Text und Audios von Br. David Steindl-Rast OSB

leidensch d moeglichen titelCopyright © - Norbert Kopf

In meiner Kindheit und Jugend hörte ich oft den Ausdruck, der oder die «hat ein schweres Kreuz zu tragen». Die Vorstellung, dass wir Jesus, unser eigenes Kreuz tragend, nachfolgen können, entstand sehr früh in den christlichen Gemeinden und kam schon in den Evangelien zu Wort. So sagt Jesus im Markusevangelium: «Wer mein Jünger sein will, der sage sich von seinem Ich los, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach» (Mk 8,34).

Dem Weg Jesu zu folgen konnte im Römerreich zur Zeit, als Markus schrieb, tatsächlich zum Kreuzestod führen. Für zahllose Christen aber, die im Lauf der Geschichte mit Mut, Geduld und Liebe ihr «Kreuz» trugen, hatte dies nichts mit den Anschuldigungen zu tun, derentwegen Jesus gekreuzigt worden war.

In welchem Sinne kann ich im 21. Jahrhundert vom Kreuztragen sprechen, wenn es etwa darum geht, den Kürzeren zu ziehen, weil ich aufrichtig bin, mich für alternde Eltern aufzuopfern, oder mich mit einer schweren Behinderung durchzuschlagen?

Worin besteht da die Verbindung zwischen meinem «Kreuz» und dem, an dem Jesus gekreuzigt wurde?

Was die beiden verbindet, ist Treue. Jesus wurde gekreuzigt, weil er tat, was Treue zu Gott von ihm verlangte. Wenn auch ich das tue, dann sind wir ans gleiche Kreuz genagelt, wie verschieden unsere Lebensumstände auch sein mögen.

Jesus wollte sein Kreuz ebenso wenig wie ich es will. Das Kreuz, das wir uns selber auswählen, ist nicht das wahre Kreuz. Was wir wählen, ist Gott treu zu bleiben, was es auch koste, und das «Kreuz» versinnbildet den Preis, den wir dafür bezahlen müssen. Auf dem Ölberg betete Jesus ja selber um eine billigere Lösung: «Vater, wenn es möglich ist …» Er rang sich aber durch, bis er sagen konnte: «Dein Wille geschehe» (Lk 22,42).

Indem sie die gleichen Worte im Vater Unser beteten, haben Christen immer wieder Groll und Bitterkeit überwunden und den «Frieden Gottes» gefunden, «der alles Begreifen übersteigt» (Phil 4,7).

Wir können diesen Frieden an einer tiefen Freudigkeit erkennen, die mit Leid und Schmerz vereinbar ist. Sie steigt in uns auf, sobald wir den inneren Widerstand aufgeben und nüchtern zugeben: Was ist, ist.

Das bedeutet nicht Resignation, sondern genau das Gegenteil. Wenn wir die gegebene Lage als gegeben (dankbar) entgegennehmen, wird plötzlich Energie verfügbar, die wir bisher an unseren Widerstand vergeudeten. Darum sind wir jetzt imstande, aus unserer Lage etwas zu machen ‒ und oft erstaunlich mehr, als wir uns zugetraut hätten.

Solange ich mich erinnern kann, stand auf dem Schreibtisch meiner Mutter eingerahmt der Spruch:

«Das sind die Starken im Land,
die unter Tränen lachen,
ihr eigenes Leid verbergen
und andere glücklich machen.»
[1]

Ich kann mich so gut daran erinnern, weil unsere Mutter uns das vorlebte. Menschen, die so leben, die drückt ihr Kreuz nicht nieder, es «erhöht» sie vielmehr, hebt sie über ihr kleines Ich hinaus und gibt ihnen den Halt, den sie brauchen, um Andere zu stützen.

Unser Ich ist es ja, von dem wir uns «lossagen» müssen, um das Kreuz Jesu Christ auf uns zu nehmen.

Schmerz lässt sich im Leben nicht vermeiden, aber es gibt viel Leid, das vom inneren Widerstand gegen den Schmerz kommt und dieses Leid können wir vermeiden.

In geduldiger Liebe freudig unser «Kreuz zu tragen» ist in der christlichen Tradition der Weg, das Leid zu überwinden.

In eine christlich-katholischen Familie hineingeboren und so aufgewachsen, kritisierte der große Mythenforscher Joseph Campbell (1904-1987) vernehmbar und unverblümt die Überbetonung von Schmerz und Leid, die sich in den Kirchen breitgemacht hatte. In seinen Forschungen zur Sakralkunst wies er auf masochistische Aspekte der Kreuzverehrung hin. Kurz vor seinem Tod wurde er in ein katholisches Spital eingeliefert. Wie mir seine Witwe, Jean Erdman, erzählte, hing da seinem Bett gegenüber ein für ihn ungewöhnliches Kruzifix an der Wand ‒ eine moderne Darstellung des siegreichen Christus, der mit ausgebreiteten Armen nicht so sehr ans Kreuz genagelt ist, als vom Kreuz aus die ganze Welt umarmt. Voll Freude rief Joseph Campbell bei diesem Anblick aus: «Das ist das Kruzifix, das ich mein Leben lang zu sehen hoffte!»

Und du? Welche Darstellung des Gekreuzigten ‒ wenn überhaupt eine ‒ spricht dich persönlich an?

Erinnere dich, dass die Kirche während der ganzen ersten Hälfte ihrer bisherigen Geschichte kein Kruzifix kannte, sondern nur das von Juwelen strahlende kosmische Kreuz ‒ ein Kreuz mit vier gleichlangen Armen; eine Kompass-Rose zur Orientierung auf dem Lebensweg.

Vergiss auch nicht, dass Matthias Grünewald den Isenheimer Altar für ein Spital malte, in dem am Antoniusfeuer Erkrankte, betreut wurden. Extreme Schmerzen leidende, verstümmelte und durch stinkende Wunden gedemütigte Menschen waren es, für die der Künstler seinen gemarterten Christus am Kreuz in so abstoßenden Einzelheiten darstellte. Sie blickten zum Gekreuzigten auf und sahen Gott ihr eigenes Leid tragen. Als «quasi medicina» galt darum damals diese Art von Andachtsbild; es heilte innerlich, auch wenn es äußerlich nicht kurieren konnte. Was hilft dir auf ähnliche Weise?

Wir alle haben ja das Recht und die Chance, in der religiösen Kunst das zu finden, was uns hilft. Aber noch überzeugender kann mitmenschliches Beispiel wirken. Weißt du von Zeitgenossen, die Jesus Christus so begeistert nachfolgten, dass sie auf ihre eigene Weise gekreuzigt wurden?

Pater Maximilian Kolbe (1894-1941) zum Beispiel nahm im KZ Auschwitz freiwillig den Platz eines Mitgefangenen ein, eines zum Hungertod verurteilten Familienvaters, und starb an seiner Stelle.

Was bedeutet es für dich persönlich, dein «Kreuz» zu tragen?

Unterwelten, Höllen und Totenreich sind uns näher, als wir wahrhaben möchten. Und was soll uns die Höllenfahrt Jesu Christi sagen, wenn wir nicht bereit sind, mit ihm auch dorthin zu gehen?

Im Credo bekennen wir gläubig, dass Gottes liebende Gegenwart auch im Reich des Todes gefunden werden kann. Wer soll aber Gottes Abgesandter sein? Wer soll seine Botschaft auch in die Hölle bringen, wenn du und ich es nicht tun?

Eine Frau, die ich liebe und bewundere, eine Persönlichkeit von internationalem Ansehen auf ihrem Fachgebiet, schickt mir jedes Jahr zu Beginn der Fastenzeit ihre Vorsätze bezüglich des Betens, Fastens und Almosengebens. Einmal schrieb sie:

«Um es etwas wärmer und persönlicher zu machen, werde ich heuer mit den Obdachlosen auf der Straße sprechen und sie umarmen, bevor ich ihnen Geld gebe.»

Und wie hältst du es? In welchem Reich des Todes kannst du Botschafter werden für Gottes Liebe?

Heruntergekommenen Ehrfurcht erweisen und ihnen so Würde und Selbstvertrauen zurückgeben, ist nur einer von vielen Wegen. Gibt es in deiner Nähe vielleicht ein Altersheim, in dem jemand von Kindern oder Enkelkindern vergessen und vernachlässigt lebt?

Welcher kurze Besuch oder Telefonanruf könnte für dich heute zur Höllenfahrt werden, für ein Kind Gottes aber ein Sonnenstrahl in der Finsternis?

Immer wieder muss ich staunen über die Flut der Freude, die nur darauf wartet, in unser Herz zu fließen, sobald wir eine gewisse soziale Berührungsangst überwinden und unsere Scheu vor Tod und Leiden ablegen.

Matthias Claudius (1740-1815) wusste um diese wahre Freude:

«In uns ist zweierlei Natur,
Doch ein Gesetz für beide;
Es geht durch Tod und Leiden nur
Der Weg zur wahren Freude.»
[2]

[Credo (2015): ‹Gekreuzigt› ‒ ‹Persönliche Erwägungen›, 114-116, und ‹Hinabgestiegen in das Reich des Todes› ‒ ‹Persönliche Erwägungen›, 147f.]

[Ergänzend:

1. Audio Das Leid des Lebens zu Herzen nehmen (1992)
Erstes Seminar mit Bruder David im Rittersaal des Schlosses Goldegg:
(59:00) Die Kreuzigung nicht suchen, aber auch nicht scheuen

2. Die Crux gemmata; siehe auch Kreuz ‒ Sinnbild: Ergänzend: 1.:

Audio Fragen, denen wir uns stellen müssen (2016): Tag 4 ‒ Nachmittag
‹Memento mori› ‒ ‹memento vivere›:
Gespräch: (01:08:24) Die Crux gemmata, das mit Edelstein geschmückte kosmische Kreuz im Vergleich zum Isenheimer Altar

Audio Das Leid des Lebens zu Herzen nehmen (1992)
Zweites Seminar mit Bruder David im Rittersaal des Schlosses Goldegg
Teil 1:
(21:55) Der Auferstandene trägt nicht Narben, sondern freudenstrahlende Wunden: Ursprünglicher Sinn der Kreuzenthüllung und Ausklang mit Glockengeläut]

______________

[1] Franz Grillparzer: «Das sind die Starken, / die unter Tränen lachen, / eigene Sorgen verbergen / und andere glücklich machen.»

[2] Matthias Claudius: ‹Sterben und Auferstehn›



Quellenangaben

Text und Audios von Br. David Steindl-Rast OSB

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(Audio 18:53): Bruder David liest aus seinem Buch zum Daodejing des Laozi Der Fließweg (2024) seine Erwägungen zum Spruch 71:

«Vom Nicht-Wissen
wissen
ist Erleuchtung
vom Nicht-Wissen
nicht wissen
ist Leiden
am Leiden leiden
hebt Leiden auf

Weisheit ist
nicht leiden
am Leiden»

«Was dem Leiden ein Ende macht, wollen wir wohl alle wissen. Hier erfahren wir allerdings nicht, was es beendet, sondern was es ‒ in dreifachem Sinne ‹aufhebt›.[1]

‹Am Leiden leiden
hebt Leiden auf›
:

hebt es

1. auf eine neue Verständnisebene: Es wird zu Anstoß, das Leid aller Wesen zu lindern;

2. beendet es ein passives Erleiden, denn es wird zum Mitleiden;

3. bewahrt es als aktives Mitleid. Leid ‒ als Mitleid ‒ gehört zum vollen Lebendigsein.»[2]

Das Wort «Erlösung» täuscht uns allzu leicht darüber hinweg, dass es dabei um Befreiung geht. Jesus hat wegen seines Eintretens für Befreiung gelitten, und alle, die im Lauf der Geschichte in seiner Nachfolge mit ihm leiden mussten, litten um der Befreiung willen.

Freilich ist Befreiung von Unterdrückung und Ausbeutung durch das Machtsystem nur die naheliegendste Form von Befreiung, die notwendig ist. Das Machtsystem selbst ist ja nur das offensichtlichste Krankheitssymptom der ver-rückten Welt, die wir hervorbringen, wenn wir unser Selbst vergessen und uns mit unserem Ich identifizieren, das vom Selbst, von der Mitwelt und so von Gott entfremdet ist. Befreiung von dieser Entfremdung beendet alles Leid.

Tiefes Mitgefühl lässt jene, die Befreiung von Selbstentfremdung erlangt haben, das Leid all derer teilen, die sich noch um Befreiung mühen. Diese «Bodhisattvas» ‒ wie Buddhisten sie nennen ‒ erreichen die Schwelle höchster Seligkeit, kehren aber um, weil sie an Befreiung (Erlösung) mithelfen wollen bis auch die Verstricktesten endlich befreit sind.

Wie tief sie auch aus Mitgefühl ins Leiden hinabsteigen, sie strahlen doch immer die Freude aus, die sie schon verkostet haben. Die Archetypen von Christus und Bodhisattva treffen da zusammen.

Viele, die Seiner Heiligkeit dem Dalai Lama begegnen ‒ und nicht nur Buddhisten ‒ fühlen sich wie in der Gegenwart eines Bodhisattvas. Auch mir ging es so, als mir vor vielen Jahren zum ersten Mal gegönnt war, ihm zu begegnen. Das war im Green Gulch Zen Zentrum bei San Francisco, wo ihn bei seinem ersten Besuch in Kalifornien eine kleine Gruppe begrüßte.

Ein Teilnehmer benützte diese Gelegenheit um die buddhistische Tradition gegen die christliche auszuspielen. «Buddhisten lehren den Weg, die Leiden zu überwinden», bemerkte er. «Was hat Ihre Heiligkeit da den Christen zu sagen, die sich jetzt schon zweitausend Jahre lang im Leiden suhlen?»

(So etwa lautete die Frage; die Antwort schien mir so wichtig, dass ich sie mir ganz genau merkte.) «Schon gut, schon gut», sagte S.H. der Dalai Lama, «aber wir dürfen nicht vergessen, dass nach buddhistischer Lehre das Leiden nicht dadurch überwunden wird, dass man die Schmerzen einfach hinter sich lässt, sondern dadurch, dass man sie um anderer willen auf sich nimmt.»

In so wenigen Worten vermochte dieser große Lehrer eine Überzeugung auszudrücken, in der Buddhisten und Christen übereinstimmen.

Was immer deine persönlichen Umstände sein mögen: kannst du dich an eine Gelegenheit in deinem Leben erinnern, bei der jemand mit so großer Liebe Schmerzen erlitt, dass dadurch Leid überwunden wurde?

Mütter werden an Geburtswehen denken, Lehrer werden sich vielleicht daran erinnern, wie viel seelisches Leid überwunden werden kann, wenn wir es aus Liebe zu unseren Schülern ertragen. Kennst du aus eigener Erfahrung die Freude, die das Leiden überwindet, wenn wir aus Liebe zu anderen Schmerzen ertragen?

Hast du einmal Bilder von den Demonstrationen gesehen, die Dr. Martin Luther King in Selma, Alabama anstiftete, wo schwarze Bürgerrechtler vom Wasserstrahl aus Feuerwehrschläuchen niedergestoßen und von Polizeihunden angefallen wurden? Hast du selber einmal teilgenommen an einer öffentlichen Protestaktion für Menschenrechte oder für ein ähnliches Anliegen?[3]

In der christlichen Tradition steht nicht das Kreuz am Ende, sondern das Leben. Wie Jesus sagt, ist er gekommen, um das Leben zu bringen, und es in Fülle zu bringen und nicht, um zu leiden und zu sterben.

Er stellt uns aber vor die Entscheidung ‒ weil wir eine Welt geschaffen haben, wo man so gegen den Strom schwimmen muss, um der Wahrheit willen, sogar Leiden auf uns zu nehmen um des Lebens willen.

Jeder, der sich heute entscheidet, lebensspendend und lebensbejahend zu sein und denen, die unterdrückt und ausgebeutet sind in unserer Welt so weit wie möglich Leben zu vermitteln, der wird leiden müssen.

Wenn es uns leidig ist, werden wir es nicht tun. Wenn wir aber bereit dazu sind, werden wir uns dafür entscheiden, auch zu leiden, weil es zu der Erfüllung all dessen beitragen kann, wofür wir als Menschen eintreten.

Die Zukunft, nach der wir uns sehnen, die nicht Untergang und Zerstörung ist, sondern die ein ganz neuer Aufbruch der Lebendigkeit sein kann, wird nur dann zustande kommen, wenn wir bereit sind ‒ wenn es uns nicht leid ist, auch Schwieriges zu erfahren und zu erleiden um dieser Zukunft willen.

Das einzige Bild, das in der gesamten christlichen Tradition immer wieder hinter Leiden steht, ist das Bild der Geburtswehen. Sie werden in der ganzen Bibel kein andres Bild finden. Das ist so typisch für das Durch-Leiden-Müssen, damit neues Leben entsteht.

Wir leben heute in einer Zeit, in der etwas ganz Neues geboren werden will, das göttliche Kind in uns. Uns dafür zu entscheiden, bedeutet leiden, aber in einem sehr positiven Sinn und es ist ganz im Zug der christlichen Tradition, aber doch gegen den Strich dessen, was wir manchmal irrtümlich und leider Gottes daraus gemacht haben.»[4]

[Die Quellenangaben zum obigen Text in Anm. 2-4]

[Ergänzend:

1. Audio Fokus aus «Der Atem der Stille» (DVD 2006), Benediktushof Edition: «S.H. der Dalai Lama, Bodhisattva-Ideal und Rosenkranz»; siehe auch die Transkription des Vortrags, 11f.:

2.1. Audio Das Leid des Lebens zu Herzen nehmen (1992); siehe auch Gottvertrauen im Leiden und Sterben: Ergänzend: 2. Audios
Erstes Seminar mit Bruder David im Rittersaal des Schlosses Goldegg:
(15:21) Loslassen – Ganz in diesem Augenblick leben – Verlust hat bei schöpferischen Menschen erst das Beste herausgebracht, das Beispiel von Helen Keller / (17:59) Leiden in unserem Herzen aufheben – Das Leben gibt uns nie Aufgaben, ohne uns auch die Kraft zu geben, diese Aufgaben zu bewältigen. Auf diese Kraft können wir uns verlassen

2.2. Audio Das Leid des Lebens zu Herzen nehmen (1992); siehe auch die Mitschrift der Diskussion  im Tagungsband Schmerz ‒ Stachel des Lebens (1992), 39f.
Diskussion:
(24:18) S.H. der Dalai Lama zum Thema Leiden – Das Bodhisattva-Ideal

«Im Zusammenhang von buddhistisch-christlichem Dialog stellt sich die Frage des Leidens, denn Buddha ist zu seiner Lebensaufgabe erwacht, indem er das Leiden sah und einen Weg suchte, es zu überwinden. Der gesamte Buddhismus steht und fällt der Bemühung, das Leiden zu überwinden.

… Ich möchte Ihnen eine kurze Anekdote aus einem Interview mit S.H. dem Dalai Lama erzählen. Ich war bei diesem kleinen Interview, niemand sonst war als Christ gekennzeichnet. Es war kein Grund, warum S.H. der Dalai Lama sich besonders christlich ausdrücken sollte. Immer wieder haben die Leute ihm dort Fragen über den Buddhismus auf Kosten der westlichen Tradition gestellt. Immer wieder hat er diese Fragen genommen und umgedreht.

Zum Beispiel: Was haben Sie zu dem Problem des Krieges zu sagen? Die Christen haben seit Anfang an immer miteinander Krieg geführt. Die Buddhisten habe eine ausgezeichnete Geschichte des Friedens. Darauf hat er gesagt: Es sieht vielleicht manchmal so aus. Aber jede Lehre ‒ die christliche wie die buddhistische ‒ predigt den Frieden. Die Anhänger jeder Lehre führen miteinander Krieg. Buddhisten genauso wie Christen.

Dann kam die Frage auf das Leiden: Die Christen wühlen im Leiden herum und die Buddhisten haben diesen wunderbaren Weg, das Leiden zu überwinden.

Darauf sagte S.H. der Dalai Lama: ‹So einfach ist das nicht. Nach buddhistischer Lehre wird das Leiden nicht dadurch überwunden, dass man Schmerz zurücklässt, sondern dadurch, dass man Schmerzen für andere erträgt ‒ wo nötig.›

Ich könnte mir absolut keine bessere christliche Antwort vorstellen. Das ist im Buddhismus das sogenannte Bodhisattva-Ideal, das unserem Christusbild weitgehend entspricht. Bodhisattva ist ein Buddhist, der bis zur Schwelle der Erleuchtung vorgeschritten ist, bis zum Eingang ins Nirwana, sich dort umdreht und gelobt, nicht einzutreten, bis nicht das letzte Lebewesen auch bereit ist einzutreten, alles durchzuleiden um der anderen willen. Das ist letztlich Barmherzigkeit, Mitleid und Mitfreude.

Je tiefer man eindringt, um so klarer sieht man die Zusammenhänge. An der Oberfläche ist das schwierig und man kann es niemandem zur Last legen, wenn es nicht erkannt wird. Gott sei Dank haben wir in unserer Zeit Gelegenheit, andere Traditionen kennenzulernen. Dabei sehen wir immer wieder, wie wir alle im Tiefsten von demselben Herzen kommen und zu demselben Gott hingehen, denn es gibt nur ein Herz und eine göttliche Wirklichkeit.»

3. Der spirituelle Weg (1996): Zen-Buddhismus und Christentum im täglichen Leben: ein Dialog von Robert Aitken mit David Steindl-Rast, TEIL 2: 9 Kernfragen der Praxis: ‹Schmerz und Leiden› und ‹Das Leid der Welt›, 146f.:

«Ich war einmal in einer Audienz bei S.H. dem Dalai Lama, als man ihn fragte, welcher Unterschied im Umgang mit dem Leiden zwischen dem Buddhismus und dem Westen bestehe. Das war eine von vielen Fragen, die ihm von sehr negativ zu ihrem eigenen Kulturerbe eingestellten Westlern gestellt wurden und die darauf hinausliefen, dass der Buddhismus auf Kosten der christlichen oder im weitesten Sinnen biblischen Überlieferung überhöht wurde:

‹Ihre Heiligkeit, im Buddhismus wird eine wunderbare Überwindung des Leidens gelehrt. Was können Sie zu den westlichen Überlieferungen sagen, die zweitausend Jahre lang im Schmerz gewatet haben?›

Diese Frage konnte ich noch nachempfinden, weil ich, wie gesagt, selbst auch denke, dass Schmerz und Leiden im Christentum übermäßig betont werden, und das für einen ziemlich ungesunden Zug halte.

Wie S.H. der Dalai Lama diese Frage und andere herabsetzende Fragen beantwortete, hat mich tief berührt; er hat sorgfältig darauf geachtet, keine überlegene Stellung des Ostens zu beanspruchen. …

… Dann sagte er: ‹Im Buddhismus wird das Leiden nicht dadurch überwunden, dass man es hinter sich lässt. Das Leiden wird dadurch überwunden, dass der Schmerz um der anderen willen ertragen wird.›

Das ist das Ideal des Bodhisattvas, und meiner Meinung nach ist das auch das letzte Wort, das Christen oder sonst jemand über den Schmerz sagen könnten.

Robert Aitken: «Den Schmerz um der anderen willen ertragen. Und wie wäre den Schmerz  m i t  den anderen tragen?»

Bruder David: «Mit den anderen. Den anderen, die nicht einmal ‹andere› sind.»

Robert Aitken: «Eben!»

4. Eng ist der Weg (2005):

«S.H. der Dalai Lama antwortete, indem er sagte: ‹So leicht ist es nicht. Leiden wird nicht dadurch überwunden, dass man die Schmerzen einfach hinter sich lässt; Leiden wird überwunden, indem man den Schmerz für andere trägt.› Und dies ist eine von diesen Antworten, welche sowohl christlich wie buddhistisch ist. Es ist eine grundlegende Aussage, die aus der Tatsache kommt, dass die Enge der Pfad ist. »]

_______________

[1] «Aufheben» hat für Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831) einen dreifachen Sinn: negieren (tollere) ‒ emporheben (elevare) ‒ bewahren (conservare). Der Begriff ist für Bruder David ein zentraler Schlüsselbegriff für die Paradoxie des Lebens: abnehmen, sterben, loslassen und doch Reifen, Erfüllung, Integration auf einer höheren Ebene; siehe auch Rühmen, Er-innern, Aufheben: Anm. 2; Sterben und Angst: Anm. 6; Heldenmythus, Opfer, Dankbarkeit: Ergänzend: 3.

[2] Der Fließweg (2024): ‹Gedanken zum Daodejing des Laozi›, Innsbruck-Wien, Tyrolia-Verlag 2024: ‹71›, 134

[3] Credo (2012): ‹Gelitten unter Pontius Pilatus› ‒ ‹Persönliche Erwägungen›, 106f.

[4] Mitschrift der Diskussion im Tagungsband Schmerz ‒ Stachel des Lebens (1992), 31f.: Bruder David antwortet Dr. Franz-Josef Köb, der Fehlhaltungen im Christentum anspricht: «Ich denke mir, dass in der Religion vieles Schädliches passiert ist.»


Quellenangaben

Film und Text von Br. David Steindl-Rast OSB

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(Film 53:44) Bettina Buchholz: «Nach einundzwanzig mir unendlich lang erschienenen Tagen durfte ich endlich die Isolierstation verlassen. Mein Körper hatte Gottseidank eine Mindestanzahl an gesunden Zellen gebildet. Ich musste jedoch die nächsten acht Wochen zu Hause weiter in vollkommener Abgeschiedenheit leben und spezielle Hygienevorschriften einhalten.

In dieser Zeit las ich Rilke. Auch Bruder David liebt Rilke über alles. Es ist für mich als Schauspielerin jedes Mal eine Freude, ihn Gedichte von Rilke rezitieren zu hören. Du kannst spüren, wie sehr er jedes Wort durchdringt. Meiner Meinung nach ist Bruder David auch ein echter Künstler. Ich lese jetzt einfach mal jene Rilke Stelle vor, die mich in den Wochen der Isolation am meisten ansprach:

Wir wissens ja oft nicht, die wir im Schweren sind,
bis über’s Knie, bis an die Brust, bis an’s Kinn.

Aber sind wir denn im Leichten froh?
Sind wir nicht fast verlegen im Leichten?

Unser Herz ist tief,
aber wenn wir nicht hineingedrückt werden,
gehen wir nie bis auf den Grund.

Und doch,
man muss auf dem Grund gewesen sein.
Darum handelt sich
s.[1]

(56:16) Wenn du so viele Wochen abgetrennt bist von fast allem und jedem, dann stellst du dir die Frage, ob es für dich ein gutes Leben überhaupt noch geben kann? Und falls dies doch noch möglich wäre, wie denn so ein erfülltes Leben ausschauen könnte trotz der Isolation der Krankheit und den vielen Krisen, die es gegenwärtig auf dieser Welt gibt?»

Bruder David: «Wie kann ein erfülltes Leben ausschauen? Das ist eine sehr schöne Frage. Ich glaube, das deutsche Wort erfülltes Leben legt die Antwort schon nahe. Sehr oft im Leben haben wir das Gefühl der Leere. Da ist nichts, da fehlt etwas. Und wenn wir krank sind, dann sagen wir: Es fehlt uns etwas. Wenn nichts mehr fehlt, dann ist das Leben erfüllt. Dann ist es voll ‒ die Schale ist voll. Dann will sie überfließen. Und dieses Überfließen ist die Dankbarkeit.»

(57:35) Bettina Buchholz: «Für mich ist das ein sehr schönes Bild, das Bruder David hier in den Raum stellt. Ich wäre gerne öfter so eine volle Schale, die nichts zurückhält, sondern dankbar überfließt. Wahrscheinlich geht es vielen von uns so.

Wenn du so eine anstrengende Krebsbehandlung erlebst, dann ist die Müdigkeit dein ständiger Begleiter. Doch ich wollte Bruder David noch eine allerletzte Frage stellen, obwohl ich ahnte, dass seine Antwort länger und vielschichtiger ausfallen könnte.

Ich hatte sein neuestes Buch mit dem Titel Orientierung finden mit großem Interesse gelesen, aber ich hatte es auf Grund seiner Komplexität nicht ganz verstanden, nicht ganz erfassen können. Also stellte ich ihm zum Schluss die Frage, ob er nicht für mich in ein paar Sätzen zusammenfassen könnte, wie man heute, in dieser so widersprüchlichen Welt, doch noch so etwas wie Orientierung und Erfüllung finden könnte?»

(58:37) Bruder David: «Ich habe ein ganzes Buch schreiben müssen, um das auszudrücken. Aber wenn ich’s in einem Satz zusammenfassen soll, ist: Lebensvertrauen ‒ dem Leben vertrauen. Das Leben ist vertrauenswürdig. Wenn wir dem Leben ‒ das heißt, dem großen Du, dem wir in jedem Augenblick des Lebens gegenüberstehen ‒, wenn wir dem vertrauen, erweist es sich vertrauenswürdig.

Das kann man leicht sagen, glauben kann man es nur, wenn man es ausprobiert. Auch in den schwierigsten Situationen immer wieder dem Leben vertrauen und hinhorchen: Was will jetzt das Leben von mir? Was schenkt mir das Leben? In jedem Augenblick schenkt uns das Leben etwas. Aber diese Gabe ist zugleich Aufgabe. Und das zu üben, immer wieder zu üben, das ist worauf es ankommt im Leben, scheint mir. Man kann es natürlich auch Liebe nennen, aber Liebe ist so ein schwieriges Wort, weil es so viel missbraucht und missverstanden wird. Aber wenn man unter Liebe das gelebte Ja zur Zugehörigkeit versteht ‒

Liebe ist das gelebte Ja zur Zugehörigkeit. Und Liebe ist dann, worauf es im Leben ankommt. Und Liebe bezieht sich auf jeden Menschen, jedes Tier, jede Pflanze, den ganzen Kosmos und letztlich auf das Herz des Ganzen. Denn das Ganze hat ein Herz. Und das erlebt man eben auch nur, wenn man sich darauf verlässt. Aber wenn man sich darauf verlässt, fühlt man den Herzschlag des Universums in unserem eigenen Herzen.»[2]

(01:01:06) Nach dieser intensiven Stunde mit Bruder David verspürte ich trotz meiner Müdigkeit so etwas wie eine aufkeimende Zuversicht, einen wachsenden Mut und ja ‒ auch wieder Lebensfreude. Und ich spürte wirklich so etwas wie den Herzschlag des Universums in mir. Dies alles möchte ich in mir bewahren trotz der Scheißkrankheit, der voranschreitenden Klimakrise und des furchtbaren Krieges. Ich wollte mich gerade bei Bruder David herzlich und inniglich bedanken.

[Film Lebendig bleiben mit Bruder David Steindl-Rast (2023); siehe auch Transkription]

[Ergänzend:

Dankbarkeit ist der Schlüssel zur Freude (2014): Interview von Andrea Huttegger mit Bruder David:

«Das Herz ist wie ein Gefäß, das sich anfüllt und überfließt vor Dankbarkeit. In Österreich ist es oft so: Gerade wenn das Gefäß überfließen will vor Freude, weil wir so viel haben, kommt die Reklame und sagt uns, dass es etwas Besseres gibt. Das Gefäß wird immer größer und fließt nie über. In Ländern, in denen Armut herrscht, fließt das Gefäß früh über, weil es sehr klein ist. Wir können unseres kleiner machen, z.B. durch Fasten. Plötzlich schmeckt das Wasser so gut. In diesem Moment fließt das Gefäß vor Dankbarkeit in Freude über. Unser Gefäß kleiner zu machen heißt nicht, die Lebensqualität zu vermindern, im Gegenteil. Eine gewisse Einschränkung erhöht die Lebensqualität, weil das Gefäß früher überfließt und Freude schenkt.»]

________________

[1] R. M. Rilke im Brief an den Schriftsteller Arthur Holitscher vom 13. Dezember 1905

[2] Siehe auch Erlösung ‒ Sünde und Heil: Haupttext, sowie Ergänzung: 1.4. und Anm. 3: R. M. Rilke, Die Sonette an Orpheus 2. Teil, II; siehe auch die Audios in Tanz ‒ der Sinn des Ganzen: Ergänzend: 2.1. und 2.6.



Quellenangaben

Text und Audios von Br. David Steindl-Rast OSB

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Andreas Salcher: «Wie soll man mit einer schwierigen Vergangenheit umgehen?»

Bruder David: «Eigentlich sollte man überhaupt nicht damit umgehen. Je weniger man sich damit identifiziert desto besser. Wenn man im gegenwärtigen Augenblick lebt, dann identifiziert man sich nicht mit der Vergangenheit, das ist das Entscheidende.

Menschen, die sehr unter ihrer Vergangenheit leiden sind oft Menschen, die unter keinen Umständen dieses Leiden aufgeben wollen, sie sind besessen davon, es ist ihre Identität. Was wären sie denn, wenn sie plötzlich nicht mehr ein Opfer ihrer Eltern wären?

Wenn man den langen Weg gehen will, zum Beispiel mit den Methoden der Psychoanalyse darin bohren will, habe ich nichts dagegen. Es gibt aber einen kürzeren Weg, und das ist im gegenwärtigen Augenblick zu leben. Dann kommen wir leichter von unseren kleinen Egos los und zu unserm wahren Selbst

Andreas Salcher: «Aber gerade, wenn wir schwer verletzt wurden, dann ist im Augenblick der Schmerz besonders groß, wir können ihm nicht entfliehen, ja wir glauben dem Schmerz nicht entkommen zu können.»

Bruder David: «Natürlich kann man einem Menschen im Augenblick des größten Leidens überhaupt nichts sagen, man kann nur bei ihm sein. Im Buch Hiob gehen dem leidenden gottesfürchtigen und gerechten Mann auch irgendwann alle Freunde, die ihm gute Ratschläge geben, nur mehr fürchterlich auf die Nerven. Aber man muss diesen Freunden zugutehalten, dass sie ganz am Anfang eine Woche lang im Schweigen bei ihm sitzen.

Und das ist das Entscheidende: Gegenwärtig sein, die Hand halten, Mitgefühl zeigen, das hilft. Das ist viel besser als alle Ratschläge, denn Ratschläge sind oft vor allem Schläge. Wenn man etwas sagen könnte, dann müsste es lauten:

‹Was du jetzt im Augenblick an großen Schmerzen erlebst, ist offensichtlich auszuhalten. Und daher denke nicht daran, dass das Leiden in der Zukunft immer noch ärger werden wird, dass Du das nicht wirst aushalten können. Lass die Zukunft in Frieden und bleibe im Augenblick.›

Wir leiden meistens an der Zukunft und nicht in der Gegenwart. Jetzt gerade ist es zwar schmerzhaft aber erträglich. All is always now.[1] Pain is inevitable. Suffering is optional. Schmerz ist unvermeidlich. Leiden ist optional.»

Andreas Salcher: «Wie geht man um mit dem Gefühl, alles was ich weiß, alles was ich anderen beigebracht habe, hilft mir nichts.?

Bruder David erzählt mir von einer eigenen großen Verletzung, die er erlitten hat. Es ging um den Verrat eines Versprechens, das man ihm gegeben hatte, eine Aufgabe zu bekommen, auf die er sich schon sehr gefreut hat und auf die er sich schon sehr eingestellt hatte. Er kann es bis heute nicht verstehen, warum man ihm dann diese Aufgabe doch nicht gab.»

«Natürlich habe ich mich ständig gefragt, warum tun die das. Monatelang habe ich mich damit gequält und mich daran geklammert, dass ich ein Opfer bin. Es hat lange gedauert, bis ich in der Lage war, einfach loszulassen.»

Gespräche mit Freunden haben ihm sehr geholfen: «Es hilft am meisten, wenn der Freund nicht wertet, wie ‹Das ist doch nicht so arg› oder Ratschläge gibt, sondern einfach zuhört.

Heute kommt das deshalb bei mir nicht mehr hoch, weil ich tagtäglich übe, die Vergangenheit zu lassen. Wenn ich zum Beispiel chronische rheumatische Schmerzen habe und mir dann sage: ‹Das wird jetzt immer ärger, das kann ja nicht besser werden›, dann habe ich schon verloren.

Mir hilft, wenn ich erkenne, dass es im Augenblick zwar sicher unangenehm, aber erträglich ist, sonst wäre ich ja nicht mehr da. Und dann wird es sofort besser.»

Andreas Salcher: «Voraussetzung dafür ist aber zweifellos das hohe Urvertrauen, das Bruder David auszeichnet. Dieses kann man zwar für sich selbst nicht mehr steigern, aber es ist das Wichtigste, das man seinen Kindern von Geburt an mitgeben kann.»

«Was können Eltern ihren Kindern sagen, die gerade großes Leid erfahren mussten?»

Bruder David: «Es geht eben überhaupt nicht um das Sagen. Es geht um das Umarmen, vielleicht spazieren gehen, genau hinhören jedenfalls mitfühlen.

Erst im Nachhinein verstehen wir oft, dass unsere Verletzungen zu Wachstum geführt haben, daher sollten wir zutiefst dankbar dafür sein. Der Augenblick des größten Leidens ist natürlich nicht der beste Augenblick um Dankbarkeit zu lernen, das ist, wie wenn man mit Chopin beginnen würde Klavierspielen zu lernen. Wir können aber dankbar dafür sein, dass uns jeder Augenblick Gelegenheit dafür gibt, dankbar zu sein. Das eröffnet dann ungeheure Möglichkeiten der Kreativität. Wenn ich mich dagegen nur als Opfer sehe, dann ist alles abgeschlossen.»[2]

Das Abenteuer besteht darin, dass wir ausziehen, uns auf Abenteuer einlassen und ein ganzes Leben damit verbringen, wieder heimzufinden. Das ist schon in dem Paradoxon angelegt, das auch Augustinus ausspricht:

«Gott ist mir näher, als ich mir selber bin.»

Aber zugleich:

«Unruhig ist unser Herz, bis es in mir ruht als Sinnquelle».

Wenn Gott mir in meinem Herzen näher ist als ich mir selber bin, warum soll dann mein Herz unruhig sein? Es ruht in Gott. Warum?

Wir wissen, dass es so ist, wissen, dass wir von zuhause fort müssen und unser ganzes Leben damit verbringen, dorthin zurückzukehren – am Ende aller unserer Abenteuerfahrten ‒ wo wir ausgegangen sind und den Ort zum ersten Mal wirklich erkennen.

Wir kehren heim durch die unbekannte Pforte, an die wir uns doch so gut erinnern können. Diese Pforte ist das Herz, zu dem wir heimkehren, wie wir von ihm ausgegangen sind.[3]

Das Leben in diesem Sinn ist dann das Sinnfinden des abenteuerlichen Herzens auf der Lebensreise.

Die Lebensreise ist das Leiden.

Das überrascht uns vielleicht, besonders, wenn wir noch jung sind.

Es ist aber auch in der Philosophie, die in unserer Sprache enthalten ist, völlig klar angelegt. Leiden heißt ursprünglich gehen, fahren, reisen.

Leiden hatte nichts mit erleiden zu tun.

Das Leiden, das ursprünglich fahren, reisen, gehen bedeutete, kommt von einer Wurzel her, und das Leid (das Leidige) ist ein anderes Wort, das ursprünglich das Widerwärtige bedeutete. Langsam vermischen sich die beiden Wörter.

Erst, wenn wir wieder sehen, dass Leiden gar nicht unbedingt etwas Leidiges sein muss, beginnen wir darüber nachzudenken, was denn das Leiden leidig macht.

Das Wort «leidig» bedeutet ursprünglich hässlich, ungut, unangenehm, hauptsächlich aber widerwärtig. Wenn wir «leider» sagen, ist das wohl nur eine Steigerungsstufe.

Das Widerwärtige ‒ «wider» heißt gegen und «wärtig» die Richtung ‒ ist das, was «gegen den Strich geht». Wir können im Leben entweder mit der Maserung oder gegen sie hobeln, mit dem Strich gehen oder gegen ihn gehen, mit dem Strom schwimmen oder versuchen, gegen den Strom des Lebens zu schwimmen.

Hier kommt es zu dem großen Paradoxon, dass alle, die mit dem Strom des natürlichen Lebens schwimmen, heutzutage gegen den Strom schwimmen müssen. Und darum schwimmen so wenige mit dem Strom des Lebens.

Zu dem Wort «Leid», «leidig», gehört die Widerwärtigkeit.

Zu dem Wort leiden, Leben, Erfahren, Fahren gehört das Veranlassungswort leiten und Lotse. Leiten ist gehen-machen.

Wenn wir sehen, dass uns etwas im Leiden leiten kann, dann müssen wir uns fragen, was ist denn dann die leitende Kraft?

Es ist das Leben selbst. Wenn wir uns wirklich dem Leben hingeben, dem Lebensstrom, der Quelle des Herzens, dann werden wir durch das Leben geleitet. Das Leben selbst leitet uns, wenn wir uns nicht diesem Lebensstrom verschließen, abkapseln, stehenbleiben, steckenbleiben, unser Herz verschließen.[4]

Was geschieht denn mit dem Leid, wenn wir es uns zu Herzen nehmen?

Es «bricht uns das Herz». Aber nicht in einem zerstörerischen Sinn, sondern es bricht das Herz auf. Auf das einzige Herz hin, das wir alle gemeinsam haben.

Unser Herz ist kein Privatplatz. Unser Herz ist der Punkt, wo wir miteinander zusammenhängen.

Wenn wir den rechten Fleck des Herzens wirklich finden, dann haben wir das eine Herz gefunden, das wir alle gemeinsam haben ‒ in der christlichen Tradition heißt es «das allerheiligste Herz Jesu».

Das ist ein Begriff, der sicher vielen fremd ist, aber menschlich vollkommen zugänglich sein soll: Dass eben das Universum ein Herz hat ‒ ein leidendes Herz ‒ denn das Herz ist Lebenszentrum. Und Leben heißt Leiden. Das ist aber ein anderes Leiden als jenes, dem alles leidig ist.

Wirklich leiden heißt also, so zu leben, dass uns nichts leidig wird. Mit dem Strich leben! Das Leid wird in den Lebensstrom hineingenommen zum weiteren Anlass dieses Lebens.

Wir erfahren Leid, wir erleiden Leid, aber es ist uns nicht leidig.

Diese Erfahrung muss ganz vorsichtig und behutsam in die medizinische Praxis übertragen werden: Was hier über Schmerz und Schmerzlinderung gesagt wurde, erscheint mir ausserordentlich wichtig. Gerade deshalb, weil es die Lebensqualität verbessert und uns hilft, das Leidige auf vernünftige Weise auch abzuschwächen.

Wir wissen aber zugleich, dass Menschen, die Sinn finden, sogar die größten Schmerzen viel weniger schmerzlich empfinden.

Wenn wir uns etwas zu Herzen nehmen, dann bricht es uns das Herz auf, auf diese Sinnmitte hin, von der aus wir alles sinnvoll finden können.

Da müssen wir uns entscheiden: Wollen wir uns das Leiden des Lebens zu Herzen nehmen oder wollen wir es auf Armeslänge von uns halten?[5]

Die Zukunft, nach der wir uns sehnen, die nicht Untergang und Zerstörung ist, sondern die ein ganz neuer Aufbruch der Lebendigkeit sein kann, wird nur dann zustande kommen, wenn wir bereit sind ‒, wenn es uns nicht leid ist, auch Schwieriges zu erfahren und zu erleiden um dieser Zukunft willen.

Das einzige Bild, das in der gesamten christlichen Tradition immer wieder hinter Leiden steht, ist das Bild der Geburtswehen. Sie werden in der ganzen Bibel kein andres Bild finden. Das ist so typisch für das Durch-Leiden-Müssen, damit neues Leben entsteht.[6]

[Die Quellenangaben zum obigen Text in Anm. 2-6]

[Ergänzend:

1.1. Audio Dem Welthaushalt freudig dienen ‒ Spiritualität 2011
Spiritualität und Ökologie: Pater Johannes und Bruder David im Dialog
(27:55) Kein Leid zufügen, Mitfühlen, Sympathie, Mitleiden und sich Mitfreuen ‒ das Leiden der Tiere
(36:14) Das Bild der Schwangerschaft: geteilter Raum, der Kosmos als Mutterleib und wir in einem ununterbrochenen Geburtsvorgang ‒ auch Freunde müssen einander bemuttern, Geburt wie Sterben, Sterben wie Geburt

1.2. Audio Dem Welthaushalt freudig dienen ‒ Spiritualität 2011
Spiritualität und Ökologie: Zwei Ergänzungen und Fragerunde:
(00:00) Keine Geburt ohne Schmerz ‒ auch Wachstum und Reifen ist mit Schmerzen verbunden ‒ die Freunde von Hiob sitzen eine Woche lang schweigend bei ihm, bevor sie reden

2.1. Audio Das Leid des Lebens zu Herzen nehmen (1992); siehe auch die Mitschrift des Vortrags im Tagungsband Schmerz ‒ Stachel des Lebens (1992), 22-27 , 31f.
Eröffnungsreferat Vortrag:
(15:08) Hungern nach Weisheit und Sinn – Unruhig ist unser Herz (Augustinus) – Wir lassen niemals vom Entdecken / Und am Ende allen Entdeckens / Langen wir, wo wir losliefen, an / Und kennen den Ort zum ersten Mal. / Durchs unbekannte, erinnerte Tor (T.S. Eliot)
(24:59) ‹leiden› und das ‹Leid(ige)› unterscheiden: Mit oder gegen den Strich gehen / (29:12) leiden, leiten, Lotse: Die leitende Kraft ist das Leben selbst / (30:39)
‹Es wandelt, was wir schauen› (Joseph von Eichendorff)[7] / (34:25) Offen zum Himmel und zu den Nachbarn: Die Laubhütten am jüdischen Laubhüttenfest / (36:34) Es bricht das Herz auf ‒ Das Herz ist kein Privatplatz – Das allerheiligste Herz Jesu / (37:59) So leben, dass uns nichts leidig ist – Unsere große Entscheidung – Das Leben in Fülle (Joh 10,10)

2.2. Audio Das Leid des Lebens zu Herzen nehmen (1992); siehe auch die Mitschrift der Diskussion im Tagungsband Schmerz ‒ Stachel des Lebens (1992), 31f.
Diskussion:
(12:25) Fehlgeleitete religiöse Überzeugungen korrigieren / (16:20) Das Bild der Geburtswehen:

Bruder David: «Mein Bemühen geht natürlich dahin, vieles, was offensichtlich in unserer christlichen Tradition fehlgelaufen ist, von innen her und aus der Kraft des Guten wieder zu korrigieren. Es zeigt sich zum Beispiel dabei, dass die Vermischung der beiden Wortbereiche von ‹leidig› und ‹leiden› genau zu der Zeit der Christianisierung unserer Sprache und unserer Kultur entstanden. Wir bemühen uns, das heute wieder klarzustellen.» (31f.)

2.3. Audio Das Leid des Lebens zu Herzen nehmen (1992)
Zweites Seminar mit Bruder David im Rittersaal des Schlosses Goldegg:
Teil 2:
(06:24) Schwerkranke und Sterbende begleiten – Die Freunde Hiobs saßen bei ihm sieben Tage und Nächte (Hiob 2,13): Einfach da sein, Zeit schenken / (13:06) Einander behandeln: Die Hand massieren, den Puls greifen – Totenwache daheim und bei den Maori – Belastendes will noch ausgesprochen werden – Nicht an der Hand, sondern in der Hand von jemandem sterben

3. Der spirituelle Weg (1996): Zen-Buddhismus und Christentum im täglichen Leben, ein Dialog von Robert Aitken mit David Steindl-Rast, TEIL 2: 9 Kernfragen der Praxis: ‹Schmerz und Leiden›,143, und ‹Das Leid der Welt›, 146:

Bruder David: «In der Bibel ist das Bild, das man allgemein mit Schmerz assoziiert, das Bild der Geburtswehen: Es ist ein Sackgassen- und gleichzeitig ein Durchbruchserlebnis.»

Robert Aitken: «Wir wissen ja, dass die gesamte Schöpfung bis zur Stunde seufzt und in Wehen liegt. (Röm 8,22).»

Bruder David: «Genau. Das ist eine von vielen Stellen, wo dieses Bild aufgegriffen wird. Meine Antwort darauf wäre, dass jeder Schmerz, den wir verspüren, das Signal für eine Herausforderung und eine Gefahr ist. Handelt es sich um einen ernstzunehmenden Schmerz, dann ist es die Aufforderung zur Einsicht, dass uns eine neue Geburt abverlangt wird. Das macht den Schmerz zu einem Wachstumsschmerz, der Reife fördert. Ich denke doch, dass das ein sehr positiver Aspekt des Schmerzes ist.» (143)

Robert Aitken: «Schauen wir uns doch einmal das Wort ‹leiden› an. Heute wird es meistens in der Bedeutung ‹Schmerzen erleiden› verwendet. Aber es bedeutet auch ‹zulassen›. An einer Krankheit leiden bedeutet also eigentlich, eine Krankheit zuzulassen, sie zu leiden. Das wird umgedreht, weil niemand krank sein will. Die Krankheit wird abgewehrt, und dadurch geht es einem möglicherweise nur noch schlechter. Leiden ist eigentlich Leben an sich. Wir lassen zu, dass das Leben stattfindet. Wir erlauben es.»

Bruder David: «Das ist sehr schön. Anders ausgedrückt, gibt es zwei Arten, zu leiden: mit dem Strom des Lebens und gegen den Strom.

Mit dem Strom des Lebens ist auch Leiden, ist auch schmerzhaft, aber es ist ein Schmerz, der zum Wachstum beiträgt und somit lebensspendend.

Sich gegen den Strom des Lebens zu stellen heißt, gegen den Strom zu leiden, und ist fruchtlos. Es ist wichtig, diesen Unterschied wahrzunehmen und uns aufzumachen, um mit dem Leben zu leiden. Im Lateinischen heißt leiden ‹sufferre› das wiederum von ‹sub-ferre› kommt und unter anderem ‹darunter halten, emportragen› bedeutet, also im Sinn von unterstützen und tragen.» (146)]

_____________________

[1] T. S. Eliot: Four Quartets: Burnt Norton, V, siehe auch Jetzt in diesem Augenblick: Ergänzend: 2.2.

[2] Der verletzte Mensch (2008): Interview von Andreas Salcher mit Bruder David

[3] Mitschrift des Vortrags im Tagungsband Schmerz ‒ Stachel des Lebens (1992), 21f.; siehe auch Film Wir sind daheim in dieser Welt (1975) und die Transkription des Filmes mit Anm. 9:
(47:34) «Am Ende unserer Reise, am Ende unseres großen Abenteuers, am Ende dieser unentlohnbaren Fahrt kehren wir zum Ausgangspunkt zurück, und kennen den Ort zum ersten Mal.

Dieses Ankommen am stillen Punkt, ist das Einzige, worauf es letztlich ankommt. Dieser stille Punkt des großen Tanzes ist das einzig Wesentliche.

Wenn wir in diesem stillen Punkt, in diesem Ruhepunkt wurzeln, dann werden wir die Einheit alles Seienden entdecken. Und eine solche Entdeckung ist immer ein großes Geschenk, ein ganz unerwartetes Geschenk, ein Windfall, ein Fischfang, so groß, dass es sich nicht zählen lässt.»

«We shall not cease from exploration
And the end of all our exploring
Will be to arrive where we started
And know the place for the first time.
Through the unknown, remembered gate
When the last of earth left to discover
Is that which was the beginning.»

«Wir lassen niemals vom Entdecken
Und am Ende allen Entdeckens
Langen wir, wo wir losliefen, an
Und kennen den Ort zum ersten Mal.
Durchs unbekannte, erinnerte Tor
Wenn der letzte unentdeckte Flecken
Der ist, der am Anfang war.»

T. S. Eliot: Four Quartets: Little Gidding, V, in der Übersetzung von Norbert Hummelt, in: T. S. Eliot: Vier Quartette. Four Quartets. Englisch und deutsch, Berlin, Suhrkamp Verlag 2015, 80f.; siehe auch Sinnorgan Herz: Haupttext und Anm. 3

[4] Ebd. 23f.

[5] Ebd. 26f.

[6] Mitschrift der Diskussion im Tagungsband Schmerz ‒ Stachel des Lebens (1992): Bruder David antwortet Dr. Franz-Josef Köb: «Ich denke mir, dass in der Religion vieles Schädliches passiert ist.», 31f.

[7] Joseph von Eichendorff: ‹Der Umkehrende›, 4, siehe auch Fragen des Lebens: Haupttext und Ergänzend: 3.; Kreuz ‒ Zeichen der Hoffnung: Ergänzend: 1.


Quellenangaben

Text von Br. David Steindl-Rast OSB

augenblicke wach im jetzt titelCopyright © - Norbert Kopf

Aber nur wenige Worte aus unserem Sprachgebrauch werden so sehr missverstanden wie das Wort Muße.

Das wird sofort deutlich, wenn wir von Arbeit und Muße als einem Gegensatzpaar sprechen. Heißen die beiden Pole aller Aktivität wirklich Arbeit und Muße? Wenn dem so wäre, wie könnten wir dann von einem Arbeiten in Muße sprechen? Das wäre ein offensichtlicher Widerspruch. Und doch wissen wir, dass es ganz und gar kein Widerspruch ist. Tatsächlich ist es so, dass jede befriedigende Arbeit mit Muße verrichtet werden will.

Was also ist nun das Gegenteil von Arbeit, wenn es nicht Muße ist? Es ist das Spiel. Arbeit und Spiel ‒ das sind die beiden Pole aller Aktivität. Und was wir über Zweck und Sinn gelernt haben, wird uns hier helfen, dies klarer zu erkennen.

Wann immer du arbeitest, dann tust du das, um einen bestimmten Zweck zu erreichen. Gäbe es diesen Zweck nicht, dann hättest du etwas besseres zu tun. Arbeit und Zweck sind so eng miteinander verknüpft, dass deine Arbeit endet, sobald dein Zweck erreicht ist. Oder willst du dein Auto weiter reparieren, wenn es bereits wieder läuft? Das mag weniger offensichtlich sein, wenn du den Boden fegst. Ist es nicht möglich, den Boden weiter zu fegen, selbst dann, wenn sich kein Staubkörnchen mehr findet? Nun, du kannst natürlich mit dem Besen weiterfegen, wenn es dir Spaß macht, aber dein Zweck ist längst erreicht, und damit endete die Arbeit als solche. Früher oder später wird dich sicherlich jemand fragen, warum du noch immer mit dem Besen herumspielst. Was einmal Zweck hatte und Arbeit war, ist jetzt eben zum Spiel geworden.

Beim Spiel liegt die gesamte Betonung auf dem Sinn der Aktivität. Sagst du deinen Freunden, dass es dir außerordentlich sinnvoll erscheint, an einem Freitagabend mit einem Besen herumzutanzen, dann mögen sie dich zwar verwundert anschauen, ernsthaft widersprechen können sie hingegen kaum. Spiel braucht kein Ziel. Darum kann das Spielen immer weitergehen, solange die Spieler es für sinnvoll halten. Schließlich tanzen wir ja nicht, um irgendwo hinzukommen. Wir tanzen im Kreis.

Eine Symphonie endet nicht, wenn sie ihren Zweck erfüllt hat. Genau genommen hat sie keinen Zweck. Es ist spielerische Sinnentfaltung, die sich in jedem ihrer Rhythmen, in jedem Satz und jedem Thema offenbart: Sinn zu feiern, darum geht es.

Menzlers Kanon ist eine der großartigen Überflüssigkeiten des Lebens. Wann immer ich ihm zuhöre, erkenne ich aufs Neue, dass einige der überflüssigsten Dinge die notwendigsten für uns sind, weil sie unserem menschlichen Leben Sinn verleihen.

Wir sollten darauf achten, dass wir nicht Muße und Arbeit gegeneinander ausspielen. Muße ist die Ausgewogenheit von Arbeit und Spiel. Muße wird beiden gerecht.

Aber selbst das könnte missverstanden werden. Zu hastig könnte jemand sagen: «Jawohl, wenn Spiel, dann Spiel; wenn Arbeit, dann Arbeit. Jedes zu seiner Zeit. Eine perfekte Balance, nicht wahr?» Nicht besonders perfekt, wie mir scheint. Geht mir perfekte Arbeit nicht auch spielerisch von der Hand? Menschen, die ihre Arbeit mit nichts als ihrem Ziel vor Augen verbringen, wissen kaum mehr, was spielen heißt, wenn ihre Freizeit schließlich anfängt.[1]

(Film 34:54) «Wenn wir Hausarbeit wirklich mit offenem Herzen tun, dann wird das Aufkehren, das Abstauben, das Zusammenräumen eine Art Liebkosung unserer Wohnung.

Wenn wir mit wirklich offenem Herzen das Geschirr berühren, während wir es abwaschen, dann wird uns auch das zu einem ganz tiefen Erlebnis. Bei der Teezeremonie zum Beispiel in Japan werden schwere Geräte aufgehoben wie wenn sie ganz leicht wären und leichte Geräte als ob sie ganz schwer wären. Wenn wir das einmal beim Geschirrabwaschen versuchen, einen kleinen Teelöffel aufzuheben als wäre er ganz schwer ‒ einen schweren Kessel aufzuheben als wäre er ganz leicht, dann wird uns auch das zu einem neuen Erlebnis. Wir sind dann vielleicht ganz anders darauf eingestimmt, dass das warme Wasser wirklich warm ist und das kalte Wasser wirklich kalt. Durch alle diese Erlebnisse spricht uns die Wirklichkeit an und das kann zu einem viel tieferen Bewusstsein führen.»[2]

«Nur wenn wir im Einklang mit dem Leben handeln, fließt die Kraft des Lebens durch uns.

«Ganz gleich, ob wir im Garten arbeiten, ein Buch lesen, ein Hemd bügeln oder an einer Telefonkonferenz teilnehmen, ‹gute Arbeit› ist wie ein kosmisches Ballspiel, ‹wie ein heiliger Tanz.›»[3]

[Die Quellenangaben zum obigen Text in Anm. 1-3]

[Ergänzend:

1. Schlüsselwort ‹Arbeit/Spiel›, in: Dankbarkeit: Das Herz allen Betens (2018), 165 [bzw. Fülle und Nichts (2015), 166]:

«Menschliches Handeln ist von zweierlei Art: Arbeit und Spiel. Wir arbeiten, um einen nützlichen Zweck zu erfüllen. Aber wir spielen aus sinnvollem Vergnügen. Spiel ist in sich selbst sinnvoll. Wir können in unserer Arbeit dermaßen zweckorientiert werden, dass wir selbst nach der Arbeit nicht länger spielen können; bestenfalls können wir uns eine weitere Runde Arbeit verschaffen. Nützlichkeit verdrängt unser Vergnügen. Welch eine Zeitverschwendung! Aber wir können Arbeit davor schützen, zu bloßer Plackerei zu werden. Wir können lernen, spielerisch zu arbeiten. Das aber bedeutet, unsere Arbeit nicht nur im Blick auf ihre brauchbaren Resultate zu verrichten, sondern auch wegen des Vergnügens, das wir dabei empfinden, wenn wir sie aufmerksam und dankbar verrichten. Dankbare Arbeit ist spielerische, gelassene Arbeit. Nur gelassene Arbeit ist auf lange Sicht fruchtbar. Nur wenn wir spielerisch arbeiten, sind wir wirklich lebendig.»

2. Sterben lernen (2005); siehe auch Muße:

«Diese innere Einstellung, sich selbst hinzugeben, ein Gehenlassen von Augenblick zu Augenblick ist es, was uns so besonders schwer fällt, doch kann man es anwenden auf beinahe jedem Gebiet unserer Erfahrung.

Wir haben zum Beispiel die Zeit erwähnt. Da ist das ganze Problem der Freizeit, wie wir sie nennen, der Entspannung und Muße.

Wir denken uns als ein Privileg derer, die es sich leisten können, sich Zeit zu nehmen (dieses ewige ‹Nehmen›!), während sie in Wirklichkeit überhaupt kein Privileg ist. Muße ist eine Tugend, und zwar eine, die jeder sich leisten kann. Es geht hier nicht darum, sich Zeit zu nehmen, sondern Zeit zu geben, ‹sich Zeit zu lassen›.

Muße ist die Tugend derjenigen, die sich Zeit nehmen für was immer es ist, das Zeit braucht ‒ dieser Angelegenheit so viel Zeit schenken, wie sie benötigt. Das ist der Grund, warum Muße für uns beinahe unerreichbar ist. Zu sehr sind wir ausgerichtet auf Nehmen, auf Aneignen. Und so gibt es mehr und mehr freie Zeit ‒ und immer weniger Muße. In früheren Jahrhunderten, als für alle viel weniger freie Zeit zur Verfügung stand und es keine ‹Ferien› gab, da entspannten sich die Leute während der Arbeit. Heute arbeiten sie hart, um sich zu entspannen.

Es gibt Leute, die arbeiten von morgens um neun bis abends um fünf mit der Einstellung: Lasst es uns erledigen, lasst uns die Sache an die Hand nehmen. Sie sind vollkommen zweckorientiert, und wenn es endlich fünf Uhr ist, sind sie so erschöpft, dass sie keine Zeit mehr haben für richtige Muße. Wer nicht entspannt arbeitet, kann auch nicht entspannt spielen. So kommt es zum Zusammenbruch, oder die Leute nehmen ihren Tennis- oder Golfschläger und fahren fort mit der Arbeit, die dann ‹Freizeittätigkeit› genannt wird.»

3. Der Mönch in uns (1978) [dieser Text findet sich, übersetzt von Bernard Schellenberger, weitgehend auch im Buch Auf dem Weg der Stille (2023): Kapitel 3: ‹Der Mystiker in uns allen›, 43-63]; siehe auch Einfach leben ‒ dankbar leben: 365 Inspirationen (2014): Kernsätze zum 9. und 10. Mai:

«Arbeit ist diese besondere Art von Aktivität, die auf einen bestimmten Zweck ausgerichtet ist, und wenn dieser erreicht ist, hört die Arbeit auf.»

«Gewöhnlich denken wir, dass das Gegenteil von Arbeit Muße ist. Muße ist nicht das Gegenteil von Arbeit. Spiel ist das Gegenteil von Arbeit, wenn du einen Gegensatz haben willst. Und die Muße überbrückt die Lücke zwischen Arbeit und Spiel. Muße ist, seine Arbeit in der Haltung des Spielens zu tun.»

4. Im Vortrag Jesus als Wort Gottes, abgedruckt in: Die Frage nach Jesus (1973), 9-14, geht Bruder David ausführlich ein auf den Zusammenhang von Sinn und Zweck, Arbeit Spiel und Muße, Kontrolle und Hingabe, Sinn und Feier, Sterben und Wandlung ein:

«Beachten Sie, dass wir Sinn und Zweck nicht gegeneinander ausspielen. Es geht uns nicht um ein Entweder-Oder, sondern um ein Sowohl-Als-auch. Wir müssen unterscheiden, aber wir dürfen nicht trennen. Das gilt auch von den Begriffen Arbeit und Spiel. Die beiden sind miteinander verbunden in dem Begriff von Muße. Muße ist freilich ein oft missverstandener Begriff. Verwechseln wir nicht allzuoft Muße mit Müßiggang? Muße ist aber keineswegs Untätigkeit. Wie könnten wir sonst mit Muße arbeiten? Und wir wissen doch, dass die beste Arbeit in Muße geleistet wird. Diese echte Muße ist aber die Ausgewogenheit zwischen Arbeit und Spiel.

Nun missverstehen wir das oft so, dass wir meinen, man müsse zuerst arbeiten und nichts als arbeiten, um dann endlich zum Lohn spielen zu können. Wenn man aber nicht schon spielerisch arbeitet, dann kann man auch nachher nicht spielen. Kennen wir nicht Leute, die während der Arbeitszeit wie wild arbeiten und dann nachher entweder erschöpft zusammenbrechen oder während der Freizeit einfach weiterarbeiten, nur jetzt mit Spielzeug als Werkzeug? Sie kommen aus der Zwangsjacke der Zweckgerichtetheit einfach nicht heraus. Wenn man nicht schon mit Muße arbeitet, kann man auch nicht mit Muße seine Freizeit gestalten.

Heute gibt es mehr und mehr Freizeit und weniger und weniger Feierabend und Muße. Aber warum fallt es uns so schwer, uns der Muße und Feier hinzugeben?»]

___________

[1] Dankbarkeit: Das Herz allen Betens (2018), 67-69 [bzw. Fülle und Nichts (2015), 66f.

[2] Film Wir sind daheim in dieser Welt (1975) und Transkription; siehe auch Tasten, berühren, behüten: Ergänzend: 1.

[3] Orientierung finden (2021): ‹Stop ‒ Look ‒ Go: Sich einüben in den Fließweg des Lebens›, 108f.; siehe auch Fließweg



Quellenangaben

Text und Audios von Br. David Steindl-Rast OSB

augenblicke wach im jetzt titelCopyright © - Norbert Kopf

Die Hymne der Prim beginnt mit den Worten: «Die Sonne ist aufgegangen»[1]. Die ersten beiden Stunden waren eher besinnlich. Jetzt ist die Bühne bereit für die Handlung. Die Prim ist die Stunde der Arbeitsverteilung. Dabei richtet sich das Augenmerk auf einen angemessenen Beginn. Es ist wesentlich, dass die Anforderungen und Beschäftigungen des Tages aus ganzem Herzen und mit Begeisterung angefangen werden.

Der Ort der Prim ist der Kapitelsaal, wo die Mönche zusammenkommen, um die praktischen Fragen der Gemeinschaft zu besprechen. Die Arbeit wird gemeinschaftlich verteilt. Und auch wenn wir Mönche oft tagsüber lange Zeit allein arbeiten, so ist es dennoch eine gemeinsame Arbeit.

Robert Frost drückte dies sehr schön aus, als er sagte, dass Menschen immer zusammenarbeiten, «ob sie gemeinsam arbeiten oder getrennt».

Frost berichtet von einem Landarbeiter, der frühmorgens hinausgeht, um das Heu zu wenden. Der Mäher hatte seine Arbeit bereits viel früher am Morgen getan und war längst weggegangen. Und nun fühlt sich dieser Mann beim Heuwenden etwas verlassen und einsam und sagt sich: «Ich muss allein sein ‒ genauso wie der andere es war, wie alle es sein müssen», so sinniert er in seinem Herzen, «ob sie zusammenarbeiten oder getrennt.»

Dann aber wird seine Aufmerksamkeit von einem Schmetterling auf ein Blumenbüschel gelenkt, das der Mäher stehengelassen hat, weil es zu schön war, um abgemäht zu werden. Das gemeinsame Erlebnis der Schönheit dieser Blumen bewegt ihn, sich anders zu besinnen: «Und gleichsam träumend unterhielt ich mich brüderlich mit jemandem, den ich nicht einmal in Gedanken zu erreichen hoffte.»

«Menschen arbeiten gemeinsam», sagte ich ihm von Herzen, «ob sie zusammen arbeiten oder getrennt.»

Seine plötzliche Einsicht machte ihm klar, dass Arbeit immer Gemeinschaftsarbeit ist, ob wir das nun erkennen oder nicht. Alle Arbeit ist miteinander verflochten.[2]

Natürlich gibt es Arbeit, die sich eigentlich nicht lohnt. Aber selbst wenn es sich nur um Handgriffe an einem Fließband handelt, dürfen wir doch hoffen, dass sie Menschen irgendwo in der Welt helfen, mit denen wir in Gemeinschaft arbeiten, obwohl wir ihnen nie begegnen werden.

Auch dieser Gedanke ist wiederum mit dem Choral verknüpft: Man singt ja gemeinsam mit anderen, und gerade deshalb ist der Gesang so schön. Es ist nicht nur eine Stimme, die singt, sondern da singt eine Gemeinschaft. Und die Gemeinschaft singt nicht einfach nur, sondern sie singt ganz bewusst mit der gesamten Schöpfung, mit den Vögeln, den Bäumen, dem Wasser und den Engeln, mit der sichtbaren und unsichtbaren Kreatur.

Die Arbeit frisst uns mit ihren Forderungen auf, wenn wir sie nicht bewusst angehen. Dann werden wir zu Sklaven, ganz egal, wie weit oben auf der Leiter wir stehen! Nur wenn wir lernen, bewusst zu beginnen mit Anhalten, Hinschauen und Vorangehen, kann uns die Arbeit nicht unterjochen. Mönche wenden sich bewusst der Arbeit zu, so wie der Augenblick es erfordert; und sie lassen alles stehen und liegen, wenn die Glocke erklingt. Sie beweisen damit, dass sie nicht dem Gesetz der Arbeit unterstehen, sondern frei sind, sie immer dann loszulassen, wenn die Zeit gekommen ist.

Gehen wir nicht absichtsvoll und achtsam mit unserer Arbeit um, werden wir zu ihrem Sklaven und fühlen uns schließlich entfremdet und leer. Sogar Arbeit, die wir nicht gerne verrichten und für sinnlos halten, kann Sinn gewinnen, wenn wir uns bewusst und oft daran erinnern, warum wir sie tun.

Solange wir unsere Arbeit aus Liebe tun für diejenigen, die uns etwas bedeuten, macht sie Sinn. Die Liebe ist der beste Grund für unsere Mühsal. Liebe verwandelt alles, was wir tun und erleiden, zu einer Musik, die sich erhebt und weit hinaufschwingt wie ein Lobgesang.[3]

Diese Erde ist uns gegeben worden, damit wir mit ihr arbeiten. Wenn wir sie bebauen, erlangen wir ein tieferes Verständnis der göttlichen Wirklichkeit, die jeden Teil der Schöpfung erfüllt.

Rilke sagt in einem seiner Gedichte an Gott: «Du wirst nur mit der Tat erfasst.» Das Wort «erfassen» beinhaltet sowohl, etwas in Händen zu halten, zu fassen, als auch mit der Hand in etwas hineinzugreifen, wie beispielsweise beim Formen von Ton. Nur auf diese Weise erfassen wir die göttliche Wirklichkeit.

Manche glauben, dass wir das Göttliche umso mehr erfassen, je weiter wir uns von der Materie entfernen. Der Schöpfungsgeist betont jedoch zu Recht, dass wir das Göttliche im Materiellen entdecken. So wie das Blumenbüschel der Punkt war, an dem der Mäher und der Mann, der das Heu wendete, miteinander in Berührung kamen, ist die Materie unser Berührungspunkt mit dem Göttlichen.

Im Kloster ist es wichtig, die Arbeit als Herausforderung anzunehmen und nicht nur als eine Haushaltspflicht. Es ist nie dieselbe Aufgabe wie gestern: Heute ist ein neuer Tag, eine neue Herausforderung und eine neue Gelegenheit.

Im Kloster lernen wir, unsere Arbeit zu genießen, während wir sie tun ‒ wir tun sie um ihrer selbst willen und nicht einfach, damit sie getan ist oder damit wir sie erledigt haben.

Wir müssen lernen, unserer Neigung zu widerstehen, uns in die Dinge zu stürzen und unsere Beschäftigungen im Eilzugstempo hinter uns zu bringen. Unsere Zivilisation lehrt uns: «Zeit ist Geld»; sie fasst Arbeit als ein notwendiges Übel auf, lediglich ein Mittel zum Zweck. Wir wollen sie hinter uns bringen. Wenn wir die Stunden zusammenzählen, die wir in unserem Leben damit verbracht haben, etwas hinter uns zu bringen, dann macht das wohl leicht die Hälfte unseres Lebens aus.

Die mönchische Haltung aber besteht darin, gezielt etwas anzugehen und alles, was wir tun, in einem bedächtigen, gemessenen Tempo und mit voller Aufmerksamkeit zu vollbringen. So arbeiten Handwerkmeister, Weber, erfahrene Bauern und andere verständige Arbeiter. So können auch schwierige Aufgaben gemächlich, freudig und um ihrer selbst willen gelöst werden. Und somit werden sie zu Lebensspendern.

Wenn während der Prim die Arbeit verteilt wird, heißt das zugleich die Arbeit zu segnen als auch sie zuzuweisen. Wir bitten darum, dass Gott unsere Handlungen lenken möge. Wenn wir unsere Arbeit so tun, wird alles zu einem Gebet. Das ist keineswegs eine engstirnige, fromme Anschauung. Um mit Rilke zu sprechen:

«Es gibt im Grunde nur Gebete,
so sind die Hände uns geweiht,
dass sie nichts schufen, was nicht flehte;
ob einer malte oder mähte,
schon aus dem Ringen der Geräte
entfaltete sich Frömmigkeit.»
[4]

Alles, was wir im Angesicht Gottes tun, ist Gebet. Auf diese Weise werden unsere Hände geheiligt und gesegnet. Sie können nichts schaffen, was nicht betet.

«Ob einer malte oder mähte», fährt der Dichter fort, «schon aus dem Ringen der Geräte entfaltete sich Frömmigkeit.» Wird etwas richtig begonnen und unsere Handlungen mit unseren besten Absichten in Einklang gebracht, dann ist alles, was wir tun, Gebet. Die Prim ist jene Stunde des Tages, in der wir nicht darum beten, etwas hinter uns zu bringen, sondern darum, dass alles, was wir tun, zum Gebet werde.

Alle Experten für Zeitmanagement raten uns, damit zu beginnen, den Tag zu planen. Wenn wir tatsächlich innehalten und uns Zeit nehmen, vorauszudenken und gezielt vorzugehen, dann werden wir die Prioritäten deutlich erkennen und können uns mit Erfolg einsetzen.

