfahrung manifest geworden ist. Das allein ist schon eine Bekehrung, eine Wandlung, eine neue Denkweise, durch die das bisherige Denken auf den Kopf gestellt wird. Die meiste Zeit leben wir, als ob wir entfremdet wären, aber nun wissen wir, dass wir dazugehören.

Diese Manifestation erlösender Kraft verlangt nach weiterer Bekehrung.

Wenn wir in jedem Augenblick unseres Alltagslebens das ausleben könnten, was wir erfahren, wessen wir uns in unseren mystischen Augenblicken bewusstwerden, dann wäre dies Bekehrung. Das Leben, das aus einer solchen Kraft heraus gelebt wird, würde die Welt vollkommen verändern.

Auf der Grundlage dieser Erfahrung können Sie Jesus als Person verstehen. Er hat eine enge Verbindung mit Gott erfahren, ihm wurde Gottes erlösende Kraft zuteil.

Sie können jetzt verstehen, wie er umherzieht und jedem erzählt:

«Habt ihr das nicht erfahren? Dieses Reich Gottes, diese Offenbarung von Gottes erlösender Kraft, ist hier und jetzt Wirklichkeit. Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Vertraut auf dieses Bewusstsein, das ist alles, was ihr zu tun braucht. Vor allen Dingen aber lebt danach, das ist Bekehrung.»

Diese frohe Botschaft ist aber zu froh, um wahr zu sein. Aus diesem Grund leben wir nicht in ihrem Sinn. Wir leben auch nicht im Sinn unserer größten Erfahrungen. Wir machen sie ‒ und eine Stunde später haben wir diese Empfindung der Lebendigkeit beinahe wieder vergessen. Wir unterdrücken sie wieder, zweifeln sie an. Vielleicht war sie nur Illusion. Unser mystisches Erlebnis kann einfach nicht wahr sein. Wir verdrängen es. Jesus aber sagt:

«Vergesst es nicht. Es ist Wirklichkeit. Lebt danach!»

Diese Botschaft kehrt im ganzen Neuen Testament in vielen Formen immer wieder. Aus diesem Grund spricht Jesus auch in Gleichnissen.

[Mystik an der Grenze der Bewusstseinsrevolution (1988), 184-186]

[Ergänzend:

1. Audios

1.1. TAO der Hoffnung (1994)
Den Frieden hinterfragen
Vortrag:
(25:35) ‹Jesus verlegt die Autorität Gottes in die Herzen seiner Hörer. Das ist das völlig Neue. Er kommt nicht wie ein Prophet, der sagt: ‹So spricht Gott der Herr› und Gottes Autorität steht hinter ihm ‒ auch so, aber nicht hauptsächlich. Er kommt nicht als ein großer Charismatiker, der sagt: ‹Ich habe alle Autorität in mir ‒ auch das zu einem gewissen Grade ‒ er strahlt Autorität aus, aber dort liegt nicht die Betonung. Die Betonung liegt ‒ wie man zum Beispiel aus seiner Lehrmethode zeigen kann, er lehrt in Gleichnissen: ‹Ihr wisst das doch schon›. ‒ ‹Wer von euch weiß das nicht schon›: so beginnen die Gleichnisse. Er nimmt an, dass jeder von seinen Zuhörern ‒ jeder ‒, nicht nur die Gelehrten ‒ er hat gar nicht so viele Gelehrte unter seinen Zuhörern ‒, das sind die Leute von der Straße, die Armen, die Ausgestoßenen sehr weitgehend, die Frauen, die Kinder, die völlig unberechtigt waren, ganze Berufsklassen, die rechtlos waren, die Kranken, die als Sünder angesehen wurden, denn warum wären sie sonst krank? ‒, alle die spricht er an und sagt zu ihnen: ‹Ihr wisst doch, worum es geht›!
‹Wer von euch weiß nicht, wie es geht, wenn man Saat aussät›? ‹Wer von euch weiß nicht, wie es geht, wenn man fischt›? ‒
‹Ah, das wisst ihr also ‒, dann wisst ihr auch alles, was nötig ist, um Gott zu verstehen von innen her›.
‹Wer von euch weiß nicht, wie Eltern ihre Kinder behandeln› (wenn sie’s richtig tun)? Und die Antwort ist: ‹Wir wissen das alle›! ‒ ‹Aha, ihr nennt doch Gott ‹Vater› ‒ wisst ihr dann nicht, wie Gott euch behandelt›? ‒ ‹Glaubt ihr wirklich an einen strengen Richter, wenn ihr Gott ‹Vater› nennt›: all dieses beinhaltet: Jesus verlegt die Autorität in die Herzen seiner Hörer.
Und das führt jetzt zu dieser Welle des Aufschwungs der Heilungen, der Sündenvergebung ‒ nicht dass Jesus herumgeht und sagt: ‹Ich vergebe dir deine Sünden›, kein einziges Mal ist das in der Bibel so beschrieben, er sagt nur: ‹Deine Sünden sind dir vergeben ‒ weißt du denn das nicht›? ‒ Sünde im Sinn von Trennung: ‹Was dich von Gott trennt, ist dir vergeben, bevor du es überhaupt je verursacht hast: So lieben dich Eltern: die Eltern halten das nicht gegen dich, der Vater, die Mutter hält das nicht gegen dich›!
Heilung: ‹Weißt du nicht? Dein Glaube hat dich geheilt›, nicht ‹Hokuspokus, jetzt bist du geheilt›. Und es heißt auch ausdrücklich: ‹In Nazareth, in seiner Heimatstadt zum Beispiel konnte er nicht viele Wunder wirken, weil der Glaube gefehlt hat› (Mt 13,58).
Das war also nicht seine Kraft, sondern der Glaube, den er geweckt hat Er hat sie auf ihre Füße gestellt. Immer wieder das Wunder: ‹Steh auf, du kannst auf deinen eigenen Füßen stehen› ‒und das ist wieder das erste Wunder, das die Apostel nach dem Tod und der Auferstehung Jesu wirken (Apg 3,6) ‒: ‹Steh auf! Im Namen Jesu, steh auf deinen eigenen Füßen›!
Das auf ‹seinen eigenen Füßen›, das ist die Autorität. So ermächtigt Jesus seine Hörer. Er verlegt die göttliche Autorität in ihr Herz und ermächtigt sie. Und das bringt ihn in Schwierigkeiten mit den Autoritäten.›

1.2. Audio Das Leid des Lebens zu Herzen nehmen (1992)
Erstes Seminar mit Bruder David im Rittersaal des Schlosses Goldegg:
(48:20) Die Kernaussagen des Johannesevangeliums drücken in theologischer Sprache und in anderer Perspektive dasselbe aus wie die Gleichnisse Jesu: ‹Die göttliche Autorität ist in dir›! Jesus setzt voraus, dass die göttliche Autorität in jedem seiner Zuhörer spricht, selbst in den Ausgestoßenen, selbst in den Sündern, in jedem Menschen.
‹Und das war nichts Neues, das war nur ein Durchbruch des Ältesten, so wie immer das Neuste der Durchbruch des Ältesten ist, auch heute›, denn schon in der ersten Seite der Bibel, im Schöpfungsmythos steht, dass wir Menschen ‒ Adam, der Mensch ‒ wir alle ‒ lebendig sind mit Gottes eigenem
Lebensatem: Wir leben mit Gottes eigenem Leben.›
Und Johannes, von dem man, wenn man das Johannesevangelium oberflächlich liest, den Eindruck bekommen könnte, dass er Jesus auf ein Postament hinaufstellt, das zu hoch für uns ist, und eine Kluft aufreißt zwischen uns und Jesus: Gerade Johannes sagt an der zentralen Stelle im Prolog: ‹Und allen jenen, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden› (Joh 1,12), das heißt, genau das zu werden, was er nach dem Johannesevangelium ist: Sohn Gottes.

2. Weitere Texte

2.1. Credo (2023): ‹… und an Jesus Christus, SEINEN EINGEBORENEN SOHN›, 72-74:

«Die ganze Frohbotschaft Jesu ist samenhaft in dem einen Wort ‹Abba› enthalten, mit dem er Gott aus seiner mystischen Erfahrung heraus ‹Vater› nennt.

Alles, was er in Leben und Lehre vertritt, entspringt dieser innigen Beziehung zu Gott als ‹Vater›. Darum drückt auch ‹Sohn Gottes› besser als jeder andere Titel sein Verhältnis zu Gott aus ‒ und nicht nur zu Gott, sondern auch zu uns. Jesus Christus ist in diesem Sinn ‹der Erstgeborene von vielen Geschwistern› (Röm 8,29). Von Jesu innigem Verhältnis mit Gott her werden drei entscheidende Begriffe verständlich, die der christlichen Tradition ihr besonderes Gepräge geben: Frohbotschaft, Reich Gottes und Erlösung.

‒ Die Frohbotschaft fasst einfach das Gottesverständnis Jesu zusammen. Johannes spricht dies so aus: ‹Gott ist Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm› (1 Joh 4,16). Weil aber Liebe das gelebte ‹Ja› zur Zugehörigkeit ist, hat das Bleiben in der Liebe umwälzende Folgen für alle Lebensbereiche. Eine Welt, in der wir alle ‹Ja› sagen zu gegenseitiger Wertschätzung und Verantwortung, muss anders aussehen als die Welt, die wir kennen. Liebe wird so zur Triebkraft für die gewaltfreie Revolution, die Jesus angestoßen hat und die das Reich Gottes zum Ziel hat.

‹Ich bin gekommen, Feuer auf die Erde zu werfen, und wie wünsche ich, es würde schon brennen› (Lk 12,49).

‒ Das Reich Gottes ist die Welt, insofern sie ‹in der Liebe bleibt›. In Anlehnung an den Dichter Gary Snyder[3] können wir vom ‹Gotteshaushalt› sprechen, weil Haushalt uns vielleicht vertrauenserweckender klingt als Reich. Der Dichter spricht vom Erdhaushalt (‹Earth Household›), aber für Tiere, Pflanzen und die ganze unbelebte Natur ist der Erdhaushalt ja zugleich Gottes Haushalt, weil sie völlig eingebettet leben in die Ordnung und den Frieden einer allumfassenden ‹Familie›. Nur wir Menschen schließen uns aus, wie der verlorene Sohn im Gleichnis Jesu; wir gehen von zuhause fort in die Fremde, die Entfremdung. Hier beginnt alles Elend der Welt. Wo immer aber Liebe herrscht statt Macht, da wird auch unter uns Menschen der Erdhaushalt zum Gotteshaushalt.

Erlösung ist Rückkehr aus der Entfremdung von uns selbst, aus der Entfremdung von Anderen und schließlich aus der Entfremdung von Gott. Sobald wir einsehen, dass wir ja nie aus Gottes Liebe herausfallen können, kommen wir ‹zu uns selbst›, wie der verlorene Sohn (Lk 15,17) ‒ zu unserem wahren Selbst ‒ das daheim ist im Haushalt Gottes als innig geliebtes Familienmitglied. Dann tanzt der Vater beim Freudenfest, das er dem einst verirrten Sohn bereitet hat. Im Johannesevangelium sagt Jesus:

‹Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben› (Joh 10,10).»

2.2. Wir leben vom ureigensten Leben Gottes (1972): Auszug aus dem Vortrag Jesus als Wort Gottes, abgedruckt in: Die Frage nach Jesus (1973), 61f.:

«Jesus kommt nun als der Menschensohn, als der Mensch, und sagt: Ihr seid gerettet. Weil einer es geschafft hat, seid ihr alle gerettet. Er kommt nicht, um uns zu sagen, was wir tun müssen, damit wir gerettet werden. Das wäre keine Frohe Botschaft. Es kamen ja schon viele, die uns sagten, was wir tun müssten, um gerettet zu werden, und wir konnten es doch nicht tun.

Das Neue, das mit Christus anbricht, fasst Markus (1,15) ganz klar zusammen: ‹Die Zeit ist erfüllt› (jetzt), ‹Das Reich Gottes ist herbeigekommen› (hier). Ihr seid also erlöst. ‹Tut Buße und glaubt die Botschaft›

Nun hängt alles daran, was wir darunter verstehen: ‹Tut Buße›! ‒ Es gibt eine weltliche Auffassung von Buße, und es gibt eine christliche Auffassung.

Buße tun heißt umdenken. Dass wir das mit ‹Buße tun› übersetzen, ist etwas gefährlich, etwas zu weltlich. Die weltliche Auffassung von Buße ist alt: Wir haben etwas falsch gemacht, und wir müssen es jetzt so schnell wie möglich gutmachen. Das Beste, was dabei herausschauen kann, ist Flickwerk, und auch das gelingt uns selten, wie wir wissen.

Das Neue ist: Gott hat es getan! Es ist bereits geschehen. Wir sind erlöst. Wir müssen nur umdenken, neu denken. Es heißt nicht: Tut zuerst Buße, und glaubt danach! Sondern: Tut Buße, indem ihr umdenkt und glaubt, was zu gut scheint, um wahr zu sein.

Die ganze Polemik zwischen Gesetz und Gnade steckt in diesem einen kleinen Satz: Denkt um und glaubt!

Glauben  i s t  umdenken.

Verlasst euch nicht darauf, was ihr als Buße tun könnt, um alles wieder zusammenzuflicken; das ist alles noch weltlich. Denkt wirklich um; glaubt, vertraut, verlasst euch auf die Frohe Botschaft: Einer ist gekommen, der es geschafft hat, der das geworden ist, was der Mensch sein sollte: Gottes Sohn. Es ist endlich Wirklichkeit geworden, und wir können alle daran teilnehmen durch unser gläubiges Leben.»]

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[1] Mystik an der Grenze der Bewusstseinsrevolution (1988), 170: Eugene O’Neill: ‹Eines langen Tages Reise in die Nacht› (1956), siehe Mystische Erfahrung

[2] Mystik an der Grenze der Bewusstseinsrevolution (1988), 175f.: Mary Austin: ‹Earth Horizon ‒ An Autobiography› (1932), siehe Gott

[3] Erdhaushalt, in: Das ABC der Schlüsselworte, im Buch: Orientierung finden (2021), 134f.:

«Erdhaushalt ist ein Ausdruck, den der Dichter und Umweltaktivist Gary Snyder (geb. 1930) geprägt hat. Dieses Wort veranschaulicht, dass unsre Umwelt zugleich Mitwelt ist, der wir uns verwandt fühlen dürfen und von der wir ernährt werden. Statt Umwelt Erdhaushalt zu denken und zu sagen, verändert ganz von selbst unsre Haltung, was zugleich zeigt, welche Wirkkraft Worte besitzen.»



Quellenangaben

Text und Audios von Br. David Steindl-Rast OSB

kreuz b kraehmer titelCopyright © - Barbara Krähmer

Johannes Kaup: «Was das Revolutionäre betrifft: In welcher spirituellen Tradition sehen Sie sich da selbst? Welche Vorbilder haben Sie vor Augen?»

Bruder David: «Mein Vorbild ist vor allen anderen Jesus Christus als Revolutionär. Er war es in seiner Zeit und wurde auch als solcher anerkannt, denn die Kreuzesstrafe war nicht für religiöse Vergehen vorgesehen. Dafür wurde man mit Steinigung bestraft. Kreuzigung war ausdrücklich eine politische Strafe ‒ für davongelaufene Sklaven und Revolutionäre, Vergehen also, durch die der sogenannte Verbrecher die bestehende Gesellschaftsordnung unterminiert hat. Das hat Jesus durch seine Predigt vom Reich Gottes getan. Wenn er sagt:

‹Bei euch soll der Größte der Diener von allen sein›, dann unterminiert er die Machtpyramide  seiner Zeit ‒ und auch unserer Zeit. Ist das nicht entschieden revolutionär?»[1]

Was aber machte ihn politisch so gefährlich? Es war seine radikale Spiritualität seine beständige Bemühung, sich auf Gott einzustellen und sich an Gott auszurichten statt an den Normen der Gesellschaft. In diesem Sinne war Jesus ein Aufrührer. Gerechtigkeit im Sozialleben war ihm ebenso wichtig wie Integrität im Privatleben.

Was er «Reich Gottes» nannte, stand in radikalem Widerspruch zur vorherrschenden Gesellschaftsordnung, in der die wenigen Privilegierten (gemeinsam mit der römischen Besatzungsmacht) die Masse unterdrückten und ausbeuteten.

Er verkehrte «in schlechter Gesellschaft»[2], teilte sein Brot gerne mit Leuten von der Straße, verbrüderte sich mit Ausgestoßenen, ja, er berührte sogar Aussätzige liebend und heilend.

Sein Blick drang durch jede soziale Maske und schaute direkt auf das strahlende Selbst jedes Menschen.

Dadurch gab er den Entmachteten ein Gefühl der Würde.

Den Mächtigen aber schien es, als ob er ihnen etwas an Unterwürfigkeit schuldig bliebe.

Gebeugte konnten sich in seiner Gegenwart plötzlich wieder aufrichten, Verunsicherte konnten aufrecht stehen.

Darum so viele Heilungen Lahmer, darum aber auch die Anklage, er sei ein Demagoge, er wiegle das Volk auf (Lk 23,5).

In dieser Hinsicht stand Jesus in der Tradition der Propheten in der Geschichte seines Volkes. Deren radikale Spiritualität war zu ihrer Zeit auch in Konflikt geraten mit einer Form von Religiosität, die, einfallslos, den Status quo um jeden Preis bewahren will und für die man als Preis das eigene Denken aufgeben muss.

Jesus hingegen betonte, dass ein wacher Verstand unbedingt zu unserer Gottesbeziehung gehöre.

Nach Markus zitiert Jesus das erste und wichtigste Gebot aus dem 5. Buch Mose, wo es heißt: «Gott lieben mit deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele und mit deiner ganzen Kraft» (Dtn 6,5).

Jesus fügt aber noch hinzu: «und mit deinem ganzen Verstand» (Mk 12,29).

Der Verstand ist zwar im hebräischen Begriff der Seele schon enthalten, hier hebt Jesus ihn aber noch ausdrücklich hervor.

Gemeint ist nicht ein besonderes intellektuelles Vermögen, sondern der gesunde Menschenverstand. Jesus ermächtigte seine Zuhörer dazu, sich mittels des ihnen von Gott geschenkten Verstandes selber ein Urteil zu bilden. Das können wir aus jenen Schichten der Evangelien herauslesen, die nach Sicht der Wissenschaft der ursprünglichen Lehre Jesu am nächsten kommen, nämlich den Gleichnisse Jesu.[3]

«Gelitten unter Pontius Pilatus»

Weil Jesus für Gottes Weltordnung eintrat, musste er notwendigerweise mit einer Weltordnung zusammenstoßen, die sich nicht an Liebe ausrichtet, sondern an Macht, die also im vollen Sinn des Wortes ver-rückt ist. In der Welt der Machtpolitik ist er dann der Unterlegene. Wenn er sich auflehnt, muss er mit Folgen rechnen.

Den römischen Statthalter Pontius Pilatus im Glaubensbekenntnis zu erwähnen heißt: Ich kenne die Mächtigen bei Namen, ich kenne ihre Taktiken und das Leid, das sie der Welt und mir selber antun können. Trotzdem setze ich Vertrauen auf Jesus Christus, den Verlierer in dieser Welt. Gerade weil ich die weltliche Macht von Neid, Geiz und Hass in mir selber kenne, will ich mich immer wieder ‒ im Vertrauen auf Gott ‒ für die Weltordnung der Liebe entschließen und einsetzen.

Der Zusammenstoß zwischen Christus und Pilatus wird uns bewusst, wenn wir uns die Diskrepanz zwischen unseren spirituellen Werten und der Wertordnung unseres täglichen Lebens eingestehen.

In Augenblicken, in denen wir wirklich wir selbst sind (in unseren Gipfelerlebnissen), wird uns das Wahre Schöne und Gute zur unleugbaren Erfahrung.

Aber wie schwer fällt es uns doch, um dieser Werte willen in unserer Gesellschaft gegen den Strom zu schwimmen.

Was in unserem Alltag gilt, wird meist doch weitgehend vom gerade vorherrschenden Pontius Pilatus diktiert.

Wir haben unzählige Gelegenheiten für Menschenwürde und Gerechtigkeit einzustehen und wenn wir das wagen, wird uns sehr bald durch eigenes Leiden bewusst gemacht, was es heißt, dass Jesus gelitten hat unter Pontius Pilatus. Auch in unserer Zeit bewahrheitet sich die neutestamentliche Behauptung:

«Alle die in Jesus Christus nach Gottes Ordnung leben wollen, werden Verfolgung leiden» (2 Tim 3,12):

Dietrich Bonhoeffer, Edith Stein, Franz Jägerstätter, die Blutzeugen und Desaparecidos in Lateinamerika, Maximilian Kolbe und unzählige Andere anderswo, sie alle sind jener Macht zum Opfer gefallen, die im Credo durch Pontius Pilatus verkörpert wird.

Transzendente Wirklichkeit wird hier geschichtlich verankert. Für uns, nicht weniger als für Jesus, ist Geschichte bedeutsam. Sie ist der Schauplatz, auf dem sich unsere Überzeugungen bewähren müssen.

Sich zu Jesus Christus zu bekennen, obwohl er unter Pontius Pilatus gelitten hat, setzt gläubiges Vertrauen voraus, dass die Schwachheit Gottes stärker ist als menschliche Macht (1 Kor 1,25).

Dass Jesus unter Pontius Pilatus leiden musste, ist wichtig, weil es uns zeigt, was Jesus seine Überzeugung kostete und was seine Nachfolge uns kosten kann.

Unzählige Blutzeugen ‒ gefeierte und längst vergessene ‒ haben im Laufe der Geschichte «gelitten unter Pontius Pilatus», und leiden immer noch irgendwo in der Welt an diesem heutigen Tag. In ihrer Niederlage aber erweisen sie sich stärker als ihre Henker.

Was wir hier vom Leiden Jesu Christi bekennen, hat also eine Wichtigkeit die weit über den Wortlaut hinausgeht, weil es zur Kraftquelle werden kann für alle, die verbunden mit Jesus Christus, spirituelle Werte den Machtsystemen der Welt entgegenstellen, für alle, die im Einsatz für eine heilige und geheilte Welt leiden.[4]

In der Wallfahrtskirche ‹Maria Schmerzen› in Wien, unserer Pfarrkirche in meiner Jugend, steht ein viel verehrtes Schnitzbild der Schmerzensmutter. Jedes Jahr am Freitag vor dem Karfreitag kamen tausende Menschen dorthin, um zu beten. Auch 1944 zog ein endloser Strom von Frauen in Schwarz zwischen den Weingärten den Kaasgraben hinauf zur Kirche. Sie trauerten um ihre gefallenen Männer, Brüder, Söhne oder Enkelsöhne, die als Kanonenfutter in Hitlers Armee gezwungen worden waren. Nur wenige von ihnen wussten, dass drei Tage vorher in einer Nachbarpfarrei ein junger Priester von der Gestapo verhaftet und des Hochverrats angeklagt worden war, weil er im Namen seines Herrn Jesus Christus gegen dieses sinnlose Hinschlachten von Millionen klar Stellung genommen hatte.

Dieser Priester hieß Heinrich Maier. Er war einer der Kapläne, die wir Studenten liebten, weil sie mit der Jugend umzugehen wussten. Während er an jenem Morgen die Messe feierte, kamen drei Männer in die Kirche gestampft und nahmen mit verschränkten Armen und gespreizten Beinen vor dem Altar Stellung. Diese Drohgebärde war alles, was die Mitfeiernden zu sehen bekamen. Kaum hatte der Priester den Altar verlassen, wurde er noch in seinem Messgewand in der Sakristei festgenommen und abgeführt.

Lisi Irdinger, die geistesgegenwärtige und mutige Pfarrhelferin verschwand schnell in Pater Maiers Zimmer, packte seine Schriftstücke und Unterlagen zusammen und brachte sie ins Zimmer von Pater Robert Firneis, eines Kaplans, der in die Armee eingezogen worden war und dessen Zimmer folglich nicht von der Gestapo durchstöbert werden durfte.

Spitzel hatten allerdings schon alles verraten, was man wissen wollte: Dieser hochintelligente und zweifach promovierte junge Kleriker war gefährlich für das Dritte Reich. Alle in der Pfarrei hatten ihn gern; schon das war verdächtig. Er hatte eine Gruppe der österreichischen Widerstandsbewegung gegründet, hatte sich mit ähnlichen Gruppen in Deutschland in Verbindung gesetzt, besonders mit Mitgliedern katholischer Gewerkschaften, und war sogar mit dem Geheimdienst der Alliierten in Kontakt. Er hatte versucht, das wahllose Bombardieren der Zivilbevölkerung zu bremsen, indem er half, alliierte Luftangriffe auf Waffenfabriken zu lenken. All das genügte, ihn des Hochverrates anzuklagen. Das Todesurteil lautete: Enthauptung.

Am Schmerzensfreitag des nächsten Jahres kamen nur noch eine Handvoll Trost suchender Frauen zur Wallfahrtskirche. Bombenangriffe bei Tag und Nacht hatten ganze Stadtteile Wiens in Trümmerfelder verwandelt. Die russische Befreiungsarmee rückte von Ungarn her täglich näher und das Ende von Hitlers «Tausendjährigem Reich» war in Sicht. Wir ahnten nicht, was die russischen «Befreier» in Wien anrichten würden. Vielleicht stand uns das Ärgste noch bevor. «Besser ein Ende mit Schrecken als Schrecken ohne Ende», sagten wir damals. Die Schreckensherrschaft war jedoch am Zusammenbrechen. Erst später erfuhren wir es: Pater Heinrich Maier war am Tag vorher hingerichtet worden.

Wenn ich jetzt an ihn denke, so vermischt sich das, was ich aus eigener Erinnerung weiß, mit dem, was mir erzählt wurde. Nackt war er im Gefängnis ans Fenstergitter gefesselt und gefoltert worden. Selbst unter Folterqualen hatte er keinen Namen eines Mitverschwörers verraten. Einer seiner Richter hatte ihn zynisch gefragt: «Sie nehmen alle Schuld auf sich, was bekommen Sie denn dafür?» «Von nun an werde ich sehr wenig brauchen», war die Antwort.

Ich weiß aber auch, dass manche sagten: «Waghalsig war er; da ist's ihm halt an den Kragen gegangen. Was hat er denn sonst erwartet?»

Ich weiß aber auch, dass wir junge Menschen damals von Helden wie Heinrich Maier lernten, was es heißt, Jesus Christus als «Unseren Herrn» zu bekennen.

Mit lauter Stimme hatte er das getan ‒ so berichteten seine Mitgefangenen. Wenige Augenblicke, bevor er für immer schweigen musste.[5]

(Die Quellenangaben zum obigen Text in Anm. 1, 3-5)

[Ergänzend:

1. Credo (2015): ‹Am dritten Tage auferstanden von den Toten›, 150:

«Von den religiösen Autoritäten seines Volkes verdammt und ausgestoßen zu werden, hieß für einen Juden zur Zeit Jesu, auch von Gott verstoßen zu sein.[6] Seine Hinrichtung schien dies zu bestätigen ‒ ‹Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen›? (Mk 15,34) ‒, aber seine Auferweckung zeigte den Jüngern: Gott hatte ihn doch nicht verlassen. Das ist und bleibt der zentrale Aspekt des Auferstehungsglaubens.»

2. Arbeit und Schweigen, Beitrag von Bruder David im Buch Geist und Natur (1989), 298:

«‹Kein Prophet kann außerhalb Jerusalems sterben› (Lk 13,33),

sagt Jesus, das heißt, er muss dort sein, wo es ums Wesentliche geht.

So müssen auch wir mitten drinstehen.

Dieses Drinstehen in einer Gemeinschaft ist so schwierig, dass man glauben sollte, es genüge schon. Drinnen zu bleiben, ohne sich bemerkbar zu machen, ist schwer genug.

Darin, dass beides von uns verlangt wird, in der Gemeinschaft zu stehen und sie zugleich herausfordern, da liegt das Kreuz des Propheten.

Das Drinnenstehen ist der senkrechte Balken und das Herausfordern ist der horizontale Balken.

So endet jeder Prophet früher oder später am Kreuz. Versuchen Sie nur einmal bei irgendeiner Gelegenheit, wirklich aus dem tiefsten inneren Horchen, aus dem Herzen zu sprechen, besonders dann, wenn sich das, was Sie sagen wollen, mit der vorherrschenden Meinung nicht ganz verträgt. Sie werden auf die eine oder die andere Weise gekreuzigt werden.»

3. Audios

3.1. Audio So leben wir und nehmen immer Abschied (2009)
Vortrag:
(07:58) ‹Denn zur Zeit Jesu war etwas, was für uns schon eigentlich verständlich ist, völlig unentdeckt. Und das war die Möglichkeit, dass ein Mensch mit Gott in guter Beziehung sein kann, ohne mit seinem Volk in guter Beziehung zu sein.[7] Die Beziehung eines Juden zur Zeit Jesu zu Gott, war die Beziehung eines Juden als  M i t g l i e d  des Volkes zu Gott. Aber dass jemand, von der Priesterschaft des Volkes ausgestoßen, doch eine gute Beziehung zu Gott haben könnte, dafür war Jesus ‹der Pionier des Glaubens›, wie ihn der Hebräerbrief nennt.[8] Das war etwas ganz Unerhörtes. Und so war es der Abschied von dem vertrauten Gottesbild. Das ist vielleicht der schmerzlichste Abschied. Aber Jesus als der Pionier der Gläubigkeit geht mit Vertrauen durch dieses ‹Mein Gott, warum hast du mich verlassen›[9] hin auf das ‹In deine Hände empfehle ich meinen Geist›[10]: den unbekannten Gott.›

3.2. Retreat-Woche in Assisi (1989)
Wesen und Erscheinungsform der Kirche oder die Gemeinschaft der Glaubenden in Spannungen und Konflikten:
(34:30) ‹Jesus stirbt außerhalb von Jerusalem
Jesus geht nach Jerusalem und er sagt:
‹Kein Prophet kann außerhalb von Jerusalem sterben.›
Er muss nach Jerusalem gehen.
Aber er stirbt außerhalb von Jerusalem, weil sie ihn hinausschmeißen.
Er geht ausdrücklich nach Jerusalem, um in der Mitte zu sein. Aber man exkommuniziert ihn.
Das war für mich historisch ganz sicher die Schwelle, über die Jesus hinausgegangen ist bei der Kreuzigung:
Das war der Augenblick, wo er aus Jerusalem ausgestoßen wurde.
Das berührt mich noch jetzt sehr stark, wenn ich daran denke.
Dieser Stein, da ist er drüber gegangen, in dem Augenblick, wo er wirklich ausgestoßen wurde.
Und für einen Juden aus der Gemeinschaft ausgestoßen zu sein in dieser Weise, ist völlig anders, als es für uns wäre.
Für eine Johanna von Orleans ist es schon irgendwie möglich ‒ auch furchtbar schwierig ‒, aber irgendwie möglich, noch Christus treu zu sein und mit Gott verbunden zu sein, und von der Kirche ausgestoßen.
Das ist erst in unserem christlichen Bereich möglich ‒ denkbar.
Für einen Juden zur Zeit Jesu, also für Jesus ist es absolut undenkbar, mit Gott in Verbindung zu bleiben und vom Volk ausgestoßen zu sein, das ist einfach undenkbar.
Daher ist das vielleicht einer der ganz entscheidenden Durchbrüche ‒ menschlich gesprochen im Leben Jesu ‒ möglicherweise, man weiß es gar nicht, historisch lässt es sich nicht fassen ‒, aber möglicherweise hat Jesus sich irgendwie durchgerungen zu der Einsicht: Ja, ich bleibe doch mit Gott verbunden, obwohl das auserwählte Volk mich ausstößt, ‒ möglich ‒ wir wissen es nicht.
Andererseits der Schrei: ‹Mein Gott, warum hast du mich verlassen› könnte darauf hindeuten, dass er sich völlig ausgestoßen gefühlt hat, also bis zum Letzten: sich nicht mehr mit Gott verbunden wissen konnte, weil das einfach nicht in seinen Vorstellungskreis hineinpasst, dass man Gott verbunden sein kann und vom Volk ausgeschlossen.
Und vielleicht hängt das auch wieder mit der Einsicht zusammen, die zur Auferstehung gehört, dass er also doch von Gott anerkannt ist, trotzdem er ausgestoßen war. Wir wissen nicht sehr viel. Wir ringen da nur darum.«
(Zuhörer:) ‹Das hat aber bedeutende Konsequenzen!›
(Bruder David:) ‹Das hat auch für Jesus bedeutende Konsequenzen gehabt: ‹Haben sie mich verfolgt, werden sie euch verfolgen. Haben sie auf mich gehört, werden sie auf euch hören› (Joh 15,20).
Und das ist ein Punkt, in dem ganz ausdrücklich ‒ wenn man im Religionsunterricht oder auch im Theologieunterricht die Frage gestellt hat ‒ also: Hier ist Jesus als Anhänger seiner jüdischen Religion, versucht ein guter Jude zu sein und wird von den offiziellen Behörden deshalb, weil er versucht ein Judentum zu leben, das wir heute in der Rückschau als richtig und tiefer ansehen als das der Übrigen ‒ weil er das zu leben versucht ‒, wird er weggeräumt ‒:
Könnte das nicht heute wieder passieren, dass jemand wie Jesus oder Franziskus ein wirklich christliches Leben lebt und daher von den heutigen Behörden der Kirche – genauso dasselbe ‒ wieder weggeräumt wird?›
]

_________________________

[1] Ich bin durch Dich so ich (2016): 8. Dialog, 1996-2006, 163f.

[2] 1971 erschien von Adolf Holl das Buch ‹Jesus in schlechter Gesellschaft›. Es folgte der Entzug der Lehrberechtigung und dann die Suspendierung vom Priesteramt.

[3] Credo (2015): ‹gekreuzigt› (2015), 109f.

[4] Credo (2015): ‹Gelitten unter Pontius Pilatus› (2015), 102-105

[5] Credo (2015): ‹… und an Jesus Christus … UNSEREN HERRN›, 82f.:

[6] Siehe Galaterbrief 3,13 mit Bezug auf 5 Mose 21,23: ‹Verflucht ist jeder, der am Holz hängt›

[7] Siehe Anm. 6

[8] Hebräerbrief 12,2

[9] ‹Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen› (Mk 15,34, Mt 27,46, Psalm 22,2)

[10] ‹In deine Hände empfehle ich meinen Geist› (Lk 23,46, Psalm 31,6)

 


Quellenangaben

Text und Audios von Br. David Steindl-Rast OSB

kreuz b kraehmer titelCopyright © - Barbara Krähmer

Nach Markus zitiert Jesus das erste und wichtigste Gebot aus dem 5. Buch Mose, wo es heißt:

«Gott lieben mit deinem ganzem Herzen, mit deiner ganzen Seele und mit deiner ganzen Kraft» (Dtn 6,5).

Jesus fügt aber noch hinzu: «und mit deinem ganzen Verstand» (Mk12,29).

Der Verstand ist zwar im hebräischen Begriff der Seele schon enthalten, hier hebt Jesus ihn aber noch ausdrücklich hervor. Gemeint ist nicht ein besonderes intellektuelles Vermögen, sondern der gesunde Menschenverstand.

Jesus ermächtigte seine Zuhörer dazu, sich mittels des ihnen von Gott geschenkten Verstandes selber ein Urteil zu bilden. Das können wir aus jenen Schichten der Evangelien herauslesen, die nach Sicht der Wissenschaft der ursprünglichen Lehre Jesu am nächsten kommen, nämlich den Gleichnissen.

Jesus lehrt in Gleichnissen. Das ist so bezeichnend für ihn, dass unser ältestes Evangelium (nach Markus) so weit geht, zu behaupten:

«Er sprach nur in Gleichnissen zu ihnen» (Mk 4,34).

Das typische Gleichnis Jesu wirkt ähnlich wie ein Witz: es überrascht und stellt uns auf gutmütige Weise vor uns selber bloß. Es geht in drei Schritten vor:

Häufig beginnt es mit einer Frage, die sich auf etwas allen Bekanntes bezieht. Zum Beispiel: «Wer von euch weiß nicht ...», dass ein wenig Sauerteig ausreicht, um Unmengen von Brot zu backen; dass uns das, was wir verlegt oder verloren haben, keine Ruhe lässt bis wir es finden; dass kein Geschäftsmann sich einen einzigartigen Gelegenheitskauf entgehen lassen wird; dass man in einem Weizenfeld nicht Unkraut jätet, weil man sonst alles zertrampelt; dass die Reichen reicher werden und die Armen ärmer; dass der Same, den wir säen seine Zeit braucht, ob wir Geduld aufbringen oder nicht; dass nicht alles, was wir aussäen, Frucht bringt, die Ernte uns am Ende aber trotzdem reich beschenkt.

Solche Fragen sind der erste Schritt. Die Antwort ist der zweite. Sie ist immer die gleiche: «Das weiß doch jeder!» sagen seine Zuhörer.

Aber damit ‒ und das ist der dritte Schritt ‒ sind wir auch schon auf den Leim gegangen. Wir müssen uns nämlich jetzt selber fragen: Wenn wir es so gut wissen, warum ziehen wir dann nicht die Konsequenz und wenden unsere Einsicht auf unsere Beziehung zu Gott an?

Dahinter steht nun die entscheidende Annahme: Gesunder Menschenverstand lehrt uns, was Gott will.

Wie schwerwiegend diese so einleuchtende Überzeugung ist, das muss man sich nur überlegen.

Nichts ist revolutionärer als die Vorrangstellung, die Jesus in seinen Gleichnissen dem gesunden Menschenverstand einräumt. Dieser stellt geradezu den Gegenpol dar zum konventionellen Denken.

Durch ihn spricht ja der Heilige Geist im Menschenherzen.

Jesus beruft sich also nicht darauf, sozusagen Sprachrohr der göttlichen Autorität zu sein; darin unterscheidet er sich von den Propheten vor ihm.

Er maßt sich auch nicht selber höchste Autorität an, sondern ‒ und das ist etwas völlig Neues in der Religionsgeschichte ‒ er appelliert an die Autorität Gottes in den Herzen seiner Hörer:

Gott spricht zu uns durch unseren gesunden Menschenverstand ‒ das ist es, was jedes Gleichnis voraussetzt, und es ist zentral für das Gottesverständnis Jesu.

Dadurch löste seine Lehre eine gewaltige Autoritätskrise aus, deren Erschütterungen wir bis heute fühlen.

Jesus ermächtigte seine Zuhörer, für sich selber zu denken.

Das hat ungeheure politische Konsequenzen. Es war damals, und ist heute noch, bedrohlich für alle autoritären Strukturen; Jesus wird daher ‒ vom Standpunkt der Machthaber aus mit Recht ‒ als subversiv gebrandmarkt und gekreuzigt.

Von den einfachen Menschen aber, die Jesu zuhörten heißt es:

«Sie waren außer sich über seine Lehre, denn er lehrte wie einer, der Vollmacht hat.»

Und dann fügten sie vergleichend hinzu, «nicht wie die Schriftgelehrten» (Mk 1,22).

Mit diesem Vergleich ist sein Schicksal besiegelt. Die Schriftgelehrten werden ihm das nie verzeihen. Sie machten ihre Zuhörer klein; Jesus hob sie über sich selbst hinaus.

Dadurch war der verhängnisvolle Ausgang seiner Karriere praktisch unausweichlich. Gegen alle autoritären Machtansprüche einzutreten, hat nicht nur religiöse, sondern auch politische Konsequenzen. Das wissen wir. Die letzte Konsequenz für Jesus war seine Kreuzigung.

[Credo: ‹gekreuzigt› (2015), 110-112]

[Ergänzend:

1. Audios

1.1. Was bedeutet uns Jesus Christus heute (2004)
Vortrag:
(16:17) Jesus hat in Gleichnissen gesprochen: Bruder David erklärt die literarische Form von Gleichnissen. Ohne ihre Kenntnis verfehlen wir den springenden Punkt im Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lk 10,25-37). Jesus lehrt in Witzen: Er stellt eine Frage, wir sagen: ‹Das wissen wir ja alle›! ‹Warum handelt ihr nicht danach›? der Witz ist auf unsere Kosten / (22:13) Er weist hin, wie die Gleichnisse Jesu eine religionsgeschichtliche Wende bedeuten: Jesus spricht nicht wie ein Prophet mit der Autorität Gottes, er nimmt auch nicht charismatisch seine eigene Autorität in Anspruch, sondern verlegt die Autorität Gottes in die Herzen seiner Hörer: ‹Ihr wisst das doch›!

1.2. TAO der Hoffnung (1994)
Diskussion:
(30:59) Liebe ist das gelebte Ja zur Zugehörigkeit – Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter – (38:46) ‹Wisst ihr das denn nicht›?, sagt Jesus ‒ das ist ja seine Lehrmethode ‒ und wir sagen: ‹Ja wir wissen es!› ‹Aha, ihr wisst es so gut, der Hausverstand sagt uns das ja schon›! ‹Ah, was für ein Hausverstand ist denn das›? Das ist das Welthaus, das ist der Haushalt, dem wir alle angehören, der Welthaushalt, der Gotteshaushalt, zu dem auch die Tiere und die Pflanzen gehören: Hausverstand ist ein wunderschönes Wort.

2. Weitere Texte

2.1. Common Sense (2014): ‹Der Common Sense in den Gleichnissen Jesu, 45, 46f., 49f.:

«Frisch wie am ersten Tag leuchtet die ursprüngliche Botschaft Jesu in seinen Gleichnissen und nirgends sonst ist sie überzeugender. Wie Goldkörnchen im Sand, so lagerten sich die Gleichnisse in den frühesten Schichten der christlichen Tradition ab. Sie bewahrten das lebendige Wort der Lehre unverfälschter als die meisten anderen Evangelientexte.

Dass Jesus in Gleichnissen lehrte, ist eine der wenigen wirklich sicheren historischen Aussagen über ihn. Markus, der früheste Evangelist, behauptet sogar: ‹Ohne Gleichnis redete er nicht zu ihnen› (4,34). Damit mag Markus übertreiben, aber es lässt sich nicht leugnen, dass wir in den Gleichnissen das Herzstück der Botschaft Jesu finden können ‒ und zwar sowohl was den Inhalt angeht als auch die Form, in der er lehrte.

Die Gleichnisse enthalten nicht nur das Wesentliche seiner Botschaft; auch der Umstand, dass er sich für die Rede in Gleichnisform entschied, sagt etwas Entscheidendes darüber aus, worauf es ihm mit seiner Botschaft ankam.

Viele Gleichnisse Jesu sind jenen Sprichwörtern sehr ähnlich, in denen ein starkes Bild jäh eine Einsicht des Common Sense  aufblitzen lässt. Zuweilen erweitert er das Bild zu einer kurzen Erzählung und bringt damit das zündende Element dieser Art von Sprichwörtern noch kräftiger zur Wirkung.

… Im dritten Schritt sieht Jesus uns fragend an. Er braucht die Frage eigentlich gar nicht auszusprechen: ‹Wenn das so offensichtlich ist ‒ warum handelt ihr dann nicht entsprechend? Wo ist denn euer gesunder Menschenverstand›?

Uns bleibt nur, über uns selbst den Kopf zu schütteln: Wir hätten zwar durchaus den gesunden Menschenverstand ‒ den Common Sense ‒, aber in den entscheidendsten Punkten unseres Lebens verhalten wir uns wie Dummköpfe. Das Gleichnis hat uns auf humorvolle Weise überführt. Ein Gleichnis Jesu nach dem anderen führt uns immer wieder spielerisch im gleichen Dreischritt unsere Torheit und Inkonsequenz vor Augen. Warum reizen uns die Gleichnisse Jesu in den Evangelien eigentlich nicht zum Lachen? Die Antwort ist nicht schwer zu finden: Wie oft kann man der immer gleichen Zuhörerschaft ein und dieselbe geistreiche Pointe präsentieren? Nach einigen Wiederholungen würden auch die Geduldigsten müde abwinken. Aber trotzdem blieben die Bilder, die Jesus gebraucht hat, seinen Jüngern kostbar. Und so bewahrte man sie in der Tradition und wiederholte sie immer wieder ‒ und machte aus den spritzigen Formulierungen moralisierende Geschichten.

… Die Gleichnisse sind also keineswegs zahme Erbauungsgeschichten, sondern enthalten solche nicht ungefährliche Pointen, mit denen Jesus sich über die öffentliche Meinung lustig machte: Willst du wirklich wissen, wer dein Nächster ist? Warte nur, bis du in Not kommst, dann sagt es dir ganz unerwartet dein Common Sense! Dann kannst du ganz selbstverständlich sogar in einem verachteten Ausländer deinen Nächsten erkennen, ein Mitglied der Menschheitsfamilie.»

2.2. Mystik an der Grenze der Bewusstseinsrevolution (1988), 184-186:

«Es gibt keinen anderen Lehrer in der Religionsgeschichte, der in diesem Maße Gleichnisse verwendet hat. Zwar war das Gleichnis nicht die ausschließliche Lehrmethode Jesu, aber doch so charakteristisch, dass Markus sagen kann, Jesus habe nur in Form von Gleichnissen gelehrt. Dass er nicht auch auf andere Weise gelehrt hat, ist jedoch eine Übertreibung. Doch weil das Gleichnis für ihn am typischsten war, ist es auch so wichtig für uns, dass wir begreifen, was ein Gleichnis ist. Es ist ein sehr einfaches Lehrmittel. Es kann eine kurze Geschichte sein, manchmal auch eine etwas längere, es kann aber auch lediglich ein ganz kurzer Ausspruch sein, etwa wie ein Sprichwort.