Die Prim ermöglicht uns, die Gelegenheit wahrzunehmen, im Voraus unser Gewissen zu erforschen und darüber nachzudenken, was wirklich wichtig ist. Wir setzen die Prioritäten, so wie sie unseren innersten Gefühlen entsprechen. Wir können uns nochmals daran erinnern, was wir gestern Abend zur Komplet aus der Tagesrückschau gelernt haben und was wir besser machen wollten.[5]

[Die Quellenangaben zum obigen Text in Anm. 2f., 5]

[Ergänzend:

1. ‹Ora et labora›:

1.1. Dem Welthaushalt freudig dienen (2011)
Spiritualität und Ökonomie:
(50:58) Würde der Arbeit und des Arbeiters: ‹Ora et labora› ‒ Fest für die Straßenarbeiter in Tassajara (Zen Mountain Center)

1.2. Dankbarkeit als Schlüsselwort benediktinischer Spiritualität (2019); siehe auch Sakramentales Leben:

«… Darum scheint mir manchmal, dass dankbar leben sogar unser Motto ‹Ora et labora› ersetzen könnte. Es geschieht ja durch dankbares Leben, dass die Arbeit selbst zum Gebet wird ‒ und alle Geräte des Klosters zu heiligem Altargerät (RB 31,10).

Rainer Maria Rilke ist ganz im Einklang mit unserem Ordensvater, wo er diese Wahrheit dichterisch ausdrückt – und zwar so, dass sie nicht nur für Mönche gilt, sondern für alle Menschen:

‹Es gibt im Grunde nur Gebete.›

So wie das Tagewerk zum Gebet wird, so wird auch das Gebet zum Werk, zum ‹opus Dei›, wie der heilige Benedikt das Chorgebet nennt.»

2. «Du wirst nur mit der Tat erfasst» (Rilke: Das Stunden-Buch):

2.1. Lebendige Spiritualität (2015): Vier Gesprächsabende mit Texten von Rainer Maria Rilke
Verstehen durch Tun:
(06:54) ‹Wenn es nur einmal so ganz stille wäre› – ‹Sprich mir aus überall› (‹Du wirst nur durch die Tat erfasst› – Das nackte Du
(13:56) ‹Es gibt im Grunde nur Gebete› (‹Alle, die ihre Hände regen›) … entfaltete sich Frömmigkeit: ‹Pietas› und Dankbares Leben / (17:57) Im Gespräch mit P. Johannes – ‹Contemplatio in actione›: Das göttliche Tun in unserem Tun

2.2. Das Gedicht in Einsichten aus Rilkes Dichtung, Teil I, 63-67

3. Den großen Tanz beten (1998) [siehe auch diesen Text, übersetzt von Bernardin Schellenberger, im Buch Auf dem Weg der Stille (2023): Kapitel 1: ‹Lernen wie man in Stille betet›, 17f.]:

«Zu einer dritten inneren Welt [des Gebetes] ist das Tun der Schlüssel, liebevolles Tun. Sicher liegen Welten zwischen dem Gebet des Tuns und dem der Stille oder des Wortes. Hier bin ich mit Gott nicht übers Horchen und Antworten verbunden, auch nicht durch das Eintauchen in die Stille, sondern durch das Tun.

Was immer ich liebevoll tun kann, kann zu einem Gebet des Tuns werden.

Es ist auch nicht nötig, dass ich während dem Arbeiten oder Spielen unbedingt an Gott denke. Manchmal wäre das kaum möglich. Wenn ich ein Manuskript korrigiere, konzentriere ich mich wohl besser auf den Text als auf Gott. Wenn meine Gedanken zwischen beiden hin- und her gerissen sind, werden mir die Tippfehler entschlüpfen wie kleine Fische durch ein zerrissenes Netz.

Gott wird genau in dieser liebevollen Achtsamkeit anwesend sein, die ich der Arbeit entgegenbringe, welche mir anvertraut ist. Indem ich mich ganz und liebevoll dieser Arbeit hingebe, gebe ich mich ganz Gott hin. Dies geschieht nicht nur in der Arbeit, auch im Spiel, beim Reden, beim Beobachten von Vögeln oder beim Anschauen eines guten Films. Wenn es mich in Gott erfreut, muss sich Gott darüber in mir erfreuen. Ist nicht dieses Einssein das Wesen des Betens?»

3. Arbeit und Schweigen ‒ Handeln und Kontemplation (1989), 294-296, 300f.; siehe auch Kontemplation im Handeln: Ergänzend: 5.; Religiosität ‒ Staunen und Ehrfurcht:

«Gott vollendet sich nicht ohne unser Zutun. Gott vollendet sich aber auch trotz unseres Versagens. … Und Gott ist immer noch größer. Wir bauen an Gott, wir bauen am Bild Gottes, und dieses Bauen ist Kontemplation.»

«Das also ist Kontemplation im tiefen Sinne, diese Verbindung von schauen und bauen. Wenn wir das in jedem Bereich unseres Lebens durchführen, dann kann der Dichter sagen:

‹Es gibt im Grunde nur Gebete.›

Solange wir im Mysterium verwurzelt bleiben, solange unser Bauen im Schauen verwurzelt bleibt, im Mysterium, solange unser Handeln im Grunde der Kontemplation verwurzelt bleibt und unsere Arbeit in der Dunkelheit des Schweigens, aus der wir stammen, im Mystischen, so lange ist alles Gebet.

Rilke vergleicht das Bauen und die Arbeit, wenn sie wirklich verwurzelt sind im Schauen und Schweigen, mit einem unterirdischen Fluss, der in die Tiefen greift.

Nur aus den Tiefen des Schweigens schwemmt eine Arbeit, die Gebet ist, Gold zutage. Darum betet der Dichter:

‹Daraus, daß Einer dich einmal gewollt hat,
weiß ich, daß wir dich wollen dürfen.
Wenn wir auch alle Tiefen verwürfen:
wenn ein Gebirge Gold hat
und keiner mehr es ergraben mag,
trägt es einmal der Fluß zutag,
der in die Stille der Steine greift,
der vollen.

Auch wenn wir nicht wollen:
Gott reift›

(Rilke, Das Stunden-Buch)»

4. Sterben lernen (2005); siehe auch Sterben und Wandlung

«Das Mönchsleben ist ein Weg, um sich radikal der Frage nach dem Sinn des Lebens zu stellen. In einem solchen Leben kann man nicht im Zweck stecken bleiben: Zwar gibt es viele Zwecke, die Mönche verfolgen, aber sie sind alle zweitrangig. Als Mönch bist du vollkommen überflüssig, und darum kannst du der Frage nach dem Sinn nicht ausweichen.»

5. Der Mönch in uns (1978) [die folgenden Abschnitte sind im Buch Auf dem Weg der Stille (2023): Kapitel 3: ‹Der Mystiker in uns allen›, 43-63, übersetzt von Bernardin Schellenberger, nicht enthalten]:

«Ich möchte jetzt gerne ein paar Bemerkungen zum mönchischen Leben machen. Erstens ist das Klosterleben eine besondere Art von Leben. Das Kloster ist ein besonderer Ort und eine besondere Umgebung. Man könnte es eine professionelle Umgebung, eine kontrollierte, geregelte Umgebung, ein Labor, eine Werkstatt nennen. Und in der Tat nennt die ‹Regel des Heiligen Benedikt›, eines der Schlüsseldokumente unserer abendländischen Tradition des Mönchstums, das Kloster eine Werkstatt. Es ist ein Ort, an dem alles darauf ausgerichtet ist, jene kontemplative Dimension zu pflegen, von der wir gesprochen haben, jene mystische Einstellung zu pflegen, jenes Offensein für den Sinn, das wir alle in unseren Gipfelerfahrungen kennengelernt haben.

Wir alle sind also in unserem Leben in gewissem Sinne Amateure des mönchischen Lebens. Der einzige Unterschied zwischen uns und den Mönchen besteht darin, dass die Mönche Fachleute sind. Aber gerade in unserer Zeit wissen wir, dass die Fachleute sehr oft in ihrem Fach weniger leisten als manche Amateure. Deshalb: je mehr Menschen entdecken, wie wichtig der Mönch in ihnen ist, und je mehr sie entdecken, wie wichtig das Offensein für den Sinn ist, umso wichtiger wird es, dass jeder, Amateur oder Fachmann, ab und zu Zugang zu dieser geregelten Umgebung bekommt, in der er die mönchische oder kontemplative Dimension seines Lebens fördern kann.»]

_______________

[1] «Iam lucis orto sidere
Deum precemur supplices
Ut in diurnis actibus
Nos servet a nocentibus.»

1. Strophe des Hymnus von Aurelius Ambrosius (339/40-397), übersetzt von Adalbert Schulte:

«Da sich nun das Tagesgestirn erhoben hat,
so wollen wir Gott flehentlich bitten,
dass er uns bei den Geschäften des Tages
vor schädlichen Dingen bewahre.»

[2] Musik der Stille (2023), 66f.

[3] Ebd. 74f.

[4] R. M. Rilke: ‹Alle, die ihre Hände regen› (Das Stunden-Buch)

[5] Musik der Stille (2023), 67-70



Quellenangaben

Text von Br. David Steindl-Rast OSB

augenblicke wach im jetzt titelCopyright © - Norbert Kopf

Im etwas nachlässigen alltäglichen Sprachgebrauch benutzen wir Zweck und Sinn manchmal so, als seien sie dasselbe. Wir sollten uns aber daran erinnern, wie wir einen gegebenen Zweck anstreben, und wie wir im Gegensatz dazu Sinn erfahren. Der Unterschied ist bemerkenswert.[1]

Um einen Zweck zu erreichen, müssen wir alles unter Kontrolle halten. Wir müssen sozusagen «die Zügel halten», «die Dinge in die Hand nehmen», die «Sache unter Kontrolle bringen» und die Umstände wie Hilfsmittel nutzen, um unsere Zwecke zu erreichen. Solche Redewendungen sind bezeichnend für eine zweckorientierte, nützliche Tätigkeit, und das ganze moderne Leben insgesamt neigt dazu, so zweckorientiert zu sein.

Die Dinge liegen jedoch anders, wenn wir es mit Sinn und Bedeutung zu tun haben. Hier geht es nicht darum, die Welt um uns zu gebrauchen, sondern darum, sie auszukosten.

Unsere Redewendungen, die sich auf Sinn beziehen, zeigen uns mehr passiv als aktiv: «Es ist mir etwas geschehen», «Es hat mich tief berührt», «Es hat mich bewegt». Natürlich möchte ich Zweck und Sinn nicht gegeneinander ausspielen, oder Aktivität gegen Passivität. Es geht eher darum, ein Gleichgewicht in unserer hyperaktiven, von Zweckmäßigkeit besessenen Gesellschaft zu finden. Wir unterscheiden hier Zweck und Sinn nicht, um die beiden zu trennen, sondern um sie zu verbinden. Unser Ziel ist es, Sinn in unsere zweckvollen Tätigkeiten einfließen zu lassen, indem wir Aktivität und Passivität in ihre ursprüngliche wechselseitige Beziehung bringen.[2]

Eine kreative Spannung aber aufrechtzuerhalten ist anstrengend. Es erfordert von uns eine Hingabe, die uns schwerfällt. Warum schwer? Weil sie Mut erfordert. Solange wir die Kontrolle haben, fühlen wir uns sicher. Lassen wir uns aber hinreißen, dann ist nicht zu sagen, wohin das führen wird. Wir wissen nur, dass das Leben abenteuerlich wird. Zum Abenteuer aber gehört Wagnis.

Manchmal macht uns das Wagnis so sehr Angst, dass wir lieber alles unter Kontrolle halten, selbst wenn das bedeutet, dass wir uns mit Langeweile zufrieden geben müssen.

Entsinne dich, wie das in persönlichen Beziehungen funktioniert. Du glaubst, dass dir jemand sicher ist: «Ich habe ihn im Sack» oder «Sie frisst mir aus der Hand». Hältst du aber eine Beziehung so unter Kontrolle, dann wird sie sehr schnell langweilig. So gibst du euch beiden also ein wenig Spielraum. Und schon wird es abenteuerlich, aber auch riskant. Du weißt nie, was als nächstes passiert, wenn du dich auf Abenteuer einlässt. Sobald es dir genügend Angst macht, verschließt du dich aber sofort wieder. Manchmal bewegen wir uns an einem einzigen Tag viele Male hin und her zwischen Geben und Zurücknehmen, zwischen Auf- und Zumachen. Leben aber ist Geben und Nehmen, nicht geben oder nehmen.[3]

Sollten wir nur nehmen oder nur geben, sind wir nicht lebendig. Wenn wir nur einatmen, dann ersticken wir, aber wenn wir nur ausatmen, ersticken wir ebenso. Das Herz saugt das Blut ein und pumpt es hinaus, und im Rhythmus von Geben und Nehmen leben wir. Tatsächlich ist aber das Gleichgewicht in unserem Leben oft gestört. Unser Schwerpunkt liegt viel zu sehr auf dem Zweck ‒ dem Nehmen, dem Machen, dem Wollen. Was das sinnvolle Leben angeht leben wir sozusagen in einem unterentwickelten Land. Weil wir nur eine Hälfte des Gebens und Nehmens entwickeln, sind wir nur halb lebendig.

Hier sind wieder die Redewendungen unserer Sprache symptomatisch für unsere Vorliebe für zweckmäßiges Nehmen und Wollen. Wir haben jede Menge Ausdrücke, die vom Machen und Nehmen reden, doch nur wenige sprechen von Hingabe:

Wir machen einen Spaziergang, wir machen einen Kurs, wir nehmen ein Bad, wir nehmen uns eine Pause, wir nehmen eine Mahlzeit ein. Wir nehmen uns fast alles, eingeschlossen sogar viele Dinge, die kein Mensch wirklich «nehmen» kann, zum Beispiel Zeit.

Wir sagen, dass wir uns «Zeit nehmen», doch wir leben nur wirklich, wenn wir Zeit geben, nämlich für etwas, das Zeit braucht und nimmt. Wenn du Platz nimmst, so sitzest du nur dann bequem, wenn du deinem Sessel erlaubst, dich aufzunehmen. Schlafen zu wollen ist der sicherste Weg zur Schlaflosigkeit, denn solange du auf dem Nehmen bestehst, wirst du den Schlaf nicht bekommen. In dem Moment jedoch, wo du dich hingibst, wirst du in den Schlaf fallen.

Vielleicht beginnen wir zu ahnen, dass unser einseitiges Bestehen auf dem Nehmen uns daran hindert, ausgeglichen und friedlich zu leben und auch daran, einen ausgeglichenen und friedlichen Tod zu sterben. Nach einem Leben, in dem wir genommen und genommen haben, stoßen wir zuletzt auf etwas, das wir nicht nehmen können. Der Tod nimmt uns. Das ist ernst. Einer kann durchs Leben gehen und immerfort nehmen, und zuletzt endet alles damit, dass er sich das Leben genommen hat, was in Wirklichkeit Suizid ist. Doch wir können lernen, uns selbst zu geben. Es fällt uns nicht leicht, weil wir uns davor fürchten, uns hinzugeben, aber es kann gelernt werden. Wenn wir lernen uns hinzugeben, lernen wir beides: zu leben und zu sterben ‒ nicht nur unseren letzten Tod zu sterben, sondern auch die vielen Tode des täglichen Lebens, durch die wir mehr und mehr lebendig werden können.[4]

Heute gibt es mehr und mehr Freizeit und weniger und weniger Feierabend und Muße. Aber warum fällt es uns so schwer, uns der Muße und Feier hinzugeben?[5]

[Die Quellenangaben zum obigen Text in Anm. 1-5]

[Ergänzend:

1. Ich bin durch Dich so ich (2016): 5. Dialog, 1966-1976, 104f.:

Johannes Kaup: «Sie haben gesagt, Sie brauchen Ordnung, Stabilität und Wiederholung. Wie verträgt sich Ordnung, Stabilität und Wiederholung mit diesem Anfängergeist, der die Dinge immer wieder neu sehen, erleben und begreifen möchte, der sozusagen aus der Ursprünglichkeit heraus lebt?»

Bruder David: «Vielleicht ist mir gerade deshalb Wiederholung so lieb, sogenannte eintönige Arbeit. Manche Brüder finden es langweilig, wenn wir gemeinsam die Rundbriefe ausschicken. Aber jeder Briefumschlag, in den man etwas hineinsteckt, ist neu: Diesen einen habe ich noch nie in der Hand gehabt.»

2. Der Mönch in uns (1978) [die folgenden Abschnitte ab ‹Nun lautet die große Frage …› sind im Buch Auf dem Weg der Stille (2023): Kapitel 3: ‹Der Mystiker in uns allen›, 43-63, übersetzt von Bernardin Schellenberger, nicht enthalten]; siehe auch Sinn und Zweck: Ergänzend 3.; Geben und Nehmen: Ergänzend: 1.:

«Wenn wir eine strenge Arbeitsmentalität haben, dann sind wir nur halb lebendig. Wir sind dann wie Leute, die nur einatmen und dann ersticken. Es macht überhaupt keinen Unterschied, ob man nur einatmet oder nur ausatmet: man wird auf jeden Fall ersticken.

Das zeigt sehr klar, dass wir hier nicht die Arbeit gegen das Spiel oder den Zweck gegen den Sinn ausspielen. Man muss beides miteinander verbinden. Wir müssen ein- und ausatmen, nur so bleiben wir am Leben. Das ist es schließlich, was wir alle anstreben, und worum es bei jeder Religion gehen sollte ‒ lebendig sein.

Nun lautet die große Frage: warum sind wir nicht lebendiger? Die Antwort findet sich in einem Wort: Furcht. AII das, was das Leben verzerrt oder zerstört, hat eine Wurzel und das ist die Furcht. Wir fürchten uns einfach davor zu leben. Warum fürchten wir uns davor zu leben? Weil ‹leben›, lebendig-sein bedeutet, sich selbst zu geben, und wenn wir uns wirklich geben, wissen wir nie, was mit uns geschehen wird.

Solange wir alles schön unter Kontrolle halten, alles zweckorientiert ist und wir alles im Griff haben, solange gibt es keine Gefahr ‒ aber auch kein Leben. Eine Welt, in der wir alles unter Kontrolle halten könnten, wäre so langweilig, dass wir alle tot wären. Wir würden sterben vor Langeweile. In gewisser Weise erfahren wir das jeden Tag ein bisschen. Wir bekommen Angst und halten die Dinge unter Kontrolle, aber sobald wir sie im Griff haben, langweilen wir uns. Denken Sie einmal an persönliche Beziehungen: ‹Ich habe sie im Griff; ich weiß, wie ich sie anpacken muss; ich weiß, wie ich ihn anpacken muss.›

Bis zu einem gewissen Grad ist das ganz gut, es ist sehr beruhigend. Aber dann geraten wir an einen Punkt, wo das entsetzlich langweilig wird, und dann sagen wir: ‹Lass uns ein kleines Abenteuer wagen.› Sobald wir aber ein Abenteuer wagen, ist Gefahr da, ist ein Risiko da. Ohne Risiko können wir kein Abenteuer erleben, also öffnen wir uns ein wenig.

Wir lockern unseren Griff ein bisschen, und sofort wird die Sache sehr interessant und abenteuerlich, aber auch furchterregend. Kaum haben wir uns versehen, da haben wir uns auch schon wieder eingeigelt und versuchen, die Dinge wieder in den Griff zu bekommen. So bewegen wir uns hin und her, hin und her, und das ist es, worum es im spirituellen Leben eigentlich geht. Das ist es, worum es bei der Religion eigentlich geht: die Überwindung der Furcht, uns selbst zu verlieren.»]

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[1] Dankbarkeit: Das Herz allen Betens (2018): ‹Kontemplation und Muße›, 65 [bzw. Fülle und Nichts (2015), 63f.]

[2] Sterben lernen (2005); siehe auch Sterben und Wandlung

[3] Dankbarkeit: Das Herz allen Betens (2018): ‹Kontemplation und Muße›, 65f. [bzw. Fülle und Nichts (2015), 64f.]

[4] Sterben lernen (2005)

[5] Vortrag Jesus als Wort Gottes, abgedruckt in: Die Frage nach Jesus (1973), 13. In diesem Vortrag geht Bruder David ausführlich ein auf den Zusammenhang von Sinn und Zweck, Arbeit, Spiel, Muße, Kontrolle und Hingabe, Sinn und Feier, Sterben und Wandlung

 


Quellenangaben

Text und Audios von Br. David Steindl-Rast OSB

augenblicke wach im jetzt titelCopyright © - Norbert Kopf

Das erste Wort, das Gott im biblischen Bericht an Abraham beim Bundesschluss richtet, ist:

«Wandle vor mir und sei vollkommen!» (1 Mose 17,1)

In diesem Wort ist schon, wie in einem Samen, das ganze Wagnis der Heilsgeschichte beschlossen. Das Wagnis liegt einfach darin, vor Gott zu wandeln, sich dem Wort zu stellen.

Es heißt ja nicht: Wandle vor mir und nimm dich jetzt zusammen, wirklich vollkommen zu sein, denn ich werde dich beobachten!

Es heißt: wandle vor mir und sei vollkommen! In einem Parallelismus, in dem die zweite Hälfte dasselbe aussagt wie die erste: Wandle vor mir; das ist schon Vollkommenheit. Setze dich mir aus, darin liegt das Wagnis der Vollkommenheit.

Das Bibelwort ist zunächst gesprochenes Wort. Wenn es uns anspricht, stehen wir schon im Wagnis. Du wandle vor mir! Du selber.

Es gibt da eine schöne Geschichte, in der ein Rabbi betet: «Herr, mach mich wie Abraham!» Vielleicht hat er genau unsere Bibelstelle im Sinn. «Mach mich wie Abraham!»

Und eine Stimme kommt vom Himmel, die sagt: «Ich habe doch schon einen Abraham.»[1] ‒ Du selber musst vor mir wandeln. Niemand kann es für dich tun. Darin liegt dein Wagnis: Du selber zu sein vor mir.

Aber in dem «Vor mir» liegt ein weiterer Aspekt dieses Wagnisses, wirklich vor dem Antlitz Gottes zu wandeln und sich nicht hinter etwas zu verstecken.

Wir sollten uns angerufen fühlen wie Adam im Paradies:

«Wo bist du?»

Und nachdem es hier um den Sinn geht, dem wir uns aussetzen müssen, könnte dieses «Wo bist du?» fast so interpretiert werden: «Hinter welchem Zweck versteckst du dich heute?»

Hinter welchem Busch versteckt Adam sich? Die besten Büsche, hinter denen wir uns vor Gott verstecken können, sind natürlich die, die Gott am wohlgefälligsten sind, die besten Zwecke. Wir wissen ganz genau, wie oft wir uns hinter diesem oder jenem Zweck verstecken, wenn Gott ruft: «Wo bist du?»

Und es liegt noch ein weiteres Wagnis darin, und das ist vielleicht das wichtigste in diesem Spruch. Es heißt ja ausdrücklich: «Wandle!»

Nicht nur «du»; nicht nur «vor mir»; sondern: «Wandle!»

Wandeln setzt voraus, dass man einen Fuß aufhebt; und da hat man schon das Gleichgewicht verloren; dann muss man ihn niedersetzen und den nächsten aufheben, und dann hat man schon wieder das Gleichgewicht verloren.

Wandeln ist diese sonderbare Art der Fortbewegung, in der man ständig das Gleichgewicht verliert und wiederfindet. Und gerade diese Fortbewegungsart wird von uns erwartet als Ausdruck der Vollkommenheit: Wandle!

Sobald wir uns in das Bleibende verschließen, erstarren wir. Die Sicherheit des Bleibenden führt zur Erstarrung. Rilke sagt das sehr schön in den Sonetten an Orpheus:

«Was sich ins Bleiben verschließt, schon ist's das Erstarrte.»

Und dieses selbe Sonett beginnt mit den Worten:

«Wolle die Wandlung.»[2]

Gott will die Wandlung, wenn er das Wagnis des Wandelns zur Voraussetzung macht für Vollkommenheit. Und da trifft sich das Glückstreben des Menschen mit dem einzigen anderen Punkt, dessen wir sicher sein können, dem Punkt des Todes.

Im Punkt des Todes erreicht das Wagnis der Wandlung seinen Höhepunkt. Der Tod ist die entscheidende Wandlung und das entscheidende Wagnis. Und alles in unserem geistlichen Leben hängt einfach davon ab, ob wir im Laufe des Lebens, während wir uns immer wieder verschließen und öffnen, endlich lernen, uns dem Wort zu stellen.

Dann können wir uns auch diesem letzten Wort stellen, das Tod heißt, und können es wagen, Sinn zu finden, wo wir ergriffen werden, ohne begreifen zu können.[3]

«Es wandelt, was wir schauen,
Tag sinkt ins Abendrot,
die Lust hat eignes Grauen,
und alles hat den Tod.»
[4]

Schon lange bevor es uns wirklich bewusst wird, dass allem, was unsere Sinne erfahren, Tod beigemischt ist, so wie bei Pfirsichen die Bitterkeit des Kerns das Fruchtfleisch durchzieht, rührt uns der Wandel der Dinge ganz eigen an.

«Es wandelt, was wir schauen», und nicht nur, was wir schauen. Alles, was unsere Sinne an dieser Welt wahrnehmen, «wandelt».

Seltsam lässt Eichendorff dieses Wort zwischen Bedeutungen schweben. Wandelt, was wir schauen, sich, oder wandelt es uns? Beides schwingt mit. Handel und Wandel der Welt ist Weiterbewegung ‒ voran oder im Kreis herum ‒, aber auch Veränderung. Was aber so wandelt und sich dabei verwandelt, das wandelt auch uns, die es schauen, indem es in unser Leben eingreift.

Wo wir es mit Lebendigem zu tun haben, ist nichts automatisch. Im Leben ist Wachstum organisch mit Sterben verbunden. Leben heißt, mit jedem Wimpernschlag für Altes sterben und für Neues geboren werden. Jeder Fortschritt im Leben ist ein Sterben in größere Lebendigkeit hinein. Wer dazu den Mut nicht hat, kann weder leben noch sterben. Lebensmut ist die Tapferkeit, die wir für jenes Immer-wieder-Sterben brauchen, das zum wachen Lebendigsein untrennbar dazugehört.

Auch im Bereich der Sinnlichkeit müssen wir immer wieder sterben, um so Sinn zu finden. Das ist ja die Bedeutung des memento mori, das wir als Mahnwort etwa an Sonnenuhren alter Klöster lesen.[5]

Aber das ist nur die Hälfte der Botschaft. Nicht selten steht dort stattdessen «memento vivere»«Denke daran, zu leben!»

Der Heilige Benedikt will, dass seine Mönche «den Tod allzeit vor Augen halten» mit dem Ziel, wach und bewusst zu leben. Nicht ein morbides Grübeln übers Sterben ist mit dem «memento mori» gemeint, sondern ein lebensbejahendes Wachsein in jedem Augenblick, auch in unserem letzten.[6]

Und doch ist es wahrhaftig ein Gewahrsein des Todes, denn der Tod ist letztlich der entscheidende «Punkt, wo sich Zeitloses schneidet mit Zeit».[7]

Aber die Sammlung des Mönchs ist keine morbide Vorwegnahme seiner Todesstunde, sie ist vielmehr ein bewusstes Erleben der Gegenwart, des Hier und Jetzt «Im Kreuzfeld der Zeit».[8]

Und in diesem Sinn ist die «Todesstunde jeder Augenblick».[9]

In jedem Augenblick, in dem wir wirklich gegenwärtig sind, kann durch diese innere Sammlung der Durchbruch durch die Zeitbarriere erfolgen.

Der Augenblick vollkommener Gegenwärtigkeit, durch innere Andacht erreicht, ist der «Augenblick in und außer der Zeit».[10]

So ist «Geschichte ein Gefüge aus zeitlosen Momenten».[11]

Durch ein Leben gesammelter Achtsamkeit wird der jeweils gegebene Augenblick ‒ was immer sein Inhalt sei ‒ zu einem «Symbol, einem Symbol vollendet im Tod».[12]

Wir können beschäftigt sein mit zweckvollen Tätigkeiten, mit der Erledigung von Aufträgen, mit dem Durchführen von Arbeiten ‒ und plötzlich kommt der Tod daher ‒ sei es unser endgültiger Tod oder einer der vielen Tode, durch die wir Tag für Tag gehen.

Der Tod konfrontiert uns mit der Tatsache, dass ein zweckerfülltes Leben nicht genug ist. Wir brauchen Sinn um wahrhaft zu leben. Wenn wir dem Tod nahe kommen und alles was auf Zweck abzielt, uns aus den Händen gleitet, wenn wir die Dinge nicht länger manipulieren und kontrollieren, um bestimmte Ziele zu erreichen ‒ kann dann unser Leben noch sinnvoll sein? Wir tendieren dazu, Zweck und Sinn gleichzusetzen, und wenn der Zweck wegfällt, stehen wir da ohne Sinn. Hier liegt also die Herausforderung: wie kann es, wenn alles Streben nach Zweck zu einem Ende kommt, doch noch Sinn geben?

Diese Frage kann erklären, warum wir im Kloster aufgefordert und herausgefordert werden, den Tod allzeit vor Augen zu haben. Denn das Mönchsleben ist ein Weg, um sich radikal der Frage nach dem Sinn des Lebens zu stellen. In einem solchen Leben kann man nicht im Zweck stecken bleiben: Zwar gibt es viele Zwecke, die Mönche verfolgen, aber sie sind alle zweitrangig. Als Mönch bist du vollkommen überflüssig, und darum kannst du der Frage nach dem Sinn nicht ausweichen.

Unsere Redewendungen, die sich auf Sinn beziehen, zeigen uns mehr passiv als aktiv: «Es ist mir etwas geschehen», «Es hat mich tief berührt», «Es hat mich bewegt». Natürlich möchte ich Zweck und Sinn nicht gegeneinander ausspielen, oder Aktivität gegen Passivität. Es geht eher darum, ein Gleichgewicht in unserer hyperaktiven, von Zweckmäßigkeit besessenen Gesellschaft zu finden. Wir unterscheiden hier Zweck und Sinn nicht, um die beiden zu trennen, sondern um sie zu verbinden. Unser Ziel ist es, Sinn in unsere zweckvollen Tätigkeiten einfließen zu lassen, indem wir Aktivität und Passivität in ihre ursprüngliche wechselseitige Beziehung bringen.

Der Tod stellt diese Beziehung auf die äußerste Probe. Nur wenn unser Sterben unsere volle und letzte Antwort auf das Leben ist, stimmen Aktivität und Passivität zuletzt im Tod überein. Weil wir im Leben so einseitig aktiv sind, denken wir uns den Tod zu einseitig passiv. Natürlich sind wir im Tod offensichtlich passiv, das Sterben ist das am meisten Passive, das uns geschehen kann. Es ist die äußerste Passivität ‒ etwas, das uns unausweichlich widerfahren wird. Wir werden alle einmal getötet werden auf die eine oder andere Weise, sei es durch Krankheit oder Alter oder einen Unfall oder sonst auf eine andere Art. Wir alle sind uns darüber im Klaren, aber nicht viele Leute sind sich bewusst, dass der Tod auch höchste Aktivität von uns fordert.

Hier können uns wieder bezeichnende Redewendungen helfen, dies zu verdeutlichen: Es ist zum Beispiel aufschlussreich, dass der passivste Vorgang in unserer Erfahrung, nämlich das Sterben im Deutschen (und Englischen) nicht in einer Passiv-Form ausgedrückt werden kann. Es gibt keinen Passiv-Ausdruck für das Verb «sterben». Wir können getötet werden, aber wir können nicht «gestorben werden»; wir müssen sterben.

In unserer Sprache ist so die Erfahrung aufbewahrt, dass das Sterben nicht nur passiv ist, vielleicht sogar nicht einmal in erster Linie passiv, sondern auch die höchste Aktivität.

Sterben ist etwas, das wir selbst tun müssen.

Vielleicht können wir getötet werden ohne zu sterben, was solche Gespenstergeschichten erklären würde, in denen ein Haus oder ein Zimmer verwunschen sind durch die andauernde Gegenwart einer Person, die getötet wurde, aber nicht wirklich gestorben ist.

Diese zwei Dinge müssen im Tod zusammenkommen: Wir tun etwas, und wir erleiden etwas. Mehr als das, wir müssen etwas erleiden, was wir tun, und wir tun etwas, das wir erleiden. Dieses Handeln im Erleiden, dieses Geben im Nehmen ‒ die gegenseitige Beziehung ‒, wird durch unsere Konfrontation mit dem Tod in den Brennpunkt gerückt. Es kennzeichnet das Leben in all seinen Aspekten.[13]

Sterben gehört ebenso zum Leben, wie Geborenwerden. Deshalb habe ich keine Angst vor dem Tod als solchem. Wenn der Apfel reif ist, fällt er ab vom Baum. Ausreifen zu dürfen ist ein großes Geschenk. Ich bin dankbar für die Gelegenheit, auch jetzt noch dazulernen zu dürfen im hohen Alter. Was mir Angst macht, ist das Drum und Dran beim Sterben – das Kranksein, das ja meist dazugehört, vielleicht Schmerzen und jedenfalls der zunehmende Verlust körperlicher und geistiger Fähigkeiten, der schon jetzt beginnt. Aber ich weiß aus Erfahrung, dass wir uns nicht fürchten müssen vor den Engpässen, durch die das Leben uns führt. Furcht sträubt sich gegen die Angst und bleibt dadurch in der Enge stecken. Wenn wir aber unsere Angst zulassen und vertrauensvoll auf sie zugehen, dann führt das Leben uns hindurch, wie durch einen engen Geburtskanal. Wir können uns in diesem Vertrauen üben. Das ist eine gute Vorbereitung auf den Tod.

Wir erfahren es an entscheidenden Wendepunkten unseres Lebens immer wieder: beängstigende Augenblicke führen zu einer neuen Geburt auf einer höheren Ebene. Warum sollte das nicht auch in unserem letzten Augenblick so sein. Wir können uns freilich ein Jenseits ebenso wenig vorstellen, wie wir uns im Mutterleib die Welt vorstellen konnten, in die wir dann geboren wurden.[14]

[Die Quellenangaben zum obigen Text in Anm. 3, 5f., 12-14]

[Ergänzend:

1. «Wolle die Wandlung» (Rilke):

Audio So leben wir und nehmen immer Abschied (2009):
(36:46) ‹Wolle die Wandlung› (Rilke, Sonette 2. Teil, XII)

Siehe auch das Sonett in Einsichten aus Rilkes Dichtung, Teil II (2014), 151-155, und Die Achtsamkeit des Herzens (2018): ‹Sinnlichkeit und christliche Askese›, 94

2. «Es wandelt, was wir schauen» (Joseph von Eichendorff):

So leben wir und nehmen immer Abschied (2009)
(18:46) ‹Es wandelt, was wir schauen› (Joseph von Eichendorff) und ein Brauch im jüdischen Laubhüttenfest

Retreat-Woche in Assisi (1989)
‹Stärke unseren Glauben› (Lk 17,5):
(49:08) Hoffnung vor dem Scherbenhaufen zerstörter Hoffnungen ‒ ‹Du bist’s, der, was wir bauen, mild über uns zerbricht› (Joseph von Eichendorff: ‹Es wandelt, was wir schauen›): Die Hütten am Laubhüttenfest sind durchsichtig zu den Nachbarn und den Sternen

Siehe auch das Gedicht in Einsichten aus Rilkes Dichtung, Teil II (2014), 93, und Fragen des Lebens

3. «Wandelt sich rasch auch die Welt wie Wolkengestalten» (Rilke, Sonette Teil 1, XIX):

Film Wir sind daheim in dieser Welt (1975) und Transkription:
(08:59) Ellinor Jensen (Sprecherin): ‹Wandelt sich rasch auch die Welt in Wolkengestalten› (Rilke: Sonette 1. Teil, XIX)

Audio So leben wir und nehmen immer Abschied (2009):
(25:52) ‹Wandelt sich rasch auch die Welt wie Wolkengestalten (Rilke, Sonette an Orpheus 1. Teil, XIX)

Siehe auch das Sonett in Die Achtsamkeit des Herzens (2018): ‹Sinnlichkeit und christliche Askese›, 98f., und in Altern: Ergänzend: 5.: ‹Unter Tränen lächelnd, willig dieses Lied singen›

4. «Sterben ‒ Teil eines Prozesses, der Leben und Tod zusammenhält»:

Hoffnung des Lebens (2024): Auszug aus dem Interview von Thomas Steininger mit Bruder David:

Bruder David: «Zunächst sollten wir klären, worüber wir genau sprechen. Sprechen wir über Leben und Sterben oder Leben und Tod? Das sind zwei verschiedene Fragestellungen.

Der Tod ist das Gegenteil von Leben.

Sterben ist ein Teil eines Prozesses, der Leben und Tod zusammenhält. Das Ende unseres Lebens ist nicht der Tod. Das Ende ist das Sterben.»

Thomas Steininger: «Das Sterben ist also ein integraler Bestandteil des Lebens. Jeder von uns kennt die Sorge, die aufbricht, wenn man mit dem Sterben konfrontiert ist, egal ob das ein kleines oder ein großes Sterben ist. Die Angst des Nichtwissens ist ein Teil dieser Erfahrung. Aber wenn das Sterben in einem Vertrauen dem Leben gegenüber gehalten ist, bekommt das Sterben sogar seine eigene Kraft. Denn dadurch ist es möglich, dass neues Leben entstehen kann, und das, was enden musste, enden darf.»

Bruder David: «Wunderschön ausgedrückt. Deshalb können wir im Verhältnis zu unserem eigenen endgültigen Tod von den vielen kleinen Sterbeerlebnissen unseres Lebens lernen, dass immer wieder eine Neugeburt daraus wird. Darum dürfen wir hoffen. Das ist eine kräftige Hoffnung. Nicht nur ein Wunsch, sondern eine tiefe Überzeugung, dass mit dem eigenen Tod auch eine neue Geburt Hand in Hand geht. Denn so haben wir das ja immer wieder erlebt ‒ auch wenn ich nicht weiß, wie diese Neugeburt aussehen könnte. Aber auch bei den kleineren Sterbeerlebnissen im Leben wussten wir nicht, was neuwerden kann.

Diese Erfahrung können wir auf die Sterbeprozesse übertragen, die wir um uns herum sehen. Daraus können wir Hoffnung schöpfen. In manchen Bereichen kann man noch darauf hoffen, dass etwas gerettet wird. Aber in anderen Bereichen sind wir schon zu weit über die Klippe gegangen, befinden uns im freien Fall, es lässt sich nicht mehr rückgängig machen. Aber trotzdem dürfen wir hoffen, ohne dass wir uns vorstellen können, wie eine Neugeburt aussehen könnte. Aber die Hoffnung kommt aus der Erfahrung, dass in meinem Leben jedes Sterben zu einer Neugeburt geführt hat.»

«Die wirkliche Kraft der Hoffnung müssen wir nicht in uns zusammenkratzen, sondern sie kommt aus der Kraft des Lebens. Hoffnung ist Vertrauen auf das Leben, das Öffnen der Schleusen des Lebens, damit die Kraft des Lebens durchfließen kann. Das ist die größte Kraft, die es überhaupt gibt.»]

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[1] Martin Buber: Der Weg des Menschen nach der chassidischen Lehre, Heidelberg 81981: ‹II. Der besondere Weg›, 16:

«Der weise Rabbi Bunam sagte einmal im Alter, als er schon erblindet war: ‹Ich möchte nicht mit Vater Abraham tauschen. Was hätte Gott davon, wenn der Erzvater Abraham wie der blinde Bunam würde und der blinde Bunam wie Abraham?› Und mit noch größerer Eindringlichkeit ist dasselbe von Rabbi Sussja ausgesprochen worden, als er kurz vor dem Tode sagte: ‹In der kommenden Welt wird man nicht fragen: ‹Warum bist du nicht Mose gewesen?› Man wird mich fragen: ‹Warum bist du nicht Sussja gewesen?›»

[2] R. M. Rilke: Sonette an Orpheus 2. Teil, XII

[3] Vortrag Jesus als Wort Gottes, abgedruckt in: Die Frage nach Jesus (1973), 15f.

[4] Joseph von Eichendorff: ‹Der Umkehrende›, 4; siehe das Gedicht in Fragen des Lebens

[5] Die Achtsamkeit des Herzens (2018): ‹Sinnlichkeit und christliche Askese›, 80, 92

[6] Jeder Mensch ist zutiefst darauf angelegt Mystiker zu sein (2020): Interview von Evelin Gander mit Bruder David

Die Achtsamkeit des Herzens (2018): ‹Spiegel des Herzens›, 131:

«Klösterliche Aufmerksamkeit und innere Sammlung stehen, wie das Schweigen, in direktem Zusammenhang zum Gehorsam. Sie sind nicht das finstere ‹memento mori›, als welches sie manchmal erscheinen.»

[7] T. S. Eliot: Vier Quartette. Four Quartets. Englisch und deutsch; übertragen und mit einem Nachwort von versehen von Norbert Hummelt, Berlin, Suhrkamp Verlag 2015: ‹The Dry Salvages, V›, 60f.; siehe auch Stillehalten:

«But to apprehend
the point of intersection of the timeless
With time, is an occupation for the saint ‒
No occupation either, but something given
And taken, in a lifetime’s death in love,
Ardour and selflessness and self-surrender.
For most of us, there is only the unattended
Moment, the moment in and out of time,
The distraction fit, lost in a shaft of sunlight,
The wild thyme unseen, or the winter lightning
Or the waterfall, or music heard so deeply
That it is not heard at all, but you are the music
Wile the music lasts. These are only hints and guesses,
Hints followed by guesses; and the rest
Is prayer, observance, discipline, thought and action.»

«Aber die Stelle zu erkennen,
Wo die Zeit das Zeitlose
Kreuzt, ist ein Beruf für Heilige ‒
Auch kein Beruf, sondern etwas, das gegeben wird
Und genommen, im Liebestod eines ganzen Lebens,
Inbrunst, Hingabe, Aufopferung.
Für die meisten von uns gibt es bloß den unbeachteten
Augenblick, in der Zeit und außerhalb der Zeit,
Einen Anfall von Zerstreuung, verirrt in einem Schacht aus Sonnenlicht,
Den wilden Thymian ungesehen, das Wintergewitter
Oder den Wasserfall, oder Musik so tief gehört
Dass sie unhörbar wird, und Sie selbst die Musik sind
Solange sie währt. Das sind nur erste Andeutungen,
Fingerzeige, Rätselraten; der Rest
Ist Gebet, Zucht, Innehalten, Denken, Handeln.»

[8] Ebd.

[9] T. S. Eliot: The Dry Salvages, III; siehe auch Doppelbereich Ich-Selbst; Augenblicke wach im Jetzt:

«Die Zeit des Sterbens ist jeder Augenblick.» ‒ «And the time of death is every moment.»

[10] T. S. Eliot in Anm. 7; siehe auch Stillehalten; Sterben und Angst; Jetzt im Doppelbereich

[11] T. S. Eliot: Four Quartets: Little Gidding, V:

«The moment of the rose and the moment of the yew-tree
Are of equal duration. A people without history
Is not redeemed from time, for history is a pattern
Of timeless moments. So, while the light fails
On a winter's afternoon, in a secluded chapel
History is now and England.»

«Der Augenblick der Rose und der Augenblick der Eibe
Sind von gleicher Dauer. Ein Volk ohne Geschichte
Ist nicht von der Zeit erlöst, weil Geschichte ein Muster ist
Aus zeitlosen Augenblicken. Jetzt, wo es dämmert,
Im Winter, nachmittags, in der entlegenen Kapelle
Ist die Geschichte jetzt und England.»

[12] Die Achtsamkeit des Herzens (2018): ‹Spiegel des Herzens›, 131f.

T. S. Eliot: Four Quartets: Little Gidding, III:

«Whatever we inherit from the fortunate
We have taken from the defeated
What they had to leave us ‒ a symbol:
A symbol perfected in death.»

«Was wir auch immer von den Siegreichen erben
Haben wir von den Besiegten genommen
Was sie uns geben konnten ‒ ein Zeichen:
Ein Zeichen, vollendet im Tod.»

[13] Sterben lernen (2005)

[14] Jeder Mensch ist zutiefst darauf angelegt Mystiker zu sein (2020): Interview von Evelin Gander mit Bruder David; siehe auch Fürchte dich nicht: Ergänzend: 1.

 


Quellenangaben

Film, Text und Audios von Br. David Steindl-Rast OSB

augenblicke wach im jetzt titelCopyright © - Norbert Kopf

(Film 27:53-30:18) «Für mich gilt immer noch, was auch für mich als junger Mensch und sicher auch für dich gilt: Wenn wir uns fragen, was sollen wir jetzt weiter machen, kommt immer zuerst die Frage:

Was würde mich wirklich freuen? Das ist das Wichtigste. Das mache ich immer noch. Was soll ich morgen machen? ‒

Was würde mich wirklich freuen?

Aber es ist halt schon mehr Gewohnheit geworden, ich brauche das nicht ausdrücklich zu fragen.

Das zweite ist:

Kann ich es?

Wir wünschen uns manchmal etwas, möchten etwas machen, das wir gar nicht können. Fallschirmspringen oder sonst irgendetwas.

Und die dritte Frage, und die ist die Wichtigste, ist:

Wozu bietet mir jetzt das Leben Gelegenheit,
auf das hinzugehen, was mich am meisten freut?

Und dieses Hinhören, dieses Hinhorchen ist ganz etwas Wichtiges.

Ich habe einmal eine Geschichte gelesen ‒ wenn sie nicht wahr ist, ist sie gut erfunden ‒, dass jemand gesagt hat: ‹Also, was ich mir am meisten wünschen würde, ist, am Meer zu sitzen, zu lesen und sonst nicht viel zu tun zu haben.›
Die Frage ist: Was bietet mir jetzt das Leben als nächste Gelegenheit, dorthin zu kommen? Nachdem er die Annoncen für Berufe in Zeitungen gelesen hat, ist er dann Leuchtturmwächter geworden.»

Olivia: «Ein kreativer Umgang mit den Wünschen.»

Bruder David: «Es sind die kleinen Dinge, die man beachten muss, so kleine Schritte auf das hin, was einen am meisten freut.»[1]

Junge Menschen zur Zeit ihrer Berufswahl fragen mich oft:

«Wie kann ich der Welt am besten dienen?»

Ihr hohes Streben macht mir Freude und ich möchte eine Antwort geben, die ihnen wirklich bei ihrer Entscheidung hilft. Da kann ich nichts Besseres tun, als eine Antwort zu wiederholen, die nicht von mir stammt. Als ein Student Howard Thurman (1899-1981) die dringende Frage stellte: «Was kann ich nur tun, um der Welt zu helfen?» Da antwortete dieser weise Meister: «Tu’, was dir am meisten Freude macht. Die Welt braucht nichts dringender als Menschen, die alles, was sie tun, mit Freude tun.»

Der große Interpret des Heldenmythos, Joseph Campbell (1904-1987), gibt auf seine Weise den gleichen Rat, wenn er sagt:

«Follow your bliss!»

was so viel bedeutet wie «Lass’ dich von deiner Begeisterung leiten.»

Dabei ist freilich Begeisterung mehr als Nervenkitzel. Was uns Freude schenkt, ist nicht einfach das, was uns Spaß macht. Unser echtes Begehren sitzt tiefer als unsre Begierden.

Um herauszufinden, was wirklich dein tiefstes Begehren ist, wirst du einen Ort brauchen, an dem du ungestört allein sein und dir Zeit lassen kannst, um ganz still zu werden. Um innere Klarheit zu finden, ist Stille notwendig ‒ in uns und um uns herum.

Ein oft gebrauchtes Bild dafür ist trübes, aufgewirbeltes Wasser im Teich. In Stille wird es von selber klar. Du musst nichts tun, als zu warten, bis der Schlamm sich senkt, dann kannst du bis tief auf den Grund sehen. Stille ist auch unerlässlich, um die zarte Stimme des Herzens zu hören ‒ die Stimme unsres tiefsten Begehrens. Sie wird immer wieder übertönt vom lauten Schreien unsrer Begierden, verstummt aber doch nie ganz.

Begierden kommen und gehen. Um das bleibende Begehren unsres Herzens kennenzulernen, können wir uns also fragen: Wonach würde ich immer noch begehren, wenn all meine Begierden gestillt wären?

Die Antwort darauf wird uns zugleich auch klarmachen, was uns bleibend begeistert. Begeisterung im Sinne Campbells führt uns auf den Pfad des Helden, von dem der Mythos berichtet, dass er durch Todesschrecken gehen muss, um das begeisternde Ziel seines Begehrens zu erreichen.

Nur was uns zum Äußersten bereit macht, ist unsre wahre Begeisterung; von ihr dürfen wir uns leiten lassen.

Die zweite Frage, die uns helfen kann, unsre Berufung zu erkennen, betrifft unsre Begabung.

Was hat das Leben mir gegeben, um es zielstrebig zu nutzen?

So nüchtern wie möglich sollten wir das erwägen. Es kann ja vorkommen, dass wir einem bewunderten Vorbild nachstreben, das ganz anders begabt ist als wir selber. Auf unsre eigene Begabung aber kommt es an; auch sie ist einzigartig. Es fällt uns vielleicht schwer, an unsre Einzigartigkeit zu glauben. Aber selbst unsre Fingerabdrücke haben nicht ihresgleichen unter all den Milliarden von Mitmenschen, wie viel mehr muss das gelten für das vielfältige Gemisch all dessen, was unsre Begabung ausmacht.

Dazu gehören auch Antrieb, Ausdauer und alles, was wir benötigen, um unsre Talente durch Übung zu verbessern. Ja, sogar unsre Mängel sind ein wichtiger Teil unsrer Begabung. Sie können zum Ansporn werden, sie auszugleichen oder zu überwinden, und diese Bemühung entwickelt in uns eine moralische Kraft, die andren fehlt, weil sie sich nie so anstrengen mussten.

Auch Körperbehinderungen können auf ähnliche Weise zum Ansporn werden, gehören also auch zu dem, womit wir vom Leben beschenkt ‒ begabt ‒ wurden. Wäre Helen Keller (1880-1968) nicht blind und taub gewesen, sie wäre wohl nie die große Schriftstellerin, Aktivistin und von Millionen dankbar bewunderte Ratgeberin geworden.

Ganz gleich wie begabt du bist, es wird Mühe und Ausdauer kosten, aus deinen Talenten etwas zu machen. Mit Fleiß und Geduld kannst du auch gering erscheinende Talente zum Blühen bringen, und sie werden eine reiche Ernte tragen ‒ für dich und für die ganze Welt. Im großen Chor ist jede Stimme unentbehrlich; im großen Tanz ist jede Tänzerin, jeder Tänzer unersetzlich.

Auf unsre dritte Frage können wir erst antworten, wenn wir die beiden ersten beantwortet haben. Wir ahnen dann zumindest die Richtung unsres bleibenden Begehrens, in die unsre tiefste Begeisterung uns führen will. Und wir kennen unsre Stärken und Schwächen, die uns auf dem Weg dahin helfen oder hindern können.

Das sind Voraussetzungen, um weiter zu fragen:

Welche Gelegenheiten bietet mir das Leben,
meinem Ziel näher zu kommen?

In groben Umrissen werden wir diese Gelegenheiten vielleicht voraussehen können, während wir uns in Stille Zeit nehmen zu planen und Überblick über unsre Lage zu gewinnen. Wichtiger aber wird es sein, diese Frage immer wieder neu zu stellen. Das Leben bietet uns jeden Tag und jede Stunde unzählige Gelegenheiten zur Auswahl an.

Da heißt es, unser Begehren und unsre Begabung im Auge zu behalten. Nur im Hinblick auf sie werden wir Gelegenheiten erspähen, die wir sonst vielleicht übersehen hätten, jetzt aber unter den gegebenen Möglichkeiten auswählen.

Alles kommt darauf an, auch unsre kleinsten Entscheidungen von unsrer großen Ausrichtung bestimmen zu lassen. Der Weg zum Ziel besteht ja wie bei einer Wanderung aus vielen kleinen Schritten.

Für die allgemeine Richtung dürfen wir die Kompasslesung nicht vergessen, unser nächster Schritt aber muss dem Terrain an genau dieser Stelle angepasst sein. Was das Leben uns bringt, entspricht dem Terrain ‒ jeden Augenblick ein wenig verändert. Das fordert Achtsamkeit.

Mit Hilfe dieser drei Fragen eine Berufslaufbahn wählen zu können, ist freilich nur einem kleinen Prozentsatz junger Menschen geschenkt. Während diese sich oft überwältigt fühlen von der Überfülle der ihnen gebotenen Auswahl, haben weltweit die meisten überhaupt keine Wahl und müssen froh sein, wenn sie irgendeine Arbeit zum Lebensunterhalt finden. Wir müssen alles daransetzen, eine ungerechte Gesellschaftsordnung zu ändern, die auf diese Weise gegen die Menschenwürde verstößt.

Und was können wir jungen Menschen sagen, die gar keine Chance der Berufswahl haben?

Wenn wir ihre Lage ernst nehmen, dann zeigt sich: Das Entscheidende an unsrer Berufung sind nicht die äußeren Umstände, sondern unsre innere Haltung.

Unsre eigentliche Berufung ist nicht, was wir tun. Darüber können wir nur in begrenztem Ausmaß entscheiden. Aber wie wir es tun, das steht uns frei. Nicht auf unsren Platz im Kreis der Tanzenden kommt es an, sondern darauf, wie wir tanzen ‒ auf Achtsamkeit und Respekt für alle andren, besonders für die neben uns Tanzenden.

Fernstenliebe ist so viel bequemer als Nächstenliebe. Sie verlangt ja nichts Konkretes von uns. Nur durch unsre Nächsten, unsre Nachbarn im Tanzkreis, die wir an den Händen fassen, sind wir mit allen andren verbunden.[2]

Dein Leben ist untrennbar verbunden mit dem Leben aller andren ‒ dem ganzen Universum. Das allumfassende Leben wird dir schon zeigen, was du mit deinem Anteil am Ganzen tun sollst. Darauf darfst du dich vertrauensvoll verlassen.[3]

Werkleute sind wir: Knappen, Jünger, Meister,
und bauen dich, du hohes Mittelschiff.
Und manchmal kommt ein ernster Hergereister,
geht wie ein Glanz durch unsre hundert Geister
und zeigt uns zitternd einen neuen Griff.

Wir steigen in die wiegenden Gerüste,
in unsern Händen hängt der Hammer schwer,
bis eine Stunde uns die Stirnen küsste,
die strahlend und als ob sie Alles wüsste
von dir kommt, wie der Wind vom Meer.

Dann ist ein Hallen von dem vielen Hämmern
und durch die Berge geht es Stoß um Stoß.
Erst wenn es dunkelt lassen wir dich los:
Und deine kommenden Konturen dämmern.

Gott, du bist groß.
[4]

Sagen wir es noch einmal, denn es verdient oft wiederholt zu werden: Wir dürfen dem Leben vertrauen, dürfen uns dem Geheimnis, das uns darin «entgegenwartet»[5], anvertrauen.

Die Antwort auf jede Berufung wird einem Dreischritt folgen: still werden, sonst können wir nicht horchen; hinhorchen, sonst können wir nicht hören, wozu das Leben uns ruft; und antworten auf den gehörten Ruf ‒ innehalten, innewerden und tun. Das gilt für Berufung im Großen, will aber Augenblick für Augenblick im Kleinen geübt werden. Wir nennen diese Übung: Stop ‒ Look ‒ Go.[6]

[Die Quellenangaben zum obigen Text in Anm. 1-3, 6]

[Ergänzend:

1. Weitere Auszüge aus ‹Berufung ‒ ‹Folge deinem Stern›!› im Buch Orientierung finden (2021), 90f., in Berufung ‒ Folge deinem Stern (2022); 100f. und 95f., in Treue; 97, in Tanz ‒ der Sinn des Ganzen: Ergänzend: 3.1.; 99-101, in Dem Leben vertrauen

2. Fünf Schritte, wie du zu deiner Berufung findest (2015)

3. Audios zu ‹Berufung ‒ dem Leben antworten›

Fragen, denen wir uns stellen müssen (2016)
Tag 1 ‒ Vormittag:
‹Drei Grundfragen … und Gespräch:
(45:00) Wissen und Weisheit ‒ Intuition, ein inneres Sehen ‒ Weise Menschen sind Herzmenschen / (52:29) Freiheit als Antwort auf die Frage, die das Leben mir in diesem Augenblick stellt / (58:30) Gibt es falsche Antworten? Mit Situationen umgehen, in denen wir versagten oder die Gelegenheit versäumten: Sich erinnern, den Fehler eingestehen, aber keine Energie verschwenden mit Schuldgefühlen / (01:12:35) Das Aufschieben der Bedürfnisbefriedigung in der Erziehung von Kindern
Tag 2 ‒ Nachmittag:
‹Im Selbst sein und im Jetzt sein ist identisch›:
(38:11) Das Selbst spielt in jedem Ich eine einzigartige Rolle ‒ der Vergleich mit dem Kasperltheater ‒ Unsere Rollen sind uns weit mehr aufgegeben als wir meinen ‒ Mir ist eine Rolle aufgegeben: Wie kann ich sie gut spielen? ‒ Freiheit ist ein Wesenszug von allem, was es gibt / (42:00) Wir sind zu einem gewissen Grad frei, uns dem Leben hinzugeben oder uns gegen das Leben zu sträuben: Immer wieder ins Jetzt kommen und das Leben durch uns fließen lassen. Im Jetzt sein heißt, sich der Frage, der Aufgabe stellen, die das Leben uns jetzt stellt: ‹Es gibt nichts Gutes, außer man tut es› / (45:19) ‹To live in tune with the world› ‒ ‹Alles ist Schwingung, alles ist Klang›: Im Einklang mit dem Leben tanzen ‒ tanzend arbeiten]

________________

[1] Interview mit Bruder David im Film Der Sinn des Lebens und die Dankbarkeit (2024)

[2] Orientierung finden (2021): ‹Berufung ‒ ‹Folge deinem Stern!›, 91-95

[3] Ebd. 100

[4] R. M. Rilke, Das Stunden-Buch, in Einsichten aus Rilkes Dichtung, Teil I (2014), 73f.

[5] Sinne und Kind werden, Anm. 7:

Das Wort ‹entgegenwarten› stammt von Rilke: Nach aller Kunst wieder einmal Natur. Nach dem vielen das eine, nach dem Suchen diesen einen großen und unerschöpflichen Fund, in welchem tief innen noch unberührte Künste einer leisen Erlösung entgegenwarten. (R. M. Rilke, Das Florenzer Tagebuch)

[6] Orientierung finden (2021): ‹Berufung ‒ ‹Folge deinem Stern!›, 100f.



Quellenangaben

Text und Audios von Br. David Steindl-Rast OSB

augenblicke wach im jetzt titelCopyright © - Norbert Kopf

Es ist das Herz, das die großen Fragen des Lebens immer wieder stellt. Aber auch die Antworten auf diese Fragen des Lebens können nur immer wieder aus dem Herzen kommen. Die tiefsten Fragen und die weisesten Antworten steigen aus dem Herzen auf. Wir müssen auf unser eigenes Herz hinhorchen, um wirklich uns selbst zu finden in den entscheidenden Fragen, und wir dürfen unserem Herzen vertrauen, dass es auch die Antwort schon weiß. Eine gut gestellte Frage beinhaltet ja immer schon die Antwort.

Es gibt letztlich nur zwei grundlegende Sinn-Fragen des Herzens: Wer bin ich? Und: Worum geht es im Leben?

Wenden wir uns zunächst der ersten dieser beiden Fragen zu, der Frage: Wer bin ich? Im tiefsten fragt unser Herz das, von Anfang an: Wer bin ich? ‒ Was bedeutet aber diese Frage?

Und das heißt letztlich: Wie bin ich, von Zukunft verunsichert und von Vergangenheit ausgelöscht, dennoch verbunden mit dem, was wirklich ist? Was ist meine Beziehung zum Wirklich-Seienden, zum Sein? Das ist die Frage, die hinter dem: Wer bin ich? steht.

Das Herz des Menschen hat von Anfang an schon immer diese Frage gestellt und stellt sie immer neu. Jedem Menschen stellt sich diese Frage, ob das reflexiv erfasst und deutlich ausgesprochen oder nur so ganz ahnend erlebt wird. Die Frage ist da und das Herz gibt auch die Antwort darauf. Aber auf eine solche Frage kann man nur eine Antwort geben, unter der jede logische Ausdrucksweise zusammenbricht, denn die logische Sprache ist zu schwach, um das Gewicht einer solchen Wahrheit auszuhalten. Tiefste Einsichten und letzte Wahrheiten über unser menschliches Dasein lassen sich nur dichterisch ausdrücken. Deshalb gibt das menschliche Herz auf die letzten Fragen immer dichterische Antworten, und die heißen Mythen.

Mythos in diesem Sinn ist keineswegs etwas Unwahres. Oft verwenden wir das Wort falsch und sagen: Das ist ja gar nicht wahr, das ist nur ein Mythos. Wenn es wirklich Mythos ist im vollen Sinn des Wortes, dann ist es nicht nur wahr, sondern überwahr; dann ist es Ausdruck dessen, was sich in logischer Sprache nicht mehr fassen lässt. Der große Mythos, der auf die Frage des Herzens: Wer bin ich? Antwort gibt, ist der Mythos, den wir in der Anthropologie als Schöpfungsmythos kennen.

Mythos ist genau genommen das, worüber man eigentlich schweigen müsste. An der Grenze unserer Sprache geziemt es sich zu schweigen. Das, worüber ich eigentlich sprachlos bin, spreche ich gerade noch dichterisch im Mythos aus. So spricht der Schöpfungsmythos dichterisch über das, was unser Herz als Antwort auf die Frage: Wer bin ich? erkennen kann.

Die zweite Frage ist: Worum geht es im Leben?

Auf diese zweite Frage gibt ein anderer Mythos Antwort, auch wieder eine dichterische Antwort des menschlichen Herzens, und dieser Mythos heißt in der Anthropologie der Mythos vom Helden.

Dieser Mythos hat auch drei Bestandteile. Hier spreche ich lieber von drei Phasen, denn es handelt sich ja beim Leben um eine Bewegung, einen Weg, und drei Phasen dieses Weges.

Zunächst würde ich vorschlagen, dass Sie an eine Heldengestalt denken, mit der Sie sich gut identifizieren können. Besonders geeignet ist ein Märchen oder ein klassischer Mythos. Oft zeigen sich aber die Phasen des Heldenmythos auch in einem Roman oder einer Novelle. Versuchen Sie, die drei Phasen, die ich beschreiben werde, in Ihrer eigenen Geschichte zu finden, in der Geschichte, die Sie sich ausgewählt haben.

Die erste Phase ist, dass der Held ausgesondert wird. Er muss etwas Besonderes haben. Das Rotkäppchen zum Beispiel muss ein rotes Käppchen haben, um so ausgesondert (unverwechselbar) zu sein. Die Besonderheit darf aber nicht so weit getrieben werden, dass man sich nicht mehr mit dem Helden identifizieren kann. Die Aussonderung dient ja nur dem Zweck der besseren Identifizierung dessen, was wir sind. Das «Wir» sind alle, für die diese Heldengestalt Vorbild ist.

Eine Gruppe von Menschen wird zur Gemeinschaft eben dadurch, dass alle in der Gruppe den gleichen Helden haben, dass sie sich gemeinsam mit dem gleichen Ideal identifizieren können.

Wir haben jetzt das Wort «Ideal» gebraucht. Gemeint ist der Held, der Prinz, die Prinzessin. Der Held ist hier schön, geschickt, tapfer, auch wenn es nur das tapfere Schneiderlein ist. Aber nicht immer ist es so; manchmal erscheint als «Held» das hässliche Entlein, der Dümmste, der Faulste, der Jüngste der Brüder, der von allen verachtet wird. Damit kann man sich ja auch identifizieren und unter Umständen viel leichter. Beides kommt vor.

Das Entscheidende ist, der Held wird herausgehoben zum Zweck der Identifizierung. Das wird dann oft noch sehr weit ausgespielt mit allen möglichen Formen, die da verwendet werden, um den Helden schon vor der Geburt auszuzeichnen, als lang erwartet, von Sternen angekündigt, auf besondere Weise empfangen, auf besondere Weise geboren und schon als Kind ganz auffallend.

Alle diese Formen der Aussonderung können oder können nicht vorkommen, aber eine letzte kommt immer irgendwie in der Erzählung vor: Der Held zieht jetzt aus, in die weite Welt hinaus. Er zieht hinaus und wenn es nur das Rotkäppchen ist, das in den Wald geht zur Großmutter. Der Held geht weg von zu Hause, ist ausgesondert aus der Gemeinschaft. Er muss das Leben allein bestehen. Wir leben in Gemeinschaft, wir gehören der Gemeinschaft an, aber wir müssen das Leben im Letzten allein bestehen. So geht also der Held hinaus. Das ist der letzte Teil dieser ersten Phase, der Aussonderung. Damit können wir uns gewiss identifizieren.

In der zweiten Phase kommt das Abenteuer auf den Helden zu. Abenteuer ist das Überwältigende. Der Dichter bemüht sich, das so überwältigend wie nur möglich zu machen, was wir doch bewältigen müssen. Es überwältigt uns und wir müssen es bewältigen. Wir können zwar nicht damit fertig werden ‒ das wäre nicht die richtige Ausdrucksweise ‒, aber wir müssen es bewältigen. Darum geht es im Heldenmythos, das ist seine zentrale Aussage.

Meine Analyse klingt vielleicht abstrakt, doch im Mythos ist dieser Höhepunkt voll Spannung. Es handelt sich im Mittelpunkt dieser Heldengeschichten oft um einen Drachenkampf oder ähnliches.

Es geht jedenfalls darum, dass wir das Überwältigende bewältigen müssen. Die zwei typischen Erlebnisse dieser Art sind Liebe und Tod. Die müssen wir bewältigen, obwohl wir damit im Leben nie fertig werden können. Dementsprechend finden sich in der Mitte des Heldenmythos oft Liebe und Tod, und oft ganz eng miteinander verbunden. Um einer großen Liebe willen muss sich etwa der Held dem Tod aussetzen.

Wenn der Mythendichter nun wirklich sein Ziel erreicht in der Mitte der Geschichte, dann ist der Held so tot wie möglich; er ist nicht nur tot, sondern zerstückelt, aufgefressen, jedenfalls ganz und gar tot. Aber siehe ‒ er lebt! Das bedeutet: Er vermeidet nicht den Tod, er geht durch den Tod hindurch in die Lebendigkeit hinein.

Orpheus zum Beispiel. Er wird zerstückelt ‒ doch sein Haupt singt noch, seine Leier ist unzerbrochen.

Und schließlich folgt ‒ wie immer das jetzt vom Erzähler gestaltet wird ‒ die dritte Phase: Der Held kehrt zurück ‒ als Lebensbringer.

Er kann jetzt als Lebensbringer zurückkehren, denn er hat ja erfahren, was Leben wirklich ist ‒ es kommt immer aus dem Sterben. Das wissen wir ja selber, wenn wir uns fragen, worum es geht im Leben. Es geht darum, immer wieder zu sterben, aber immer wieder in größere Lebendigkeit hinein zu sterben. Diese vielen kleinen Tode, die mit dem Leben verbunden sind, vermitteln uns wenigstens eine Ahnung davon.

Der Held kommt also als Bringer neuen Lebens zur Gemeinschaft zurück. Im Märchen ist es oft der Prinz, der zurückkommt und das Lebenswasser bringt für die Prinzessin, die schon fast oder ganz tot ist. Sie wird wieder lebendig und alle, alle freuen sich. Es ist Hochzeit. Hochzeit ist das Bild für die festliche Gemeinsamkeit. Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute ... Das ist dann das Ende ohne Ende: Hochzeit, hohe Zeit, Zeit ins volle Sein hinein überhöht.

Jeder echte Heldenmythos erzählt von diesen drei Phasen in irgendeiner Form.

Wenn Sie jetzt auf dieses Grundmuster aufmerksam geworden sind, wenn Sie offen dafür sind und es heraushören können aus Geschichten, dann hören Sie es aus fast jeder Geschichte heraus, weil uns dieser Dreischritt des Lebens zutiefst eingegeben ist. Weil dieses Schema so archetypisch in uns veranlagt ist, wird es sogar von der Reklame ausgenützt. Wenn Sie sich einmal kurze Fernsehreklamen daraufhin anschauen, werden Sie in vielen Fällen finden, dass sie auf dem Schema des Heldenmythos aufbauen: Zuerst etwas, mit dem man sich identifizieren kann; dann kommen Schwierigkeiten, ja, diese Schwierigkeiten wollen Sie doch nicht ‒ ah, siehe da, es geht durch, und am Ende die große Freude, kein Problem, wir haben es gelöst. Sie brauchen Erlösung, und wir können Sie erlösen. ‒ In hunderten Beispielen können wir das beobachten. Wenn wir zusehen, werden wir dasselbe Muster auch in Kindergeschichten immer wieder finden. Die besten Kinderbücher, ganz gleich, ob sie von Menschen oder Tieren handeln, werden oft nach diesem Heldenschema aufgebaut. Das ist etwas, was im Kind liegt; etwas, worauf man sich verlassen kann, worauf man pädagogisch aufbauen kann.

[Auszüge aus dem Vortrag «Im Paradoxen Sinn erfahren»; siehe das Audio in Aufwachsen in Widersprüchen (1989) und die Transkription des Vortrags, abgedruckt im Buch Aufwachsen in Widersprüchen (1990), 61-63, 67-69]

[Ergänzend:

1. Grundlegend und ausführlich erklärt Bruder David den Zusammenhang von Heldenmythos ‒ Opfer ‒ Dankbarkeit im Vortrag Jesus als Wort Gottes, abgedruckt in: Die Frage nach Jesus (1973): ‹Dankbarkeit als religiöse Ur-Antwort›,17-28:

«Wir sind uns heute der Notwendigkeit bewusst, den Mythos immer wieder zu entmythologisieren. Nun hat aber schon die primitive Kultur diese Notwendigkeit erfasst. Von Anfang an ging mit dem Mythos die Entmythologisierung Hand in Hand. Es ist nur unserer Kurzsichtigkeit und unserer religiösen Entwurzelung zuzuschreiben, wenn wir dies völlig übersehen haben und uns nun auf der Ebene des Mythos selbst um Entmythologisierung bemühen, was immer wieder nur zum Um-mythologisieren führt. Wirkliche Entmythologisierung liegt darin, den Sinn des Mythos hier und jetzt lebendig verfügbar zu machen. Gerade das aber ereignet sich im primitiven Ritus.» (21)

Dem Schöpfungsmythos entsprechen die Erneuerungsriten; dem Heldenmythos die Übergangsriten: Rites de passage (Arnold van Gennep):

«Der Sinngehalt des Heldenmythos drückt sich auf einzigartige Weise in der Grundstruktur des Opferritus aus. Kein Wunder also, dass das Opfer ganz eng zu den Übergangsriten gehört, ja geradezu ‹rite de passage par excellence› genannt werden kann.» (22)

«Auch in der Eucharistiefeier finden wir die drei Phasen des Opferritus klar ausgestaltet in Opferung, Wandlung und Kommunion.» (24)

«Unseren drei Phasen des Opfers entsprechen gleichsam drei Grundschritte, durch die wir uns intellektuell, willensmäßig und gefühlsmäßig der Dankbarkeit aufschließen. Hier zeigt sich erst, was es wirklich heißt, die Eucharistie nicht nur liturgisch zu feiern, sondern eucharistisch zu leben.» (24f.)

«Das ist ja das Entscheidende am menschlichen Sterben, dass es das endgültige Scheitern unserer Unabhängigkeit darstellt, zugleich die Herausforderung, dieses Scheitern anzunehmen und etwas daraus zu machen. Memento mori heißt: Denk’ daran: du kannst dein Leben nicht um eine Stunde verlängern, wie sehr du dich auch daran klammerst. Entschließe dich also, wag’ es, öffne die Hände, empfange jeden Augenblick als Geschenk, gib dich hin! Leben ist ja Offenheit, Atmen, Gegenseitigkeit. Somit entspringt aus dem ‹Memento mori› das ‹Memento vivere›, aus der vorwegnehmenden Annahme des Todes dankbares Leben.» (26.f.)

«Glücklich leben heißt, die innere Gebärde, die dem Heldenmythos zugrunde liegt und im Opfer rituell entmythologisiert wird, immer wieder lebendig zu vollziehen: die Gebärde der Dankbarkeit.» (28)

2. In Dankbarkeit und Opferritus geht Bruder David besonders ein auf die universelle Beziehung von Opferriten zu der individuell vollzogenen Geste der Dankbarkeit; der Text ist identisch mit Die Achtsamkeit des Herzens (2021): ‹Eine tiefe Verbeugung›, 135-151:

«Der Mensch, der ein Tier opfert, drückt in diesem Ritual die Bereitschaft aus, selber zu sterben, für alles, was ihn vom Ziel dieses Übergangs trennt. Das Ziel ist die Vereinigung des Menschlichen mit dem Göttlichen.» (145)

«Worauf es uns ankommt, ist, dass unsere eigene Erfahrung der Dankbarkeit mit einem universellen religiösen Phänomen zusammenhängt: mit dem Opfer, das zum Wesenskern aller Religionen gehört. Haben wir nur einmal diesen Wesenskern erfasst, dann wird uns jede Religion zugänglich. Man kann die gesamte Entwicklung der Religionen als eine Entfaltung der Opfergeste verstehen. Wir selbst vollziehen innerlich diese Geste, sooft Dankbarkeit in unseren Herzen aufsteigt.» (147)

«Es ist eine Wirklichkeit, die wir nie ganz erfassen werden. Worauf es ankommt, ist, dass wir uns von ihr ergreifen lassen, dass wir die innere Gebärde von Dankbarkeit und Opfer vollziehen. Der Vollzug dieses Übergangs führt uns zur Einheit mit uns selbst, zur Einheit mit allen anderen und zur einen Quelle des Lebens.» (151)

3. Dankbarkeit macht eine Fütterung zum Mahl (2011): Interview von Marietta Schürholz mit Bruder David:

Marietta Schürholz: «Was mir als wichtige Inspiration aus dem tibetischen Buddhismus geschenkt wurde, auch wenn ich nicht weiß, ob ich es im dortigen traditionellen Sinne richtig verstanden habe, ist das sehr wörtliche Erfahren vom Bedeutungssinn der Worte zur Eucharistie: ‹Dieses Brot ist mein Leib›. … Durch diese Erfahrungen im Rahmen einer tibetischen Puja habe ich angefangen zu ahnen, was in der Eucharistie auch stattfinden könnte.»

Bruder David: «Ich glaube das sehen Sie ganz richtig. Diesen Dreischritt des Opfers findet man, wo immer Opfer dargebracht werden.

Der erste Schritt ist, dass die Gaben abgesondert werden als Repräsentativ für alles. Das Brot und der Wein, in unserem Fall, als Früchte der Erde, Natur und Werk menschlicher Hände, beides. Kultur und Natur, das ist Brot und Wein, repräsentiert alles was es gibt.

Dann wird es aufgehoben in der Wandlung, die Geste des Aufhebens[1] genügt schon, und dann wird es geteilt.

In der Mitte des Opfers steht immer die Konsekration, die Wandlung nennen wir es auf Deutsch, die Heiligung des schon Heiligen, des uns Bewusstwerden des Heiligen. Und nachdem wir die höheren Werte uns immer als oben vorstellen, ist das Aufheben oft in dieser Phase.

Und das Dritte ist dann immer das gemeinsame Mahl. Das Konsekrierte wird jetzt geteilt unter allen. Oft ist das eine ganz kleine Geste.

Im fernen Osten nehmen die Menschen vor jeder Mahlzeit mit drei Fingern ein paar Körner Reis aus der Schale. Diese drei Körner Reis sind schon die Opferung. Diese drei Körner Reis stehen für alle Speisen und für alles, was uns geschenkt wird. Dann heben sie es ein bisschen auf, das ist die Konsekration, und dann essen sie es, das ist die Kommunion.

Oder in Griechenland, bevor jemand ein Glas Wein trinkt, werden ein paar Tropfen Wein vergossen, das ist die Opferung, diese paar Tropfen stellen die ganze Lebensfreude dar, die in dem Wein enthalten ist, sie werden zur Erde, dem geheimnisvollen Grund, aus dem der Wein heraus wächst, gegeben: das ist die Konsekration, und die Kommunion ist, wenn man aus dem Becher trinkt immer wieder dieselbe Form.

Nur um uns dessen bewusst zu werden – da hilft uns die Begegnung der Religionen, denn Sie haben das in diesem tibetischen Ritus entdeckt und hätten es vielleicht nie in der christlichen Eucharistie verstanden. Aber da ist es, ganz klar.»

4. Audios

4.1. Lebensorientierung (2015)
5. Tag, 14. Februar, Samstagvormittag mit 9. Impulsvortrag (Bruder David), siehe
Transkription S. 23-25:
Dankbarkeit, die alles zusammenfasst. Dankbarkeit als spirituelle Praxis:
(34:30) Dankbarkeit in Bezug zu den großen Menschheitsmythen
(54:40) Der Heldenmythos und seine drei Phasen
(01:00:41) Vom Heldenmythos zum Übergangsritus ‒ dem Opfer ‒ Hinweis auf Orpheus: er wird verteilt
(01:06:57) Vom Opfer zu Stop ‒ Look ‒ Go: Dankbarkeit gibt so Orientierung und Antwort auf die zwei Fragen der Menschheit: Wer bin ich? Ich bin mir geschenkt. Worum geht es? Mich dankbar zu erweisen

4.2. Fragen in Wendezeiten (2010): Audio und Film Fragen in Wendezeiten
Vortrag:
(44:04) Worum geht es im Leben letztlich? – die Antwort des Heldenmythos / (44:32) Der Weg des Helden in drei Phasen: Ausgesondert werden – sterben – Rückkehr / (48:36) Immer wieder durch den Tod in reicheres Leben übergehen
(49:21) Vom Heldenmythos zum Ritual: Das Opfer als Ritus mit den drei Phasen: Opferung (Gabenbereitung) – Wandlung – Kommunion / (50:50) Feueropfer, Reis essen im fernen Osten, Wein trinken in Griechenland
(52:36) Vom Ritual zur individuellen Praxis: Dankbarkeit fordert den Intellekt (erkennen) – den Willen (anerkennen) – die Gefühle (freudig teilen)

4.3. Retreat-Woche in Assisi (1989)
‹Nur die dichterische Sprache ist tragfähig genug, um so viel Wahrheit zu tragen›: Das Glaubensbekenntnis im Licht der großen Menschheitsmythen
(25:54) Welche Heldengeschichte hat mich geprägt? Austausch in der Gruppe
(45:52) Das Motiv der besonderen Empfängnis und Geburt: Auch Caesar Augustus wird ‹Der von der Jungfrau Geborene› genannt ‒ Orpheus Statuen umbenannt zu Christus, dem guten Hirten ‒ ‹Mir nach, spricht Christus, unser Held› (Kirchenlied) ‒ ‹Held›: Das Wort ist im deutschen Sprachraum belastet ‒ Unsere Aufgabe, den Mythos zu entmythologisieren: Wie bringt man die Wahrheit von Christus als unserem Helden in den Alltag?

5. Orpheus; siehe auch Audios in Ergänzend: 1.1. und 1.3

5.1. Lebendige Spiritualität (2015)
Verstehen durch Tun:
(20:22) Rühmen und die Gestalt des Orpheus, bei Rilke und den Kirchenvätern eine Christus-Figur

5.2. So leben wir und nehmen immer Abschied (2009)
Vortrag:
(25:52) Wandelt sich rasch auch die Welt‘ (Rilke, Sonette an Orpheus 1. Teil, XIX): Bruder David deutet das Sonett mit Blick auf die Zeit und das Jetzt, das kleine Ich und das Selbst, Orpheus und Christus

5.3. Einsichten aus Rilkes Dichtung, Teil I (2014), 52-56 und Einsichten aus Rilkes Dichtung, Teil II (2014), 132-135:

«Er wird als Kommunionbrot verteilt sozusagen. Das steht dahinter, da wird wieder aus dem Orpheus die Christus-Figur.»]

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[1] «Aufheben» hat für Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831) einen dreifachen Sinn: negieren (tollere) ‒ emporheben (elevare) ‒ bewahren (conservare); siehe auch Rühmen, Er-innern, Aufheben: Anm. 2 und Sterben und Angst: Anm. 6



Quellenangaben

Text und Audios von Br. David Steindl-Rast OSB

augenblicke wach im jetzt titelCopyright © - Elisabeth Glücks

Genau der jetzige Augenblick kann der Beginn eines neuen Lebens sein. (1. Februar)[1]

Wenn du morgens den Bus nimmst oder dich ins Auto setzt, während es noch dunkel ist, dann beginn gar nicht erst damit, dir Sorgen über den kommenden Tag zu machen. Achte nur auf den Augenblick, wenn das Licht aus der Dunkelheit steigt: «Mir wird ein neuer Tag gegeben. (…) Welche Haltung sollte ich diesem Tag entgegenbringen? Wofür ist es Zeit? Zeit, sich zu erheben und zu leuchten.» (2. Februar)[2]

Die liebevolle Antwort auf die Aufforderung eines jeden Augenblicks befreit uns aus der Tretmühle der Uhrzeit und öffnet eine Tür ins Jetzt. (6. Februar)[3]

Wir leben im Jetzt, indem wir uns auf den Ruf eines jeden Augenblicks einstimmen, indem wir hören, was jede Stunde und jede Situation von uns verlangt, und indem wir darauf antworten. (9. Februar)[4]

Unser wahres Glück, unser unverlierbares Glück besteht darin, im gegebenen Augenblick völlig da zu sein. «Zum Augenblicke möcht ich sagen, verweile doch, du bist so schön», so hat Goethe das im Faust formuliert, weil eben wahres Glück nur da ist, wenn wir im Augenblick sind. (13. Februar)[5]

Wenn wir nach innen schauen, sehen wir: Das Glück ist nicht irgendwo vor uns, es ist schon da. Dem Glück nachjagen, das ist so wie wenn jemand seinem eigenen Schatten nachjagen wollte. Im Augenblick, wo wir stehen bleiben, bleibt auch der Schatten stehen. Die Freude ist unser eigentliches Wesen. Sie ist immer da, nur wir sind nicht da. (14. Februar)[6]

Das Gegenteil von Freude ist nicht die Traurigkeit, sondern die Faulheit, welche die Mühe scheut, auf den geschenkten Augenblick voll und ganz zu antworten, und die Trübsinnigkeit, die der Faulheit entspringt. (17. Februar)[7]

Die meisten von uns leben sehr hastige, sehr unruhige und volle Tagesläufe. Wir müssen in diese Tagesläufe irgendwo kleine Augenblicke des Innehaltens einfügen. (10. Juli)[8]

Was in jedem Augenblick von uns verlangt wird, ist doch ganz einfach. Wir lernen es schon als Kinder beim Überqueren der Straße:

Anhalten ‒ schauen ‒ gehen!

Nur wer still hält, sieht, was zu tun ist ‒ hier und jetzt ‒ und nur wer klar sieht, kann hilfreich handeln. (24. Februar)[9]

In Augenblicken glühendster Lebendigkeit wird uns bewusst, dass wir inmitten allen Wandels etwas in uns kennen, das Bestand hat: Wir haben Anteil am Sein. In solchen Augenblicken wird uns klar, dass unser eigenes Sein am Einen, Schönen, Guten und Wahren Anteil hat und daher unzerstörbar ist, so wie diese höchsten Werte es sind. (10. März)[10]

Wenn wir uns bewusst sind, auf wie viele unzählige Arten und Weisen wir im Leben gesegnet sind, dann sind wir wie ein Vermögender, der großzügig ist, ohne Angst zu haben, dass ihm die Mittel je ausgehen werden.

Wenn wir, wenn auch nur einige Augenblicke lang, immer wieder üben, auf unseren Atem zu achten, dann können wir bewusst erleben: Jeder Atemzug fließt als Segen in uns hinein; jeder Atemzug fließt als ein Weitergeben dieses Segens wieder hinaus. (15. August)[11]

Einfach einige Augenblicke lang innehalten und sich der Macht der Liebe öffnen, die das Universum in Gang hält. Ihr Wesen ist still sein und segnen, innehalten und danken. Halte also ein und segne. Halte ein und danke. (11. April)[12]

Wahre Freude und Selbstvergessenheit gehen Hand in Hand. Das Glück kommt daher, dass wir uns nicht auf uns selbst verlassen, dass wir uns auf das uns in jedem Augenblick neu geschenkte Leben verlassen. Wir verlassen uns, da wir nicht völlig auf uns selber eingestellt sind, auf das Leben, auf die anderen, auf die Güte, nicht nur Gottes, sondern des Göttlichen, das uns durch alles zukommt. Wir verlassen uns auf das Leben. (5. Oktober)[13]

Die Quelle des Lebens ist letztlich das, was Menschen, die das Wort «Gott» richtig verwenden «Gott» nennen. Also das ES, das alles gibt, ist das unergründliche Geheimnis, aus dem jeden Augenblick Alles hervorkommt. (30. Juli)[14]

Das «Gekreuzigt» im Credo heißt, dass es nichts im Leben oder im Tod geben kann, in das wir nicht mit Gottvertrauen hineingehen können, kein Unrecht, kein Leid, keine Katastrophen, in denen wir Gott nicht finden können. Im Augenblick seiner äußersten augenscheinlichen Abwesenheit ist Gott gegenwärtig. (18. April)[15]

In Augenblicken, in denen uns unsere tiefste Zugehörigkeit ‒ und somit GOTT ‒ bewusst wird, quillt gläubiges Vertrauen ganz spontan auf. Abraham Maslow spricht da von Gipfelerlebnissen. (21. Juni)[16]

Gelegenheit macht kreativ. Und zwar kreativ in Beziehung. Das ist so ungeheuer wichtig, weil wir hinhorchen auf das Gegebene oder auf den Menschen, der uns da gegenüber steht ‒ jetzt, als gegeben in diesem Augenblick. Und dann werden wir kreativ in unseren Beziehungen zu den anderen Menschen. (14. September)[17]

Je älter man wird, umso mehr wird einem bewusst, wie vergänglich alles ist. Und wenn wir die Vergänglichkeit von jedem Augenblick ‒ von all dem, was uns in einem Augenblick geschenkt wird ‒ wahrnehmen, dann wird es umso wertvoller. (10. April)[18]

Wir beten: Jetzt und in der Stunde unseres Todes. T.S. Eliot, der große englische Dichter, sagt: Die Stunde des Todes ist jeder Augenblick.[19] Denn in jedem Augenblick kommt die Zeit zu Ende und das Jetzt bleibt. Wenn wir also im Jetzt dankbar leben, dann gibt uns das eine ungeheure Freiheit. (8. April)[20]

Wir befürchten, dass der Tod uns wie ein Dieb in der Nacht überfällt, bevor wir überhaupt Gelegenheit hatten zu leben. Diese Furcht ist dann am größten, wenn wir nicht im Augenblick leben. (2. November)[21]

Wir brauchen uns nicht länger darüber Sorgen zu machen, dass unsere Zeit unaufhaltsam abläuft. Die Zeit, die so abläuft, ist für uns schon im Jetzt aufgehoben, sie ist außer Kraft gesetzt, abgeschafft. Aber gerade deshalb dürfen wir jeden Augenblick als Gabe und Aufgabe voll ausschöpfen. (11. November)[22]

[Obige Texte sind dem Buch Einfach leben ‒ dankbar leben: 365 Inspirationen (2014) entnommen, siehe die Quellenangaben in Anm. 1-22]

[Ergänzend:

1. Jetzt in diesem Augenblick

2. Audios

2.1. So leben wir und nehmen immer Abschied (2009)
Vortrag:
(48:06) Schlusswort von P. Nathanael: Er dankt Bruder David und schließt mit den Zeilen des Gedichtes von Andreas Gryphius ‹Betrachtung der Zeit›:

‹Mein sind die Jahre nicht, die mir die Zeit genommen;
Mein sind die Jahre nicht, die etwa möchten kommen;
Der Augenblick ist mein, und nehm ich den in acht,
So ist der mein, der Jahr und Ewigkeit gemacht.

Wenn wir das nicht jetzt erleben, kommt es auch in Zukunft nicht! Nur im Augenblick gelingt das Leben.›

2.2. Das Leid des Lebens zu Herzen nehmen (1992)
Viertes Seminar mit Bruder David im Rittersaal des Schlosses Goldegg:
(02:05) Sei allem Abschied voran (Rilke, Sonette an Orpheus 2. Teil, XIII) – Der Augenblick:

(14:37) Bruder David: «‹Hier, unter Schwindenden, sei, im Reiche der Neige, sei ein klingendes Glas, das sich im Klang schon zerschlug:
Das Glas klingt und zerbricht.
In diesem Augenblick klingen und zu diesem Augenblick sterben, damit wir frei sind und lebendig sind für den nächsten Augenblick.»

(21:00) Teilnehmer: «Wer das Geheimnis des Augenblickes kennt, kennt das ganze Geheimnis des Lebens.»
Bruder David: «Weil das Leben aus Augenblicken besteht.»

(22:24) Bruder David: «Wir kommen mit dem Leben nicht aus, wenn wir nicht das Leben Augenblick zu Augenblick nehmen. Wenn wir immer die ganze Last der Vergangenheit und die die ganze Unsicherheit der Zukunft mittragen müssen.»

(22:59) Bruder David: «‹Zu diesen ‒ Vergangenheit und Zukunft ‒ ‹unsäglichen Summen zähle dich jubelnd hinzu und vernichte die Zahl›: das ist der Augenblick.»

(24:05) Teilnehmer: «Ich habe das einmal erlebt, dass in einem Augenblick, vielleicht in zwei Sekunden, das ganze Leben abgelaufen ist in einer Gefahrensituation. Das ist für mich dieses intensive Erleben dieses Augenblickes, in dem dieser Lebensfilm abläuft.»
Bruder David: «… im Augenblick eben alles schon enthalten ist, zugleich da ist. Im Jetzt. Weil das Entscheidende an jedem Augenblick das Jetzt ist, das Überzeitlichkeit innerhalb der Zeit ist. Und wenn die Zeit dann wegfällt, bleibt nur dieses Überzeitliche für uns. Und so kann man vielleicht irgendwie auch dem näherkommen, dass es für uns möglich ist, in einem Augenblick so viel zu erleben.»]

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[1] Musik der Stille (2023), 72

[2] Musik der Stille (2023), 62; siehe auch Einladung zur Dankbarkeit (2018): ‹Lächelnd den Tag aufhellen›, 47

[3] Musik der Stille (2023), 24

[4] Musik der Stille (2023), 19f.

[5] Alte Botschaft in eine neue Zeit (1991): Interview von Lorenz Marti mit Bruder David für Radio DRS

[6] Ebd.

[7] Musik der Stille (2023), 102

[8] Wege zum Glücklichwerden (2012): Vortrag von Bruder David in der Großen Universitätshalle, Salzburg

[9] Sommergrüsse (2012)

[10] Credo (2012), 213f.

[11] Musik der Stille (2023), 83; siehe auch Einladung zur Dankbarkeit (2018): ‹Unerschöpfliche Mittel›, 82

[12] Musik der Stille (2023), 89

[13] Alte Botschaft in eine neue Zeit (1991): Interview von Lorenz Marti mit Bruder David für Radio DRS

[14] Credo ‒ ein Glaube, der alle verbindet (2010)
David Steindl-Rast in der
Evangelischen Ludwigskirche, Freiburg (DE)
Vortrag:
(13:39) Nachdenken über den Satz ‹ES gibt mich›.

Siehe auch: Wie das Göttliche in uns wächst (2005)
Vortrag und wortgetreue Mitschrift in den folgenden 8 Audios:
‹Was fördert gesundes spirituelles Wachstum›; siehe auch die
Mitschrift

[15] Credo (2012), 108

[16] Credo (2012), 27

[17] Wege zum Glücklichwerden (2012): Vortrag von Bruder David in der Großen Universitätshalle, Salzburg

[18] Ebd.

[19] T. S. Eliot sagt in den Four Quartets: The Dry Salvages, III; siehe auch Doppelbereich Ich-Selbst:

‹Die Zeit des Sterbens ist jeder Augenblick.›‹And the time of death ist every moment.›

[20] Siehe Anm. 17

[21] Musik der Stille (2023), 108f.

[22] Credo (2012), 222


Quellenangaben

Text und Audios von Br. David Steindl-Rast OSB

achtsamkeitCopyright © - Elisabeth Glücks

Das Leben ist uns gegeben; jeder Augenblick ist uns gegeben. Dafür ist Dankbarkeit die einzige passende Antwort. (3. Februar)[1]

Die rückhaltlose Aufgeschlossenheit für das Geschenk des gegenwärtigen Augenblicks inspiriert uns zum Hinschauen und Überlegen, was wir tun können, so wenig es auch sein mag. Wenn genügend Menschen fragen: «Was können wir tun?», dann werden wir Lösungen für unsere dringendsten Probleme finden. (4. Februar)[2]

In jedem Augenblick wird alles, was es gibt, uns neu geschenkt, und wir können es in Dank verwandeln. Das Wesen göttlicher Schöpfung ist Geschenk, das Wesen menschlicher Schöpfung ist Dankbarkeit. Durch diesen Austausch nehmen wir teil am göttlichen Leben selbst. (5. Februar)[3]

Dankbares Leben ist ein Weg zum Heilwerden der Welt. Nicht nur wenn uns was Schönes wiederfährt, sondern wenn wir dankbar leben, jeden Augenblick. (23. April)[4]

Die Art von Glück, die davon abhängt, was uns glückt und was uns nicht glückt, was uns zustößt, ist etwas sehr Unbeständiges. Im Gegensatz zur Freude, die jenes Glück ist, das nicht davon abhängt, was uns widerfährt.

Und der Schlüssel, zu dieser Freude ist die Dankbarkeit, denn in dem Augenblick, wo wir dankbar sind, finden wir zurück zu der Freude, die immer in uns ist. (2. Juli)[5]

Es ist aufschlussreich, dass die Sprache vom gegebenen Augenblick spricht: Der Augenblick wird uns gegeben, er ist uns geschenkt. Und daher ist die einzig entsprechende Antwort auf dieses Gegebene: die Dankbarkeit. (8. Oktober)[6]

Als Weg zum Glücklichwerden kann das Dankbarsein nur dann dienen, wenn ich es übe, wenn ich daraus einen spirituellen Weg mache. Ein Augenblick, eine kurze Begegnung, ist noch kein Weg. (14. Oktober)[7]

Wenn ich dankbar dem Sein gegenüber bin, werde ich das auch im nächsten und übernächsten Augenblick sein können ‒ und dann auch im letzten Augenblick, wenn es darum geht, das Ich endgültig loszulassen im Sterben. (19. November)[8]

Das Geschenk in jedem Geschenk ist immer die Gelegenheit, die es enthält Meistens ist es die Gelegenheit, sich zu freuen und den Augenblick zu genießen. (25. Dezember)[9]

Wie oft wir einfach genießen dürfen, was uns jetzt geschenkt ist, bemerken wir erst, wenn wir beginnen, aufzuwachen zu dankbarem Leben. Und je dankbarer wir leben, umso mehr Gelegenheit zur Dankbarkeit entdecken wir. Freilich, manchmal stößt uns etwas zu, wofür niemand dankbar sein kann. Wer kann dankbar sein für Verletzung, Untreue, oder Betrug; für Fremdenhass, Ausbeutung, Krieg?

Nein, wir können nicht für alles dankbar sein ‒ doch aber in jedem Augenblick.

Auch Widerwärtigkeiten geben uns Gelegenheit ‒ etwa die Gelegenheit Geduld zu lernen, Erfahrung zu sammeln, oder uns in tapferem Widerstand zu üben. Für diese Gelegenheiten können wir uns dankbar erweisen, indem wir sie wahrnehmen (was für ein schönes Wort!) und sie nutzen. (Bruder David im Vorwort zum Buch)[10]

Dankbarkeit, das war hier im Westen die Spiritualität, die unsere Vorfahren geübt haben, bevor sie überhaupt noch das Wort Spiritualität gekannt haben. Sie waren dankbare Menschen und durch ihre Dankbarkeit haben sie Freude gefunden.

Und diese Dankbarkeit taucht uns ein in dieses Geheimnis der Trinität. Denn es setzt voraus den Geber aller Gaben, diesen Urquell, aus dem alles hervorquillt, das Nichts, das alles gibt.

Es setzt voraus, uns selbst als Gabe zu empfangen: Wir haben uns nicht gekauft, wir sind uns gegeben, wir finden uns als gegeben vor, wir finden die Welt als gegeben vor.

Jeder Augenblick ist ein gegebener Augenblick, alles ist Gabe.

Und wir sind, weil wir in einer gegebenen Welt leben, aufgefordert dankbar zu sein und durch Danksagung alles zurückfließen zu lassen zum Ursprung. Und dadurch sind wir völlig eingebettet in das Wort, das aus dem Schweigen kommt und durch Verstehen, im dankbaren Verstehen zurückfließt zu seiner Quelle. (‹Wir sind uns gegeben›, 10f.)[11]

Alles in dieser gegebenen Welt ist Geschenk. Aber das Geschenk in jedem Geschenk ist Gelegenheit. Meistens bedeutet das die Gelegenheit zum Genießen. Manchmal bedeutet es die Gelegenheit, sich zu mühen, zu leiden, ja selbst zu sterben. Wenn wir nicht aufwachen zu den zahllosen Gelegenheiten, das Leben zu genießen, wie können wir da erwarten, wach zu sein, wenn die Gelegenheit, sich dem Leben dienlich zu erweisen, auftaucht? Jene, die erkennen, dass das Geschenk in jedem Geschenk die Gelegenheit ist, werden Dankbarkeit nicht passiv verstehen.

Dankbarkeit ist die Tapferkeit des Herzens, sich der Gelegenheit zu stellen, die ein gegebener Augenblick bietet. (‹Die Gelegenheit erkennen›, 17)[12]

Wir Menschen werden keinen Frieden finden, solange wir in unserem Leben keinen Sinn finden können. Sinn ist das, worin unser Herz Ruhe findet. Sinn wird gefunden, nicht durch harte Arbeit erworben. Er wird einem immer als reines Geschenk zuteil. Und dennoch müssen wir unserem Leben Sinn geben. Wie ist das möglich? Durch Dankbarkeit. Dankbarkeit ist die innere Haltung, durch die wir unserem Leben Sinn geben, indem wir das Leben als Geschenk empfangen.

Was jeden gegebenen Augenblick sinnvoll macht, ist, dass er gegeben ist. Dankbarkeit erkennt diesen Sinn, anerkennt und feiert ihn. (‹Dem Leben Sinn geben›, 18)[13]

Unsere Sinne führen uns hinaus in die Vielfältigkeit, weiter und weiter. Es ist ein wundervolles Abenteuer. Aber wir können uns in der Vielfalt verlieren, wenn wir nicht jene heilige Einfalt finden, die uns tiefer und tiefer führt und alles zusammenhält. Dazu verhilft uns die Dankbarkeit.

Die Einfalt der Dankbarkeit ist ganz und gar nicht einfältig, im Sinne von Beschränktheit. Sie ist mit Arglosigkeit verwandt, mit Ehrfurcht und mit Weisheit. Weil sie arglos ist, geht sie heil durch den Dornwald argwöhnischen Misstrauens. Arglos erkennt die Dankbarkeit jeden Augenblick mit allem, was er enthält, als Geschenk.

In Ehrfurcht anerkennt sie in (und zugleich jenseits von) allen Gaben den Geber. Preisend bekennt sie, dass alles Gnade ist.

Ergriffen von dieser Einsicht, führt die Dankbarkeit zu jener Weisheit, von der der Heilige Bernhard sagt: «Begriffe machen wissend; Ergriffenheit macht weise.»

In Dankbarkeit können wir vom Erkennen der Gabe zum Anerkennen des Gebers und von da zum preisenden Bekennen der Gnade fortschreiten und so durch unsere Sinne Sinn finden. (‹Sinnfinden durch die Sinne›, 38f.)[14]

Dankbarkeit beginnt im Bereich der Sinne, mit jener staunenden Freude, die sich am Sinnlichen ganz von selbst entzündet. Wer das bezweifelt, braucht nur ein Fußbad zu nehmen. Da wird Dankbarkeit ganz spontan lebendig. Wenn Herz und Mund es nicht tun, so fangen wenigstens die Zehen an, auf ihre Art dankbar zu singen.

Tag und Nacht wird uns mit jedem Augenblick Unzähliges geschenkt. Wir brauchen nur darauf zu achten, und Dankbarkeit wird uns beinahe überwältigen. Aber achten wir darauf? Das ist die Frage. (...)

Seit Jahren schreibe ich zum Beispiel täglich in meinen Taschenkalender zumindest eine Sache, für die dankbar zu sein mir vorher noch nie in den Sinn kam. Meint vielleicht jemand, es sei schwer, jeden Tag einen neuen Grund zur Dankbarkeit zu finden? Es ist nicht schwer. Oft kommen mir vier oder fünf Gründe in den Sinn. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie alt ich werden müsste, um den Vorrat merklich zu vermindern.

Was wir bemerken, wenn unsere Aufmerksamkeit wächst, ist, dass uns in tausend Formen immer das Gleiche geschenkt wird, nämlich Gelegenheit. Gelegenheit ist das Geschenk, für das alle anderen Geschenke nur Verpackung sind. Und hier ist das Erstaunliche: In 99 von 100 Fällen wird uns schlicht und einfach Gelegenheit geschenkt, uns zu freuen.

Es fragt sich nur: Nehmen wir diese Gelegenheit überhaupt wahr?

Meistens wohl nicht. Ein Grund dafür ist dieser: An schwierigen Tagen stehen unsere Schwierigkeiten so im Vordergrund, dass wir alles andere übersehen. Der tiefere Grund ist aber, dass wir einfach nicht gewohnt sind, auf die uns geschenkten Gelegenheiten zu achten; auch an unseren fröhlichen Tagen nehmen wir alles ganz undankbar als selbstverständlich hin.

Dankbare Aufmerksamkeit lässt sich üben und erlernen. Wir können am Abend auf den vergangenen Tag zurückschauen und für etwas noch nie vorher Beachtetes zum ersten Mal dankbar sein. Wir können aber auch vorausplanen. Heute wird, sagen wir, dankbar auf Gerüche geachtet; morgen auf Farben und Formen; übermorgen auf Geräusche. In einem «Kurs», der jeden sechsten Tag wieder von vorne beginnt, können wir so durch dankbare Sinnlichkeit unsere freudige Lebendigkeit planmäßig fördern. Alles hängt davon ab, dass wir uns immer wieder erinnern. (‹Gründe genug›, 62-65)[15]

Welche Tätigkeiten lösen in dir regelmäßig spontane Andacht aus, so dass dein Herz ganz ohne Mühe dabei ist? Vielleicht ist es die erste Tasse Kaffee am Morgen, die Art und Weise, in der sie dich wärmt und wach macht, oder der Spaziergang mit deinem Hund, oder die Huckepack-Tour mit einem kleinen Kind.

Dein Herz ist voll dabei, und so findest du auch Sinn darin ‒ keinen Sinn, den du in Worte fassen könntest, sondern Sinnfülle, in der du Ruhe finden kannst. Das sind Momente gesammelter Andacht, auch wenn wir sie nie als Gebet betrachtet haben. Sie zeigen uns die enge Verbindung von Gebet und Spiel.

Diese Augenblicke, in denen unser Herz ‒ ganz gleich wie kurz ‒ in Gott Ruhe findet, sind Beispiele dafür, was Gebet eigentlich ist. Könnten wir diese innere Haltung aufrechterhalten, dann würde unser ganzes Leben zum Gebet werden.

Zugegeben, es ist keine leichte Aufgabe, die Sammlung, Dankbarkeit und Andacht jener Augenblicke, in denen das Herz voll ist, aufrechtzuerhalten.

Aber jetzt wissen wir wenigstens, worauf wir hinauswollen. Es ist, als wollten wir lernen, einen Bleistift auf einer Fingerspitze zu balancieren. Darüber zu sprechen, bringt uns nicht weiter. Haben wir es aber ein einziges Mal geschafft, dann wissen wir wenigstens, dass wir es können und wie es gemacht wird. Der Rest ist eine Frage der Übung und des Immer-wieder-Probierens, bis es zur zweiten Natur geworden ist. (‹Momente der Andacht ausweiten›, 66-68)[16]

Die Dankbarkeit ist eine Form spiritueller Praxis, die den Vorzug hat, dass sie sehr schnell Resultate zeigt. Wenn wir uns am Morgen vornehmen, dankbar zu sein für alles, was uns an diesem Tag begegnet, werden wir am Abend bereits spürbar glücklicher sein.

Dankbarkeit heißt, den gegebenen Augenblick und jede gegebene Gelegenheit, einfach alles, was uns begegnet, als Gabe, als Geschenk wahrzunehmen.

Wenn wir alles, was uns begegnet, als Geschenk erkennen und nicht einfach als gegeben hinnehmen, wachen wir auf zu einer neuen Lebendigkeit. Das gibt uns tausend Gelegenheiten, uns zu freuen. (‹Neue Lebendigkeit›, 86)[17]

Was geschieht, wenn wir unsere Augen in Dankbarkeit für alles öffnen, was uns begegnet: Wir sehen göttliches Licht durch alles, was ist, hindurchleuchten.

Jemand mag dann etwa sagen: «Naja, aber wie kann ich für Völkermord dankbar sein? Wie kann ich für Terrorismus dankbar sein?» Und wie können wir für das Elend in den Straßen vor unserer eigenen Haustür dankbar sein? Oder für die Zerstörung unserer Umwelt? Oder für die Tierquälerei in Laboratorien und Legebatterien? Über diese Dinge an und für sich können wir uns keinesfalls freuen, doch dafür, dass sie uns Gelegenheit geben, etwas dagegen zu unternehmen, können wir dankbar sein.

Diese rückhaltlose Aufgeschlossenheit für das Geschenk des gegenwärtigen Augenblicks ist eine außerordentlich schöpferische innere Haltung.

Sie inspiriert uns zum Hinschauen und Überlegen, was wir tun können, so wenig es auch sein mag. Zumindest können wir fragen, was wir dagegen tun können und die Gelegenheit nutzen. Wenn genügend Menschen fragen: «Was können wir tun?», dann werden wir schließlich Lösungen für unsere dringendsten Probleme finden.

Der Sonnenaufgang kommt unaufgefordert und kann uns daran erinnern, dass jeder Tag ein Geschenk ist. Nicht wir führen ihn herbei. Das Licht wird uns gegeben. Jeden Morgen wird die Welt neu geboren, und bringt uns eine Zeit voller neuer Gelegenheiten, Auch wenn die Schwierigkeiten dieselben sind wie gestern, so können wir sie doch ganz neu anpacken. (‹Alte Schwierigkeiten neu anpacken›, 110-112)[18]

Auch ein Unglück, das mich trifft, ist Wort Gottes. Ein junger Mann, der für mich arbeitet und mir so lieb und teuer ist wie mein eigener Bruder, hat einen Unfall, bei dem Glassplitter in seine Augen dringen. Im Krankenhaus liegt er mit verbundenen Augen. Was sagt Gott dadurch? Zusammen tasten wir uns vor, kämpfen, lauschen, bemühen uns zu hören. Ist auch dies ein lebensspendendes Wort?

Wenn wir in einer gegebenen Situation keinen Sinn mehr sehen können, haben wir den entscheidenden Punkt erreicht. Jetzt wird unser gläubiges Vertrauen gefordert.

Einsicht kommt, wenn wir es ernst nehmen, dass uns jeder Augenblick vor eine gegebene Wirklichkeit stellt. Ist sie aber gegeben, so ist sie auch Gabe. Als Gabe aber verlangt sie Dankbarkeit.

Echte Dankbarkeit schaut jedoch nicht vornehmlich auf das Geschenk, um es gebührend zu würdigen, sondern sie schaut auf den Geber und bringt Vertrauen zum Ausdruck.

Beherztes Vertrauen auf den Geber aller Gaben ist Glaube. Danken zu lernen, selbst wenn uns die Güte des Gebens nicht offenbar ist, heißt den Weg zum Herzensfrieden finden. Denn nicht Glücklichsein macht uns dankbar, sondern Dankbarsein macht uns glücklich. (‹Vertrauen in den Geber›, 118f.)[19]

Dankbarkeit beruht auf der Einsicht, dass mir etwas Gutes widerfahren ist, das von einem anderen Menschen ausging, dass es mir aus freien Stücken geschenkt wurde und als Gefälligkeit gedacht war. In dem Augenblick, wo ich dies erkenne, empfinde ich spontan Dankbarkeit: «Je suis reconaissant» ‒ Ich erkenne, ich anerkenne, ich bin dankbar; im Französischen umfasst dieser eine Ausdruck alle drei Bedeutungen. Ich erkenne die besondere Qualität dieser Freude der Dankbarkeit: es ist eine Freude, die mir aus freien Stücken als Gefälligkeit zugedacht wurde. Indem ich ein Geschenk, das mir nur ein anderer aus freien Stücken geben kann, aus freien Stücken akzeptiere, erkenne ich meine Abhängigkeit an. (‹Ich erkenne, ich anerkenne›, 132f.)[20]

Geber und Empfänger werden im Danksagen eins. Und das «Ja» zu ihrem Zusammengehören ist nichts anderes als das «Ja» der Liebe. Wir haben gesehen, wie schwer es in unserem täglichen Leben manchmal ist, das «Ja» der Dankbarkeit auszusprechen.

In Augenblicken jedoch, wenn unser Herz voller Lebendigkeit schlägt, erfahren wir die gegenseitige Abhängigkeit von allem mit allem als Freiheit, als Freude, als Erfüllung. (‹Einswerden›, 139)[21]

[Obige Kernsätze mit Angabe von Tag und Monat sind dem Buch Einfach leben ‒ dankbar leben: 365 Inspirationen (2014) entnommen; ihnen folgen die längeren Kernsätze mit Überschrift und Seitenzahl aus dem Buch Einladung zur Dankbarkeit (2018); siehe den gesamten Text des Buches in Einladung zur Dankbarkeit und die Quellenangaben in Anm. 1-21]

[Ergänzend:

1. Audios

1.1. Christliche Spiritualität für die Gegenwart (2023)
Teil 4: ‹Dankbar leben ‒ oder: ‹Wenn jeder Augenblick zum Geschenk wird›:
(12:12) ‹Das ganze Leben ist Dialog mit dem schenkenden Geheimnis, das mir Augenblick für Augenblick Gelegenheiten schenkt und will, dass ich etwas daraus mache›

1.2. Das glauben wir ‒ Spiritualität für unsere Zeit (2015): Johannes Kaup im Gespräch mit Bruder David
Vortrag ab (01:23:42), siehe auch:
Vortrag in Themen des Abends aufgeteilt:
Audio: ‹Augenblick für Augenblick freudig dankbar›:

«Dankbarkeit ist ja Freude, ist nicht Danksagung. Das ist etwas anderes. Dankbarkeit ist die Freude, die ganz spontan in uns aufsteigt, wenn uns etwas Wertvolles geschenkt wird. Das springt einfach auf in uns. Und diese Freude können wir jeden Augenblick haben, wenn wir bedenken, dass das größte Geschenk und völlig unbezahlbare Geschenk der Augenblick ist, das Jetzt. Denn wenn wir den Augenblick nicht hätten, könnten wir sonst nichts machen. Das ist sozusagen das Gefäß, in dem alles uns geschenkt wird, und die Gelegenheit, die dieser Augenblick uns bietet. Und wenn wir uns dessen bewusst werden, dann leben wir wirklich erfülltes Leben, spirituelles Leben, denn dann sind wir Augenblick für Augenblick freudig dankbar für das Geschenk des Lebens und haben allen Grund dazu. Und auch in sehr schwierigen Lebenslagen sind wir dankbar für die Gelegenheit, die diese schwierigen Lagen uns bieten: Gelegenheit zu wachsen, Gelegenheit etwas zu lernen, sogar Gelegenheit zu protestieren: alles das ist Gelegenheit, die der Augenblick uns schenkt. Und lang genug innezuhalten, um nicht von dem Fluss der Zeit fortgerissen zu werden, sondern wirklich in diesem Jetzt zu sein, in dem Jetzt Ausschau zu halten, innehalten, innewerden der Gelegenheit, die sich uns jetzt hier und jetzt bietet, und dann etwas aus dieser Gelegenheit machen, das ist dankbares Leben. Und das ist wirklich im Zentrum jeder spirituellen Praxis. Und das ist zugleich die Quelle der Lebensfreude. Und wenn man so richtig freudige Menschen sieht, sieht man immer, das sind auch wirklich dankbare Menschen. Und manche Menschen haben alles, was man brauchen würde, um wirklich freudig zu sein, und die sind nicht freudig, weil sie nicht dankbar sind. Das ist der einzige Grund: die wollen etwas Anderes oder mehr vom selben. Aber wenn wir uns freuen an dem Geschenk dieses Augenblickes …»

1.3. Dankbarkeit als Achtsamkeit im Dialog (2014); siehe auch Transkription des Vortrags:

(08:45) «Aber die ganz entscheidende Einsicht ist, dass uns in jedem Augenblick etwas geschenkt wird, was wir uns unter keinen Umständen selber erwerben, kaufen, eintauschen oder sonst irgendwie verdienen können: Und das ist das JETZT: dieser gegebene Augenblick mit allen den Gelegenheiten, die er uns bietet. Das ist das Entscheidende.»

2. Im Buch Das glauben wir ‒ Spiritualität für unsere Zeit (2015): ‹Zeit für Dankbarkeit ‒ oder: Warum jeder Augenblick ein Geschenk ist›, 160f.:

«Dankbarkeit fängt immer dann an, wenn zwei Dinge zusammenkommen: Wir müssen etwas empfangen, was uns wertvoll ist. Und es muss uns als freies Geschenk gegeben werden. Wenn diese beiden Bedingungen zusammenkommen, dann steigt die Dankbarkeit spontan im Herzen jedes Menschen auf.

Der entscheidende Schritt von dieser Erfahrung auf ein dankbares Leben hin besteht darin, dass man sich bewusst wird, dass das wertvollste von allen möglichen Geschenken der gegebene Augenblick ist.

Würde uns dieser Augenblick nicht geschenkt, dann wäre auch sonst nichts da. Das Jetzt ist das größte Geschenk. Das Jetzt ist reines Geschenk.

Mit allem Geld und Gold der Welt kann man sich keinen einzigen Augenblick erkaufen.

Das sehen wir, wenn der Tod vor der Tür steht. Darum ist es hilfreich, uns den Tod allezeit vor Augen zu halten, wie es der heilige Benedikt anrät.

Das führt zu der Dankbarkeit, aus der die Lebensfreude aufblüht.

Jetzt, in diesem Augenblick, und jetzt, im nächsten Augenblick, fällt mir das größte Geschenk in den Schoß, eben das Jetzt mit all den Gelegenheiten, die es mir gibt.»

3. Weitere Links zu Dankbarkeit und dankbar leben:

Ein Leben für die Dankbarkeit (2023)

Dankbarkeit: eine spirituelle Praxis, die reich macht (2023)

Dankbarkeit als Lebenskunst (2023)

Wach –  bewusst –  achtsam (2001); siehe auch Die drei Schritte der Dankbarkeit (2020)

Dankbarkeit ‒ persönliche Gedanken von David Steindl-Rast (2018); siehe auch Stop ‒ Look ‒ Go

Dankbarkeit ist der Spitzenkandidat (2018)

Dankbarkeit als revolutionäre Kraft (2018)

DAS ABC-Spiel der Dankbarkeit (2016)

Dankbarkeit ist kein Gefühl (2014)

Glück aus Dankbarkeit (2013)

Ein Versprechen dankbar zu leben (2008): Gebet

Üben dankbar zu leben (2008)

Geber allen guten Gaben (2007): ein Tischgebet

Ein neuer Grund für Dankbarkeit (2002): Diese fünf Schritte sind klein, aber wirkungsvoll

Für all die kleinen (und grossen) Dinge im Leben danken (2002)]

________________________

[1] Musik der Stille (2023), 50

[2] Musik der Stille (2023), 52f.

[3] Credo (2012), 56

[4] Film Fragen zu gesundem Leben, die uns alle angehen (2011): Vortrag von Bruder David bei der Einherz-Gemeinschaft für Medizin mit Liebe

[5] Alte Botschaft in eine neue Zeit (1991): Interview von Lorenz Marti mit Bruder David für Radio DRS

[6] Ebd.

[7] Wege zum Glücklichkwerden (2012): Vortrag von Bruder David in der großen Universitätsaula, Salzburg

[8] Begegnungen ‒ Dankbarkeit (2011) und Dankbarkeit ‒ Alles ist Gelegenheit (2013): Interviews von Rudolf Walter mit Bruder David für das Buch Einfach leben ‒ wie geht das?, 193 [siehe den Auszug]; sowie im Buch Einladung zur Dankbarkeit (2018): ‹Vorbereitung auf den letzten Augenblick›, 37 [siehe den Auszug]

[9] Musik der Stille (2023), 49

[10] Einfach leben ‒ dankbar leben: 365 Inspirationen (2014): Vorwort von Bruder David: ‹Dankbar leben›, 9f.

[11] An welchen Gott können wir noch glauben? (2008)

[12] Dankbarkeit: Das Herz allen Betens (2018): ‹Gelegenheit›, 172f. [bzw. Fülle und Nichts (2015): ‹Gelegenheit›, 173f.]

[13] Dankbarkeit: Das Herz allen Betens (2018): ‹Sinn›, 183 [bzw. Fülle und Nichts (2015): ‹Sinn›, 184]

[14] Die Achtsamkeit des Herzens (2021): ‹Die Dankbarkeit der fünf Sinne›, 53

[15] Ebd. 82-84

[16] Dankbarkeit: Das Herz allen Betens (2018), 47 [bzw. Fülle und Nichts (2015), 45]

[17] Spiritualität und Verantwortung (2009): Interview von Christa Spannbauer mit Bruder David

[18] Musik der Stille (2023), 52f.

[19] Die Achtsamkeit des Herzens (2021): ‹Mit dem Herzen horchen›, 16f.

[20] Ebd. ‹Eine tiefe Verbeugung›, 138

[21] Dankbarkeit: Das Herz allen Betens (2018), 150 [bzw. Fülle und Nichts (2015), 150f.]



Quellenangaben

Text und Audio von Br. David Steindl-Rast OSB

gott barbara kraemer titelCopyright © - Barbara Krähmer

Zugehören ist immer etwas Gegenseitiges. Das ist selbst dann wahr, wenn es um Dinge geht. Wir neigen leider dazu, unsere Beziehung zu den Dingen, die uns gehören als einseitiges Besitzverhältnis zu betrachten. Das färbt unsere Liebe zu Dingen. Es gibt ihr die falsche Farbe. Richtig aufgefasst ist auch die Liebe zu Dingen ein «Ja» zum gegenseitigen Zusammengehören, ganz gleich, ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht.

Du magst vielleicht denken, dass dein Auto dir lediglich so zugehört, dass du es besitzt, dass es deinen Bedürfnissen dient. Aber das Auto weiß es besser. Es wird dir nur solange dienen, wie du seinen Bedürfnissen dienst und es pflegst. Das beinhaltet Gegenseitigkeit: «Ich bringe dich dort hin, wenn du für meinen Ölverbrauch sorgst.» Wenn du dein Auto wirklich liebst, dann wirst du auf seine Bedürfnisse achten. Du wirst intuitiv erfassen, dass ihr zwei zusammengehört. Liebe nimmt dieses gegenseitige Dazugehören ernst. Liebe kümmert sich, selbst um Dinge.

Natürlich kennt dieses gegenseitige Zusammengehören verschiedene Grade von Tiefe und Nähe. Auf der Ebene der Gegenstände verlangt es uns am wenigsten ab. Die Bindung kann hier auch leicht wieder gelöst werden. Mein Schweizer Taschenmesser stellt nur wenige Anforderungen an mich, gemessen an den ausgezeichneten Diensten, das es mir leistet. Und sollte ich es verlieren, dann dürfte es jedem, der es findet, leichtfallen, sein glücklicher Besitzer zu werden.

Die Pflanzen, die ich aufgezogen habe, würden schon nicht so leicht mit jemand anders zurechtkommen. Und wenn es um deinen verlorenen Hund geht, dann erkennst du, dass wir es mit einer wesentlich tieferen Ebene gegenseitigen Zusammengehörens zu tun haben. Es dürfte schwer zu sagen sein, wer den Verlust tiefer empfindet, du oder der verlorene Hund. Meine kleine Nichte schickte ihrem Pudel eine Ansichtskarte aus den Ferien, die sie mit «Lisa, deine Besitzerin» unterschrieb. Der Pudel aber ließ nie einen Zweifel aufkommen, dass er sich als Lisas Besitzer empfindet, so wie das Schwein in Denise Levertovs herrlichem Gedicht, das die Familie als «meine Menschen» nennt.[1]

Unter Menschen kann gegenseitiges Zusammengehören offensichtlich eine Intensität erreichen, die weit über das hinausgeht, was wir mit Dingen, Pflanzen oder Tieren erleben. Und hier dürfte es auch am angemessensten sein, von Liebe zu reden.

Tatsächlich bestehen einige Leute darauf, dass das Wort «Liebe» auf unser Verhältnis zu Menschen und zu Gott beschränkt werden sollte. Aber ich habe eine Beobachtung gemacht. In meinem Bekanntenkreis haben gerade jene, die pedantisch zwischen Liebe und gernhaben unterscheiden, oft wenig Gespür dafür, dass Zusammengehören immer gegenseitig ist. Die gleichen Leute finden es schwierig, sich unsere Beziehung zu Gott als wirklich gegenseitig vorzustellen.

Ich muss zugeben, dass ich es selbst lange Zeit für irgendwie anmaßend hielt, Gott im Gebet als «mein» Gott anzusprechen. Damals war Besitz noch die einzige Bedeutung, die «mein» für mich hatte. Und Besitz bedeutete für mich Besitzrecht ohne irgendeinen Gedanken an die Pflichten, die damit untrennbar verbunden sind.

Langsam aber gelangte ich zu der Erkenntnis, dass ich selbst irgendwie zu allem gehöre, das mir gehört, dass Gehören ein Geben-und-Nehmen bedeutet.

Vielleicht kam mir diese Einsicht mit der Entdeckung, dass die Tomatenpflanzen in der Ecke meines Gartens verwelken würden, wenn ich vergessen sollte, ihnen Wasser zu geben; dass meine weiße Maus darauf bestand, gefüttert zu werden, da sie sonst an Dingen zu knabbern begann, die ich ihr nicht geben wollte; ja, dass selbst meine Rollschuhe eine gewisse Fürsorge von mir verlangten.

Und ich entdeckte noch etwas anderes: Dinge gehören mir umso mehr, als ich ihnen gehöre. Das kleine Wort «mein» bedeutet mehr, wenn es auf meine Taube bezogen ist, als wenn damit meine Schuhe gemeint sind, und noch mehr, wenn es sich auf die Gruppe von Freunden bezieht, zu denen ich gehöre.

Wenn ich Gott uneingeschränkt gehöre, dann folgt daraus, dass Gott mir auch uneingeschränkt gehört.

Auf alles andere bezogen, ist das «mein» eingeschränkt. Seitdem mir das klar geworden ist, hat «mein» für mich nur dann seinen vollen Klang, wenn ich «mein Gott» sage.

Dies sagt mir ein weiteres über das Wort «mein». Es zeigt mir, dass «mein» umso passender wird, je weniger es Ausschließlichkeit bedeutet. Ich möchte es anders ausdrücken: je mehr etwas wirklich mein ist, desto weniger ist es nur mein.

Wir erkennen das in jenen Augenblicken, in denen wir ganz besonders wach und lebendig sind, in Momenten, in denen wir Gott ahnen. Dann erleben wir totale Zugehörigkeit. Einen Augenblick lang wissen wir einfach, dass alles uns gehört, weil wir allem angehören.

Im Licht jener Erfahrung können wir aus ganzem Herzen sagen: «Alles ist mein.» Aber «mein» ist dann ganz und gar nicht ausschließlich gemeint. Es kommt aus dem Herzen, wo jedes mit allem eins ist. Das Herz sagt «Ja» zu diesem universellen Zusammengehören und weiß sofort, dass «Ja» ein Name Gottes ist.

Für mich wirft diese Einsicht neues Licht auf die Wahrheit: «Gott ist die Liebe» (1 Johannes 4,8).

Momente, in denen wir dies erleben, sind Schlüsselmomente für das Verständnis dessen, was Fülle des Lebens bedeutet. Darum müssen wir auch dann und wann auf sie zurückkommen.

Sie sind zugleich Momente überwältigender Dankbarkeit. Wir haben das schon früher erkannt, aber jetzt sind wir in einer besseren Lage zu verstehen, warum das so ist. Ganz am Anfang unserer Untersuchung von Dankbarkeit entdeckten wir schon, dass das «Ja» zur gegenseitigen Abhängigkeit zwischen Geber und Empfänger der springende Punkt ist. Schenken und Danken dreht sich um den Angelpunkt dieses «Ja». Geber und Empfänger werden im Danksagen eins. Und das «Ja» zu ihrem Zusammengehören ist nichts anderes als das «Ja» der Liebe.

Wir haben gesehen, wie schwer es in unserem täglichen Leben manchmal ist, das «Ja» der Dankbarkeit auszusprechen.

In Augenblicken jedoch, wenn unser Herz voller Lebendigkeit schlägt, erfahren wir die gegenseitige Abhängigkeit von allem mit allem als Freiheit, als Freude, als Erfüllung. Unser Herz erhascht einen flüchtigen Blick unseres wahren Zuhause.

Zuhause aber nennen wir den Ort, wo jeder von jedem abhängt. Kein Wunder, wenn ein «Ja» aus unserem Herzen hervorbricht wie ein Stoßseufzer der Erleuchtung, der Befreiung, des Heimkommens. Das sagt auch D. H. Lawrence in einem Gedicht, das er «PAX» nennt, das lateinische Wort für «Frieden».

Lesen wir das Gedicht laut, dann besitzt es eine beschwörende Kraft. Seine Wiederholungen scheinen einen Zauber auf uns auszuüben ‒ kein Zauber, der uns bannt, sondern einer, der uns befreit.

«Eins … friedlich, in Frieden und eins … daheim, daheim … daheim.»

Diese Beschwörung lässt uns entspannen. Sie erlaubt, dass wir «eine tiefe Ruhe des Herzens» finden. Es ist wie ein Nachhausekommen in das «Haus des Lebens», in das «Haus der Lebendigen», in das «Haus des Gottes des Lebens», wohin wir gehören, wo unser wirkliches Zuhause ist.

Bei all ihrer Ruhe leben diese Zeilen von einer dynamischen Kraft. Sie haben Feuer in sich.

Selbst das Gähnen der Katze ist ein «Gähnen vor dem Feuer.» Das Gähnen einer jeden Katze, die auf sich hält, ist Teil eines ganzen Rituals aus dehnen und strecken, das voller Lebenskraft steckt.

Wenn wir nicht aus Langeweile oder Müdigkeit gähnen, sondern mit «eine(r) tiefen Ruhe im Herzen», dann heißt das

«gähnend (…) vor dem Feuer des Lebens.»

«Leben» ist ein Schlüsselwort in diesem Gedicht. Sechsmal wird «Leben» und «lebendig» wiederholt.

Die Ruhe wahren Friedens ist nicht totes Schweigen, sondern die lebendige Stille einer hell brennenden Flamme:

«Alles, worauf es ankommt, ist, eins zu sein mit dem
lebendigen Gott,
ein Geschöpf zu sein im Haus des Gottes des Lebens.
Wie eine Katze, die auf einem Stuhl eingeschlafen ist,
friedlich, in Frieden
und eins mit dem Herrn des Hauses, mit der Herrin,
daheim, daheim im Haus des Lebendigen,
schlafend am Herd und gähnend am Feuer.

Schlafend am Herd der lebendigen Welt,
gähnend daheim vor dem Feuer des Lebens
und die Gegenwart des lebendigen Gottes fühlend
wie eine unerschütterliche Gewissheit,
eine tiefe Ruhe im Herzen,
Gegenwart
des Herrn, der am Tisch sitzt
in seinem eigenen größeren Sein
im Hause des Lebens.»

«Alles, worauf es ankommt», absolut alles, «ist eins zu sein mit dem lebendigen Gott.»

Und «der Gott des Lebens» ist als «Feuer des Lebens» im «Hause des Lebens» gegenwärtig.

(Am Anfang, in der Mitte und am Ende des Gedichtes stehen diese Sätze und gewinnen so besondere Bedeutung.)

Feuer ist häufig ein Bild für Liebe. Hier aber ist es nicht das tobende und verzehrende Feuer der Leidenschaft. Hier ist es das ruhige, lebensspendende Feuer im Herd, das jeden im Hause willkommen heißt und zuhause fühlen lässt.

Wie also sollen wir «eins (...) sein mit dem lebendigen Gott», wenn das unser wahres Ziel ist?

Indem wir uns vom Herdfeuer durch und durch wärmen lassen; indem wir zulassen, dass uns die Wärme ein Gefühl von zuhause vermittelt; einfach dadurch, dass wir «daheim» sind, «daheim im Haus des Lebendigen.»

In einer von der Liebe erwärmten Welt gibt es keine Kluft zwischen Himmel und Erde. Das «Haus des Lebens» ist das «Haus des Gottes des Lebens.»

«Gottes Gegenwart im Haushalt der Erde ist Gegenwart
des Herrn, der am Tisch sitzt
in seinem eigenen größeren Sein
im Hause des Lebens.»

Das Bild des pater familias[2] gibt diesen Zeilen Bedeutung und beschützt sie zugleich davor, pantheistisch missverstanden zu werden.

Die Welt ist nicht mehr eins mit Gott, als der Haushalt eins ist «mit dem Herrn des Hauses, mit der Herrin.» Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Es ist keine Frage des Einsseins, sondern des Zusammenseins, des Beieinanderseins durch jene Liebe, die nur die Vorstellung von pietas[3] uns zu vermitteln beginnt.

Und doch, mit welcher Ehrfurcht füllt uns das Bewusstsein dieser Zugehörigkeit.

Wenn wir uns den Erdhaushalt[4] als unseres himmlischen Vaters «eigenes größeres Sein» vorstellen, dann wird uns das jedes Steinchen, jeden Grashalm, jeden Käfer mit Ehrfurcht betrachten ‒ und entsprechend behandeln lassen.

Dann wird Liebe ihre Zu- und Abneigungen ebenso leicht nehmen, wie wahrer Glaube seine Überzeugungen und wirkliche Hoffnung ihre Hoffnungen.

Schließlich, welchen Unterschied machen Zu- und Abneigungen schon, wenn «alles, worauf es ankommt, ist, eins zu sein mit dem lebendigen Gott»?

Jene, die wir mögen und die, die wir nicht mögen, sind gleichermaßen «daheim im Haus des Lebendigen.» Wir gehören alle zusammen. Wir können alle zusammen in Frieden leben, sobald wir unserem tiefsten Sehnen folgen und zu unserem Herzen nach Hause kommen.

[Dankbarkeit: Das Herz allen Betens (2018), 147-150, 159-162 [bzw. Fülle und Nichts (2015), 148-151, 160-162]

[Ergänzend:

1. Film und Audios

1.1. Dem Welthaushalt freudig dienen ‒ Spiritualität 2011
Spiritualität und Ökologie:
(32:11) Bruder David schließt mit seiner deutschen Übersetzung des
Gedichtes PAX  von D. H. Lawrence und Ausklang mit Musik von Hannelore und Bruder Thomas

1.2. Transkription Wort und Schweigen ‒ Über den Sinn des Gebets (1996) des Films Wort und Schweigen ‒ Über den Sinn des Gebets (1992): [5]

(04:49) «Oder eine andere Situation: Wir sind in größter Not. Ein Kind ist schwer krank, ein lieber Mensch stirbt uns. Und wir sind außer uns vor Verzweiflung, vor Traurigkeit. Und wieder ‒ in dieser äußersten Not ‒ finden wir uns doch wieder echter, als wir es meistens sind, wenn wir an der Oberfläche dahinleben. Und auch in einem solchen Augenblick brechen wir wieder durch zu der Erfahrung, dass wir nicht verwaist sind. Dass wir uns auf irgendetwas verlassen können. Wir verlassen  u n s : Wir sind  a u ß e r  uns. Und wir verlassen uns auf etwas hin. Und das ist wieder diese geheimnisvolle Wirklichkeit, die jene Menschen, die das Wort ‹Gott› richtig verwenden, Gott nennen. Und in diesen Augenblicken rufen auch Menschen, die sonst gar nicht in irgendeiner Weise an Gott glauben, so etwas wie: ‹mein Gott›. Und dieser Ausruf auf Gott hin, ganz spontan in Augenblicken, in denen wir außer uns sind, das ist eigentlich das ursprünglichste Gebet.»

1.3. TAO der Hoffnung (1994)
Vortrag:
(14:30) Gottraumfahrten und Meilensteine im selben Gott-Raum – Zugehörigkeit ist immer gegenseitig angefangen bei Dingen über Pflanzen und Tiere bis zu: ‹Oh Gott, du bist mein Gott› (Psalm 63,2) ‒ Gott ist ‹persönlich›, aber nicht ‹Person›: ‹God isn’t sombody else› (Thomas Merton)

1.4. Transkription des Vortrags Wähle das Leben (5 Mose 30,19) (1992); siehe auch Sterben und Tod:

(21:07) «Dann könnte man noch sehen, wenn wir den Tod so ernst nehmen, dann haben auch unsere Leiden, unsere Freuden, unsere Lebensumstände, die Wahlen die wir treffen, die Entscheidungen, die wir treffen, ganz eine andere Bedeutung, denn sonst stellen wir uns das nur so vor ‒ ein bisschen karikiert ‒, aber wir denken, das Leben ist so eine Art Wartezimmer, wo man so wartet, oder wenigstens so wie zu Weihnachten, wo die Kinder draußen warten müssen bis das Glöckerl leutet und dann die Tür aufgeht und da ist der Christbaum. So stellt man sich das häufig vor: wir warten so da herum und dann, wenn die Tür aufgeht, sehen alle den gleichen Christbaum. Aber um Gottes Willen, warum müssen wir dann so schreckliche Dinge durchmachen: ich so, du was ganz anderes, ein Dritter wieder ganz etwas anderes: Warum müssen wir so verschiedene Leben erleiden, wenn wir dann alle zu dem gleichen Christbaum gehen?

Wir schaffen sozusagen das Fenster,  d u r c h  das wir die Visio Beatifica haben werden. In Zusammenarbeit mit Gott schaffen wir jetzt  d e n  bestimmten Gesichtspunkt, in dem wir Gott sehen werden. Sonst ist es ja nur eine Quälerei dieses ganze Leben. Aber wenn mein Leben so sein muss, weil ich  d a n n  erst zu dem Menschen werde, der Gott so verstehen kann auf eine ganz einzigartige Weise, dann hat es Sinn und auch Sinn, dass wir sagen:

‹O Gott, du bist  m e i n  Gott› (Psalm 63,2) ganz persönlich.»

1.5. Retreat-Woche in Assisi (1989)
Paradoxien und Meilensteine auf dem Weg vom Gottahnen zum Gottesbewusstsein bis zum Bekennen: ‹Ich glaube an Gott›:
(32:27) Gott: eine noch inhaltslose Bezugsrichtung unserer tiefsten und allumfassendsten Zugehörigkeit wie auch Gräber in einer bestimmten Richtung ‒ Zugehörigkeit ist immer gegenseitig: von Gegenständen über Pflanzen, Tiere, Menschen bis zu Gott, von dem wir allein sagen können: ‹Gott, du bist mein Gott› (Psalm 63,2)
(40:00) Gott persönlich, aber nicht mit der Beschränkung einer Person: ‹God isn't somebody else› (Thomas Merton)

1.6. Mit dem Herzen horchen (1988)
Vortrag:
(38:35) ‹Gott spricht›: Zugehörigkeit ist gegenseitig, von Dingen zu Pflanzen und Tieren bis zu ‹mein Gott›

2. Weitere Texte

2.1. Orientierung finden (2021), 54f.:

«Das Wort ‹Gott› entstand früh in der Geschichte unsrer Sprache und geht auf die indogermanische Wurzel ‹gheu› mit der Grundbedeutung ‹rufen› zurück. Unter ‹Gott› wurde also ursprünglich ‹Das Angerufene› verstanden, vielleicht auch ‹Das uns Anrufende›. Jedenfalls schwingt bei dem Wort ‹Gott› von Anfang an die Gegenseitigkeit einer Ich-Du-Beziehung mit. Gleichzeitig war das grammatische Geschlecht des Wortes ursprünglich sächlich und so wurde die Gefahr vermindert, Gott ‒ das große Geheimnis ‒ zu vermenschlichen. Noch heute gibt es Völker und Stämme, die religiöse Vorstellungen bewahrt haben, welche in prähistorischen Kulturen verbreitet waren. Anthropologische Feldforschung zeigt, dass sie häufig Personifikationen natürlicher Kräfte wie Sturm oder Blitz verehren und dennoch, diesen ‹Göttern› übergeordnet, eine höchste Kraft anerkennen, von der sie weniger bildhaft sprechen.

So zum Beispiel Chief Luther Standing Bear (1868-1,939), wenn er sagt: ‹Aus Wakan Tanka, oft als großes Geheimnis übersetzt, kam eine mächtige vereinigende Lebenskraft, die in und durch alle Dinge floss.›

Black Elk (1863-1950) sprach von unsrer Beziehung zu dieser Kraft und von dem großen inneren ‹Frieden, der in den Seelen der Menschen herrscht, wenn sie ihre Beziehung, ihre Einheit mit dem Universum und all seinen Kräften erkennen›.

Aber er ging noch einen Schritt weiter und sprach von dieser Beziehung zugleich als einer persönlichen. Er betonte den Frieden, den die Menschen erleben, ‹wenn sie erkennen, dass im Zentrum des Universums der große Geist wohnt; und ‒ da dieses Zentrum überall ist ‒ wohnt er auch in uns.› Die Einsicht, dass wir mit dieser Lebenskraft in persönlicher Beziehung stehen, entspricht der bedeutsamen Entdeckung, dass das große Geheimnis unser großes DU ist.»

2.2. Credo (2015): ‹Ich glaube an Gott›, 39:

«In den besten, lebendigsten Augenblicken unseres Lebens, in jenen Urerlebnissen, die Abraham Maslow ‹Peak Experiences› (Gipfel-Erlebnisse) nennt ‒ auf den Gipfeln wacher Lebendigkeit also erleben wir grenzenlose Zugehörigkeit. Wir können dem Wesen dieser Zugehörigkeit tiefer nachforschen. Dabei finden wir zunächst, dass Zugehörigkeit immer gegenseitig ist: Was uns gehört, dem gehören auch wir irgendwie an. Diese Gegenseitigkeit wird um so intensiver, je persönlicher die Beziehung ist. Selbst unsere Beziehung zu Dingen zeigt eine gewisse Gegenseitigkeit; sie verlangen etwas von uns: Pflege, Behutsamkeit, Geduld. Von da können wir zu Pflanzen, zu Tieren und zu Mitmenschen fortschreiten, um ein Ansteigen und eine Vertiefung von Gegenseitigkeit anschaulich zu machen. Um zu fühlen, wie gegenseitige Zugehörigkeit sich fortschreitend vertieft, brauchen wir nur aufmerksam der Reihe nach sagen: ‹mein Fahrrad›, ‹meine Hauspflanzen›, ‹mein Kind›. Schließlich weist dieser Anstieg in die Richtung, die wir Gott nennen. In dem Psalmvers

‹Gott, du bist  m e i n  Gott› (Psalm 63,2)[6]

hat das Fürwort ‹mein› mehr Gewicht und tiefere Bedeutung als in irgend einem anderen Zusammenhang. Schon bevor ich sonst noch etwas über Gott weiß, kann ich sagen, dass Gott im vollen Sinne  m e i n  ist, weil ich Gott völlig angehöre. In der menschlichen Beziehung zur göttlichen Quelle des Seins erreicht Gegenseitigkeit ihren Höhepunkt.»

2.3. Begegnung mit Gott durch die Sinne (1993); siehe auch Auf dem Weg der Stille (2023), 83f.:[7]

«Wenn Liebe echt ist, ist Zugehörigkeitsgefühl immer gegenseitig. Der Geliebte gehört zum Liebenden wie der Liebende zum Geliebten gehört. Ich gehöre zu diesem Universum und zu dem göttlichen Ja, aus dem es hervorging, und dieses Zueinander-Gehören ist ebenfalls gegenseitig. Deshalb kann ich sagen ‹mein Gott› – nicht im Sinne eines Besitzergreifens, sondern im Sinne liebevoller Verwandtschaft.

Wenn nun mein tiefstes Zugehören gegenseitig ist – könnte dann auch mein glühendstes Verlangen gegenseitig sein? Es muss so sein. So verblüffend der Gedanke anmuten mag: Was ich als meine Sehnsucht nach Gott erlebe, ist Gottes Sehnsucht nach mir. Man kann keine persönliche Beziehung mit einer unpersönlichen Kraft haben. Es ist wahr: ich darf die begrenzten Aspekte einer menschlichen Person nicht auf Gott projizieren ‒ und doch muss die göttliche Quelle alles Vollkommene der Personhaftigkeit besitzen. Woher sonst sollte ich sie erhalten haben?»[8]]

____________________

[1] Denise Levertov (1923-1997): ‹Her Judgement›, in: Denise Levertov: Collected Poems, New York, New Directions 2013: ‹Candles in Babylon›: II. ‹Pig dreams›, 626f.

[2] Dankbarkeit: Das Herz allen Betens (2018), 157f.:

«Die Römer hatten ein Wort für Liebe, das genau diese Haltung ausdrückt. Es ist das lateinische Wort ‹pietas›. Wir könnten es als ‹Familiensinn› übersetzen, eine Haltung, die dem Wissen um Zusammengehörigkeit entspringt und es entsprechend zum Ausdruck bringt. Pietas ist vor allem die Haltung des ‹pater familias›. Die Familie gehört zum Vater, von dem sie ihren Namen bezieht. ‹Pietas› gibt dem ‹pius pater› Rechte und Pflichten. Aber ‹pietas› ist eine Haltung, die von allen Mitgliedern des Haushalts geteilt wird und alle miteinander verbindet. Ehemann und Gattin lieben sich vielleicht auch mit Leidenschaft und Verlangen, das Band aber, das sie am stärksten und tiefsten zusammenhält, ist ‹pietas›. Das gleiche Band hält Brüder und Schwestern, Kinder und Eltern zusammen. Aber ‹pietas› bezieht auch Diener und Sklaven mit ein, jeden, der zum Haushalt gehört. Als Haushalt sind sie den Vorfahren der Familie und den Schutzgöttern, den ‹lares› verbunden durch die gleiche ‹pietas›, die selbst die Haustiere miteinbezieht, das Land, die Werkzeuge, den Hausrat und alles Ererbte. Unsere Sprache kennt keinen vergleichbaren Begriff.»

[3] Fortsetzung von Anm. 2:

«Könnten wir die Kraft des lateinischen Wortes ‹pietas› in unser Wort ‹Pietät› übertragen, das sich von ihm ableitet, dann würden unsere Vorstellungen von Mitgefühl und Hingabe sicherlich bereichert werden. Sie alle stehen im Zusammenhang mit der Vorstellung des Zusammengehörens. Ein Wort können wir nicht willkürlich wiederbeleben. Aber wir müssen das Gefühl des Zusammengehörens wiederentdecken, das das Wort ‹pietas› prägte.»

[4] ‹Erdhaushalt› ist eines der liebsten Begriffe von Bruder David, ein Ausdruck, den der Dichter und Umweltaktivist Gary Snyder (*1930) geprägt hat. Die folgenden Zeilen in Hausverstand sind dem Text Spiritualität und gesunder Menschenverstand (2012) entnommen; siehe auch Reich Gottes ‒ erlösende Kraft: Ergänzend: 2.1. und Erlösung ‒ Sünde und Heil: Haupttext und Anm. 8:

«So ist gesunder Menschenverstand mehr als Denken.

Er ist eine vibrierende Lebendigkeit  zur Welt, in der Welt und für die Welt. Er ist ein Wissen durch Zugehörigkeit. Und er wird zu einer Grundlage für unser Tun und Handeln.

Im Geist zu handeln, heißt so zu handeln wie Menschen, die zusammengehören. Wir gehören alle zusammen in diesem ‹Erd-Haushalt› wie Gary Snyder es so schön nennt, und ein spirituelles Leben zu leben, bedeutet so zu handeln wie bei sich zuhause, wo man zusammengehört. Das und nur das ist moralisches Tun.»

[5] Die Transkription von Werner Binder † ist abgedruckt in: David Steindl-Rast: Staunen und Dankbarkeit: Der Weg zum spirituellen Erwachen, hrsg. von Werner Binder†, Freiburg/Basel/Wien, Herder 1996, S. 138-147, unter dem Titel: ‹Beten: Dankbares Leben›: ‹Teilnahme am göttlichen Leben›

[6] Im Buch steht (Ps 63, 1) wie in den englischsprachigen Bibelausgaben

[7] Quelle: Original-Textfahne (1993) von Bruder David; derselbe Text im Buch Auf dem Weg der Stille (2023): Kapitel 5: ‹Gott durch die Sinne finden›, 83f., ist von Bernardin Schellenberger übersetzt aus der amerikanischen Originalausgabe The way of Silence (2016)

[8] Weiterführend Ein intimes Gespräch mit David Steindl-Rast in Argentinien (2023), der Film in Englisch (12:37-17:54): ‹Der persönliche und der unpersönliche Gott›

Auf der Suche nach einem heilen und heilenden Gottesverständnis im Buch Mystik ‒ Spiritualität der Zukunft (2005), 82:

«Die Erfahrung von Wort, Horchen und Antworten öffnet die Möglichkeit einer persönlichen Beziehung zu dem ‹Mehr› ‒ zu Gott als persönlich mit uns verbunden (obwohl wir nicht in den Irrtum verfallen dürfen, Gott sei ‹eine Person›). Wir dürfen uns selbst als Wort Gottes verstehen, als Wort von Gott ausgesprochen und zugleich angesprochen (Ferdinand Ebner). Durch unsere Antwort werden wir erst zu dem Wort, als das wir gemeint sind. Das Selbstverständnis Jesu als eins mit dem ‹Vater› ist der Durchbruch auf eine neue Ebene menschlichen Selbstverständnisses und darf nicht auf Jesus beschränkt werden. Christliche Mystiker wussten dies und Thomas Merton fasste es zusammen, wenn er sagte: ‹Gott ist nicht jemand anders.›»


Quellenangaben

Film, Audio und Text von Br. David Steindl-Rast OSB

jesus d christus titelCopyright © - Klaudia Menzi-Steinberger

[Film 30:53] Isha Johanna Schury: «Jetzt hast du ja bestimmt auch viel mit Sterbenden schon in deinem Leben zu tun gehabt, mit Menschen, die am Ende ihres Lebensweges sind. Ich könnte mir vorstellen oder vielleicht kannst du uns sagen, was ist es denn, was diese Menschen am Ende unzufrieden macht, warum sie dann am Ende vielleicht doch irgendetwas bereuen. Was äußern sie, was sagen sie, was benennen sie?»

David Steindl-Rast: «Also ich muss zugeben, ich habe nicht sehr viel Erfahrung mit Sterbenden, Sterbehilfe oder so, das habe ich nicht gemacht. Ich war am Tod von Menschen dabei, aber alte Menschen, die sich irgendwie vor dem Tod fürchten, denen bin ich natürlich begegnet und dieses Gefühl, dass man etwas versäumt hat oder dass man etwas schlecht gemacht hat oder so, das ist schon oft ein Problem. Wie soll man damit umgehen?