Die Art und Weise, wie manche Sprichwörter in uns wirken, vermittelt uns eine gute Vorstellung von der Wirkungsweise eines Gleichnisses. Nehmen wir zum Beispiel das folgende Sprichwort: ‹Früher Vogel fängt den Wurm›. Das entspricht dem gesunden Menschenverstand. Sie können es selbst beobachten, wenn Sie früh genug aufstehen. Später sind die meisten Würmer verschwunden. Diejenigen, die zu spät kommen, kriegen keine mehr. Sie haben das vielleicht schon häufig beobachtet, aber es sagte Ihnen nichts. Aber dann eines Tages kommen Sie hier im Esalen-Institut zu spät zum Essen und bekommen keines mehr. Oder Sie gehen in einen Schallplattenladen und müssen zu Ihrem Bedauern feststellen, dass die neue Platte, die Sie haben wollten, ausverkauft ist. Plötzlich erinnern Sie sich, dass der frühe Vogel den Wurm fängt. Ihre Situation hat überhaupt nichts mit Vögeln oder Würmern zu tun, aber sie hat eine ganze Menge mit der Wahrheit zu tun, die in diesem Sprichwort steckt.

Das ist der Ausgangspunkt eines jeden Gleichnisses. Es erinnert Sie an eine Beobachtung, die dem gesunden Menschenverstand entspricht. Oft fängt es in dem Sinn an: ‹Wer von euch weiß das nicht schon›? Wer von euch, der Kinder hat, weiß nicht, was Eltern gegenüber ihren Kindern empfinden? Wer von euch, der schon einmal Brot gebacken hat, weiß nicht, wie sich Hefe verhält? Wer von euch, der schon einmal etwas verloren hat, weiß nicht, wie sehr man sich anstrengt, um es wiederzufinden? Das ‹Wer von euch› wendet sich an die Zuhörer und bedeutet: ‹Kennt ihr das nicht ohnehin schon›? Dies ist der erste Teil eines jeden Gleichnisses. Wer weiß etwa nicht, dass der frühe Vogel einen Wurm fängt, das ist ein Gemeinplatz.

Dann kommt Teil zwei, die Reaktion der Zuhörer. Diese sagen: ‹Nun, das weiß doch wohl jeder, oder›?

Und dann kommt Teil drei, und das ist ‒ in den besten Fällen ‒ schlicht Schweigen. Manchmal aber wird es auch ausgesprochen, und es ist der Teil, in dem Jesus sagt: ‹Aha, das weiß jeder, in Ordnung. Aber warum handelt ihr nicht danach›? Zack ‒ die Falle hat zugeschnappt!

Wir wollen nun anhand eines Beispiels sehen, wie das Lehrmittel des Gleichnisses wirkt. Die meisten Gleichnisse handeln vom Reich Gottes, aber das folgende wird als Antwort auf eine Frage gegeben. Die Frage lautet: Wenn ich meinen Nächsten lieben soll wie mich selbst, wer ist mein Nächster?

Wir nennen dieses Gleichnis das Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Ich bin sicher, dass Sie alle es kennen.

Wenn man dieses Gleichnis als das Gleichnis vom barmherzigen Samariter bezeichnet, dann ist es, als ob man einen Witz erzählt und ihm vorab eine Überschrift gibt, die die Pointe vorwegnimmt.

Für die Juden zu Lebzeiten Jesu gab es so etwas wie den b a r m h e r z i g e n Samariter nicht. Der einzige barmherzige Samariter war ‒ wie man heute sagen würde ‒ ein toter Samariter. Die Samariter waren absolute Bösewichter.

Außerdem handelt dieses Gleichnis gar nicht von dem Samariter. Das ist ein weiteres Problem. Die Geschichte handelt vielmehr von einem Mann, der in die Hände von Räuber fiel.

(Es gibt eine Faustregel: In Gleichnissen muss man sich immer ‒ wie in Witzen ‒ mit der ersten Person identifizieren, die erwähnt wird, sonst begreift man die Pointe nicht. Man kann einen anderen Gewinn daraus ziehen wie etwa im Gleichnis vom ‹barmherzigen› Samariter. Alle möglichen guten und interessanten Lehren basieren darauf. Wenn man aber wissen will, was Jesus sagte, muss man sich an die Regel halten, die für jede Volkssage, jeden Witz oder jeden volkstümlichen Ausspruch gilt. Man identifiziere sich mit der ersten Person, die erwähnt wird.)

Jemand fragte also Jesus: ‹Wer ist mein Nächster›? und Jesus erzählte folgende Geschichte: Da war ein Mann (das sind Sie!), der von Jerusalem nach Jericho ging und unter die Räuber fiel. Zwischen Jerusalem und Jericho kann man auch heute noch unter die Räuber fallen. Die Straße führt durch eine Schlucht mit steil abfallenden Wänden und es kann einem dort alles Mögliche widerfahren.

Dieser Mann nun fiel unter die Räuber, die ihn misshandelten und beraubten. Sie stahlen ihm alles, was er hatte, und ließen ihn h a l b tot liegen. Es ist sehr wichtig, dass dieser Mann nur h a l b tot ist. Das bedeutet, dass er immer noch am Leben ist und das Geschehen um ihn herum mitbekommt. Denken Sie daran: S i e selbst sind dieser Mann. Gleichnisse werden nicht aus der Perspektive eines außenstehenden Beobachters erzählt, sondern aus der Sicht der ersten Person, die erwähnt wird.

Sie liegen also da und jemand kommt vorbei. Plötzlich wissen Sie, wer Ihr Nächster ist. In Ihrem Herzen schreit es: ‹D a s ist mein Nächster! Er muss mir helfen›! Doch er geht auf der anderen Straßenseite vorbei und lässt Sie liegen.

Dann kommt wieder jemand vorbei. Wiederum schreit es in Ihnen: ‹Hilf mir! Ich bin dein Nächster›! Doch auch dieser Mensch geht vorbei. Sie liegen immer noch da und hoffen, dass jemand Sie als seinen Nächsten erkennt und entsprechend handelt.

Als nächstes kommt nun ausgerechnet ein Samariter vorbei. Wollen Sie, dass dieser Ausgestoßene Ihnen hilft? Ja, natürlich, sind wir nicht alle einander die Nächsten? Und siehe da, dieser schmutzige Samariter verhält sich wie ein Nächster.

Mit einem Schmunzeln fragt Jesus: ‹Welcher von diesen Dreien war also dem der Nächste, der unter die Räuber fiel›? ‹Jener, der ihm Barmherzigkeit erwies›, antwortet der Mann, der gefragt hatte, wer eigentlich sein Nächster sei. Dass es ausgerechnet der Samariter war, sagt er lieber nicht.[1]

Können Sie das Schweigen hören, das sich daraufhin ausbreitet? In diesem Schweigen dreht Jesus den Spieß um. Wenn der Samariter dein Nächster ist, wenn d u dich in Not befindest, ist er auch noch dein Nächster, wenn  e r  in Not ist?

Ich bin auf eine hübsche moderne Version dieses Gleichnisses gestoßen. Als ich einer Gruppe in Neuseeland dasselbe wie hier erzählte, meldete sich eine Ordensschwester zu Wort und sagte: ‹Genau das ist mir passiert. Ich bin vor nicht allzu langer Zeit mit dem Auto von Auckland nach Hamilton gefahren und wurde unterwegs entsetzlich müde. Plötzlich bemerkte ich, wie mein Auto auf der falschen Straßenseite fuhr. Ich hielt sofort an und rollte auf den Randstreifen (mit der Wagenfront in die falsche Richtung). Ich sagte mir: ‹Jetzt werde ich erst einmal ein bisschen schlafen. In diesem Zustand zu fahren ist zu gefährlich›. Als ich aufwachte, klopfte jemand gegen das Wagenfenster. Noch schlaftrunken und entgegen allen Vorsichtsmaßregeln kurbelte ich es hinunter. Draußen stand ein Mann mit einer Lederjacke und sagte: ‹Alles in Ordnung, meine Liebe? Rutschen Sie mal auf den Nebensitz, Sie stehen auf der falschen Straßenseite›. In meiner Verwirrung rutschte ich hinüber. Er stieg ein, brachte das Auto auf die richtige Straßenseite und sagte: ‹Mir scheint, Sie sind in keiner guten Verfassung. Wo wollen Sie denn hin›? ‹Nach Hamilton›, sagte ich. ‹Okay, wir werden Sie begleiten›. Und so wurde ich ‒ eine Nonne in Tracht ‒ nach Hamilton eskortiert, von einer Rockerbande auf Motorrädern.›»

2.3. Unsere Zukunft ‒ das Reich des Kindes (1987):

«Schauen Sie sich doch die Evangelien ‒ vor allem die synoptischen ‒ einmal genau daraufhin an. Sie werden feststellen, dass Jesus sich immer wieder auf die Autorität Gottes in den Hörern beruft. Und die typische Form, in der dies geschieht, ist die Gleichnisrede, die mit einer Frage beginnt, oft unausgesprochen, meist aber ganz ausdrücklich: ‹Wer von euch, der jemals Schafe gehütet hat, weiß nicht; wer von euch, der Brot bäckt, weiß nicht; wer von euch Eltern weiß nicht›?

Immer wieder: ‹Wer von euch weiß das nicht schon›, das steht am Anfang der Gleichnisrede. Und darauf folgt die Reaktion der Hörer, die immer wieder lautet: Na, jeder weiß das; das Kind in uns weiß das genau. Und zum Schluss tritt dann meistens Stille ein, in die hinein Jesus sagt: ‹Ah, ihr wisst das so gut! Warum handelt ihr dann nicht danach›? Und so finden sich die Hörer von der eigenen Erfahrung überführt.

Darum sind die Gleichnisreden heute noch genauso lebendig, wie sie vor 2000 Jahren waren: weil sie uns noch immer dahin führen, zuzustimmen ‒ ‹ja, das weiß ja sowieso jeder› ‒ und dann uns bewusst machen, dass wir nicht konsequent danach handeln.

Wenn wir wirklich aus diesem Geist des Kindes in uns lebten, wenn wir aus dem Bewusstsein heraus handelten, das wir von unseren besten Augenblicken her kennen, dann wären wir nicht so halbtot, wie wir es jetzt sind, und die Menschheit als Ganzes wäre nicht so gefährdet.»]

___________________

[1] Dieser Abschnitt ist aus dem Buch Common Sense (2014), 49



Quellenangaben

Filme, Text und Audios von Br. David Steindl-Rast OSB

kreuz b kraehmer titelCopyright © - Georg Stahl

Mehr als früher hatte ich in meinen 70er-Jahren auch Gelegenheit, Menschen kennenzulernen, die in den USA und anderswo an führenden Stellen unserer Gesellschaft standen und von denen ich daher auch annehmen durfte, dass sie gut informiert waren. Immer wieder hörte ich gerade von Wohlinformierten das Sätzchen:

«So kann es nicht weitergehen! ‒ nicht in Politik, nicht in der Wirtschaft und auch in keinem anderen wichtigen Bereich.»

«Und warum nicht?», fragte ich.

«Weil wir im Begriff sind, uns selbst zu zerstören.»

(Dabei gab es damals noch viele, die Natur und Umwelt bedenkenlos ausbeuteten, den Klimawandel ein grünes Hirngespinst nannten und sich doch für sachkundig hielten.)

Durch Gewalt, Rivalität und Habgier standen wir nun vor der Selbstvernichtung. Und der sind wir in den 30 Jahren seither noch bedeutend näher gekommen. Zugleich sind in derselben Zeitspanne aber auch mehr und mehr Menschen aufgewacht zu der Erkenntnis, dass in Gewaltfreiheit, Zusammenarbeit und Teilen alle Hoffnung für die Zukunft liegt.

Pyramide und Netzwerk erwiesen sich auch als hilfreiche Modelle für das Verständnis meiner persönlichen Erlebnisse in diesem Lebensabschnitt.[1]

Johannes Kaup: «Bei ihrem Begriffspaar Kontemplation und Revolution haben Sie Revolution neu definiert, nämlich als Ende der Machtpyramide und als Aufstieg von Gemeinschaften, die sich netzwerkartig organisieren. Das klingt auf den ersten Blick sehr sympathisch. Ich glaube auch zu verstehen, welche Netzwerke Ihnen da vor Augen stehen. Aber ich werde zur Klärung ein kritisches Gegenargument bringen und missinterpretiere Sie jetzt als ‹Advocatus diaboli› bewusst: Auch eine subversive Nichtregierungsorganisation wie die Mafia organisiert sich neuerdings netzwerkartig. Selbst eine Terrororganisation wie der sogenannte Islamische Staat ist mit schlanken, autonom agierenden Zellen und Netzwerkstrukturen bei Attentaten in Belgien, Frankreich und der Türkei höchst erfolgreich. Wenn in einem Netzwerk Vertrauen nach innen herrscht, sagt das noch nichts über die Ethik der Netzwerkorganisation aus, sondern mehr über ihre Effektivität. Also an der Organisationsform alleine, fürchte ich, ist der neue Geist, den Sie im Sinn haben, nicht festzumachen?»

Bruder David: «Nein, nicht an der Form der Organisation, sondern am Gebrauch der Macht. Die Frage ist: Wird die Macht zur Ermächtigung aller in ihrer Eigenständigkeit verwendet? Das ist wichtig. Es muss für alle gelten, also grundsätzlich alle Menschen einschließen, nicht nur eine bestimmte Gruppe.»

Johannes Kaup: «Das heißt, die Netzwerke, die Ihnen vorschweben, sind universalistisch ausgerichtet.»

Bruder David: «Universalistisch und von Respekt für jeden einzelnen Menschen getragen. Aber Respekt ist vielleicht ein zu blasser Begriff. Es geht um tiefe Achtung vor dem Nächsten, vor allen anderen Menschen und vor dem Leben in all seinen Formen. Diese große Achtung, diese Ehrfurcht vor dem Leben muss zentral sein.»

Johannes Kaup: «Also das, was Albert Schweitzer einmal gesagt hat:

«Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.»

Bruder David: «Genau so. Das wäre die Spiritualität der Netzwerke, von denen ich spreche, und das unterscheidet sie fundamental von den Netzwerken der Mafia oder von Terroristen.»

Johannes Kaup: «Sie beschreiben, wie Sie in den 90er-Jahren als Lehrender[2] am legendären Esalen Institute in Big Sur diese unterschiedlichen Organisationsformen ‒ also Pyramide versus Netzwerk ‒ selbst gut beobachten konnten, samt den Konsequenzen, die das nach sich zog. Die Gemeinschaft, die sich in und um Esalen herum gebildet hatte[3], wollte genau dieses innovative, unterstützende, ermächtigende Netzwerk leben. Letzten Endes hat sich aber dann ein traditionelles Modell durchgesetzt mit einem Aufsichtsrat für den Wirtschaftsbetrieb. Wirken da vielleicht allzu menschliche Motive stärker als der altruistisch kooperative Geist? Brauchen diese Netzwerke, die Sie vorhin charakterisiert haben, nicht auch einen reformierten Menschen im weitesten Sinn oder Voraussetzungen für das menschliche Zusammenleben, die man nicht von vornherein in unserem Gesellschaftssystem mitbringt?»

Bruder David: «Ich glaube, wir brauchen ein neues Bewusstsein, um die notwendigen Veränderungen zu verwirklichen. Der Druck des Alten, der Machtdruck des Alten ist sehr groß. Es bedarf großer Anstrengung, uns gegen diesen Druck zu wehren. Und in Esalen ist das leider nicht geglückt.»

Johannes Kaup: «Warum?»

Bruder David: «Es gelingt leider nicht immer. Mut und Kraft reichen nicht immer aus.» [4]

(Film): Ein Teilnehmer: «Br. David: In den vielen Ausführungen, die ich von Dir gelesen und gehört habe, ist immer wieder ein Begriff vorgekommen, der mich sehr berührt hat und zwar, dass Dankbarkeit eine Revolution ist, die so revolutionär ist, dass sie selbst das Konzept der Revolution revolutioniert. Also dieses Wortspiel schon allein hat mich sehr berührt. In diesem Zusammenhang sprichst Du von einem Netzwerkt von kleinen Netzwerken. Kannst Du uns vielleicht zu diesen Netzwerken etwas mitteilen?»

Bruder David: «Ich versuche nur die Verbindung zu finden … Die Verbindung besteht eigentlich darin, dass das Leben eine Vernetzung ist. Leben ist ein Netzwerk aus Netzwerken. Das ist sowohl das Leben als dieses große Geheimnis, als auch unser Lebenslauf. Man wird als Individuum geboren und wird zur Person, indem man Verbindungen aufnimmt, Beziehungen. Je länger man lebt und je intensiver man lebt, umso mehr Beziehungen, also das Netzwerk von Beziehungen.

(26:53) Wir haben aber seit ungefähr 6000 Jahren Zivilisation dem Leben sozusagen übergestülpt. Zivilisation ist auf einem ganz anderen Prinzip aufgebaut als ein Netzwerk von Netzwerken. Leider, leider ist die Zivilisation, die wir kennen ‒ die einzige Zivilisation, die wir aus Erfahrung kennen ‒, eine Pyramide, eine Machtpyramide.

Das Netzwerk von Netzwerken wird durch Vertrauen aktiviert. Die Pyramide durch Furcht:

Das haben wir schon gesehen, das ist genau das Gegenteil von ‹Netzwerk›:

Die an der Spitze sitzen fürchten alle, weil ja sonst jeder eine Gefahr ist, selber an die Spitze zu kommen, und müssen sich daher durch Gewalt verteidigen. Diese Gewalt kann verschiedene Formen annehmen, aber es ist immer Gewalt.

Die etwas weniger hoch oben sind, die wollen hinaufkommen, sie müssen also die Ellbogen verwenden und mit den Füßen nach unten treten und nach oben buckeln, wie ein Radfahrer, und das ist Rivalität.

Also auf der Mittelschicht ist Rivalität.

Für alle besteht die Furcht, dass nicht genug da ist. Da kommt Habsucht herein. Wenn nicht für Alle genug da ist, dann muss ich so viel wie möglich an mich reißen.

(29:09) Also: Furcht von oben bis unten charakterisiert die Machtpyramide. Wir stehen leider an einem Punkt, an dem wir die Machtpyramide so weit ausgebildet haben, wo alles die ganze Zivilisation in Anspruch nimmt, dass wir uns selber zerstören. Furcht zerstört sich selbst, Furcht bringt immer das herbei, was wir fürchten, löst das aus, was wir fürchten.

Und in allen Bereichen haben wir leider ‒ das ist die große Schwierigkeit unserer gegenwärtigen Situation ‒ den Punkt erreicht, wo es so nicht weitergehen kann.

Daraus ziehe ich den Schluss, dass eben eine Revolution notwendig ist, die diese Pyramide umbaut in ein Netzwerk von Netzwerken. Aber natürlich nicht die Art von Revolution, die wir aus der Geschichte kennen, denn da handelt es sich ja immer nur darum, dass die, die an der untersten Schicht dieser Pyramide sind, jetzt an die Spitze kommen und dort dasselbe machen, was die andern früher gemacht haben. Es ändert sich nichts. Aber wir wagen die ganz andere Revolution. Es gibt schon viele, viele Netzwerke, ungezählte Netzwerke, aber sie sind noch nicht vernetzt. Das ist das Entscheidende.»[5]

(Die Quellenangaben zum obigen Text in Anm. 1, 4f.)

[Ergänzend:

1. Konkurrenz, Wettbewerb, Rivalität

2. Film Impuls zur Selbstfindung (2017); siehe auch Transkription:

(23:29) Wir leben in einer Gesellschaft, die eben durch das Ego geprägt ist, und die daher eine Art Pyramide ist. Der Stärkste ‒ zugleich auch wahrscheinlich der, der am meisten Furcht hat, das macht ihn so aggressiv ‒, ich sage  i h n, das ist eine sehr männliche Haltung, aber es kann auch Frauen passieren:

Wer am meisten Angst hat, der kommt am höchsten hinauf, weil er die Andern am stärksten tritt. Und da baut sich diese Pyramide auf und jeder ‒ auf jeder Schicht ‒, buckelt nach oben und tritt nach unten, wie ein Radfahrer.

So baut sich diese Machtpyramide auf.

Das Gegenteil ist eine Welt, nicht der Pyramide, sondern der Vernetzung.

Eine Vernetzung, etwas Horizontales, eine vernetzte Gemeinschaft: Idealerweise kennt jeder jeden, das muss ein kleines Netz sein. Und eine Welt, die ein Netzwerk aus kleinen Netzwerken ist, das ist auch das Ideal, dem wir nachstreben dürfen für die Zukunft.

Die Machtpyramide ist ja in unserer Zeit ‒ und das charakterisiert unsere Zeit ‒ im Zusammenbrechen.

Besonders die, die an der Spitze stehen, sagen: ‹So kann’s nicht weitergehen.›

Wir haben einen Endpunkt erreicht.

Ob das jetzt in der Wirtschaft ist oder in der Politik: Auf vielen Gebieten, wo diese Machtpyramide so betont wird: sie bricht vor unsern Augen zusammen.

Und Raimon Panikkar, ein ganz großer Denker des 20. Jahrhunderts, hat gesagt:

‹Wir sollen die Zukunft nicht in einem neuen Turm von Babel suchen, wieder so einen Turm bauen und bis zum Himmel kommen, sondern in wohlausgetretenen Pfaden von Haus zu Haus.›

Das ist die Zukunft, das ersehnen wir uns: ‹wohlausgetretene Pfade von Haus zu Haus.›

Und das ist die Welt des Selbst, wo wir alle zusammengehören, obwohl wir ‒ und gerade darum ‒ unsere individuelle Selbständigkeit und Einzigartigkeit betonen dürfen und können. Und die Andern unsere Begabungen schätzen.›

3. Audios

3.1. Das glauben wir (2015)
Vortrag in Themen des Abends aufgeteilt:
(01:32) ‹Der verleugne sich selbst› ‒ das Kreuz:
‹Das Kreuz war zur Zeit Jesu die Todesstrafe für Menschen, die die Gesellschaftsordnung unterminiert haben. Und das waren davongelaufene Sklaven und Revolutionäre. ‹Wer mir nachfolgen will, muss das Kreuz auf sich nehmen› heißt im Klartext: ‹Wir sind daran, die Gesellschaftsordnung von Grund auf zu unterminieren, und daher gehen wir auf das Kreuz zu›. Laut den Weissagungen in den Evangelien war vorauszusehen, dass Jesus gekreuzigt wird, weil er der gesellschaftlichen Machtpyramide, aufgebaut auf Furcht, Gewalttätigkeit, Rivalität, Habsucht, nicht eine andere Pyramide entgegenstellt, sondern ein Netzwerk ‒ ‹in IHM leben, weben und sind wir› (Apg 17,28) ‒, ein Netzwerk der Furchtlosigkeit, der Gewaltfreiheit, der Zusammenarbeit und des Teilens. Immer wieder in der Geschichte, wenn Menschen diese Lebensform propagiert haben ‒ etwa Franziskus mit seinen Brüdern ‒ sind sie mit der Machtpyramide in Konflikt gekommen. Und leider auch mit der Machtpyramide, insofern die Kirche selbst diese Machtpyramidenstruktur angenommen hat. Der jetzige Papst Franziskus unterminiert die Pyramidenstruktur der Kirche ‒ endlich einmal ‒, so wie Jesus es gemacht hätte. Und man muss nur hoffen, dass er nicht auch gekreuzigt wird.›

3.2. Audio Wie das Göttliche in uns wächst (2005)
Was hindert gesundes spirituelles Wachstum?; siehe auch (
Mitschrift):
(05:14) Gott als Machthaber getrennt von uns: ‹Durch diese Vergiftung des Gottesbildes werden wir daran gehindert, das MEHR immer tiefer zu verstehen, immer williger zu verwirklichen, immer freudiger und schöpferischer zu feiern. Und das verbindet sich dann noch mit religionspolitischer Machtpolitik. Denn es schafft dann eine Pyramide: oben ist dieser Machthaber und diese Pyramide geht herunter und weiter und weiter herunter, und jeder bemüht sich, ziemlich hoch auf dieser Pyramide oben zu sein ‒ je höher, umso besser ‒ und wir fühlen uns dann ein bisschen höher als die andern, die da weiter unten sind.

Das ist etwas außerordentlich Gefährliches. Auf der Ein-Dollar-Note finden Sie diese Pyramide oben geschnitten und über ihr das Auge Gottes: Das ist dieser himmlische Polizist, der uns überall sieht und uns bestraft. Das ist giftig und vergiftend.›

4. Die meisten Menschen würde ich als Schlafwandler bezeichnen (2017): Interview von Anne Voigt mit Bruder David:

«Revolution ist für Sie ein wichtiger Begriff, der allerdings aus Ihrer Sicht revolutioniert werden müsste. Bisher wurde die jeweilige Machtpyramide immer einfach auf den Kopf gestellt. Die ehemaligen Revolutionäre stiegen von unten nach oben, ansonsten blieb alles wie bisher. Ihnen schwebt stattdessen ein Netzwerk vor. Was verstehen Sie darunter?»

«Die Idee ist, die Hierarchie der Macht abzubauen, also die Pyramide der Ausbeutung und Unterdrückung, und sie in ein Netzwerk umzuwandeln. Auch ein Netzwerk kommt keineswegs ohne Autorität aus, aber Autorität ist nicht Machtbefugnis. Das ist ein völliges Missverständnis, aber das ist oft die erste Bedeutung, die man heutzutage diesbezüglich im Wörterbuch findet. Autorität ist ursprünglich Grundlage für rechtes Wissen und Handeln. Und da gibt es Menschen, die auf einer höheren Bewusstseinsebene stehen und deswegen verlässlicher sind, wenn es darum geht zu klären, was man tun soll und wie. Es wäre wichtig, diesen Menschen auch in einem Netzwerk die Autorität einzuräumen. Was wir brauchen, ist eine Vernetzung von Netzwerken. Denn gewisse Probleme sollten nur auf der untersten Ebene gelöst werden. Und nur, wenn dort keine Lösung gefunden werden kann, sollte das Problem auf der nächsten Ebene behandelt werden. Hinter der Idee von einem Netzwerk von Netzwerken stehe ich, aber es muss mit Autorität höheren Bewusstseins verbunden sein.»

5. Kirche als Machtpyramide

5.1. Brücken statt Mauern: Bruder David zu Ostern 2017:

«Furcht baut Mauern,
Vertrauen baut Brücken.

Beides ‒ und das ist die Tragik der Kirchengeschichte ‒ finden wir innerhalb der einen Kirche. Sie wurzelt in der Predigt Jesus vom Reich Gottes, verweltlicht aber zur Machtpyramide und baut Mauern von Furcht, Ausgrenzung und Habsucht.»

5.2. Osterbrief 2023:

«Eine katastrophale Entwicklung war es, dass die Kirche schon bald von der Netzwerkstruktur des ‹Reiches Gottes› auf die der Machtpyramide Roms zurückfiel. In ihr aber sprangen immer wieder Gruppen auf, die das ursprüngliche Ideal verwirklichten.»

5.3. Dankbarkeit ist ein Erfolgsprinzip (2018): Interview von Antje Luz mit Bruder David:

«Die Geschichte der WM begann mit der päpstlichen Enzyklika von 1891. Sie besagte, dass soziale Themen keine wirtschaftlichen, sondern moralische seien. Sie prägte den WM-Gründer Jules Rimet, der um die Jahrhundertwende den Fußball für soziale Gerechtigkeit nützte. Menschen aus allen sozialen Schichten sollten spielen und Geld verdienen können. Können Sie uns mehr zu dieser Enzyklika sagen?»

«Das war die ‹Rerum Novarum› von Papst Leo XIII. Sie ist für mich eine der allerwichtigsten Enzykliken der Neuzeit, vielleicht die wichtigste, weil sie sich als erste ausdrücklich mit sozialen Themen befasst hat. Und das wichtigste Thema darin ist für mich das Prinzip der Subsidiarität als Mittel für soziale Veränderung. Papst Leo XIII. hat es da zuerst formuliert und Papst Pius XI. hat es in der darauffolgenden Enzyklika, das war die ‹Quadragesimo Anno›, aufgenommen und verfeinert.»

«Was besagt das Prinzip der Subsidiarität?»

«Jede Entscheidung soll auf der niedrigsten Ebene getroffen werden, die dazu fähig ist. Also eine Strukturierung der Organisation von unten nach oben. Das erlaubt Selbstbestimmung und war wirklich ein ganz wichtiger Impuls, den Papst Leo XIII. da gesetzt hat. Die Tragik ist, dass es weder in der Kirche noch in der Gesellschaft richtig aufgegriffen wurde. Also wenn die Kirche das seit 1891, seit über hundert Jahren, verwirklicht hätte, dann wären wir in der Entwicklung weit voraus.»

«Inwiefern?»

«Unsere Zivilisation hat von Anfang an eine Machtpyramide aufgebaut, die sich derzeit im Zusammenbrechen befindet. … Das Prinzip der Subsidiarität ist die Lösung, denn es ersetzt die Machtpyramide durch ein Netzwerk. Die Zukunft unserer Welt ist entweder ein Netzwerk von Netzwerken oder wir haben überhaupt keine Zukunft. Der große Denker Raimon Panikkar hat das sehr schön ausgedrückt. Er hat gesagt: «Unsere Zukunft ist kein neuer Turm, ganz gleich wie hoch, sondern unsere Zukunft liegt in wohl ausgetretenen Pfaden von Haus zu Haus.» Das ist das Netzwerk. Und in dem Sinn könnte natürlich auch Sport ein Netzwerk von Netzwerken sein. Es ist ja jetzt schon mehr darauf angelegt als der Rest unserer Gesellschaft. Es gibt keinen Sportpapst…»

5.4. Bruder David berichtet von seiner Romreise 2018:

«Nach Jahrhunderten von immer mehr ins einzelne gehender Gleichschaltung – die zwischen Christianisierung und Europäisierung nicht unterscheiden konnte – zeigt sich heute, dass das bei einer Weltkirche überhaupt nicht mehr möglich ist. Dem Papst setzt aber bei jedem Versuch die Machtpyramide in ein Netzwerk zu verwandeln der vatikanische Machtapparat Widerstand entgegen. Da könnte es ihm eben helfen, sich auf das Subsidiaritätsprinzip zu berufen, dem schon seine Vorgänger Ansehen und Gewicht verliehen haben.

Ich habe also in kürzester Form – in nur vier Zeilen auf Spanisch – mein Anliegen aufgeschrieben: die Bitte an Papst Franziskus, darüber zu sprechen, wie das Subsidiaritätsprinzip praktisch in der Kirche angewendet werden könnte.»

5.5. Weihnachten geht nicht nur uns Christen an (2016): Interview von Josef Wallner mit Bruder David:

«Als Benediktiner sind Sie ein Mann der Kirche. Warum tun sich viele Menschen mit der Kirche so schwer? Schmerzt Sie das?»

«Ja, es tut mir weh, aber ich tu mir ja selber mit der Kirche schwer. Die Krise der Kirche – das ist wiederum so ein Engpass, durch den wir mit Gottvertrauen durchgehen müssen. Der Engpass lässt sich kurz so umreißen: Jesus hat zu seinen Lebzeiten das Reich Gottes auf Erden damit angebahnt, dass er arme Menschen inspiriert hat, noch ärmeren zu helfen. Das kann man historisch ganz überzeugend rekonstruieren. Kirche hat ursprünglich mit kleinen Gemeinden begonnen. Paulus spricht von der Kirche im Haus von Nympha oder von Priscilla and Aquila. Die Kirche war eine konkrete kleine Gemeinschaft. Nur abstrakt konnte man von der Kirche im Allgemeinen sprechen, von der Vernetzung der kleinen selbständigen Netzwerke zum Zweck gegenseitiger Hilfe. Durch Kaiser Konstantin wurde aus dem Hilfsnetz eine Machtpyramide. Das ist die Katastrophe.

Mit der Kirche als Machtpyramide haben viele von uns große Schwierigkeiten. Aber diese Form von Kirche ist am Zusammenbrechen. Ob wir es wollen oder nicht. Man braucht schon gar nicht mehr daran rütteln. Wir müssen uns vielmehr bemühen wieder Netzwerke zu schaffen, damit die Botschaft vom Reich Gottes nicht verstummt, wenn die Machtpyramiden-Kirche verschwindet. Gott sei Dank haben wir in Franziskus einen Papst, der um eine neue Form von Kirche bemüht ist – um die ursprüngliche, soweit das in seinen Händen liegt. Er setzt auch ganz klare Zeichen, die zeigen, dass er nicht an der Spitze einer Machtpyramide stehen will. Papst Franziskus ruft vielmehr zur Zusammenarbeit und zum Miteinander auf. Ich bin sehr dankbar für unseren Papst.»]

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[1] Ich bin durch Dich so ich (2016): 8. Kontemplation und Revolution, 1996-2006, 157f.

[2] Wie «gratefulness» nach Europa kam (2020)

[3] Ebd. 158-160 geht Bruder David auf die Geschichte von Esalen ein und fasst zusammen:

«Rückblickend scheint mir, dass sich hier der Gegensatz von Netzwerk und Pyramide in Kleinformat darstellte. Im Bereich von Programmen für Unternehmer hat Esalen sich zwar verdient gemacht und ich durfte selbst an Konferenzen teilnehmen, bei denen Geschäftsleute und bahnbrechende Vordenker aus dem Bereich der Ökonomie neue, humanere Modelle der Betriebsführung vorstellten. Verwaltungsmässig aber folgt Esalen dem herkömmlichen Modell und die Hoffnungen von Dick Price [der 1961 mit Mike Murphy das heutige Esalen gründete] und dem Netzwerk der ursprünglichen Kommune gehören der Vergangenheit an.»

[4] Ich bin durch Dich so ich (2016): 8. Dialog, 166-168

[5] Film Aus Dankbarkeit kraftvoll führen (2019), siehe auch Mitschrift des Vortrages, 6f.


Quellenangaben

Text und Audio von Br. David Steindl-Rast OSB

kreuz b kraehmer titelCopyright © - Barbara Krähmer

Geschichte war nie mein Lieblingsfach. Unter Hitler waren wir überzeugt, dass unsere Geschichtsprofessoren uns belogen, weil die ganze Vergangenheit zugeschnitten werden musste auf ihre glorreiche Krönung durch das Dritte Reich. Jetzt aber reizte es mich, etwa die Grundidee der (allerdings dann völlig aufs falsche Gleis geratenen) Französischen Revolution mit frischen Augen zu überprüfen, und ich fand sie begeisternd.

«Liberté, Égalité, Fraternité» ‒ war darin nicht die Idee für eine Neuordnung enthalten, die damals schon dringend notwendig war, von der heute aber unser Überleben abhängen könnte?

Freiheit beginnt und endet mit Gewaltfreiheit, zu der ich mich verpflichte. Gewalt macht unfrei, denn sie ist die Perversion von Macht.

Die einzig schöpferische Anwendung von Macht ist die Ermächtigung anderer, und sie befreit den, der ermächtigt, nicht weniger als den, der sich ermächtigt weiß.

Gleichheit ist nicht Gleichmacherei, sondern Gleichberechtigung. Es wurde mir immer deutlicher, dass eine dynamische Ordnung auf diesem Grundrecht beruht. Wo wir die Furcht überwinden, da wird aus dem Konkurrenzkampf ein Zusammenspiel von Geben und Nehmen unter Gleichberechtigten ‒ aber auch Gleichverpflichteten.

Brüderlichkeit betont die Gleichheit, indem sie ihren Ursprung benennt, dass wir eben alle der einen Menschheitsfamilie angehören, und weist zugleich auf den schönsten Ausdruck des Familiensinns hin: aufs Teilen.[1]

Johannes Kaup: «Das dominante Denkmodell, in dem wir jetzt noch leben und das auch in den 90er-Jahren ganz erfolgreich propagiert wurde, ist das Wettbewerbsdenken: Wir stehen alle im Wettbewerb miteinander, das wurde bis ins Bildungssystem hinein implementiert. Die Vertreter dieses Modells argumentieren so: Der Wettbewerbsgedanke steckt schon von Anfang an in allen Menschen. Es geht nur darum, dass man ihn zum Wohl der Gesellschaft lenkt. Man kann das schon im Kindergarten beobachten: Die Kinder konkurrieren um das beste Spielzeug, um die Gunst der Erzieherinnen, in der Schule konkurrieren sie um die besten Noten, am Arbeitsplatz um die beste Position, um das Einkommen, im Kunst- und Kulturbetrieb um die meiste Anerkennung, die beste Position, in der Politik um Wählerstimmen.

Überall, wo wir hinschauen, ist Wettbewerb. Aber Wettbewerb bedeutet auch: Es gibt Gewinner und Verlierer.

Ganz tief in uns drin haben wir gelernt, dass es ohne Wettbewerb keinen Antrieb gäbe, uns anzustrengen und weiterzuentwickeln, etwas Großes zu schaffen. Es scheint also, dass Konkurrenz und Selektion die entscheidende Triebfeder für den Fortschritt sind. Stimmt das Ihrer Ansicht nach?»

Bruder David: «Nur halb. Im Konkurrenzgedanken, wie wir ihn kennen, ist zweierlei enthalten: einerseits das Bestreben zu übertreffen und andererseits das Bestreben, den anderen zu übertreffen. Das ist zweierlei und nur in unserem Denken so vermischt, dass wir es kaum unterscheiden können. Aber es lässt sich unterscheiden.»

Johannes Kaup: «Der Unterschied könnte sein, einerseits gut zu sein und andererseits besser als ein anderer zu sein.»

Bruder David: «Das Gut-sein-Wollen, das Sich-selbst-übertreffen-Wollen ist positiv. Aber wie gut ich bin, daran zu messen, wie weit ich den anderen herunterdrücken kann, das ist falsch, weil es lebenszerstörend ist. Auch das lässt sich an der Natur ablesen: Hier will jede Pflanze sich und ihr innerstes Leben verwirklichen, aber nicht die andere unterdrücken.»

Johannes Kaup: «Es gibt auch Unkrautpflanzen, die andere überwuchern, sich auf Kosten der anderen entfalten.»

Bruder David: «Das ist Interpretation. Nicht auf Kosten der anderen. Sie wollen sich entfalten und tun das auch, aber nicht im Kampf gegen die anderen. Das als Kampf anzusehen, ist die Interpretation, die wir dem Beobachteten überstülpen. Die andere Pflanze muss sich umso mehr entfalten in ihrer Art und das heißt vielleicht, dass sie sich verändern muss. Es geht um gegenseitige Beeinflussung.»

Johannes Kaup: «In der Pflanzenwelt gibt es aber auch Verdrängung: In den Alpen wurde beispielsweise vor einigen Jahren eine Himalaya-Pflanze eingeschleppt und sie verdrängt massiv heimische Arten, einfach deshalb, weil sie widerstandfähiger ist. Von daher ist das Bild vielleicht etwas schief.»

Bruder David: «Aber die Verdrängung anderer Pflanzen ist ein Nebenprodukt der Selbstentfaltung, nicht das Ziel. Darin liegt der Unterschied. Für uns Menschen ist das höchste Ziel Entfaltung und Zusammenspiel aller. Ich erinnere mich an einen Bericht über Indianerkinder, die einen Fußball bekommen haben. Sie haben begeistert mit dem Ball gespielt, aber dann wurden sie in Mannschaften aufgeteilt und mussten gegeneinander spielen. Auf einmal haben sie das Interesse völlig verloren. Ihre Freude kam vom Miteinander, nicht vom gegeneinander Spielen.»

Johannes Kaup: «Ich finde, auch das Gegeneinander hat einen Reiz, solange es ein Spiel ist und nicht Scham und Angst erzeugt.»

Bruder David: «Solange man sich freuen kann, wenn der andere gewinnt.»

Johannes Kaup: «Ich spiele ebenfalls Fußball zusammen mit anderen. Aber ich möchte auch ein Tor schießen. Wenn allerdings ein anderer aus meiner Mannschaft die Möglichkeit hat, dann freue ich mich mit ihm.»

Bruder David: «Kann ich mich nicht auch freuen, wenn die andere Mannschaft ein Tor schießt? Geht es um das Besiegen der Gegenpartei oder um ein begeisterndes gemeinsames Spiel? Je besser ich spiele, desto mehr treibe ich den anderen an, noch besser zu spielen. Das wäre Konkurrenz, wie sie sein sollte, nicht wie sie ist.»

Johannes Kaup: «Das ist sozusagen Qualitätskonkurrenz und nicht Verdrängungskonkurrenz.»

Bruder David: «Ja! Das sind hilfreiche Begriffe in diesem außerordentlich schwierigen Bereich. Der eine Aspekt von Konkurrenz, die höchstmögliche Selbstverwirklichung, ist positiv zu bewerten und ist auch mit die Triebfeder für Entwicklung und Entfaltung.»

Johannes Kaup: «Das andere Verständnis der Konkurrenz scheidet die Menschen in die Erfolgreichen, die Gewinner, und die Verlierer auf der anderen Seite. Wir sehen das im Weltmaßstab: Manche Volkswirtschaften sind darauf angelegt, die übrigen abzuhängen. Das hat soziale Konsequenzen, wenn andere Nationen im Verlauf abgehängt werden in ihrer sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung. Vom System her betrachtet, kann das nicht gesund sein.»

Bruder David: «Das System ist das Wichtige. Man muss auf das Ganze schauen und sehen, wie der Erfolg des Einzelnen im Rahmen des Ganzen wirkt. Im Rahmen des Ganzen ist das Sich-selbst-Übertreffen positiv zu werten, aber eine Selbstverwirklichung auf Kosten des anderen, das scheint mir im Großen gesehen das System nicht zu fördern.»

Johannes Kaup: «Vor allem, weil es von einer falschen Selbsterfahrung ausgeht, denn eigentlich sind wir immer von anderen, durch andere und auf andere hin.»

Bruder David: «Richtig. Diese Sichtweise auf die Dinge stammt schon von einem isolierten und abgetrennten, abgesonderten und daher sündigen Ich, vom Ego und nicht vom Ich-Selbst, das sich mit allen anderen verbunden weiß.»[2]

(Die Quellenangabe zum obigen Text in Anm. 1f.)

[Ergänzend:

Audio Dankbarkeit als Achtsamkeit im Dialog (2014); siehe auch Transkription des Vortrages:

(16:39) Was meinen wir mit Ego im Zusammenhang mit Ich und Ich-Selbst?

(20:41) Das Ich ist einzigartig ‒ das Selbst ist Eines. ‒ Wenn das Ich das Selbst vergisst, wird es zum Ego: Das Ich auf der langen fließenden Skala zwischen dem weit offenen lebensfrohen Ich-Selbst und dem ganz in sich verschrumpften kleinen Ego.

(26:44) Das Ego und die Folgen: Furcht, Gewalttätigkeit, Konkurrenzkampf, Gier:

(26:44) «Warum ist das Ego aber schlecht, was ist das Problem, wenn man vergisst, dass wir alle eins sind? Darum geht’s ja: Wenn man das Selbst vergisst, hat man vergessen, dass wir alle eins sind. Warum ist das so problematisch?

In dem Augenblick beginnt alles schief zu gehen.

Und zwar das Erste, das immer passiert, ist: Wir bekommen Furcht. Wir fürchten uns. Wenn ich glaube, dass ich jetzt allein bin man braucht sich ja nur einen Augenblick in dieses Ich jetzt einlassen und ganz wirklich versuchen, das Selbst ein bisschen auszublenden und zu vergessen, dann muss ich mich ja fürchten. Da sind diese ganzen Millionen und Milliarden von anderen Ich rund und mich herum: Wir haben nichts gemeinsam oder sehr wenig und jedes Ich ist die Mitte seiner Handlungen und seines Lebens. Da muss ich mich ja fürchten, dass die Anderen mir was antun.

Also das erste, was immer der Furcht entspricht, ist Gewalttätigkeit.

Ich muss mich wehren. Das ist ganz instinktiv und notwendig. Sobald ich das Selbst vergesse, muss ich mich wehren. Ich muss mich wehren, die Anderen könnten ja mir vorankommen, auf mich steigen, höher klettern als ich. Da beginnt der Konkurrenzkampf.

Furcht führt zu Gewalttätigkeit, führt zu Konkurrenzkampf, ich muss mich wehren gegen die Anderen, ich muss ihnen zuvorkommen Konkurrenzkampf ist ja auch ein Kampf , und dann kommt der Kampf ums tägliche Brot. Und das artet aus in Gier, weil ich wieder Angst habe, Furcht, dass da nicht genug ist für so viele; um Himmelswillen! ist ja nicht genug. Da muss ich mich bereichern. Da muss ich schauen, dass auch für mich genug da ist.

Also alles, was in unserer Welt zum Verderben führt: zunächst die Furcht, dann die Gewalttätigkeit, dann die Konkurrenz der Konkurrenzkampf , und dann die Gier: Das entspringt alles dem Ego. Und das in unserem persönlichen Leben.]

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[1] Ich bin durch Dich so ich (2016): 8. Kontemplation und Revolution, 156f.

[2] Ich bin durch Dich so ich (2016): 8. Dialog, 169-171



Quellenangaben

Text und Audios von Br. David Steindl-Rast OSB

kreuz b kraehmer titelCopyright © - Barbara Krähmer

Streng genommen kann es keinen äußeren Beweis für die Auferstehung geben, nur Indizien wie etwa das Zeugnis der ersten Christen oder das oben erwähnte Grabtuch von Turin.[1] Für ein Ereignis, das sich am Grat zwischen Zeit und Ewigkeit abspielt, kann es nur innere Beweise geben.

Wir wissen hier in der Zeit um etwas, was über die Zeit hinausgeht.