Ich kann es mir nur so vorstellen, wie man mit Schuldgefühlen überhaupt im Laufe des Lebens umgehen kann, ganz gleich, wie nahe man dem Tod ist.

Und mein Rat ist immer, einerseits die Schuld anzuerkennen: Da war ich mir nicht selber treu, da war ich einem Andern nicht treu, da hab ich etwas versäumt, was ich tun hätte können, und es zunächst einmal eingestehen, dann mit festem Entschluss gleich aus diesem Gefühl, es ist ja ein ungutes Gefühl, eine Energie, diese Energie gleich verwenden, um zu sagen, nächstes Mal mache ich es besser, und von dem Augenblick an keinerlei Energie mehr in dieses Erlebnis einfließen zu lassen, denn das ist alles verschwendete Energie, über meine Fehler nachzudenken, sondern von da an nur vorwärts und alle Energie ‒ : Jetzt besser machen.

Das ist das Entscheidende. Und ganz gleich, wie nahe man dem letzten Augenblick steht, ich kenne keine andere Methode, damit umzugehen.

Wenn dann jemand sagen wird, ja, die Ärzte sagen mir, ich habe nur noch ein paar Tage oder ein paar Stunden zu leben, dann würde ich sagen, in den paar Stunden alles, Menschen und Tiere und Pflanzen dir vorzustellen und Ja zu sagen und dankbar zu sein dafür und das Leben zu rühmen und zu preisen und nicht auf meine kleinen Fehler überhaupt einzugehen.

Das Leben ist viel großzügiger als wir es sind.

Sogar in der christlichen Bibel, im Neuen Testament, das ja sonst sehr verrufen ist, diese Schuldgefühle immer wieder aufzubringen und den Menschen aufzuladen, sogar dort steht ganz ausdrücklich:

‹Wenn dein Herz dich anklagt, Gott ist größer als dein Herz.›

Die Vergebung Gottes ist immer größer. Darauf kann man sich sogar als Christ verlassen.»[1]

«Du großes Geheimnis, Quellgrund meines Lebens, Meer dem alles zuströmt!

Je wacher ich werde, umso klarer erkenne ich meine persönliche Schuld.
Nicht im Sinne kindischer Schuldgefühle und Angst vor Strafe, sondern so:
Das Leben verschenkt sich an mich, ich aber knausere.
Ich bleibe dem Leben etwas schuldig:
mein Ja zur Welt, wie sie ist ‒ herrlich und schrecklich zugleich.

Aus Furcht versage ich meine volle Hingabe.
Heute aber will ich beginnen, meine Schuld zurückzuzahlen ‒
an einer Stelle wenigstens will ich mich großzügig verschenken.

Zeig du mir die rechte Stelle. Ich werde tatbereit Ausschau halten. Amen.»[2]

«Du großes Geheimnis, Quellgrund meines Lebens, Meer, dem alles zuströmt!

Jeden Morgen erwache ich zum Geschenk eines neuen Tages,
aber auch zu allem Elend der Welt.
Unheil, das wir Menschen anrichten, ist entsetzlich genug.
Aber Erdbeben, Epidemien, Tsunamikatastrophen, wo kommen die her?
Ich will keine rosa Brille, will Dich nicht nach meinen Wunschträumen erfinden.
Ich möchte Dich kennenlernen, wie Du bist.
Lebensfülle und Vernichtung ‒ beides stammt von Dir, Du Unergründlicher. Mich schaudert.
Ich kann verzweifeln oder vertrauen. Ich wähle vertrauen.
Alles Böse ist das Noch-nicht-Gute.
Mit diesem Vertrauen will ich heute Schreckensnachrichten hören.
Amen.»[3]

[Ergänzend:

1. Audios

1.1. Audios in Tanz ‒ der Sinn des Ganzen: Ergänzend: 2.1. und 2.6.

1.2. Fragen, denen wir uns stellen müssen (2016)
Tag 1 ‒ Vormittag:
Drei Grundfragen Warum? Was? Wie? (Bruder David):
(32:10) Unsere Aufgabe: ‹Rühmen, das ists› (Rilke: Sonette an Orpheus ‒ ‹Ich geh doch immer auf dich zu› (Rilke: ‹Du wirst nur durch die Tat erfasst›) ‒ Kann man denn alles rühmen? ‹Schau auf das Ganze, rühme das Ganze› (Augustinus) ‒ ‹Zwischen den Schlägen besteht unser Herz› (Rilke: Die Neunte Elegie) ‒ Die Dunkelheit, der Schatten des Geheimnisses und unser eigener Schatten gehören zum Ganzen dazu ‒ ‹Du Dunkelheit aus der ich stamme› (Rilke: Das Stunden-Buch)
(37:37) Das Böse, das noch nicht Vollendete ‒ Und so gehen wir aus dem Schweigen in das Wort und durch das Verstehen wieder ins Schweigen zurück auf einer andern Ebene ‒ In der liebenden Dunkelheit sind wir versöhnt mit dem Schweigen
(58:30) Gibt es falsche Antworten? Mit Situationen umgehen, in denen wir versagten oder die Gelegenheit versäumten: Sich erinnern, den Fehler eingestehen, aber keine Energie verschwenden mit Schuldgefühlen

1.3. Das glauben wir ‒ Spiritualität für unsere Zeit (2015)
Vortrag in Themen des Abends aufgeteilt:
‹Das Böse mit den Augen einer Mutter anschauen›

1.4. Wie das Göttliche in uns wächst (2005)
Vortrag und wortgetreue Mitschrift in den folgenden 8 Audios:
‹Was hindert gesundes spirituelles Wachstum›; siehe auch
Mitschrift:
(03:36) ‹Die Sünde ‒ ein sehr gefährliches Wort, aber ich verwende es in dem Sinne: Es bedeutet ‹die Absonderung›. ‹Sünde› und ‹sondern› gehören sprachlich zusammen: Die Sünde sondert uns ab von unserem eigenen wahren Selbst, von den Anderen, von dem MEHR. Sie wird nun juristisch verstanden. Denn wenn da so ein Machthaber oben sitzt, dann muss das juristisch interpretiert werden. So wird die Sünde zur Schuld und muss bestraft werden. Wir dürfen diese Sünde aber auch entwicklungsgeschichtlich verstehen, in unserer eigenen persönlichen Entwicklung als das noch nicht Geglückte. Und dann ‒ statt Strafe: lernen, nachlernen ‒ etwas ganz Anderes!›

1.5. «Wähle das Leben» (5 Mose 30,19) (1992)
Vortrag; siehe auch Sterben und Tod:
(03:59) Sich in Gottes Hände fallen lassen / (05:21) ‹Die Blätter fallen› (Rilke) / (07:14) ‹Gott ist grösser als unser Herz› (1 Joh 3,20)

2. Weitere Texte

2.1. Erwachende Worte (2023): ‹Rühmen›, 31; siehe auch Rühmen, Er-innern, Aufheben:

«‹Rühmen, das ist’s!›[4] Ja, alles, was ist, rühmt das Sein durch sein Dasein.
Einfach da zu sein ist Rühmung.
Dasein ist ein Ja-Sagen zum Sein.
Und dieses Ja fasst alles Rühmen in einem einzigen Wort zusammen.

Jedes Sein ist ein Ja ‒ ein ‹aus dem Nein aller Verneinung gehobenes› Ja:
Dasein ist Ja-Sein. Und dieses Ja-zum-Leben-Sagen heißt Rühmen.

Auch ich bin ‹ein zum Rühmen Bestellter›.[5]
Warum ist mein Ja zum Leben oft so zaghaft, so trüb, sogar oft widerwillig?
Aus Furcht, Ja zu sagen zum Ganzen.

‹Schau auf das Ganze, rühme das Ganze!›[6]

Das will ich mir zu Herzen nehmen ‒ vertrauensvoll trotz allem. Amen.»

2.2. Das Vaterunser (2022): ‹Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern›, 76; siehe auch Erlösung ‒ Sünde und Heil:

«Meine Scham lässt mich fühlen, dass mein Versagen die zarte Vernetzung zerreißt, durch die alles mit allem verbunden ist ‒ verbunden auch mit dir. Das Wort ‹Sünde› kommt ursprünglich von ‹absondern›. Sünde meint einen Riss im Gewebe des Ganzen. Sie trennt, was zusammengehört, und das ist buchstäblich herzzerreißend. Denn das Herz ist ‒ wie Rilke das so wunderbar ausdrückt ‒

‹das ins Ganze Geborne.›[7]

Wenn wir aus unserm Herzen leben, dann gehören wir dem Ganzen, dann werden wir ganz, dann werden wir auch das, was uns am Ganzen so schwierig erscheint, in uns aufnehmen, dann werden wir mit dem Ganzen auskommen. Das Herz ist jener Bereich, wo wir am tiefsten und innigsten mit allem und allen und mit dem Göttlichen verbunden sind. Darum findet sich das Herz nicht ab mit der Trennung und es mahnt uns, die Trennung zu überwinden.

Aber auch dort, wo unser Herz uns anklagt, dürfen wir dir vertrauen, denn du bist ‹größer› als unser Herz und kennst uns durch und durch› (1 Joh 3,20). Auf dein grenzenloses Verzeihen lass mich vertrauen und es freigebig weiterschenken.»

2.3. Weihnachtsbotschaft 2022:

«Mutter und Kind sind das Urbild von Gemeinschaft und bleiben ihr Leitbild. Die Mutter sieht das Böse im Kind als das Noch-nicht-Gute. Wir können lernen, mit den Augen einer Mutter das Böse in der Welt – ohne es zu beschönigen – als das Noch-nicht-Gute zu sehen. Dann heißt es alles aufzubieten, um einfallsreich damit umzugehen. Was kann ich persönlich ganz konkret tun, um irgendwo eine gesellschaftliche Kluft zu überbrücken – ganz gleich was es mich kostet? Dazu bereit zu sein, ist unser unerlässlicher Beitrag, um das Versprechen der Weihnachtsengel Wirklichkeit werden zu lassen: ‹Friede den Menschen auf Erden!›»

2.4. Orientierung finden (2021), 59f.:

«Projizierte Gottesvorstellungen sind leider allzu häufig. Es gibt zwei Grundtypen: einen überdimensionierten kosmischen Weihnachtsmann und einen Superpolizisten mit den gleichen kolossalen Ausmaßen. Diese beiden können sogar miteinander verschmelzen. Die sich entwickelnde Beziehung eines Kindes zum großen Du kann durch diese beiden Projektionen irregeführt und verzerrt werden. Wenn das große Du die Maske des Superpolizisten trägt, wird das Kind möglicherweise sein Leben lang mit Schuldgefühlen und Angst zu kämpfen haben. Und wenn das Bild eines wunscherfüllenden Weihnachtsmanns den Platz des großen Du in der kindlichen Vorstellung einnimmt, wird eine bittere Erfahrung früher oder später den Schrei auslösen: ‹Wie kann ein liebender Gott solche Dinge tun›? In beiden Fällen wird eine echte Gottesbeziehung verlorengehen.

Dass ein Kind ein gesundes Verhältnis zum großen Du entwickelt, wird wohl weitgehend davon abhängen, wie sein Verhältnis zum maßgeblichen kleinen Du sich gestaltet. Für Eltern bedeutet das die schwierige Aufgabe, weder in die Rolle des Weihnachtsmannes zu verfallen noch in die des Superpolizisten. Vor allem aber wird es darum gehen, dem Kind die persönliche Beziehung zu Gott vorzuleben und so eine spontane Beziehung zu Gott ernst zu nehmen und zu fördern. Kinder aus ihrer Gotteserfahrung heraus auf eigene Weise zu Gott sprechen zu lassen, ist weit besser, als ihnen mit vorgegebenen Gottesbildern den freien Blick zu verstellen.»]

________________

[1] Filminterview Was am Ende wirklich zählt (2022); siehe auch Transkription, 10f.

[2] Du großes Geheimnis: Gebete zum Aufwachen (2019), ‹Schuld›, 23; siehe auch Erlösende Kraft

[3] Du großes Geheimnis: Gebete zum Aufwachen (2019), ‹Das Böse›, 12; siehe auch Sinne und Sinn

[4] R. M. Rilke: Sonette an Orpheus 1. Teil, VII

[5] Ebenda

[6] Für Bruder David eines der liebsten Worte des Kirchenvaters Aurelius Augustinus, die er immer wieder zitiert.

[7] R. M. Rilke: Sonette an Orpheus 2. Teil, II:

«Ach, der Erde, wer kennt die Verluste?
Nur, wer mit dennoch preisendem Laut
sänge das Herz, das ins Ganze geborne.»



Quellenangaben

Text und Audios von Br. David Steindl-Rast OSB

jesus d christus titelCopyright © - Klaudia Menzi-Steinberger

«Was ich wollte, liegt zerschlagen,
Herr, ich lasse ja das Klagen,
Und das Herz ist still.
Nun aber gib auch Kraft, zu tragen,
Was ich nicht will!»

Joseph von Eichendorff: «Der Umkehrende»[1]

Im Vertrauen auf dieses große Du verlassen wir uns. Wir verlassen uns auf das große Du hin, dem wir gegenüberstehen, wenn wir im Augenblick stehen. In der Vergangenheit nicht, wenn wir uns mit der Vergangenheit identifizieren. Nicht, wenn wir uns mit der Zukunft identifizieren. Nur wenn wir im Augenblick stehen, dann sind wir mit diesem großen Du konfrontiert, das uns trägt.

Und darum sagt Eichendorff in einer weiteren Strophe aus dem Gedicht «Der Pilger»:[2]

«So lass herein nun brechen
Die Brandung, wie sie will,
Du darfst ein Wort nur sprechen,
So wird der Abgrund still;
Und bricht die letzte Brücke
Zu Dir, der treulich steht,
Hebt über Not und Glücke
Mich einsam das Gebet.»

Das ist das Gebet des Vertrauens. Es braucht gar kein gesprochenes Gebet zu sein. Es ist einfach das Vertrauen, das zum Gebet wird:

«So lass herein nun brechen
die Brandung, wie sie will,
du darfst ein Wort nur sprechen,
so wird der Abgrund still.»

Du ‒ das große Du ‒ steht in dem «Nunc stans»[3], in dem «Jetzt» treulich und verlässlich. Wann immer wir uns auf den Augenblick einlassen, steht dieses Du treulich und verlässlich uns gegenüber. Aber nicht nur «uns gegenüber».

Es steht mit uns, es trägt uns, es hebt über Not und Glücke. In diesem Gebet des Vertrauens. So scheint mir der Dichter die Frage zu beantworten: «Wie können wir überstehen?»

Und dann kommen wir gegen Abend, in der Lebensreife, im Herbst jeden Jahres immer wieder zu der Frage:

«Woran reifen wir?»

Es gibt nichts Traurigeres als ein unausgereiftes menschliches Leben. Und darum nichts Traurigeres als den Tod eines jungen Menschen. Ich muss an den Tod dieser unzähligen jungen Menschen denken, die jetzt im Krieg sterben. Da kann ich mich nur darüber hinwegtrösten, indem ich an ein Buch von Thornton Wilder denke, das vielleicht viele von Ihnen kennen, «The Bridge of San Luis Rey».

Es erzählt von einem Franziskaner, einem Missionar, der im 18. Jahrhundert in Peru zu einer Seilbrücke kommt, die schon Hunderte von Jahren gehalten hat. Doch gerade in dem Augenblick, wo er auf die Brücke gehen will, bricht sie zusammen und reißt fünf Menschen in den Abgrund. Und er stellt sich jetzt die Frage: «Warum gerade diese fünf?» Der Missionar geht dem Lebenslauf dieser fünf Menschen nach und kommt am Ende des Buches zu dem Schluss:

«Man stirbt nicht am Tod, man stirbt an der ausgereiften Liebe» (Otto Mauer).

Und die Liebe kann schon sehr früh ausreifen. Die Kirschen reifen schon im Juni, die Trauben erst im Oktober. Wir wissen es nicht. Von außen kann man es nicht sehen. Wenn junge Menschen sterben, dürfen wir hoffen, dass ihre Liebe ausgereift war. Ja, wir können dessen eigentlich sicher sein.

Aber für uns, die ein reiferes Alter erleben dürfen, stellt sich im Herbst die Abend-Frage: «Wie reifen wir?»

Rilke schreibt im Stundenbuch:

«Jetzt reifen schon die roten Berberitzen,
alternde Astern atmen schwach im Beet.
Wer jetzt nicht reich ist, da der Sommer geht,
wird immer warten, wird sich nie besitzen.

Wer jetzt nicht seine Augen schließen kann,
gewiss, dass eine Fülle von Gesichten
in ihm nur wartet bis die Nacht begann,
um sich in seinem Dunkel aufzurichten ‒
der ist vergangen wie ein alter Mann.

Dem kommt nichts mehr, dem stößt kein Tag mehr zu,
und alles lügt ihn an, was ihm geschieht;
auch du, mein Gott. Und wie ein Stein bist du,
welcher ihn täglich in die Tiefe zieht.»

Wie kann das sein?

«… und alles lügt ihn an, was ihm geschieht;
auch du, mein Gott.»

Lügt Gott uns an? Ein falsches Gottesbild, das lügt uns an.

Aber der Stein, welcher uns täglich in die Tiefe zieht, das ist der Gott unserer Sehnsucht, das ist der Gott, der in uns reift.

Und unser eigentliches Reifen ist das Reifen Gottes in uns.

«Auch wenn wir nicht wollen:
Gott reift»,

schreibt Rainer Maria Rilke.

Doch was macht uns reifen?

Ein anderes Gedicht von Rilke legt nahe, dass es die Begegnung mit der Wirklichkeit ist, die uns reifen lässt.

Auch die Begegnung mit allem Widersprüchlichen, einfach mit allem, was es gibt, macht uns reif, wenn wir uns ihm aussetzen.

Und so schreibt Rilke:

«Wer seines Lebens viele Widersinne
versöhnt und dankbar in ein Sinnbild fasst,
der drängt die Lärmenden aus dem Palast,
wird anders festlich, und du bist der Gast,
den er an sanften Abenden empfängt.»

Wenn wir unseres Lebens viele Widersinne versöhnen und dankbar in ein Sinnbild fassen: Was kann dieses Sinnbild sein?

Clemens Brentano nennt in einem wunderschönen Gedicht das Feldkreuz als dieses Sinnbild. Er hat dieses Gedicht an das Ende seines Buches gestellt und damit eigentlich an das Ende von allem, was er geschrieben hat.[4]

Im Kreuz steht die Gegenwart, das Jetzt, senkrecht auf dem Fluss der Zeit: der gegebene Augenblick. Brentano findet ans Feldkreuz angeschrieben diese Worte. Und er findet den Gekreuzigten, der ihm zum Sinnbild wird.

«Oh Stern und Blume
Geist und Kleid
Lieb, Leid und
Zeit und Ewigkeit!»

In allem, was es gibt, drückt sich das Grenzenlose, Unbegrenzte und Unendliche aus. Es drückt sich in allen Formen aus. Der Stern etwa zeigt sich in der Blume. Kinder zeichnen das gerne, den Stern. Oder die Sonne oben und drunter die Sonnenblume, oder den Stern und die Sternblume.

«Oh Stern» ‒ das Unendliche ‒ und die Blume ‒ das ganz Kleine.

«Geist und Kleid»: Alles, was wir sehen, ist Kleid des Geistes. Alles, was es gibt, ist Gabe dieses unbegrenzten Es, das uns alles gibt.

Auch «Lieb und Leid». Im Leid drückt sich die Liebe völlig aus. Das Unbegrenzte ist die Liebe, das Leid ist die begrenzte Form, in der wir hier in diesem Leben die Liebe am tiefsten erfahren. Dieses Sinnbild ist am Feldkreuz angeschrieben.

Und schließlich: «Zeit und Ewigkeit.»

Am Feldkreuz wird es umgedreht: «Ewigkeit und Zeit». Die Ewigkeit drückt sich in der Zeit aus, in dem Augenblick. So wie der Stern in der Blume, wie der Geist in seinen vielen Kleidern, wie die Liebe sich im Leid ausdrückt. Zeit und Ewigkeit.

Das ist das Sinnbild, scheint mir, in dem wir die vielen Widersinne unseres Lebens versöhnen und dankbar zusammenfassen ‒ das Kreuz.

«Was kann uns da trösten?»

in der Dunkelheit der Nacht, im Winter. Was tröstet uns? Meine Antwort, das können Sie wahrscheinlich schon voraussehen, wenn Sie meine Bücher kennen, ist:

«Was uns tröstet, das ist die Dankbarkeit.»

Dankbarkeit ist immer die große Antwort, der große Trost.

Eichendorff betitelte eines seiner Gedichte «Dank».

Es ist ein Lebensabendgedicht. Er schreibt:

«Mein Gott, dir sag ich Dank,
Dass du die Jugend mir bis über alle Wipfel
In Morgenrot getaucht und Klang ...
Und auf des Lebens Gipfel,
bevor der Tag geendet,
Vom Herzen unbewacht
Den falschen Glanz gewendet,
Dass ich nicht taumle ruhmgeblendet,
Da nun herein die Nacht
Dunkelt in ernster Pracht.»

Schon die Musik dieses Gedichtes ist unglaublich schön.

«Da nun herein die Nacht dunkelt in ernster Pracht.»

Dunkel und ernst kommt die Nacht, sie «dunkelt in ernster Pracht».

Ich verstehe das Wort Dunkelheit in bewusstem Kontrast zu «Finsternis».

Die Finsternis droht, die Dunkelheit aber versöhnt.

Die Finsternis ist etwas Bedrohliches, nicht aber die Dunkelheit.

«Du Dunkelheit, aus der ich stamme,
ich liebe dich mehr als die Flamme,
welche die Welt begrenzt,
indem sie glänzt
für irgend einen Kreis,
aus dem heraus kein Wesen von ihr weiß.

Aber die Dunkelheit hält alles an sich:
Gestalten und Flammen, Tiere und mich,
wie sie's errafft,
Menschen und Mächte ‒
Und es kann sein: eine große Kraft
rührt sich in meiner Nachbarschaft.

Ich glaube an Nächte.»

Wenn wir uns auf diese große Nacht verlassen, die alles an sich hält, wenn wir vertrauend uns auf diese Nacht einlassen, dann finden wir darin Trost. Sehr tiefen Trost.

Aber zur Nacht gehört beides: Dunkelheit und Stille.

Und auch zur Dankbarkeit gehört beides: im Jetzt sein ... alles umfassend ... und still sein.

Niemanden ausgrenzen und ganz still werden.

Auch das letzte Gedicht von Rilke, das ich wiedergeben möchte, ist aus dem Stundenbuch:

«Wenn es nur einmal so ganz stille wäre.
Wenn das Zufällige und Ungefähre
verstummte und das nachbarliche Lachen,
wenn das Geräusch, das meine Sinne machen,
mich nicht so sehr verhinderte am Wachen ‒ :

Dann könnte ich in einem tausendfachen Gedanken
bis an deinen Rand dich denken
und dich besitzen (nur ein Lächeln lang),
um dich an alles Leben zu verschenken
wie einen Dank.»
[5]

Das ist der Segen, die Gnade. Das ist die Gnade, die durch unser Leben fließt, die in uns ständig einfließt, in jedem Augenblick: jetzt ... jetzt ... jetzt. Und die erst ganz völlig zu sich kommt, wenn wir sie verschenken «wie einen Dank».

Nach einer Reise ins Heilige Land erinnert man sich nachher ganz besonders an den See Genezareth, der voller Fische ist, umgeben von wunderbaren Bäumen und Gärten. Alles blüht, alles ist lebendig. Der Fluss Jordan kommt vom Libanon herunter und er füllt diesen See und alles, was darum ist, mit Leben an. Das ist der Fluss der Gnade sozusagen. Der Jordan fließt dann weiter in das Tote Meer. Nun ist rundherum alles Wüste, es gibt keine Fische mehr, alles ist tot. Und man fragt sich: Es ist doch dasselbe Wasser. Was macht den Unterschied?

Der Unterschied ist, dass der See Genezareth das lebende Wasser aufnimmt und weitergibt. Im Toten Meer aber bleibt es. Wenn wir die Gnade aufnehmen und weiterschenken, wenn wir «sie besitzen nur ein Lächeln lang», um sie dann «an alles Leben zu verschenken wie einen Dank», dann leben wir wirklich. Wenn wir das, was uns geschenkt ist, halten, dann verdirbt es und versauert es.

Mit all dieser Betonung auf das Jetzt ‒ es gibt keine Zufälle ‒ habe ich gestern Abend hier eine Uhr als Geschenk bekommen. Der große Künstler, der diese Uhr entworfen hat, gestaltete drei Modelle.

Beim ersten Modell ist das Ziffernblatt weiß, da steht nichts drauf als «jetzt». Also ich glaube, diese Uhr macht nicht Tick-Tack, sondern die macht

«Jetzt ‒ Jetzt ‒ Jetzt ‒ Jetzt.»

So eine Uhr brauchen wir.[6]

Das zweite Modell sagt es auf Englisch: «now». Und dieses Modell hier sagt: «Lukas 17,21». Das ist die Stelle, in der Jesus sagt:

«Das Reich Gottes ist jetzt schon unter euch.»

Das Jetzt ist es, welches die großen Fragen beantwortet, die uns bewegen. Und wenn wir uns auf dieses Jetzt einlassen, dann ist das Reich Gottes jetzt unter uns.

[Und ich mag mich nicht bewahren (2012): Vom Älterwerden und Reifen, 22-38; der Text ist die von Klaus Gasperi überarbeitete Fassung des Vortrages von Bruder David in der Propstei St. Gerold im September 2005 im Audio Fragen, die uns bewegen (2005) (20:48-42:38)]

[Ergänzend:

1. Obiger Text und Vortrag ist die Fortsetzung des Textes / Vortrags in Fragen des Lebens

2. «Der Mensch stirbt nicht am Tod, sondern an ausgereifter Liebe.» (Otto Mauer):

Filminterview Was am Ende wirklich zählt (2022); siehe auch Transkription, 8; Sterben und Tod: Ergänzung: 1:

«Wenn ich Liebe sage, meine ich das gelebte Ja zur Zugehörigkeit und wenn man genau hinschaut, sieht man, dass sich das eigentlich ‒ so wie eine Definition ‒ auf alle Formen der Liebe anwenden lässt.

Es ist das gelebte Ja zur Zugehörigkeit. Wenn wir das üben ‒ das ist natürlich das Entscheidende am ganzen Leben ‒ die Liebe ist das Entscheidende.

Ein großer Denker ‒ Otto Mauer ‒, ein Wiener Priester, Mitte des 20. Jh., hat das wunderschön ausgedrückt:

‹Der Mensch stirbt nicht am Tod, sondern an ausgereifter Liebe›.

Also das ist die Aufgabe des ganzen Lebens: die Liebe ausreifen zu lassen.»

Fragen, denen wir uns stellen müssen (2016):
Tag 4 ‒ Nachmittag:
‹Memento mori› ‒ ‹Memento vivere›:
(16:02) ‹Der Mensch stirbt nicht am Tod, sondern an ausgereifter Liebe› wie Otto Mauer Thornton Wilders Roman ‹Die Brücke von San Luis Rey› zusammenfasst
(45:48) Gespräch: Was, wenn die Liebe nicht ausgereift ist? Reinkarnation und Fegefeuer

3. Das Reifen Gottes in uns:

Arbeit und Schweigen ‒ Handeln und Kontemplation (1989), 294f., 300f.; siehe auch Kontemplation im Handeln: Ergänzend: 5.:

«Gott vollendet sich nicht ohne unser Zutun. Gott vollendet sich aber auch trotz unseres Versagens. … Und Gott ist immer noch größer. Wir bauen an Gott, wir bauen am Bild Gottes, und dieses Bauen ist Kontemplation.»

Rilke vergleicht das Bauen und die Arbeit, wenn sie wirklich verwurzelt sind im Schauen und Schweigen, mit einem unterirdischen Fluss, der in die Tiefen greift.

Nur aus den Tiefen des Schweigens schwemmt eine Arbeit, die Gebet ist, Gold zutage. Darum betet der Dichter:

Daraus, daß Einer dich einmal gewollt hat,
weiß ich, daß wir dich wollen dürfen.
Wenn wir auch alle Tiefen verwürfen:
wenn ein Gebirge Gold hat
und keiner mehr es ergraben mag,
trägt es einmal der Fluß zutag,
der in die Stille der Steine greift,
der vollen.

Auch wenn wir nicht wollen:
G o t t  r e i f t.›

(Rilke, Das Stunden-Buch)»

4. Die Begegnung mit der Wirklichkeit:

Musik der Stille (2023), 27; siehe auch: Jetzt im Stundengebet: Ergänzend: 2. ‹Die Tagzeiten›; Altern: Ergänzend: 3.: ‹Wirklich werden›:

«Warum haben wir Angst, im Jetzt zu leben? Wir fürchten uns, wirklich zu werden, genau wie die Spielsachen im Kinderbuch ‹Der Plüschhase›[7]. Sie wollen alle wirklich werden ‒ das ist der größte Traum der Spielsachen. Zugleich fürchten sie sich davor, und deshalb fragen sie ein erfahreneres Spielzeug:

‹Tut Wirklichwerden weh?›

Das ist dieselbe Angst, die wir haben. Tut die Begegnung mit der Wirklichkeit weh? Das alte Spielzeug gibt weise zur Antwort:

‹Wenn du wirklich bist, macht es dir nichts aus, dass es weh tut.›»

5. Die Begegnung mit allem Widersprüchlichen:

Kreuz ‒ Sinnbild und Sinnorgan Herz

6. Gnade ‒ Segen ‒ Blessing ‒ Blutstrom:

Credo ‒ ein Glaube, der alle verbindet (2010)
David Steindl-Rast in der
Evangelischen Ludwigskirche, Freiburg (DE)
Fragerunde in folgende Themen zusammengefasst:
(05:29) Gnade im Bild des Flusses Jordan / (07:18) Gnade – Segen – Blutstrom / (08:24) Empfangen – weiterschenken – die Stille / (09:13) ‹Wenn es nur einmal so ganz stille wäre› (Rilke)

7. Das Reich Gottes ist jetzt unter uns:

Löwe, Lamm und Kind (1992)
Vortrag:
(40:25) ‹Hier ist das Friedensreich schon da›: Bruder David schließt mit einem Erlebnis aus der chassidischen Tradition:

«Das Bild des Messias strahlte in einer anderen solchen Gnadenstunde auf, als sich Vertreter vieler Religionen 1972 auf Mount Saviour[8] trafen. … Ich weiß nicht mehr, ob es Reb Shlomo Carlebach war oder Reb Zalman Schachter, der bei unserem letzten gemeinsamen Abendessen eine chassidische Geschichte erzählte, die uns zu Herzen ging, weil sie von dem sprach, was unter uns Wirklichkeit geworden war: ‹Der gelehrte Rabbiner und seine Schüler waren beisammen und so glühend war die Liebe unter ihnen, dass der Meister einen von ihnen zum Fenster schickte: ‹Schnell, schau hinaus, ob der Messias nicht gekommen ist!› Enttäuscht kam die Antwort: ‹Alles da draußen wie eh und je.› ‹Aber Rabbi›, fragte ein anderer Schüler, ‹müssten wir hinausschauen, wenn der Messias gekommen wäre? Würden wir es nicht hier herinnen gleich wissen?› ‹Ja! Aber hier›, sagte der Meister strahlend, ‹hier ist der Messias ja gekommen!›»[9]]

_________________________

[1] Joseph von Eichendorff: ‹Der Umkehrende›, 3.

[2] Bruder David bezieht sich auf die erste Strophe des Gedichtes ‹Der Pilger› in Fragen des Lebens

[3] Der Ausdruck nunc stans findet sich erstmals bei Thomas von Aquin (1225-1274). Er hat eine lange Vorgeschichte, beginnend mit Platon (428-348 v. Chr.) und weiterführenden Beiträgen von Plotin (205-270), Augustinus (354-430), Boethius (ca. 480-524) und späteren Denkern zum Thema ‹Zeit und Ewigkeit›; siehe auch Jetzt und ewiges Leben: Anm. 8

[4] Mit diesem Gedicht enden die ‹Blätter aus dem Tagebuch der Ahnfrau›, die Fortsetzung des Märchens ‹Gockel, Hinkel und Gackeleia›. In den heutigen Ausgaben trägt das Gedicht die Überschrift ‹Eingang›; das Gedicht in Kreuz ‒ Sinnbild und Einsichten aus Rilkes Dichtung, Teil II (2014), 121-123

[5] R. M. Rilke: ‹Wenn es doch nur einmal so ganz stille wäre› (Das Stunden-Buch) ‒ Siehe auch Stille leben und Stop ‒ Look ‒ Go

[6] «Angesprochen auf das Ende aller Dinge, auch auf sein eigenes, benutzt Steindl-Rast gerne das bekannte Bild einer tickenden Uhr. Diese mache allerdings für ihn nicht Tick-Tack, sondern ‹Jetzt-Jetzt-Jetzt-Jetzt.›» [Der Zen-Christ: David Steindl-Rast im Portrait (2012)]; siehe auch Jetzt in diesem Augenblick: Ergänzend: 2.1.

[7] Siehe auch in Das Vaterunser (2022), 106, und Erlösende Kraft, Anm. 4:

«In dem klassischen Kinderbuch von Margery Williams ‹The Velveteen Rabbit›, erschienen 1922, das es als ‹Der Samthase› auch auf Deutsch gibt, reden bei Nacht die Puppen und Teddybären über ihren sehnlichsten Wunsch: wirklich zu werden. ‹Tut Wirklichwerden weh?›, fragen sie das alte, erfahrene Schaukelpferd. Das aber weiß: Einem, der wirklich wird, macht es nichts aus, dass das wehtut.»

[8] Bruder David trat 1953 in das kurz zuvor neu gegründete Benediktinerkloster Mount Saviour in Elmira, NY, ein.

[9] Ich bin durch Dich so ich (2016), 98; siehe auch Reich Gottes: Ergänzend: 1.2. und Reich Gottes ‒ ‹auferstanden›: Ergänzend: 2.



Quellenangaben

Text und Audios von Br. David Steindl-Rast OSB

jesus d christus titelCopyright © - Barbara Krähmer

Es gibt viele Fragen. Doch nicht alle Fragen bewegen uns. Viele Fragen beunruhigen uns vielmehr. Und die Fragen, die uns beunruhigen, die lassen uns zum Stillstand kommen. Wir sind fast eingefroren von Fragen, die uns beunruhigen. Und die Furcht macht uns erstarren.

Die Fragen, die uns beunruhigen, haben meist mit der Vergangenheit zu tun oder mit der Zukunft. Das sind Fragen wie «Wie konnte so etwas nur geschehen?», «Wie konnte ich nur das tun?» «Wie konnte man mir das nur antun?»

Oder Fragen über die Zukunft, «Was kommt da noch alles auf uns zu?» ‒ Angstfragen sind es, die machen uns starr.

Aber dann gibt es auch Fragen, die uns bewegen. Fragen, die uns in Bewegung setzen. Und das sind Fragen in der Gegenwart. Fragen, die wir nur in der Gegenwart stellen können. Nur in diesem Augenblick. Nur in dem Jetzt, auf das alles ankommt.

Denn dieses Jetzt ist der Schnittpunkt der Zeit mit der Ewigkeit.[1] Die Ewigkeit ist ja keine lange, lange Zeit, die Ewigkeit ist, wie Augustinus das definiert, das «Nunc stans»[2] ‒ Das Jetzt, das nicht vergeht.

Dieses Jetzt ist uns in jedem Augenblick geschenkt. Und in diesem Jetzt ist uns die Begegnung mit unserem großen und ewigen Du geschenkt. Wir aber sind meistens beschäftigt mit der Vergangenheit und mit der Zukunft. Wir sind abgelenkt durch die Zeit vom Jetzt. Das Jetzt aber ragt über die Zeit heraus, denn das Jetzt ist nicht eigentlich in der Zeit.[3]

Und diese großen Fragen, die uns da beschäftigen, die uns wirklich bewegen und die uns heute beschäftigen sollen, die stehen auf diesem Schnittpunkt von Zeit und Ewigkeit, die stehen im Jetzt. Das sind Fragen, die wir im Jetzt stellen und nur im Jetzt stellen können.

Und dieses Jetzt geht mit uns durch den Tag, durch das Leben. So wie auf einer Wanderschaft der Mond mit uns zu gehen scheint. Oder wenn der Mond auf einen See scheint: Immer zielt die Bahn des Lichtes auf uns, wohin wir auch gehen. Dieses Jetzt geht mit uns durchs Leben, durch den Tag.

Die vier Fragen:

Und so möchte ich nun vier von diesen Fragen herausgreifen: Fragen, die uns im Jetzt bewegen. Zunächst eine Frage, die mit unserer Jugend zu tun hat, damit, wie wir durchs Leben gehen, mit dem Morgen.

Und das ist eine Frage, die sich jeden Morgen neu stellt. Oder sich jedes Jahr mit dem Frühling erneuert. Diese Frage am Morgen heißt: «Wonach sehnen wir uns?» Wonach sehnen wir uns eigentlich?

Die Frage, die sich uns dann in der Lebensmitte stellt, am Mittag, im Sommer unseres Lebens, das ist die Frage: «Wie können wir überstehen?» ‒ Wenn alles auf uns hereinbricht, wenn alles unter uns zusammenbricht: Wie können wir überstehen?

Und dann eine dritte Frage, die Frage der Lebensreife, des Herbstes, des Abends: «Woran reifen wir?» ‒ Nicht in der Zukunft, nicht in der Vergangenheit, sondern jetzt, im gegenwärtigen Augenblick: Was macht uns jetzt reifen?

Und schließlich für die Lebensneige, für den Winter, für die Nacht die Frage: «Was tröstet uns?»

Wonach sehnen wir uns?

Um uns solche Fragen ganz persönlich nahezubringen, dafür gibt es kaum einen besseren Weg als die Dichtung. So möchte ich hauptsächlich Gedichte mit Ihnen teilen, und zwar von zwei Lieblingsdichtern von mir: von Rainer Maria Rilke und von Joseph von Eichendorff. Ich hoffe, dass wir diese Liebe zu diesen beiden Dichtern ‒ Eichendorff aus dem 19. Jahrhundert, Rilke aus dem 20. Jahrhundert ‒ auch wirklich teilen.

Und so möchte ich zunächst zu der Frage «Wonach sehnen wir uns?» mit Eichendorff beginnen, aus dem Gedicht «Der Pilger»:

«Man setzt uns auf die Schwelle,
Wir wissen nicht, woher?
Da glüht der Morgen helle,
Hinaus verlangt uns sehr.
Der Erde Klang und Bilder,
tiefblaue Frühlingslust,
Verlockend wild und, wilder,
Bewegen da die Brust.
Bald wird es rings so schwüle,
Die Welt eratmet kaum,
Berg’, Schloss und Wälder kühle
Stehn lautlos wie im Traum,
Und ein geheimes Grausen
Beschleichet unsern Sinn:
Wir sehnen uns nach Hause
Und wissen nicht wohin?»

Das ist der Lebensanfang.

«Man setzt uns auf die Schwelle, wir wissen nicht, woher?»

Das ist zugleich die Schwelle in das Leben und von woher. Und wir wissen nicht, von woher wir in dieses Leben kommen. Es ist nicht nur die Schwelle, über die hinaus wir jetzt ins Leben gehen. Es ist auch die Schwelle, über die wir in das Leben hereinkommen. Und wir wissen nicht, woher.

Da ist das große Verlangen: die Sehnsucht. Es verlockt uns etwas, hinaus verlangt uns sehr. Aber dann kommt ein geheimes Grausen!

Kennen wir dieses geheime Grausen, wenn wir uns fragen:

«Wonach sehnen wir uns denn eigentlich?»

Im Gedicht reimt es sich hier nicht ganz genau. Und das ist immer sehr bezeichnend, wenn ein Dichter ungenaue Reime verwendet. Nicht, weil er es nicht besser kann, sondern weil er eben diese Ungenauigkeit will: Ein «geheimes Grausen» reimt sich auf «Wir sehnen uns nach Hause».

Das Haus, nach dem wir uns sehnen, das nimmt das Grausen weg:

«Und. ein geheimes Grausen
Beschleichet unsern Sinn :
Wir sehnen uns nach Hause
Und wissen nicht wohin?»

Auch Rainer Maria Rilke spricht in einem Gedicht aus dem Stundenbuch von dem, was vor der Schwelle geschieht, auf die man uns setzt. Und er stellt sich das so vor:

«Gott spricht zu jedem nur, eh er ihn macht,
dann geht er schweigend mit ihm aus der Nacht.
Aber die Worte, eh jeder beginnt,
diese wolkigen Worte, sind:

Von deinen Sinnen hinausgesandt,
geh bis an deiner Sehnsucht Rand;
gieb mir Gewand.

Hinter den Dingen wachse als Brand,
dass ihre Schatten, ausgespannt,
immer mich ganz bedecken.

Laß dir Alles geschehn: Schönheit und Schrecken.
Man muss nur gehn: Kein Gefühl ist das fernste.
Laß dich von mir nicht trennen.
Nah ist das Land,
das sie das Leben nennen.

Du wirst es erkennen
an seinem Ernste.

Gieb mir die Hand.»

«Von deinen Sinnen hinausgesandt,
geh bis an deiner Sehnsucht Rand!»

Das, wovon Eichendorff als «verlockend, wild und wilder» spricht, das ist die Schönheit, die uns anzieht.

«Lass dir alles geschehn: Schönheit und Schrecken»,

heißt es bei Rilke.

Und der Schrecken ist dieses geheime Grausen, das auch zum Leben gehört.

«Man muss nur gehn: Kein Gefühl ist das fernste.
Lass dich von mir nicht trennen.»

Lass dich von mir nicht trennen ‒ das heißt, in der Zeit, in die du jetzt hinausgehst, sei immer bei mir, gib mir die Hand ‒ jetzt!

Jetzt, an diesem Schnittpunkt von Zeit und Ewigkeit.

Jetzt noch ein Gedicht von Eichendorff zu dieser Frage:

«Wonach sehne ich mich?»

Und das ist ein Jugendgedicht von ihm, ein frühes. Es heißt «Frische Fahrt»:

«Laue Luft kommt blau geflossen,
Frühling, Frühling soll es sein!
Waldwärts Hörnerklang geschossen,
Mut’ger Augen lichter Schein;
Und das Wirren bunt und bunter
Wird ein magisch wilder Fluss,
In die schöne Welt hinunter
Lockt dich dieses Stromes Gruß.

Und ich mag mich nicht bewahren!
Weit von euch treibt mich der Wind,
Auf dem Strome will ich fahren,
Von dem Glanze selig blind!
Tausend Stimmen lockend schlagen,
Hoch Aurora flammend weht,
Fahre zu! Ich mag nicht fragen,
Wo die Fahrt zu Ende geht!»

So gehen wir dann in die Welt hinein, in das Wirren, in den wilden Fluss, in den Strom. Wir lassen uns treiben vom Wind

«... selig blind ...»

Und wir wollen nicht fragen, wo die Fahrt hinführt. Wir wollen nicht fragen. Das ist unsere Verwirrung, das ist der Übergang von der Jugend zur Lebensmitte.

Doch lange bevor die Fahrt zu Ende geht, kommen wir an eine Stelle, an der wir uns fragen müssen:

«Wie kann ich das überstehen?»

Weil wir uns eben «selig blind» auf den Lauf der Zeit eingelassen haben, «selig blind» der Zeit verfallen sind und das Jetzt vergessen, können wir mit dem Wandel nicht umgehen.

Und so schreibt Eichendorff:[4]

«Es wandelt, was wir schauen,
Tag sinkt ins Abendrot,
Die Lust hat eignes Grauen,
Und alles hat den Tod.

Ins Leben schleicht das Leiden
Sich heimlich wie ein Dieb,
Wir alle müssen scheiden
Von allem, was uns lieb.

Was gäb’ es doch auf Erden,
Wer hielt den Jammer aus,
Wer möcht’ geboren werden,
Hielt'st Du nicht droben Haus!

Du bist's, der, was wir bauen,
Mild über uns zerbricht,
Daß wir den Himmel schauen ‒
Darum so klag’ ich nicht.»

Alles, was wir schauen, wandelt sich, ständig. Vielleicht erinnern Sie sich, wie uns das auf der Lebensmitte bewusst wird. Vielleicht gerade mitten im Getriebe. Irgendwann in einem Augenblick, wenn wir uns wirklich einmal aus der Zeit herausraffen, wird es uns bewusst:

«Es wandelt, was wir schauen,
Tag sinkt ins Abendrot,
Die Lust hat eignes Grauen,
Und alles hat den Tod.»

Dieses eigene Grauen ist das Grausen, von dem Eichendorff schon vorher gesprochen hat im Gedicht «der Pilger»:

«Und ein geheimes Grausen
beschleichet unsern Sinn.»

Dieses Grausen, das wir fühlen. Und jetzt geht das Gedicht weiter:

«Ins Leben schleicht das Leiden
Sich heimlich wie ein Dieb,
Wir alle müssen scheiden
Von allem, was uns lieb.

Was gäb’ es doch auf Erden,
Wer hielt den Jammer aus,
Wer möcht’ geboren werden,
Hielt'st Du nicht droben Haus!»

Und das ist nun das Haus, in dem wir zuhause sind. Jetzt plötzlich beginnt die Frage zu dämmern: «Wie können wir überstehen?»

Die letzte Strophe lautet:

«Du bist's, der, was wir bauen,
Mild über uns zerbricht,
Daß wir den Himmel schauen ‒
Darum so klag’ ich nicht.»

Wie können wir überstehen?

Hier und jetzt im Vertrauen. Nicht im Bedauern über die Vergangenheit, nicht in der Furcht vor der Zukunft, sondern durch Vertrauen im Jetzt. Das scheint mir die Antwort zu sein, die der Dichter hier auf diese Frage gibt.

Wenn unsere jüdischen Schwestern und Brüder das Laubhüttenfest feiern, einmal im Jahr, dann bauen sie sich kleine Laubhütten, um sich an den Weg durch die Wüste zu erinnern. Die Laubhütten erinnern an die Zeit, als das Volk Israel in der Wüste lebte. Das ist ein sehr freudiges Fest und es dauert eine ganze Woche. Die gesamte Familie sitzt zusammen in diesen Laubhütten, morgens und abends, und singt und isst und trinkt und feiert. Die Baubestimmungen für diese Laubhütte sagen:

«Baue die Wände so dünn, dass du die Nachbarn sehen kannst. Und baue das Dach so dünn, dass du die Sterne sehen kannst.»

Wenn wir so fest bauen, wie wir das gewohnt sind zu tun, dann muss Gott milde über uns zerbrechen, dass wir den Himmel schauen.

[Und ich mag mich nicht bewahren (2012): Vom Älterwerden und Reifen, 5-21; der Text ist die von Klaus Gasperi überarbeitete Fassung des Vortrages von Bruder David in der Propstei St. Gerold im September 2005 im Audio Fragen, die uns bewegen (2005) (00:22-20:48)]

[Ergänzend:

1. Siehe die Fortsetzung des Textes / Vortrags mit der Frage: «Woran reifen wir?» in Reifen

2. ‹Gott spricht zu jedem nur, eh er ihn macht› (Rilke: Das Stunden-Buch):

Fragen, denen wir uns stellen müssen (2016)
Tag 2 ‒ Nachmittag:
‹Im Selbst sein und im Jetzt sein ist identisch›:
(02:32) ‹Gott spricht zu jedem nur, eh er ihn macht› (Rilke, Das Stunden-Buch)

Beten ‒ mit dem Herzen horchen (1988)
1. Vortrag in thematische Brennpunkte aufgeteilt:
‹Gott spricht zu jedem nur, eh er ihn macht› (Rilke)

Musik der Stille (2023): Laudes ‒ TAGESANBRUCH: 48f.; siehe auch Einsichten aus Rilkes Dichtung, Teil I (2014), 31-35:

«Die klösterliche Stunde der Laudes führt uns aus der Finsternis hinaus ins Licht. Mit den Laudes bekommen wir bei Sonnenaufgang den neuen Tag geschenkt. Die Vigil begleitete uns durch die feierliche Finsternis und die dunkle Ewigkeit der Nacht; jetzt feiern wir das Licht.

In Rilkes Stunden-Buch findet sich ein wunderschönes Gedicht, das speziell für die Laudes geschrieben sein könnte. Es ist fast ein kleiner Schöpfungsmythos. Hier hört der Dichter, wie Gott im Schoß der Dunkelheit zu jedem von uns spricht, noch bevor wir geboren werden, bevor er uns vollendet. Dann begleitet Gott uns hinaus aus der Nacht:

‹Von deinen Sinnen hinausgesandt›, weist er uns an,
‹geh bis an deiner Sehnsucht Rand;
gieb mir Gewand›.

Gott findet seine Äußerung in dieser Welt durch die Art und Weise, wie wir mit der geheimnisvollen Stille und Finsternis umgehen, aus der wir kommen. Jeder ist dazu bestimmt, das göttliche Geheimnis in seiner ganz persönlichen Eigenart auszudrücken.

Und während er uns ins Licht führt, spricht Gott zu uns:

‹Laß dir Alles geschehn: Schönheit und Schrecken
… Kein Gefühl ist das fernste.
Laß dich von mir nicht trennen.›

Und zum Abschied sagt er uns:

‹Nah ist das Land,
das sie das Leben nennen.

Du wirst es erkennen
an seinem Ernste.

Gieb mir die Hand.›

Dieses neue Land, in das wir gesandt werden, ist Gottes Geschenk: Sein erhabenes Geschenk, das Geschenk des Lebens, das Geschenk des Seins.»

3. ‹Es wandelt, was wir schauen› (Joseph von Eichendorff):

So leben wir und nehmen immer Abschied (2009)
Vortrag:
(18:46) ‹Es wandelt, was wir schauen› (Joseph von Eichendorff) und ein Brauch im jüdischen Laubhüttenfest

Das Leid des Lebens zu Herzen nehmen (1992)
Eröffnungsreferat:
(30:39) Es wandelt, was wir schauen (Joseph von Eichendorff)

Retreat-Woche in Assisi (1989)
‹Stärke unseren Glauben› (Lk 17,5):
(49:08) Hoffnung vor dem Scherbenhaufen zerstörter Hoffnungen — ‹Du bist’s, der, was wir bauen, mild über uns zerbricht› (Joseph von Eichendorff: ‹Es wandelt, was wir schauen›): Die Hütten am Laubhüttenfest sind durchsichtig zu den Nachbarn und den Sternen

Erwachende Worte (2023): ‹Leiden›, 25:

«Leiden macht mir Angst, Du Quell der Seligkeit. Wo kommt es her? Doch nicht von Dir?

‹Ins Leben schleicht das Leiden
Sich heimlich wie ein Dieb,
Wir alle müssen scheiden
Von allem, was uns lieb.›

Soll ich dann  n i c h t  lieben, um nicht leiden zu müssen am Scheiden?

Nein, ich will lernen, so zu lieben, dass meine Liebe furchtlos das Scheiden vorausnimmt, mit-liebt und so das Leiden ‹aufhebt› ‒ schultert, aber erlöst, hinaufgehoben zu Dir.

‹Du bist’s, der, was wir bauen,
Mild über uns zerbricht,
Daß wir den Himmel schauen ‒
Darum so klag’ ich nicht.›

Alles Schwere am Leid aus Liebe zu anderen mitzutragen, ist wohl jener Himmel. Ihn zeig mir. Amen.»]

_____________________

[1] Jetzt und ewiges Leben: Ergänzend 3.3.

[2] Der Ausdruck nunc stans findet sich erstmals bei Thomas von Aquin (1225-1274). Er hat eine lange Vorgeschichte, beginnend mit Platon (428-348 v. Chr.) und weiterführenden Beiträgen von Plotin (205-270), Augustinus (354-430), Boethius (ca. 480-524) und späteren Denkern zum Thema ‹Zeit und Ewigkeit›; siehe auch Jetzt und ewiges Leben: Anm. 8

[3] Siehe Jetzt im Doppelbereich: Ergänzend: 2.3. und 3.1.

[4] Joseph von Eichendorff: ‹Der Umkehrende›, 4.



Quellenangaben

Text, Film und Audios von Br. David Steindl-Rast OSB

jesus d christus titelCopyright © - Klaudia Menzi Steinberger

Rilke sagt in dichterischer Sprache etwas aus, dessen wir uns alle irgendwie bewusst sind, wenn er zu Gott spricht:

«Du sagtest  l e b e n  laut und  s t e r b e n  leise
und wiederholtest immer wieder:  S e i n!»
[1]

In Augenblicken glühendster Lebendigkeit wird uns bewusst, dass wir inmitten allen Wandels etwas in uns kennen, das Bestand hat: Wir haben Anteil am Sein. In solchen Augenblicken wird uns klar, dass unser eigenes Sein am Einen Schönen, Guten und Wahren Anteil hat und daher unzerstörbar ist, so wie diese höchsten Werte es sind.

Wir wissen darum auch, dass dieses Heilsein unser ganzes Wesen umfasst, nicht nur unseren Geist, sondern auch unsere ganze leibliche Wirklichkeit, trotz ihrer Vergänglichkeit.

Aus dieser Perspektive können wir also doch etwas über «Auferstehung der Toten» wissen, obwohl der Inhalt dieses Glaubenssatzes auf den ersten Blick entschieden jenseits des Horizontes unserer jetzigen Erfahrung zu liegen scheint.[2]

Die innere Erfahrung unzerstörbaren Seins ist grundsätzlich jedem Menschen zugänglich. Wie aber könnten wir daran Anteil haben, ohne selbst unzerstörbar zu sein?

Unser innerstes Sein ist unverwelklich, obzwar wir uns nicht vorstellen können, was das für uns bedeuten wird, wenn unsere zeitgebundene Form sich auflöst. Das Bild vom Aufstehen (wie vom Schlaf) das hinter «Auferstehung der Toten» steht, soll uns nicht irreführen; es gehört der Zeit an. Wenn es um überzeitliche Aussagen geht, dann lässt uns unsere Vorstellungskraft im Stich. Aber unsere Zugehörigkeit zum unvernichtbaren Sein wiegt schwer, auch wenn wir uns nicht vorstellen können, wie sie sich am Ende auswirken wird.[3]

Das Credo verpflichtet uns zu keiner bestimmten Vorstellung vom Leben nach dem Tode. Wenn ich sterben muss, weil für mich die Zeit um ist ‒ wie die Weisheit der Sprache es so treffend ausdrückt ‒, was soll dann «n a c h  dem Tod» überhaupt bedeuten?

Das «Ewige Leben» kommt nicht nach dem Tod, sondern ist ein Leben, dem der Tod nichts anhaben kann.

Diese Sicht leugnet natürlich nicht, was im landläufigen Sinn mit «Leben nach dem Tod» gemeint ist, berichtigt es aber am entscheidenden Punkt und darf es umso nachdrücklicher behaupten, weil es das «nach» leugnet.

Selbst wenn wir uns das noch nicht voll bewusst gemacht haben, so sehnen wir uns ja vor allem nach einem Leben, das über den Tod hinausgeht ‒ nicht der Zeit nach, sondern essentiell, seinem Wesen nach.

Auf dieses Leben brauchen wir nicht bis zu unserer Todesstunde zu warten. Heute schon können wir über die Zeit ‒ und so über den Tod ‒ hinausgehen, in dem Ausmaß, in dem wir im Jetzt leben.[4]

Unsere Sterblichkeit widerspricht dem nicht. Sie zeigt nur an, dass Sterben zum Leben dazugehört. Wir wissen ja aus Erfahrung, dass wir nur dann wirklich leben, wenn wir jeden Augenblick sterben.

«Und so lang du das nicht hast,
Dieses: Stirb und Werde!
Bist du nur ein trüber Gast
Auf der dunklen Erde.»
[5]

Goethe wusste: Wir müssen den jetzigen Augenblick loslassen und so für das Alte sterben, um für das Neue, das uns entgegenkommt, empfänglich zu sein. Unsere vielen kleinen Tode bereiten uns für den letzten, großen vor.

In gläubigem Vertrauen auf die innerste Dynamik der Lebendigkeit ‒ im Glauben an den Heiligen Geist also ‒ dürfen wir sicher sein, dass auch im letzten Augenblick unseres Lebens, so wie in jedem vorhergehenden, das Loslassen des Alten Voraussetzung sein wird für den Empfang des Neuen ‒ dann des unvorstellbar Neuen.[6]

Verlangt das nicht Mut von uns? Großen Mut? Sollten wir nicht erwarten, dass «Ewiges Leben» höchsten Lebensmut von uns verlangt? Und nicht später einmal, sondern jetzt.

Wie anders sieht das doch aus, als die landläufige Vorstellung vom «Ewigen Leben» als Fortleben nach dem Tod.

Der indische Mystiker Kabir (1440-1518) sagt dazu:[7]

«Wenn du deine Fesseln nicht als Lebender sprengst,
meinst du,
Geister werden es später tun?
Seliges Entzücken der Seele,
nur weil der Leib verwest,
ist reine Phantasterei.
Was du jetzt findest, wirst du dann finden.
Wenn du jetzt nichts findest,
wirst du eben eine Wohnung
in der Stadt der Toten erben.
Wenn du dich jetzt auf göttliches Liebesspiel einlässt,
werden dann deine Züge befriedigte Lust spiegeln.»

Im Jetzt leben bedeutet nicht weniger, als sich auf ein Liebesspiel einzulassen mit der göttlichen Wirklichkeit, die uns mit jedem Atemzug neu begegnet.

Scheint es nicht so, als ob dieses letzte Wort im Credo uns «Das Ewige Leben» als größtes Versprechen vor Augen halte und zugleich als höchste Herausforderung für unser Leben hier und jetzt?[8]

[Audio Teil 4 (03:05-06:16)] Bruder David im Gespräch mit Pater Anselm Grün: «Unser Selbst ist nicht in Raum und Zeit, wir erleben es im Jetzt, das über Raum und Zeit erhaben ist. Unser Ich dagegen ist in Raum und Zeit. Und wir leben in diesem Doppelbereich. Das ist die Ehre und zugleich die Schwierigkeit ‒ die Aufgabe unseres Lebens in diesem Doppelbereich zu leben.

Ich und Selbst durchlaufen dabei, obwohl vereint, zwei unterschiedliche Prozesse:

Meine Lebensspanne von meiner Empfängnis bis zu meinem Tod gehört einem großen zyklischen Ereignis an, in dem Leben und Sterben ‒ ich unterscheide Tod und Sterben ‒ zusammengehören in unserer Lebendigkeit: Wir müssen viele Male sterben in dem vollen Sinne: loslassen und ganz was Neues kommt ‒ das gehört zum Leben dazu, das ist so eine Wellenbewegung oder eine Kreisbewegung, wie wir das ausdrücken wollen.

Zum Selbst gehört das Ausreifen. Also Ich-Selbst, dieser eine Ausdruck des Selbst, der ich bin, der gehört einerseits diesem Leben und Sterben an, das ist der Anteil in Raum und Zeit, aber in dem überzeitlichen Anteil geht es um Ausreifen.

Unter diesem Begriff verstehe ich, was der Dichter Rilke sagt:

‹Wir sind die Bienen des Unsichtbaren und unablässig ‒ éperdument ‒heimsen wir den Nektar des Sichtbaren in die große goldene Honigwabe des Unsichtbaren ein.›

Das Selbst wird durch alles, was wir an Freude und Leid erleben, irgendwie bereichert. Und in diesem Doppelbereich stehen wir auf den beiden Beinen einerseits in Zeit und Raum und anderseits im Jetzt ‒ über die Zeit erhaben im Selbst ‒, und ich sehe auch meine Aufgabe gerade jetzt in meinem hohen Alter darin, mehr und mehr das Selbst zu meinem Standbein zu machen, damit das Ich mehr das Spielbein wird. Und wenn dann das Ich stirbt, also nicht mehr da ist ‒ genau so wenig, wie es vorher da war, bevor ich da war und mich niemand vermisst hat ‒, dann bleibt noch das Selbst. Ich kann mir das freilich nicht bildlich vorstellen. Auch ein Embryo kann sich ja nicht vorstellen, wie man außerhalb des Mutterschoßes leben könnte. Ebenso kann sich eine Raupe nicht vorstellen, wie es sein könnte, als Schmetterling zu fliegen.

(06:34) «… Ich glaube als Christ an die Auferstehung des Fleisches. Darum bemühe ich mich zu verstehen, was das heißen kann, dieses Anreichern und ‹Einheimsen in die große goldene Honigwabe›. Ich kenne viele Menschen, die sagen: Ich lebe ein volles Leben und wenn es vorbei ist, ist es vorbei. Die leben auch nicht schlecht …»

(08:38) Weil wir eben in unserem ganzen Wesen auf ein Du bezogen sind, das über Zeit und Raum erhaben ist, kann sich das nicht ändern, wenn unsere Zeit zu Ende ist. Diese Beziehung bleibt. Sie hat ewigen Bestand. Beweisen lässt es sich wohl kaum, dass uns das physisch Erlebte auch über den Tod hinaus bewusst bleibt. Aber ich habe ein Argument dafür: Nachdem das unvergängliche Göttliche jetzt schon in unserem Erleben jeder Kastanienblüte, jeder-Wimper eines geliebten Menschen, jedes leisesten Seufzers gegenwärtig ist, wie sollte das Erlebte durch den Tod plötzlich verschwinden?

Ich freue mich also auf die Wiederbegegnung mit meiner Mutter, meiner Großmutter und mit Freunden, die schon gestorben sind. Aber ich möchte auch Menschen sehen, die ich nie persönlich kennenlernen konnte. Joseph von Eichendorff zum Beispiel möchte ich sehr gerne kennenlernen. Skifahren möchte ich mit Eichendorff, denn der ist in seinem Leben nie Ski gefahren. Ihm würde das sicher sehr gefallen. Ich kann mir das gut ausmalen ‒ und habe ich nicht ein Recht, mir das auszumalen?

‹Das, was war›, sagt T. S. Eliot, ‹und das, was hätte sein können, weisen auf das gleiche Ziel, und das ist immer jetzt.›»[9]

[Audio Tag 4 ‒ Nachmittag (30:49)] «‹Alles ist immer jetzt› (T. S. Eliot).[10]

Und wenn wir im Jetzt leben, ist es und ist und ist: Es hat Anteil an der Zeit ‒ wir erleben es in der Zeit ‒, aber alles, was ist, ist zugleich in diesem Doppelbereich, zugleich in der Zeit und über die Zeit hinaus, weil ‹Alles ist immer  j e t z t›, alles! Und das ist nicht nur der Mensch, der immer ist

Also ‹im Ewigen› ist zugleich in Zeit und Ewigkeit. Es ist die menschliche Einsicht oder Erfahrung, die hinter der christlichen Formulierung von der ‹Auferstehung des Fleisches› steht.

Das ist ja ein ganz früher Glaubenssatz im Credo, im apostolischen Glaubensbekenntnis:

‹Ich glaube an den Heiligen Geist,
die heilige Katholische Kirche,
Gemeinschaft der Heiligen,
Vergebung der Sünden,
Auferstehung der Toten (im Urtext: ‹Auferstehung des Fleisches›)
und das ewige Leben.
Amen.›

‹Ich glaube an den Hl. Geist›‹Geist› ist ‹Leben›:

‹Ich glaube an den Hl. Geist› heißt ‹Ich glaube, dass das Leben göttlich ist›, ich glaube, dass das Wesen des Lebens diesem großen Geheimnis angehört. Das ist sehr christlich ausgedrückt, das muss ja jeder Mensch sagen können: Das Leben ist göttlich, ist total geheimnisvoll. Und wir leben es ja, sind drin:

‹In ihm leben wir, weben wir und sind› (Apg 17,28).

Und dann folgt im Credo die Kirche, die Gemeinschaft, denn der Geist drückt sich ja in Beziehung aus, ‹Vergebung der Sünden›: keine Trennung mehr ‒ Sünde ist Absonderung ‒, alles vereint, und ‹Auferstehung des Fleisches› und ‹das ewige Leben›.

Und ‹Fleisch› ist alles, was vergänglich ist.

Und Auferstehung heißt ja nicht ‹zurück-kommen›, das ist so ein populäres Missverständnis: Jesus ist gestorben und dann ist er wieder auferstanden, wieder zurückgekommen. Nein, die Auferstehung geht in einer Richtung weiter.

Die älteste und beste Fassung von Auferstehung ist: ‹Sein Leben ist verborgen in Gott› (Kol 3,3), in dem großen Geheimnis. Aber es ist sein Leben.

Das ist ganz etwas anderes wie: er ist gestorben und damit ist es aus.

Nein, er ist gestorben und auferstanden in dem Sinn, dass sein Leben jetzt verborgen ist ‒ das große Geheimnis ist uns ja verborgen ‒ in Gott.

Und so ist auch die ‹Auferstehung des Fleisches› die Auferstehung von allem, was vergänglich ist: der Mandi und der Anton oder alle unsere Schweine ‒ die gehören ja dazu, die sind ja auch sterblich ‒, alles, was vergänglich ist: unsere Katzen, unsere Hunde, darum sagen die Kinder: ‹Ich möchte gar nicht in den Himmel, wenn mein Kanarienvogel nicht dort ist›. Selbstverständlich! Er muss ja dort sein. Das ist alles vergänglich, aber es lebt alles im Jetzt. Und das heißt: Es lebt zugleich in der Ewigkeit.

Ein wunderschönes Gedicht von Johann Gottfried Herder:[11]

‹Ein Traum, ein Traum ist unser Leben
Auf Erden hier.
Wie Schatten auf den Wogen schweben
Und schwinden wir

Und messen unsre trägen Tritte
Nach Raum und Zeit;
Und sind (und wissen’s nicht) in Mitte
Der Ewigkeit.›

Das Jetzt, dieser Augenblick ist unvergänglich, ist ja ewig.

Und da braucht nichts wiederholt zu werden, zurückkommen: Es ist einfach.

Und irgendwie scheint es, hofft man und glaubt man, dass dann im Tod, im Sterben, wenn die Zeit um ist, diese große goldene Honigwabe uns zugänglich wird, wo alles drin ist.»[12]

[Quellenangaben zum obigen Text in Anm. 2-4, 6, 8f., 12

[Ergänzend:

1. Jetzt und ewiges Leben:

1.1. Audio Aufwachsen in Widersprüchen (1989)
Dialog mit David Steindl-Rast
Teil 3:
(31:33) Tod und Jenseits: die traditionelle Lehre und die Sprache von Bruder David /
(35:33) Das Jenseits beginnt hier ‒ Ein Wort von Kabir / (38:06) Gegenwart Gottes im Herzen, das ‹Jetzt, das nicht vergeht› (‹Nunc stans›)[13] und die Schau Gottes / (40:25) Der Schmerz, wenn wir mit Geisteskranken an Grenzen stoßen / (42:47) Das beherzte Schlusswort einer Teilnehmerin

1.2. Jetzt im Doppelbereich:

Johannes Kaup: «Vom Leiden hoffen wir, dass es ebenfalls verwandelt wird. Deswegen frage ich noch einmal anders: Wird auch die Vergänglichkeit verwandelt?»

Bruder David: «Sie wird schon jetzt verwandelt. Jetzt oder nie.

Der mystische Dichter Kabir fragt: ‹Wenn du als Lebender nicht deine Ketten sprengst, sollen Geister es tun, wenn du tot bist?›

Er meint, ewige Seligkeit, nur weil die Würmer dich fressen, sei ein Wunschtraum. Was du jetzt findest, wirst du dann gefunden haben, was du jetzt versäumst, wirst du dann versäumt haben. Schon jetzt musst du den großen Gast empfangen und umarmen.»

2. Auferstehung des Fleisches:

2.1. Audio Credo (2023): Teil 2: Urkraft Hl Geist:
(15:05) ‹Die Auferstehung der Toten›, im Urtext heißt es ‹die Auferstehung des Fleisches›

2.2. Vertrauen in das Leben (2014); siehe auch Kreuz und Auferstehung: Ergänzend: 2.2.
Vortrag:
(38:21) ‹Stirb und Werde›: Auferstehung meint etwas anderes – ‹Wir sind die Bienen des Unsichtbaren› (Rilke)
– ‹Euer Leben ist verborgen in Gott› (Kol 3,3)

2.3. Credo (2015): ‹Auferstehung der Toten›, 217f. und 210:

«Wenn ich an persönliche Erlebnisse zurückdenke, bei denen mir die Wirklichkeit bewusst wurde, die im Credo ‹Auferstehung des Fleisches› heißt, dann spüre ich, wie schade es ist, dass diese wörtliche Übersetzung in ‹Auferstehung der Toten› umgewandelt wurde.

‹Fleisch› ist  a l l e s  Vergängliche, und wir dürfen gläubig vertrauen, dass es im Unvergänglichen liebend aufgehoben ist.

Die Einengung auf die Toten ist zugleich Verlust und Verzerrung. Verlust, weil so vieles ausgeblendet wird; Verzerrung, weil der Blick vom ganzen vergänglichen Kosmos abgelenkt, sich auf das menschliche Privatinteresse am Los der Toten beschränkt. Es geht hier um weit mehr. Ja, es geht gar nicht um Tod, sondern um Leben ‒ ewiges Leben. Es geht hier nicht um ein Ereignis ‹nach dem Tod›, sondern um etwas, das hier und jetzt stattfinden kann und soll.

Die ‹Auferstehung des Fleisches› ist nicht Umkehrung des Totseins, sondern Überhöhung des Lebendigseins.

So ruft auch in meiner Erinnerung ‹Auferstehung des Fleisches› Augenblicke wach, in denen meine Lebendigkeit so intensiv wurde, dass sie plötzlich Zeit und Vergänglichkeit überragte und im ewigen Jetzt ‒ wenn auch nur flüchtig ‒ an Unvergänglichkeit streifte.»

«Durch unseren Körper sind wir ja untrennbar mit allen anderen Lebewesen und darüber hinaus mit dem ganzen Universum verwoben. Jedes Atom in uns war einmal in einer Super-Nova.

Die Übersetzung ‹Auferstehung der Toten› engt die Aussage dieses Glaubenssatzes zu sehr ein. In meiner Jugend hieß es noch ‹Auferstehung des Fleisches›, und das trifft das lateinische ‹resurrectionem carnis› genauer.

Das Credo spricht hier nicht nur von Menschen, sondern von  a l l e m  Vergänglichen. Alle Formen, die in der Zeit erscheinen und vergehen, sind hier im Glauben an Auferstehung mit eingeschlossen ‒ das ganze Universum.»

2.4. Ich bin durch Dich so ich (2016): ‹9 Doppelbereich ‒ 9. Dialog›, 189f.:

«Bevor wir darüber sprechen, ist es wichtig zu wissen, was wir mit Auferstehung überhaupt meinen. Die meisten Leute denken dabei an ein wieder Auferstehen, also ein Wiederkommen von etwas, das gestorben und zerfallen ist. Aber im richtigen Verständnis von Auferstehung gibt es kein ‹wieder›. Auferstehung geht nicht wieder zurück in Raum und Zeit, sondern vorwärts in das große Geheimnis hinein. In einem Roman von C. S. Lewis[14], ‹Die große Scheidung oder Zwischen Himmel und Hölle›, ist dieses ‹Vorwärts› schön beschrieben. Die Seligen im Himmel reiten dem ewigen Sonnenaufgang entgegen und rufen einander zu: ‹Höher hinauf und tiefer hinein!› Diese Vorstellung ist in der christlichen Tradition fest verankert. Sie geht ‒ vielleicht sogar im Bewusstsein von C. S. Lewis ‒ zurück auf die kappadokischen Kirchenväter[15], die das Auferstehungsleben als eine dynamische Entdeckungsfahrt in das Geheimnis Gottes hinein gedacht haben. Auferstehung heißt, in das Geheimnis hineingenommen zu werden. In diesem Zusammenhang müssen wir die Auferstehung des Fleisches sehen. Sie ist eine Wirklichkeit, mit der wir jetzt schon in Berührung sind. Unser ganzes Leben ist eine Auseinandersetzung in Raum und Zeit dem Großen Geheimnis, das über Raum und Zeit hinausgeht. Schon jetzt nimmt jedes Erlebnis im Doppelbereich an diesen beiden Aspekten teil. Wenn also Raum und Zeit wegfallen, ist das, was ich erlebt habe, damit nicht ausgelöscht. Das zeigt uns schon jetzt unsere Erinnerung, die Tatsache, dass wir uns überhaupt an etwas erinnern können.»

3. Entwicklung als zyklischer Entfaltungsprozess im Unterschied zu Entwicklung als allmähliche Anreicherung, Bereicherung, Ausreifen[16]:

3.1. Film Heilsame Spiritualität (12. April 2013): Teil 1 «Lebenslanges Lernen»:
(16:05-27:12) Entwicklung auf der natürlichen Ebene: Same ‒ Keim ‒ Blüte ‒ Frucht ‒ Same und Entwicklung im Sinn von Erfahrungen sammeln, zielgerichtet nicht vorauszusehen, indem wir im Jetzt sind / (22:38) im Jetzt ist der Schnittpunkt von Zeit und Ewigkeit, ‹der Augenblick innerhalb und außerhalb der Zeit› (T. S. Eliot)  / (23:35) ‹Wir sind die Bienen des Unsichtbaren› (Rilke) ‒ den Nektar ‹einheimsen› und Wort des Kirchenvaters Ignatius von Antiochien: ‹In meinem Herzen fließt eine Quelle und ich höre das Wasser sagen: Heim zum Vater›[17]

3.2 Audio Lebensorientierung (2015)
4. Tag, 13. Februar, Freitagvormittag mit 7. Impulsvortrag (Bruder David), siehe
Transkription S. 2, 17f. und 28:
Entwicklung auf zwei Ebenen, was passiert im Tod?