Das Leben des Auferstandenen gehört der Ewigkeit an, dem Jetzt, das alles Vorher und Nachher einschließt.

Jesus Christus ist «in Gott verborgen» (Kol 3,3).

Sein Leben ist in Gott aufgehoben, und zwar in dreifachem Sinn: in der Zeit ist es gelöscht; jenseits der Zeit ist es unzerstörbar bewahrt; zugleich ist es in Gottes Gegenwart hinein überhöht, so dass es im Geist der Liebe die ganze Welt durchwirkt.

Was man einen inneren Beweis nennen könnte, sieht so aus: Zu wissen, wofür Jesus lebte und sein Leben hingab, bedeutet, Gottes Weisheit und Macht darin zu erkennen.

Diese Weisheit ist aber nach weltlichem Ermessen Torheit, diese Macht Schwachheit. In der Sprache Martin Luthers:

«Die göttliche Torheit ist weiser, als die Menschen sind; und die göttliche Schwachheit ist stärker, als die Menschen sind» (1 Kor 1,25).

Gottes Autorität lässt sich aber nicht auf immer ignorieren. Es ist ja die Autorität der Liebe, um die es hier geht, und wir wissen im Innersten, dass dies die letztgültige Autorität ist.

Früher oder später ‒ am dritten Tag ‒ muss es sich erweisen: Liebe ist stärker als der Tod.

Wir wissen das in unserem Herzen, schon bevor das Zeugnis der Jünger von der Auferstehung es uns von außen her bestätigt.

Wie weit die Auferstehungstexte der Evangelien geschichtliche Berichte sein mögen, wie weit Bildersprache für etwas Unbegreifliches, ist diskutabel. Eines wissen wir jedenfalls:

Die Jünger erlebten das, was sie seine Auferstehung nannten als ein Ereignis, das ihr Leben von Grund auf veränderte.

Durch den Tod Jesu zerschmettert und mutlos gemacht, setzen sie sich kurze Zeit später (vielleicht nicht genau ‹am dritten Tag›) unbeirrt für die Ideale Jesu ein. Sie stehen vor den Obrigkeiten, die ihn zum Tod verurteilt hatten und sagen unerschrocken, ja, fast tolldreist:

«Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen. Der Gott unserer Väter hat Jesus, den ihr ans Kreuz gehängt und umgebracht habt, auferweckt. ... Und wir sind Zeugen dieser Ereignisse» (vgl: Apg 29-32).

Auch wenn das in diesen Worten erst am Ende des 1. Jahrhunderts niedergeschrieben wurde, haben wir mit dem ersten Thessalonicherbrief schon aus dem Jahre 50 oder 51 ein schriftliches Zeugnis, das beweist, dass dieser psychologisch schwer erklärliche Umschwung kurz nach Jesu Tod stattgefunden haben muss.

Stellen wir uns einmal vor, dass ein Wissen um die äußeren Umstände, die den Glauben der Jünger an die Auferstehung und ihre darauf gründende Begeisterung auslösten, uns grundsätzlich versagt wäre. Würde uns das die Möglichkeit nehmen zu leben, wie Jesus lebte, ermächtigt von demselben Geist, der ihm Macht gab?

Wenn wir so lebten ‒ aus unserem Christus-Selbst heraus, dann könnte unser eigenes Lebenszeugnis ja als eine Art Beweis für sein Leben gelten ‒ hier und jetzt ‒ seinem Tod zum Trotz.[2]

Unsere polarisierte Welt fordert uns alle heraus, Brücken zu bauen statt Mauern. Für uns Christen wäre das zugleich ein Brückenschlagen auf die Kirche der Zukunft hin. Ein Blick auf Jesu Tod und Auferstehung kann uns das nahebringen.

Um die Gottesherrschaft mitten unter uns (Lk 17,21) aufzurichten, zog Jesus durch Galiläa und organisierte eine von der römischen Besatzungsmacht unterdrückte und ausgebeutete Unterschicht zur Selbsthilfe.

Er sandte auch Mitarbeiter aus (Lk 10,1), um das Reich Gottes ganz gezielt im Gegensatz zur Machtpyramide Roms als Vernetzung kleiner Netzwerke aufzubauen.

Trotz aller Gegensätze zwischen Kaiphas und Pilatus, saßen beide an der Spitze der Pyramide, die Jesus zu erschüttern drohte, wenn er sagte:

«Der Größte von euch soll euer Diener sein» (Mt 23,11).[3]

Die Gewalthaber machten also gemeinsame Sache und «eliminierten» den Revolutionär.

Jesus wurde als politischer Verbrecher hingerichtet. Die Kreuzesstrafe war ausschließlich Aufrührern und davongelaufenen Sklaven vorbehalten. Ihr Verbrechen: Sie unterminierten die Grundlage der römischen Machtpyramide. Und genau das hatte Jesus sich zuschulden kommen lassen.

Ein Jude verstand sich mit Gott durch seine Zugehörigkeit zum auserwählten Volk verbunden.

Da die höchste religiöse Autorität seines Volkes Jesus ausgestoßen hatte, mussten seine Jünger annehmen, dass er auch von Gott verdammt war.[4]

Aber das Umwerfende der Osterbotschaft war: Gott hat Jesus auferweckt und so das Herzstück seines Wirkens, die Aufrichtung der Gottesherrschaft gerechtfertigt.

Das sendet die Apostel als Zeugen für das Reich Gottes in alle Welt.

Ein Schlüsselwort der Auferstehungsbotschaft ist:

«Fürchtet euch nicht!» (Mk 16,6).

Auf Furcht setzt das Grundmodell der vorherrschenden Weltordnung: die Machtpyramide.

Bei Johannes heißt sie darum einfach «die Welt» – nicht die Welt, die Gott so sehr geliebt, sondern die Welt, die ihn nicht erkannt hat.

Von ihr sagt Jesus Christus:

«In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden» (Joh 16,33).

Auch für uns gilt:

«Dies ist der Sieg, der die Welt überwindet: unser Glaube» (1 Joh 5,4).

Der Auferstandene siegt durch gläubiges Vertrauen auf Gott über alle Furcht der Welt.

Furcht müssen wir dabei freilich von Angst unterscheiden. Angst ist unvermeidlich. Sie ist die Enge, in die uns das Leben immer wieder führt. Furcht sträubt sich und bleibt in der Angst stecken.

Der Glaube geht voll Vertrauen weiter und auch die engste Passage führt zu einer neuen Geburt.

Jesus selbst schwitzt Blut vor Todesangst (Lk 22,44), furchtlos aber vertraut er dem Vater und wird so zum «Erstgeborenen von den Toten» (Offb 1,5).

Furcht baut Mauern,
Vertrauen baut Brücken.

Beides ‒ und das ist die Tragik der Kirchengeschichte ‒ finden wir innerhalb der einen Kirche. Sie wurzelt in der Predigt Jesus vom Reich Gottes, verweltlicht aber zur Machtpyramide und baut Mauern von Furcht, Ausgrenzung und Habsucht.[5]

Eine katastrophale Entwicklung war es, dass die Kirche schon bald von der Netzwerkstruktur des «Reiches Gottes» auf die der Machtpyramide Roms zurückfiel. In ihr aber sprangen immer wieder Gruppen auf, die das ursprüngliche Ideal verwirklichten.

Ein Beispiel sind die ersten Jünger des heiligen Franziskus. Und jede Klostergemeinschaft ist ein Versuch «Reich Gottes» zu leben.

Überall in der Welt entstehen heute Gruppen, die oft vom «Reich Gottes» keine Ahnung haben, aber es doch verwirklichen, indem sie sich vom «Ich-Denken» zum «Wir-Denken» bekehren und für ihr Gemeinschaftsleben von der Natur lernen.

Ihre Ehrfurcht vor der Natur ist, ob sie es wissen oder nicht, Ehrfurcht vor Gott, der uns im innersten Mysterium der Natur begegnet.

Noch ist Zeit, diese kleinen Netzwerke zu einem weltumspannenden Netzwerk des «Wir-Denkens» zu verweben.

Wenn uns das gelingt, dann kann die ganze Menschheitsfamilie ein gemeinsames Alleluja singen.[6]

(Die Quellenangaben zum obigen Text in Anm. 2, 5f.)

[Ergänzend:

1. Kreuz und Auferstehung

2. Löwe Lamm und Kind (1992);
Vortrag:
[7]
(37:15) «Wir können nicht genau sagen, worin sich die Auferstehung historisch ausgedrückt hat, wir wissen es nicht: war es das leere Grab, waren es Erscheinungen ‒ nichts davon ist letztlich zwingend, selbst wenn wir es historisch ganz genau festnageln könnten. Das Entscheidende daran ist, dass seine Jünger, die ihn verlassen haben, nach seinem Tod klar sehen: Er ist wirklich gestorben, er ist wirklich tot und siehe: Er lebt.

Und das wird auch wieder in dem Bild des Lammes ausgedrückt, das Lamm, das die Todeswunde trägt in der Apokalypse und doch lebendig ist.

Oder wie es in dem Osterhymnus heißt: ‹Agnus redemit oves›: ‹Das Lamm, das Opferlamm hat die Schafe erlöst.› Und zwar, weil er für uns und für unsere Entfremdung gestorben ist:

In der Art von Welt, die wir aufgebaut haben, muss jemand, der so lebt wie Jesus dafür sterben: Das ist das letzte Wort über die Autoritätskrise ‒, aber nur das vorletzte Wort, denn das letzte Wort ist das Wort von der Auferstehung:

Dieses Leben lässt sich nicht auslöschen.

Und das haben seine Jünger gesehen und das ist das Entscheidende an der Auferstehung und darum können wir uns nicht entschuldigen:

Wenn irgendjemand von uns einen einzigen Menschen kennengelernt hat im Leben, der aus dieser Lebenskraft Jesu lebt, dann haben wir die Auferstehung erlebt.

Und dann ist das eine Herausforderung für uns: Für das Reich Gottes ‒ so kann man leben ‒, aus dieser Erfahrung der Zugehörigkeit kann man ein befreites Leben, ein erlöstes Leben leben, ein Leben des Zusammenwohnens von Löwe und Lamm, ein Leben, in dem alle eine Gemeinschaft teilen können.

Und das ist der Sieg des Löwen aus dem Stamme Juda, von dem es in Jesaja heißt (Jes 9,5): ‹Ein Sohn ist uns geboren, ein Kind ist uns geschenkt› und seine Namen zeigen das schon an:

‹Wunderbarer Ratgeber›: Einen solchen Sieg, einen Sieg, der aus der Schwachheit des Lammes entspringt, einen Sieg, der durch den Tod des Siegers errungen wird, das ist wunderbarer Rat, den hätten wir nie erfinden können.

Er heißt: ‹Wunderbarer Ratgeber›, ‹starker Gott›: Die Schwäche Gottes ist stärker als unsere Kraft.

‹Vater der Zukunft›: Nur darin liegt Zukunft überhaupt. Nur in diesem Zusammenbringen von Demut und Glorie, in diesem Sieg des Löwen und des Lammes liegt die Zukunft.

Und ‹Fürst des Friedens›. Aber eines Friedens, wie ihn die Welt nicht gibt.

Ich darf vielleicht mit einem Erlebnis abschließen, das immer wieder mich daran erinnert, es hat sich schon vor vielen Jahren ereignet, dass dieses Friedensreich, in dem das Kind Lamm und Löwe zur Weide führt, ja nicht erst am Ende der Zeiten sich ereignen wird, sondern jetzt schon unter uns aufbricht. ‹Das Himmelreich ist mitten unter uns› (Lk 17,21), wie Jesus sagt.

Und zwar war ich da auf einer Tagung, bei der Vertreter der verschiedenen Religionen teilnahmen: verschiedene Gruppen von Christen, Buddhisten, Hindus, Muslimen, Sufis, Juden, und einer der jüdischen Rabbis steht auf und erzählt aus der chassidischen Tradition ‒ das war ein wunderbares Erlebnis ‒ folgende Geschichte und der Rahmen gibt dem Ganzen erst das Gewicht:

Einer unserer großen Meister hat mit seinen Jüngern gemeinsam den Sabbat gefeiert und die Begeisterung und das Zusammensein hat einen solchen Gipfel erreicht, dass der Lehrer plötzlich einen der Schüler wegschickt und sagt: ‹Geh schnell zum Fenster und schau, ob der Messias nicht schon gekommen ist, das Friedensreich nicht schon angebrochen ist›. Und der Schüler geht zum Fenster und schaut hinaus, und draußen geht alles so vor sich wie bisher, man kauft und verkauft … Dann kommt er zurück und sagt: ‹Leider keine Rede vom Kommen des Messias›. Und da sagt ein anderer zu dem Meister: ‹Aber Rabbi, wenn der Messias wirklich gekommen wäre, müssten wir dann zum Fenster hinausschauen? Würden wir es nicht gleich hier bemerken›? Worauf der Rabbi sagt: ‹Aber hier ist er ja schon gekommen.›»[8]

3. Retreat-Woche in Assisi (1989)
‹Nur die dichterische Sprache ist tragfähig genug, um so viel Wahrheit zu tragen›: Das Glaubensbekenntnis im Licht der großen Menschheitsmythen:
(40:55) ‹Warum sucht ihr den Lebenden bei den Toten›? (Lk 24,5) ‒ ‹Wenn es sich hier davon handelt, von dem zu erzählen, der das Leben ist und der uns die Antwort darauf gibt, was Leben heißt, ist die einzige Form, die sich dafür anbietet, der Mythos vom Helden.›

(44:05) Vergleich mit der früheren Deutung der Auferstehung: ‹Euer Leben ist mit Christus verborgen in Gott› (Kol 3,3)]

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[1] Im Credo (2015), 133-137 und 152f. im Zusammenhang mit der Frage: ‹Wurde Jesus begraben? und: ‹welche äußeren Ereignisse könnten den Auferstehungsglauben der Jünger ausgelöst ‒ nicht bewirkt! ‒ haben?› gibt Bruder David einen Überblick zu den Forschungsergebnissen in Bezug auf auf das Sindon, das Grabtuch von Turin, wie auch auf das Sudarium (= Schweisstuch) von Oviedo, und bemerkt: ‹Zwingende Beweise, dass Sudarium und Sindon zusammengehören, werden sich kaum erbringen lassen, auch nicht der Nachweis, dass das Sindon das Grabtuch Jesu ist …›.

[2] Credo (2015), 151f. und 154

[3] Siehe auch Mk 10, 42-44; Lk 22,25f.

[4] Ausführlich in Reich Gottes ‒ ‹gekreuzigt›: Ergänzend: 1. (Text), 3.1.-3.2. (Audios) und Anm. 6: Verweis auf Galaterbrief 3,13 und 5 Mose 21,23

[5] Brücken statt Mauern (2017)

[6] Osterbrief 2023

[7] siehe auch die Transkription des Vortrags (25:21-36:05) in Jesus zu Beginn des Textes mit Quellenangabe in Anm. 5

[8] Siehe auch den Bericht von Bruder David im Buch Ich bin durch Dich so ich (2016), 98, in Reich Gottes: Ergänzend: 1.2. (Audio)



Quellenangaben

Text und Audios von Br. David Steindl-Rast OSB

kreuz b kraehmer titelCopyright © - Barbara Krähmer

Vernetzung ist ein Begriff, der mir persönlich hilft, dem Wirken dessen in der Welt näher zu kommen, was das Credo den Heiligen Geist nennt. Freilich sollten wir von einem Begriff nicht allzu viel erwarten; er hilft uns bestenfalls zu intellektueller Klarheit.

Wahre Einsicht muss auf persönlicher Erfahrung gründen.

Da wir in jedem Augenblick Vernetzung erleben, fällt sie uns meist gar nicht mehr auf. Alles ist ja mit allem vernetzt.

Es kann also hilfreich sein, ein Beispiel zu wählen, bei dem uns eine ganz erstaunliche Vernetzung bewusst wird. C. G. Jung spricht da von Synchronizität. Wir erleben gewisse Ereignisse als bedeutungsvoll miteinander vernetzt, ohne dass sie wie Ursache und Wirkung verbunden wären.

Die meisten Menschen können sich an synchronistische Erlebnisse erinnern. Als Anregung für Erinnerungen der Leserinnen und Leser möchte ich hier von einer meiner eigenen berichten. In den Neunzigerjahren durfte ich am Schumacher College im Südwesten Englands unterrichten. Die umliegenden Teile der Provinz Devon bieten besonders reizvolle Gelegenheiten für Wanderungen. Es traf sich, dass ich zwei aufeinander folgende Tage frei hatte, und William Thomas, ein Mitarbeiter, mit dem ich mich dort angefreundet hatte, bot sich als Führer an für einen Streifzug durch das herrlich wilde Hochland des nahegelegenen Naturschutzparks.

Wir sprachen über vielerlei, als wir so miteinander durch eine Landschaft von karger, rauer Schönheit wanderten und da kam das Gespräch auch auf Synchronizität. William erzählte mir von einem Lehrer aus Indien, der sich in den Straßen von London um körperlich und geistig «gebrochene» Menschen annahm, wie er das ausdrückte. Es traf sich nun, dass William eine ganze Liste von Bezeichnungen für Schmetterling in verschiedenen Sprachen zusammengestellt hatte ‒ butterfly, mariposa, farfalla, papillon ‒ und so fragte er diesen Lehrer, wie man den Schmetterling in Indien wohl nenne. «Warte», sagte der, «ich habe den Dialekt, mit dem ich in Indien aufwuchs, schon so lange nicht mehr gesprochen; was war nur unser Wort für Schmetterling? Schmetterling …»

In diesem Augenblick, so erzählte William weiter, kam, wie auf den Ruf des Lehrers hin, ein Schmetterling da mitten in London, und setzte sich dem Lehrer auf die Brust. Noch dazu hatte dieser Schmetterling einen gebrochenen Flügel, wie um die «gebrochenen» Menschen zu verkörpern, die dem Herzen des Lehrers so nahe standen.

Ein eindrucksvolles Beispiel von Synchronizität. Was sich aber während Williams Erzählung ereignete, war noch eindrucksvoller. Auf unserer ganzen Wanderung hatten wir noch keinen Schmetterling gesehen, aber während William sprach, bemerkte ich, dass einer auf uns zugeflattert kam. Im Augenblick als er erzählte, «und der Schmetterling setzte sich dem Lehrer auf die Brust», schwebte unser eigener Schmetterling direkt vor mir und ‒ «Nein, nein, das kann doch nicht sein!» schrie alles in mir ‒ er setzte sich mir aufs Herz.

«Vernetzung» war auch für Thomas Mertons theologisches Denken ein wichtiger Begriff. Seine Erfahrung als Mönch hatte ihn gelehrt, dass der Heilige Geist alles mit allem vernetzt. Kurz vor seiner Reise in den Fernen Osten, von wo er nicht zurückkehren sollte, verbrachten wir gemeinsam einige Tage in einem Kloster in Nordkalifornien.

Das Thema Vernetzung war in unseren Gesprächen lebendig geworden, und jetzt stand Merton zur Eucharistiefeier am Altar der Kapelle. Die Wand hinter dem Altar war ganz aus Glas, ein einziges großes Fenster mit Ausblick auf eine von Mammutbäumen umstandene Lichtung. Sonnenlicht strömte in leuchtenden Farben schräg durch die Kronen der uralten Bäume herab. Das Tagesevangelium sprach vom Reich Gottes als einem großen Hochzeitsfest. Niemand konnte voraussehen, wie dramatisch die Vernetzung zwischen dieser Frohbotschaft und der Natur da draußen sich uns bald darauf darstellen sollte ‒ die Vernetzung zwischen Liturgie und instinktivem Verhalten, zwischen einem Ritual von uns Menschen und einem von Insekten.

Zur Zeit der Kommunion entfaltete sich vor uns ein erstaunliches Schauspiel: Völlig gleichzeitig mit unserer Kommunionsprozession in der Kapelle setzte sich draußen eine zweite in Bewegung, eine Hochzeitsprozession fliegender Ameisen ‒ tausende im Abendlicht glitzernder Flügelchen zogen über die Waldlichtung. In solchen Augenblicken weckt uns das Wunder der Vernetzung auf, und wir sind hellwach.

Jedoch selbst wenn wir uns dessen nicht bewusst sind, ereignet sich ununterbrochen die geheimnisvolle Vernetzung aller Dinge und Ereignisse um uns und in uns.

Weil Gott Liebe ist, und Liebe das gelebte «Ja» zur Zugehörigkeit, und Zugehörigkeit die Innenansicht sozusagen von dem, was wir von außen betrachtet «Vernetzung» nennen, dürfen wir sagen, dass der Heilige Geist die innigste Vernetzung von allem mit allem bewirkt.

Und weil Jesus Christus das «Ja» der Liebe zu vorbehaltsloser Zugehörigkeit vorbildhaft verwirklichte, dürfen wir ihn im Credo als «Empfangen durch den Heiligen Geist» bekennen.

Gewiss: das ist poetische Sprache; aber auf welche Weise sollten wir es denn sonst ausdrücken? Wir dürfen diese dichterische Ausdrucksweise nur nicht wörtlich nehmen. Carl Friedrich von Weizsäcker soll gesagt haben, man habe die Wahl, die Bibel wörtlich zu nehmen ‒ oder ernst. Wir wollen sie ernst nehmen. Dann werden wir uns aber nicht um ihre schwerwiegenden Anforderungen herumdrücken können.

Wir werden uns tief bewegt finden von der Kraft und Zartheit, der revolutionären Leidenschaftlichkeit und dem leidenschaftlichen Pazifismus Jesu Christi, der tatsächlich Gottes Lebensatem zu atmen scheint.

Dann wird das Beste in uns angefeuert werden durch sein Beispiel und seinen Geist in uns, den dieses Beispiel weckt.

Vernetzungen im Heiligen Geist sind nicht mechanisch zu verstehen. Die Verknüpfungen eines Fischnetzes oder selbst die Verbindungen in einem Cyber-Netzwerk bieten nur unzulängliche Bilder. Wir sollten eher an die Herzensverbindungen denken, die wir auf einem Hochzeitsfest feiern.

Wenn wir Beziehungen von Liebe und Freundschaft, von Treue und Vertrauen anknüpfen, dann können wir den Pulsschlag des Geistes in unseren Herzen fühlen.

In solchen Augenblicken beginnen wir zu ahnen, wie jene Welt aussehen könnte, nach der der Heilige Geist in uns sich sehnt.

Aber für diese Welt gibt es keinen im Voraus festgelegten Plan. Alles ist Improvisation. Jeder Einzelne von uns darf da mitträumen; wir sind Mitschöpfer.

Jesus erahnte Gottes Traum für die Welt und sprach vom Reich Gottes.

Dadurch dass wir uns um ein Herzensnetzwerk bemühen, tragen wir dazu bei, diesen Traum zu verwirklichen.

Und Du? Hast Du einmal Vernetzungen erlebt, die von Dir die Ausweitung eines zu engen Bewusstseins verlangten?