3.3. Audio Dankbarkeit als Achtsamkeit im Dialog (2014); siehe auch Mitschrift, 7-9, und Sterben:
(33:58) «Im Bereich des Geistes geht es um etwas ganz anderes. Da geht es nicht um Entwicklung, sondern um etwas, was man Anreicherung nennen könnte.»

3.4. Einsichten aus Rilkes Dichtung, Teil II (2014), 105-107:

«Und das ist unsere Lebensgeschichte als Selbst: Bereicherung, ganz was anderes wie Entwicklung. Bereicherung geht in einer Linie, Entwicklung ist kreisförmig.»[18]]

_______________

[1] Bruder David spricht das Gedicht von Rilke aus dem Stundenbuch ‹Ich lese es heraus aus deinem Wort› im Audio
Fragen, denen wir uns stellen müssen (2016)
Tag 4 ‒ Nachmittag: ‹Memento mori› ‒ ‹memento vivere›:
(04:33) ‹Der Tod ist groß›: Sterben in jedem Augenblick ‒ der Tod, die Frucht des Lebens ‒ den eigenen Tod sterben: Bruder David liest Gedichte und Verse aus dem Stundenbuch von R. M. Rilke

[2] Credo (2015): ‹Auferstehung der Toten›, 213f.

[3] Credo (2015): ‹Auferstehung der Toten›, 214

[4] Credo (2015): Ewiges Leben›, 222

[5] J. W. Goethe: ‹Selige Sehnsucht›

[6] Credo (2015): ‹Auferstehung der Toten›, 215

[7] Robert Bly (Hrsg.): Kabir: Ecstatic Poems, 2004

[8] Credo (2015): Ewiges Leben›, 228

[9] Gespräch von Bruder David mit P. Anselm Grün im Audio
Christliche Spiritualität für die Gegenwart (2023): Teil 4:
‹Dankbar leben – oder: Wenn jeder Augenblick zum Geschenk wird›; abgedruckt im Buch Das glauben wir ‒ Spiritualität für unsere Zeit (2015), 91-97 und 105f. (leicht überarbeitet):
(03:05) Ich-Selbst in zwei sich unterscheidenden Aspekten von Entwicklung: einerseits als zyklischer Entfaltungsprozess und anderseits als allmähliche Bereicherung
(06:18) Ich glaube an die Auferstehung des Fleisches, die unsere Einzigartigkeit einschließt

T. S. Eliot: Four Quartets: Burnt Norton, V; siehe auch Stillehalten (Anm. 6)

[10] T. S. Eliot: Four Quartets: Burnt Norton, V; siehe auch Stillehalten

[11] Siehe auch Einsichten aus Rilkes Dichtung, Teil II (2014), 91

[12] Sinngemäße Wiedergabe des Vortrags von Bruder David im Audio
Fragen, denen wir uns stellen müssen (2016)
Tag 4 ‒ Nachmittag: ‹Memento mori› ‒ ‹memento vivere›:
(31:31-35:27); zugleich die Fortsetzung dieses Vortrags (21:24-30:49) in Doppelbereich Ich-Selbst

[13] Der Ausdruck ‹nunc stans findet sich erstmals bei Thomas von Aquin (1225-1274). Er hat eine lange Vorgeschichte, beginnend mit Platon (428-348 v. Chr.) und weiterführenden Beiträgen von Plotin (205-270), Augustinus (354-430), Boethius (ca. 480-524) und späteren Denkern zum Thema ‹Zeit und Ewigkeit›; siehe auch Jetzt und ewiges Leben, Anm. 8.

[14] Clive Staples Lewis (1898-1963): irischer Schriftsteller und Literaturwissenschaftler, verfasste neben Werken der Literaturkritik auch bekannte christliche apologetische Schriften wie ‹Mere Christianity›, ‹The Abolition of Man› und Romane wie ‹The Great Divorce› und ‹The Chronicles of Narnia›.

[15] Kappadokien ist ein großes Gebiet in Kleinasien. Im 4. Jahrhundert n. Chr. prägten die kappadokischen Kirchenväter Basilius der Große, Gregor von Nyssa und Gregor von Nazianz die Geschichte der künftigen christlichen Kirche. Sie bildeten das kappadokische Dreigestirn im Kampf für trinitarischen Glauben an die Dreifaltigkeit Gott-Vater, Gott-Sohn und Gott-Heiliger Geist.

[16] Siehe auch ENTWICKLUNG, in: Das ABC der Schlüsselworte, 132f. im Buch Orientierung finden (2021) mit Blick auf drei verschiedene Aspekte unserer persönlichen Geschichte, 52f.:

«Zunächst weist Entwicklung auf den Entfaltungsprozess hin, der uns und allen andren Lebewesen gemein ist ‒ wie etwa die in der Knospenhülle eingewickelten Blütenblätter sich entwickeln und entfalten. Entwicklung kann aber auch eine allmähliche Bereicherung bedeuten, beispielsweise, wenn wir unseren Wortschatz oder unsren Freundeskreis in sozialen Netzwerken entwickeln.»

[17] Dem Welthaushalt freudig dienen – Spiritualität 2011
Spiritualität und Ökumene:
(32:15) ‹Heim zum Vater› (das Wort von Ignatius von Antiochien)

[18] Einsichten aus Rilkes Dichtung, Teil II (2014), 105-107. Bruder David sagt dort ‹Bereicherung›, meint aber dasselbe wie ‹Anreicherung› im Unterschied zu Entwicklung.



Quellenangaben

Text, Film und Audios von Br. David Steindl-Rast OSB

jesus d christus titelCopyright © - Klaudia Menzi Steinberger

Mein Staunen kennt keine Grenzen: Der Krieg ist vorbei und ich bin am Leben! Nur langsam dämmert es mir auf, aber dann steht mir plötzlich klar vor Augen: Ein ganzes Leben liegt jetzt vor mir!

Beglückt und erschreckt zugleich bin ich von dieser Einsicht ‒ erschreckt, weil ich ahne, dass diese große Gabe mir eine ebenso große Aufgabe stellt. Was soll ich aus meinem Leben machen?

Wenn ich eine der unzähligen Möglichkeiten ergreife, so bedeutet das, dass ich alle anderen loslassen muss. Was ist mir also am wichtigsten?

Vorausblickend denke ich darüber nach und fühle, dass es mir weniger wichtig sein wird, was ich tue, als dass ich es mir Freude tue.

Auf die Kriegszeit zurückblickend sehe ich, dass mir gerade in den schwersten, unglücklichsten Zeiten jene innere Freude, um die es geht, Auftrieb gab, eine Freude, die von Glück oder Unglück gar nicht abhängt. Aber wovon hängt sie dann ab? Darüber grüble ich nach.

Da kommt mir plötzlich aus heiterem Himmel der Satz in den Sinn:

«Den Tod allzeit vor Augen halten.»

Ja, wirklich «aus heiterem Himmel» ‒ aus heiterstem!

Es ist ein strahlender August in Salzburg. Ich bin hierher eingeladen worden von Freunden, darunter ein entzückendes Mädchen, in das ich verliebt bin. Die Stadt ist voller Musik; überall flattern Klänge im Sommerwind auf Straßen und Plätzen, unter Arkaden und aus offenen Fenstern. Zum ersten Mal finden dieses Jahr die Salzburger Musikfestwochen wieder in einem freien Österreich statt. Für eine Packung amerikanischer Zigaretten findet ein Platzanweiser im Festspielhaus wie selbstverständlich zwei freie Parterresitze und wir können Mozarts «Don Giovanni» miterleben.

Don Giovannis Ende bringt es mir wieder in den Sinn:

«Den Tod allzeit vor Augen halten.»

Dieser Satz geht mir im Kopf herum. Er stammt aus der Regel des heiligen Benedikt, einem fast 1500 Jahre alten Büchlein, das ich als Student gelesen habe, weil wir aus Trotz alles lasen, was dem totalitären Regime gegen den Strich ging. Ausgerechnet diese wenigen Worte haben sich mir eingeprägt und jetzt dämmert mir auch, warum:

In all den vergangenen Jahren hatten wir junge Menschen den Tod zum Greifen nahe vor Augen. Es scheint mir jetzt, dass mehr meiner Freunde an den Fronten umgekommen sind, als übrig blieben. Und auch zu Hause hatten Bomben täglich Zerstörung und Tod gebracht. Ein einziges unvorsichtig geflüstertes Wort konnte die Todesstrafe nach sich ziehen; einer unserer Kapläne wurde verhaftet und hingerichtet.[1] Aber trotzdem muss ich jetzt sagen: Diese schrecklichen Kriegsjahre waren für mich und meine Freunde Jahre echter Freude, jener Freude, dich ich nie einbüßen möchte. Darum die Frage: Wovon hing denn noch bis vor Kurzem diese Freude ab?

Darauf steht nun plötzlich die überraschende Antwort vor mir: Wir haben so freudig gelebt, weil wir gar nicht anders konnten, als den Tod allzeit vor Augen zu haben. Das zwang uns, im Augenblick zu leben ‒ ganz im Jetzt ‒, und darin lag das Geheimnis unserer Lebensfreude.

Um diesen Zündfunken freudigen Lebendigseins nicht zu verlieren, müsste ich also auch in Zukunft

«den Tod allzeit vor Augen halten.»

Diesen Leitsatz hatte ich aber in der Benediktsregel gefunden. Sollte das also von mir verlangen, Benediktinermönch zu werden? Bei diesem Gedanken wird mir unbehaglich und so gehe ich lieber Polka tanzen; niemand tanzt die Krebspolka mit so viel Feier wie meine Elisabeth.

Johannes Kaup im Gespräch mit Bruder David:

«Die Kriegsjahre, in denen so viele Freunde und Kameraden an der Front oder durch Bombentreffer in Wien ihr Leben lassen mussten, haben Sie einmal in einem früheren Gespräch als ‹Jahre höchsten Lebendigseins› geschildert. Wie ist das zu verstehen, denn Sie hätten bei jedem Schicksalsschlag verzweifeln und resignieren können? Woher trotzdem Lebendigkeit und Lebensmut?»

Bruder David: «Ich glaube, viele Menschen erleben das auch heute noch, wenn sie in Lebensgefahr geraten, dass die Lebendigkeit umso mehr aufflammt. Der Grund scheint mir zu sein, dass man dann ganz in der Gegenwart leben muss. Der Grad unserer Lebendigkeit misst sich am Ausmaß, in dem wir nicht an der Vergangenheit hängen oder auf die Zukunft schauen, sondern wirklich im Jetzt sind. Dazu waren wir damals gezwungen, und darum waren wir so lebendig und freudig, trotz allem.»

Johannes Kaup: «Weil Sie den Tod vor Augen hatten?»

Bruder David: «Weil wir den Tod ständig vor Augen hatten, waren wir gezwungen, diesen möglicherweise letzten Augenblick des Lebens voll zu genießen.»

Johannes Kaup: «Also: Lebe deinen Tag so, als ob es dein letzter wäre.»

Bruder David: «Ganz in diesem Sinn.»

Johannes Kaup: «Du weißt nicht, ob du morgen noch aufwachst.»

Bruder David: «Wir mussten als Kinder in den Kriegsjahren praktisch jede Nacht in den Luftschutzkeller.»

Johannes Kaup: «Bei einem dieser Angriffe haben Sie es einmal nicht geschafft.»

Bruder David: «Das war in unserem Haus im Kaasgraben. Unser Hausherr hatte selbst einen Luftschutzkeller gebaut, weil er kleine Kinder hatte, und wir durften dann auch immer in diesen Keller flüchten. Einmal konnten wir diese schwere Tür nicht mehr zuziehen, weil der Luftdruck von den fallenden Bomben schon so stark war und sie immer wieder aufriss. Zu dieser Zeit haben wir unsere Kleidung abends immer genauso legen müssen, dass wir sie schnell finden und anziehen können, auch im Finsteren; viel Licht durfte man nicht machen. Es war Verdunkelung in Wien befohlen. Beim Fliegeralarm in der Nacht mussten wir also im Dunkeln alles schnell finden und anziehen und dann in den Luftschutzkeller. Heute noch lege ich beim Ausziehen alles so hin, dass ich es auch im Finstern finden könnte. Das ist mir zur Gewohnheit geworden.»

Johannes Kaup: «Das war schon eine unglaublich aufregende Zeit, zwischen Leben und Tod hin und her zu pendeln und alle Emotionen zu erleben.»

Bruder David: «Es war sicher prägend, aber wir haben es nicht anders erlebt als: Jetzt muss das getan werden. Augenblick für Augenblick. Man hatte gar keine Zeit, um darüber nachzudenken. Das muss jetzt erledigt werden; so muss jetzt geholfen werden, mehr dachten wir nicht. Sich darüber Gedanken zu machen, wie schrecklich alles ist, wäre uns gar nicht in den Sinn gekommen.»

[Ich bin durch Dich so ich (2016): ‹3 Entscheidung, 1946-1956›, 50f. und ‹2 Christ werden: Meine frühe Jugend zwischen Menschenwürde und Verdemütigung, 1936 und 1946› ‒ 2. Dialog›, 44f. und 47]

[Ergänzend:

‹Den Tod allezeit vor Augen› (Regula Benedicti RB 4,47):

1. Filminterview Was am Ende wirklich zählt (2022); siehe auch Transkription, 13f.:

Isha Johanna Schury: «Ich hätte Dich jetzt gefragt, ob sich aus Dir noch etwas mitteilen möchte, abschließend für unser Gespräch, wo Du das Gefühl hast, das möchte noch hinaus?»

David Steindl-Rast: «Vielleicht den Gedanken, den Tod allzeit vor Augen zu haben.

Das ist ein Satz aus der Regel des hl. Benedikt, der mich schon bevor ich Benediktiner geworden bin, sehr berührt hat, und ich habe erkannt ‒ damals war ich so ungefähr 19 oder 20 Jahre, höchstens ‒, dann habe ich erkannt, dass unser ganzes Leben bis dahin dadurch geprägt war, dass wir den Tod allezeit vor Augen hatten. Das war ja mitten im Krieg und unsere Freunde sind immer wieder gefallen an der Front, die Bomben sind gefallen links und rechts, also, wir hatten den Tod allezeit vor Augen.

Und rückblickend, damals habe ich gesehen: ‹Ah, darum waren wir so glücklich!

Darum waren wir so freudig! Weil wir ‒ damals hätte ich das nie so ausdrücken können ‒, weil wir im Jetzt leben mussten.

Wenn man den Tod vor Augen hat, muss man im Jetzt leben.

Warum ich dann Mönch geworden bin und Benediktiner, hat viel damit zu tun, dass ich wirklich den Tod täglich vor Augen halten wollte. Und ich muss sagen, wenn ich auch sonst Vieles besser machen hätte können. Aber das ist mir jedenfalls gelungen. Ich bin vollkommen überzeugt, dass es keinen Tag in meinem Leben gegeben hat, an dem ich nicht viele Male den Tod vor Augen hatte.

Und darum muss ich sagen, ich hatte wirklich ein sehr freudiges Leben. Dafür bin ich auch sehr dankbar.»

2. Film Dem Geheimnis auf der Spur (2016):

(01:22) «Was ist das Kostbarste, das man sich vorstellen kann? Der nächste Augenblick. Wenn du den nicht bekommst, ist alles andere, was du dir wünschst, nicht da. Der geschenkte Augenblick. Dieser wird dir einfach gegeben. Du kannst nichts machen, nicht einmal, wenn du dir einen weiteren kaufen willst. Ein reines Geschenk! Das größte Geschenk ist jeder Augenblick, der dir gegeben wird ‒ jetzt und jetzt und jetzt. Und sich dieses Geschenkes bewusst zu werden, das ist ‹dankbar leben›

Und dieser Viktor Springer:[2] Ich bete für ihn und bin dankbar: mein ganzes Leben, das hat er mir geschenkt sozusagen, und darum auch diese ganze Idee von Dankbarkeit: Werde dir bewusst, dass du jetzt einen einzigartigen Augenblick vor dir hast!

Das Mönch werden war eigentlich, weil ich die Idee von ‹den Tod allezeit vor Augen haben› damit verbunden habe, Benediktiner zu werden, weil dieser Satz in der Benediktiner Regel steht: ‹den Tod allezeit vor Augen haben›, und mir bewusst geworden ist, ‒ nach dem Krieg ‒, dass wir das eigentlich verwirklicht haben und darum so glücklich waren. Wir waren darum so glücklich, denn das heißt ja: im Augenblick leben.»

3. Fragen, denen wir uns stellen müssen (2016): Tag 4 ‒ Nachmittag: ‹Memento mori› ‒ ‹memento vivere›:
(49:25) Leiden als Hebel zur Praxis: ‹den Tod allezeit vor Augen haben›

4. Die Achtsamkeit des Herzens (2021), 92:

«Wo wir es mit Lebendigem zu tun haben, ist nichts automatisch. Im Leben ist Wachstum organisch mit Sterben verbunden. Leben heißt, mit jedem Wimpernschlag für Altes sterben und für Neues geboren werden. Jeder Fortschritt im Leben ist ein Sterben in größere Lebendigkeit hinein. Wer dazu den Mut nicht hat, kann weder leben noch sterben. Lebensmut ist die Tapferkeit, die wir für jenes Immer-wieder-Sterben brauchen, das zum wachen Lebendigsein untrennbar dazugehört. Auch im Bereich der Sinnlichkeit müssen wir immer wieder sterben, um so Sinn zu finden.

Das ist ja die Bedeutung des ‹memento mori›, das wir als Mahnwort etwa an Sonnenuhren alter Köster lesen. Wenn es uns auch dem Wortlaut nach auffordert, daran zu denken, dass wir sterben müssen ‒ und nicht später irgendwann, sondern hier und jetzt ‒, so ist diese Mahnung gerade deshalb Aufruf, bewusster zu leben. Darum lautet die Aufschrift auch manchmal ‹memento vivere›, ohne dass die Bedeutung sich ändert.»

5. Die christlich-buddhistische Begegnung, 1-3: Transkription der DVD: ‹Der Atem der Stille: Mystik heute›, Benediktushof Edition (2006):

«Und da ist mir plötzlich klar geworden in dieser herrlichsten Zeit meiner Jugend, dass wir deshalb so glücklich waren. ‒ Wir waren ungeheuer glücklich: Die ganze Verwüstung geschehen, aber inmitten von dem allem, und besonders in den vorhergehenden Jahren, waren wir die glücklichsten jungen Leute, die ich mir vorstellen kann. Es war wunderbar trotz all dem. ‒ Und jetzt hab ich dann plötzlich gesehen, das war deshalb so, weil wir den Tod allezeit vor Augen hatten. Dadurch sind wir so lebendig geworden.»]

______________

[1] P. Heinrich Maier (1908-1945) war ein österreichischer römisch-katholischer Priester, Pädagoge, Philosoph sowie Widerstandskämpfer gegen Hitler.

[2] (00:45) «Da oben ‒ hinter diesem Fenster oben, war die Geschichte, wo die Russen uns gedroht haben, uns zu erschießen, wenn wir diese Nadja nicht herausgeben. Und wir haben natürlich keine Ahnung gehabt, wo diese Nadja ist, und dann haben sie so in die Luft geschossen und da ist der Viktor Springer, der unten in der nächsten Villa wohnt, gekommen und hat uns retten wollen und hat an der Gartentüre gerüttelt und da haben sie dann ihn erschossen. Der hat mein Leben gerettet.»



Quellenangaben

Text, Film und Audios von Br. David Steindl-Rast OSB

jesus d christus titelCopyright © - Arijana Somolanji Kurbanović

«Wir sind die Bienen des Unsichtbaren» (R. M. Rilke)

Haben Sie schon einmal mit angesehen, wie eine Honigbiene in den seidigen Abgründen einer Pfingstrosenblüte herumtorkelt und taumelt? Dann wird Ihnen ein Bild gefallen, das Rilke gebraucht, um von unserer Aufgabe zu sprechen, die Sinneserfahrung in eine über unsere Sinne hinausgehende Erfahrung umzusetzen. Beobachten Sie die Biene, wie sie im Duft unzähliger purpurner und weißer und rosa Blütenblätter schwelgt, bis sie schließlich, mit goldenen Pollen bestäubt, die im Herzen der Blume verborgene Quelle des Nektars findet. Sehen Sie mit an, wie die Biene mit totaler Hingabe aller ihrer Sinne an dieser Pfingstblütenwelt vorführt, was ihre Lebensaufgabe und zugleich ein ekstatisches Spiel für sie ist. Und dann lesen Sie, wie der Dichter unsere eigene Aufgabe in dieser Menschenwelt versteht:

Rilke schreibt in seinem Brief an seinen polnischen Übersetzer Witold Hulewicz, 13. November 1925:

«So gilt es, alles Hiesige nicht nur nicht schlecht zu machen und herabzusetzen, sondern gerade, um seiner Vorläufigkeit willen, die es mit uns teilt, sollen diese Erscheinungen und Dinge von uns in einem innigsten Verstande begriffen und verwandelt werden.

Verwandelt?

Ja, denn unsere Aufgabe ist es, diese vorläufige, hinfällige Erde uns so tief, so leidend und leidenschaftlich einzuprägen, dass ihr Wesen in uns ‹unsichtbar› wieder aufersteht.

Wir sind die Bienen des Unsichtbaren.

Nous butinons éperdument le miel du visible, pour l'accumuler dans la grande ruche d'or de l'Invisible: Wir tragen leidenschaftlich den Honig des Sichtbaren ein, um ihn im großen goldenen Bienenkorb des Unsichtbaren anzuhäufen.»

Vom Bienenkorb zur blühenden Wiese und dann wieder heim fliegen unsere Herzen ihren Weg, vom Unsichtbaren durch das Sichtbare und dann ‒ ernteschwer wie Bienen mit vollen Pollenhöschen und von Nektar prallen Bäuchen ‒ wieder heim in den «großen goldenen Bienenkorb des Unsichtbaren». Das ist das Grundmuster der vielen Reisen unseres Herzens durchs Leben und der Suche, auf der wir unser Leben lang sind.

Kennen wir nicht dieses selbstvergessene Blütensaftsaugen aus der tiefsten Erfahrung unseres eigenen Lebens? So verwandelt unser Herz das Sinnliche unseres wachsten Erlebens und birgt es in seiner großen, goldenen Honigwabe als Sinn. Darum wird beim Altwerden jedes Weihnachtsfest reicher, gewichtiger, schwerer und süßer, weil Freude und Traurigkeit aller vergangenen Weihnachtsfeste von frühester Kindheit an im Erleben mitschwingt; weil in der Erinnerung Altes und Neues einander bereichern.[1]

«Weh spricht: Vergeh!
Doch alle Lust will Ewigkeit ‒,
will tiefe, tiefe Ewigkeit!»

F. W. Nietzsche: ‹Das trunkene Lied›

Unser Herz stimmt dieser Einsicht Nietzsches zu. Alles in uns sehnt sich nach Sinn.

Sinn hebt das Sinnliche auf; hebt es auf in allen drei Bedeutungen des Wortes:

Aufheben heißt ungültig erklären, wie eine Haltestelle, die schon lange niemand mehr benutzt.
Aufheben heißt erhöhen und überhöhen.
Aufheben heißt aber auch aufbewahren und bergen.[2]

So wird aller Wandel im Bleibenden ungültig erklärt, überhöht und doch für immer vor dem Verlorengehen bewahrt.

«W a s  haben Augen einst ins umrußte
lange Verglühn der Kamine geschaut:
Blicke des Lebens, für immer verlorene.

Ach, der Erde, wer kennt die Verluste?
Nur, wer mit dennoch preisendem Laut
sänge das Herz, das ins Ganze geborne.»

Rilke: Sonette an Orpheus 2. Teil, II (Sextett)

Selbst Galgenhumor kann unversehens zur Rühmung werden, Rühmung, die umso reiner klingt, weil sie sich des Rühmens selbst kaum bewusst ist.

Angesichts der Aufhebung unserer Sinnlichkeit ist Humor deshalb trotzdem noch möglich, weil

«nichts vergänglich ist, als die Vergänglichkeit.»
Trunken von Beständigkeit,

stößt Werner Bergengruen mit dieser Einsicht tief in den Sinn des Sinnlichen vor.[3]

Damit stehen wir aber schon völlig «im Raum der Rühmung», wie Rilke ihn nennt.

Rühmend hebt der Dichter das Sinnliche auf, indem er es erhöht, überhöht, übertrifft.

«RÜHMEN, das ist's! Ein zum Rühmen Bestellter,
ging er hervor wie das Erz aus des Steins
Schweigen. Sein Herz, o vergänglicher Kelter
eines den Menschen unendlichen Weins.

Nie versagt ihm die Stimme am Staube,
wenn ihn das göttliche Beispiel ergreift.
Alles wird Weinberg, alles wird Traube,
in seinem fühlenden Süden gereift.

Nicht in den Grüften der Könige Moder
straft ihn die Rühmung Lügen, oder
dass von den Göttern ein Schatten fällt.

Er ist einer der bleibenden Boten,
der noch weit in die Türen der Toten
Schalen mit rühmlichen Früchten hält.»

Rilke: Sonette an Orpheus 1. Teil, XIX

Das ist der Dichter, der das Sinnliche aufhebt und über den Wandel hinaushebt, indem er es zu Sinn verdichtet.

Wir dürfen aber den Begriff Dichter nicht zu eng fassen.

Es gibt den Dichter in jedem von uns.

Wir alle sind dazu berufen, das, was wir durch unsere Sinne empfangen, im Herzen aufzuheben.

Menschliche Berufung ist es, das Nur-Sinnliche ungültig zu machen, indem wir es rühmend über sich hinausheben, es aber zugleich in seiner ganzen vergänglichen Einmaligkeit im immer Bleibenden geborgen halten und verwahren.[4]

«‹Rühmen, das ist’s!» Ja, alles, was ist, rühmt das Sein durch sein Dasein. Einfach da zu sein ist Rühmung. Dasein ist ein Ja-Sagen zum Sein. Und dieses Ja fasst alles Rühmen in einem einzigen Wort zusammen.

Jedes Sein ist ein Ja ‒ ein ‹aus dem Nein aller Verneinung gehobenes› Ja: Dasein ist Ja-Sein. Und dieses Ja-zum-Leben-Sagen heißt Rühmen.

Auch ich bin ‹ein zum Rühmen Bestellter›. Warum ist mein Ja zum Leben oft so zaghaft, so trüb, sogar oft widerwillige? Aus Furcht, Ja zu sagen zum Ganzen.

‹Schau auf das Ganze, rühme das Ganze!›[5]

Das will ich mir zu Herzen nehmen ‒ vertrauensvoll trotz allem. Amen.»[6]

Erinnerung ist es, die diese Aufgabe letztlich vollendet. Das Sinnliche, das im Humor gärt, klärt sich in der Dichtung und gewinnt seine volle Süße im Erinnern.

Wir müssen dem Wort «Erinnerung» hier seine volle Bedeutung zurückgeben. Er-innerung ist Ver-innelichung, Sinnernte unserer Sinnlichkeit ‒ Einbringung, Verwandlung.[7]

«Erinnern bedeutet mir so viel mehr als mir etwas zu merken. Nicht meinem Gedächtnis prägt das Erinnern ja Erlebnisse ein, sondern meinem Innersten, meinem Herzen. Mein Herz aber ist jene Mitte, in der ich vor Dir stehe, jener Ort, der Begegnung, an dem Du mir gegenwärtig bist.

Von dem vielen, das mir zufließt, fließt das meiste, kaum bemerkt, wieder ab von mir. Nur weniges erlebe ich wirklich ‒ das nämlich, was ich Dir erzähle. Im Erzählen bringe ich es in Dein Licht, halte es Dir hin, und es wird zur Erinnerung. Nicht im Gehirn ist Erinnertes aufbewahrt, sondern in Dir; weil ich Dir nicht gleichgültig bin, hälst Du es fürsorglich behütet. Auch wenn mir einmal alles aus dem Gedächtnis entschwindet, lass es in deiner verzeihenden Liebe aufgehoben sein. Amen.»[8]

Im Doppelbereich des Jetzt sind Zeit und Ewigkeit eins. Darum kann auch nicht die kleinste Einzelheit von allem, was mir hier lieb ist, je verloren gehen.

«Alles ist immer jetzt», sagt wieder T.S. Eliot, «All is always now»[9] ‒ und spricht damit eine Wahrheit aus, die sich nicht leugnen lässt, denn was nicht jetzt ist, ist nicht, es hat nur eine Schattenwirklichkeit in Vergangenheit oder Zukunft.

Im Jetzt aber kann es nicht verloren gehen, da ist es in einem dreifachen Sinn «aufgehoben»:

Es besteht nicht länger (wie etwa ein Gesetz, das aufgehoben wird),
es wird aber auf eine höhere Ebene hinaufgehoben
und bleibt dort bewahrt (wie ein Goldreif in einer Schatzkammer gut aufgehoben ist).[10]

In diesem Sinn verstehe ich, warum Rilke im Aufheben unsere Lebensaufgabe sieht:

«Wir sind die Bienen des Unsichtbaren. Leidenschaftlich heimsen wir den Nektar des Sichtbaren ein in die große, goldene Honigwabe des Unsichtbaren.»

Bruder David im Gespräch mit Johannes Kaup: «Schon jetzt nimmt jedes Erlebnis im Doppelbereich an diesen beiden Aspekten teil. Wenn also Raum und Zeit wegfallen, ist das, was ich erlebt habe, damit nicht ausgelöscht. Das zeigt uns schon jetzt unsere Erinnerung, die Tatsache, dass wir uns überhaupt an etwas erinnern können.»

Johannes Kaup: «Aber Erinnern ist ein zeitliches Phänomen.»

Bruder David: «Erinnerung ist ein Phänomen in der Zeit, aber dass Erinnerung nur in der Zeit ist, ist eine sehr reduktionistische Vorstellung. Ja, es gibt etwas wie neuronale Konstellationen oder Engramme, Aufzeichnungen irgendeiner Art, die dann wieder aufgerufen werden. Da ist etwas dran, aber das ist nicht das Wesentliche von Erinnerung.

Erinnerung ist nicht Wiederbringung von Vergangenem, sondern ‹Er-inner‒ung›:

Etwas ist ins Innerste eingegangen und gehört nicht nur meinem persönlichen Innersten an, sondern dem Weltinnenraum.

Rilke fasst das in die dichterische Vorstellung, dass wir Menschen die ‹Bienen des Unsichtbaren› sind.

Unser ganzes Leben besteht darin, jeden Augenblick, jede Erfahrung in die ‹große goldene Honigwabe› des Weltinnenraums einzuheimsen.

Nichts kann dort je wieder verloren gehen. Was ich einheimse in diese große goldene Honigwabe, ist mein einzigartiger Beitrag.

Wir sind so verschieden voneinander, dass es wohl nie zwei Menschen gegeben hat, die, sagen wir, eine Rose angeschaut und dasselbe gesehen haben.

Mit meiner einzigartigen Sensibilität reichere ich den Weltinnenraum an.

Ich bereichere ihn mein Leben lang, nicht nur durch alles Angenehme, was ich erlebe, sondern auch durch jedes Leiden. Alles hat Wert und Bestand. Nichts geht verloren.»[11]

[Quellenangaben zum obigen Text in Anm. 1, 4, 6-8,11]

[Ergänzend:

1. Film

Film Wir sind daheim in dieser Welt (1975); siehe auch Transkription:
(40:09) ‹Das Erlebnis ist nicht vollendet, bevor es nicht in Erinnerung übergeführt wird. Diese Verwandlung von Sinneserfahrung in Erinnerung ist eine Verwandlung aus dem Sichtbaren, Schmeckbaren, Tastbaren, Riechbaren, Hörbaren in einen Bereich des Übersinnlichen.
Der Dichter Rainer Maria Rilke hat das so schön ausgedrückt. Er vergleicht uns Menschen mit Bienen, die den Nektar des Sichtbaren in die großen goldenen Honigwaben des Unsichtbaren sammeln. Das ist unsere große menschliche Aufgabe.

2. Audios

2.1. Fragen, denen wir uns stellen müssen (2016): Tag 4 ‒ Nachmittag
‹Memento mori› ‒ ‹memento vivere›:
(21:24) Leben im Doppelbereich Leben-Sterben heißt Rühmen auch unter Schatten: ‹Schau auf das Ganze, rühme das Ganze› (Augustinus), ‹Seidener Faden kamst du hinein ins Gewebe› (Rilke: Sonette an Orpheus 2. Teil, XX), ‹Nur wer die Leier schon hob auch unter Schatten› (Rilke: Sonette an Orpheus 1. Teil, IX) / (26:32) Leben im Doppelbereich Ich-Selbst heißt im Augenblick leben ‒ Warum das Ich? ‹Wir sind die Bienen des Unsichtbaren› (Rilke): Nichts geht verloren: ‹All is always now› (T. S. Eliot: Four Quartets: Burnt Norton, V)

2.2. Audio Lebendige Spiritualität (2015)
Verstehen durch Tun:
Rühmen und die Gestalt des Orpheus, bei Rilke und den Kirchenvätern eine Christus-Figur – ‹Rühmen, das ists› (Die Sonette an Orpheus 1. Teil, VII) – Gott verherrlichen / ‹O trotz Schicksal: die herrlichen Überflüsse› (Die Sonette 2. Teil, XXII) – Wir sind die Treibenden (Die Sonette 1. Teil, XXII) / (31:05) ‹Singe die Gärten, mein Herz, die du nicht kennst› (Die Sonette 2. Teil, XXI) – ‹Schau auf das Ganze, rühme das Ganze› (hl. Augustinus) / (35:04) Nur im Raum der Rühmung darf die Klage gehn (Die Sonette 1. Teil, VIII) – Zwischen den Hämmern besteht unser Herz (Die neunte Elegie) / (39:35) ‹Wir sind die Bienen des Unsichtbaren› (Brief an Witold Hulewicz, 13. Nov. 1925) – ‹Preise dem Engel die Welt› – ‹Aber weil Hiersein viel ist› (Die neunte Elegie)

2.3. Audio Fülle und Nichts (1996)
Vortrag:
(30:42) In der Erinnerung verinnerlichen wir uns, was wir mit den Sinnen nicht mehr erreichen können – Beispiel einer blinden, 83jährigen, Frau / (32:04) ‹Wir Menschen sind die Bienen des Unsichtbaren› (Rilke)

2.4. Audio Das Leid des Lebens zu Herzen nehmen (1992)
Eröffnungsreferat Vortrag; siehe dazu auch Tagungsband
Schmerz ‒ Stachel des Lebens, 22f.:
(22:47) Verleiblichen des Geistigen und Vergeistigen des Leiblichen: Durch die Sinne Sinn finden – ‹Wir sind die Bienen des Unsichtbaren› (Rilke) – Das Fronleichnamsfest ist das Fest der Verleiblichung des Göttlichen und der Vergöttlichung des Leiblichen

2.5. Audio Festival «Die Kraft der Visionen» (1991)
2.1 ‹Der Weg zu Fülle und Nichts› ‒ Vortrag und Kanon:
(00:00) Was Dichtung vermag und Einstimmung mit den ersten Zeilen aus Rilke: Sonette an Orpheus 2. Teil, XIII: ‹Sei allem Abschied voran› / (22:35) Singender steige …› ‒ der ‹reine Bezug› ‒ unter ‹Schwindenden› endlich Klang werden / (26:31) Bruder David liest und deutet das Sonett
‒ ‹Lebe doch, sagt der Tod, ich komme› (‹Das tanzende Mädchen›)
(33:30) ‹Wo ist dann unsere Verantwortung?› Darin, es zu feiern: Bruder David liest und deutet von Rilke: ‹Rühmen, das ists!› und die Schlussverse des Sonetts ‹Sei allem Abschied voran›

3. Weitere Texte

3.1. Die Achtsamkeit des Herzens (2021), 64, in Riechen, Düfte, Erinnerung:

«Woher kommt es eigentlich, dass unser Geruchsinn uns leicht zum Lachen reizt? Vielleicht hat es damit zu tun, dass im Bereich des Riechens Kindheitserinnerungen überall die Etikette der Erwachsenen durchbrechen. Gerüche zu erwähnen, gehört ja nicht zum guten Ton. Ich denke, dieses Lachen ist ein befreiendes Lachen. Das Kind in uns wird einen Augenblick lang frei und lacht; lacht uns vielleicht sogar aus.»

3.2. Dankbarkeit als Schlüsselwort benediktinischer Spiritualität (2019):

«Angesichts von Leid und Schrecken, sind ‹wir gerecht nur, wo wir dennoch preisen.›[12] Dieser Einsicht entspringt ein Motto des Benediktinerordens, das ich zum Abschluss erwähnen möchte. Geschichtlich ist es vielleicht das älteste. Es kennt Erschütterungen und Zerstörung, preist aber dennoch das Grünen:

‹succisa virescit› – ‹abgehauen grünt sie wieder.›

Das dazugehörige Sinnbild ist der Strunk eines uralten Baumes, aus dem ein neuer Schössling aufsprießt. Die Lebensfülle, die dem Gehorsam und der Dankbarkeit entspringt, wird – so wie das immer wieder neu erbaute Kloster Monte Cassino – nach jedem Niedergang wieder neu aufblühen. Gerade heute kann uns dies Mut machen.»

3.3. Einsichten aus Rilkes Dichtung, Teil I (2014), 45-48:

«Es heißt immer, dass in der Erinnerung besonders Düfte sehr heftig Erinnerungen auslösen: Wer kennt nicht viele, viele Kindheitserinnerungen, die mit Düften zu tun haben. Die Lade [Schublade] der Großmutter und die vielen Speisen zu besonderen Festzeiten. Das heißt doch, dass die Erinnerung zusammenhängt mit dem Geruchssinn.»

3.4. Einsichten aus Rilkes Dichtung, Teil II (2014): ‹Wir sind die Bienen des Unsichtbaren› (Rilke), 105f.; ‹Rühmen›, 132-134:

«Das Thema der Elegien ist die Vergänglichkeit der Welt und die Köstlichkeit der Welt, weil sie ebenso vergänglich ist, und unsere Aufgabe als Menschen, sie zu rühmen.»]

 _____________

[1] Komposition mit Abschnitten in Auf dem Weg der Stille (2023), 95-97 und Die Achtsamkeit des Herzens (2021), 97f.

[2] «Aufheben» hat für Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831) einen dreifachen Sinn: negieren (tollere) ‒ emporheben (elevare) ‒ bewahren (conservare)

[3] Werner Bergengruen: ‹Nichts Vergängliches vergeht› und ‹Magische Nacht›, in Die den Kurs begleitenden Gedichte, 37f. und Einsichten aus Rilkes Dichtung, Teil II (2014), 110f.

[4] Die Achtsamkeit des Herzens (2021), 90, 93, 96f.

[5] Für Bruder David eines der liebsten Worte von Augustinus, die er immer wieder zitiert.

[6] Erwachende Worte (2023): ‹Rühmen› 31

[7] Die Achtsamkeit des Herzens (2021), 97

[8] Erwachende Worte (2023): ‹Erinnern›, 57

[9] T. S. Eliot: Four Quartets: Burnt Norton, V; siehe auch Stillehalten

[10] Siehe Anm. 2

[11] Ich bin durch Dich so ich (2016): ‹9. Doppelbereich, 2006-2016›, 184f. ‒ ‹9. Dialog, 190; siehe auch Jetzt im Doppelbereich

[12] ‹Wir, gerecht nur, wo wir dennoch preisen,
weil wir, ach, der Ast sind und das Eisen
und das Süße reifender Gefahr.›

Rilke: Sonette an Orpheus 2. Teil, XXIII



Quellenangaben

Text und Audios von Br. David Steindl-Rast OSB

jesus d christus titelCopyright © - Klaudia Menzi-Steinberger

«Tod und Leben gehören untrennbar zusammen. So heißt es, ich weiß. Aber ich würde es lieber klarer ausdrücken und sagen:

Leben und Sterben gehören zusammen: der Tod aber widerspricht beiden.

Mit dem Sterben bin ich vertraut. Ich muss ja alles, was mir das Leben schenkt, wieder loslassen, bevor ich Neues empfangen kann. Dieses Loslassen aber ist das Entscheidende am Sterben. Starres Festhalten ist Tod ‒ ‹rigor mortis›.[1]

Ich will dabei das Loslassen nicht beschönigen, nicht verharmlosen. Allzu oft ist es bedrohlich und beängstigend, entsagen zu müssen.

Das Leben schenkt uns viel, nimmt uns aber auch erschreckend viel Liebes und bedrohlich vieles, das uns unersetzlich nötig erscheint.

Lass mich täglich zarter loslassen und unbefangener sterben lernen und rette mich vor dem Tod. Amen»[2]

«Es ist doch alles nur aus Liebe schön! Es ist doch alles nur aus Liebe gut!» (Will Vesper).[3]

Was aber, wenn das Selbst ‒ um im Bild zu bleiben ‒ die Handpuppe abstreift oder wenn die Maske in Staub zerfällt? Ist dann alles aus, alles zu Ende?

Zu Ende wohl, würde ich sagen, aber nicht aus. Ich will nicht von einem Leben nach dem Tod reden. Wenn sterben bedeutet, dass für mich die Zeit um ist, dann macht es keinen Sinn, von «nachher» zu sprechen.

Aber alles, was ich erlebe, hat ja schon jetzt eine Dimension, die über Zeit und Raum erhaben ist. T. S. Eliot nennt das Jetzt «the moment in and out of time»[4] ‒ es gehört der Zeit an und doch auch nicht.

Im Doppelbereich des Jetzt  sind Zeit und Ewigkeit eins. Darum kann auch nicht die kleinste Einzelheit von allem, was mir hier lieb ist, je verloren gehen.

«Alles ist immer jetzt», sagt wieder T.S. Eliot, «All is always now»[5] ‒ und spricht damit eine Wahrheit aus, die sich nicht leugnen lässt, denn was nicht jetzt ist, ist nicht, es hat nur eine Schattenwirklichkeit in Vergangenheit oder Zukunft.

Im Jetzt aber kann es nicht verloren gehen, da ist es in einem dreifachen Sinn «aufgehoben»:

Es besteht nicht länger (wie etwa ein Gesetz, das aufgehoben wird), es wird aber auf eine höhere Ebene hinaufgehoben und bleibt dort bewahrt (wie ein Goldreif in einer Schatzkammer gut aufgehoben ist).[6]

In diesem Sinn verstehe ich, warum Rilke im Aufheben unsere Lebensaufgabe sieht: «Wir sind die Bienen des Unsichtbaren. Leidenschaftlich heimsen wir den Nektar des Sichtbaren ein in die große, goldene Honigwabe des Unsichtbaren.»[7]

Kann ich dann überhaupt noch Angst haben vor dem Sterben? Ja, ich habe Angst. Ich gebe es zu, aber fürchten will ich mich nicht. Furcht und Angst, das ist ja zweierlei. Angst und Enge sind im Deutschen wurzelverwandte Wörter, und sicher nicht zufällig; unser menschliches Urerlebnis von Angst ist die Enge des Geburtskanals. Durch diesen ersten Engpass gehen wir noch mit instinktivem Vertrauen hindurch; erst später müssen wir mühsam lernen, uns auch auf jede Angst so furchtlos einzulassen, wie uns das bei unserer Geburt spontan gelang.

Furcht und Vertrauen, diese beiden Haltungen sind einander diametral entgegengesetzt. Letztlich sind es Lebenshaltungen.

Angst ist im Leben unvermeidlich; zwischen Furcht und Mut aber können wir wählen: Furcht  sträubt sich gegen die Angst und bleibt so in der Enge stecken; Mut lässt sich voll Vertrauen auf die Angst ein und findet so den Weg ins Weite.

Mut nimmt dabei die Angst nicht weg; im Gegenteil: Wer keine Angst hat, braucht keinen Mut. Wer aber mitten in der Angst aufs Leben vertraut, den führt das Leben durch jede Angst zu einer neuen Geburt. Ich beweise mir das selbst.

Ich blicke zurück auf die Engpässe meines Lebens und sehe ganz klar: Je drückender die Beängstigung war, umso strahlender das überraschend Neue, das daraus hervorging. Mich immer wieder daran zu erinnern, gibt mir Lebensvertrauen und Sterbensmut.

Was mir auch hilft, ist das Vorbild von Menschen, deren Tod ich miterleben durfte. Zwei Mitbrüder aus Mount Saviour fallen mir da ein:

Bruder Christopher war damals für Arbeiten am Klosterbau zuständig. Er war erst 40, aber schwer herzleidend. An diesem Tag war er Vorleser beim Mittagessen. Als Tischdiener stand ich neben ihm, als er die Lesung begann:

«In jener Nacht erging das Wort des Herrn an Natan: Geh und sage zu meinem Diener, zu David: So spricht der Herr: Du willst mir ein Haus bauen, damit ich darin wohne?»

Sechs Verse später kam er zu der Stelle: «So spricht der Herr: Ich werde  d i r  ein Haus bauen.»

Da legte er still seinen Kopf auf das Buch und war tot.

Und unser P. James Kelly (wir mussten seinen Nachnamen verwenden, weil wir zwei Brüder mit dem Namen James hatten) kam am Karsamstagabend noch einmal in die Kapelle, die schon für Ostern geschmückt war, und flüsterte mit für ihn typischer Begeisterung: «Ich kann ja gar nicht warten auf morgen!» Dann ging er schlafen. Am Morgen sollte er das Exultet singen, aber er hatte wirklich nicht warten können und sang nun wohl schon im Himmel.

Knapp eine Woche vor dem Tod meiner Mutter ‒ sie ist schon recht schwach ‒ kommt Vanja Palmers, der ihr lieb ist wie ein Sohn, zu Besuch aus der Schweiz. Er erzählt, dass heute, am St. Martinstag, die Kinder in Sursee sich beim «Chäszänne» mit einer möglichst verrückten Grimasse ein Stück Käse verdienen können. Wir setzen zwar keinen Käse als Preis aus, versuchen aber, einander im Gesichterschneiden zu übertreffen. Mutti auf ihrem Sterbebett überflügelt uns alle.[8]

Bruder David im Gespräch mit Johannes Kaup: «Was mir persönlich Angst macht, wenn ich an den Tod denke, ist zweierlei. Einerseits die Tatsache, dass wir nicht wissen, was im Tod auf uns zukommt. Wir wissen es einfach nicht. Wir gehen auf etwas zu, das uns nicht nur unbekannt ist, sondern ganz und gar unvorstellbar. Wie sollte sich eine Raupe im Puppenstadium vorstellen können, dass sie als Schmetterling von Blume zu Blume fliegt? Auch wir gehen auf etwas ganz Neues zu. Neues und Unbekanntes macht uns jedoch Angst.

Und das Zweite ist, dass wir wissen, dass es um den Tod herum sehr häufig Krankheiten, Leiden und Schmerzen gibt. Das allein genügt, mir Angst zu machen, wenn ich es mir ausmale. Hinzu kommt, dass man heutzutage früher oder später nur mehr ein Fall oder eine Nummer wird in einem Krankenhaus. Diese Entpersönlichung macht mir ebenfalls Angst. Aber das Leben macht uns, abgesehen von Alter und Sterben, immer wieder auf die eine oder andere Weise Angst. Wir brauchen Mut.»

Johannes Kaup: «Was macht Ihnen in diesem Zusammenhang Mut?»

Bruder David: «Mit einem Wort: Lebensvertrauen. Wenn ich auf dem Lebensweg in die Enge gerate und Angst bekomme, wird Lebensvertrauen entscheidend. Furcht sträubt sich gegen die Angst und bleibt darin stecken. Vertrauen lässt sich durchschleusen und vertraut sich dem Auftrieb des Lebens an wie beim Schwimmen.»

Johannes Kaup: «Sie sagen, dass Sie nicht von einem Leben nach dem Tod sprechen wollen. Ist das so missverständlich?»

Bruder David: «Leider ist die Ausdrucksweise missverständlich, weil es so klingt, als ob mit dem Tod alles aus sei. Das will ich keineswegs behaupten. Es dreht sich hier mehr darum, dass mit dem Tod meine Zeit abgelaufen ist. Wenn meine Zeit um ist, dann hat das Wörtchen ‹nach› nicht viel Sinn. Ich sterbe, wenn für mich die Zeit um ist. Wie soll ich da von einem Nachher sprechen? Die Zeit ist mit dem Tod vorbei. Auf der Ebene von Zeit und Raum ist mein Leben zu Ende. Das möchte ich nicht verharmlosen oder beschönigen. Ich möchte es ganz ehrlich konfrontieren: Mit meinem Tod geht die Raumzeit für mich zu Ende. Das heißt aber nicht, dass alles aus ist. Keineswegs! Ich erlebe schon mitten in Raum und Zeit ‒ in der Erfahrung des Jetzt ‒ eine Dimension, die über Raum und Zeit hinausgeht, und die unterliegt dem Tod nicht.

Freilich komme ich dabei um eine Schwierigkeit nicht herum: Jemand könnte sagen: Nur durch meine Sinne, die in Raum und Zeit sind, kann ich das erfahren, und nur mit meinem Gehirn kann ich es denken; wenn aber mein Gehirn zu Staub zerfällt, was dann?

Ich kann nur antworten: Hier und jetzt bringen mich meine Sinne und mein Denken an die Grenze von etwas, das über Zeit und Raum hinausgeht, das nicht gebunden ist durch Zeit und Raum. Und dieser Dimension meines Daseins ‒ dem Bleibenden ‒ gehöre ich genauso an, wie ich Zeit und Raum angehöre. Das ist eben der Doppelbereich, in dem ich lebe.

Diese Erfahrung gibt mir Vertrauen und Zuversicht auf etwas Bleibendes, auch wenn meine körperliche Wirklichkeit endet. Schon jetzt berühre ich eine bleibende Wirklichkeit. Im Jetzt rühre ich an das Bleibende. Darauf muss ich mich einlassen, muss mich einfühlen ins Jetzt und dort heimisch werden. Im Getriebe der Zeit geht dieses Bewusstsein allzu leicht verloren.»[9]

[Quellenangaben zum obigen Text in Anm. 2 und 8f.]

[Ergänzend:

1. TAO der Hoffnung (1994)
Diskussion:
(54:39) Bei schweren Prüfungen sehen wir erst nachher, dass wir sie gebraucht haben. Wir alle haben Angst vor dem Leben: Das Leben ist ein ununterbrochenes Sterben in größeres Leben hinein. Sterben ist etwas, was wir tun müssen: Ein sich hingeben – Loslassen üben

2. Wähle das Leben (5 Mose 30,19) (1992)
Gespräch Teil 1
(02:18) Sich ans Leben klammern – sich hingeben, leichter sterben (Angst vor dem Tod, und noch mehr Angst vor dem Leben) / (05:35) Wir müssen mitsterben ‒ ‹Das wird jetzt meine letzte Tasse Tee sein›!

3. Der Anspruch von Engeln und Tieren (1994)
Vortrag in Themen aufgeteilt:
Erlebnisse im Zug, beim Sterben, mit einer Osterkerze:
(02:57) Bruder Christopher stirbt beim Vorlesen]

________________

[1] ‹rigor mortis› = ‹Totenstarre›

[2] Erwachende Worte (2023): ‹Tod›, 83

[3] Aus dem gleichnamigen Gedicht von Will Vesper (1882-1962), einem deutschen Schriftsteller und Literaturkritiker

[4] T. S. Eliot: Four Quartets: The Dry Salvages, V; siehe auch Stillehalten

[5] T. S. Eliot: Four Quartets: Burnt Norton, V; siehe auch Stillehalten

[6] Siehe auch die Bedeutung des Wortes ‹aufheben› in Rühmen, Er-innern, Aufheben  im Text und in Anm. 2

Bruder David erwähnt den Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1830) im Zusammenhang mit ‹Fragen aufheben› in der Einleitung zu seinem Vortrag in Fragen, denen wir uns stellen müssen (2016): Tag 1 ‒ Vormittag

[7] Rilke im Brief an seinen polnischen Übersetzer Witold Hulewicz: ‹Nous butinons éperdument le miel du visible, pour l’accumuler dans la grande ruche d’dor de l’Invisible.›; ausführlicher in Rühmen, Er-innern, Aufheben

[8] Ich bin durch Dich so ich (2016): ‹9 Doppelbereich›, 184-186

[9] Ich bin durch Dich so ich (2016): ‹9 Doppelbereich ‒ 9. Dialog›, 188f.


Quellenangaben

Text und Audios von Br. David Steindl-Rast OSB

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[Audio Tag 4 ‒ Nachmittag (21:24)] «Wie können wir leben und sterben lernen? Und da hat Rilke einen Begriff eingeführt, einen bildlichen Begriff: den Doppelbereich.

Das ist für ihn etwas ganz Wichtiges, dieses Wort der Doppelbereich. Das heißt: Zwei Bereiche sind eins, nicht ein Doppelbereich in dem Sinn, dass die nebeneinanderstehen, sondern sie sind eins, und doch zwei.

In einem der Sonette an Orpheus (1. Teil, IX) erwähnt Rilke den Ausdruck ‹Doppelbereich› im Zusammenhang mit ‹rühmen›:

‹Nur wer die Leier schon hob
auch unter Schatten,
darf das unendliche Lob
ahnend erstatten.›

Was ist unsere Lebensaufgabe? Die große Aufgabe des Menschen ist für Rilke mit einem Wort: Rühmen. Und mit dem Zitat von Augustinus wird klarer, was damit gemeint ist:

‹Schau auf das Ganze, rühme das Ganze› (Augustinus).

Jedes Detail ist nur ein kleiner Teil. Rilke spricht in einem seiner Sonette (2. Teil, XXI) von einem gewobenen Teppich:

‹Seidener Faden, kamst du hinein ins Gewebe.
Welchem der Bilder du auch im Innern geeint bist
(sei es selbst ein Moment aus dem Leben der Pein),
fühl, dass der ganze, der rühmliche Teppich gemeint ist.›

Nur wer rühmen kann ‹auch unter Schatten›, kann das unendliche ‒ nicht das endliche ‒ Lob ahnend erstatten. Und dann kommen Bilder, die einfach heißen: Nur wer den Tod integriert, ‹wird nicht den leisesten Ton wieder verlieren›:

‹Nur wer die Leier schon hob
auch unter Schatten,

darf das unendliche Lob
ahnend erstatten.

Nur wer mit Toten vom Mohn
aß, von dem ihren,
wird nicht den leisesten Ton
wieder verlieren.

Mag auch die Spieglung im Teich
oft uns verschwimmen:
W i s s e  d a s  B i l d
.

Erst in dem Doppelbereich
werden die Stimmen
ewig und mild.›

Mild im Sinn von ‹compassion›‹mifühlen›: Also Weisheit und Mitgefühl bekommen erst Raum, wenn man im Doppelbereich lebt.

Und dieser Doppelbereich ist offensichtlich für Rilke das Leben und das Sterben. Die gehören ebenso zusammen, dass es eins ist. Wer wirklich lebt, lebt voll im jetzigen Augenblick und ist schon gestorben für die Vergangenheit.

Und dieses Einüben Schritt für Schritt: im Augenblick, im Jetzt leben, und so lernen loszulassen, das ist Sterben lernen.

T. S. Eliot sagt in den Four Quartets:

‹Die Zeit des Sterbens ist jeder Augenblick.›‹And the time of death ist every moment.›[1]

Dieser Doppelbereich ist nicht einfach Einheit, aber auch nicht Zweiheit[2] ‒ das ist immer die Gefahr, wenn man sagt ‹Doppelbereich›, es sind zwei Seiten einer Münze ‒ viel mehr noch wie zwei Seiten ‒, ganz eng verbunden. Aber man kann sie doch unterscheiden ‒ sie sind untrennbar ‒, aber unterscheidbar.

(26:32) Ich-Selbst ist ebenso ein Doppelbereich, solange wir leben. Und ganz eng verbunden mit dem Doppelaspekt von Leben und Sterben, denn das Selbst lebt, das kann nicht sterben. Es ist nicht in der Zeit.

Und das Sterben kann definiert werden: ‹Wenn meine Zeit um ist›. Das ist eine ganz gute Definition: Ich sterbe, wenn meine Zeit um ist. Meine Zeit beginnt zu einem gewissen Punkt und ist dann zu einem gewissen Punkt um.

Und Zeit und Raum hängen so eng zusammen, dass mein Leib stirbt, wenn meine Zeit um ist, aber was davon gar nicht berührt wird, ist mein Selbst.

Wir vergessen halt das Selbst immer, aber je mehr wir lernen im Ich-Selbst zu leben ‒ und das heißt im Augenblick zu leben: wir brauchen uns gar nicht um das Selbst zu kümmern, wir brauchen gar nicht an das Selbst zu denken, dann leben wir schon im Selbst.

Und je mehr wir lernen, das zu tun, umso mehr wird dann der letzte Augenblick der Augenblick sein, in dem das Ich stirbt, aber das Selbst bleibt: ewig, über der Zeit erhaben.

Es kommt für Rilke noch etwas sehr Wichtiges: Warum denn nicht gleich das Selbst? Warum dieser ganze Umweg über das Ich?

Und da hat er in einem Brief dieses wunderschöne Bild geprägt:

‹Wir sind die Bienen des Unsichtbaren.›

Das Sichtbare ist alles, was mit dem Ich zu tun hat in Raum und Zeit, das Unsichtbare ist das Selbst. Und wir sind die Bienen des Unsichtbaren, die Honigbienen und eifrig ‒ ‹éperdument› ‒, er schreibt das in Französisch[3]: ganz hingegeben sammeln wir den Nektar des Sichtbaren ‒ also alles, was wir mit den Sinnen erfassen ‒, in die große goldene Honigwabe des Unsichtbaren.

Das ist unsere Lebensaufgabe. Und das heißt, dass nichts verlorengeht.

Es kann nicht verloren gehen, denn ‹Alles ist immer jetzt› (T. S. Eliot).[4]

Und wenn wir im Jetzt leben, ist es und ist und ist: Es hat Anteil an der Zeit ‒ wir erleben es in der Zeit ‒, aber alles, was ist, ist zugleich in diesem Doppelbereich, zugleich in der Zeit und über die Zeit hinaus, weil ‹Alles ist immer jetzt› ist, alles! Und das ist nicht nur der Mensch, der immer ist[5]

«Doppelbereich nennt Rilke die Einheit von Diesseits und Jenseits und sagt:

‹Engel (sagt man) wüssten oft nicht, ob sie unter Lebenden gehen oder Toten.›[6]

Nur wenn ich mich bewusst in diesem Doppelbereich von Vergänglichem und Bleibendem bewege, kann ich in allem Vergänglichen das Bleibende miterfahren und in allem Bleibenden Dich, Du Ursprung bleibenden Seins.

Erweitere Du die Reichweite meiner Sinne; öffne sie für das Übersinnliche im Sinnlichen. Lass mich ‹die Spiegelung im Teich› als ein Ganzes sehen und dieses Bild niemals vergessen. Lass mich jetzt schon das vertrauliche Nahsein der uns Vorangegangenen erfahren. Und wenn meine Zeit kommt, heimzugehen, dann schenk mir einen sanften Übergang. Amen.»[7]

[Quellenangaben zum obigen Text in Anm. 5 und 7]

[Ergänzend:

1. ‹Wir sind die Bienen des Unsichtbaren› und unsere Aufgabe: Rühmen, Er-innern, Aufheben

2. Den einen Pol im andern sehen:

Ich bin durch Dich so ich (2016): ‹9 Doppelbereich ‒ 9. Dialog›, 190f.; siehe auch Kreuz ‒ Sinnbild

Johannes Kaup: «Das Geistige und das Emotionale, das Leibliche und Seelische, das Profane und das Heilige, das Zeitliche und das Ewige: Wie hängen diese Doppelbereiche zusammen bzw. wie existieren Sie in diesen Doppelbereichen so, dass Sie nicht an einer Gespaltenheit leiden?»

Bruder David: «Diese Gegensätze begegnen uns überall, und die wichtige Einsicht ist, dass wir sie zwar unterscheiden können, aber nicht trennen dürfen. Sie bleiben Gegensätze, gehören aber innig zueinander und bedingen einander. Sie polarisieren nicht das Leben, sondern sind Pole einer unteilbaren Einheit.

Clemens Brentano weist an einer wichtigen Stelle seiner Dichtung auf Pole jeder vollen Lebendigkeit hin:

‹O Stern und Blume, Geist und Kleid, Lieb, Leid und Zeit und Ewigkeit.›

Rilke hat dafür den schönen Begriff Doppelbereich geprägt.

Wir können Polarisierung dadurch vermeiden, dass wir den einen Pol anschauen und in diesem Pol schon den anderen sehen. Ich schaue z. B. auf die Zeit und erfahre in der Zeit die Ewigkeit, eben das Jetzt, das über die Zeit hinausgeht. Oder ich schaue auf das Leid und sehe darin das irdische Antlitz der Liebe. Ich schaue auf den Stern und sehe darin die Blume oder ich schau die Blume und sehe darin den Stern. Der ganze Kosmos ist ein Doppelbereich.»]

 ________________

[1] T. S. Eliot: Four Quartets: The Dry Salvages, III

[2] A-DWAITA, in: Das ABC der Schlüsselworte, 128: ‹A-Dwaita ist ein zentral wichtiges Wort im Hinduismus und bedeutet wörtlich Nicht-Zweiheit›; siehe auch Jetzt im Doppelbereich: Ergänzend: 3.1.

[3] Rilke im Brief an seinen polnischen Übersetzer Witold Hulewicz: ‹Nous butinons éperdument le miel du visible, pour l’accumuler dans la grande ruche d’dor de l’Invisible.›

[4] T. S. Eliot: Four Quartets: Burnt Norton, V; siehe auch Stillehalten

[5] Sinngemäße Wiedergabe des Vortrags von Bruder David in Fragen, denen wir uns stellen müssen (2016): Tag 4 ‒ Nachmittag: ‹Memento mori› ‒ ‹memento vivere› (21:24-31:31)

[6] Rilke, aus der Ersten Duineser Elegie

[7] Erwachende Worte (2023): ‹Doppelbereich›, 35



Quellenangaben

Film, Text und Audios von Br. David Steindl-Rast OSB

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«Altern war mein Schicksal, jetzt ist es Aufgabe ‒ ein gesegnetes Schicksal und eine nicht ganz leichte Aufgabe. Unter den Gaben des Altwerdens bin ich vor allem für meine Gesundheit dankbar ‒ ein unermessliches Geschenk. Dann für die unzähligen Begegnungen in all diesen Jahren ‒ die erinnerten und die vergessenen; sie alle haben mich geformt. Und wenn ich an die Erlebnisse denke, zu denen diese vielen Jahre mir Zeit schenkten, dann bin ich überwältigt von Dankbarkeit.

Jetzt gilt es, die Erinnerungen zu sichten. Schenk ihnen, ich bitte Dich, noch sonnige Herbsttage, in denen sie zur vollen Süße ausreifen können.[1] Lass mich alles, was mich drückt, vertrauensvoll Deiner Vergebung übergeben, alles Schöne noch einmal lange und dankbar betrachten und dann loslassen. Von allem Beschwerlichen des Alterns lass mich die Augen aufheben zum ‹Morgenglanz der Ewigkeit›. Amen».[2]

Johannes Kaup im Gespräch mit Bruder David: «Bruder David, ich habe noch keine Ahnung, wie es sich anfühlt, wenn man neunzig Jahre alt ist. Da kommt sicher einiges auf mich zu. Doch nicht nur ich bewundere, dass Sie in Ihrem Alter noch so wach, so neugierig und lebendig sind. Was ist das, was Sie heute im vielleicht letzten Lebensjahrzehnt beschäftigt, umtreibt, bewegt?»

Bruder David: «Es kristallisiert sich für mich immer klarer heraus, dass meine große Aufgabe darin besteht, im Jetzt zu leben und das immer wieder zu üben.

Das sehe ich als meine Hauptaufgabe an, und zugleich ist es ein großes Geschenk, das so viele Jahrzehnte lang üben zu dürfen.

Vielleicht wird uns das Leben nur verlängert, weil wir noch nicht gelernt haben, wirklich im Jetzt zu leben.»

Johannes Kaup: «Woran haben Sie heute noch besondere Freude? Worüber können Sie nach wie vor staunen und was macht Ihr Herz ganz weit?»

Bruder David: «Um das zu beantworten, müsste ich alles aufzählen, was mir im Lauf des Tages begegnet. Alles macht mich staunend, mehr als je zuvor. Schon wenn ich am Morgen die Augen aufschlage. Dass mir noch einmal ein Tag geschenkt wird, ist das nicht eine große Überraschung?

Johannes Kaup: «Ich bin auch noch da ...»

Bruder David: «Aha! Es gibt mich noch. Alles, alles wird immer staunenswerter.»

Johannes Kaup: «Das heißt staunenswerter, je älter Sie werden ‒ wie das? Sie könnten ja auch sagen: ‹Ich bin schon abgebrüht, ich kenne das schon.›»

Bruder David: Wie Augustinus sagt:

«Alles ist Gabe, alles ist Gnade, alles ist Geschenk.»[3]

Als junger Mann wanderte ich bei einem meiner ersten Besuche in New York City eines Abends die 5th Avenue aufwärts und schlenderte an der 59th Straße in den kleinen Zoo hinein, den es damals an dieser südöstlichsten Ecke des Central Parks gab. Den Zoo besuchten vor allem Kinder und um diese Zeit war ich alleine hier. Doch plötzlich fühlte ich eine mächtige Gegenwart, blickte auf und sah einen Gorilla auf dem Dach seines Häuschens sitzen. Der massige Klotz schien sich in der Dämmerung riesig aufzutürmen und doch saß er gebeugt und wie trauernd da. Beim Näherkommen konnte ich in seine Augen schauen, aber es schien mir, dass er mich kaum wahrnahm und seine Gedanken weit weg irgendwo wanderten. Er war alt, vielleicht sehr alt. Ich kann nicht sagen, wie lange wir so Auge in Auge verweilten, aber ich weiß, es war eine ganze Zeit lang. Lange genug, um mir etwas mitzuteilen über das Altwerden, eine Ahnung, so tief, dass ich sie immer noch nicht völlig ausgelotet habe, auch nicht in diesem bisher letzten Jahrzehnt meines Lebens ‒ ich sage «bisher», denn ich habe gelernt, mit Überraschungen zu rechnen, und weil es eben noch Geheimnisse gibt, die aufs Ausloten warten.

In diesem Lebensabschnitt gerät das Senklot meines ahnenden Nachdenkens immer wieder in Tiefen, in denen ich ein Schlüsselwort Rilkes hilfreich finde; der Dichter spricht vom Doppelbereich:

«Mag auch die Spieglung im Teich
oft uns verschwimmen:
W i s s e  d a s  B i l d.

Erst in dem Doppelbereich
werden die Stimmen
ewig und mild.»
[4]

Auf vieles lässt sich dieses Bild anwenden, und dabei erscheint es mir besonders wichtig, nicht zu vergessen, dass der Doppelbereich eine untrennbare Einheit ist, auch wenn mein Denken seine beiden Aspekte immer wieder auseinanderreißen möchte. Unterscheiden ‒ ja; trennen ‒ nein!

Aufs Ganze zu schauen, es so umfassend wie möglich zu sehen und nicht zu erlauben, dass es in meiner Vorstellung auseinanderfällt ‒ das sehe ich als meine große Aufgabe beim Altwerden.

T. S. Eliot weist auf die Schwierigkeit hin:

«Ich will dir zeigen, was das Alter bringt ...
Da Leib und Seele auseinanderfallen.»
[5]

An manchen Tagen scheint es wirklich, als ob alles im Begriff wäre, auseinanderzufallen: Das Dinkelweckerl fällt mir in den vollen Suppenteller und bespritzt die weiße Kutte von oben bis unten mit Kürbissuppe und Kernöl ‒ schwarz und gelb in den kaiserlichen Farben.

Ist das meine «zweite Kindheit»? Aus meiner ersten weiß ich, weil meine Mutter es mir lachend erzählte: Als ich zum ersten Mal einen Teller voll Spinatsuppe vor mir auf dem Tisch sah, war ich so begeistert vom Grün, dass ich beide Hände in die Suppe tauchte und mich von oben bis unten damit anmalte. Auch jetzt lachen die Brüder verständnisvoll bei meinem kleinen Unfall im Refektorium und schlagen vor: «Vielleicht darf man das ‹Aktionskunst› nennen.» Das ist jedenfalls eine positivere Interpretation, als vom Auseinanderfallen zu sprechen.

Warum liegt denn überhaupt der Gedanke nahe, dass beim Altwerden und Sterben Leib und Seele auseinanderfallen?

Weil ich mir einerseits bewusst bin, dass meine Seele, mein Selbst, im Jetzt lebt, also nicht in der Zeit gefangen ist, andererseits aber mein Leib einen Anfang hatte bei meiner Empfängnis und seinem Ende zugeht, das täglich näher kommt.

Durch meinen Leib bin ich also an die Zeit gebunden und mein Ich ist vergänglich, mein Selbst aber hat Bestand.

Und doch erlebe ich mich als Einheit, als ich selbst ‒ nicht als ich und selbst. Dieses Einssein ist mir jedoch nur bewusst, solange ich im Jetzt lebe, im Augenblick, im Doppelbereich von Zeit und Ewigkeit.

Sobald ich an Vergangenem hängen bleibe oder mich in Zukunftsfantasien verstricke, bin ich mir nur mehr des Zeitablaufs bewusst, und es bedrückt mich, dass meine Zeit rasch abläuft und ausläuft.

«Ich verrinne, ich verrinne
wie Sand, der durch Finger rinnt,»
[6]

sagt der Dichter. Ich sehe es jetzt mehr noch als in früheren Lebensabschnitten als meine große Aufgabe an, immer wieder ins Jetzt zurückzukehren und zu erkennen, dass ich nicht in einem Nebeneinander von Zeit und Ewigkeit lebe, sondern in ihrem Ineinander, in der dynamischen Spannung des einen Doppelbereichs.[7]

«Doppelbereich nennt Rilke die Einheit von Diesseits und Jenseits und sagt:

‹Engel (sagt man) wüssten oft nicht, ob sie unter Lebenden gehen oder Toten.›[8]

Nur wenn ich mich bewusst in diesem Doppelbereich von Vergänglichem und Bleibendem bewege, kann ich in allem Vergänglichen das Bleibende miterfahren und in allem Bleibenden Dich, Du Ursprung bleibenden Seins.

Erweitere Du die Reichweite meiner Sinne; öffne sie für das Übersinnliche im Sinnlichen. Lass mich ‹die Spiegelung im Teich› als ein Ganzes sehen und dieses Bild niemals vergessen. Lass mich jetzt schon das vertrauliche Nahsein der uns Vorangegangenen erfahren. Und wenn meine Zeit kommt, heimzugehen, dann schenk mir einen sanften Übergang. Amen.»[9]

In seinem berühmten Gedicht «Sailing to Byzantinum»[10] sagt Butler Yeats, ein alter Mann sei eine jämmerliche Vogelscheuche,

«… wenn nicht die Seele klatscht und singt und lauter singt
für jeden Riss im sterblichen Gewand.»

Das versuche ich zu tun, so oft wieder etwas in Fetzen geht am «sterblichen Gewand», und klatsche dankbar allen Körperteilen und Organen Beifall, die noch funktionieren. So wird das, wofür ich dankbar sein kann, täglich mehr.

«Mein Becher fließt über» (Psalm 23,5).

Es wird mir immer klarer bewusst: Dankbarkeit ist Feste feiernde Liebe.

Wie Liebe das gelebte Ja freudiger Zugehörigkeit ist, so feiert Dankbarkeit das Leben durch ein freudiges Ja an jedem Knoten des großen Netzwerks, in dem alles mit allem zusammenhängt.

Je überzeugter wir dieses Ja leben, desto sommerlicher reift die Liebe in uns und um uns.[11]

Ein großer Denker ‒ Otto Mauer ‒, ein Wiener Priester, Mitte des 20. Jh., hat das wunderschön ausgedrückt:

‹Der Mensch stirbt nicht am Tod, sondern an ausgereifter Liebe›.[12]

Also das ist die Aufgabe des ganzen Lebens: die Liebe ausreifen zu lassen.»[13]

[Quellenangaben zum obigen Text in Anm. 2f., 7, 9, 11, 13]

[Ergänzend:

1. Film Was am Ende wirklich zählt (2022) und Transkription, 13:

Isha Johanna Schury: «Ja, diese Energie des Lernen Wollens, das ist auch ein Geschenk, ich trage das ganz stark. Deswegen hatte ich auch den Impuls für diesen ÄLTESTENRAT-Kongress, weil ich es wunderschön finde, von dieser Weisheit und von dieser Erfahrung lernen zu dürfen. Da wohnt so viel ‒ großes Geschenk für mich drin. Viele von uns haben so das Gefühl, sie müssen nichts mehr lernen, sie wissen schon alles, aber lernen ist doch eine große Freude und trägt mich schon ein ganzes Stück weiter.»

David Steindl-Rast: «Ich war noch ein recht junger Mann, als ich eines Abends in New York City in einen kleinen Zoo hineingewandert bin ‒ damals hat es den Zoo noch gegeben, den gibt es heute nicht mehr, das muss eine Art Kinderzoo gewesen sein im Central Park. Da war kein Mensch drinnen, es war eben Abend, kurz vor dem Absperren ‒ stell ich mir vor. Da ist auf dem Dach seiner Hütte ein Orang-Utan gesessen. Der ist nur so dort gesessen und ich bin lange Zeit vor dem gestanden. Der hat mir eine Weisheit übermittelt, die mir für das ganze Leben wichtig war. Ich kann es natürlich nicht in Worte fassen, aber das war ein weises altes Lebewesen. Dafür bin ich immer noch dankbar. Das ist mindestens schon … 60 oder 65 Jahre her.»

Isha Johanna Schury: «Wunderschön, wunderschön. Diese Weisheit strahlt einfach, die so ein älteres, gelebtes, erfahrenes Wesen in sich trägt. Und so Vieles kann man nicht mit Worten ausdrücken, was einfach die Worte übersteigt.»

2. Widersprüche in ein Sinnbild fassen:

Audio Fragen, die uns bewegen (2005) (28:48) und Text in Und ich mag mich nicht bewahren (2012): Vom Älterwerden und Reifen, 29-32, siehe auch Kreuz ‒ Sinnbild:

«Wenn wir unseres Lebens viele Widersinne versöhnen und dankbar in ein Sinnbild fassen: Was kann dieses Sinnbild sein?»

3. Wirklich werden:

Musik der Stille (2023), 27; siehe auch: Jetzt im Stundengebet: Ergänzend: 2. ‹Die Tagzeiten›:

«Warum haben wir Angst, im Jetzt zu leben? Wir fürchten uns, wirklich zu werden, genau wie die Spielsachen im Kinderbuch ‹Der Plüschhase›[14]. Sie wollen alle wirklich werden ‒ das ist der größte Traum der Spielsachen. Zugleich fürchten sie sich davor, und deshalb fragen sie ein erfahreneres Spielzeug:

‹Tut Wirklichwerden weh?›

Das ist dieselbe Angst, die wir haben. Tut die Begegnung mit der Wirklichkeit weh? Das alte Spielzeug gibt weise zur Antwort:

‹Wenn du wirklich bist, macht es dir nichts aus, dass es weh tut.›»

4. Sich erinnern:

Achtsamkeit des Herzens (2021): ‹Sinnlichkeit und christliche Askese›,97f.; siehe auch Rühmen, Er-innern, Aufheben:

«Wir müssen dem Wort ‹Erinnerung› hier seine volle Bedeutung zurückgeben. Er-innerung ist Ver-innerlichung, Sinnernte unserer Sinnlichkeit ‒ Einbringung, Verwandlung.

Rilke schreibt in seinem Brief an seinen polnischen Übersetzer Witold Hulewicz, 13. November 1925:

‹So gilt es, alles Hiesige nicht nur nicht schlecht zu machen und herabzusetzen, sondern gerade, um seiner Vorläufigkeit willen, die es mit uns teilt, sollen diese Erscheinungen und Dinge von uns in einem innigsten Verstande begriffen und verwandelt werden.

Verwandelt?

Ja, denn unsere Aufgabe ist es, diese vorläufige, hinfällige Erde uns so tief, so leidend und leidenschaftlich einzuprägen, dass ihr Wesen in uns ‹unsichtbar› wieder aufersteht.

Wir sind die Bienen des Unsichtbaren.

Nous butinons éperdument le miel du visible, pour l'accumuler dans la grande ruche d'or de l'Invisible: Wir tragen leidenschaftlich den Honig des Sichtbaren ein, um ihn im großen goldenen Bienenkorb des Unsichtbaren anzuhäufen.›

Kennen wir nicht dieses selbstvergessene Blütensaftsaugen aus der tiefsten Erfahrung unseres eigenen Lebens? So verwandelt unser Herz das Sinnliche unseres wachsten Erlebens und birgt es in seiner großen, goldenen Honigwabe als Sinn. Darum wird beim Altwerden jedes Weihnachtsfest reicher, gewichtiger, schwerer und süßer, weil Freude und Traurigkeit aller vergangenen Weihnachtsfeste von frühester Kindheit an im Erleben mitschwingt; weil in der Erinnerung Altes und Neues einander bereichern.

5. Unter Tränen lächelnd, willig dieses Lied singen:

So leben wir und nehmen immer Abschied (2009)
Vortrag:
(25:52) ‹Wandelt sich rasch auch die Welt› (Rilke, Sonette an Orpheus 1. Teil, XIX): Bruder David deutet das Sonett mit Blick auf die Zeit und das Jetzt, das kleine Ich und das Selbst, Orpheus und Christus

Retreat-Woche in Assisi (1989)
Schöpfungsmythos und Anfangsritual …
(36:58) ‹Wandelt sich rasch auch die Welt› (Rilke, Die Sonette an Orpheus 1. Teil, XIX)

Die Achtsamkeit des Herzens (2021): ‹Sinnlichkeit und christliche Askese›,98f.:

«Wandelt sich rasch auch die Welt
wie Wolkengestalten,
alles Vollendete fällt
heim zum Uralten.

Über dem Wandel und Gang,
weiter und freier,
währt noch dein Vor-Gesang,
Gott mit der Leier.

Nicht sind die Leiden erkannt,
nicht ist die Liebe gelernt,
und was im Tod uns entfernt,

ist nicht entschleiert.
Einzig das Lied überm Land
heiligt und feiert.»

R. M. Rilke: Sonette an Orpheus Teil 1, XIX

«In diesem ‹Lied überm Land› liegt der bleibende Sinn, in den das horchende Herz allen Wandel führt. Unter Tränen lächelnd, willig dieses Lied singen, das heißt durch die Sinne Sinn finden[15]]

___________________

[1] ‹Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren laß die Winde los.

Befiel den letzten Früchten, voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin, und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.›

R. M. Rilke: ‹Herbsttag›

[2] Erwachende Worte (2023): ‹Altern›, 99

‹Morgenglanz der Ewigkeit
Licht vom unerschaffnen Lichte,
schick uns diese Morgen-Zeit
deine Strahlen zu Gesichte,
Und vertreib’ durch deine Macht
unsre Nacht.›

Erste Strophe aus dem Kirchenlied von Christian Knorr von Rosenroth (1636-1689) im heutigen Sprachgebrauch

[3] Ich bin durch Dich so ich (2016): ‹9. Doppelbereich ‒ ‹9. Dialog, 193; siehe auch Jetzt im Doppelbereich

[4] Rilke: Sonette an Orpeus 1. Teil, IX

[5] ‹Let me disclose the gifts reserved for age
To set a crown upon your lifetimes’s effort.
First, the cold friction of expiring sense
Without enchantment, offering no promise

But bitter tastelessness of shadow fruit
As body and soul begin to fall asunder.›

T. S. Eliot: Four Quartets: Little Gidding, II

[6] Siehe auch Jetzt im Doppelbereich, Anm. 1 und Audio zu Beginn von Kreuz ‒ Sinnbild:

‹Stimme eines jungen Bruders

Ich verrinne, ich verrinne
wie Sand, der durch Finger rinnt.
Ich habe auf einmal so viele Sinne,
die alle anders durstig sind.
Ich fühle mich an hundert Stellen
schwellen und schmerzen.
Aber am meisten mitten im Herzen.

Ich möchte sterben. Laß mich allein.
Ich glaube, es wird mir gelingen,
so bange zu sein,
daß mir die Pulse zerspringen.›

R. M. Rilke, Das Stunden-Buch

[7] Ich bin durch Dich so ich (2016): ‹9 Doppelbereich›, 180-182

[8] Rilke, aus der Ersten Duineser Elegie

[9] Erwachende Worte (2023): ‹Doppelbereich›, 35; siehe auch dieses Gebet am Ende des Haupttextes in Doppelbereich Ich-Selbst

[10] ‹An aged man is but a paltry thing,
A tattered coat upon a stick, unless
Soul clap ists hand an sing, and louder sing
For every tatter in tis mortal dress …›

W. B. Yeats: Sailing to Byzantium

[11] Ich bin durch Dich so ich (2016): ‹9 Doppelbereich›, 186

[12] Siehe auch Sterben und Tod: Ergänzend: 1.

[13] Film Was am Ende wirklich zählt (2022) und Transkription, 8

[14] Siehe auch in Das Vaterunser (2022), 106, und Erlösende Kraft, Anm. 4:

«In dem klassischen Kinderbuch von Margery Williams ‹The Velveteen Rabbit›, erschienen 1922, das es als ‹Der Samthase› auch auf Deutsch gibt, reden bei Nacht die Puppen und Teddybären über ihren sehnlichsten Wunsch: wirklich zu werden. ‹Tut Wirklichwerden weh?›, fragen sie das alte, erfahrene Schaukelpferd. Das aber weiß: Einem, der wirklich wird, macht es nichts aus, dass das wehtut.»

[15] Siehe auch dieses Sonett im Film Wir sind daheim in dieser Welt (1975)
(08:59)
vorgetragen von Ellinor Jensen; siehe auch Transkription



Quellenangaben

Text und Audios von Br. David Steindl-Rast OSB

jesus d christus titelCopyright © -Arijana Somolanji Kurbanović

[Audio Vortrag(03:58-9:53)] «Ich möchte mit ein paar Zeilen eines Gedichtes aus Rilkes Stundenbuch beginnen, die unsere Situation recht gut kennzeichnen, die Situation aus der vielleicht viele von euch heute Abend hierhergekommen sind:

Ich verrinne, ich verrinne
wie Sand, der durch Finger rinnt.
Ich habe auf einmal so viele Sinne,
die alle anders durstig sind.
ich fühle mich an hundert Stellen
schwellen und schmerzen.
Aber am meisten mitten im Herzen.›

Dieses Verrinnen, dieses sich Verlieren ist genau das Gegenteil von der Sammlung, die uns zu unserer Herzmitte führt.

Darum auch nicht nur die Beschreibung dieser Situation, die wir so gut aus unserer eigenen Erfahrung kennen, aus dem täglichen Leben:

‹Ich verrinne, ich verrinne›: ich verliere mich, ‹ich verrinne
wie Sand, der durch Finger rinnt›
,

sondern ich fühle den Schmerz dieses Verrinnens am meisten mitten im Herzen, am meisten dort, wo ich gesammelt sein sollte, aber nicht gesammelt bin.

‹Ich habe auf einmal so viele Sinne›: die Sinne, die einander widersprechen, die Sinne, die uns hinausziehen und uns hinauslocken, weil wir sie nicht zusammenbringen können in einen Sinn.

Die Frage des Sinnlichen ist ungeheuer wichtig im Zusammenhang mit dem Herzen: Es ist nur durch die Sinne, dass wir Sinn finden können. Aber unsere Sinne können einander widersprechen, wie das eben hier so schön heißt:

‹Ich habe auf einmal so viele Sinne,
die alle anders durstig sind.›

Anstatt dankbar empfangend zu sein, sind sie durstig und widersprechen einander. Und die große Aufgabe, wenn wir das Herz finden wollen, ist, diese Sinne in unserer Sinnlichkeit zu sammeln und die Sinne in ein Sinnbild zu sammeln.

Und daher ein paar andere Zeilen auch aus dem Stundenbuch Rilkes:

‹Wer seines Lebens viele Widersinne (die einander widersprechenden Sinne)
versöhnt und dankbar in ein Sinnbild fasst,
der drängt die Lärmenden aus dem Palast,
wird anders festlich, und du bist der Gast,
den er an sanften Abenden empfängt.

Du bist der Zweite seiner Einsamkeit,
die ruhige Mitte seinen Monologen;
und jeder Kreis, um dich gezogen,
spannt ihm den Zirkel aus der Zeit.›

Ein Gebet an Gott gerichtet:

‹Du bist der Gast,
den er an sanften Abenden empfängt›,

wenn es ihm gelingt, seines Lebens viele Widersinne zu versöhnen und dankbar in ein Sinnbild zu fassen.

Darum geht es uns und darum ist es auch so hilfreich, Bilder aus der Dichtersprache dazu zu verwenden, die uns helfen, unser eigenes Erleben zu fassen und in ein Sinnbild zu fassen.

Wir können Sinn letztlich nur durch die Sinne finden. Wie sollten wir ihn anders finden? Thomas von Aquin sagt schon, dass nichts in unserem Intellekt ist, was nicht durch die Sinne hereingekommen ist.

Wir wären leer ohne die Sinne. Die Sinne können auch einander widersprechen, können durstig uns zerreißen, wenn wir sie nicht zusammenführen und es ist das Sinnbild, durch das wir sie zusammenführen und in dem wir dann Sinn finden.

Sinn bedeutet in diesem Zusammenhang das, worin wir Ruhe finden. Das worin wir ausruhen können. Das womit wir das Leben feiern können.

Darum sagt Rilke auch: Wem dies gelingt, der ‹wird  a n d e r s  festlich›, anders festlich als unsere weltlichen Feste sind: Der hat die Mitte gefunden, für den wird das Göttliche zum ‹Zweiten seiner Einsamkeit›,

‹die ruhige Mitte seinen Monologen;
und jeder Kreis, um dich gezogen,
spannt ihm den Zirkel aus der Zeit.›

Wir alle kennen ‒ und hier richte ich mich an ihr eigenes Erleben ‒, es kommt ja sehr viel darauf an, dass wir nicht Abstraktionen herumwerfen, sondern, dass wir vom Erlebten zum Erlebnis sprechen, dass wir in der Erinnerung unsere eigenen Erlebnisse hier hereinbringen:

Ich glaube, Sie erinnern sich alle an Augenblicke, in denen uns das Leben plötzlich in ein Sinnbild gefasst wird. Manchmal ist es ein visuelles Sinnbild, manchmal ist es Musik, manchmal ist es eine Begegnung: auf viele verschiedene Arten kann sich plötzlich alles für uns in ein Bild sammeln, in ein Wort sammeln.»[1]

Wenn wir unseres Lebens viele Widersinne versöhnen und dankbar in ein Sinnbild fassen: Was kann dieses Sinnbild sein?

Clemens Brentano nennt in einem wunderschönen Gedicht das Feldkreuz als dieses Sinnbild. Er hat dieses Gedicht an das Ende seines Buches gestellt und damit eigentlich an das Ende von allem, was er geschrieben hat.[2]

«Was reif in diesen Zeilen steht,
Was lächelnd winkt und sinnend fleht,
Das soll kein Kind betrüben,
Die Einfalt hat es ausgesäet,
Die Schwermut hat hindurchgeweht,
Die Sehnsucht hat's getrieben;
Und ist das Feld einst abgemäht,
Die Armut durch die Stoppeln geht,
Sucht Ähren, die geblieben,
Sucht Lieb', die für sie untergeht,
Sucht Lieb', die mit ihr aufersteht,
Sucht Lieb', die sie kann lieben,
Und hat sie einsam und verschmäht,
Die Nacht durch dankend in Gebet,
Die Körner ausgerieben,
Liest sie, als früh der Hahn gekräht,
Was Lieb' erhielt, was Leid verweht,
Ans Feldkreuz angeschrieben,
O Stern und Blume, Geist und Kleid,
Lieb', Leid und Zeit und Ewigkeit!»

Im Kreuz steht die Gegenwart, das Jetzt, senkrecht auf dem Fluss der Zeit: der gegebene Augenblick. Brentano findet ans Feldkreuz angeschrieben diese Worte. Und er findet den Gekreuzigten, der ihm zum Sinnbild wird.

«Oh Stern und Blume
Geist und Kleid
Lieb, Leid und
Zeit und Ewigkeit!»

In allem, was es gibt, drückt sich das Grenzenlose, Unbegrenzte und Unendliche aus. Es drückt sich in allen Formen aus. Der Stern etwa zeigt sich in der Blume. Kinder zeichnen das gerne, den Stern. Oder die Sonne oben und drunter die Sonnenblume, oder den Stern und die Sternblume.

«Oh Stern» ‒ das Unendliche ‒ und die Blume ‒ das ganz Kleine.

«Geist und Kleid»: Alles, was wir sehen, ist Kleid des Geistes. Alles, was es gibt, ist Gabe dieses unbegrenzten Es, das uns alles gibt.

Auch «Lieb und Leid». Im Leid drückt sich die Liebe völlig aus. Das Unbegrenzte ist die Liebe, das Leid ist die begrenzte Form, in der wir hier in diesem Leben die Liebe am tiefsten erfahren. Dieses Sinnbild ist am Feldkreuz angeschrieben.

Und schließlich: «Zeit und Ewigkeit». Am Feldkreuz wird es umgedreht: «Ewigkeit und Zeit». Die Ewigkeit drückt sich in der Zeit aus, in dem Augenblick. So wie der Stern in der Blume, wie der Geist in seinen vielen Kleidern, wie die Liebe sich im Leid ausdrückt. Zeit und Ewigkeit. Das ist das Sinnbild, scheint mir, in dem wir die vielen Widersinne unseres Lebens versöhnen und dankbar zusammenfassen ‒ das Kreuz.[3]

Johannes Kaup: «Das Geistige und das Emotionale, das Leibliche und Seelische, das Profane und das Heilige, das Zeitliche und das Ewige: Wie hängen diese Doppelbereiche zusammen bzw. wie existieren Sie in diesen Doppelbereichen so, dass Sie nicht an einer Gespaltenheit leiden?»

Bruder David: «Diese Gegensätze begegnen uns überall, und die wichtige Einsicht ist, dass wir sie zwar unterscheiden können, aber nicht trennen dürfen. Sie bleiben Gegensätze, gehören aber innig zueinander und bedingen einander. Sie polarisieren nicht das Leben, sondern sind Pole einer unteilbaren Einheit.

Clemens Brentano weist an einer wichtigen Stelle seiner Dichtung auf Pole jeder vollen Lebendigkeit hin:

‹O Stern und Blume, Geist und Kleid, Lieb, Leid und Zeit und Ewigkeit.›

Rilke hat dafür den schönen Begriff Doppelbereich geprägt.

Wir können Polarisierung dadurch vermeiden, dass wir den einen Pol anschauen und in diesem Pol schon den anderen sehen. Ich schaue z. B. auf die Zeit und erfahre in der Zeit die Ewigkeit, eben das Jetzt, das über die Zeit hinausgeht. Oder ich schaue auf das Leid und sehe darin das irdische Antlitz der Liebe. Ich schaue auf den Stern und sehe darin die Blume oder ich schau die Blume und sehe darin den Stern. Der ganze Kosmos ist ein Doppelbereich.»[4]

[Die Quellenangabe zum obigen Text in Anm. 1, 3f.]

[Ergänzend:

1. Die Crux gemmata:

Fragen, denen wir uns stellen müssen (2016): Tag 4 ‒ Nachmittag
‹Memento mori› ‒ ‹memento vivere›:
Gespräch:
(01:08:24) Die Crux gemmata, das mit Edelstein geschmückte kosmische Kreuz im Vergleich zum Isenheimer Altar

Das Leid des Lebens zu Herzen nehmen (1992)
Zweites Seminar mit Bruder David im Rittersaal des Schlosses Goldegg
Teil 1:
(21:55) Der Auferstandene trägt nicht Narben, sondern freudenstrahlende Wunden: Ursprünglicher Sinn der Kreuzenthüllung und Ausklang mit Glockengeläut

2. Prophetischer Gehorsam im Sinnbild des Kreuzes:

Arbeit und Schweigen, Beitrag von Bruder David im Buch Geist und Natur (1989), 298; siehe auch Reich Gottes ‒ ‹gekreuzigt›: Ergänzend: 2.:

«Das Ideal des Gehorsams ist der prophetische Gehorsam, das heißt, ein Gehorsam, der so tief horcht, dass er etwas hört, was die vorherrschende Meinung nicht hören will, und nicht umhin kann, es klar herauszusagen.

So wie der Prophet Jeremias, der es ja gar nicht sagen will. Er schreit: ‹Ich will meinen Mund verschließen, weil es mich in solche Unannehmlichkeiten bringt, aber es verbrennt mich von innen. Ich kann nicht anders, es stößt mir von innen den Mund auf› (Jer 20, 7-18).

Wenn wir sagen, denen geb ich es jetzt einmal, ich weiß schon, was Gott von denen will, dann sind wir höchstwahrscheinlich nicht gerade prophetisch. Wenn wir uns winden und wenden, aber nicht umhin können, es doch zu sagen, dann besteht eine gewisse Möglichkeit, Prophetisches zu äußern.

Aber es gehört noch etwas dazu. Das freie und tapfere Aussprechen genügt nicht, obwohl das schon schwer genug ist. Wenn wir es jetzt sagen und dann schnell hinausgehen, schnell verschwinden, dann sind wir nur noch Kritiker von außen, aber der Prophet ist kein Kritiker von außen. Der Prophet steht drinnen, mitten in der Gemeinschaft. ‹Kein Prophet kann außerhalb Jerusalems sterben› (Lk 13,33),[5] sagt Jesus, das heißt, er muss dort sein, wo es ums Wesentliche geht.

So müssen auch wir mitten drinstehen. Dieses Drinstehen in einer Gemeinschaft ist so schwierig, dass man glauben sollte, es genüge schon. Drinnen zu bleiben, ohne sich bemerkbar zu machen, ist schwer genug. Darin, dass beides von uns verlangt wird, in der Gemeinschaft zu stehen  u n d  sie zugleich herausfordern, da liegt das Kreuz des Propheten.

Das Drinnenstehen ist der senkrechte Balken und das Herausfordern ist der horizontale Balken.

So endet jeder Prophet früher oder später am Kreuz. Versuchen Sie nur einmal bei irgendeiner Gelegenheit, wirklich aus dem tiefsten inneren Horchen, aus dem Herzen zu sprechen, besonders dann, wenn sich das, was Sie sagen wollen, mit der vorherrschenden Meinung nicht ganz verträgt. Sie werden auf die eine oder die andere Weise gekreuzigt werden.»]

_______________

[1] Transkription des Vortrags (03:58-09:53) Mit dem Herzen horchen (1988):
(03:58) ‹Ich verrinne, ich verrinne›
/ (06:32) ‹Wer seines Lebens viele Widersinne (R. M. Rilke aus dem Stundenbuch) / (07:56) Die Sinne im Sinnbild zusammenführen, Sinn finden: Das worin wir Ruhe finden ‒ Augenblicke, in denen uns das Leben plötzlich in ein Sinnbild gefasst wird

[2] Mit diesem Gedicht enden die ‹Blätter aus dem Tagebuch der Ahnfrau›, die Fortsetzung des Märchens ‹Gockel, Hinkel und Gackeleia›. In den heutigen Ausgaben trägt das Gedicht die Überschrift ‹Eingang›.

[3] Fragen, die uns bewegen (2005):
(28:48)
‹Wer seines Lebens viele Widersinne› (Rilke, Das Stundenbuch) ‒ ‹O Stern und Blume, Geist und Kleid, Lieb’, Leid und Zeit und Ewigkeit› (Clemens Brentano, ‹Eingang›); der Text dazu in Einsichten aus Rilkes Dichtung, Teil II (2014), 121-123, und der Vortrag Fragen, die uns bewegen (2005), abgedruckt im kleinen Buch Und ich mag mich nicht bewahren (2012): Vom Älterwerden und Reifen, 29-32

[4] Ich bin durch Dich so ich (2016): ‹9 Doppelbereich ‒ 9. Dialog›, 190f.; siehe auch Doppelbereich: Ergänzend: 2.

[5] Audio in Reich Gottes ‒ ‹gekreuzigt: Ergänzend: 3.2.



Quellenangaben

Text und Audios von Br. David Steindl-Rast OSB

jesus d christus titelCopyright © - Klaudia Menzi-Steinberger

 [Vortrag (05:21-30:56)]

«Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.

Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.

Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh die andre an: Es ist in allen.

Und doch ist einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.»

Rainer Maria Rilke: Herbst

«Es sind viele, viele Anklänge in dem Gedicht, nicht nur, dass jetzt gerade so Frühherbst ist und die Blätter fangen schon an zu fallen und

‹sie fallen mit verneinender Gebärde.›

Aber dieses Nein ist doch auch schließlich ein Ja oder fällt in das unendliche Ja Gottes.

‹Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh die andre an: Es ist in allen.

Und doch ist einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.›

Und mir klingt das fast wie ein Echo des Satzes im Johannesbrief:

‹Wenn dein Herz dich anklagt, Gott ist größer als dein Herz› (1 Joh 3,20).

Dieses Fallen ist auch ein Anklagen unseres Herzens und ich stell mir vor, dass besonders die, die mit Theresia viel zusammen waren, sich auch ständig immer fragen ‒ so ist das ja in solchen Gelegenheiten: ‹Hab ich das Rechte gesagt, hab ich das Rechte getan, was hätte ich sonst noch tun können. Wo war ich noch nicht, wie sie mich gebraucht hat?›

‹Wenn unser Herz uns anklagt, Gott ist größer als unser Herz› (1 Joh 3,20).

Sein sind diese Hände, in die wir da fallen, die allgemeine Fallkraft uns zieht ‒, die Schwerkraft, die zieht uns auf diesen Schwerpunkt hin. Das müssen wir schon ernst nehmen. Und überhaupt, ich glaube, dass der Trost, den wir finden können, immer daraus entspringt, dass wir den Tod ernst nehmen.

Wenn wir den Tod nicht ernst nehmen, nehmen wir auch das Leben nicht ernst und finden auch nicht den Trost, den wir finden können.

Aber wenn wir den Tod ernst nehmen, dann sehen wir zunächst, dass wir alle unsern Tod wählen.

Wenn es so dramatisch und mitten im Leben ist, wenn die Umstände so ungewöhnlich sind, dann ist es offensichtlicher.

Aber jeder, der mit Sterbenden war und der irgendetwas vom Sterben weiß und den Tod ernst nimmt, weiß auch, dass wir nicht sterben können, solange wir nicht unsern Tod willentlich wählen.

Natürlich ist es meistens für uns eine Krankheit oder einfach Altersschwäche, die uns umbringt, aber umgebracht werden ist ja noch nicht sterben.

Sterben ist etwas, was wir freiwillig tun müssen.

Sterben hat kein Passiv in der deutschen Sprache und in keiner der andern Sprachen, die ich kenne. Man kann nicht sagen: ‹Ich werde gestorben›

‹I c h  s t e r b e.›

Und darin drückt die Sprache eine tiefe Einsicht aus, dass es sich hier um etwas handelt, was uns tatkräftigen Mut abverlangt. Wir müssen etwas tun.

Und die Schwierigkeit ist nun, dass wir gerade in den Situationen, in denen wir gewöhnlich sterben müssen, nicht sehr tatkräftig sind, dass wir schwach sind, alt sind, krank sind, unter schrecklichen Schmerzen stehen, leiden, gepresst sind, gedrängt sind.

Und da entspringt auch wieder ein zweiter Punkt aus dem Ernstnehmen des Todes:

Erstens, dass wir willentlich sterben müssen: alle ‒ dass man nur willentlich sterben kann, aber:

Zweitens, Dass die meisten von uns das nicht im letzten Augenblick können. Das ist nicht anzunehmen, daher weiß man nicht, wann wir wirklich sterben.

Wenn wir den Tod ernst nehmen, sehen wir mehr und mehr, dass es wichtigere Todespunkte in unserem Leben gibt als die letzte Minute ‒, dass nicht anzunehmen ist, dass die meisten Menschen in ihrer letzten Minute sterben. Ich könnte mir vorstellen, dass die meisten Menschen irgendwann in der Mitte ihres Lebens sterben. Wir wissen ja auch nicht ‒ und das ist die andere Seite ‒, wann Menschen wirklich zum Leben kommen.

Und zwar brauchen wir da gar nicht erst hinausschauen und uns fragen, ob das embryonale Leben bei der Befruchtung des Eis beginnt, oder beim Herzklopfen oder im dritten Monat oder im sechsten Monat: Das ist ja alles äußerlich gesehen. Wir brauchen uns nur selber zu fragen: Wann bin ich wirklich völlig lebendig geworden?

Sicher nicht bei der Geburt, sicher nicht wie ich sieben Jahre war, denn wie ich zehn Jahre war, war ich mehr lebendig, als wie ich sieben Jahre war, war mehr Leben da.

Wann bin ich der geworden, der ich eigentlich bin oder sein sollte oder werden sollte?

Wir wissen gar nicht, ob wir nicht schon den Gipfelpunkt erreicht haben in unserem Leben ‒, in gewisser Hinsicht sicher nicht, in gewisser Hinsicht schon. Wir wissen es nicht, es ist völlig verborgen.

Das zum Leben kommen ist völlig verborgen, warum soll denn das Sterben nicht völlig verborgen sein?

Wir wissen nicht, wann ein Mensch völlig lebendig wird und wir wissen nicht, wann der Mensch stirbt. Und meine persönliche Ansicht ‒ ich würde fast schon sagen: Überzeugung ‒ ist, dass wir genau an dem Punkt sterben, wo wir völlig lebendig werden.

(13:02) Das ist irgendwo ein ganz versteckter Punkt in unserem Leben ‒ wir wissen‘s vielleicht selber nicht ‒, aber, wenn wir einmal wirklich lebendig geworden sind, von da an ist nichts mehr übrig, als dass das Äußerliche sich dann zur Ruhe legt irgendwie. Und das ist mit allen von uns so.

Daher kann man auch von einem Leben, das so dramatisch und so plötzlich endet, nicht sagen, dass dieser letzte Sprung oder dieser letzte Tag oder diese letzte Woche das Ende dieses Lebens waren. Das kann irgendwann zur Fülle gekommen sein und schon zum Tod vor Jahren! Das wissen wir nicht, das ist völlig verborgen.

Und dann ‒ das ist auch nur so eine Anregung, einfach mein Denken und mein Fühlen und meine Überzeugung, aber keineswegs irgendwie dogmatisch ‒, können wir uns wieder fragen, wenn wir den Tod ernst nehmen:

(14:04) Wie ist das überhaupt mit der Zeit und dem nach dem Tode?

Was ist nach dem Tode? Und ich würde vorschlagen, dass wenn wir den Tod wirklich ernst nehmen, wie wir ihn ernst nehmen sollten ‒ schon als Christen sollten wir den Tod sehr ernst nehmen, denn Tod und Auferstehung hängen innigst zusammen, und wenn man den Tod nicht ernst nimmt, kann man die Auferstehung nicht ernst nehmen. ‒

Ich würde sagen, wir sollten sehr vorsichtig sein, von irgendetwas nach dem Tod zu sprechen. Denn, wenn wir den Tod wirklich ernst nehmen, so kommt der Tod dann, wenn meine Zeit um ist. Und wenn meine Zeit um ist, dann ist irgendeine andere Zeit für mich uninteressant. Das geht mich weiter nichts mehr an.

Und wenn meine Zeit um ist ‒ wenn sie wirklich um ist, das hängt damit zusammen, den Tod ernst nehmen ‒, dann ist nach dem Tod nichts. Das heißt natürlich nicht, dass ich einfach sage: Mit dem Tod ist alles aus.

Ich glaube, dass viele Menschen heute nur dann ernstlich über das sprechen können, was über den Tod hinausgeht, wenn sie es auch ernst nehmen, dass nach dem Tod ‒ und ich betone das Wort nach, das mit der Zeit zu tun hat ‒, dass nach dem Tod nichts mehr ist, weil nach dem Tod keine Zeit mehr ist.

Was kann dann nach dem Tod sein? Nichts nach dem Tod, für mich gilt nicht ‹nach dem Tod›, aber wir drücken uns halt so ungeschickt aus, weil wir betonen wollen, dass wir ein Leben kennen, das über den Tod hinausgeht. Nicht zeitlich nachher, sondern über den Tod hinausgeht. Und das kann nur ewiges Leben  sein, das kann nur Ewigkeit sein.

Das Einzige, das über Zeit hinausgeht, ist Ewigkeit.

Darum betone ich das so, denn wenn wir da nicht vorsichtig sind, wird plötzlich aus der Ewigkeit eine lange, lange, lange Zeit. Wir müssen da schon ehrlich mit uns selber sein: Wer von uns würde nach dem Tod eine lange, lange, lange Zeit weiterleben wollen? Noch so glücklich irgendwo. Es ist ein untragbarer Gedanke, dass die Zeit ewig weitergeht, ununterbrochen weiter, es ist den meisten Menschen ein völlig unerträglicher Gedanke. Und es ist eine große Erleichterung, wenn man sich sagen kann:

‹Meine Zeit wird einmal um sein.›

Und dann kann man erst überhaupt anfangen, wirklich aufzuatmen und das Leben zu leben, das gar nicht von der Zeit gefangen ist. Denn eine Zeit, die auch nach dem Tod nur so in ein Tunnel hineingeht und auf der andern Seite wieder herauskommt und die Minuten reihen sich weiter an für Millionen Jahre und Milliarden Jahre und dann noch Milliarden Jahre, so wie man sich Ewigkeit vorstellt, wäre ja unerträglich, menschlich gesprochen.

Aber wenn wir sehen: Die Zeit ist aus! Gott sei Dank! Besonders, wenn es uns schlecht geht, kann das ein sehr hilfreicher Gedanke sein, und wenn es uns gut geht auch. Das wird auch vergehen. Dann kosten wir es erst so richtig aus. Und dann stoßen wir vor in den Bereich, in den wir als Menschen eigentlich vorstoßen sollten, und das ist der Bereich der Ewigkeit.

(17:43) Und Ewigkeit ‒ das haben wir immer schon gewusst und hätten es schon immer wissen sollen aus unserem Religionsunterricht ‒, ist nicht eine lange, lange Zeit, sondern die Seinsweise Gottes, oder wie der hl. Augustinus es sagt: Das ‹Nunc stans›:[1] das Jetzt, das nicht vergeht, das Jetzt, das stehen bleibt, das besteht. Und wir kennen dieses Jetzt, wir kennen diese Ewigkeit jetzt schon. Das steht hinter Goethes «Faust»,

‹zum Augenblicke möchte ich sagen:
Verweile doch du bist so schön.›
[2]

Wir brauchen das dem Augenblick gar nicht sagen, denn Augenblick, der wirklich dieser Augenblick ist, der so schön ist, in dem erleben wir schon etwas, was einfach über die Zeit hinausgeht. Und wir wissen das alle, ich appelliere da nur an Euer eigenes Erleben: Wir haben alle Augenblicke erlebt, die vielleicht nur Bruchteile von Sekunden waren und uns vorgekommen sind wie Stunden oder Tage oder Jahre, und wir haben lange Zeitstriche erlebt vielleicht, unter Umständen Stunden sogar, die wie ein Augenblick vorbeigegangen sind. In diesen Momenten stehen wir über der Zeit, hat Zeit keine Bedeutung mehr. In diesen Augenblicken wissen wir auch zugleich, dass der Tod uns überhaupt nichts anhaben kann, wir sind über den Tod erhaben, sind völlig ausgesöhnt mit dem Tod. Wir denken manchmal, hier in einer solchen Situation sollte man sterben, so jetzt wäre ich bereit zu sterben, denken wir in dieser Lage.

Aber wenn wir in diesem Jetzt, das nicht vergeht, in das wir hineinreichen als Menschen, wenn wir in der Zeit stehen, aber wir sind nicht in der Zeit: wir gehen nicht in der Zeit auf. Wenn wir in dieses Jetzt hineinreichen und hineinwachsen, immer mehr uns darin zu Hause fühlen: Immer wieder beten die Kirchengebete ‒ wenn man das römische Missale anschaut ‒, immer wieder erinnern sie daran, dass wir in der Ewigkeit verankert sein sollen, dass wir dort unsere wahren Freuden haben, sie sollen uns nicht vergehen. Das ist dieser Bereich, das ist nicht später ‒ so eine Art geistliches Sparbuch, in das man so Einlagen macht und dann, wenn man stirbt, kriegt man sie wieder heraus. Dass wir jetzt hier und jetzt schon dort verankert sind, wo die ewigen Freuden sind.

Und wenn wir so leben, dann werden wir viel lebendiger. Dann macht der Tod uns lebendig. Und das steht ja auch hinter dem ‹Memento mori›, das man auf den Sonnenuhren sieht, und manchmal steht dort auch: ‹Memento vivere›, ganz das gleiche: An den Tod sollen wir uns nur deswegen erinnern, weil uns das viel lebendiger macht und weil es uns endlich zeigt, weil es uns endlich dazu aufweckt, so zu leben, wie wir wirklich leben wollen, wenn wir nur eine begrenzte Zeit zur Verfügung haben. Und wir haben eine begrenzte Zeit zur Verfügung.

Dann könnte man noch sehen, wenn wir den Tod so ernst nehmen, dann haben auch unsere Leiden, unsere Freuden, unsere Lebensumstände, die Wahlen die wir treffen, die Entscheidungen, die wir treffen, ganz eine andere Bedeutung, denn sonst stellen wir uns das nur so vor ‒ ein bisschen karikiert ‒, aber wir denken, das Leben ist so eine Art Wartezimmer, wo man so wartet, oder wenigstens so wie zu Weihnachten, wo die Kinder draußen warten müssen bis das Glöckerl leutet und dann die Tür aufgeht und da ist der Christbaum. So stellt man sich das häufig vor: wir warten so da herum und dann, wenn die Tür aufgeht, sehen alle den gleichen Christbaum. Aber um Gottes Willen, warum müssen wir dann so schreckliche Dinge durchmachen: ich so, du was ganz anderes, ein Dritter wieder ganz etwas anderes: Warum müssen wir so verschiedene Leben erleiden, wenn wir dann alle zu dem gleichen Christbaum gehen?

Wir schaffen sozusagen das Fenster, durch das wir die Visio Beatifica haben werden. In Zusammenarbeit mit Gott schaffen wir jetzt den bestimmten Gesichtspunkt, in dem wir Gott sehen werden. Sonst ist es ja nur eine Quälerei dieses ganze Leben. Aber wenn mein Leben so sein muss, weil ich dann erst zu dem Menschen werde, der Gott so verstehen kann auf eine ganz einzigartige Weise, dann hat es Sinn und auch Sinn, dass wir sagen:

‹O Gott, du bist  m e i n  Gott› (Psalm 63,2) ganz persönlich.

(23:00) Vielleicht noch einmal zusammenfassend:

Also wenn wir den Tod wirklich ernst nehmen, wird uns zunächst bewusst, dass wir wirklich den Tod wählen und wir erkennen sogar, wenn wir aufmerksam sind, dass unser ganzes Leben sich eigentlich, schon lange vor dem endgültigen Tod, immer wieder durch ein Sterben in größeres Leben verwandelt. Wir kommen immer wieder zu einem Engpass, wo wir sagen müssen, so geht’s nicht weiter, das bringt mich noch um, sagen wir. Es bringt einen auch um. Wir kommen öfters in Gelegenheiten, die einen wirklich umbringen. Und wenn wir dann sterben: in demselben Augenblick, in dem uns etwas umbringt, sehen wir, dass wir auf der anderen Seite herauskommen, viel lebendiger.

Aber auch: Ich fürchte viele von uns sind manchmal durch Situationen hindurchgegangen, wo uns etwas umgebracht hat, und wir sind nicht gestorben. Und da haben wir noch so in unserer Vergangenheit diese nur toten und nicht wieder lebendig gewordenen, nicht auferstandenen Teile von unserem Leben, und solang wir noch in dieser Zeit sind, haben wir die Gelegenheit, durch Erinnerung diese toten Teile unseres Lebens in die Gegenwart zu bringen und jetzt zu sterben. Damals konnten wir nicht. Jetzt sterbe ich dafür. Das heißt:

‹Ich gebe mich völlig dem hin.›

Und auf einmal wird auch der Teil wieder lebendig. Und das kann manchmal nach zwanzig oder dreißig oder noch mehr Jahren sein. Dass plötzlich etwas, was vorher nur tot war, wieder lebendig werden kann in unserem Leben.

Also wir dürfen es ernst nehmen, dass wir unsern Tod wählen. Und zwar nicht nur einmal, sondern immer wieder willentlich sterben, das heißt willentlich uns dem Leben hingeben, denn das Leben zielt immer wieder durch das Sterben auf größeres Leben hin.

Wir sehen dann, dass unsere Zeit begrenzt ist, und das kann auch wirklich eine Erleichterung sein, und zugleich kann es uns in eine ganz andere Dimension hineinführen, nämlich in die Dimension der Ewigkeit, die jetzt mitten in der Zeit anbricht:

Wenn wir mitten im Leben im Tod sind, dann sind wir auch mitten im Leben in der Ewigkeit.

Und dann: dass die Erinnerung an den Tod uns eben wirklich völlig lebendig macht, und dass wir durch unser Leben das Fenster oder die Linse, den Spiegel schaffen, in dem wir dann Gottes Antlitz sehen.

Denn jetzt leben wir in der Zeit, in der die Zukunft ununterbrochen die Vergangenheit auffrisst. Und was wir Gegenwart nennen, ist kaum ein dünner Saum zwischen Vergangenheit und Zukunft. Und solange es noch die kleinste Strecke von Zeit ist, kann man es immer noch in die Hälfte teilen, und die Hälfte davon ist nicht, weil sie nicht mehr ist, ist schon vergangen; die andere Hälfte ist nicht, weil sie noch nicht ist, in der Zukunft: diese Zukunft frisst ständig die Vergangenheit auf. Wo ist die Gegenwart?[3]

Die Gegenwart ist das Jetzt, für uns Menschen das Jetzt ‒ man kann sich fragen, ob Tiere überhaupt eine Gegenwart haben: das wissen wir nicht ‒, aber für unser menschliches Bewusstsein ist die Gegenwart das Jetzt, das nicht in der Zeit ist. Es ragt aus der Zeit heraus ‒ in der Zeit ist nur Vergangenheit und Zukunft. Aber wir kennen die Gegenwart: Wir kennen sie als das Jetzt, das ist Ewigkeit, das ist Gottes Leben: Das, was für uns Zeit ist, ist für Gott Ewigkeit:

‹das Jetzt, das nicht vergeht›.

(27:21) Und jedes Jetzt unseres Lebens ist uns gleich nahe. Wenn wir an ein Jetzt denken vor fünfzehn, zwanzig Jahren und an ein Jetzt von Gestern: die sind uns nur in Hinblick auf die Zeit, irgendwie geschichtlich weiter entfernt, aber in unserem Erleben ‒, wenn wir uns an ein Kindheitserlebnis erinnern, ist es ganz frisch da, wie wenn es jetzt wäre ‒, es ist auch jetzt: Alles, was wir wirklich in unserer Erinnerung haben, ist jetzt, und daher kann man sagen, dass in dem Augenblick, wo für mich die Zeit zu Ende ist ‒ so definiere ich den Tod: die Zeit ist um ‒, wenn meine Zeit um ist, in dem Augenblick brauche ich mich um Zeit nicht mehr zu kümmern, und alles, was ich habe, ist Ewigkeit: Jedes Jetzt meines Lebens ist gegenwärtig.

Und da brauche ich dann nicht den Kopf zu zerbrechen: Werde ich dann in der Ewigkeit alt sein oder jung oder mittelalterlich oder wann wars am besten oder was suchen wir da aus und so: Alles auf einmal! Das Jetzt, das ganze Leben jetzt. Und in diesem Leben sehen wir die Gegenwart Gottes. Denn das macht ja unser Jetzt immer wieder aus.

Und in diesem Jetzt haben wir dann alle die andern, die in irgendeiner Weise zu unserem Leben gehört haben. Selbstverständlich nicht nur die andern Menschen! Da kommt diese ganze Frage: Werden wir unsere Hunde im Himmel wieder sehen oder unsere Katzen usw.? Wenn man das so anpackt, wie das bisher angepackt wurde: Ja, haben die eine unsterbliche Seele, haben die keine unsterbliche Seele? ‒ Das ist mein Hund und  i c h  habe eine unsterbliche Seele: Wenn ich in den Himmel komme und der Hund nicht dort ist, dann gehe ich wieder! Der Hund ist dort ‒ selbstverständlich ‒, er ist ja ein Teil meines Lebens.

Und alle andern Menschen, denen ich je begegnet bin, und so Menschen, die man nur einmal, so episodenhaft gesehen hat … und da kann man sich dann ausdenken: Was wäre gewesen, wenn wir uns besser kennengelernt hätten? Das ist jetzt alles möglich, und nachdem alles mit allem zusammenhängt ‒ das wissen wir auch in diesem Leben schon ‒, reicht unsere Ewigkeit in jeder Richtung auf das Ganze. In diesem Ganzen sind wir ein kleiner Punkt, der sozusagen das Ganze beinhaltet, und jeder kleine Punkt beinhaltet das Ganze und in dieser unglaublichen Facette spiegelt sich die Gegenwart Gottes.

Und so hängen wir dann auch wieder mit Theresia zusammen und jeder von uns auf ganz verschiedene Weise dadurch, dass wir sie auf ganz verschiedene Weise gekannt haben, aber sie gehört zu unserem Leben. Und zu unserer Ewigkeit.

Also jedenfalls, das sind so ein paar Punkte …, aber wenn ihr etwas von ihr erzählen wollt, vielleicht auch Begegnungen oder so oder irgendwelche Fragen, die durch meine Vorschläge angeregt wurden, wäre es eure Gelegenheit, das weiterzuspinnen.

[Transkription des Vortrags Wähle das Leben (5 Mose 30,19) (1992)]

[Ergänzend:

1. «Der Mensch stirbt nicht am Tod, sondern an ausgereifter Liebe» (Otto Mauer):

Filminterview Was am Ende wirklich zählt (2022); siehe auch Transkription, 8 und Reifen: Ergänzend 2.:

«Wenn ich Liebe sage, meine ich das gelebte Ja zur Zugehörigkeit und wenn man genau hinschaut, sieht man, dass sich das eigentlich ‒ so wie eine Definition ‒ auf alle Formen der Liebe anwenden lässt.

Es ist das gelebte Ja zur Zugehörigkeit. Wenn wir das üben ‒ das ist natürlich das Entscheidende am ganzen Leben ‒, die Liebe ist das Entscheidende.

Ein großer Denker ‒ Otto Mauer ‒, ein Wiener Priester, Mitte des 20. Jh., hat das wunderschön ausgedrückt:

‹Der Mensch stirbt nicht am Tod, sondern an ausgereifter Liebe›.

Also das ist die Aufgabe des ganzen Lebens: die Liebe ausreifen zu lassen.»

Audio Fragen, denen wir uns stellen müssen (2016)
Tag 4 ‒ Nachmittag:
‹Memento mori› ‒ ‹Memento vivere›:
(16:02) ‹Der Mensch stirbt nicht am Tod, sondern an ausgereifter Liebe›, wie Otto Mauer Thornton Wilders Roman ‹Die Brücke von San Luis Rey› zusammenfasst
(45:48) Gespräch: Was, wenn die Liebe nicht ausgereift ist? Reinkarnation und Fegefeuer

Audio Fragen, die uns bewegen (2005), abgedruckt im kleinen Buch Und ich mag mich nicht bewahren (2012): Vom Älterwerden und Reifen, 25f.:

«Und dann kommen wir gegen Abend, in der Lebensreife, im Herbst jeden Jahres immer wieder zu der Frage: ‹Woran reifen wir?› Es gibt nichts Traurigeres als ein unausgereiftes menschliches Leben. Und darum nichts Traurigeres als den Tod eines jungen Menschen. Ich muss an den Tod dieser unzähligen jungen Menschen denken, die jetzt im Krieg sterben. Da kann ich mich nur darüber hinwegtrösten, indem ich an ein Buch von Thornton Wilder denke, das vielleicht viele von Ihnen kennen, ‹The Bridge of San Luis Rey›.

Es erzählt von einem Franziskaner, einem Missionar, der im 18.Jahrhundert in Peru zu einer Seilbrücke kommt, die schon Hunderte von Jahren gehalten hat. Doch gerade in dem Augenblick, wo er auf die Brücke gehen will, bricht sie zusammen und reißt fünf Menschen in den Abgrund. Und er stellt sich jetzt die Frage: ‹Warum gerade diese fünf?› Der Missionar geht dem Lebenslauf dieser fünf Menschen nach und kommt am Ende des Buches zu dem Schluss:

‹Man stirbt nicht am Tod, man stirbt an der ausgereiften Liebe.›

Und die Liebe kann schon sehr früh ausreifen. Die Kirschen reifen schon im Juni, die Trauben erst im Oktober. Wir wissen es nicht. Von außen kann man es nicht sehen. Wenn junge Menschen sterben, dürfen wir hoffen, dass ihre Liebe ausgereift war. Ja, wir können dessen eigentlich sicher sein.»

2. Den Tod ernst nehmen und umdenken:

Retreat-Woche in Assisi (1989)
Schöpfungsmythos und Anfangsritual am Beispiel der hl. Taufe:

(27:21) «Wir sind mit Ewigkeit als Menschen ebenso vertraut wie mit Zeit. Denn wir wissen, was ‹Sein› heißt und was ‹Ist› heißt, in dem Rilke Gedicht:

«Du sagtest  l e b e n  laut und  s t e r b e n  leise
und wiederholtest immer wieder:  S e i n!»
[4]

Wir wissen, was ‹Sein› heißt. Aber ‹Sein› findet man nicht in der Zeit. In der Zeit ist immer nur ‹war› und ‹wird sein›. Und was war, ist nicht, denn es ist nicht mehr, und was sein wird, ist nicht, denn es ist noch nicht. Und was ist, muss im Jetzt sein: Jetzt, hier, aber dieses Jetzt lässt sich immer noch in die Hälfte teilen, und die Hälfte von Jetzt ist nicht, weil sie nicht mehr ist, und die andere Hälfte ist nicht, weil sie noch nicht ist. ‒ Solange es noch eine Strecke von Zeit ist, lässt es sich teilen: Das Jetzt ist nicht in der Zeit. In der Zeit frisst die Vergangenheit nahtlos die Zukunft auf, und wir wissen, was Jetzt ist, weil wir aus der Zeit herausragen. Wir ‹ex-istieren›, das heißt, wir ragen heraus aus der Zeit in das Jetzt, das  i s t.[5]

Und Augustinus definiert die Ewigkeit ‒ soweit man das Definition nennen kann ‒, in wunderbarem Latein, zwei Wörter nur: ‹Nunc stans›: das Jetzt, das steht, das Jetzt, das nicht vergeht.[6] Das ist die Ewigkeit: Das Jetzt, das  i s t  ohne zu vergehen. Das ist Gottes Ewigkeit.

(29:30) Wir ragen also als Menschen aus der Zeit in Gottes Ewigkeit hinein. Wir kennen beides. Und darum leben wir schon jetzt ewiges Leben. Besonders in den Augenblicken, in denen wir völlig lebendig sind, ragen wir in diese zeitlose Ewigkeit hinein. Und wenn wir wirklich gegenwärtig sind, wenn wir nicht so halb schon uns selbst voraus sind und halb hinten nachhängen, weil wir uns an etwas klammern, was nicht mehr besteht und halb uns hinausstrecken: Wenn wir wirklich gegenwärtig sind, dann ragen wir in dieses Jetzt hinein, das Bestand hat und nicht vergehen kann.

Und das ist jetzt einfach meine Vorstellung ‒ Vorstellung ist vielleicht auch schon zu viel gesagt ‒, aber meine Annäherung an was ewiges Leben und Auferstehung von den Toten bedeuten kann, wenn es nicht ein Herauskriechen aus dem Grab ist, und dann geht alles wieder so weiter wie vorher. Das kann man heute nicht mehr so denken. … Wir müssen das irgendwie umdenken. Und ein Weg das umzudenken ist folgender:

(30:56) Ich weiß, was  i s t  heißt, ich weiß, was  s e i n  heißt, finde es aber eigentlich nicht in der Zeit. In der Zeit findet man nur immer ‹wird sein› und ‹war›. Aber ich kenne es doch, weil ich aus der Zeit herausrage. Und wirklich mich im Sein zu verwurzeln wird mir dadurch verhindert, dass ich in der Zeit stehe. Ich kenne das Sein, ich kenne das Ist, ich kenne das Unvergängliche, aber ich bin auch in die Zeit eingetaucht wie in einen Strom, es fließt immer, ich habe keine feste Stelle in der Zeit.

Aber ich weiß, dass früher oder später meine Zeit um sein wird. In diesem Sinn ist es notwendig, dass wir das Sterben, den Tod wirklich ernst nehmen:

Wenn ich sterben muss, ist meine Zeit um. Daher hat es keinen Sinn, von dem zu sprechen, was ‹nach› dem Tod kommt. Wenn es wirklich Tod heißt, kommt nichts nachher. Denn wenn der Tod das Ende der Zeit ist, dann kann nachher nichts mehr kommen.

Es braucht aber gar nichts nachher zu kommen. Denn, was  i s t, ist immer schon da. Und das kann eine ungeheure Befreiung sein! Ich weiß nicht, ob ihr es nachvollziehen könnt, für mich ist es eine ungeheure Befreiung.

Denn wenn ich mir vorstellen müsste, dass die Zeit immer weiter geht, immer, immer weiter, immer weiter, immer weiter, das wäre Hölle, das Entsetzlichste, was man sich vorstellen kann.

Wir sind jetzt glücklich, wenn wir  s i n d, nicht, wenn wir immer gehetzt werden zwischen ‹wird sein› und ‹war›. In unsern glücklichsten, besten Augenblicken, wo wir wirklich lebendig sind, da  s i n d  wir.

(32:57) Und jetzt stelle ich mir das so vor, dass in dem Augenblick, in dem ich endlich weiß: Jetzt ist meine Zeit um, alles, was übrig bleibt, ist mein ganzes Leben, alles von meinem Leben, das  i s t. Das ist jetzt alles gegenwärtig. Denn wir wissen ja schon jetzt, dass ‒ wenn wir uns an etwas erinnern, was 20 Jahre zurückliegt, 30, 40, 50 Jahre zurückliegt ‒, solang wir uns erinnern können ‒ wenn es ein wirklich lebendiger Augenblick war, in dem wir voll gegenwärtig waren ‒, so ist uns das heute genauso nah, wie es morgen sein wird und gestern war: Wir haben diesen Zugang zu dem, was  i s t.

Das Einzige, was uns daran hindert, in dem Bereich wirklich zu leben, ganz da zu sein, ist, dass jetzt schon wieder ein nächster Augenblick kommt und ein nächster Augenblick. Wenn jetzt diese Augenblicke aufhören ‒ die Zeit ist vorbei für mich ‒, dann bin ich da, mit einem Seufzer der Erleichterung  b i n  ich.

(34:02) Wenn wir es uns so vorstellen können ‒ ich möchte es niemandem aufdrängen ‒, aber wenn wir das so sehen, dann schließt das andere Einsichten ein: Zum Beispiel so viele, viele Fragen, die die Kinder haben ‒ die Kinder haben immer die besten Fragen über Tod und Leben, weil sie sich noch trauen und diese existentiellen Fragen haben, so Fragen wie: Werden wir dann alle wieder beisammen sein? Das ist überhaupt keine Frage.

Natürlich werden wir alle wieder beisammen sein, das ist ja mein Leben. Mein Leben ist das Zusammensein, ich werde alle die Menschen sehen.

Frage: Werden die Tiere auferstehen? Dann kommt man mit der Seele der Tiere, die haben keine unsterbliche Seele. Das hat ja damit überhaupt nichts zu tun. Wenn das mein Tier war und ich lebe, dann lebt dieses Tier. Selbstverständlich ist der Himmel voll mit Haustieren und allen übrigen Tieren, die wir kennen. Die gehören ja zu unserem Leben. Wir brauchen ja gar nicht zu fragen, ob diese Katze das dann weiß, dass sie lebt. Das muss man Gott überlassen und der Katze. Für mich wäre das ja gar kein Himmel ohne die Katze und die Kinder wissen das vollkommen. Aber man muss vorstellungsmäßig dem gerecht werden.»

(35:53) «Wenn wir umdenken, dann ‹haben› wir plötzlich die Visio beatifica, die Schau Gottes, d u r c h  unser Leben.

Und man kann sich wieder fragen: Warum hat jeder so ein verschiedenes Leben, um alle dann den gleichen Himmel zu haben?

Wir haben ‒ jeder ‒ ein verschiedenes Leben, um den gleichen Himmel durch so viele verschiedene Weisen zu sehen. Wir sehen den Himmel durch das Fenster, das unser Leben ist. Wir sehen die Ewigkeit ‒ Gottes Gegenwart, die wir auch schon hier beginnen sollen zu erleben ‒, sehen wir dann dort, wenn die Zeit uns nicht mehr ablenkt, völlig gegenwärtig.»]

________________

[1] Der Ausdruck nunc stans findet sich erstmals bei Thomas von Aquin (1225-1274). Er hat eine lange Vorgeschichte, beginnend mit Platon (428-348 v. Chr.) und weiterführenden Beiträgen von Plotin (205-270), Augustinus (354-430), Boethius (ca. 480-524) und späteren Denkern zum Thema ‹Zeit und Ewigkeit›; siehe auch Jetzt und ewiges Leben, Anm. 8, und Fragen des Lebens, Anm. 2

[2] Faust zu Mephistoteles in Goethes ‹Faust. Der Tragödie erster Teil›:

‹Und Schlag auf Schlag!
Werd ich zum Augenblicke sagen:
Verweile doch! du bist so schön!
Dann magst du mich in Fesseln schlagen,
Dann will ich gern zugrunde gehn!
Dann mag die Totenglocke schallen,
Dann bist du deines Dienstes frei,
Die Uhr mag stehn, der Zeiger fallen,
Es sei die Zeit für mich vorbei!›

[3] Siehe auch Jetzt im Doppelbereich: Ergänzend: 2.3. und Jetzt und ewiges Leben: 3.3.

[4] Bruder David spricht das Gedicht von Rilke aus dem Stundenbuch ‹Ich lese es heraus aus deinem Wort› im Audio
Fragen, denen wir uns stellen müssen (2016)
Tag 4 ‒ Nachmittag:
‹Memento mori› ‒ ‹memento vivere›:
(04:33) ‹Der Tod ist groß›: Sterben in jedem Augenblick ‒ der Tod, die Frucht des Lebens ‒ den eigenen Tod sterben: Bruder David liest Gedichte und Verse aus dem Stundenbuch von R. M. Rilke

[5] Siehe auch Anm. 3

[6] Siehe auch Anm. 1


Quellenangaben

Text, Filme und Audios von Br. David Steindl-Rast OSB

hl geist georg stahl titelCopyright © - Barbara Krähmer

Morgens, mittags und abends erinnert das Angelusläuten vom Kirchturm die Gläubigen an die Botschaft, die der Erzengel Gabriel der Jungfrau Maria brachte, und an ihre Antwort, wie wir sie im Evangelium nach Lukas (1,26-38) lesen.

«Angelus» heißt (nach seinem ersten Wort im lateinischen Text) dieses täglich dreimal wiederholte Gebet. Es stellt gewissermaßen die christliche Parallele dar zu den durch Gebet geheiligten Zeiten im Islam und in anderen Traditionen.

An den drei Wendezeiten des Tages ‒ wenn die Nacht dem Tag weicht, wenn die Sonne sich am Mittag vom Aufstieg zum Abstieg wendet, und wenn der Tag sich abends neigt ‒ feiert das Angelusgebet den Einbruch des ewigen Jetzt in die Zeit und erinnert uns daran, in diesem Jetzt zu leben.

Die traditionelle Form dieses Gebetes ist einfach. Eine Abfolge der gleichen drei Verse zu jeder Tagzeit bildet sein Herzstück.

«Der Engel des Herrn brachte Maria die Botschaft, und sie empfing vom Heiligen Geist.»

Dieser erste Vers bietet ‒ vorausschauend ‒ eine Zusammenfassung dessen, worum es geht. Der zweite zitiert aus dem Evangelium (Lk 1,38), wie um uns einzuladen, selber mit Maria zu sprechen:

«Siehe, ich bin eine Magd des Herrn, mir geschehe nach Deinem Wort.»

Und der dritte Vers ‒ er stammt aus dem Prolog zum Johannesevangelium (Joh 1,14) ‒ will anzeigen, was sich damals ereignete und immer noch ereignet, wenn wir selber wie Maria das Wort Gottes mit offenem Herzen empfangen:

«Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt»

hat (richtiger) «unter uns Wohnung genommen», wohnt also heute wie damals unter uns.

Diese drei Verse sind miteinander verwoben durch ein dreimal wiederholtes Ave Maria, ein kurzes Gebet, das auch zum Großteil aus Worten des Verkündigungsengels an Maria besteht.

Von Kindheit auf habe ich den Angelus gebetet und kann bezeugen, dass er Kraft hat, dem Tagesablauf Form und Halt zu geben. Dreimal am Tag ruft uns dieses Gebet, inmitten aller Eile und Geschäftigkeit der Zeit, zurück ins zeitlose Jetzt.

Wann sollte denn das Wort Fleisch werden, wenn nicht jetzt?

Wie sollte das geschehen, wenn nicht dadurch, dass ich mich empfänglich öffne für den Heiligen Geist?

Was aber könnte mein Leben mächtiger verändern und dadurch auch meine Umwelt? Beim Angelus-Glockenläuten fließt der Mythos der Jungfrauengeburt[1] durch das Ritual des Angelus-Gebetes als lebensspendende Kraft in unser tägliches Leben ein.

Zu beten, nicht nur wenn es uns danach zumute ist, sondern wenn es Zeit ist ‒ und die Glocken  erinnern uns daran ‒, das hilft uns, unser Leben auf den großen kosmischen Rhythmus der Tages- und Jahreszeiten einzustimmen. Es «erdet» und verankert uns sozusagen in jener größeren kosmischen Wirklichkeit, die unsere verschwindend kleine Existenz hält und trägt.

Und Du? Nimmst Du Dir manchmal Zeit, zu unterbrechen, was immer Du tust und tief zu atmen? Die Welt braucht unser bewusstes Bemühen, immer wieder aus der Zeit ins Jetzt zurück zu kommen und uns in jungfräulicher Empfänglichkeit dem Heiligen Geist zu öffnen.[2]

Durch den Glauben sind wir selber mitten in der Zeit dennoch in dem Jetzt verankert das über die Zeit hinausragt. Das gibt uns festen Halt im Auf und Ab unseres Bemühens, für Gottes Liebe Zeugnis abzulegen.[3]

Wenn Gott den Spatzen nicht vergisst, dann kann sein kurzes Zwitscherleben niemals verlorengehen. Nur in der Zeit kann etwas enden. Wenn aber die Zeit selbst längst nicht mehr ist, bleibt alles, was aus der Zeitperspektive so flüchtig erschien ‒ jedes Spatzentschilpen ‒, taufrisch aufgehoben in Gottes ewigem Jetzt.

Das Jetzt ist über die Zeit erhaben, wir erleben es aber in der Zeit ‒ Augenblick um Augenblick ‒ sozusagen «gebrochen», wie das farblose Licht, wenn es uns ‒ Farbe um Farbe ‒ aufleuchtet.

Darin liegt viel Trost für alle, die über einen Todesfall trauern, denn im ewigen Jetzt dürfen wir ja unsere Freunde, unsere Verwandten und unsere lieben Tiere wiederfinden ‒ allerdings auch alle, mit denen wir uns jetzt in der Zeit streiten; es ist also keine schlechte Idee, uns jetzt schon auszusöhnen.[4]

So ruft auch in meiner Erinnerung Auferstehung des Fleisches Augenblicke wach, in denen meine Lebendigkeit so intensiv wurde, dass sie plötzlich Zeit und Vergänglichkeit überragte und im ewigen Jetzt ‒ wenn auch nur flüchtig ‒ an Unvergänglichkeit streifte.

Ich schließe meine Augen und öffne sie innerlich. Jetzt grünt um mich ein Sommermorgen in den Ost-Tiroler Alpen. Von der blühenden Bergwiese, zu der mich ein Fußpfad heraufführte, geht es fast senkrecht hinunter zum Sommerheim der Wiener Sängerknaben, bei denen ich Präfekt bin. Mit offenen Augen ist das «damals in meinen Studententagen», in der Erinnerung aber ist es jetzt.

Auch damals war es ja jetzt; und jetzt ist immer jetzt.

Das Jetzt lässt sich nicht vervielfachen; es ragt über die Zeit hinaus.

Nur wir verfangen uns immer wieder in der Illusion von Zeit.

Manchmal aber scheint es uns, dass die Zeit still steht, weil wir einen Augenblick lang ganz im Jetzt sind ‒ und so in der Ewigkeit, dem ‹Jetzt, das nicht vergeht›.

(In meiner Erinnerung ist das so ein Augenblick:) Tief unter mir probt der Chor, und durch die große Stille steigt Ton um Ton silberklar zu mir empor ‒ da Vittorias (c 1548-1611) Motette «Duo Seraphim».

Wovon der Text spricht, wird jetzt hier Wirklichkeit: Von Anbetung hingerissen, rufen zwei flammen-geflügelte Engel einander zu: «Heilig, heilig heilig!»

Das ist zugleich meine eigene innerlichste Stimme, die da singt; und nichts sonst ist von Bedeutung, als dieses unerschöpfliche «Heilig, heilig, heilig!» im ewigen Jetzt.

Ein zweites solches Erlebnis fällt mir ein, weil es auch mit Musik verbunden ist, und auch auf die Auferstehung des Fleisches Licht wirft. In der Zeit spielt es sich ein paar Jahre später ab, in der bleibenden Wirklichkeit aber ist es jetzt.

Wieder bin ich Präfekt bei einem Knabenchor, diesmal in Florida. Es ist der Abend vor den langen Ferien. Die meisten der jungen Sänger sind schon auf der Heimreise. Einer steht noch beim Klavier und singt Händels Arie «O hätt’ ich Jubals Harf’ und Miriams süßen Ton» ‒ wohl zum letzten Mal, denn er steht kurz vor dem Stimmbruch und wird nicht zum Chor zurückkehren.

Selbst unter all diesen ausgewählten Knabenstimmen ist sein Alt von einzigartiger Schönheit. Wie bernsteinfarbener Honig fließt das Abendlicht schräg durch die hohen Bogenfenster des halbdunklen Raumes und scheint in dieser Altstimme Klang zu werden.

Jetzt muss ich eine blitzschnelle Entscheidung treffen. Neben mir steht das Gerät, das mir erlaubt, diese Stimme auf einem Tonband zu «verewigen». Soll ich die Taste drücken? Fast schon strecke ich die Hand aus, aber etwas in mir sagt ein klares «Nein!» Dieser Augenblick ist  ja schon ewig.

Erinnerungen verblassen und verlöschen. Wenn aber meine Zeit um ist, wird das Jetzt jenes Tiroler Sommermorgens, das Jetzt jenes Abends in Florida, wird jedes Jetzt meines Lebens lebendige Gegenwart sein.

Nichts geht verloren, so flüchtig es erscheinen mag, denn «Alles ist immer jetzt».[5]

Ich glaube an die Auferstehung des Fleisches und das schließt natürlich auch die Toten ein ‒ weil alles Vergängliche unvergänglich aufgehoben ist im Jetzt, das nicht vergeht.

Es muss nicht wiedergebracht werden aus dem Staub, wie die Leiber der Verstorbenen auf mittelalterlichen Bildern vom jüngsten Gericht. Es ist ja mit dem auferstandenen Christus «in Gott verborgen» (Kol 3,3), gegenwärtig.

Darum vertraue ich, dass wir unsere Lieben mit jeder Sommersprosse und mit jedem Grübchen in der uns so lieben Wange «wiedersehen» werden, wenn wir «Gott schauen». «Gib mir Liebende», sagt Augustinus, «denn die wissen, was ich meine». Das kann auch ich hier sagen.

Vielleicht bist Du schon alt genug, um Fotos von Verwandten und Freunden zu besitzen, die Du von ihrer Geburt bis zu ihrem Tod kanntest.

Dann schließt Deine Liebe doch das Nackerpatzerl (liebevolle österreichische Ausdrucksweise für kleines nacktes Kind) in der Badewanne ebenso ein wie den zahnlückigen Volksschüler, den ruppigen Buben auf dem Fahrrad, den zum Abschluss-Ball geschniegelten Maturanten, das junge Ehepaar, und so Bild um Bild bis zum letzten matten Lächeln.

In welchem der Bilder siehst Du den von Dir geliebten Menschen? Nicht doch in jedem? Musst Du wählen?

Dieses Jetzt des Lebens ist gegenwärtig im «Jetzt, das nicht vergeht», das heißt in der Ewigkeit.

«Wir sind die Bienen des Unsichtbaren», schrieb Rilke.

«Nous butinons éperdument le miel du visible, pour l'accumuler dans la grande ruche d'or de l'Invisible.»

(«Inständig sammeln wir den Honig des Sichtbaren, um ihn anzuhäufen in der großen goldenen Wabe des Unsichtbaren.»[6])

Unsichtbar heißt hier: dem Bereich der Sinne entzogen. Sommermorgen und Winterabend, das «Heilig, heilig, heilig!» der Seraphim und «Miriams süßer Ton» sind nicht nur physiologisch gespeichert in meinem zur Verwesung bestimmten Gehirn.

Sie sind meinem über Zeit und Raum erhabenen Selbst mit der Glut des Geistes eingebrannt. Wenn einst der Wassertropfen meines Lebens ins Meer zurückkehrt, wird er nach dieser Musik schmecken, und das Meer wird diesen Geschmack unverlierbar enthalten.[7]

Manchmal in unserem Leben, und gerade wenn wir bis in die tiefsten Schichten unseres Seins wach und lebendig sind, können wir eine Art Zeitlosigkeit erfahren.

Minuten oder sogar Stunden können uns in diesem Bewusstseinszustand wie ein einziger Augenblick erscheinen.

Die Uhren ticken weiter, aber für uns steht die Zeit still.

Solche Augenblicke liefern den Erfahrungsinhalt für den Begriff von Ewigkeit.

In elegantem Latein definiert Augustinus Ewigkeit als «nunc stans»: Das «Jetzt», das nicht vergeht, weil es jenseits aller Zeit «steht».[8]

Ewigkeit hebt die Zeit auf. Danach sehnt sich das menschliche Herz.

Wie Goethes Faust wollen wir alle zum Augenblick sagen: «Verweile doch, du bist so schön!» Oder wie Friedrich Nietzsche (1844-1900) es ausdrückte: «… alle Lust will Ewigkeit ‒, will tiefe, tiefe Ewigkeit!»

Unser ganzes Wesen sehnt sich nach Befreiung von einer Zeit, die alles Gegenwärtige ununterbrochen zur Vergangenheit abbaut, so wie das Meer die Sandburgen, die wir als Kinder bauten, am nächsten Morgen immer wieder eingeebnet hatte. Mit unserem ganzen Leben geht es uns so:

«Uns überfüllts. Wir ordnens. Es zerfäIlt.
Wir ordnens wieder und zerfallen selbst.»
[9]

Der Gegenpol zu solchem Zerfall ist aber nicht einfach Bestand; damit blieben wir ja immer noch im Bereich von Zeit.

Was wir als Ewigkeit erahnen, ist nicht statisch, sondern im höchsten Grad dynamisch. Es ist jene von Zeit befreite Lebendigkeit, nach der sich alles in uns sehnt ‒ Ewiges Leben also.

Weil die uns hie und da flüchtig geschenkte Erfahrung davon weit über unsere jetzige Begrenztheit hinausgeht, schreiben wir sie dem göttlichen Leben zu, dem Heiligen Geist.

Je besser wir lernen im Jetzt zu leben, umso lebendiger werden wir. Das kann jeder Mensch durch eigene Erfahrung überprüfen. Auf Grund dieser Erfahrung vertrauen wir im Glauben, dass wir, wenn unser zeitliches Leben um ist, in Gottes ewiges Leben eingehen werden mit jener Lebendigkeit, die jetzt schon unsere eigentliche ist.

Tief innerlich verstehen wir, was Rilke meint, wenn er sagt:

«Mit kleinen Schritten gehen die Uhren neben unserem eigentlichen Tag.»[10]

Wer bekennt: Ich glaube an das ewige Leben, der verlegt das Schwergewicht seines Lebens auf das Jetzt, in dem die Zeit aufgehoben ist.

Von dieser Mitte her können wir «in Fülle» leben, weil Zeit für uns auf eine höhere Ebene hinaufgehoben ist. Wir brauchen uns nicht länger darüber Sorgen zu machen, dass unsere Zeit unaufhaltsam abläuft. Die Zeit, die so abläuft, ist für uns schon jetzt aufgehoben, sie ist außer Kraft gesetzt, abgeschafft. Aber gerade deshalb dürfen wir jeden Augenblick als Gabe und Aufgabe voll ausschöpfen. Das Jetzt in der Zeit gibt uns ja Zugang zum Jetzt, das über Zeit erhaben ist.

Wir dürfen darauf vertrauen, dass alles, was schön und gut und echt ist an der Zeit, aufgehoben und geborgen ist im ewigen Jetzt; mit jeder für uns bedeutsamen Einzelheit ist es liebend aufbewahrt dort, wo wir letztlich zuhause sind ‒ in Gott.

Weil wir an das ewige Leben glauben, dürfen wir das Leben hier ‒ wo immer wir sind ‒ im großen Jetzt, das die Zeit aufhebt, feiern.[11]

(Die Quellenangaben zum obigen Text in Anm. 2-4, 7, 10f.)