(Ich habe Beispiele dieser Art angeführt, als Fingerzeig auf noch weit tiefere Vernetzungen von allem mit allem im Heiligen Geist.)

Wenn Du die Kindheitsgeschichten Jesu bei Matthäus und Lukas als Aussagen über den erwachsenen Jesus liest, fühlst du dich bereichert, oder von etwas beraubt, das dir lieb war? Oder ein bisschen von beidem?

Wer außer Jesus kommt Dir in den Sinn, wenn Du daran denkst, dass der Heilige Geist Menschen braucht, um Herz mit Herz zu verknüpfen?

(Denke dabei nicht nur an die Heiligen der verschiedenen religiösen Traditionen, sondern auch an große Künstler, Erfinder, Diplomaten, Musiker, Autoren ...)

Kennst Du Vernetzungsbemühungen (vielleicht mit Hilfe des Internets), die durch den Heiligen Geist inspiriert zu sein scheinen?

Wenn wir um uns schauen, so erleben wir die Welt als sinnträchtig: schwanger mit Bedeutung. Jedes Ding sagt etwas aus ‒ manchmal so überwältigend wie ein sommerliches Gewitter, manchmal so zart wie ein Kücken, das soeben aus dem Ei geschlüpft ist.

In jedem Ding spricht uns etwas an, wenn auch nicht in Worten und Begriffen, so doch unserem Herzen vernehmlich.

Diese Erfahrung ist uns zugänglich; wir müssen nur unsere Scheu überwinden, und ‒ Selbsttäuschung vermeidend ‒ ein wenig introspektiv experimentieren.

Wir sollten vielleicht ein paar stille Minuten ohne Ablenkung mit einem Stein oder einer Blume verbringen und uns Rechenschaft darüber geben, was wir da erleben.

Hinter den Dingen begegnen wir einer Gegenwart, die uns «entgegenwartet», wie Rilke es ausdrückt: einer Gegenwart, die uns etwas sagt, oder schweigend auf unsere Antwort wartet.

Diese allgemein menschliche Erfahrung steht hinter dem «Gott sprach … und es ward» im biblischen Schöpfungsbericht. Wir haben es mit einem dichterischen Ausdruck zu tun, dafür dass jedes Ding und jede Begebenheit als Wort verstanden werden kann. Ein horchendes Herz weiß sich von Gott angesprochen in allem, was es gibt.

Auch in unserer Alltagserfahrung können wir diese große Gegenwart spüren.

In der Begegnung mit der Wirklichkeit wird uns nämlich etwas wie Vertrauenswürdigkeit bewusst, besonders in der Ordnung der Natur.

Es ist also nicht unvernünftig, wenn der Theologe H. Richard Niebuhr von «Verlässlichkeit im Herzen aller Dinge» spricht.

In allem, was es gibt, spürt unser horchendes Herz den Pulsschlag einer großen Gegenwart, auf die wir uns gläubig verlassen dürfen.

Und je mehr wir uns darauf verlassen, umso mehr erfahren wir tatsächlich diese Verlässlichkeit.

Auch das kann jeder Mensch selber nachprüfen, und es führt folgerichtig zu Dankbarkeit.

[Credo (2015): ‹Empfangen durch den Heiligen Geist›: ‹Persönliche Erwägungen›, 89-92, 54f.]

[Ergänzend:

1. Kosmische Intelligenz:

«Wir können unser Denken zu einem Werkzeug dieser schöpferischen Intelligenz machen, die stetig die Welt hervorbringt und erhält. Wenn wir uns dieser gütigen Kraft bereitwillig öffnen, hat sie die Kraft alles zu ändern, was nicht mit ihr in Einklang ist.»

2. Osterbrief 2023:

«Jesus hat ein Zusammenleben gelehrt, das er ‹Reich Gottes› nannte, das wir aber auch ‹Gotteshaushalt› nennen könnten, Gemeinschaftsleben, das dem Gemeinsinn der Vögel näher steht, als der Gesellschaftsordnung seiner und unserer Zeit. Er sagte: ‹Schaut euch die Vögel des Himmels an› (Mt 6,26) und baute eine auf ‹Wir-Denken› gegründete Gemeinschaft: Das ‹Reich Gottes›. Es war, wie wir heute sagen würden, ‹der Natur nachgebildet› ‒ der Natur, in deren innerstem Mysterium wir ‹Gott› begegnen. Dafür lebte und dafür musste er sterben, denn die Machtpyramide des ‹Ich-Denkens› erkannte, dass sie an ihrer Wurzel bedroht war.»

3. Arbeit und Schweigen, Beitrag von Bruder David im Buch Geist und Natur (1989), 300:

«Einer der frühen Kirchenväter hat schon deutlich gesagt: ‹Wenn es wahr ist, frag nicht, wer es gesagt hat. Die Wahrheit kommt immer vom Heiligen Geist›. Wenn wir das nur auch heute noch wüssten!»

Audio Das Leid des Lebens zu Herzen nehmen (1992)
Erstes Seminar mit Bruder David im Rittersaal des Schlosses Goldegg
Bruder David im Gespräch zur Frage:
(27:29) Flow, Yoga, Zen: Wenn es wahr ist und hilft, frag nicht, wer es gesagt hat, es kommt immer vom Hl. Geist (Kirchenvater)

4. Erinnerungen an die letzten Tage von  Thomas Merton im  Westen (1968); siehe auch Kosmische Intelligenz Ergänzend: 2.:

«‹Das Wichtigste ist, dass wir hier sind, in einem Haus des Gebets. Hier gibt es eine wahre und echte Verwirklichung des zisterziensischen Geistes, eine Atmosphäre des Gebets. Genießt es! Nehmt es in euch auf. Alles, die Redwood-Wälder, das Meer, den Himmel, die Wellen, die Vögel, die Seelöwen. In all dem werdet ihr eure Antworten finden. Da ist alles vernetzt›. (Die Vorstellung der ‹Vernetzung› war für Thomas Merton von geheimnisvoller Bedeutung.)

… An diesem Tag hatten wir als Evangelium das Gleichnis vom Reich Gottes als einem großen Hochzeitsfest gehört. Gleichzeitig mit dem Kommuniongang begannen fliegende Ameisen durch den ganzen Wald auszuschwärmen und erhellten ihn mit Zehntausenden von glitzernden Flügelchen wie in einem Hochzeitszug. Alles ‹vernetzt›.

Dort zu beginnen, wo du bist und dich der Vernetzungen bewusst zu werden, war Thomas Mertons Zugang zum Beten.»

5. Der Anspruch von Menschen und Tieren (1994):
Audio: Archetypen (C.G. Jung)
[1] und das Erleben von Schamanen
Audio:
Erlebnisse im Zug, beim Sterben, mit einer Osterkerze
Audio: Eine Kosmologie, die unser Leben bereichert]

 _________________

[1] C. G. Jung: «Eine junge Patientin hatte in einem entscheidenden Moment ihrer Behandlung einen Traum, in welchem sie einen goldenen Skarabäus zum Geschenk erhielt. Ich saß, während sie mir den Traum erzählte, mit dem Rücken gegen das geschlossene Fenster. Plötzlich hörte ich hinter mir ein Geräusch, wie wenn etwas leise an das Fenster klopfte. Ich drehte mich um und sah, dass ein fliegendes Insekt von außen gegen das Fenster stieß. Ich öffnete das Fenster und fing das Tier im Fluge. Es war die nächste Analogie zu einem goldenen Skarabäus, welche unsere Breiten aufzubringen vermochten, nämlich ein Scarabaeide (Blatthornkäfer), Cetonia aurata, der gemeine Rosenkäfer, der sich offenbar veranlasst gefühlt hatte, entgegen seinen sonstigen Gewohnheiten in ein dunkles Zimmer gerade in diesem Moment einzudringen.» [Quelle: Synchronizität (Wikipedia)]


Quellenangaben

Text, Film und Audios von Br. David Steindl-Rast OSB

kreuz b kraehmer titelCopyright © - Georg Stahl

«Augen ‒ was für ein staunenswertes Ergebnis der Evolution! Welch erschütterndes Ereignis ist ihre einmalige Entstehung, wie verblüffend ihre mehrmalige! Die Vielfalt von Augen in der Natur: welch Zeugnis unerschöpflicher Kreativität!

Was für ein einzigartiges Geschenk ist mein eigenes Augenlicht. Alle paar Sekunden erblindet ein Mensch irgendwo, meist in armutsgeprägten Ländern, an Augenkrankheiten, die durch einfache Mittel vermeidbar oder heilbar wären. Neun von zehn Menschen, die blind sind, müssten es nicht sein. Beim Augenaufschlagen am Morgen schon will ich daran denken. Unermüdlich will ich Elend bekämpfen.

Wie könnte ich sonst anderen überhaupt noch in die Augen schauen? Wie könnte ich Augenblick für Augenblick Auge in Auge mit Dir stehen?

‹Denn bei Dir ist die Quelle des Lebens, in Deinem Licht schauen wir das Licht.›[1] Amen»[2]

Der kürzeste Weg von unseren Sinnen zum Sinn führt wohl über die Dankbarkeit.

Unsere Sinne führen uns hinaus in die Vielfältigkeit, weiter und weiter. Es ist ein wundervolles Abenteuer.

Aber wir können uns in der Vielfalt verlieren, wenn wir nicht jene heilige Einfalt finden, die uns tiefer und tiefer führt und alles zusammenhält.

Dazu verhilft uns die Dankbarkeit. Die Einfalt der Dankbarkeit ist ganz und gar nicht einfältig, im Sinne von Beschränktheit.

Sie ist mit Arglosigkeit verwandt, mit Ehrfurcht und mit Weisheit.

Weil sie arglos ist, geht sie heil durch den Dornwald argwöhnischen Misstrauens.

Arglos erkennt die Dankbarkeit jeden Augenblick mit allem, was er enthält, als Geschenk.

In Ehrfurcht anerkennt sie in (und zugleich jenseits von) allen Gaben den Geber. Preisend bekennt sie, dass alles Gnade ist.

Ergriffen von dieser Einsicht, führt die Dankbarkeit zu jener Weisheit, von der der Heilige Bernhard sagt:

«Begriffe machen wissend; Ergriffenheit macht weise.»

In Dankbarkeit können wir vom Erkennen der Gabe zum Anerkennen des Gebers und von da zum preisenden Bekennen der Gnade fortschreiten und so durch unsere Sinne Sinn finden.

So reift unser Schauen: von einem Frühling, in dem wir arglos die Gabe als Gabe erkennen, zu einem Sommer, in dem wir den Geber ehrfürchtig anerkennen, und endlich zu einem Herbst, in dem wir die Gnade preisend bekennen.

In dieser Ernte weiser Preisung findet alles erst seinen Sinn.

Denn jede Gabe findet ihre Vollendung erst, wenn sie dankbar empfangen wird. Dann erst schließt sich sinnvoll der Kreis.

In Dankbarkeit ausgereiftes Schauen ist schöpferisch: Es gibt dem, was die Sinne empfangen, erst seinen Sinn.

Alle unsere Sinne können und sollen so bräutlich werden, indem sie die Jahreszeiten der Dankbarkeit durchlaufen.[3]

Da neigt sich die Stunde und rührt mich an
mit klarem, metallenem Schlag:
mir zittern die Sinne. Ich fühle: ich kann -
und ich fasse den plastischen Tag.

Nichts war noch vollendet, eh ich es erschaut,
ein jedes Werden stand still.
Meine Blicke sind reif, und wie eine Braut
kommt jedem das Ding, das er will.

Nichts ist mir zu klein, und ich lieb es trotzdem
und mal es auf Goldgrund und groß
und halte es hoch, und ich weiß nicht wem
löst es die Seele los ...

Rilke, Das Stunden-Buch

Das «Stop» ‒ der Bruchteil eines Augenblickes, in dem wir innehalten ‒ genügte, um unser Schauen ‹reifen› zu lassen, und jetzt kann wahr werden, was unser Dichter in eines seiner schönsten Bilder fasst:

Meine Blicke sind reif, und wie eine Braut
kommt jedem das Ding, das er will.

Alles, dessen wir innewerden, kommt wie eine Braut auf uns zu. Und wie begegnen wir diesem bräutlichen Entgegenkommen des Lebens?

Meist wird uns gar nicht bewusst, wie unsanft, ungeduldig, ja geradezu unverschämt und gewalttätig wir alles, was uns unter die Augen kommt, an uns reißen, einfach durch die Härte, mit der wir es anblicken.

Wir können jedoch lernen, mit sanften Blicken alles, was wir sehen, zu umarmen, wie ein Bräutigam die Braut umarmt ‒ und sich von ihr umarmen lässt.

Dann werden wir die Gelegenheit, nach der wir mit unsrem «Look» Ausschau halten, nicht in erster Linie als Möglichkeit verstehen, alles, was das Leben uns in diesem Augenblick schenkt, auszunutzen.

Es würde uns vielmehr darum gehen, es auszukosten.

Hier stoßen wir wieder auf eine oft übersehene Unterscheidung, die im abendländischen Denken unter dem lateinischen Begriffspaar «uti» (nutzen) und «frui» (auskosten) schon lange eine wichtige Rolle spielt.

Wenn wir lernen, diese beiden Lebenshaltungen ‒ denn das sind sie letztlich ‒ zu unterscheiden und zugleich zu verbinden, dann kann unser «Look», unser Innewerden, sich zu einem wahren Fest entfalten: zur Feier des Lebens.

Nicht nur unsre Augen können diese Haltung erlernen. Das «Look» hier nur aufs Schauen zu beschränken, wäre ein Missverständnis. Jeder unsrer Sinne kann aus verschlafener Stumpfheit aufwachen und sich an dem Reichtum freuen, den das Leben festlich vor uns ausbreitet.[4]

Das Menschenherz ist das Organ der Sinnfindung. Mit dem Herzen horchen wir.

Mit dem Herzen können wir aber auch schauen.

Mit dem Herzen können wir wie Spürhunde Wind bekommen und einer Fährte folgen; können im Dunkeln tasten; können dankbar kosten vom Festmahl, das uns bereitet ist.

Das Herz ist wahrhaft Kreuzweg all unserer Sinne.

Am geläufigsten sind uns die Redewendungen, in denen dem Herzen ein inneres Schauen zugeschrieben wird.

Wir sprechen z. B. von den Augen des Glaubens, die doch nur Augen des Herzens sein können.

Sie schauen durch alle Äußerlichkeiten hindurch auf das Wesentliche.

Sie sehen, wie im Unscheinbarsten das Leuchten göttlicher Herrlichkeit aufstrahlt.

Sie erkennen im tiefsten Grund aller Dinge eine Treue, der wir vertrauen dürfen.

Wir sprechen auch von den Augen der Hoffnung, die noch größere Sehkraft besitzen. Sie sehen selbst in der Finsternis der Gottesferne Gottes Gegenwart.

In der Liebe geht das Herz aber noch über den Glauben und die Hoffnung hinaus. Die Augen der Liebe sehen, was es noch gar nicht gibt, weil das Schauen des Herzens ein schöpferisches Schauen ist. Wir meinen, die Liebe sei blind. Aber sie drückt nur ein Auge zu, dem Kind zuliebe, wie eine Mutter. Mütter übersehen gern vieles, um des Einen willen, das noch seine Möglichkeit ist.

Und wer so angeschaut wird, der wächst in diese Möglichkeit hinein. Das Herz hat die Augen einer Mutter.

Gerade deshalb aber hat das Herz auch jungfräuliche Augen.

Es ist noch offen für unbegrenzte Möglichkeiten.

Nur die Augen der Jungfrau können das Einhorn sehen, «das Tier, das es nicht gibt», wie die Gobelinstickerinnen in Rilkes Sonett.

O dieses Tier, das es nicht giebt.
Sie wusstens nicht und habens jeden Falls
‒ sein Wandeln, seine Haltung, seinen Hals,
bis in des stillen Blickes Licht ‒ geliebt.

Zwar w a r es nicht, Doch weil sie’s liebten, ward
ein reines Tier. Sie ließen immer Raum.
Und in dem Raume, klar und ausgespart,
erhob es leicht sein Haupt und brauchte kaum

zu sein. Sie nährten es mit keinem Korn,
nur immer mit der Möglichkeit, es sei.
Und die gab solche Stärke an das Tier,

dass es aus sich ein Stirnhorn trieb. Ein Horn.
Zu einer Jungfrau kam es weiß herbei ‒
und war im Silber-Spiegel und in ihr.

Rilke, Sonette an Orpheus 2. Teil, IV

So schöpferisches Schauen ist Vollendung, nicht Anfängerübung. Wir dürfen nicht erwarten, das Einhorn zu sehen, wenn wir uns nicht einmal einen Laufkäfer gründlich anschauen, der uns über den Weg läuft. Das Schillern seines Panzers hatte ich schon lange bewundert. Aber erst eine Bemerkung von C. S. Lewis hat mir die Augen geöffnet für das irgendwie Altmodisch-Komische dieses langbeinigen Geschöpfes, das alle beweglichen Bestandteile außen hat, wie eine Eisenbahnlokomotive aus dem vorigen Jahrhundert.

Aber, um so etwas zu bemerken, müssen wir uns Zeit lassen.

Es genügt nicht, dem kaum Beachteten schnell eine Bezeichnung zu geben, es sozusagen mit einer Inventarnummer abzufertigen.

Wir müssen anschauen, was uns unterkommt.

Die Sinnschau des Herzens beginnt mit dem genauen Hinschauen der Augen.[5]

Mögest du die kleinen Wegweiser des Tages
nicht übersehen:
den Tau auf den Grasspitzen,
den Sonnenschein auf deiner Tür,
die Regentropfen im Blumenbeet,
das behagliche Buckeln der Katze,
das Wiederkäuen der Kuh,
das Lachen aus Kinderkehlen,
die schwielige Hand des Nachbarn,
der dir einen Gruß über die Hecke schickt.
Möge dein Tag durch viele kleine Dinge
groß werden.
[6]

[Die Quellenangaben zum obigen Text in Anm. 2-6]

[Ergänzend:

1. Film Wir sind daheim in dieser Welt (1975) und Transkription:

(18:34) «Der Gesichtssinn ist für die meisten Menschen der am weitesten entwickelte Sinn unserer Sinne. Aber dass jemand ein visueller Typ ist, heißt noch nicht, dass man wirklich gelernt hat mit dem Herzen zu schauen.

Das Wesentliche am mit dem Herzen schauen ist das Staunen: staunen können, so wie Kinder noch staunen können mit ihrer Unbefangenheit. Oder wie Künstler staunend auf die Welt schauen und so die Überraschung geradezu herausfordern. Oder wie Mütter auf ihre Kinder schauen. So sollten wir eigentlich auf alles schauen: auf andere Menschen, auf Tiere, Pflanzen, auf die ganze Welt, mit mütterlichen Augen, die sagen: Überrasch mich! Und so schaffen wir dann einen Raum, in den die Welt hineinwachsen kann, in den auch andere Menschen hineinwachsen können. Wenn wir mit Augen schauen, die ohne Worte sagen: ‹Überrasche mich!›, dann werden wir wirklich unsere Überraschungen erleben.

(19:45) Erst wenn wir Blinde sehen, die uns in ihrer Sensitivität auf dem Gebiet anderer Sinne soviel zu lehren haben, erst dann wird es uns so richtig bewusst, was wir an unserem Gesichtssinn eigentlich haben, was für ein Schatz, was für eine Gabe das ist und mit welcher Dankbarkeit wir damit durchs Leben gehen sollen.

(20:33) In dem lebendig werden, von dem wir hier sprechen, kommt viel darauf an, das Kind in uns zu ermutigen. In jedem von uns lebt dieses Kind und unsere Kindheit ist nicht lang genug, um das vielversprechende Kind wirklich zur vollen Entwicklung kommen zu lassen. Ein ganzes Leben reicht kaum dazu aus. Unsere große Aufgabe ist, Kind zu werden. Nicht kindisch, sondern kindlich. In der ganzen Frische kindlicher Begegnung mit der Welt.

(21:50) Als Kinder hatten wir ein Spielzeug, das Kaleidoskop hieß, diese Röhre, in der verschiedene kleine Glasscherben sich herumbewegten zwischen Spiegeln und immer neue Muster ergaben. Das war schon eine große Überraschung, immer wieder neue Muster zu sehen. Aber heutzutage gibt es eine neue Art von Kaleidoskop, in dem drei Spiegel auf die Wirklichkeit hinzielen und man die verschiedenen Dinge im Raum immer wieder neu gespiegelt sieht. Mir kommt es vor, dass wir uns so ein Kaleidoskop in unser Auge einbauen müssten, um immer wieder überrascht zu werden von der Wirklichkeit, die wir rund um uns sehen. Wir müssten lernen, die Wirklichkeit immer wieder mit neuen Augen zu sehen, mit den Augen eines Kindes.

(23:12) Was es uns so schwer macht, mit kindlicher Frische und Unvoreingenommenheit unsere Welt zu sehen, ist Übersättigung und Gewöhnung. Wir müssten eben lernen, mit ganz frischen Augen wieder zu schauen.

Jede Landschaft hat ihre eigenen besonderen, ganz unverwechselbaren sinnlichen Reize. Wir denken zum Beispiel an eine Berglandschaft. Oder ein Vergleich dazu zur Tiefebene. Wir denken ans Meer, an einen Fluss, aber auch die Stadt: Die Stadt hat einen ganz besonderen Appell an unsere Sinne. Sie überstürzt uns geradezu mit Formen und Farben und Geräuschen, die auf uns einstürzen. Auch die Stadt will etwas zu uns sagen, wenn wir uns nur mit allen Sinnen dafür öffnen.»

2. Audios

2.1. Lebendige Spiritualität (2015)
Wort:
(15:33) Rilke im ‹Schmargendorfer Tagebuch› (1898) über die Sinnlichkeit und unsere fünf Sinne – Unsere fünf Sinne und Arjuna (Bhagavad Gita) – ‹Ich lerne sehen› … (‹Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge›) / (20:08) ‹Der Panther› (Rilke,
Einsichten aus Rilkes Dichtung, Teil II, 127) – ‹Archaïscher Torso Apollos› (Rilke, Einsichten aus Rilkes Dichtung, Teil I, 38-40) / (28:29) ‹In deinem Lichte sehen wir das Licht› (Psalm 36,10) – ‹Selig, die reinen Herzens sind› (Mt 5,8) – ‹Hast du deine Schwester gesehen, hast du deinen Bruder gesehen: du hast deinen Gott gesehen› – Schauen und lächeln:

Rilke aus Gesprächen und hinter ihnen: (Sinnlichkeit. Zufall. Vergessen.) (‹Schmargendorfer Tagebuch›):

«Dass die Sinnlichkeit nicht eine heimliche Flamme, die immer an der gleichen Stelle ausbricht, sei ‒ das sei unser Stolz und unsere Stärke. Wir wollen, sie soll eine fröhliche Fackel werden, die wir lachend hinter alle Transparente unseres Wesens halten.»