[Ergänzend:

1. Filme

1.1. Filminterview von Ramon Pachernegg mit Bruder David (2017), siehe auch Transkription:
(08:35) «Das JETZT ist nicht ein kleiner Teil der Zeit, sondern richtig verstanden ist das JETZT die Ewigkeit, also Nicht-Zeit ‒ das Gegenteil von Zeit, denn es geht über die Zeit hinaus. Es ist falsch zu sagen, das JETZT ist in der Zeit. Es ist richtiger zu sagen, die Zeit ist im JETZT»

1.2. Wir sind daheim in dieser Welt (1975); siehe auch Transkription:
(40:09) ‹Das Erlebnis ist nicht vollendet, bevor es nicht in Erinnerung übergeführt wird. Diese Verwandlung von Sinneserfahrung in Erinnerung ist eine Verwandlung aus dem Sichtbaren, Schmeckbaren, Tastbaren, Riechbaren, Hörbaren in einen Bereich des Übersinnlichen.
Der Dichter Rainer Maria Rilke hat das so schön ausgedrückt. Er vergleicht uns Menschen mit Bienen, die den Nektar des Sichtbaren in die großen goldenen Honigwaben des Unsichtbaren sammeln. Das ist unsere große menschliche Aufgabe.›

2. Audios

2.1. Vertrauen in das Leben (2014)
Vortrag:
(38:21) ‹Stirb und Werde› – Auferstehung meint etwas anderes – ‹Wir sind die Bienen des Unsichtbaren› (Rilke) – ‹Euer Leben ist verborgen in Gott› (Kol 3,3)

2.2. Dem Welthaushalt freudig dienen – Spiritualität 2011
Dem Welthaushalt freudig dienen: Pater Johannes und Bruder David im Gespräch:

(06:23) Ein bayerischer Biergarten im Himmel: Das Jetzt ist nicht in der Zeit ‒ die Zeit ist im Jetzt

2.3. Die Weisheit, die alle verbindet (2010)
Gespräch:
(11:56) Im Jetzt leben ‒ ‹All is always now› (T. S. Eliot)‚ ‹Nunc stans›: das Jetzt, das nicht vergeht (Augustinus) / (14:04) Warum gib es überhaupt Zeit? Bruder David zu Zeit und die Gelegenheit, Jetzt und Sterben, Tod / (15:44) Wie viele Gelegenheiten hast du verpasst in deinem Leben? ‹Was immer wir wählen, wird uns geschenkt, und was wir zurückweisen, wird uns am Ende auch geschenkt› (Tania Blixen [Isak Dinesen]: ‹Babettes Fest›)

2.4. Wähle das Leben (1992)
Vortrag in folgende Themen zusammengefasst:
(17:35) ‹Nunc stans› – Ankommen in der Ewigkeit

(26:02) Wenn jedes Jetzt meines Lebens gegenwärtig ist / (28:44) Nicht ohne meinen Hund

2.5. «Im Paradoxen Sinn erfahren»: Eröffnungsvortrag der Tagung Aufwachsen in Widersprüchen (1989); siehe die Transkription des Vortrags, abgedruckt im Buch Aufwachsen in Widersprüchen (1990), 61f.; siehe auch Jetzt im Doppelbereich: Ergänzend: 2.3.:

(11:07) «Im tiefsten fragt unser Herz das, von Anfang an:  W e r  b i n  i c h? ‒ Was bedeutet aber diese Frage? Die Betonung müsste da auf dem ‹b i n› liegen.
Ich muss mit dieser Spannung leben, dass ich der bin der dieses ‹bin› nie in der Zeit findet und es doch in der Zeit verwirklichen muss.»

2.6. Retreat-Woche in Assisi (1989)
Das Glaubensbekenntnis mit eigenen Worten zusammenfassen ‒ Ausklang mit Rilke Gedichten und dem Thema Reinkarnation:
(39:47) Im Jetzt leben: Deshalb das Desinteresse der jüdischen Propheten an Themen, die in den Religionen ihrer Nachbarvölker einen zentralen Platz einnehmen. ‒ «Von einem einzigen Punkt aus, wenn ich wirklich da bin, habe ich zu allem Zugang»: Br. David ermutigt zum wissenden Nichtwissen

3. Weitere Texte

3.1. Zeit der großen Glocken

3.2. Jetzt im Stundengebet: Ergänzend: 1.3. Audio und 2. Sext ‒ INBRUNST UND HINGABE, 94f.

3.3. Orientierung finden (2021): ‹Das Jetzt ‒ im Schnittpunkt von Zeit und Ewigkeit›, 81f.:

«Wir stellen uns typisch die Zeit als eine Linie vor, auf der das Jetzt der kurze Abschnitt zwischen Vergangenheit und Zukunft ist. Aber wie kurz dieser Abschnitt auch sein mag, wir können ihn in die Hälfte teilen. Dann ist die eine Hälfte  n i c h t, weil sie vergangen, also nicht mehr ist; die andre Hälfte ist auch  n i c h t, weil sie zukünftig, also noch nicht ist. Wir können diesen Teilungsprozess ad infinitum fortsetzen. Es zeigt sich also, dass dieses Jetzt, mit dem wir doch so vertraut sind, gar nicht in der Zeit ist. Im Gegenteil, wir sind berechtigt zu sagen: Die Zeit ist im Jetzt.

Alle Vergangenheit war ja einmal jetzt, und wenn die Zukunft kommt, wird sie jetzt sein.

‹Alles ist immer jetzt›, sagt T. S. Eliot ‒ ‹all is always now›.

Nur was jetzt ist, ist, sonst war es oder es wird erst sein, ist also nicht.

Wie erstaunlich: Mitten in der Vergänglichkeit erleben wir etwas, das Dauer hat ‒ das Jetzt. Johann Gottfried Herder (I744-1803) schrieb:

Ein Traum, ein Traum ist unser Leben
auf Erden hier.
Wie Schatten auf den Wogen schweben
und schwinden wir,
und messen unsre trägen Tritte
nach Raum und Zeit;
und sind (und wissen's nicht) in Mitte
der Ewigkeit.

Das Jetzt ist ‹der Schnittpunkt des Zeitlosen mit der Zeit› (T. S. Eliot) ‒ der Schnittpunkt von Zeit und Ewigkeit.

Ewigkeit ist ja nicht eine endlos lange Zeit, sondern der Gegenpol zu Zeit, ‹das beständige Jetzt›, das ‹nunc stans›, wie Augustinus Ewigkeit definiert. Wenn deine Zeit um ist, bleibt nur deine Ewigkeit.

Schon heute lebst du aber im Doppelbereich, gehörst also beiden Bereichen an.

Außen stehst du mitten in der Zeit; innen in dir aber ist die ‹Mitte des Immer, drin du atmest und ahnst›, wie Rilke in der ‹Elegie an Marina› schreibt.

Und für T. S. Eliot ist das Jetzt ‹der Augenblick in und außerhalb der Zeit› ‒ die Ewigkeit inmitten der Zeit.

Mein Selbst gehört zum Bereich der Ewigkeit. Mein Ich gehört zum Bereich von Raum und Zeit. Aber diese beiden sind der eine untrennbare Doppelbereich. Ich selbst bin eins ‒ nicht aus zwei Hälften zusammengesetzt. In diesem Bewusstsein zu leben, heißt im Jetzt leben. Nur dann bin ich ‹Ich-Selbst

3.4. Credo (2015): ‹gestorben›, 128f.:

«Meine Generation im Wien jener Zeit wuchs in Todesnähe heran. Über unseren Teenager-Jahren hingen die Gewitterwolken des Zweiten Weltkriegs, und täglich schlugen Blitze ein. Trotzdem, oder vielleicht gerade deswegen ist mir meine Jugend als eine Zeit strahlender Lebensfreude in Erinnerung. Bombenangriffe töteten täglich Unzählige; unsere etwas älteren Freunde fielen einer nach dem andern, an der Front; wir selber konnten an keine Zukunft denken. ‒

Dann war der Krieg plötzlich zu Ende, und ich wurde mir bewusst, dass ein Leben vor mir lag. Das kam wie ein Schock.

Da erinnerte ich mich an eine Mahnung aus der Regel des hl. Benedikt ‹Den Tod allzeit vor Augen haben!› und es war mir auf einmal klar: Mit diesem Bewusstsein sind wir ja aufgewachsen!

Zugleich sah ich aber ein, dass wir gerade deshalb so intensiv gelebt hatten. Wir mussten immer im Augenblick leben, und das ist ja der Schlüssel zur Lebensfreude. Es ist auch der springende Punkt im Mönchsleben.

Die Mönche der verschiedensten Religionen ‒ das sollte ich später erfahren ‒ sind sich darin einig dass alles darauf ankommt, im Jetzt zu leben.

Um die Lebensfreude, mit der ich aufgewachsen war, nicht versickern zu lassen, wurde ich schließlich selber Mönch. Und ich muss gestehen ich würde es wieder tun.

Auch das Mahnwort ‹memento mori› ‒ ‹Denk an das Sterben› ‒, das oft auf klösterlichen Sonnenuhren zu lesen ist, zielt auf das Im-Jetzt-leben ab.

Darum findet man nicht selten auch die Version ‹vergiss nicht zu leben!› Dies ist ja gemeint mit dem ‹Vergiss das Sterben nicht›. Also: ‹Carpe diem!› Nütze jeden Augenblick! Ein ‹guter Tod› ist ja die Frucht eines vollen Lebens. Diese Frucht reift mit jedem Atemzug; wenn wir rückhaltlos leben, dürfen hoffen, dass sie mit unserem letzten Atemzug ausgereift sein wird.»

3.5. Einsichten aus Rilkes Dichtung, Teil II (2014), 89-91:

«Das Jetzt ist ein ganz geheimnisvolles Geschenk.

Wir meinen, das Jetzt sei diese kleine und kleinste Strecke auf dieser Linie der Zeit, die aus der Vergangenheit kommt und in die Zukunft geht: Links ist die Vergangenheit, die ist nicht, weil sie nicht mehr ist, und rechts ist die Zukunft, die ist noch nicht, also auch nicht.

T.S. Eliot: ‹All is always now›im Jetzt,

und das ist nicht diese winzig kleine Strecke dazwischen.

Solange es eine Strecke ist, können wir sie in die Hälfte teilen und die eine Hälfte ist nicht, weil sie nicht mehr ist und die andere Hälfte ist nicht, weil sie noch nicht ist, und wenn jemand sagt: ‚Das ist Haarspalterei!‘ Stimmt! Aber solange es ein Haar ist, kann man es spalten. (Gelächter). ‒

Und wir kommen zu der Einsicht, dass das Jetzt gar nicht in der Zeit ist, im Gegenteil: Die Zeit ist im Jetzt.

Wenn wir uns an die Vergangenheit erinnern, sind wir im Jetzt in der Vergangenheit.

Wir können uns nicht an die Vergangenheit erinnern und in der Vergangenheit sein.

Die ganze Vergangenheit ist eingeheimst in das Jetzt.

Und wenn wir an die Zukunft denken, ist sie auch Jetzt und wenn die Zukunft kommt, wird sie Jetzt sein:

‹All is always now› — ‹Alles ist immer Jetzt›.

Und die Zeit ist einfach eine Ausdrucksweise dieses übervollen Jetzt, das uns nicht nur diese eine Gelegenheit geben will, sondern die vielen Gelegenheiten.

E s  teilt aus, es schenkt und schenkt und schenkt eine Gelegenheit nach der andern: Das ist das Jetzt.

Das Jetzt ist das Geheimnis, das Jetzt ist auch die Ewigkeit.

Das ist ja die Definition von Ewigkeit in der westlichen Tradition: ‹Nunc stans›, ‹Stehendes Jetzt›: Sehr elegant auf Lateinisch, nur zwei Wörter: nunc heißt jetzt und stans: es bleibt stehen.

Das Jetzt, das nicht vergeht.

Das ist die Ewigkeit, Ewigkeit ist nicht eine lange, lange Zeit.

Dieses Jetzt ist nicht nur das Jetzt des sich Freuens, sondern auch das Jetzt des Ringens, des Sturmes, – nicht nur das Bauen, sondern auch das Ringen ist das Tun.»]

 ___________________

[1] Credo (2015): ‹Geboren aus Maria der Jungfrau›, 94:

«Die dichterische Vorstellungskraft der frühen Christen sah im Jungfrauenschoß, aus dem der neue Adam geboren wird, ein Spiegelbild der jungfräulichen Erde, aus welcher der alte Adam im Paradies geformt wurde. In beiden Bildern bedeutet Jungfräulichkeit einen taufrischen Neubeginn. So wie ein Skifahrer durch ‹jungfräulichen› Pulverschnee die erste Spur zieht, so bahnt Jesus einen ganz neuen Weg zu Gott. Das ist die entscheidende Aussage dieses Glaubenssatzes.»

[2] Credo (2015): ‹Geboren aus Maria der Jungfrau›, 99f. und 101

[3] Credo (2015): ‹Am dritten Tage auferstanden von den Toten›, 155

[4] Credo (2015): ‹Auferstehung der Toten›, 212

[5] T. S. Eliot: Four quartets: Burnt Norton, V; siehe auch in Ergänzend: 3.3. und in Stillehalten

[6] Rilke im Brief an seinen polnischen Übersetzer Witold Hulewicz; siehe auch Einsichten aus Rilkes Dichtung, Teil II (2014), 105f.

[7] Credo (2015): ‹Auferstehung der Toten›, 217-220; siehe auch Seele

[8] Der Ausdruck nunc stans findet sich erstmals bei Thomas von Aquin (1225-1274). Er hat eine lange Vorgeschichte, beginnend mit Platon (428-348 v. Chr.) und weiterführenden Beiträgen von Plotin (205-270), Augustinus (354-430), Boethius (ca. 480-524) und späteren Denkern zum Thema ‹Zeit und Ewigkeit›.

[9] R. M. Rilke, 8. Duineser Elegie

[10] Credo (2015): ‹Das ewige Leben›, 223f.; R. M. Rilke: ‹Heil dem Geist, der uns verbinden mag›,
das vollständige Sonett in Einsichten aus Rilkes Dichtung, Teil II, 96f.

[11] Credo (2015): ‹Das ewige Leben›, 222f.



Quellenangaben

Text, Filme und Audios von Br. David Steindl-Rast OSB

hl geist georg stahl titelCopyright © - Barbara Krähmer

Ego ist das lateinische Wort für «lch», aber wir werden es mit einer negativen Bedeutung verwenden, weil wir ein Wort brauchen für eine Fehlform des Ich. Auch im oft gebrauchten Wort «egoistisch» ist Ego negativ belastet. Das «lch» wird zum Ego durch einen Prozess des Vergessens. Je mehr ich mein Selbst vergesse, das mich mit allen andren verbindet, desto einsamer und ganz auf mich allein gestellt muss ich mich fühlen. Mein «Ich-Selbst» schrumpft mehr und mehr zum Ego zusammen, bis ich mein Selbst fast völlig vergessen habe. Ganz vergessen können wir es nie.

Im Europakloster spielen wir Mönche einmal im Monat nach dem Sonntagsgottesdienst für die Kinder Kasperltheater. Da kann es vorkommen, dass einer der Brüder mit einer Hand das Krokodil spielt, mit der andren die vom Krokodil bedrohte Prinzessin. Wenn wir uns in die Prinzessin hineindenken, wird es uns gewiss Zuversicht schenken, das zu wissen. Wir werden zwar Angst haben vor dem Krokodil, werden aber dem Puppenspieler vertrauen, der uns beide spielt. Aber eine Puppe, die den Puppenspieler vergisst, muss sich als eine leere Haut fühlen, umgeben von unzähligen andren, von denen einige alles andre als freundlich zu sein scheinen. Sie wird also Angst bekommen. Wenn wir vergessen, dass das eine Selbst uns innerlich verbindet, ist Angst fast unvermeidlich. Das Ego sträubt sich voller Furcht gegen diese Angst. Furcht aber ist die Ursache für alles, was im Welttheater schiefgeht.

Furcht macht das Ego aggressiv. Dann sucht es Sicherheit, indem es Macht über andre zu erlangen sucht; danach strebt, sich über alle andren hochzuarbeiten, andre zu unterdrücken und sie auszunutzen. Auch wird das Ego ein Gefühl des Mangels nicht los. Aus Furcht, dass nicht genug für alle da ist, wird das Ego gierig, geizig und neidisch. Es hat seine Einbettung in ein größeres Ganzes verloren und ist zum Mittelpunkt geworden, um den sich nun all sein Denken und Streben dreht. Es verstrickt sich immer mehr in eine von Furcht getriebene Gesellschaft, in der Ego auf Ego prallt, eine Gesellschaft ‒ leider unsre eigene! ‒ gekennzeichnet durch Machthunger, Gewalttätigkeit, Gier und Ausbeutung, und all das aus Furcht!

Wie kann das Ego aus dieser Verirrung und Verstrickung heimfinden in die rechte Beziehung zum Selbst? Die Antwort liegt auf der Hand: Aus Vergesslichkeit und Furcht hat es sich verirrt, durch das Gegenteil ‒ also durch Achtsamkeit und Vertrauen ‒ kann es den Heimweg finden.

Auch das zum Ego gewordene Ich kann ja das Selbst nie ganz vergessen. Es kann also umkehren und heimkehren. Im innersten Herzen des Egos schläft sie nur, die Erinnerung an das Selbst.

Wir können zusammenfassen: Das Ego ist nichts andres als das Ich, aber ein krankes Ich, zusammengeschrumpft, weil es sein weites, allumfassendes Selbst aus dem Bewusstsein verloren hat. Daher hat es auch seine Verbundenheit mit allen andren vergessen und alle echten Beziehungen verloren. Nur durch Beziehungen aber finden wir Sinn und Orientierung im Leben. Und alle Beziehungen beginnen mit der Beziehung zum Du.

[Orientierung finden (2021): ‹Das Ego ‒ wenn das Ich das Selbst vergisst›, 24f.]

[Ergänzend:

1. Filminterview von Ramon Pachernegg mit Bruder David (2017), siehe auch Transkription:

(20:10) «Wie schaut die Welt des Selbst aus?

(23:29) Wir leben in einer Gesellschaft, die eben durch das Ego geprägt ist, und die daher eine Art Pyramide ist. Der Stärkste ‒ zugleich auch wahrscheinlich der, der am meisten Furcht hat, das macht ihn so aggressiv ‒, ich sage ihn, das ist eine sehr männliche Haltung, aber es kann auch Frauen passieren:

Wer am meisten Angst hat, der kommt am höchsten hinauf, weil er die Andern am stärksten tritt. Und da baut sich diese Pyramide auf und jeder ‒ auf jeder Schicht ‒, buckelt nach oben und tritt nach unten, wie ein Radfahrer. So baut sich diese Machtpyramide auf. Das Gegenteil ist eine Welt, nicht der Pyramide, sondern der Vernetzung.

(26:47) «An dem Beispiel der Flüchtlinge und der Flüchtlingskrise, in der wir leben, zeigt sich eigentlich recht schön, wie das im Praktischen ausschaut:

Es heißt noch nicht: ‹Ich weiß schon, was man da machen muss ‒, ich habe schon alles ausgedacht› ‒ ‹Keine Ahnung, ich habe sogar Angst, dass mir gar nichts einfallen wird. Aber ich vertraue, ich sträube mich nicht. Diese Situation ist gegeben. Ich baue keine Zäune, das ist das Sträuben. Ich setze mich damit auseinander und gemeinsam werden wir irgendeine Lösung finden.›

Man braucht noch nicht das Rezept zu haben, man muss nur die Haltung haben, aus der sich früher oder später die Lösung entwickelt. Vielleicht ganz ohne Rezept sich einfach entwickelt, weil man gewisse Grundsätze, zum Beispiel Ehrfurcht vor dem Andern: Das ist ja nicht nur Nummer 50364 von den Flüchtlingen, das ist ein Mensch mit einem ganz eigenen Schicksal ‒, dem trete ich ehrfürchtig entgegen und versuche gemeinsam:

‹Was können wir da machen›? Und wenn genügend Leute fragen: ‹Was können wir da machen?› ‒ das ist schon ein Weg auf eine Lösung hin, wenn genügend Leute fragen.

… Aber das Gegenteil ist, zu sagen: ‹Abschließen, Mauern, Zäune, niemanden mehr hereinlassen› …

Das ist ganz ein anderer Ansatz. Und dieser kreative Ansatz entspringt dem Bewusstsein: Wir sind ein Selbst, das viele, viele verschiedene Rollen spielt, aber es ist das eine Selbst und es wird schon etwas herauskommen, wenn wir unsere Rolle gut spielen: Der Flüchtling spielt die Flüchtlingsrolle, der Helfer spielt die Helferrolle. Der Zuschauer spielt die Zuschauerrolle. Wir müssen unsere Rollen gut spielen.»

2. Audios

2.1. Fragen, denen wir uns stellen müssen (2016)
Tag 3 Vormittag:
‹Das Ego ‒ die Fehlform des Ich› (Bruder David)

2.2. Lebensorientierung (2015)
3. Tag, 12. Februar, Donnerstagvormittag mit 5. Impulsvortrag (Bruder David), siehe
Transkription S. 16 und 28:
(28:55) Das Ego: wenn das Ich sich fürchtet und gewalttätig wird
(42:53) Gespräch: Warum fallen wir immer wieder ins Ego?

2.3. Das glauben wir ‒ Spiritualität in unserer Zeit (2015)
Vortrag in Themen des Abends aufgeteilt:
Ich ‒ Selbst ‒ Liebe ‒ Ego

2.4. Dankbarkeit als Achtsamkeit im Dialog (2014); siehe auch Transkription:

(26:44) Warum ist das Ego aber schlecht, was ist das Problem, wenn man vergisst, dass wir alle eins sind? Darum geht’s ja: Wenn man das Selbst vergisst, hat man vergessen, dass wir alle eins sind. Warum ist das so problematisch?

2.5. Dem Welthaushalt freudig dienen – Spiritualität 2011
Dem Welthaushalt freudig dienen: Pater Johannes und Bruder David im Gespräch:
(03:16) Wenn das Ich das Selbst vergisst

3. Weitere Texte

3.1. Machtpyramide und Netzwerke; Konkurrenz, Wettbewerb, Rivalität

3.2. Einsichten aus Rilkes Dichtung, Teil II (2014) 112-115:

«Wenn das ICH jetzt plötzlich das SELBST vergisst, wird es zum EGO.

Das ICH schrumpft ein, es schrumpft zusammen und fürchtet sich. Das ist das Erste. Wenn wir uns fürchten, werden wir aggressiv. Aggression, Gewalttätigkeit kommt immer von Furcht.

Das nächste ist: Wir wollen weiter hinaufkommen: kompetitiv, Wettbewerb um jeden Preis, höherkommen wie die anderen, es sind ja so viele, vielleicht steigen die auf mich drauf, da steig ich lieber auf sie drauf. Und dann der Gedanke, da ist ja nicht genug für uns alle: Wir werden neidisch und geizig, wollen mehr und mehr.

Und das sind alles die Charakteristiken, die unsere Welt, Kulturwelt, die wir geschaffen haben, charakterisieren: Gewalttätigkeit, Wettbewerb und Geiz und Neid und in allen spirituellen Traditionen aus der Erfahrung aus dem SELBST heraus wird eine Welt vorgestellt und erhofft, wo Frieden ist, nicht Gewalttätigkeit, nicht Aggression, Zusammenarbeit statt Wettbewerb und Teilen.»]


Quellenangaben

Text und Audios von Br. David Steindl-Rast OSB

hl geist georg stahl titelCopyright © - Georg Stahl

Jeder von uns weiß es aus eigener Erfahrung, kann es zumindest selbst nachprüfen. «Erkenne dich selbst!» stand über dem Eingang des Apollotempels in Delphi, aber nicht nur die alten Griechen sahen darin den Schlüssel zur tiefsten Einsicht. Sobald ein Mensch zu Selbstbewusstsein erwacht, steht er vor der Herausforderung zur Selbsterkenntnis.

Und schon bei den ersten Schritten auf dem Weg der Selbst-Erkundung stoßen wir auf den Unterschied zwischen dem Bewusstsein, das wir beobachten, und dem höheren, größeren Bewusstsein, das beobachtet.

Ein Nach-innen-Schauen kann uns zeigen, wie sehr wir uns meist mit dem Ego identifizieren, das wir beobachten können; es ist uns aber auch möglich zu lernen, mehr und mehr daheim zu sein im Beobachter selbst, in unserem wahren Selbst.

In dem Ausmaß, in dem uns das gelingt, wird das Ego aufgehoben ‒ aufgehoben in der dreifachen Bedeutung dieses Wortes:

Unser Selbst-Verständnis wird auf eine höhere Ebene des Bewusstseins hinaufgehoben; unsere Selbst-Identifizierung mit dem Ego, unserer äußeren «Maske», wird für ungültig erklärt, aber das, worum es uns eigentlich geht, unsere Selbst-Wertschätzung, wird unverlierbar bewahrt.

Wir können es auch so sagen: Selbstbeobachtung / Selbstreflexion, Selbsterkenntnis zeigt uns, wie sehr wir im Ego verstrickt sind. Wir sind nicht einmal imstande, dem Sturzbach unserer Gedanken Einhalt zu gebieten. Nur selten denken wir; meist denkt es uns. Nur selten gebrauchen wir unser Denken als Werkzeug, das uns gehorcht; meist werden wir einfach mitgerissen vom Strudel der Gedanken und Geschichtchen, durch die unser Ego die Illusion seiner Eigenständigkeit aufrechterhält.

Wir können aber lernen, dem ein Ende zu machen, indem wir im Jetzt leben; die Gedanken sind nämlich immer mit Vergangenheit und Zukunft beschäftigt.

Wer im Jetzt des Augenblicks lebt, findet da den Beobachter der Gedanken, sein wahres Selbst.

Klassische Statuen haben typischerweise ein Standbein und ein Spielbein. Rufen wir uns zum Beispiel Michelangelos David in Erinnerung. Sein rechtes Bein trägt ihn, sein linkes schwingt fast tänzerisch aus. Anfänger in der Selbsterkenntnis stehen mit ihrem Standbein fest im Ego. Die Aufgabe besteht darin, unser Schwergewicht zu verlagern, bis unser Schwerpunkt im großen Selbst liegt ‒ in unserer Buddha-Natur würden Buddhisten sagen.

Andere Traditionen drücken das Heimfinden zum wahren Selbst anders aus.

Christen werden etwa mit Paulus sagen:

«Ich lebe, doch jetzt nicht ich, sondern Christus lebt in mir» (Gal 2,20) ‒ was Paulus da meint, ist das eine, uns allen eigene Selbst, das uns zu Menschen macht.

Dieses unser wahres Selbst kann lächeln über die Kniffe, durch die das Ego sich zu verewigen sucht; es ist ja eins mit allen; was soll es da fürchten?[1]

Es hat grenzenloses Vertrauen; das heißt, es glaubt, im tiefsten Sinn des Wortes.

Darum heißt es [im Glaubensbekenntnis] auch nicht «wir glauben», sondern ‒ die Verwirklichung vorwegnehmend ‒ «ich»: der Mensch schlechthin, das eine allumfassende Selbst, ‒ «Purusha» in der Hindu-Mythologie, oder etwa «I’itoi» in der Mythologie der Tohono O’Odham in Arizona; der kosmische Christus, der hier im Christen das erste Wort des Glaubensbekenntnisses spricht, das Wort, in dem alles Weitere zusammengefasst und schon vorweggenommen ist.

Welchen Namen wir ihm auch geben wollen, dieses von Natur aus gläubige Selbst in uns zu finden, ist uns möglich, ja, es ist das Ziel aller spirituellen Übungen.[2]

Das Jetzt ist «der Schnittpunkt des Zeitlosen mit der Zeit» (T. S. Eliot) ‒ der Schnittpunkt von Zeit und Ewigkeit.[3] Ewigkeit ist ja nicht eine endlos lange Zeit, sondern der Gegenpol zu Zeit, «das beständige Jetzt», das «nunc stans», wie Augustinus Ewigkeit definiert.[4]

Wenn deine Zeit um ist, bleibt nur deine Ewigkeit. Schon heute lebst du aber im Doppelbereich, gehörst also beiden Bereichen an.

Außen stehst du mitten in der Zeit; innen in dir aber ist die «Mitte des Immer, drin du atmest und ahnst», wie Rilke in der «Elegie an Marina» schreibt.[5]

Und für T. S. Eliot ist das Jetzt «der Augenblick in und ausserhalb der Zeit» ‒ die Ewigkeit inmitten der Zeit.[6]

Mein Selbst gehört zum Bereich der Ewigkeit. Mein Ich gehört zum Bereich von Raum und Zeit.

Aber diese beiden sind der eine untrennbare Doppelbereich. Ich selbst bin eins ‒ nicht aus zwei Hälften zusammengesetzt. In diesem Bewusstsein zu leben, heißt im Jetzt zu leben. Nur dann bin ich «Ich-Selbst».

Dann werde ich aus einem Ego, das sich in Vergangenheit und Zukunft verstrickt hat, wieder zum «Ich-Selbst».

Darum ist es so wichtig zu lernen, bewusst in diesem Doppelbereich zuhause zu sein.

Schon «Erkenne dich selbst!» ist eine Aufgabe, die wir nur im Jetzt lösen können. Und die Herausforderung «Werde, wer du bist!» verlangt, dass wir ein Leben lang lernen, im Jetzt zu leben.[7]

Nun spielt sich das aber nicht so schlagartig ab, sondern es ist wie eine Skala, eine lange fließende Skala, und auf der einen Seite wird’s mehr und mehr Ego und auf der anderen Seite wird’s mehr und mehr «Selbst». Und wenn wir uns unsere Bekannten und Verwandten anschauen, dann sehen wir, dass manche mehr auf der Ego-Seite sind und andere mehr auf der Selbst-Seite sind und gewöhnlich die Menschen, die wir besonders bewundern, die sind so durchleuchtend für das Selbst, dass das Ich schon fast verschwindet, es wird so ganz durchscheinend. Und beim Ego ist das Ich recht handfest.[8]

Öfter als früher denke ich über meine Ahnen nach, versuche sie mir vorzustellen, weit zurück. Meine rechte Handfläche zeigt eine Kontraktur der Bindegewebe,[9] die mich nicht stört, aber daran erinnert, dass ich sie vielleicht von Wikinger-Vorfahren geerbt habe. Welche Raubüberfälle da in meiner Vorgeschichte liegen könnten oder welche Pogrome, bei denen vielleicht meine aristokratischen Vorfahren in Polen meine chassidisch-jüdischen niedermetzelten. Wie kam es dazu, dass sie dann doch zusammenflossen in meiner Person? [10]

Das Wort «Person» kommt aus dem Bühnenwortschatz der Römer und bedeutete die «Rolle», die «Maske», welche die Stimme des Schauspielers durchtönen lässt (per = durch, sonat = tönt).

Welche Zufälle mögen mitgespielt haben, damit mir die Rolle zufiel, die ich jetzt spiele? Ja, im Bild des Rollenspiels kann ich mir die Beziehung zwischen meinem Ich im Fluss der Zeit und meinem überzeitlichen Selbst vorstellen.

Die ganze unabsehbare Vergangenheit hat die Rolle bestimmt, die mir jetzt aufgegeben ist. Wie vieles war schon bei meiner Geburt festgelegt ‒ mein Geschlecht, meine Hautfarbe, die Familie und Kultur, in die ich hineingeboren wurde, Tausende andere unabänderliche Gegebenheiten.

Am 1. Sonntag im Monat spielen im Europakloster die Brüder nach dem Kindergottesdienst Kasperltheater. Ein und derselbe Bruder kann da etwa mit der rechten Hand den Seppl spielen und mit der linken das Krokodil. So spielt auch das eine große Selbst unzählige Rollen. So spielt mein eigenes Selbst, das daheim ist im großen Selbst, die Rolle, die mir zugefallen ist.

Selbst und Ich sind eins im Spielen; ich kann sie unterscheiden, aber nicht trennen.

Was heißt es, frage ich mich, meine Rolle «gut» zu spielen? Die Antwort muss wohl lauten: gut zu spielen heißt, mit Liebe zu spielen ‒ ein Ja zu grenzenloser Zugehörigkeit zum Ausdruck bringen. Wenn das Ich dieses Ja verweigert, gibt ihm das Selbst trotzdem Kraft zu spielen, aber dann spielt das Ich «schlecht».[11]

(Die Quellenangaben zum obigen Text in Anm. 2, 7f., 11)

[Ergänzend: Wir im Spannungsfeld von ‹Ich glaube› und Ego

1. Anfangs- und Schlussakkord und des Buches Credo (2015): ‹Ich glaube›, 18f. und ‹Amen›, 229; siehe auch Glaube:

«‹Ich glaube›: Was heißt das eigentlich?

Nur in der Zusammensetzung ‹Ich glaube› enthüllt jedes dieser beiden Wörter seine volle Bedeutung: Glauben ist für das Ich, um das es hier geht, unendlich mehr als ein Für-wahr-halten; und nur das Ich, das in diesem Vollsinn glaubt, ist unser wahres menschliches Selbst.

Das kleine Ich ‒ unser Ego, das letztlich aus einer Täuschung entspringt ‒ kann bestenfalls etwas als tatsächlich anerkennen; glauben kann es nicht.

Und warum nicht? Weil der Glaube nicht eine Ansammlung von Behauptungen ist, die ein gläubiger Mensch für wahr hält; der Glaube ist vielmehr tiefstes, wagemutiges Vertrauen.

Sein Gegenteil ist nicht Zweifel, sondern Furchtsamkeit.

Angst und Furchtsamkeit aber sind das Lebenselement des Ego, das der Selbsttäuschung des Abgetrenntseins vom Ganzen sein Scheindasein verdankt. Kein Wunder, dass es in seiner Vereinzelung den Rest der Welt als drohend und beängstigend erlebt.

Unser wahres Ich ist im Ganzen des Seins eingebettet ‒ wovor soll es da Angst haben?

Wenn wir also sagen ‹Ich glaube› und beiden Wörtern ihre volle Bedeutung geben, treten wir damit in die Größe und Tiefe wahren Menschseins ein.

Wir können das zur Verdeutlichung etwas dramatisch ausmalen:

Da tritt ein Menschlein in ein Kirchlein ‒ alles recht zahm und alltäglich, bis es zum Credo kommt und zum ‹ich glaube›.

Für Augen, die sehen könnten, was sich da in Wirklichkeit ereignet, flögen plötzlich Dach und Kirchturm davon, die Mauern würden zerstieben, Raum und Zeit wären nicht mehr. Es betet jetzt das eine, allumfassende menschliche Ich im ewigen Jetzt.

Das Ich, das sagen kann ‹ich glaube› und es im Vollsinn sagen kann, ist unser wahres Ich, das eine echte, allen Menschen gemeinsam eigene Selbst.»

«AMEN zu sagen heißt, sich auf Gottes Verlässlichkeit zu verlassen.[12] So fasst das AMEN am Schluss des Glaubensbekenntnisses noch einmal zusammen, was glauben heißt: Unser Herz vertrauensvoll auf Gott zu setzen und dementsprechend zu leben. Nicht, als ob Gottes Vertrauenswürdigkeit überhaupt in Frage gestellt werden könnte. Nur das, was uns so verlässlich erscheint, dass wir uns vorbehaltslos darauf verlassen können, verdient ja Gott zu heißen. In dem Ausdruck ‹uns verlassen› schwingt die Vorstellung mit, dass wir unser kleines Selbst zurücklassen und uns vertrauend auf etwas Größeres hinbewegen. Diese innere Bewegung haben wir schon mit dem ersten Wort des Glaubensbekenntnisses begonnen. ‹Ich glaube› heißt genau das gleiche wie ‹ich verlasse mich›. Und mit AMEN schließt sich nun der Kreis.»

2. Fragen, denen wir uns stellen müssen (2016)
Tag 2 Nachmittag:
‹Im Jetzt sein und im Selbst sein ist identisch› (Bruder David)
:
(08:17) Es war noch nie jemand da wie du, um einen Ton der Rühmung zu singen / (10:52) Das Selbst ist über Raum und Zeit erhaben ‒ Die Balance Ich und Selbst in spirituellen Übungen und Gipfelerlebnissen / (13:57) Ganz im Jetzt sein / (18:15) Im Selbst sein und im Jetzt sein ist identisch ‒ Immer wieder ins Jetzt kommen: das Kernanliegen aller spirituellen Wege
(27:54) Sich auf das große Geheimnis verlassen heißt glauben
(38:11) Das Selbst spielt in jedem Ich eine einzigartige Rolle ‒ der Vergleich mit dem Kasperltheater

3. Retreat-Woche in Assisi (1989)
Amen: Unsere Antwort auf die ‹amunah›, die Treue Gottes:
(00:00) Glaube ‒ sich verlassen auf die Verlässlichkeit Gottes

4. Einsichten aus Rilkes Dichtung, Teil II (2014) 109-115:

«Und das Ego vergisst eben, dass es ja nur ein Spiel ist. Alles was wir hier aufführen ist ein Spiel.

Ein Spiel dieses Selbst.

Es kann auch eine Tragödie sein, es kann auch sehr schön sein.

Wir sind Schauspieler sozusagen.

Uns ist ein Drehbuch mitgegeben bei der Empfängnis.

Und wir haben keine Ahnung für gewöhnlich, wenn wir nicht beginnen darüber nachzudenken, wie detailliert dieses Drehbuch ist: Dass wir überhaupt hier geboren sind, zu dieser Zeit, von diesen Eltern, mit diesen Begabungen, mit diesen Krankheiten oder was immer: Fehlern.

Das ist schon so ein Drehbuch und wie kann man das gut spielen?

Indem man diese Rolle gut spielt.

Und gut spielt man sie, solange man sich erinnert: Das ist mir aufgegeben! Das ist meine Aufgabe. Ich selbst spiele das.

Wenn ich das Selbst vergesse, glaube ich, ich bin die Rolle. Ich verwechsle mich mit der Rolle.

Und eine Schauspielerin, die sich mit der Rolle verwechselt, spielt nicht gut.

Sie spielt nur gut, solange sie sich wirklich, sich völlig hineinlebt, aber immer noch weiß, wer sie ist. Dass sie nachher sich wieder abschminkt und nach Hause geht und sich duscht und dann in der Küche sich etwas richtet.

Aber wenn sie das vergisst, wenn sie glaubt, ich bin jetzt die Minna von Barnhelm, ist sie verrückt geworden. Und wir leben meistens verrückt! (Lachen im Saal). ‒

Wir identifizieren uns so mit unserer Rolle, dass wir gar nicht wissen, dass es nur eine Rolle ist.

Wenn wir sie gut gespielt haben, wenn es fertig ist: Wie ein Puppenspieler spielt das Selbst mit allen diesen Puppen, hat viele Hände ‒, nimmst dann die Puppe ab, legst sie weg, das Selbst bleibt.

Was wirklich innerhalb von mir gespielt hat, das war ja das Selbst.

Meine Rolle ist ja nur diese Puppe, die ich da anziehe.»]

________________________

[1] Retreat-Woche in Assisi (1989)
Das Glaubensbekenntnis mit eigenen Worten zusammenfassen … Reinkarnation:
(26:08) Wortwörtlich nehmen klammert sich ans kleine Ich entgegen der Intention des Buddhismus wie auch des Christentums: ‹Nicht mehr ich lebe, Christus lebt in mir› (Gal 2,20)

[2] Credo (2015): ‹Ich glaube›, 19f.

[3] T. S. Eliot: ‹ But to apprehend the point of intersection of the timeless / With time …› (Four Quartets: The Dry Salvages, V);

siehe auch Stillehalten und Film Wir sind daheim in dieser Welt (1975) und Transkription, 5:

(25:01) «T. S. Eliot spricht von dem ruhenden Punkt im Fluss der Zeit. Wir können uns diesen Punkt vorstellen wie eine einzige Achse, um die sich ein enormes Räderwerk bewegt, das doch immer wieder dort seinen stillen Punkt findet. Und für uns Menschen besteht dann die große Aufgabe darin, auch immer wieder diesen ruhenden Punkt in unserem Leben zu erreichen. Und hier an diesem Schnittpunkt von Zeit und Zeitlosigkeit gilt nicht mehr die Zeit der Uhren, sondern ‒ sagen wir ‒ Zeit der großen Glocken. Oder die Zeit, die uns bewusst wird, wenn wir die Meereswogen beobachten in Ebbe und Flut, die ihre ganz eigene Zeit, ihren ganz eigenen Rhythmus haben.»

[4] Der Ausdruck nunc stans findet sich erstmals bei Thomas von Aquin (1225-1274). Er hat eine lange Vorgeschichte, beginnend mit Platon (428-348 v. Chr.) und weiterführenden Beiträgen von Plotin (205-270), Augustinus (354-430), Boethius (ca. 480-524) und späteren Denkern zum Thema ‹Zeit und Ewigkeit›; siehe auch Jetzt und ewiges Leben: Anm. 8

[5] R. M. Rilke: ‹Von der Mitte des Immer, drin du atmest und ahnst› (Elegie an Marina Zwetajewa-Efron); siehe auch Audio (39:16) ‹Schweigen› in Lebendige Spiritualität (2015)

[6] T. S. Eliot: ‹The moment in and out of time› (Four Quartets: The Dry Salvages, V); siehe auch Stillehalten

[7] Orientierung finden (2021): ‹Das Jetzt ‒ im Schnittpunkt von Zeit und Ewigkeit›, 81f.

[8] Dankbarkeit als Achtsamkeit im Dialog (2014); siehe auch Transkription

[9] Dupuytrensche Kontraktur. Das Hauptverbreitungsgebiet ist Haithabu, die Hauptstadt der Wikinger.

[10] Bruder David spricht über seine Vorfahren in ihrem Schloss in Maria Rast am Stein im Film Dem Geheimnis auf der Spur (2016) ab 04’:50.

[11] Ich bin durch Dich so ich (2016): ‹9. Doppelbereich, 2006-2016›, 183f.

[12] «In Augenblicken, in denen wir wirklich aus unserem Herzen leben, sind wir mit dem Herzen aller Dinge verbunden. Ganz spontan erkennen wir dann ‹die Zuverlässigkeit im Herzen aller Dinge›, wie Reinhold Niebuhr es so schön sagte.» [Dankbarkeit: Das Herz allen Betens (2018), 93; bzw. Fülle und Nichts (2015), 92]; siehe auch Sinne und Kind werden, Anm. 8


Quellenangaben

Text und Audios von Br. David Steindl-Rast OSB

hl geist georg stahl titelCopyright © - Erich Baumgartner

In den persönlichen Erwägungen zum Glauben an «Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn» in seinem Buch Credo bezieht sich Bruder David auf das berühmte Eis-Vogel-Sonett von Gerhard Manley Hopkins (1844-1889) in der Übertragung von Andreas Koziol.

Gerard Manley Hopkins (*28. Juli 1844 in Stratford bei London; † 8. Juni 1889 in Dublin) war ein britischer Lyriker und Jesuit, dessen Gedichte vor allem wegen der Lebendigkeit ihres Ausdrucks bewundert werden.[1]

In diesem Gedicht prägt der Dichter für das Selbst-Werden ein neues Wort in der englischen Sprache ‒ «to selve›, was man Deutsch mit «selbsten» wiedergeben kann. Etwas «selbstet», indem es durch sein Tun aussagt, was es ist. Jede Glocke, jede langezupfte Saite «selbstet» so durch ihren ganz eigenen Ton.[2]

«Wie Eis-Vögel entbrennen, Libellen-Flug sich anfacht;
Wie ein vom Brunnenrand gestürzter Stein erklingt;
Wie jede Saite, die man anschlägt, ihre Sage singt;
Wie jeder Glocke Zunge deren Erz bekanntmacht;
Tut jedes Ding, das sterblich, dieses eine einfach:
Es weist das Wesen, welches in ihm Wohnung nimmt
Als Selbst ‒ ‹ich selbst ward› spricht es vor sich hin;
Ruft: ‹Bin, was ich hier tu, und hierzu hergebracht›.

Ich sage mehr: dem Menschen ist Recht verbürgt,
Der Huld erhält: hält Huld sein Tun und Lassen;
Er führt vor Gott das auf, was Gott in ihm bewirkt ‒
Christus ‒ Christus spielt an tausenden von Straßen,
An Aug und Gliedern lieblich, er lebt und stirbt
Den Vater durch Gesichter, die ihn menschlich fassen.»

«As kingfishers catch fire, dragonflies dráw fláme;
As tumbled over rim in roundy wells
Stones ring; like each tucked string tells, each hung bell's
Bow swung finds tongue to fling out broad its name;
Each mortal thing does one thing and the same:
Deals out that being indoors each one dwells;
Selves ‒ goes itself; myself it speaks and spells,
Crying Whát I do is me: for that I came.

I say móre: the just man justices;
Kéeps gráce: thát keeps all his goings graces;
Acts in God's eye what in God's eye he is ‒
Chríst ‒ for Christ plays in ten thousand places,
Lovely in limbs, and lovely in eyes not his
To the Father through the features of men‘s faces.»

(Eis-Vogel-Sonett von Gerard Manley Hopkins, 1844-1889)[3]

Die ersten drei Wörter ‒ «I c h  sage mehr» ‒ sind der Wendepunkt dieses Sonetts. Sie fassen alles zusammen, was seine ersten acht Zeilen über das Selbst sagten, und weisen auf das Wesentliche der abschließenden Zeilen hin:

Wo bisher Selbst im Mittelpunkt stand, tritt nun Recht an seine Stelle ‒ nicht aber in dem Sinne, den das Gerichtswesen dem Recht gibt, sondern in dem viel tiefer liegenden Sinn einer inneren Ausrichtung auf Gerechtigkeit.

Recht will hier nicht statisch, sondern dynamisch verstanden werden. Darum prägt der Dichter auch hier ein neues Wort ‒ «justicing» ‒, das zu «selbsten» die gesellschaftspolitische Parallele darstellt und soviel wie «Gerechtigkeit schaffen» bedeutet.

Um das Bewirken echter Gemeinschaft von innen her geht es hier. In gerechter Gemeinschaft besteht das «Mehr», das ich als Mensch sagen kann. Dadurch reicht mein Selbst über das aller anderen Daseinsstufen hinaus.

Jedes sterbliche Ding tut

… dieses einfach:
Es weist das Wesen, welches in ihm Wohnung nimmt
Als Selbst. …

«Ich aber» ‒ als Mensch ‒ «sage mehr: wer gerecht ist, wirkt Gerechtigkeit»,

wie eine wörtliche Wiedergabe der englischen Vorlage lautet.

Sam Keen, ein vielgelesener nordamerikanischer Autor, der sich vorbildlich für eine friedliche, gerechte Gesellschaft einsetzt, sagt mit Nachdruck:

«Ob es uns lieb ist oder nicht, wir gehören alle zu einer Gerechtigkeitsgemeinschaft im Werden.»

Klingt das nicht fast wie ein Kommentar zu Hopkins’ «Ich sage mehr»?

«Selbsten» zeitigt klare Selbst-Aussage jedes Einzelnen. Aber erst wenn wir die uns allen gemeinsame Christuswirklichkeit als unser eigentliches Selbst erkennen, entsteht Gerechtigkeitsgemeinschaft.

Als Glied dieser Gemeinschaft wird ein lebendiges Wesen mehr sagen als: «Ich selbst ward». Was hier ward, ist, «was Gott in ihm bewirkt ‒ Christus» ‒ der kosmische Christus, die innerste Wirklichkeit von allem, was es gibt.

Wo der Dichter hier «Christus» sagt, könnte er unmöglich Jesus  sagen. Selbst «Jesus Christus» würde nicht passen.

Es geht um die Christus-Wirklichkeit, an der jedes Selbst Anteil hat, und die darum als innerstes Aufbaugesetz wirkt für die ganze Gemeinschaft des Seins.

In Jesus, wie ‒ potentiell in jedem Menschen, hat Offenheit für das Christus-Selbst sein Ich unendlich erweitert. Das Selbst Jesu Christi fand Ausdruck in seinem Leben und Sterben für eine alles-einschließende Gerechtigkeitsgemeinschaft.[4]

Im Innersten weiß ich ‒ und das Leben zeigt es mir jeden Augenblick neu: Das Geheimnis «will etwas» ‒ es hat eine «Neigung».

«Der Bogen des moralischen Universums ist weit, aber er neigt sich Richtung Gerechtigkeit»,

sagte Martin Luther King, der bewundernswerte Blutzeuge für diese Gerechtigkeit. Meine tiefste Beziehung zum Geheimnis sagt mir, dass ich in dieses moralische Universum hineingestellt bin, um meinen Beitrag zu leisten ‒ um Gerechtigkeit zu verwirklichen. Die Dynamik des Seins zielt auf Gerechtigkeit ab. Diese Gerechtigkeit in unsren Beziehungen zur Mitwelt und zur Umwelt zu verwirklichen, das ist eine außerordentlich schwierige Herausforderung für uns Menschen. Sie erfordert, dass wir uns immer wieder von neuem am Leben in der Komplexität seiner Einzelheiten ausrichten. Bei dieser Aufgabe ist es hilfreich, wenigstens eine klare Orientierung zu haben ‒ Gerechtigkeit als das Ziel zu erkennen und zu wissen, dass das Geheimnis, das uns zuinnerst miteinander verbindet, uns dieses Ziel setzt. Inwiefern wir dieses Ziel erreichen, ist weniger wichtig, als dass wir mit brennendem Verlangen ununterbrochen danach streben.» [5]

Wie kannst Du, als Leser, das Sonett von G. M. Hopkins verbinden mit Deinem Ich-Bewusstsein, Deinem Selbst-Bewusstsein und Deinem Bewusstsein vom «Christus» in Dir selbst?

«Dem Menschen ist Recht verbürgt», sagt der Dichter. Was bedeutet für Dich persönlich diese tiefste innere Ausgerichtetheit des menschlichen Herzens auf Gerechtigkeit?

Wie siehst Du in diesem Licht das Recht aller auf Würdigung ihrer Person und Gleichberechtigung in der menschlichen Gesellschaft?

Wie setzt sich das um in Dein politisches Handeln? (Nicht handeln bedeutet hier auch handeln, denn es stützt den Status Quo.)

Für Jesus Christus war dies so wichtig, dass er schließlich für seinen gewaltfreien politischen Einsatz mit seinem Leben bezahlen musste.

Auf diese Art sagte Jesus «mehr» und führte vor Gott auf der Bühne dieser Welt das auf, was Gott in ihm bewirkte (und in uns allen bewirken will) ‒ «Christus».[6]

(Die Quellenangaben zum obigen Text in Anm. 2-6)

[Ergänzend:

1. Christus verschmilzt mit ‹Sophia›, der göttlichen Weisheit:

Credo (2015): ‹Und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn›, 74f.:

«... Christus spielt an tausenden von Straßen,
An Aug und Gliedern lieblich, er lebt und stirbt
den Vater durch Gesichter, die ihn menschlich fassen.

Mit dem Bild, dass Christus ‹spielt›, greift Hopkins eine Vorstellung auf, die schon im Neuen Testament anklingt, wo Paulus und besonders Johannes Christus und  S o p h i a , die personifizierte göttliche Weisheit, ineinander verschmelzen. Sie greifen da auf eine der entzückendsten Bibelstellen zurück, in der Gottes Weisheit von sich spricht:

‹Die Ewige› schuf mich zu Beginn ihrer Wege,
als Erstes all ihrer Werke von jeher.
Gewoben wurde ich in der Vorzeit;
zu Urbeginn, vor dem Anfang der Welt.
Bevor es das Urmeer gab, wurde ich geboren.
Bevor die Quellen waren, von Wasser schwer.
Bevor die Berge verankert wurden, vor den Hügeln wurde ich geboren.
Noch hatte sie weder Erde noch Felder erschaffen
oder den ersten Staub des Festlands.
Als sie den Himmel ausspannte, war ich dabei,
als sie den Erdkreis auf dem Urmeer absteckte,
als sie die Wolken oben befestigte,
als die Quellen des Urmeers kräftig waren,
als sie das Meer begrenzte, damit das Wasser ihren Befehl nicht überträte,
als sie die Fundamente der Erde einsenkte:
Da war ich der Liebling an ihrer Seite.
Die Freude war ich Tag für Tag und spielte die ganze Zeit vor ihr.
Ich spielte auf ihrer Erde und hatte meine Freude an den Menschen.»

(Buch der Sprüche 8,22-31, Bibel in gerechter Sprache, 2006)[7]

Dem Welthaushalt freudig dienen – Spiritualität 2011
Audio Spiritualität und Ökologie; siehe auch im Buch
Erkenntnis (2023): Kapitel vier: Natur und Seele, 82-106, das auf dieser Gesprächsreihe basiert:

«Gott ist Weisheit. Weisheit ist Gott. Das eröffnet uns völlig neue Perspektiven. Wir können uns fragen, wohin es uns führt, wenn wir sie im Kosmos entdecken und betrachten, die heilige Weisheit namens sophia.

Für den heiligen Johannes war logos die richtige Übersetzung von sophia. Er bezieht sich dabei mehr auf die Weisheit Gottes im Alten Testament als auf Platons Logos-Philosophie beziehungsweise die griechische Philosophie im Allgemeinen, für die nur das Erklärbare Teil des Wissens sein kann.»

Retreat-Woche in Assisi (1989)
Ich glaube an Jesus Christus, unsern Herrn:
(35:01) Zwei Blickrichtungen auf Jesus Christus: Er ist einer von uns, die Pointe seiner Gleichnisse, kein Prophet im eigentlichen Sinn und die spätere Deutung in der Logos-Sophia-Theologie (Joh 1)
(38:49) Jesus: Ganz der Vater (Joh 1,18; 10,30) ‒ ‹Die Weisheit hat ihr Haus gebaut› (Spr 8) ‒ ‹Und all denen, die an seinen Namen glauben, gab er Kraft, das zu werden, was er ist› (Joh 1,12)
Das Glaubensbekenntnis mit eigenen Worten zusammenfassen … Reinkarnation:
(26:08) Wortwörtlich nehmen klammert sich ans kleine Ich entgegen der Intention des Buddhismus wie auch des Christentums: ‹Nicht mehr ich lebe, Christus lebt in mir› (Gal 2,20)

2. Christus-in-uns: unser ureigenstes gott-menschliches Selbst:

Credo (2015): ‹Und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn›, 74, 75f. und 71:

«... Christus spielt an tausenden von Straßen,
An Aug und Gliedern lieblich, er lebt und stirbt
den Vater durch Gesichter, die ihn menschlich fassen.

Hopkins bereichert den Sinngehalt dieser Bilder noch, indem er betont, dass Christus/Sophia lieblich sei an Aug und Gliedern, die aber ‹nicht seine eigenen› seien ‒ der englische Text sagt ausdrücklich: ‹not his own› ‒ sondern dass diese Augen zu Gesichtern gehören, ‹die ihn menschlich fassen›, wie es in Koziols Übersetzung heißt. So wird Christus sichtbar ‹in Tausenden von Straßen›. Wo immer es Frauen, Männer und Kinder gibt, spielt der eine Christus in allen und jedem, als ob es nur einen einzigen Schauspieler gäbe, der so viele verschiedene Rollen spielt.»

«Gott liebt jeden Menschen so, als ob es nur diesen einen Menschen gäbe. Darin besteht das Herzstück der Lehre Jesu, und dazu bekennen wir uns in gläubigem Vertrauen, wenn wir Jesus Christus Gottes eingeborenen Sohn nennen. Er ist Repräsentant der ganzen Menschheit. Wer auf Gottes väterliche Liebe vertraut, glaubt an sich selbst als ‹einzig geliebtes› Gotteskind.

Aber ist das Verhältnis zwischen Gott und Jesus Christus nicht doch einmalig? Sicher. Aber das gilt für jeden Menschen. Die Beziehung jedes Menschen zu Gott ist einmalig und unauswechselbar, eine immer neue Abwandlung der Christuswirklichkeit, ähnlich wie sich auch Stern von Stern an Glanz unterscheidet. ‹Allen, die ihn aufnahmen› ‒ d.h. allen, die aus der Christuswirklichkeit in ihrem Herzen leben, ob sie Jesus kennen oder nicht ‒ ‹gab er Vollmacht Gottes Kinder zu werden› (Joh 1,12). Oder wie es im ersten Johannesbrief heißt: ‹Sehet, welch eine Liebe uns der Vater geschenkt hat, dass wir Kinder Gottes genannt werden ‒ und sind› (1 Joh 3,1).»

Gesprächsreihe mit Pater Johannes Pausch (2011)
Demut ‒ der Weg zum Gipfel
Fragerunde:
(01:22:09) In, durch und mit dem Selbst und dieses Selbst nennen wir als Christen ‹Christus›: Und dieses Selbst war auch in Jesus, geht aber über Jesus hinaus und verwirklicht sich auch in uns. Und das war schon dem Paulus ganz klar: Denn er hat nicht nur gesagt: Christus lebt in mir (Gal 2,20) ‒ er hat nicht gesagt: Jesus lebt in mir: Christus lebt in Jesus, Christus lebt in mir, Christus lebt in uns allen ‒, er hat auch gesagt: Wir müssen in unseren Leiden vollenden, was noch am Leiden Christi unvollendet ist (Kol 1,24). Also die Christuswirklichkeit verwirklicht sich in uns allen. Und so beten wir auch ‹In Christus, durch Ihn und mit Ihm›. Das kann alles missverstanden werden, aber so würde ich es verstehen.

Credo ‒ ein Glaube, der alle verbindet (2010)
David Steindl-Rast in der Kath. Akademie Bayern, Kardinal Wendel Haus, München (DE)
Fragerunde in folgende Themen zusammengefasst:
(20:55) Christus in uns ‒ Panentheismus

Credo ‒ ein Glaube, der alle verbindet (2010)
David Steindl-Rast in der
Evangelischen Ludwigskirche, Freiburg (DE)
Fragerunde in folgende Themen zusammengefasst:
(13:39) Der dreifaltige Gott – ein Kreislauf von Beziehungen: das Christus-Selbst

Spiritualität im Alltag in Dienten (1994)
Vortrag:
(18:52) Das Wesentliche am Christentum ausdrücken mit Mythos, Ethos und Ritus /
(20:05) Das Reich Gottes: Wir sind alle eine große Familie im Gotteshaushalt, der vom göttlichen Geist belebt ist, dem Hausfrieden Gottes / (21:52) Das Gebot der Gottesliebe und ‹liebe deinen Nächsten als dich selbst› ‒ ‹Nicht mehr ich lebe, Christus lebt in mir› (Gal 2,20) / (24:08) Die Feier der Tischgemeinschaft: Die ganze Welt ist eine Tischgemeinschaft, Gott Gastgeber und Speise zugleich, wir ernähren einander, das ist schon in der Natur vorgegeben

TAO der Hoffnung (1994)
Diskussion:
(06:38) Nicht mehr ich lebe, Christus lebt in mir (Gal 2,20) – Den dreifaltigen Gott von innen her verstehen (1 Kor 2,10-16) – Die panentheistische Sicht im Vergleich zum Pantheismus: Wer bin ich denn, dass ich es Gott verweigern sollte, dass Gott ich sein will?

Das Leid des Lebens zu Herzen nehmen (1992); Reich Gottes ‒ erlösende Kraft: Ergänzend: Audio 1.2.
Erstes Seminar mit Bruder David im Rittersaal des Schlosses Goldegg:
(50:22) Gerade Johannes sagt an der zentralen Stelle im Prolog: ‹Und allen jenen, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden› (Joh 1,12), das heißt, genau das zu werden, was er nach dem Johannesevangelium ist: Sohn Gottes.

3. «Ich und der Vater sind eins» ‒ «Atman ist Brahman und Brahman ist Atman»:

Credo (2015): ‹Und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn›, 74, 76:

«... Christus spielt an tausenden von Straßen,
An Aug und Gliedern lieblich, er lebt und stirbt
den Vater durch Gesichter, die ihn menschlich fassen.

Wo der Originaltext sagt, er spiele  v o r  dem Vater ‒ ‹to the Father›, eigentlich ‹auf den Vater zu› ‒ sagt Koziol hier, er spiele  d e n  Vater, dadurch wie ‹er lebt und stirbt›. Auch das ist theologisch haltbar. In Jesus Christus manifestiert sich ja der un-manifeste Gott, den wir ‹Vater› nennen. Darum sagt Jesus bei Johannes: ‹Philipp, wer mich sieht, der sieht den Vater› (Joh 14,9).»

Religionen ‒ drei Innenwelten:

«Es sei an das erinnert, was hier schon über das Verstehen gesagt wurde: Es ist der Prozess, in dessen Verlauf das Schweigen ins Wort findet und das Wort ins Schweigen heimfindet.

Das liefert uns den Schlüssel zur zentralen Intuition des Hinduismus: Atman ist Brahman ‒ der manifeste Gott (das Wort) ist der nichtmanifeste Gott (das Schweigen) ‒ und Brahman ist Atman ‒ das göttliche nicht Manifeste (das Schweigen) ist das manifeste Göttliche (das Wort).»

An welchen Gott können wir noch glauben (2008):

«Wir finden uns in der Unruhe unseres Herzens von einem unauslotbaren Geheimnis umgeben. Wir wissen nicht, woher wir letztlich kommen, wir wissen nicht, wohin wir gehen, wir sind rundum von Geheimnis umgeben. Und je tiefer wir versuchen, dieses Geheimnis zu erfahren, umso mehr kommen wir in Geheimnisse hinein. Dorothee Sölle, die große protestantische Theologin, spricht von Gott als MEHR, mehr und immer mehr, könnte man sagen, und nicht nur auf derselben Ebene, sondern in immer neuen Dimensionen. Und dieses Geheimnis, das uns umgibt, ist NICHTS. Es ist nicht etwas, und in diesem Sinne nichts.

Es ist aber in keiner Weise ein leeres Nichts, sondern es ist das NICHTS, das der Quellgrund und Mutterschoß von allem ist, was es gibt. Und es ist ein göttlicher Abgrund, aus dem die Fülle von allem kommt. Und die Fülle selbst ist wieder unausschöpflich. Und da ist unser eigenes Selbst eingeschlossen und daher sind wir uns selbst auch unauslotbar. Dieses MEHR und immer MEHR, das das Göttliche bedeutet, ist in uns selbst.

Das ist die manifestierte Wirklichkeit, wie die Hindus das nennen, im Gegensatz zu der unmanifestierten. Und beide sind unauslotbar, beide Begegnungen mit dem Göttlichen.»

Jesus als Wort Gottes (Salzburger Hochschulwochen 1972), 50f.:

«‹Gott spricht›, dieses ganz prägnante Wort, ist der Schlüssel, der uns das Verständnis aufschließt für die ganze biblische Tradition. ‹Ich habe das Schweigen gehört›, dieses Paradox kann uns als Schlüssel dienen für das Verständnis buddhistischen Sinnerlebens. Ähnlich können wir als Schlüssel (freilich nur als Schlüssel) die immer wiederholte, zentrale Feststellung des Hinduismus betrachten: ‹Atman ist Brahman, und Brahman ist Atman›; oder, wie man sagen könnte: Gott, der sich offenbart, bleibt der verborgene Gott, und Gott als der Verborgene ist wahrlich offenbar; oder: Das Wort ist Schweigen, das zu Wort gekommen ist, und das Schweigen ist Wort, das im Schweigen aufgehoben ist. Indem Gott seine Verborgenheit offenbart, verbirgt er sich in seiner Offenbarung. Das einzusehen heißt verstehen.»

Credo ‒ ein Glaube, der alle verbindet (2010)
David Steindl-Rast im Kardinal König Haus, Wien (AT)
Fragerunde in folgende Themen zusammengefasst:
(09:29) ‹Verstehen› im Hinduismus mit Blick auf ‹Ich und der Vater sind eins› (Joh 10,30) und einfache Übung mit einer Blume

Credo ‒ ein Glaube, der alle verbindet (2010)
David Steindl-Rast in der
Evangelischen Ludwigskirche, Freiburg (DE)
Fragerunde in folgende Themen zusammengefasst:
(10:46) Begegnung mit Gott, dem
Mehr und immer mehr (Dorothee Sölle)[8] in drei Grunderlebnissen: Die Begegnung mit dem unergründlichen Urgrund von allem ‒ mit dem Unmanifesten, wie die Hindus das nennen ‒, mit der unbegreiflichen Fülle allen Seins ‒ dem manifesten Universum ‒, und mit der Dynamik des unerschöpflichen Lebens, der Lebendigkeit, die das ganze durchpulst: in diesen drei Bereichen, die im Christentum in der Trinitätslehre sich ausdrücken, da tritt diese Gottesbeziehung ein, wird uns ermöglicht: Wenn wir uns bewusst bleiben, dass es sich um eine Beziehung handelt, um eine dynamische Auseinandersetzung mit diesen Bereichen, nicht um ‹jemanden›, dann wird uns unsere Beziehung zu dem Göttlichen und zu Gott, viel leichter:

Bruder David im buddhistischen Bergkloster Tassajara, siehe im Buch Ich bin durch dich so ich (2016), 94f.:

«Immer wieder steigt in diesen Sommerwochen die Frage in mir auf, warum ich mich als Mönch hier so zu Hause fühle. Ja, der Tagesablauf ist sehr ähnlich wie auf Mount Saviour, aber statt des Chorgebetes sitzen wir auf unseren Kissen im Meditationsraum und versenken uns in was wir Christen das Gebet der Stille nennen. Wir lassen uns in das abgründige Schweigen des Großen Geheimnisses hinunter. Schweigen verbindet: Sehr schnell sind wir hier zu einer echten Gemeinschaft geworden. So wie auf Mount Saviour unser Chorgebet die gemeinschaftsbildende Mitte ist, so ist es hier die schweigende Meditation. Dort rühmt in uns ‒ christlich ausgedrückt ‒ der Heilige Geist durch das ewige Wort den Vater, hier dagegen kehrt das Wort ins Schweigen zurück, also Christus zum Vater. Hier wie dort führt uns die innere Bewegung hinein in ein und dasselbe unergründliche Geheimnis. Ein begriffliches Brückenbauen wird mich noch jahrelange Gedankenarbeit kosten, aber jetzt schon erlebe ich diese Gemeinsamkeit und das fasziniert mich. Was Thich Nhat Hanh in Vietnam erlebte, wird mir in Tassajara bewusst: dass wir durch unser Mönchsein zutiefst verbunden sind ‒ über alle äußeren Unterschiede hinweg. Und diese Gemeinsamkeit ist ein tragender Grund ‒ überzeugender als alle scheinbaren Widersprüche.»

Die Weisheit, die alle verbindet (2010):
(04:29) ‹Wir können uns im Schweigen in den Abgrund Gottes hinunterlassen ohne Ende, nie wird ein Echo zurückkommen› (T. S. Lewis) ‒ jede Tradition kennt das Selbst, das uns alle verbindet, die göttliche Wirklichkeit tief in uns: das Christus-Selbst, die Buddha-Natur, Purusha, I’itoi

4. Christus als Choryphaeos, als Anführer des Reigentanzes:

Credo (2015): ‹Und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn›, 74, 76:

«... Christus spielt an tausenden von Straßen,
An Aug und Gliedern lieblich, er lebt und stirbt
den Vater durch Gesichter, die ihn menschlich fassen.

Der Originaltext sagt, er spiele  v o r  dem Vater ‒ ‹to the Father›, eigentlich ‹auf den Vater zu› …

Der kosmische Christus spielt und tanzt  i n  und  d u r c h  uns vor dem Vater. Dieses Bild sollten wir tief in uns aufnehmen und mit geschlossenen Augen auf uns einwirken lassen. Was es uns sagen will, ist klar: Der Glaube an Jesus Christus als Gottes eingeborenen Sohn schließt niemanden aus, sondern bezieht uns in diese einzigartige Liebe des Vaters zu seinen Kindern ein.

Auf dem Weg der Stille (2023), 20f., siehe den Text von Eve Landis übersetzt in Den großen Tanz beten (1998), siehe auch Dreifaltigkeit: Ergänzend: 2.4.:

«Während einer Predigt unseres Dominikaner-Studentenpfarrers Father Diego hob ich einmal geradezu ab. Mich erfasste ekstatisch die Wahrnehmung, dass wir Gott als den Dreieinen genau deshalb erkennen können, weil wir in den ewigen Tanz von Vater, Sohn und Heiligem Geist mit hineingezogen werden. Für Studenten in Wien ist es nicht albern, von Gott zu sagen, dass er tanze. Tanzen ist etwas Ernsthaftes ‒ natürlich nichts Todernstes, aber etwas Lebenswichtiges. Viel später lernte ich den Hymnus über Christus als ‹Lord of the Dance› ‒ ‹Tanzmeister› ‒ kennen, der auf eine alte Shaker-Melodie gesungen wurde.[9]

Ich erfuhr auch, dass der heilige Gregor von Nyssa im 4. Jahrhundert die Beziehung der drei göttlichen Personen zueinander als eine Art Kreistanz beschrieben hatte: Der ewige Sohn kommt aus dem Vater hervor und führt uns im Heiligen Geist zusammen mit der ganzen Schöpfung zum Vater zurück.

Wir können von diesem Großen Tanz auch mit den Begriffen Wort, Schweigen und Handeln sprechen: Der Logos, das Wort Gottes, kommt aus dem unergründlichen Schweigen Gottes hervor und kehrt wieder zu Gott zurück, schwer beladen mit der Ernte des zum liebevollen Handeln inspirierenden Geistes. Diese trinitarische Sicht hilft mir auf immer neue Weisen die ‹Kommunikation mit Gott› zu verstehen, die wir als Beten bezeichnen ‒ nicht als eine Art Ferngespräch bis zum Himmel, sondern als das Geschenk, dank der Teilhabe an Gottes Leben immer mehr von Leben erfüllt und lebendiger zu werden.»

Credo (2015): ‹Amen›, 237f.; siehe auch Tanz ‒ der Sinn des Ganzen: Ergänzend: 3.3. und Dreifaltigkeit:

«Hier beim Parlament der Weltreligionen zeigte sich mir aber etwas Wichtiges:

Spiritualität ist nicht nur ein Suchen nach Sinn, sie ist ebenso Feier von Sinn.

Jeder dieser wundervollen Tage in Chicago brachte neue Feiern und Festlichkeiten, in denen die Schönheit einer Tradition nach der anderen zum Leuchten kam.

Das Bild eines prachtvollen Reigentanzes drängte sich mir dabei auf, und ich entschied mich, es in meiner Ansprache zu verwenden.

Schon im 4. Jahrhundert verwendeten die griechischen Kirchenväter das Bild des Reigens oder Rundtanzes ‒ so wie Kinder ihn tanzen, einander bei den Händen haltend und ‹Ringa ringa reia› singend ‒, um tiefe theologische Einsichten über Gottes Dreieinigkeit auszusprechen:

Der Sohn ‒ Christus als ‹Choryphaeos›, als Anführer des Tanzes ‒ kommt aus der Verborgenheit des Vaters hervor und kehrt im Schwung des Heiligen Geistes zum Vater zurück.

Wenn mein christlicher Glaube an Gott als dreieinig ‒ nicht eins und nicht drei, sondern eins in drei und drei in eins ‒ wirklich Ausdruck des Ur-Glaubens ist, dann musste selbst eine so spezifische Lehre wie die von Gottes Dreifaltigkeit keimhaft in dem Glauben enthalten sein, den ich mit allen Menschen gemein habe.»

An welchen Gott können wir noch glauben? (2008):

«Und mit großem Erstaunen sieht das dann ein Christ, dem man immer gesagt hat, die Dreifaltigkeit, das ist ein großes Geheimnis, das wirst du nie verstehen. Ja, verstehen nicht, ausloten nie, aber es zeigt sich, dass das plötzlich inmitten aller großen Traditionen steht. Wort, Schweigen und Verstehen. Das Wort, das haben schon die griechischen Väter so gesehen, das Wort kommt aus dem Schweigen und geht durch das Verstehen ins Schweigen zurück. Sie haben das den großen ‹Reigentanz der Trinität› genannt. Und wir sind in diesem Reigen und können teilnehmen an diesem Tanz. Das Wort ist der Anführer des Tanzes, der Koryphaios in diesem trinitarischen Tanz.»

Fragen, denen wir uns stellen müssen (2016)
Tag 2
Nachmittag:
(57:38) Der Reigentanz der Trinität und Christus, der Logos: das WORT ist der Choryphaeos, der Anführer im Tanz

Begegnung der Religionen (1993)
Vortrag:
(51:31) Der Reigentanz der Trinität gespiegelt in den Weltreligionen]

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[1] Gerard Manley Hopkins (Wikipedia)

[2] Siehe Credo (2015): ‹Und an Jesus Christus›, 66; im Buch Orientierung finden (2021): Geheimnis ‒ wenn uns die Wirklichkeit ‹ergreift›, 44, übersetzt Bruder David:

«Jedes vergänglich’ Ding tut eins nur und dasselbe:
stellt, was zutiefst ihm innewohnt, zur Schau:
es selbstet ‒ nennt sich, drückt sich selber aus,
es ruft, ich bin ich selbst: Nur dazu bin ich da.»

«Auf unsre Frage ‹Was?› ruft uns jedes Ding sozusagen seinen einzigartigen Namen zu und wartet nicht darauf, dass wir ihm einen geben. ‹Es selbstet.› Hopkins musste ein neues Wort prägen, um dies auszudrücken. Die Dinge ‹buchstabieren› ihr Selbst, wie er sagt, sie rufen es uns zu mit ihrem ganzen Sein, aber wir können das Wort, das jedes Ding im Innersten ist, nicht begreifen. Es entzieht sich dem Zugriff jeglichen Begriffes. Nur wenn wir uns davon ergreifen lassen, können wir es verstehen. So führt uns also auch die Frage ‹Was?› tief ins Geheimnis.»

Siehe auch Geheimnis: Erg. 3.1. und Anm. 12.

[3] Credo (2015): ‹… und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn›, 76f.

[4] Credo (2015): ‹Und an Jesus Christus›, 67-69

[5] Orientierung finden (2021): Geheimnis ‒ wenn uns die Wirklichkeit ‹ergreift›, 48f.

[6] Credo (2015): ‹Und an Jesus Christus›, 69

[7] Im Buch Credo  ist der Text aus der Lutherbibel 1554 abgedruckt

[8] Siehe auch die Audios Wie das Göttliche in uns wächst (2005)

[9] Anmerkung von Bernard Schellenberger: Die Shaker («Schüttler») waren eine im 18. Jahrhundert aus den Quäkern hervorgegangene Freikirche in den USA, in der man ekstatische Schütteltänze pflegte.



Quellenangaben

Film, Text und Audios von Br. David Steindl-Rast OSB

jesus d christus titelCopyright © - Barbara Krähmer

(Film 13:35) «Die Lage von der Treppe stimmt vollkommen … Und da hab ich geträumt ‒ da war ich noch ziemlich klein, ich muss sechs oder so gewesen sein ‒, hab ich geträumt, dass ich die Treppe heruntergekommen bin und Jesus, wie ich ihn halt von Bildern gekannt habe, Jesus ist heraufgekommen über die Treppe und wir sind so verschmolzen, wir sind nicht aneinander vorbeigegangen, sondern ineinander hineingegangen, sozusagen.