Rilke zu Beginn seines Romans ‹Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge›:

«Ich lerne sehen. Ich weiß nicht, woran es liegt, es geht alles tiefer in mich ein und bleibt nicht an der Stelle stehen, wo es sonst immer zu Ende war. Ich habe ein Inneres, von dem ich nicht wusste. Alles geht jetzt dorthin. Ich weiß nicht, was dort geschieht.»

«Habe ich es schon gesagt? Ich lerne sehen. Ja, ich fange an. Es geht noch schlecht. Aber ich will meine Zeit ausnutzen. Dass es mir zum Beispiel niemals zum Bewusstsein gekommen ist, wieviel Gesichter es gibt. Es gibt eine Menge Menschen, aber noch viel mehr Gesichter, denn jeder hat mehrere.»

2.2. Dem Welthaushalt freudig dienen – Spiritualität 2011
Sehen lernen:
(00:00) Mit dem Auge des Glaubens schauen heißt, sich auf das Leben verlassen (04:12) Hinweis auf
Teilhard de Chardin / (43:48) ‹Zum Sehen geboren, zum Schauen bestellt› (Goethe) / (48:22) Hellsichtig sein, feinfühlig, sensibel: Sehen lernen Schritt für Schritt / (56:47) Lernen, erleben, erfühlen, mit den Augen des Glaubens zu schauen, sich zu sammeln, langsamer zu werden / (01:02:35) Mit den Augen des Herzens sehen, was die Augen nicht sehen können: ‹Hast du deine Schwester gesehen, hast du deinen Bruder gesehen, dann hast du deinen Gott gesehen› ‒ Einander wie mit den Augen einer Mutter anschauen: ‹Das kannst du doch› schafft Raum, in den wir hineinwachsen können ‒ Sich an Träume erinnern

(01:08:27) Musik (Hannelore und Bruder Thomas) ‒ Einsichten, Fragen der Anwesenden:
(01:11:10) Augen und Ohren ‒ sehen und hören / (01:14:07) Das Kind werden, das wir sind / (01:15:11) Der Discipulus, der Schüler in der Pupille des Lehrers ‒ benediktinische Disziplin / (01:16:49) Sich in die Augen schauen ‒ ‹Was bedeutet zähmen›? Von Antoine de Saint-Exupéry lernen / (01:20:07) Virtuelle Kontakte / (01:24:43) Ich und Selbst ‒ Schauen und Einsicht: die göttliche Wirklichkeit in uns / (01:27:17) ‹Wenn Gottes Auge alles sieht› / (01:28:52) ‹Augen, meine lieben Fensterlein› (Gottfried Keller)

(43:48) Johann Wolfgang Goethe: ‹Lynkeus der Türmer› (‹Faust: Der Tragödie zweiter Teil›):

«Zum Sehen geboren,
Zum Schauen bestellt,
Dem Turme geschworen,
Gefällt mir die Welt.
Ich blick in die Ferne,
Ich seh in der Näh
Den Mond und die Sterne,
Den Wald und das Reh.
So seh ich in allen
Die ewige Zier,
Und wie mir’s gefallen,
Gefall ich auch mir.
Ihr glücklichen Augen,
Was je ihr gesehn,
Es sei, wie es wolle,
Es war doch so schön!»

(01:28:52) Gottfried Keller: ‹Abendlied›:

«Augen, meine lieben Fensterlein,
Gebt mir schon so lange holden Schein,
Lasset freundlich Bild um Bild herein:
Einmal werdet ihr verdunkelt sein!

Fallen einst die müden Lider zu,
Löscht ihr aus, dann hat die Seele Ruh;
Tastend streift sie ab die Wanderschuh,
Legt sich auch in ihre finstre Truh.

Noch zwei Fünklein sieht sie glimmend stehn
Wie zwei Sternlein, innerlich zu sehn,
Bis sie schwanken und dann auch vergehn,
Wie von eines Falters Flügelwehn.

Doch noch wandl’ ich auf dem Abendfeld,
Nur dem sinkenden Gestirn gesellt;
Trinkt, o Augen, was die Wimper hält,
Von dem goldnen Überfluß der Welt!»

2.3. Mit allen Sinnen leben (1993)
Vortrag:
(24:35) Durch die Sinne zum Übersinnlichen: ‹Öffne deine Augen, neige dein Ohr› ‒ Gott spricht in jedem Augenblick

2.4. Die Wiedergeburt christlicher Mystik (1988)
Vortrag in Themen aufgeteilt:
Schauen, Ansehen, Einsehen]

________________________

[1] Psalm 36,10

[2] Erwachende Worte (2023): ‹28 Augen›, 73

[3] Die Achtsamkeit des Herzens: ‹Die Dankbarkeit der fünf Sinne› (2021), 53, 59f.

[4] Orientierung finden (2021), 103f.

[5] Sinne und Sinnlichkeit im Buch Das spirituelle Lesebuch, hrsg. von Margrit und Rüdiger Dahlke (1996), 269-271; Quelle: Die Achtsamkeit des Herzens: ‹Der Dreischritt des horchenden Herzens› (2021), 36-39

[6] Geleitwort zum Buch von Angela Römer-Gerner: Möge deine Seele voll sein von Leben (2013), 6



Quellenangaben

[Le milieu divin]: ein Entwurf des innern Lebens›[1]

«Wir müssen jedoch sehen ‒ die Dinge sehen, wie sie sind, wirklich und eindringlich. … Machen wir, es lohnt die Mühe, die heilsame Übung, die darin besteht, im Ausgang von den personalisiertesten Bereichen unseres Bewusstseins die Verlängerung unseres Seins durch die Welt hindurch zu verfolgen. Wir werden aufs höchste erstaunt sein, wenn wir die Ausdehnung und Innigkeit unserer Beziehungen zum Universum feststellen.

Die Wurzeln unseres Seins? Sie tauchen doch zunächst in die unauslotbarste Vergangenheit ein. Wie groß ist das Geheimnis der ersten Zellen, die der Hauch unserer Seele eines Tages überbeseelt hat! Welch unentzifferbare Synthese aufeinanderfolgender Einflüsse, in die wir für immer einverleibt sind! Durch die Materie findet in jedem von uns zu einem Teil die ganze Geschichte der Welt ihren Widerhall. So autonom auch unsere Seele sein mag, sie ist Erbin einer vor ihr durch die Gesamtheit aller irdischen Energien wunderbar ausgearbeiteten Existenz: sie begegnet und verbindet sich dem Leben auf einer bestimmten Stufe. ‒ Kaum aber ist sie an diesem besonderen Punkt in das Universum hineingenommen, fühlt sie sich ihrerseits von dem Strom der zu ordnenden und zu assimilierenden kosmischen Einflüssen belagert und durchdrungen. Blicken wir um uns: die Wellen kommen von überall her und aus der Tiefe des Horizonts. Durch alle Öffnungen überflutet uns das Sinnenhafte mit seinen Reichtümern: Speise für den Leib und Nahrung für die Augen, Harmonie der Töne und Fülle des Herzens, unbekannte Phänomene und neue Wahrheiten, all diese Schätze, alle diese Reize, all diese Anrufe durchdringen, von allen Himmelsrichtungen aufsteigend, in jedem Augenblick unser Bewusstsein. Was wirken sie in uns? Was werden sie dort tun, selbst wenn wir, schlechten Arbeitern gleich, sie passiv oder gleichgültig aufnehmen? Sie werden sich in das innigste Leben unserer Seele mischen, um sie zu entwickeln oder zu vergiften. Beobachten wir uns eine Minute lang, und wir werden davon bis zur Begeisterung oder bis zu Beklemmung überzeugt sein.» (40f.)

«Uns ist kaum bekannt, in welchem Maße oder in welcher Gestalt unsere natürlichen Fähigkeiten in den endgültigen Akt der Schau Gottes eingehen werden. Doch kann es kaum einen Zweifel darüber geben, dass wir uns hier unten mit der Hilfe Gottes die Augen und das Herz geben, aus denen eine letzte Transfiguration die Organe eines Anbetungsvermögens und einer Fähigkeit zur Seligkeit machen wird, die jedem von uns eigentümlich sind.» (42)

 

[1] Olten, Walter-Verlag 91982, 40f., 42:

Film und Text von Br. David Steindl-Rast OSB

kreuz b kraehmer titelCopyright © - pixabay

(Film 25:01) T. S. Eliot spricht von dem ruhenden Punkt im Fluss der Zeit. Wir können uns diesen Punkt vorstellen wie eine einzige Achse, um die sich ein enormes Räderwerk bewegt, das doch immer wieder dort seinen stillen Punkt findet. Und für uns Menschen besteht dann die große Aufgabe darin, auch immer wieder diesen ruhenden Punkt in unserem Leben zu erreichen. Und hier an diesem Schnittpunkt von Zeit und Zeitlosigkeit gilt nicht mehr die Zeit der Uhren, sondern ‒ sagen wir ‒ die Zeit der großen Glocken. Oder die Zeit, die uns bewusst wird, wenn wir die Meereswogen beobachten in Ebbe und Flut, die ihre ganz eigene Zeit, ihren ganz eigenen Rhythmus haben.

(27:14) Die Zeit um die es hier geht, ist nicht unsere Zeit, aber eine Zeit, die wir in den großen Rhythmen des Lebens entdecken und der wir uns hingeben können auf unserem Weg zum Sinn.

(46:10) Das Tönen der Glocke
misst die Zeit, die nicht die unsere ist, sondern eine, die geläutet wird
von der gemessenen Flut, eine Zeit,
älter als die der Uhren, älter
als die Zeit, wie sorgende Frauen sie zählen,
die wachliegen nachts und die Zukunft berechnen
zwischen Mitternacht und Morgengrauen, wenn die Vergangenheit Trug ist,
und die Zukunft nicht künftig vor der Morgenwache,
wenn die Zeit einhält und endlos sich dehnt;
Und die Flut, die heute wie von jeher anschwillt,
läutet
die Glocke.
[1]

Losgelöstheit macht uns bedürfnisloser. Je weniger wir haben, umso leichter ist es das, was wir haben, zu würdigen.

Stille schafft eine Atmosphäre, die Losgelöstheit begünstigt.

Wie der Lärm das Leben außerhalb des Klosters durchdringt, so ist das Leben des Mönches von Stille durchdrungen.

Stille schafft Raum um Dinge, Menschen und Ereignisse …

Stille hebt ihre Einzigartigkeit hervor und erlaubt uns, sie eins nach dem andern dankbar zu betrachten.

Unsere Übung, dafür Zeit zu finden, ist das Geheimnis der Muße.

Muße ist Ausdruck von Losgelöstheit im Hinblick auf die Zeit.

Die Muße der Mönche ist ja nicht das Privileg derer, die es sich leisten können, sich Zeit zu nehmen, sondern die Tugend derer, die allem, was sie tun, so viel Zeit widmen, wie ihm gebührt.

Für den Mönch drückt sich das Hinhorchen, das die Grundlage dieses Trainings bildet, darin aus, dass er sein Leben mit dem kosmischen Rhythmus der Jahres- und Tageszeiten in Einklang bringt; mit der «Zeit, die nicht unsere Zeit ist», wie T. S. Eliot es ausdrückt.[2]

In meinem eigenen Leben verlangt der Gehorsam oft Dienste außerhalb des klösterlichen Rhythmus. Dann kommt es ganz besonders darauf an, die lautlose Glocke der «Zeit, die nicht unsere Zeit ist» zu hören, wo immer es auch sei, und zu tun, was es zu tun gibt, wenn es dafür Zeit ist ‒ «jetzt und in der Stunde unseres Todes».

«Und die Todesstunde ist jeder Augenblick», in dem wir wirklich hinhorchen, ist «Augenblick in und außer der Zeit».[3]

Die Askese des Raumes des fördert die Loslösung in Bezug auf den Ort, wo immer wir auch seien. Ihr Ziel ist,

da wirklich gegenwärtig zu sein,
wo wir gerade sind.

Dies ist der erste Schritt ‒ und wie oft gelingt er uns nicht!

Wir sind uns selbst voraus oder bleiben hinter uns zurück. Vielleicht aber schauen wir weder voraus in eine Zukunft, die noch nicht da ist, noch halten wir an einer Vergangenheit fest, die schon vorbei ist ‒ und sind doch nicht in der Gegenwart.

Wir sind hier und doch nicht hier, weil wir nicht wach sind.

Gegenwärtig zu sein, bedeutet,
zur Wirklichkeit des Ortes aufzuwachen.

Wenn nicht hier, wo sonst?
Wann, wenn nicht jetzt?

Jetzt, hier oder nie und nirgends stehen wir vor der letzten Wirklichkeit.

Ob die Mönche auf dem Feld arbeiten oder auf Reisen sind, wo immer sie auch sein mögen, wenn es Zeit zum Gebet ist, dort sollen sie ehrfürchtig niederknien, gebietet die Regel. Und so führt die Askese des Raumes zur Askese der Zeit.

Zum Hier, zum heiligen Ort, gehört das Jetzt, der heilige Augenblick; «kairos» (griechisch: Zeit), die rechte Zeit, das Heute, von dem die Liturgie immer wieder singt:

«Heute, wenn ihr seine Stimme hört, verhärtet eure Herzen nicht!»

ein gewichtiges Psalmwort,[4] mit dem wir Mönche jeden Tag beginnen.

Dieses Heute ist immer.

lm klösterlichen Lebensraum ist Zeit etwas völlig anderes als das, was Uhren messen können.

Die Zeit gehört nicht uns.

Wenn T. S. Eliot von der «Zeit, die nicht unsere ist» spricht, dann weist dies auf Losgelöstheit von der Zeit hin.

Wir behaupten, Zeit zu haben, Zeit zu gewinnen, Zeit zu sparen; in Wirklichkeit gehört uns die Zeit nicht.

Sie wird nicht von der Uhr abgelesen, sondern daran, wann es Zeit ist.

Deshalb sind Glocken in einem Kloster von so großer Bedeutung. Und dies nicht nur, weil die meisten Mönche ohne Glocke nicht aufwachen (wenn auch niemand behaupten wird, das sei unwichtig).

In Wirklichkeit geht es darum, dass in einem Kloster Dinge nicht getan werden, wenn einem gerade danach zumute ist, sondern wenn es dafür Zeit ist.

Nach der Regel des Heiligen Benedikt wird von einem Mönch erwartet, dass er die Feder aus der Hand legt im Augenblick, wo die Glocke läutet, und nicht einmal mehr einen Querstrich aufs «t» oder ein Pünktchen aufs «i» setzt.

Wenn es Zeit für etwas ist, dann verlangt das etwas von uns, ob es uns passt oder nicht.

Auch wenn wir nur fünf Minuten zu spät kommen, geht die Sonne kein zweites Mal für uns auf oder unter. Auch die Mittagszeit können wir nicht verschieben, indem wir die Uhr zurückdrehen. Sonnenaufgang, Mittag, Abend, das sind entscheidende Zeiten, um die sich der Tag im Kloster dreht; kosmische Augenblicke, auf die die Glocke hinweist, nicht willkürliche Uhrzeiten auf einem Fahrplan.

Die Glocken im Kloster sollen uns daran erinnern, dass es Zeit ist, wenn wir sie läuten hören ‒ «nicht unsere Zeit».

In dem Augenblick, wo wir unsere Zeit loslassen, haben wir alle Zeit der Welt.

Wir sind jenseits der Zeit, weil wir in der Gegenwart sind, im Jetzt, das Zeit überwindet.

Das Jetzt ist nicht in der Zeit. Jetzt geht über Zeit hinaus.

Nur wir Menschen wissen, was «jetzt» bedeutet, weil wir «existieren», ‒ weil wir aus der Zeit «herausragen». Das ist ja die Bedeutung von Existenz. Und all diese klösterlichen Glocken wollen uns einfach erinnern:

Jetzt! ‒ und sonst nichts.

Freilich können wir nicht behaupten, dass es uns schon gelungen sei. Um nochmals Eliot zu zitieren:

Das Ziel hienieden
Den meisten von uns unerreichbar,
Wir, die nur unbesiegt bleiben,
Weil wir es stets aufs Neue versuchten.
[5]

Für uns gilt nur der Versuch
Der Rest ist nicht unsere Sache.
[6]

Die Losgelöstheit, von der hier die Rede ist, muss klar von Gleichgültigkeit unterschieden werden. Während Gleichgültigkeit Liebe einer Situation entzieht, ist die Liebe der Losgelöstheit «ein Erweitern über das Begehren hinaus».[7]

Das Begehren ist in der Zeit verstrickt; es sehnt sich nach der Vergangenheit und sorgt sich um die Zukunft. Liebe, die über das Begehren hinauswächst, ist «Befreiung vom Künftigen wie vom Vergangenen».

Was übrig bliebt, ist das Jetzt, in dem «Vergangenes und Zukunft vereint sind», der ruhende Punkt.[8]

Wir können die befreiende Ausdehnung der Liebe in unserem eigenen Alltag erleben. Tatsächlich können wir unser Tun und Lassen bei fortschreitender Erweiterung des Horizonts als immer unwichtiger und zugleich immer bedeutsamer empfinden.

Und genau das geschieht bei fortschreitender monastischer Losgelöstheit.

Das Hier und Jetzt gewinnt genau in dem Maße an Bedeutung, wie es an Wichtigkeit verliert.

Im Ruhepunkt spielt das Hier und Jetzt keine Rolle mehr, und gleichzeitig gewinnt es letzte Bedeutung.

Daraus ergibt sich, dass wir ein dem Training in innerer Freiheit entsprechendes Raum-Zeit-Gefühl entwickeln müssen. Ohne das geht es nicht.

Die unterschiedlichen Formen, durch welche Mönche verschiedener Traditionen die Askese, zum Beispiel des Raumes, kultivieren, mögen von außen betrachtet als gegensätzlich erscheinen. Haben wir erst einmal den Schlüssel gefunden, ist leicht zu erkennen, dass alle dasselbe Ziel haben.

So unterschiedliche Formen wie die Heimatlosigkeit des Pilgermönchs und die Stabilität des Klosters sind nur zwei verschiedene Wege zum selben Ziel.

Ein Wandermönch auf den Straßen Indiens, ein Stylit, der sein Leben auf einer Säule sitzend verbringt; die seefahrenden irischen Mönche des Mittelalters oder die eingemauerten Eremiten im alten Russland und Tibet; und all die Mönche, deren Lebensformen irgendwo zwischen solchen Extremen liegen ‒ sie alle haben nur das eine Ziel: dort gegenwärtig zu sein, wo sie sind, wirklich, ganz, gegenwärtig.

… Um dahin zu gelangen,
Wo du schon bist, und fortzukommen von dort,
wo du nicht bist,
Musst du einen Weg gehen, der keine Ekstase kennt.
[9]

«Ekstase» bedeutet wörtlich «außer sich sein», fehl am Platze sein, sogar verrückt sein ‒ also das genaue Gegenteil jener vollkommenen Gesammeltheit, jener Gegenwart im Hier und Jetzt, mit beiden Beinen fest auf dem Boden stehend.

Dass die Ekstase ausgerechnet im Augenblick höchster Sammlung und Gegenwärtigkeit eintritt, ist lediglich das sprachliche Spiegelbild des hier besprochenen Paradoxes.

Das klösterliche Training ist ohne Eile und Hektik, aufs Praktische und Alltägliche ausgerichtet: fegen, kochen, waschen, bei Tisch auftragen oder am Altar dienen, Bücher lesen, Karteikarten einordnen, den Garten umgraben, an der Schreibmaschine sitzen, Heu machen, Rohre reparieren; aber all das mit jener liebevollen Losgelöstheit, die jeden Ort zum Mittelpunkt des Universums wandelt.

Zu diesem monastischen Bewusstsein des Raums gehört ein entsprechendes monastisches Bewusstsein der Zeit.

Die Jahreszeiten und die Gezeiten der Sterne,
Die Zeit des Melkens und die Zeit des Erntens.
[10]

Die Zeit des «unaufhörlichen Angelusläutens der Glockenboje» an der Küste:

Die Glocke zur See misst
Zeit, die nicht unsere Zeit ist, geläutet von dem gemessenen
Schwall der Dünung: eine Zeit, weit älter
Als die Zeit, wie Uhren sie deuten, weit älter
Als die Zeit, wie wir sie zählen…

Und dieser «gemessene Schwall der Dünung» wird zum Sinnbild jener Erweiterung der Liebe über das Begehren hinaus, innerlich frei, aber nicht gleichgültig, sondern hellwach und verantwortlich ‒ denn die Zeit, welche von der läutenden Glocke gemessen wird, ist «nicht unsere Zeit».

Wir werden gerufen. Wir müssen antworten.

Und die Dünung, heut wie von jeher,
läutet
Die Glockenboje.

Die Angelusglocke und der Gong, die Holzklöppel und die Trommel ‒ sie alle geben Zeit an, «nicht unsere Zeit».

Das ist der entscheidende Punkt: dass es nicht unserer Zeit ist.

Die Mönche stehen auf und gehen zu Bett, arbeiten und feiern ‒ wenn es Zeit dazu ist.

Sie «halten» sich nur an die Zeit, ohne sie zu «bestimmen».

Beim ersten Glockenschlag hat der Mönch in seiner Tätigkeit innezuhalten, was immer es sei, und sich dem zuzuwenden, wofür es Zeit ist.

Das Entscheidende ist das Loslassen. Es ist Befreiung.

Durch das Loslassen wird die Zeit, welche «nicht unsere Zeit» ist, alle Zeit, unser eigen, weil wir uns ihr hingeben. Wenn wir im Rhythmus des Lebens mitschwingen, sind wir im Einklang mit der Welt, und sie gehört ganz uns.

Die innere Freiheit von Raum und Zeit, durch die alles unser eigen wird, weil wir im Hier und fetzt völlig gegenwärtig sind, enthält das ganze monastische Leben wie eine Frucht den Samen.

Ein Zustand vollendeter Einfalt
(Der nicht weniger kostet als alles)
[11]

Jeder andere Verzicht ist in der liebevollen Losgelöstheit des Mönchs vom Hier und Jetzt eingeschlossen.

Sie weist auf jene radikale Losgelöstheit von uns selbst hin, in der wir unser wahres Selbst finden.

Um das zu besitzen, was du nicht besitzt,
Musst du den Weg der Entäußerung gehen.
Um das zu werden, was du nicht bist,
Musst du den Weg gehen, auf dem du nicht bist.
[12]

[Die Quellenangaben zum obigen Text in Anm. 1, 3, 6, 12]

_______________________

[1] Film Wir sind daheim in dieser Welt (1975) und Transkription

[2] T. S. Eliot: Four Quartets: The Dry Salvages, I, in der Übertragung von Norbert Hummelt [Suhrkamp Verlag 2015, 46f.]:

«And under the oppression of the silent fog
The tolling bell
Measures time not our time, rung by the unhurried
Ground swell, a time
Older than the time of chronometers, older
Than time counted by anxious worried women
Lying awake, calculating the future,
Trying to unweave, unwind, unravel
And piece together the past and the future,
Between midnight and dawn, when the past is all deception
The future futureless, before the morning watch
When time stops and time is never ending;
And the ground swell, that is and was from the beginning,
Clangs
The bell.»

«Und unter dem Druck des schweigenden Nebels
Läutet die Glocke
Mißt Zeit, nicht die unsrige, von der nicht eiligen
Dünung geläutet, Zeit
Älter als die Zeit der Chronometer, älter
Als die Zeit, bang gezählt von besorgten Frauen
Die wachliegen und die Zukunft berechnen,
Abzuwickeln und zu entflechten suchen
Vergangenheit, Zukunft zusammenzuflicken,
Zwischen Mitternacht und Morgengrauen, wenn Vergangenheit Täuschung ist,
Zukunft ohne Gestalt, vor der Morgenwache
Wenn die Zeit stockt und Zeit niemals endet;
Und die Dünung, die ist und vor dem Anfang war,
Die Glocke
Hallt.»

«Die Salvages sind eine Felsengruppe vor Cape Ann (Massachusetts), die nur bei Ebbe zu sehen ist und in deren Nähe Eliot in seiner Jugend ‹riskante Segeltörns› unternahm. Die Erfahrung der rauen See, der Urgewalt des Meeres, ein im Zusammenhang mit Eliots Dichtung treffendes Vokabular, schlägt sich in The Dry Salvages entsprechend nieder. Da wird die auf dem Wasser schaukelnde Boje zur Schicksalsglocke, eine sorgenvolle akustische Begleitung für die implizite Frage: Kehren die Seeleute wieder nach Hause zurück?» [Mario Osterland zu T. S. Eliot]

[3] Die Achtsamkeit des Herzens: ‹Mit dem Herzen horchen› (2021), 18f.

T. S. Eliot: Four Quartets: The Dry Salvages, V; siehe Stillehalten:

«the moment in and out of time»

[4] Psalm 95,7f.; Regel des hl. Benedikt (RB Prolog 10)

[5] T. S. Eliot: Four Quartets: The Dry Salvages, V; siehe Stillehalten:

«For most of us, this is the aim
Never here to be realised;
Who are only undefeated
Because we have gone on trying»

[6] Die Achtsamkeit des Herzens: ‹Die Umwelt als Guru› (2021), 26, 28-30

T. S. Eliot: Four Quartets: East Coker, V:

«For us, there is only the trying. The rest is not our business.»

[7] T. S. Eliot: Four Quartets: Little Gidding, III:

«For liberation ‒ not less of love but expanding
Of love beyond desire, and so liberation
From the future as well as the past.»

[8] T. S. Eliot: Four Quartets: Burnt Norton, II; gesprochen von Reinhard Glemnitz (26:00) im Film Wir sind daheim in dieser Welt (1975); siehe auch Transkription (26:00) und Anm. 3, ebenso Stillehalten

[9] T. S. Eliot: Four Quartets: East Coker, III:

«Shall I say it again? In order to arrive there,
To arrive where you are, to get from
where you are not,
You must go by a way wherein there is no ecstasy.»

[10] T. S. Eliot: Four Quartets: East Coker, I:

«The time of the seasons and the constellations
The time of milking and the time of harvest»

[11] T. S. Eliot: Four Quartets: Little Gidding, V, siehe Stillehalten:

«A condition of complete simplicity
(Costing not less than erytheing
)»

[12] Die Achtsamkeit des Herzens: ‹Spiegel des Herzens› (2021), 123-126

T. S. Eliot: Four Quartets: East Coker, III:

«In order to possess what you do not possess
You must go by the way of dispossession.
In order to arrive at what your are not
You must go through the way in which you are not.»



Quellenangaben

Text und Audios von Br. David Steindl-Rast OSB

kreuz b kraehmer titelCopyright © - Klaudia Menzi-Steinberger 

In seinen «Four quartets» spricht T.S. Eliot von dem Paradox,

«still sein und dennoch vorangehen»

dem Paradox der Hoffnung.[1]

Als Pilger haben wir ein Ziel. Aber der Sinn unserer Pilgerfahrt hängt nicht davon ab, dass wir dieses Ziel erreichen.

Wichtig ist, dass wir in unserer Hoffnung offen bleiben, offen für die Überraschung, denn Gott kennt unseren Weg viel besser als wir selbst.

In diesem Wissen kann unser Herz Ruhe finden, auch während wir weiterwandern.

Hoffnung als die Tugend des Pilgers vereint Stille mit Bewegung.

Das «in Hoffnung ruhen» (Psalm 16,9) ist ganz gewiss nicht jenen vorbehalten, die am Ende des Weges sind. Auf einer Pilgerfahrt ist jeder Schritt das Ziel, denn das Ende geht dem Anfang voraus.

Ruhen wir in der Hoffnung, dann bewegen wir uns laut T. S. Eliot in dynamischer Stille:

... wie eine chinesische Vase
Regungslos und dennoch in sich unendlich bewegt ist.
Nicht das Schweigen der Geige, solange der Ton noch schwingt,
Nicht dies nur, sondern vielmehr ihr Zugleich-Sein,
Und, sagen wir, dass das Ende dem Anfang vorangeht,
Dass Ende und Anfang bestehen von jeher
Noch vor dem Anfang und noch nach dem Ende.

Dass alles immer jetzt ist. ...[2]

Die Spannung der Hoffnung zwischen dem schon jetzt und dem noch nicht ist die Grundlage für ein Verständnis von Pilgerschaft.

Wann immer wir auf etwas stoßen, das Sinn hat, dann ist dieser Sinn schon jetzt und doch noch nicht gegeben. Er ist da, aber er führt immer noch weiter.

Sinn findet man nicht wie Blaubeeren auf einer Waldlichtung ‒ als etwas, das man mit nachhause nehmen und im Einsiedlerglas aufbewahren kann. Sinn ist immer etwas Frisches. Er leuchtet uns plötzlich ein, so wie die Strahlen der Nachmittagssonne plötzlich auf unsere Waldlichtung fallen. So oft wir hinschauen, können wir in diesem Licht immer neue Wunder entdecken.

Was Glaube ist, kann man am besten dadurch deutlich machen, dass man gläubig lebt. Ebenso ist es mit der Hoffnung. Nichts wird uns mehr helfen, Hoffnung zu verstehen, als ein Pilgerleben, als «still sein und dennoch voran(zu)gehen», Tag für Tag.

Die Furcht vor den Gefahren, die uns auf dem Weg begegnen könnten, ist groß und berechtigt; das trifft in noch größerem Maße auf die Furcht vor dem Wagnis der Bindung zu.

Es bedarf großen Mutes, diese doppelte Furcht durch den Glauben zu überwinden.

Wir schaffen es, indem wir den Wagemut des Nomaden mit dem des Siedlers verbinden, und das gibt uns den Mut des Pilgers.

Der zwanghafte Siedler in uns wagt es, sich zu binden, fürchtet sich aber davor, unterwegs zu sein.

Der unstete Nomade in uns wagt den Weg, fürchtet sich aber vor der Bindung.

Nur der Pilger in uns kann diesen Zwiespalt überwinden.

Der Pilger weiß, dass sich jeder Schritt auf dem Weg als das Ziel herausstellen kann, andererseits kann sich das vermeintliche Ziel als doch nur ein Schritt auf dem Weg erweisen.

Dies hält den Pilger offen für Überraschungen. Hoffnung kennzeichnet den Pilger.[3]

Die Pilgerfahrt ist nicht eine Reise.

Der Unterschied ist vielen nicht klar: Die Pilgerfahrt hat unendlich viele Gipfelpunkte, die Reise hat ein Ziel.

Die Pilgerfahrt hat immer dort den Gipfelpunkt, wo ich bin. Jeder Schritt ist sozusagen das Ziel.

Wenn man eine Reise nach Rom oder Jerusalem macht und nicht in Rom ankommt, dann hat man das Ziel der Reise verfehlt, und dann war es eine verfehlte Reise. Aber wenn man eine Pilgerfahrt nach Jerusalem macht, dann kommt man unter Umständen gar nicht hin oder kommt schon mit dem ersten Schritt an sozusagen.

Leo Tolstoi erzählt die Geschichte von zwei alten russischen Bauern, die sich auf eine Pilgerfahrt nach Jerusalem machen. Wochenlang wandern Sie von Dorf zu Dorf, immer in Richtung auf das Schwarze Meer, wo Sie hoffen, ein Schiff in das Heilige Land zu finden. Aber bevor Sie den Hafen erreichen, werden Sie voneinander getrennt.

Während der eine an einem Häuschen anhält, um seinen Wasserschlauch zu füllen, geht der andere noch ein Stück weiter, lässt sich dann im Schatten nieder und ist bald eingeschlafen. Als er aufwacht, fragt er sich: «Ist mein Freund noch hinter mir? Nein, er muss mich überholt haben, als ich hier schlief.»

In der Hoffnung, seinen Freund einzuholen, geht er weiter. «Spätestens beim Warten auf das Schiff werden wir uns wiederfinden», denkt er.

Aber im Hafen findet sich keine Spur des Freundes. Tagelang wartet er, dann segelt er allein ins Heilige Land.

Erst in Jerusalem holt unser Pilger doch noch den anderen ein. Er sieht ihn ganz vorne beim Altar, aber bevor er sich einen Weg durch die Menge der Pilger bahnen kann, verliert er seinen Freund wieder aus den Augen. Er fragt nach ihm, doch niemand weiß, wo er wohnt.

Ein weiteres Mal sieht er ihn in der Menge, und noch ein drittes Mal, näher den heiligen Stätten, als er selbst herankommt. Aber niemals holt er ihn ein, und als die Zeit kommt, Jerusalem zu verlassen, da muss er sich allein auf die Heimreise machen.

Viele Monate später kehrt er heim ins Dorf. Und da ist auch sein verlorengegangener Reisebegleiter. Er war ja gar nicht in Jerusalem gewesen. In jenem Häuschen, bei dem er angehalten hatte, um etwas Wasser zu bekommen, fand er eine ganze Familie, die im Sterben lag. Sie war arm und verschuldet, krank, fast verhungert und sogar zu schwach, um sich selbst Wasser zu holen. Mitleid überwältigte ihn. Er machte sich auf und brachte ihnen Wasser, kaufte Lebensmittel und pflegte Sie gesund. Jeden Tag dachte er: «Morgen werde ich meine Pilgerfahrt fortsetzen.»

Als er ihnen aber geholfen hatte, ihre Schulden zu bezahlen, da blieb ihm gerade genug Geld, um nachhause zurückzukehren.

Der andere Alte, der ihn in Jerusalem gesehen hatte, fragte sich nun, wer von ihnen das wahre Ziel der Pilgerfahrt erreicht habe.[4]

[Quellenangaben zum obigen Text in Anm. 3f.]

[Ergänzend:

1. Dem Welthaushalt freudig dienen – Spiritualität 2011
Demut ‒ Der Weg zum Gipfel:
(05:46) Pilgerfahrt im Unterschied zur Reise: ‹Die beiden Alten› (Leo N. Tolstoi) ‒ (11:16) ‹Das Leben ist ja Pilgerschaft, wenn man es richtig versteht, und es kommt nur darauf an, im gegebenen Augenblick das zu tun, was das Leben uns aufgibt›

2. Common Sense: Was dem Common Sense im Weg steht (2014), 94f.:

«In jedem von uns steckt einer, der sesshaft werden möchte, und einer, der suchend unterwegs bleiben will.

Hinter beiden Antrieben steckt ein Stück Angst. Der Sesshafte hat Angst vor Veränderung; der Sucher und Entdecker hat Angst vor Langeweile.

Als Abenteurer können wir derart vom Suchen besessen sein, dass wir auf keinen Fall etwas finden wollen, denn damit hätte ja unser Suchen ein Ende.

Als Sesshafte dagegen können wir so sehr auf das Finden aus sein, dass wir das Suchen vorschnell abbrechen.

In Wirklichkeit sind wir dazu bestimmt, Pilger zu sein. lm Pilgern sind der Sesshafte und der Sucher vereint.

Pilger brauchen zweierlei Art von Mut: den Mut des Abenteurers, über das Vertraute hinauszugehen, und den Mut des Sesshaften, sich in der Gegenwart daheim zu fühlen.

Auf einer Pilgerfahrt ist jeder Schritt schon ein Ziel und jedes Ziel kann sich wiederum als Schritt auf einem Weg erweisen, der immer wieder weiter führt.

Als Pilger müssen wir überall und zugleich nirgends daheim sein; genau aus diesem Grund dürfen wir uns an nichts endgültig klammern.

Dieses Anklammern ist unser eigentliches Hindernis auf der Pilgerfahrt durchs Leben. Wir klammern uns immer dann spontan an etwas, wenn wir Angst haben.

Das ist ein naturgegebener und gesunder Reflex. Wenn Sie erschreckt werden, versuchen bereits neugeborene Kinder, sich mit Armen und Beinen an die Mutter zu klammern.

Dieser Instinkt resultiert womöglich aus einer Zeit, in der es überlebenswichtig war, sich an die Mutter zu klammern, die von Ast zu Ast sprang. Diesen Instinkt behalten wir zeitlebens bei.

Sobald Gefahr droht, greifen wir nach etwas und klammern uns daran, nicht nur physisch, sondern auch mental.

Alles Neue wirkt zunächst immer gefährlich.

Wir brauchen eine gewisse Zeit, um unsere rein instinktive Reaktion überwinden zu lernen.

Wollen wir reifer und weiter werden und neues Gelände betreten, dann müssen wir zwangsläufig lernen, Altes und Vertrautes loszulassen.»

3. Audio und Texte zum Pilger-Ritual

3.1. Audio Wie das Göttliche in uns wächst (2005)
Vortrag und wortgetreue Mitschrift:
Die Mystische Erfahrung ist religionsschöpferisch (04
Mitschrift):

(08:56) «Und Sie selbst auch wieder in ihrer eigenen Privatreligion, wenn Sie wollen, feiern Sie Ihre mystischen Erlebnisse. Nehmen wir an, Sie haben so ein mystisches Erlebnis auf einem bestimmten Berg erfahren, ein Gipfelerlebnis:

Es ist sehr leicht möglich, dass Sie immer wieder einmal ‒ sagen wir zu einem besonders festlichen Anlass ‒ zu diesem Berg zurückwandern. Sie wollen das wiedererleben.

Sie können es vielleicht nicht einmal mehr wiedererleben, aber Sie machen eine Pilgerfahrt oder Sie erinnern sich an diesen Tag: Sie haben schon einen rituellen Kalender begonnen: Es ist nur der Beginn, aber der Beginn ist da.»

3.2. Schönheit aus: Auf dem Weg der Stille (2016), 137f.:

«Mit etwas Schönem tritt unser ganzes Wesen in Resonanz, so wie vielleicht ein kristallener Lampenschirm jedes Mal klirrt, wenn man auf dem Klavier ein Cis-Dur anschlägt.

Wenn dieses Gefühl der Resonanz (oder unter anderen Umständen der Dissonanz) unsere Interaktion mit der Welt bestimmt, sprechen wir von Emotionen.

Wie freudig treten die Emotionen mit der Schönheit unserer mystischen Erfahrung in Resonanz!

Je stärker Sie anschlagen, desto intensiver genießen wir diese Erfahrung. Es kann dann sein, dass wir uns noch nach vielen Jahren genau an den entsprechenden Tag und die Stunde erinnern.

Vielleicht gehen wir dann wieder zu der Gartenbank, auf der uns der Gesang einer Drossel ganz hingerissen hatte.

Auch wenn wir diesen Vogel womöglich nie mehr hören, kann uns das trotzdem zum Ritual werden, und damit ist dann eine Art von Pilger-Ritual an einem für uns ganz persönlichen heiligen Ort entstanden.»

3.3. Religionen ‒ drei Ausdrucksformen, in Ergänzend: 3.5., aus Mystik an der Grenze der Bewusstseinsrevolution (1988), 180:

«Überprüfen Sie dies anhand Ihrer eigenen Erfahrung.

Manche Rituale da draußen, in den traditionellen historischen Religionen, mögen bizarr anmuten.

Doch vielleicht zelebrieren Sie alle Jahre wieder eine tiefe spirituelle Erfahrung. Nun, dann haben Sie einen rituellen Kalender, so wie die meisten Religionen.

Vielleicht kehren Sie ständig an den Ort zurück, an dem diese Erfahrung Sie überwältigt hat.

Nun, dies ist dann das Ritual des Pilgerns.

Angenommen, Sie haben dieses Erlebnis an einem Strand gehabt, dann ist jeder Strand auf dieser Welt nun ein heiliger Ort für Sie, weil er Sie immer an diese Erfahrung denken lässt.

Auch ein Baum kann auf diese Weise für Sie ein heiliger Baum werden. Das Ritual ‒ das lebendige Ritual ‒ ist die Zelebrierung des mystischen Erlebnisses. Es ist ein Gedenken an dieses Erlebnis.»]

__________________________

[1] T. S. Eliot: Four quartets: East Coker, V; siehe auch in Stillehalten

[2] T. S. Eliot: Four quartets: Burnt Norton, V; siehe auch in Stillehalten

[3] Dankbarkeit: Das Herz allen Betens (2018), 114-116, 118, 112f. [bzw. Fülle und Nichts (2015), 114-116, 118, 112f.]

[4] Audio in Ergänzend: 1 und Dankbarkeit: Das Herz allen Betens (2018), 113f. [bzw. Fülle und Nichts (2015), 113f.]: ‹Die beiden Alten› (Novelle von Leo Tolstoi)



Quellenangaben

Text und Audios von Br. David Steindl-Rast OSB

kreuz b kraehmer titelCopyright © - Georg Stahl

Es ist unmöglich, Sinnliches und Übersinnliches
säuberlich auseinanderzuhalten.
Wir finden das eine im anderen.

Nur glühend dankbare Lebensfreude kann diese Verschmelzung zustande bringen.

Eine hervorragende Metapher für die sinnliche Erfahrung dessen, was in seiner Sinnfülle unsere Sinne unendlich übersteigt, ist der brennende Dornbusch.[1]

Das wüstentrockene Dorngestrüpp steht in Flammen, trägt die Flammen und erträgt sie; es hat inmitten der Flammen Bestand.

«Wie kommt es, dass dieser Busch brennt und doch nicht verbrennt?»

Mit diesem «großen Gesicht» beginnt die Offenbarung eines unerschöpflichen Geheimnisses: Gottes Gegenwart in der Welt ‒ «non commixtionem passus, neque divisionem», wie die Antiphon der Weihnachtszeit[2] staunend singt:

«Unvermischt und doch untrennbar»,

wird das Göttliche uns zugänglich im Sinnlichen.[3]

Zwei Haltungen neigen dazu, uns für diese Begegnung blind zu machen: Weltlichkeit und Weltentrücktheit. Weltlichkeit sieht bloß den Strauch; Weltentrücktheit sieht bloß das Feuer.

Aber zu sehen, mit den Augen des Herzens, eines inmitten des andern, das ist das Geheimnis von Sakramentalität.

Das Geheimnis ist das Geheimnis von Sakramentalität, das Mysterium, dass das göttliche Leben sich durch alle Dinge vermittelt, genauso wie Sinn durch Worte vermittelt wird.

Die zwei gehören zusammen, Sinn und Wort, Gott und die Welt. Die zwei gehören zusammen, ohne Wenn und Aber, sind untrennbar: Sinn und Wort, Gott und die Welt.

Sakramentalität ist das Geheimnis, dass in unserem riesigen Erd-Haushalt alles mit allem in Verbindung steht, in Myriaden von verschiedenen Wegen, das Leben des heiligen Einen mitten in uns.

Die vielen Gemeinschaften, Kirchen, Kommunen weisen lediglich auf diese eine große Familie Gottes hin, mit mehr oder weniger erfolgreichen Modellen und bruchstückhaften Erkenntnissen davon. Ihre Feiern des Lebens sind auch auf eine Art Sakramente, weil das Leben selbst sakramental ist.

Richtig verstanden sind die Sakramente der christlichen Kirchen nicht in sich abgeschlossene Schachteln göttliche Gnaden vermittelnd.

Sie sind Brennpunkte dieses göttlichen Feuers, das alles Leben sakramental macht.

Es gibt nur eine Bedingung, um das Leben sakramental sehen zu können:

«Zieh’ deine Schuhe aus!»[4]

Erkenne, dass der Boden, auf dem wir stehen, heiliger Boden ist. Die Schuhe ausziehen ist eine Geste der Dankbarkeit und durch Dankbarkeit kommen wir in sakramentales Leben hinein.

Barfuß gehen hilft wirklich! Es gibt keinen direkteren Weg, mit der Wirklichkeit in Berührung zu kommen als durch den direkten physischen Kontakt.

Zu fühlen wie verschieden es ist, ob man auf Sand geht oder auf Gras, auf glattem, von der Sonne erwärmten Granit, auf dem Waldboden; sich durch die Kieselsteine etwas wehtun lassen, Schlamm durch die Zehen quetschen.

Es gibt so viele Wege, durch die Erde Gottes heilende Kraft dankbar zu spüren.

Immer wenn wir die Abgestumpftheit des Gewöhntseins wegnehmen oder aufhören, Dinge als selbstverständlich zu nehmen, berührt uns das Leben mit seiner ganzen Frische und wir erkennen, dass alles Leben sakramental ist.

Wenn wir unsere Lebendigkeit messen könnten, so wäre der Maßstab sicher unser Berührtsein vom heiligen Einen, dem unerschöpflichen Feuer im Herzen aller Dinge.[5]

Es ist nicht so, als ob wir von weit her zum Ort der göttlichen Gegenwart hinpilgern müssten.

Von alters her geheiligte Orte wollen Pilger nur daran erinnern, dass auch jeder andere Ort heilig ist.

Schon mit dem ersten Schritt einer Pilgerfahrt betreten wir heiligen Boden.

Darum ruft die Stimme aus dem brennenden Busch Moses zu:

«Tritt nicht herzu!»
Komm nicht näher!

Eine rabbinische Auslegung sieht darin eine Zurückweisung unserer Neigung, Gott an diesen oder jenen Ort zu binden.

«Der Ort, darauf du stehst, ist ein heilig Land.»

Wo immer es auch sei, du stehst auf geheiligtem Ort.
Werde dir dessen bewusst!

«Zieh’ deine Schuhe aus von deinen Füßen!»

Der Schuh aus toter Tierhaut bedeutet für diese Auslegung: Gewöhnung, Abstumpfung.

Nichts sonst kann uns von Gottes Gegenwart trennen.

Im Exil sein, verbannt vom heiligen Land, heißt vergessen zu haben, dass wir auf heiligem Boden stehen.

Auch «an den Flüssen Babylons», oder wo auch sonst, stehen wir auf heiligem Boden, solange uns nicht Abstumpfung davon trennt.

Der Name unseres Exils ist nicht Babylon oder Ägypten, sondern Gewöhnung.[6]

Die Askese</