Dieses Erlebnis hat mich begleitet, mein Christusverständnis auch geformt. Geschichtlich sind sowohl Gautama wie Jesus geschichtliche Personen, die man auch geschichtlich fassen und behandeln kann. Buddha ist Gautama als der Erleuchtete und Christus ist Jesus als der Auferstandene: die beiden kann man auch wieder auf dieser Ebene vergleichen von Ich und Selbst und dieses Selbst ist, was wir Christen die Christuswirklichkeit in uns nennen und was die Buddhisten die Buddha-Natur nennen. Das ist dieses große Selbst, das ist ein und dieselbe Wirklichkeit.»[1]

Ganz früh schon sagten Christen: «Hast du deine Schwester, deinen Bruder gesehen, dann hast du Gott gesehen.»[2]

Die Menschen, auf die das Credo letztlich zurückgeht, waren überrascht, wie leicht es war Gott zu sehen, wenn man Jesus in die Augen schaute, Gott zu hören, wenn Jesus sprach. Begeistert legten sie in Wort und Tat Zeugnis dafür ab, und bis heute begegnen Christen Gott in und durch Jesus Christus. Dabei darf sich jedoch keine Ausschließlichkeit einschleichen. Wir können Gott jederzeit, irgendwo und in irgendeiner Form begegnen; das wird hier vorausgesetzt.

Für uns Christen ist Jesus Christus der zentrale Begegnungspunkt mit der göttlichen Wirklichkeit; das gibt unserem Gottesglauben eben seine spezifisch christliche Färbung und macht uns zu Christen. Dabei ist es von großer Bedeutung, dass wir nicht nur von Jesus sprechen, oder von Christus, sondern von Jesus Christus.

Die Benennung Jesus Christus hält zwei Pole in schöpferischer Spannung miteinander verbunden: Jesus, eine geschichtliche Persönlichkeit, und Christus, die gottmenschliche Wirklichkeit (in jedem Menschen, also auch in uns selbst, die in Jesus einzigartig aufleuchtet).

Wir dürfen diese Spannung nicht aufheben. Wenn ich den einen Pol ‒ Jesus ‒ auf Kosten des Christus-in-mir betone, so verliert Jesus seine einzigartige Bedeutung für mich persönlich; er kann mir zwar ein bewundernswerter Lehrer sein, aber ich erkenne in ihm nicht die geschichtliche Verwirklichung meiner eigenen gottmenschlichen Möglichkeit.

Wenn ich aber den anderen Pol so ausschließlich betone, dass ich den Christus-in-mir nicht in Jesus von Nazareth verwirklicht sehe, dann ist meine innere Christuswirklichkeit ihres objektiven geschichtlichen Bezugspunktes und Maßstabes beraubt und ich kann sie allzu leicht subjektiv verzerren.

Beide Pole verlangen unsere beständige Aufmerksamkeit. Ich muss mich bemühen immer klarer zu sehen, worauf ich mich einlasse, wenn ich Jesus nachfolge. Zugleich muss ich immer bewusster aus meiner innersten Mitte leben und so Christus in mir verwirklichen. Dieser doppelten Aufgabe muss ich mich stellen, um dem gerecht zu werden, was die Worte «Ich glaube an Jesus Christus» im Credo für den Gottesglauben bedeuten.

Was wir von Jesus wissen, das haben wir von anderen erfahren; was Christus heißt, das kennen wir aus eigener Erfahrung, auch wenn wir nie von Jesus hören. Von dieser inneren Christuswirklichkeit soll hier zuerst die Rede sein.

«Verliebte sind blind», heißt es; sie sind aber zugleich auch besonders hellsichtig. Wenn wir jemanden aus ganzem Herzen lieben, dann kann es vorkommen, dass wir plötzlich erfahren, wie uns in einem anderen Menschen Gott begegnet.

Das ist weit entfernt von vernarrter Vergötterung. Worum es geht, ist vielmehr ein gegenseitiges Anschauen Liebender: so innig und so tief, dass der Blick bis zum göttlichen Wesensgrund des Anderen durchdringt.

Eine solche Erfahrung kann zur Einsicht führen, dass, was wir Gott nennen, nicht nur alle unsere Horizonte überschreitet, sondern uns zugleich «zuinnerst näher ist als wir uns selber sind» («Intimior intimis meis», sagt Augustinus).[3]

Im Bild der Bibel heißt das, dass wir «als Gottes Ebenbild» geschaffen sind. Unsere Gottesähnlichkeit wird umso strahlender leuchten, je mehr wir unser ureigenstes Selbst ‒ Christus-in-uns ‒ verwirklichen. In diesem Sinne muss man nicht Christ sein, um Christus zu kennen. Einfach als Menschen sind wir mit Christus in dem Ausmaß vertraut, in dem wir uns selber kennen, sind ihm in dem Ausmaß verbunden, in dem wir unserer innersten Wirklichkeit getreu leben. Indem du dich selber kennst, kennst du Christus; indem du dich selber verwirklichst, wirkt Christus in dir; indem du dein wahres Selbst findest, findest du Christus.

Je mehr wir unser wahres Selbst kennenlernen, umso klarer erkennen wir Christus in uns. Was Jesus für uns bedeutet und welchen Zusammenhang wir zwischen Jesus und Christus finden können, das ist eine andere Frage. Die Antwort wird von äußeren Umständen abhängen, von unserer kulturellen Einbettung, unserer religiösen Erziehung (oder deren Mangel), sogar von unserer Geschichtskenntnis. Ein christliches Kind mag aufwachsen, ohne je klar zwischen Gott und Jesus zu unterscheiden; ein jüdisches Kind mag entdecken, dass Jesus auch nur zu erwähnen, tabu ist. Wenn wir Glück haben, begegnen wir überzeugten Christen, die ihren Glauben leben und Liebe ausstrahlen. Es kann uns aber auch zustoßen, dass wir es mit widerwärtigen Menschen zu tun haben, die als öffentliche Vertreter Jesu gelten. Es macht wohl auch einen Unterschied aus, ob meine Kultur im Namen Jesu von Missionaren (trotz bester Absicht) zerstört wurde, oder ob höchste Gipfel meiner Kultur ‒ etwa der «Christus» Rembrandts, das Rote Kreuz, oder Beethovens «Missa Solemnis» ‒ vom Namen Jesu untrennbar sind. Vielen Menschen wird Unvoreingenommenheit gegenüber Jesus ehrliche Bemühung kosten ‒ ob es sich dabei um negative Vorurteile handelt oder um positive. Jedenfalls verdient eine Persönlichkeit, die in der Geschichte soviel Widerspruch erregt hat, unsere Aufmerksamkeit und ehrliche Auseinandersetzung: Es geht letztlich um die Entscheidung zwischen der Liebe zur Macht und der Macht der Liebe.

Dreierlei muss zusammenkommen, bevor wir sagen können, dass wir an Gott und an Jesus Christus glauben:

  • Wir müssen unser wahres Selbst, die Christuswirklichkeit in uns, wenigstens keimhaft erfühlen.
  • Wir müssen die geschichtliche Gestalt Jesu und die gewaltfreie Revolution, für die er sein Leben gab, genügend kennenlernen.
  • Und wir müssen diese beiden verbinden, indem wir uns mit Überzeugung hinter sein Programm sozialer Veränderung ‒ «das Reich Gottes» ‒ stellen und so zugleich unser göttliches Selbst (Christus-in-uns) verwirklichen.

Manche, die sich Christen nennen, erfüllen leider diese drei Bedingungen nicht. Wenn wir sie erfüllen, dann sehen wir in Jesus Christus unsere eigene gottmenschliche Selbstverwirklichung vorgebildet.

Der Glaube an Jesus (als) Christus schließt ein, dass wir in Jesus unser eigenes gott-menschliches Selbst erkennen, das Selbst, das als Gottes «Ebenbild» geschaffen ist und Gottes eigenen Lebensatem atmet.[4]

Diese Bilder verwendet die Bibel, wo die Rede ist von der Erschaffung Adams, dem Urbild jedes Menschen. Wer an Jesus Christus glaubt, setzt sein gläubiges Vertrauen darauf, dass Gottes liebende Gegenwart in uns Wirklichkeit werden will, und durch uns in der Welt. Sich dazu zu bekennen ist schon der erste Schritt zu der neuen Weltordnung, die Jesus das Reich Gottes nannte.

Das hilft uns verstehen, warum der Glaube an Jesus Christus keine Kluft aufreißt zwischen Christen und Andersgläubigen; obwohl das in der Vergangenheit oft missverstanden wurde. Im Gegenteil, die wichtige Einsicht, die das Credo hier ausspricht, ist:

Das Göttliche kann sich inmitten des Menschlichen verwirklichen ‒ also auch in mir selbst.

Das gilt nicht nur für Christen, sondern für uns alle. Gott will sich im Menschlichen offenbar machen, wenn wir nur unsere Herzen dafür öffnen. Nur gemeinsam können wir dieser Anforderung gerecht werden. Mensch sein ist nicht Privatsache. Unsere Zeit stellt uns vor die Aufgabe, ein für alle Menschen gültiges Weltethos klar zu formulieren. Unser Überleben hängt davon ab. Die ganze Menschheit und jeder Einzelne von uns ist da herausgefordert. Es gibt keine höhere Aufgabe für uns Menschen als Menschlichkeit.

Das wichtige und in unserem Satz «Ich glaube an Gott … u n d  an Jesus Christus» bedeutet, dass ich nicht nur an den Gott jenseits aller Horizonte glaube, sondern auch an Gott in mir, Gott immanent in der Welt ‒ und auf ausgezeichnete Weise in Jesus Christus. Das gibt unserem Glauben an Gott einen handgreiflichen Bezugspunkt ‒ den geschichtlichen Jesus ‒, und es gibt uns eine klare Aufgabe: durch gewaltfreie Revolution für eine neue Weltordnung einzutreten, für das Reich Gottes. Beides ist wichtig.[5]

(Die Quellenangaben zum obigen Text in Anm. 1 und 5)

[Ergänzend:

1. Christuserlebnis von Bruder David in seiner Kindheit:

Schon jetzt berühre ich eine bleibende Wirklichkeit (2021): Interview von Stefan Seidel mit Bruder David:

«‹Wenn unser Ich in Raum und Zeit vergeht, bleibt noch unsere Beziehung zum Ur-Du. Die war und ist das grundlegend Erste, aus dem alles entspringt, und wird das Letzte sein, was übrig bleibt.› Dies ist der tiefste mystische Gedanke, den Steindl-Rast mitteilt und der vermutlich auf eine frühe Kindheitserfahrung zurückgeht, die ihn zeitlebens prägte und führte: ‹In diese Zeit, also etwa in mein viertes oder fünftes Lebensjahr, fällt auch ein Traumbild, das mir ‒ ohne dass ich es damals ahnte ‒ grundlegend werden sollte für mein Lebensgefühl: Ich gehe die steinerne Wendeltreppe vom ‹alten Stock› hinunter. Auf halber Höhe begegnet mir Jesus Christus, der von unten heraufkommt. Er sieht so aus wie auf dem Bild, das über dem Bett meiner Großmutter hängt. Wir bewegen uns aufeinander zu, aber anstatt aneinander vorbeizugehen, verschmelzen wir miteinander.»

Ich bin durch Dich so ich (2016): ‹1. Mensch werden: Meine Herzmitte finden und den Zugang dazu, 1926-1936›, 9f. und 199: Anm. 6:

«… Eine steinerne Wendeltreppe führt in den ersten Stock hinauf; ich nenne ihn den ‹alten Stock›, weil meine Großmutter und meine Urgroßmutter dort oben wohnen. Im ‹alten Stock› bin ich am liebsten. Dort baut meine Großmutter oft ein Zelt aus einem bunten Tischtuch, das sie über zwei Sessellehnen breitete; da fühle ich mich geborgen und lasse mich von meiner Omi bewirten. Wir staunen gemeinsam über das Tanzen der Sonnenstäubchen, wenn Lichtstrahlen zwischen den schweren Vorhängen ins Zimmer strömen. Wir beten auch gemeinsam. Von meiner Großmutter lerne ich das Vaterunser, das Angelus-Gebet und bald den ganzen Rosenkranz.

Weit auseinanderliegende Wirklichkeitsbereiche fließen in meinem Erleben zu dieser Zeit noch ganz ineinander. Es ist kurz vor Weihnachten. Alles strahlt schon vor Vorfreude. Da glitzert etwas auf dem Teppich im Schlafzimmer meiner Eltern. Ich nehme das winzige Goldfädchen zwischen Daumen und Zeigefinger. Was kann das nur sein? ‹Vielleicht ist das Christkind schon vorübergekommen und hat ein Haar aus seinen Locken verloren?› schlägt meine Mutter vor. Das genügt, um mich in Verzückung zu versetzen. Auch rückblickend muss ich sagen: Das war für mich eine echte, freilich kindliche Begegnung mit dem unergründlichen Geheimnis, mit dem wir uns als Menschen auseinandersetzen müssen.

In diese Zeit, also etwa in mein viertes oder fünftes Lebensjahr, fällt auch ein Traumbild, das mir ‒ ohne dass ich es damals ahnte ‒ grundlegend werden sollte für mein Lebensgefühl: Ich gehe die steinerne Wendeltreppe vom ‹alten Stock› hinunter. Auf halber Höhe begegnet mir Jesus Christus, der von unten heraufkommt. Er sieht so aus wie auf dem Bild, das über dem Bett meiner Großmutter hängt. Wir bewegen uns auf einander zu, aber anstatt aneinander vorbeizugehen, verschmelzen wir miteinander.

Grundlegend wurde dieser Traum in dem Sinn, dass sein Verschmelzungsbild auch auf alle weiteren Phasen meines Menschwerdens immer wieder passt. Der Traum löste in mir kein Gefühl von Ehrfurcht oder Ergriffenheit aus. Er war überhaupt nicht gefühlsgeladen. Ich würde eher sagen, dass er eine Einsicht auslöste, die über mein Begreifen weit hinausging, mir aber vielleicht gerade deshalb als gewichtig in Erinnerung blieb.»

2. Jesus, der Christus ‒ zwei Pole:

Credo ‒ ein Glaube, der alle verbindet (2010)
David Steindl-Rast in der Evangelischen Ludwigskirche, Freiburg (DE)
Fragerunde in folgende Themen zusammengefasst:
(33:39) Die unerschöpfliche Christuswirklichkeit (Kol 1,24) und Jesus, der Bezugspunkt

Was bedeutet uns Jesus Christus heute (2004)
Vortrag:
(00:00) Einführung: Der Vortrag ist in drei Teile aufgebaut: Im ersten Teil geht es um Jesus, die historisch fassbare Persönlichkeit.
Das Thema des zweiten Teils ist Christus, die mystische Erfahrung Jesu, die uns mit ihm innigst verbindet. Jesus und Christus bilden zwei Pole in einem Spannungsverhältnis: Jesus ohne Christus ist für uns nicht verbindlich, Christus ohne Jesus ist eine mystische Erfahrung ohne Bezugspol in der Außenwelt.
(23:41) Und damit kommen wir zur Christus Erfahrung, die mystische Erfahrung Jesu, die wir selber machen können, denn in unseren besten und lebendigsten Augenblicken wissen wir, dass wir dem Göttlichen zutiefst verbunden sind: Gott als das Geheimnis, das alles umfasst, uns selbst als Gabe Gottes, und den Geist Gottes als Danksagung, die von uns zu Gott zurückfließt. Oder wir können sagen: Wir kennen Gott als das
Schweigen ‒ Wort ‒ Verstehen oder Vater, Sohn und Heiliger Geist.
(40:33) Bruder David schließt mit unserer Aufgabe: Mensch werden: Mensch sein ist nicht Privatsache, wir hängen alle zusammen. Wir sind das Missing Link zum vollen Menschen Jesus. Die Evolution selbst von Stufe zu Stufe bis zum Menschen ist Menschwerdung Gottes und nach der ersten Seite der Bibel leben wir vom ureigensten Leben Gottes: Wir sind Gott-menschliche Wesen

Retreat-Woche in Assisi (1989)
Ich glaube an Jesus Christus, unsern Herrn:
(10:41) Epochaler Durchbruch in der Religionsgeschichte durch Jesus Christus
(13:16) Der Mensch lebt nach der biblischen Anthropologie vom ureigensten Leben Gottes ‒ Christus und Buddha
Geistliches Leben, das Maß nimmt an der Gestalt Jesu:
(11:25) Jesus Christus, ein Name mit zwei Polen: Der Christus in uns und Jesus, wofür er steht. Geistliches Leben, das immer wieder Maß nimmt am Leben Jesu

Die Wiedergeburt christlicher Mystik (1988)
Vortrag in Themen aufgeteilt:
Jesus, der Christus ‒ zwei Pole

3. Christuswirklichkeit in der Bewegung von ‹to selve› zu ‹justicing› im Eisvogel-Sonett von Gerard Manley Hopkins und Ergänzend:
1. Christus, der Logos, das Wort, in der Gestalt der Sophia, der alttestamentlichen Weisheit
2. Christus-in-uns: unser ureigenstes gott-menschliches Selbst
3. «Ich und der Vater sind eins» ‒ «Atman ist Brahman und Brahman ist Atman»
4. Christus als Choryphaeos, Anführer im Reigentanz der Hl. Dreifaltigkeit

4. Christusgeburt in uns:

Credo (2015): ‹Geboren von Maria der Jungfrau›, 94f.:

«Die dichterische Vorstellungskraft der frühen Christen sah im Jungfrauenschoß, aus dem der neue Adam geboren wird, ein Spiegelbild der jungfräulichen Erde, aus welcher der alte Adam im Paradies geformt wurde. In beiden Bildern bedeutet Jungfräulichkeit einen taufrischen Neubeginn. So wie ein Skifahrer durch ‹jungfräulichen› Pulverschnee die erste Spur zieht, so bahnt Jesus einen ganz neuen Weg zu Gott. Das ist die entscheidende Aussage dieses Glaubenssatzes.

Wir müssen den Mut haben, Gottes Geist jungfräulich zu empfangen, und selber das göttliche Kind zu gebären, denn das heißt ja nichts anderes als für die Christuswirklichkeit lebendiges Zeugnis abzulegen. Angelus Silesius spricht für die mystische Tradition, wenn er sagt:

‹Wird Christus tausendmal zu Bethlehem geborn
Und nicht in dir; du bleibst noch ewiglich verlorn.›

Positiv drückt er dieselbe Einsicht in den weniger bekannten Versen aus, die an Maria gerichtet sind:

‹Sag an / O werte Frau / hat dich nicht auserkorn
Die Demut / dass du Gott empfangen und geborn?
Sag / obs was anders ist? Damit auch ich auf Erden
Kann eine Magd und Braut und Mutter Gottes werden.›

So verstanden wird dieser Glaubenssatz: ‹Geboren von Maria der Jungfrau›, der sonst nur überflüssige und unbeweisbare Information für Neugierige enthielte, zur begeisternden Herausforderung für Mutige.»

Die Wiedergeburt christlicher Mystik (1988)
Vortrag in Themen aufgeteilt:
Christliche Mystiker wie Angelus Silesius und Franz von Assisi

5. Christus, der Weg:

Arbeit und Schweigen, Beitrag von Bruder David im Buch Geist und Natur (1989), 299-301:

«Dieser Tage bekam ich ein Flugblatt in die Hand. Ich bewundere die jungen Menschen, die es verteilt haben. Sie haben sich wirklich getraut, für ihre Überzeugung einzutreten. Aber der Inhalt dieses Blattes zeigt mir, dass sie in ihrem Glauben nicht weit genug gegangen sind, zumindest nach christlichem Maß. Denn das Blatt besteht aus Bibelzitaten, und das sollte uns schon zu denken geben. Ist die Bibel für Christen ein Handbuch, aus dem man Sätze herauszieht, mit denen man seine Gesprächspartner bestenfalls überzeugt und schlimmstenfalls mundtot macht? Oder ist die Bibel Wort, das mich persönlich jetzt und hier herausfordert? Heraus-fordert, aus was heraus? Aus der Angst in den Glauben! Aus der Angst in das Vertrauen.

Ich lese gleich am Anfang: Jesus Christus spricht: ‹Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben› (Joh 14,6).

Ich würde es als gläubiger Christ sehr unter der Würde dessen, was wir als Christen von Jesus Christus glauben, halten, dass wir ihn nur als einen von vielen Wegen darstellen. Was heißt es denn, auf dem Weg zu sein? Auf dem Weg sein, heißt, sich bewegen. Jeder, der sich vorwärtsbewegt nach jenem Kompass des Herzens, der immer auf Gott weist, der ist auf dem Weg. Der ist also auf dem Weg, den wir als Christen ‒ Gott sei Dank ‒ als Jesus Christus kennen. Aber es ist viel weniger wichtig, dass man den Namen kennt, als dass man auf dem Weg ist. Christus, der Weg, kennt alle, die sich auf den Weg gemacht haben. Und die Wahrheit, so steht darüber, die Wahrheit wird Euch frei machen. Was uns nicht frei macht, kann nicht die Wahrheit sein. Was uns frei macht, etwa von Angst, das ist Wahrheit. Frei in Verantwortung. Unverantwortlichkeit ist nicht frei.

Einer der frühen Kirchenväter hat schon ganz deutlich gesagt: ‹Wenn es wahr ist, frag nicht, wer es gesagt hat. Die Wahrheit kommt immer vom Heiligen Geist.›

Wenn wir das nur auch heute noch wüssten! Hier ist nun der Punkt, wo im Hören des Wortes und in der Antwort durch die Tat Schweigen und Arbeit sich verbinden. Hier beginnt ein Prozess, den Rilke so wunderbar das Reifen Gottes nennt.

Wir haben oft ein viel zu statisches Gottesbild. Dass Gott eine Wirklichkeit ist, die in und um uns reift, ist zutiefst christlich. Wir Christen warten ja auf die Wiederkunft Jesu Christi. Aber nicht Wiederkunft, so wie er schon einmal gekommen ist, sondern das endliche Kommen, die endliche Verklärung der Welt. Daher schon sollten wir uns in Gemeinschaft verbunden wissen mit all denen, die auf dem Weg sind.

Rilke vergleicht das Bauen und die Arbeit, wenn sie wirklich verwurzelt sind im Schauen und Schweigen, mit einem unterirdischen Fluss, der in die Tiefen greift. Jetzt sind wir wieder bei den dunklen Tiefen, mit denen wir angefangen haben. Nur aus den Tiefen des Schweigens schwemmt eine Arbeit, die Gebet ist, Gold zutage. Darum betet der Dichter:

Daraus, dass Einer dich einmal gewollt hat,
weiß ich, dass wir dich wollen dürfen.
Wenn wir auch alle Tiefen verwürfen:
wenn ein Gebirge Gold hat
und keiner mehr es ergraben mag,
trägt es einmal der Fluss zutag,
der in die Stille der Steine greift, der vollen.
Auch wenn wir nicht wollen:

Gott reift.»

Begegnung der Religionen (1993)
Gespräch, Fragen nach dem Vortrag:
(20:13) ‹Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben› (Joh 14,6)

6. Orpheus, eine Christus-Figur:

Einsichten aus Rilkes Dichtung, Teil I, 53f.:

«Und Rilke sagt: er wurde nicht zerrissen, er wurde verteilt, so wie die Kommunion verteilt wird. Und darum singen wir jetzt: Er singt in uns, in den Felsen, in den Löwen, in den Bäumen singt er noch, er wurde verteilt. Er wird zur Christus Figur. Sie konnten sein Haupt nicht zerstören, das Haupt schwimmt am Fluss hinunter und singt noch. Und die Leier wird zum Himmel gehoben und wird zum Sternbild. Er wird verteilt an die ganze Welt. Das ist der große Gott, der göttliche Sänger. Und der singt in uns.»

So leben wir und nehmen immer Abschied (2009)
Vortrag:
(25:52) ‹Wandelt sich rasch auch die Welt› (Rilke, Sonette an Orpheus 1. Teil, XIX): Bruder David deutet das Sonett mit Blick auf die Zeit und das Jetzt, das kleine Ich und das Selbst, Orpheus und Christus]

_____________________

[1] Film Dem Geheimnis auf der Spur (2016)

[2] Zwei Audios mit dem Wort der frühen Christen in Sehen ‒ schöpferisches Schauen: Ergänzend: 2.1. (29:53) und 2.2. (01:05:31)

[3] Augustinus: ‹Confessiones›, III, 6,11

[4] Siehe auch: Hl. Geist ‒ Lebensatem Gottes: Ergänzend: 2. Weitere Texte: 2. Wir leben vom ureigensten Leben Gottes (1972): Auszug aus dem Vortrag Jesus als Wort Gottes, abgedruckt in Die Frage nach Jesus (1973), 59-63

[5] Credo (2015): ‹Und an Jesus Christus›, 60-64



Quellenangaben

Text, Filme und Audios von Br. David Steindl-Rast OSB

hl geist georg stahl titelCopyright © - Barbara Krähmer

Durch meinen Leib bin ich an die Zeit gebunden und mein Ich ist vergänglich, mein Selbst aber hat Bestand. Und doch erlebe ich mich als Einheit, als ich selbst ‒ nicht als ich  u n d   selbst.

Dieses Einssein ist mir jedoch nur bewusst, solange ich im Jetzt lebe, im Augenblick, im Doppelbereich von Zeit und Ewigkeit.

Sobald ich an Vergangenem hängen bleibe oder mich in Zukunftsfantasien verstricke, bin ich mir nur mehr des Zeitablaufs bewusst, und es bedrückt mich, dass meine Zeit rasch abläuft und ausläuft.

«Ich verrinne, ich verrinne wie Sand, der durch Finger rinnt», sagt der Dichter.[1]

Ich sehe es jetzt mehr noch als in früheren Lebensabschnitten als meine große Aufgabe an, immer wieder ins Jetzt zurückzukehren und zu erkennen, dass ich nicht in einem Nebeneinander von Zeit und Ewigkeit lebe, sondern in ihrem Ineinander, in der dynamischen Spannung des einen Doppelbereichs.

Auf Reisen fällt mir das nicht schwer. Da muss ich einfach im Augenblick leben. Und Reisen wurden mir geschenkt in meinem hohen Alter ‒ zahlreicher und weiter und spannender als je zuvor.

Zugleich mache ich immer weitere Reisen nach innen in neue Gebiete des Doppelbereichs. Er ist ungeteilt und unteilbar eins. Das rufe ich mir immer wieder ins Bewusstsein. Meine Reisen in seine Tiefen sind nicht ein Verlassen dessen, was als Oberfläche erscheint. Nein.

I n  Raum und Zeit kommt Ewigkeit zum Vorschein ‒ scheint hervor, wirft Licht auf meinen Weg. Alles, was hinter mir liegt auf diesem Weg, war notwendig, um mich genau an diese Stelle zu bringen. Alles, was vor mir liegt, ist nur von diesem Standpunkt aus erreichbar.

Rilke hilft mir zu benennen, was zu entdecken vor mir liegt. «Weltinnenraum», «das Offene», die «Mitte des Immer», das «Namenlose», letztlich die «Unbetretbarkeit» ‒ das Geheimnis. Es ist groß und einfach. Was ich dagegen rückblickend gewahre, ist schier unüberschaubar in seiner tausendfach vernetzten Vielfalt.

Aber alles, was ich erlebe, hat ja schon jetzt eine Dimension, die über Zeit und Raum erhaben ist.

T. S. Eliot nennt das Jetzt «the moment in and out of time»[2] ‒ es gehört der Zeit an und doch auch nicht.

Im Doppelbereich des Jetzt sind Zeit und Ewigkeit eins. Darum kann auch nicht die kleinste Einzelheit von allem, was mir hier lieb ist, je verloren gehen.

«Alles ist immer jetzt», sagt wieder T.S. Eliot, «All is always now»[3] ‒ und spricht damit eine Wahrheit aus, die sich nicht leugnen lässt, denn was nicht jetzt ist, ist nicht, es hat nur eine Schattenwirklichkeit in Vergangenheit oder Zukunft.

Im Jetzt aber kann es nicht verloren gehen, da ist es in einem dreifachen Sinn «aufgehoben»:

Es besteht nicht länger (wie etwa ein Gesetz, das aufgehoben wird), es wird aber auf eine höhere Ebene hinaufgehoben und bleibt dort bewahrt (wie ein Goldreif in einer Schatzkammer gut aufgehoben ist).

In diesem Sinn verstehe ich, warum Rilke im Aufheben unsere Lebensaufgabe sieht: «Wir sind die Bienen des Unsichtbaren. Leidenschaftlich heimsen wir den Nektar des Sichtbaren ein in die große, goldene Honigwabe des Unsichtbaren.»[4]

Bruder David im Gespräch mit Johannes Kaup: «Ich erlebe schon mitten in Raum und Zeit ‒ in der Erfahrung des Jetzt ‒ eine Dimension, die über Raum und Zeit hinausgeht, und die unterliegt dem Tod nicht.»

«Freilich komme ich dabei um eine Schwierigkeit nicht herum: Jemand könnte sagen: Nur durch meine Sinne, die in Raum und Zeit sind, kann ich das erfahren, und nur mit meinem Gehirn kann ich es denken; wenn aber mein Gehirn zu Staub zerfällt, was dann?

Ich kann nur antworten: Hier und jetzt bringen mich meine Sinne und mein Denken an die Grenze von etwas, das über Zeit und Raum hinausgeht, das nicht gebunden ist durch Zeit und Raum.

Und dieser Dimension meines Daseins ‒ dem Bleibenden ‒ gehöre ich genauso an, wie ich Zeit und Raum angehöre.

Das ist eben der Doppelbereich, in dem ich lebe.

Diese Erfahrung gibt mir Vertrauen und Zuversicht auf etwas Bleibendes, auch wenn meine körperliche Wirklichkeit endet.

Schon jetzt berühre ich eine bleibende Wirklichkeit. Im Jetzt rühre ich an das Bleibende.[5]

Darauf muss ich mich einlassen, muss mich einfühlen ins Jetzt und dort heimisch werden. Im Getriebe der Zeit geht dieses Bewusstsein allzu leicht verloren.»

«Unser ganzes Leben ist eine Auseinandersetzung in Raum und Zeit mit dem Großen Geheimnis, das über Raum und Zeit hinausgeht.

Schon jetzt nimmt jedes Erlebnis im Doppelbereich an diesen beiden Aspekten teil. Wenn also Raum und Zeit wegfallen, ist das, was ich erlebt habe, damit nicht ausgelöscht. Das zeigt uns schon jetzt unsere Erinnerung, die Tatsache, dass wir uns überhaupt an etwas erinnern können.»

Johannes Kaup: «Aber Erinnern ist ein zeitliches Phänomen.»

Bruder David: «Erinnerung ist ein Phänomen in der Zeit, aber dass Erinnerung nur in der Zeit ist, ist eine sehr reduktionistische Vorstellung. Ja, es gibt etwas wie neuronale Konstellationen oder Engramme, Aufzeichnungen irgendeiner Art, die dann wieder aufgerufen werden. Da ist etwas dran, aber das ist nicht das Wesentliche von Erinnerung.

Erinnerung ist nicht Wiederbringung von Vergangenem, sondern ‹Er-inner-ung›:

Etwas ist ins Innerste eingegangen und gehört nicht nur meinem persönlichen Innersten an, sondern dem Weltinnenraum.

Rilke fasst das in die dichterische Vorstellung, dass wir Menschen die ‹Bienen des Unsichtbaren› sind.

Unser ganzes Leben besteht darin, jeden Augenblick, jede Erfahrung in die ‹große goldene Honigwabe› des Weltinnenraums einzuheimsen.

Nichts kann dort je wieder verloren gehen. Was ich einheimse in diese große goldene Honigwabe, ist mein einzigartiger Beitrag.

Wir sind so verschieden voneinander, dass es wohl nie zwei Menschen gegeben hat, die, sagen wir, eine Rose angeschaut und dasselbe gesehen haben.

Mit meiner einzigartigen Sensibilität reichere ich den Weltinnenraum an.

Ich bereichere ihn mein Leben lang, nicht nur durch alles Angenehme, was ich erlebe, sondern auch durch jedes Leiden. Alles hat Wert und Bestand. Nichts geht verloren.»

Johannes Kaup: «Vom Leiden hoffen wir, dass es ebenfalls verwandelt wird. Deswegen frage ich noch einmal anders: Wird auch die Vergänglichkeit verwandelt?»

Bruder David: «Sie wird schon jetzt verwandelt. Jetzt oder nie.

Der mystische Dichter Kabir fragt: ‹Wenn du als Lebender nicht deine Ketten sprengst, sollen Geister es tun, wenn du tot bist?›

Er meint, ewige Seligkeit, nur weil die Würmer dich fressen, sei ein Wunschtraum. Was du jetzt findest, wirst du dann gefunden haben, was du jetzt versäumst, wirst du dann versäumt haben. Schon jetzt musst du den großen Gast empfangen und umarmen.»

Johannes Kaup: «Ich muss da noch einmal nachhaken. Unvergänglichkeit bedeutet, wenn ich es recht verstehe, dem zeitlichen Strom des Vergehens entrissen zu sein. In gewisser Weise können wir uns nicht anders denken als als leibliche Wesen. Dass der Körper sich bereits zu Lebzeiten verändert, ist unbestritten. Mir geht es um unsere Gestalt. Wir sind immer Gestalt und dadurch erkennbar. Ich möchte einmal, so es mir vergönnt ist, Sie, Bruder David, im Himmel an der ‹Honigwabe› wiedertreffen und Sie erkennen können.»

Bruder David: «Auch jetzt ist es doch schon so, dass wir nach zwanzig Jahren keine Schwierigkeit haben, einen alten Bekannten wiederzuerkennen, und doch ist keine einzige Zelle in seinem Körper dieselbe geblieben.

Es ist die Gestalt, die wir wiedererkennen. Und Gestalt des Leibes ist die Definition von Seele

Johannes Kaup: «Anima forma corporis es, (Thomas von Aquin), sagen die scholastischen Theologen. Die Seele ist die Gestalt des Leibes.»[6]

Bruder David: «Sie ist es, was diesen Leib zu diesem Leib macht. Und nicht nur zum Leib, sondern was diesen Menschen zu diesem einzigartigen Menschen macht.»

Johannes Kaup: «Die Seele ist diese Lebendigkeit.»

Bruder David: «Im Doppelbereich haben wir alle eine doppelte Lebendigkeit ‒ in Raum und Zeit und im großen Selbst, das über Zeit und Raum hinausgeht.»

Johannes Kaup: «Bruder David, ich habe noch keine Ahnung, wie es sich anfühlt, wenn man neunzig Jahre alt ist. Da kommt sicher einiges auf mich zu. Doch nicht nur ich bewundere, dass Sie in Ihrem Alter noch so wach, so neugierig und lebendig sind. Was ist das, was Sie heute im vielleicht letzten Lebensjahrzehnt beschäftigt, umtreibt, bewegt?»

Bruder David: «Es kristallisiert sich für mich immer klarer heraus, dass meine große Aufgabe darin besteht, im Jetzt zu leben und das immer wieder zu üben.

Das sehe ich als meine Hauptaufgabe an, und zugleich ist es ein großes Geschenk, das so viele Jahrzehnte lang üben zu dürfen.

Vielleicht wird uns das Leben nur verlängert, weil wir noch nicht gelernt haben, wirklich im Jetzt zu leben.»

Johannes Kaup: «Woran haben Sie heute noch besondere Freude? Worüber können Sie nach wie vor staunen und was macht Ihr Herz ganz weit?»

Bruder David: «Um das zu beantworten, müsste ich alles aufzählen, was mir im Lauf des Tages begegnet. Alles macht mich staunend, mehr als je zuvor. Schon wenn ich am Morgen die Augen aufschlage. Dass mir noch einmal ein Tag geschenkt wird, ist das nicht eine große Überraschung?

Johannes Kaup: «Ich bin auch noch da ...»

Bruder David: «Aha! Es gibt mich noch. Alles, alles wird immer staunenswerter.

Johannes Kaup: «Das heißt staunenswerter, je älter Sie werden ‒ wie das? Sie könnten ja auch sagen: ‹Ich bin schon abgebrüht, ich kenne das schon.›»

Bruder David: Wie Augustinus sagt: Alles ist Gabe, alles ist Gnade, alles ist Geschenk.

Johannes Kaup: «Bruder David, ich danke Ihnen herzlich für das Gespräch.»

Bruder David: «Ich danke Ihnen für Ihre Fragen.»

[Ich bin durch Dich so ich (2016): ‹9. Doppelbereich, 2006-2016›, 181-185 und ‹9. Dialog, 188-191, 193]

[Ergänzend:

1. Filme

1.1. Filminterview von Ramon Pachernegg mit Bruder David (2017), siehe auch Transkription:
(09:46) T. S. Eliot nennt das JETZT: ‹the moment in and out of time›, ‹der Augenblick, der innerhalb und außerhalb der Zeit ist› ‒ beides. Und wir leben in diesem Doppelbereich. Das ist sehr wichtig: Rilke hat sehr viel mit diesem Gedanken des Doppelbereichs gearbeitet, ist immer wieder auf den Doppelbereich zurückgekommen als Dichter.
Dieser Doppelbereich ist, dass wir einerseits in Raum und Zeit leben: einen gewissen Anfang haben, ein gewisses Ende unseres Lebens, überschaubar, und anderseits im JETZT:
Einerseits das ICH ‒ in Zeit und Raum ‒, anderseits das SELBST: im JETZT ‒ über Raum und Zeit erhaben. Und diese beiden zusammenzuhalten ‒ es ist weder gemischt noch getrennt: Es ist eben dieser sonderbare Doppelbereich; und in dem leben zu lernen, das ist in vielen spirituellen Traditionen eigentlich das Ziel.

1.2. Wir sind daheim in dieser Welt (1975); siehe auch Transkription:
(40:09) ‹Das Erlebnis ist nicht vollendet, bevor es nicht in Erinnerung übergeführt wird. Diese Verwandlung von Sinneserfahrung in Erinnerung ist eine Verwandlung aus dem Sichtbaren, Schmeckbaren, Tastbaren, Riechbaren, Hörbaren in einen Bereich des Übersinnlichen.
Der Dichter Rainer Maria Rilke hat das so schön ausgedrückt. Er vergleicht uns Menschen mit Bienen, die den Nektar des Sichtbaren in die großen goldenen Honigwaben des Unsichtbaren sammeln. Das ist unsere große menschliche Aufgabe.›

2. Audios

2.1. Lebendige Spiritualität (2015)
Doppelbereich:
(04:26) Erst in dem Doppelbereich werden die Stimmen ewig und mild (Die Sonette an Orpheus 1. Teil, X)
(39:16) Mitte des Immer, drin du atmest und ahnst (Elegie an Marina Zwetajewa-Efron)

2.2. Lebensorientierung (2015)
3. Tag, 12. Februar, Donnerstagvormittag mit 5. Impulsvortrag (Bruder David), siehe
Transkription S. 2, 11-13 und 27f.:
Wer bin ich? Ich-Selbst oder Ego? ‒ (00:15) Immer wieder kommen wir auf den Doppelbereich / (07:14) Der Doppelbereich von ‹innen› und ‹außen› /
(21:37) Das Selbst ist immer Jetzt ‒ Einheit und Vielheit ‒ Wandel und Bestand ‒ ‹die Mitte des Immer› (Rilke, Elegie an Marina) ‒ von außen betrachtet bin ich Materie, von innen betrachtet bin ich Geist: Einheit, besser: Nicht-Zweiheit ‒ a-dwaita / (55:57) Seele ist ein abstrakter Begriff, der unsere Verschiedenheit wie auch Einzigartigkeit ausdrückt ‒ In der Definition ‹Anima forma corporis est› (Thomas von Aquin›) ist ‹forma› nicht ‹etwas›, sondern ‹Causa formalis› (Aristoteles): Was mich zu mich selbst macht

2.3. «Im Paradoxen Sinn erfahren»: Eröffnungsvortrag der Tagung Aufwachsen in Widersprüchen (1989); siehe die Transkription des Vortrags, abgedruckt im Buch Aufwachsen in Widersprüchen (1990), 61f.:

(11:07) «Im tiefsten fragt unser Herz das, von Anfang an:  W e r  b i n  i c h? ‒ Was bedeutet aber diese Frage? Die Betonung müsste da auf dem ‹b i n› liegen.

Die Frage erhebt sich ja gerade deshalb, weil ich weiß, dass vor nicht so langer Zeit ich noch nicht war. Es hat mich einfach nicht gegeben. Und ich weiß auch, dass ich in absehbarer Zeit nicht mehr sein werde, jedenfalls nicht in der Form, in der ich mich jetzt kenne. Ich war nicht, ich werde nicht sein, und trotzdem weiß ich, ich bin! Dieses ‹bin› ist aber, wenn wir recht zusehen, nicht der Zeit unterworfen; es ist ewig; ich kenne mich als ewig und muss mich doch in der Zeit verwirklichen.

Ich weiß, ich bin, aber ‹bin› muss immer in der Gegenwart sein; wenn es in der Vergangenheit ist, heißt es ‹ich war›. Dann bin ich nicht, denn ich bin nicht mehr. In der Zukunft ‹bin› ich auch nicht; ‹ich werde sein›, aber ich bin noch nicht.

Ich ‹bin› nur in der Gegenwart. Und diese Gegenwart, dieser gegenwärtige Augenblick ist etwas, was uns immerfort entgeht und entgleitet. Es ist im tiefsten Sinn fragwürdig.

Wir stellen uns das so vor, dass unser Leben ein langer Weg ist, eine Linie, die aus der Zukunft auf uns zukommt und in die Vergangenheit versinkt. Die kleine Wegstrecke, auf der wir jetzt stehen, das ist die Gegenwart: hier  b i n  ich.

Solange wir aber von einer Wegstrecke sprechen, hindert uns nichts daran, diese Strecke in die Hälfte zu teilen. Die eine Hälfte ist dann nicht, weil sie nicht mehr ist, und die andere Hälfte ist nicht, weil sie noch nicht ist. Wo bin ich dann? In dieser Klemme sind wir vielleicht geneigt, die Gegenwart nicht mehr als Zeitstrecke, sondern als Zeitpunkt zu verstehen. Aber ein Punkt hat keine Ausdehnung; ein Zeitpunkt hat also keine Dauer, die doch zum Begriff der Zeit gehört. Sobald wir aber an Dauer denken, sind wir wieder beim Bild einer Zeitstrecke und eine Strecke lässt sich immer halbieren: die eine Hälfte ist nicht mehr, die andere Hälfte ist noch nicht. Hat also unser Bewusstsein von ‹ich bin› überhaupt Platz in der Zeit?

Nein. Wir existieren, und existieren heißt wörtlich: herausreichen, herausstehen. Wir reichen heraus aus der Zeit ins Sein, ins Ewige.

Ewig heißt ja nicht: lange, lange Zeit; Ewigkeit ist ‒ wie Augustinus definiert ‒ das ‹nunc stans›, also das Jetzt, das niemals vergeht.

‹Ich bin› gehört also zur Ewigkeit, zum Jetzt, das bleibt. Dieses bleibende Jetzt kennt schon jedes Kind, wenn es nur versteht, was ‹ich bin› heißt. Jeder Mensch reicht eben existenziell über die Zeit in die Ewigkeit hinein, in das Sein.

Ich muss mit dieser Spannung leben, dass ich der bin, der dieses ‹bin› nie in der Zeit findet und es doch in der Zeit verwirklichen muss.

Eben da erhebt sich nun die existenzielle Frage des Menschen: Wer bin ich denn? Und das heißt letztlich: Wie bin ich, von Zukunft verunsichert und von Vergangenheit ausgelöscht, dennoch verbunden mit dem, was wirklich ist?

Was ist meine Beziehung zum Wirklich-Seienden, zum Sein?

Das ist die Frage, die hinter dem: Wer bin ich? steht. Das Herz des Menschen hat von Anfang an schon immer diese Frage gestellt und stellt sie immer neu.

Jedem Menschen stellt sich diese Frage, ob das reflexiv erfasst und deutlich ausgesprochen oder nur so ganz ahnend erlebt wird. Die Frage ist da und das Herz gibt auch Antwort darauf.»

3. Weitere Texte

3.1. Im Buch Orientierung finden (2021):

‹Innen / Außen ‒ zwei Aspekte der einen Wirklichkeit›, 76f.:

«Von biologischem Leben können wir erst sprechen, wenn es ‒ wie bei den einfachsten Einzellern, die wir kennen, ‒ ein Innen gibt, das, durch die Zellwand vom Außen getrennt, auf die Außenwelt reagiert. Auf unser menschliches Leben und Erleben angewandt, sind Innen und Außen bildliche Ausdrücke für zwei Aspekte der einen Wirklichkeit.

Der Unterschied ist uns aus täglicher Erfahrung vertraut: Im Außen kennen wir nur Vielfalt. Innen aber können wir jene Einheit erfahren, welche die Vielfalt zusammenfasst, enthält und übersteigt.

So übersteigt unsre innerste Du-Erfahrung Einheit, aber auch Zweiheit.

Darum spricht der Hinduismus hier nicht von Einheit, sondern von Nicht-Zweiheit ‒ a-dwaita. Was mir als Außen bewusstwird, ist an Raum und Zeit gebunden und beständigem Wandel unterworfen. Als Innen kann ich etwas erleben, was unteilbar und immer jetzt ist. Rilke spricht von der ‹Mitte des Immer› und drückt mit diesem Bild ein innerstes Bleibendes aus.

Unter diesen beiden Aspekten von Innen und Außen erlebe ich die eine ungeteilte Wirklichkeit als Doppelbereich.

‹Mag auch die Spieglung im Teich
oft uns verschwimmen:
Wisse das Bild.
Erst in dem Doppelbereich
werden die Stimmen
ewig und mild.›
[7]

Einen Aspekt dieses Doppelbereichs auf den andren zu reduzieren, würde dem Unterschied von Innen und Außen nicht gerecht. Aber den Unterschied als Dualität zu verstehen, widerspricht der nahtlosen Einheit unsrer Erfahrung.»

‹Das Jetzt ‒ im Schnittpunkt von Zeit und Ewigkeit›, 81f.:

«Wenn deine Zeit um ist, bleibt nur deine Ewigkeit. Schon heute lebst du aber im Doppelbereich, gehörst also beiden Bereichen an.»

«Mein Selbst gehört zum Bereich der Ewigkeit. Mein Ich gehört zum Bereich von Raum und Zeit. Aber diese beiden sind der eine untrennbare Doppelbereich. Ich selbst bin eins ‒ nicht aus zwei Hälften zusammengesetzt. In diesem Bewusstsein zu leben, heißt im Jetzt leben. Nur dann bin ich ‹Ich-Selbst›.»

A-DWAITA, in: Das ABC der Schlüsselworte, 128

DOPPELBEREICH, in: Das ABC der Schlüsselworte, 132f.

3.2. Einsichten aus Rilkes Dichtung, Teil II (2014), 98-105; 108f., 118-123; siehe 121f.:

«Als unser letztes Gedicht heute, möchte ich eigentlich um der letzten Zeilen dieses Gedichtes willen, ein Gedicht von Clemens Brentano lesen.

Es heißt ‹Eingang› und ist das Eingangsgedicht zu einem seiner Gedichtbände.»

Beim ersten Vers: ‹Was reif in diesen Zeilen steht›, fügt Bruder David humorvoll an: «Und das gilt auch zugleich für die Dichtung Rilkes, für alle Gedichte. Ich stelle mir vor, dass im Himmel sich alle Dichter treffen und nicht mehr wissen, wer was geschrieben hat.»

(Entspanntes Lachen im Saal). ‒

Und nach der Zeile: «Ans Feldkreuz angeschrieben

Und das ist jetzt die Inschrift: O Stern und Blume ‒

Die ‹Stern-Blume›, Stern ‒ Blume: Doppelbereich.

Geist und Kleid,
Lieb', Leid und Zeit und Ewigkeit!

Lieb und Leid gehören so zusammen wie Geist und Kleid, wie Stern und Blume.

O Stern und Blume, Geist und Kleid,
Lieb', Leid und Zeit und Ewigkeit!»
]

_____________________

[1] ‹Stimme eines jungen Bruders

Ich verrinne, ich verrinne
wie Sand, der durch Finger rinnt.
Ich habe auf einmal so viele Sinne,
die alle anders durstig sind.
Ich fühle mich an hundert Stellen
schwellen und schmerzen.
Aber am meisten mitten im Herzen.

Ich möchte sterben. Laß mich allein.
Ich glaube, es wird mir gelingen,
so bange zu sein,
daß mir die Pulse zerspringen.›

R. M. Rilke, Das Stunden-Buch

[2] T. S. Eliot: Four Quartets: The Dry Salvages, V; siehe auch Stillehalten

[3] T. S. Eliot: Four Quartets: Burnt Norton, V; siehe auch Stillehalten

[4] Rilke im Brief an seinen polnischen Übersetzer Witold Hulewicz; siehe auch Einsichten aus Rilkes Dichtung, Teil II (2014), 105f.

[5] Siehe auch Schon jetzt berühre ich eine bleibende Wirklichkeit (2021): Interview von Stefan Seidel mit Bruder David:

«Ich erlebe schon mitten in Raum und Zeit − in der Erfahrung des Jetzt − eine Dimension, die über Raum und Zeit hinausgeht, und die unterliegt dem Tod nicht. (...) Hier und jetzt bringen mich meine Sinne und mein Denken an die Grenze von etwas, das über Zeit und Raum hinausgeht, das nicht gebunden ist durch Zeit und Raum. Und dieser Dimension meines Daseins − dem Bleibenden − gehöre ich genauso an, wie ich Zeit und Raum angehöre. Das ist eben der Doppelbereich, in dem ich lebe. Diese Erfahrung gibt mir Vertrauen und Zuversicht auf etwas Bleibendes, auch wenn meine körperliche Wirklichkeit endet. Schon jetzt berühre ich eine bleibende Wirklichkeit.»

[6] Bruder David geht auf die Definition von Thomas von Aquin ein weiter unten im Audio in Ergänzend: 2.2. (55:57)

[7] Rilke: ‹Nur wer die Leier schon hob auch unter Schatten› (Sonette an Orpheus 1. Teil, IX); siehe in Einsichten aus Rilkes Dichtung, Teil II (2014), 99-101


Quellenangaben

Film, Audios und Text von Br. David Steindl-Rast OSB

hl geist georg stahl titelCopyright © - Barbara Krlähmer

(Film 13:35) Isha Johanna Schury: «Aber was ich bei Dir jetzt heraushöre, ist, dass es unabhängig von dem äußeren Umstand immer mein inneres Jetzt gibt, und das innere Jetzt kann ich jederzeit mit Freude, mit erkennender Freude füllen, indem ich zulasse, zu erkennen, dass ich bereits beschenkt bin, weil ich schon atmen darf, weil meine Augen sehen dürfen, weil meine Ohren hören dürfen, und ich einfach hier sein darf und diesen Moment jetzt erleben darf. Verstehe ich das richtig?»

David Steindl-Rast: «Darum ist es so entscheidend, dass wir innehalten und dann horchen: hinhorchen: Was will jetzt das Leben von mir?

Es gibt mir eine Gabe, immer die Gelegenheit, die das Leben jetzt mir schenkt, ist eine Gabe, aber wie es heißt: In jeder Gabe ist eine Aufgabe enthalten und sehr häufig kommt es vor, dass unsere Ideen, was wir jetzt werden müssen oder sollen oder was wir noch aus uns machen sollen usw.: Das hat sehr wenig damit zu tun, was das Leben von uns will.

Und das ist eine der großen Schwierigkeiten: Nicht seine eigenen Ideen zu haben, sondern hinzuhorchen …

Wenn ich sage: Das Leben ‒ das sind die ganzen Umstände, in denen ich mich jetzt zur Zeit befinde ‒, und dahinter steht natürlich das große Geheimnis des Lebens selber, ist uns ein unauslotbares Geheimnis.

Wenn ich sage ‹Geheimnis, dann meine ich nicht irgendwie so was wie Geheimnistuerei oder etwas Verschwiegenes. Ich meine etwas ganz Konkretes:

Wir sind im Leben immer wieder konfrontiert mit einer Wirklichkeit, die hinter allen anderen Wirklichkeiten steht, eine Wirklichkeit, die wir nicht begreifen können. Wir können sie nicht in den Griff bekommen, aber wir können sie verstehen, wenn wir hinhorchen.

(18:43) Isha Johanna Schury: «Woher weiß ich, welche Stimme gerade auf mich einspricht? Ich will sie unterscheiden, dass ich auch wirklich höre: Welche Stimme ist jetzt das wirkliche Leben und welche Stimme ist vielleicht mein Ego oder mein Brauchen, mein Wollen, meine Angst?»

David Steindl-Rast: «Vielleicht meine Güte und mein Mitleid. Wer heute nicht mit tiefem Mitleid und Schmerz auf die Welt schaut, dem fehlt etwas.

Wenn man wirklich wach ist, musss man heute schon an der Welt leiden, leider.

Aber im gegebenen Augenblick ein gutes Glas Wasser zu haben, was Millionen Menschen fehlt, und einfach jetzt dieses Glas Wasser mit Freude und Genuss zu trinken …

Alle diese Ängste und Schmerzen für die Welt sind im Augenblick nicht wichtig für dich. Was für dich dir das Leben jetzt schenkt, ist dieses Glas Wasser und an dem darfst du dich vollkommen freuen und es genießen.

Darum ist dieses Eine jetzt wichtig und das Andere ist natürlich im großen Bild viel wichtiger, aber für dich jetzt ist etwas wichtig, was dir jetzt das Leben sagt.»

(28:35) Isha Johanna Schury: «Warum haben wir immer so das Gefühl, etwas zu versäumen, Bruder David?

Die Menschen haben immer das Gefühl, sie versäumen etwas und landen nie in ihrem Jetzt, sind immer entweder in der Vergangenheit oder in der Zukunft, und wenn doch Liebe im Leben nur im Jetzt stattfindet, warum versäumen wir dann so gern oder so oft unser Leben?»

David Steindl-Rast: «Es ist wieder die Frage: Können wir im Jetzt wirklich leben, können wir uns Üben, im Jetzt zu leben?

Und wenn wir dankbar leben, wenn wir im Augenblick ‒ in jedem Augenblick idealerweise ‒ hinhorchen, ganz da sind, für das, was das Leben uns zuspricht in diesem Augenblick und es dann versuchen zu tun, der Aufgabe gerecht zu werden: Wenn wir das tun, dann leben wir im Augenblick.

Und im Augenblick hat dieses Gefühl, etwas zu versäumen überhaupt keinen Platz, wird sind ja so beschäftigt mit dem, was wir jetzt tun, dass uns das gar nicht in den Sinn kommt.

Ich verstehe schon, was du damit meinst: immer das Gefühl haben, ich versäume etwas, aber das kommt nur davon, dass wir eben nicht wirklich im Jetzt leben.

Die Übung der Dankbarkeit ‒ Dankbarkeit als ein spiritueller Weg, das ist er ja ‒, auf diesem Weg zu gehen, ist eigentlich ein sehr sicheres Mittel, nicht in diese Angst zu verfallen, etwas zu versäumen.»

(37:05) David Steindl-Rast: «Und wir erleben immer wieder, dass das Leben es besser meint und besser weiß als wir. Das Leben ist weiser als unser kleiner Verstand.»

Isha Johanna Schury: «Ja! Das heißt, wir könnten uns dieses ganze Tamtam schenken mit ‹Finde deinen Lebenssinn, finde dies, finde jenes›: Macht das Sinn? Wahrscheinlich nicht so viel, oder?»

David Steindl-Rast: «Es ist schon eine sehr gute Frage: ‹Wie kann ich meinen Lebenssinn finden›? Und die Antwort ist: ‹Nicht dadurch, dass ich in mir grüble und mir selber Pläne mache ‒ das ist ja ein winziger Teil des ganzen Lebens ‒, sondern ich kann den Sinn meines Lebens dadurch finden, dass ich auf das Leben selber, wie es mir gerade jetzt in diesem Augenblick begegnet, hinhorche und antworte.»

(43:56) Isha Johanna Schury: «Ich hätte dich jetzt gefragt, ob sich aus dir noch etwas mitteilen möchte, abschließend für unser Gespräch, wo du das Gefühl hast, das möchte noch hinaus?»

David Steindl-Rast: «Vielleicht den Gedanken, den Tod allzeit vor Augen zu haben.

Das ist ein Satz aus der Regel des hl. Benedikt, der mich schon, bevor ich Benediktiner geworden bin, sehr berührt hat, und ich habe erkannt ‒ damals war ich so ungefähr 19 oder 20 Jahre, höchstens ‒, dann habe ich erkannt, dass unser ganzes Leben bis dahin dadurch geprägt war, dass wir den Tod allezeit vor Augen hatten. Das war ja mitten im Krieg und unsere Freunde sind immer wieder gefallen an der Front, die Bomben sind gefallen links und rechts, also, wir hatten den Tod allezeit vor Augen.

Und rückblickend, damals habe ich gesehen: ‹Ah, darum waren wir so glücklich!

Darum waren wir so freudig! Weil wir ‒ damals hätte ich das nie so ausdrücken können ‒, weil wir im Jetzt leben mussten.

Wenn man den Tod vor Augen hat, muss man im Jetzt leben.

Warum ich dann Mönch geworden bin und Benediktiner, hat viel damit zu tun, dass ich wirklich den Tod täglich vor Augen halten wollte. Und ich muss sagen, wenn ich auch sonst Vieles besser machen hätte können, aber das ist mir jedenfalls gelungen. Ich bin vollkommen überzeugt, dass es keinen Tag in meinem Leben gegeben hat, an dem ich nicht viele Male den Tod vor Augen hatte.

Und darum muss ich sagen, ich hatte wirklich ein sehr freudiges Leben. Dafür bin ich auch sehr dankbar.»

[Filminterview Was am Ende wirklich zählt (2022); siehe auch Transkription]

[Ergänzend:

1. Audios

1.1. Fragen, denen wir uns stellen müssen (2016)
Tag 2 Nachmittag:
‹Im Jetzt sein und im
Selbst sein ist identisch› (Bruder David)

1.2. Wie uns dankbar leben heil und gesund macht (2011): Audio und Transkription:

(08:50) ‹Und da könnte man es ganz einfach sagen: Spiritualität ist aus der Ganzheit leben. Das ist dann diese Lebendigkeit, die aus der Ganzheit kommt, aus der Verbundenheit mit allen und allem.

Und da muss ich eben wieder auf ein persönliches Erlebnis zurückgreifen, denn wir wollen ja nicht etwas über die Sache sagen, sondern Ihr Erlebnis wecken: Wo haben Sie diese Einheit mit allen erlebt? Wo haben Sie diesen Geist, Lebensatem, diese Lebendigkeit, die alles verbindet, wo haben Sie die erlebt? (S. 3)

(15:02) Worauf es ankommt, ist, wir erleben dieses Einssein mit allem, und zwar mit uns selbst, mit allen und allem und mit dem Grund des Lebens, dem Lebensgrund. Und in diesen Augenblicken sind wir über da müssen Sie wirklich genau aufpassen, war das auch wirklich so bei mir? , da sind wir irgendwie über die Zeit erhaben.

Es kann ein Augenblick sein, in dem sich so viel ereignet, als ob es Stunden gewesen wären, fast ein Leben lang. Es kann aber auch sein, dass eine ganze Stunde plötzlich vorüber ist, wie wenn es nur ein Augenblick gewesen wäre.

Also die Zeit verschiebt sich in diesen Gipfelerlebnissen, wir sind im Jetzt! Das ist das Entscheidende, wir sind wirklich im Jetzt. Und meistens sind wir nicht im Jetzt. Meistens sind unsere Gedanken 49% schon in der Zukunft und können es nicht erwarten oder fürchten, befürchten, was sich ereignen wird und 49% hängen noch an der Vergangenheit und bedauern, dass wir nicht mehr dort sind, oder beweinen die Umstände, dass wir uns als Opfer ansehen. Wir hängen an der Vergangenheit, wir strecken uns aus in die Zukunft. Und ungefähr 2% sind da für unser Bewusstsein, im Augenblick zu leben, im Jetzt zu leben. Und in diesen Augenblicken der Gipfelerlebnisse das ist für Maslow auch so bedeutend , sind wir im Jetzt: vollkommen, 100% im Jetzt. Und darum erleben wir diese große Befreiung.

Es ist eine Befreiung von der Zeit. Wir sind jetzt im Jetzt ‒, wir sind wirklich Wir selbst. Nicht unser kleines Ich, sondern unser Selbst. (S. 4f.)

(23:29) In dem Augenblick, wo wir dankbar sind wieder, erinnern Sie sich an einen Augenblick, in dem Sie wirklich dankbar waren , sind wir im Jetzt. Man kann für die Vergangenheit dankbar sein, man kann für die Zukunft dankbar sein, dankbar sein kann man immer nur im Jetzt.

Sind wir im Jetzt, sind wir Wir selbst. (S. 7)

(27:57) Wie kann man das also jetzt im Alltag auch üben? Wie kann man das praktizieren? Wie können wir es methodisch tun? Und wie können wir uns methodisch immer wieder an die Gelegenheit erinnern, die uns da geboten wird, und diese Gelegenheit verwenden im Jetzt?

Wie können wir immer wieder ins Jetzt kommen? Denn das ist das Ziel jeder spirituellen Übung. (S. 8)

(33:56) Wenn wir im Jetzt leben lernen, und das lernen wir durch die Dankbarkeit: Jedes Mal, wo wir dankbar sind, verschieben wir unser Gewicht vom Ich auf das Selbst. (S. 10)

(35:52) Und wenn wir im Selbst sind und im Jetzt sind, dann sind wir über den Tod erhaben. Dann brauchen wir keine Furcht mehr vor dem Tod haben.

Denn der Tod kommt, wenn meine Zeit um ist, aber das heißt gar nicht, dass mein Selbst davon betroffen wird.

Das Jetzt ist nicht in der Zeit.

Das wird Sie vielleicht überraschen, wenn ich sage, das Jetzt ist nicht in der Zeit. Aber unsere westliche Philosophie hat das schon sehr lange gewusst:

Die Zeit ist im Jetzt!

Wir stellen uns das meistens so vor, dass die Zeit eine lange, lange Linie ist. Auf der einen Seite ist die Vergangenheit, auf der anderen Seite ist die Zukunft. Wo ist jetzt das Jetzt? Es ist der kleine Abschnitt zwischen der Vergangenheit und der Zukunft. Wenn es ein kleiner Abschnitt ist, lade ich Sie dazu ein, diesen kleinen Abschnitt in die Hälfte zu schneiden und die eine Hälfte ist nicht, weil sie nicht mehr ist, und die andere Hälfte ist nicht, weil sie noch nicht ist: Wo ist das Jetzt? Das ist Haarspalten. Gut ‒, solang es ein Haar ist, können wir es spalten.

Wir können es spalten, bis wir finden, dass das Jetzt, das wir erleben, zu unserem Leben gehört, nicht in der Zeit ist: In der Zeit frisst die Vergangenheit nahtlos die Zukunft auf. (S. 10f.)

1.3. Dem Welthaushalt freudig dienen – Spiritualität 2011
Vertiefungsseminar:
(00:43) Dankbarkeit, der kürzeste Weg ins Jetzt zu kommen

1.4. Wie das Göttliche in uns wächst (2005)
Peak Experience, mystische Erfahrung, vier Kennzeichen
(Mitschrift):
Wir sind JETZT im Augenblick, wir sind völlig gegenwärtig, JETZT im Augenblick
Fragen im anschließenden Gespräch:
Erlösung aus der Verstrickung in der Zeit

1.5. Festival «Die Kraft der Visionen» (1991)
2.1. Der Weg zu Fülle und Nichts ‒ Vortrag und Kanon:
(30:52) Bruder David übersetzt und deutet die Zeilen von John Cage (
Übersetzung ins Deutsche) ‹If you let it, it supports itself. You don’t have to. Each something is a celebration of the nothing that supports it. When we remove the world from our shoulders we notice it doesn’t drop. Where ist the responsibility?› / (33:30) ‹Wo ist dann unsere Verantwortung?› Darin, es zu feiern: Bruder David liest und deutet von Rilke: ‹Rühmen, das ists!› und die Schlussverse des Sonetts ‹Sei allem Abschied voran› ‒ Chronos: Zeit der Uhren und Kairos: Zeit zum Entschluss , Gelegenheit, völlig zu sein ‹dieses einzige Mal› / (37:53) Br. David liest das Sonett noch einmal

1.6. Retreat-Woche in Assisi (1989); siehe auch Erlösende Kraft: Ergänzend: 2.3.:
Das Glaubensbekenntnis mit eigenen Worten zusammenfassen ‒ Ausklang mit Rilke Gedichten und dem Thema Reinkarnation:
(14:48) ‹Wir sind die Treibenden› (Rilke: Die Sonette 1. Teil, XXII): ‹Sich in dieses Ausgeruhtsein einsinken lassen, das ist Gebet. Gebet im Unterschied von den Gebeten, die Mittel zum Zweck sind. Ausgeruhtsein ist die Voraussetzung zum Handeln›

2. Weitere Texte

2.1. Tanz ‒ der Sinn des Ganzen: Text und Anm. 2:

«Beides muss unser Sinnbild der Wirklichkeit ausdrücken können, Bewegung und Ruhe. Da bietet sich das Bild eines Reigens an, der ohne Anfang und Ende in sich ruht, während er sich doch unaufhörlich bewegt. Wir tanzen nicht, um irgendwo anzukommen. Tanzen bezweckt nichts. Es ist zweckfrei, aber sinnvoll. Und doch zielen wir beim Tanzen auf etwas ab: Wir wollen der Musik den bestmöglichen Ausdruck verleihen und perfekt im Schritt sein, jetzt und jetzt und jetzt.»

Dr. Henning Klingen: «Angesprochen auf das Ende aller Dinge, auch auf sein eigenes, benutzt Steindl-Rast gerne das bekannte Bild einer tickenden Uhr. Diese mache allerdings für ihn nicht Tick-Tack, sondern ‹Jetzt-Jetzt-Jetzt-Jetzt.›»

2.2. Einsichten aus Rilkes Dichtung, Teil I (2014), 20:

Ein Teilnehmer fragt, welche Formen und Wege es gibt, um ins Schweigen zu kommen und darin zu wachsen. Er erwähnt Zen-Meditation.

Bruder David: «Das Stichwort für dieses ins Schweigen kommen, ist ‹Innehalten›.

Der Grund, warum wir nicht immer schon im Schweigen sind, ist: Wir sind die Eilenden, Wir sind die Treibenden, sagt Rilke (Sonette an Orpheus 1. Teil, XXII):

Wir sind die Treibenden,
Aber den Schritt der Zeit,
nehmt ihn als Kleinigkeit
im immer Bleibenden.
[1]

Und das Bleibende ist das Jetzt, das große Jetzt, der Augenblick und wir sind meistens so in der Zeit gefangen, wir hängen noch an der Vergangenheit und weinen, dass sie nicht mehr da ist, oder fühlen uns als Opfer der Vergangenheit, oder wir sind ganz ungeduldig in der Zukunft. Also wir sind in der Zeit gefangen. Das ist wie ein reißender Strom ‒ und ein reißender Strom ist noch ein zu schönes Bild, weil es nicht so organisch ist wie ein reißender Strom ‒, sondern ganz mechanisch: Wir sind in dieser mechanischen Zeit der Schweizer Uhren eingefangen, und im Augenblick des Innehaltens ‒ ein schönes Wort, ‹Innerlichkeit› ist da drin ‒ wird es schon schweigen, wird es schon still. Das werden wir dann gleich ein bisschen üben.»

Einsichten aus Rilkes Dichtung, Teil II (2014), 83-85:

«Zeit hat zwei Aspekte: Einen Positiven und einen Negativen. Der Negative ist, dass wir uns in der Zeit verfangen.

Die meisten von uns müssen zugeben, dass wir oft an der Vergangenheit hängen oder die Vergangenheit bedauern und sehr mit der Vergangenheit beschäftigt sind oder / und zugleich auf die Zukunft schon nicht mehr warten können, und auch mit ihr beschäftigt sind, oder uns vor der Zukunft fürchten, und es bleibt ganz wenig Energie übrig, um im Jetzt zu sein.

Und auf dieses Jetzt kommt wieder alles an. Im Jetzt zu sein, das ist das Entscheidende.

T.S. Eliot, den ich schon mehrmals zitiert habe, sagt:

‹All is always now.› ‒ ‹Alles ist immer Jetzt.›[2]

Das klingt zuerst wie eine Binsenwahrheit, aber es ist eine ganz tiefe Einsicht.

Es ist nur Jetzt.

Wenn wir nicht im Jetzt sind, dann sind wir nicht wirklich da.

Was sich in uns an die Vergangenheit klammert oder auf die Zukunft schon ausrichtet, ist nicht da.

Das heißt nicht, dass man sich nicht erinnern soll. Erinnerung ist etwas Wunderbares:

Im Jetzt kann Erinnerung sein oder Planung, ist etwas ganz Wichtiges, kann auch Jetzt sein.

Aber es muss immer Jetzt sein, denn wenn’s nicht Jetzt ist, war es nur oder wird sein, und das  i s t  nicht.

Und wir wollen sein!

Nur im Sein, in der Lebendigkeit des Jetzt-Seins begegnen wir dem Geheimnis.

Der negative Aspekt der Zeit ist, dass wir in ihr gefangen sind.

Der positive Aspekt der Zeit ist, dass sie uns immer wieder neue Gelegenheiten schenkt.

Wir können uns hier überhaupt fragen: Warum soll es überhaupt Zeit geben? Warum ist nicht alles Jetzt?

Wenn alles nur Jetzt wäre, gibt es nur diese eine Gelegenheit, und das Leben ist so großzügig, dass es uns, wenn man diese Gelegenheit verpasst, eine neue Gelegenheit gibt.

Und wenn wir diese Gelegenheit beim Schopf ergreifen, führt es zu einer weiteren Gelegenheit. Immer wieder eine neue Gelegenheit, solange wir leben, von Anfang bis Ende eine große Gelegenheit nach der andern.

Und dieses Innewerden bezieht sich letztlich auf die Gelegenheit.

Das Innehalten, damit wir diesen Automatismus der Zeit brechen und wirklich im Jetzt sind. ‒

Das Innewerden bezieht sich auf: die Gelegenheit innewerden.

Wozu ist jetzt, das Jetzt, die Gelegenheit?

Und meistens ist es die Gelegenheit uns zu freuen. Uns einfach an dem Geschenk zu freuen.

Wir können es kaum glauben, das ist 99% der Zeit, einfach jeder Augenblick eine Gelegenheit, uns zu freuen.

Aber wenn wir beginnen innezuhalten, innezuwerden, und dann zu antworten auf die Gelegenheit, die uns geboten wird, wird uns plötzlich  b e w u s s t, dass eine Gelegenheit nach der andern eigentlich Gelegenheit ist, uns zu freuen.

Man kann das nur übersehen, weil wir entweder so in der Zeit befangen waren, dass wir gar nicht in der Gegenwart waren, oder weil wir alles so als gegeben hingenommen haben und nicht weiter darüber nachdenken.

Durch das Innehalten wachen wir dann auf und werden wirklich inne, was uns jetzt geschenkt ist.

Im Augenblick nachdenken, innehalten, innewerden: Was wird uns jetzt geschenkt?»

Einsichten aus Rilkes Dichtung, Teil II (2014), 88f., 91:

Eine Teilnehmerin fragt Bruder David:

«Wo ist die Entscheidung in dem Stop ‒ Look ‒ Go

Bruder David: «Das Entscheidende ist im Augenblick zu sein. ‒

Und das Stop ‒ Look ‒ Go ist eine Methode ins Jetzt zu kommen.

Wenn wir im Jetzt sind, dann fließt die Entscheidung schon durch uns durch und wir brauchen uns gar nicht mehr kompliziert zu entscheiden.

Wir sind eins im Selbst, im Jetzt, und es fließt durch.

Und wir kennen diese Situation, nicht von außen, sondern von innen.

Wir alle haben diese Situationen erlebt, in denen es sich einfach getan hat.

Und nachher fragt man sich, wie hast du denn das gemacht? —

Keine Ahnung! Es hat sich wie von selbst ergeben.

Es ergibt sich.»

Bruder David bringt das Beispiel eines Feuerwehrmannes, der ein Kind aus den Flammen rettet. Und der Reporter fragt: «Wie war das, diese Entscheidung zu fassen?» «Entscheidung? — Ich hab es schon getan, bevor ich etwas gewusst hatte.»

«… Das ist dieselbe innere Kraft, Lebenskraft, die wir durch uns fließen lassen, wenn wir im Jetzt sind.»

Ein Mann meldet sich: Er kann nicht gut zuhören. … Er strengt sich an …

Bruder David: «Nur immer wieder üben und keine Energie daran verschwenden, sich zu ärgern, weil’s nicht gelungen ist. Die Energie wird schon gebraucht für den nächsten Ausgenblick und die nächste Gelegenheit.

Immer wieder anfangen. Das ist eben das große Geschenk, dass das Leben uns noch eine Gelegenheit und noch eine Gelegenheit gibt.»]

 _______________________

[1] Einsichten aus Rilkes Dichtung, Gedichte, 3; siehe auch Arbeit und Schweigen (1989), 296; Orientierung finden (2021), 98, und Audio in Ergänzend: 1.5.

[2] T. S. Eliot: Four quartets: Burnt Norton, V; siehe auch in Stillehalten



Quellenangaben

Text, Filme und Audios von Br. David Steindl-Rast OSB

hl geist georg stahl titelCopyright © - Barbara Krähmer

Wenn ich von meinem Selbst spreche, meine ich mein ureigenstes Wesen. Ich bin mir bewusst, dass ich «in mich gehen» kann, in einen inneren Bereich, der nur mir selbst zugänglich ist. Nur ich kann mein Bewusstsein erfahren, die andren erfahren nur meine von außen sichtbare Gegenwart als Körper unter andren Körpern. Aber normalerweise sagen wir nicht «Ich  b i n  ein Körper», sondern «Ich  h a b e  einen Körper». Das ist jedoch seltsam, wenn wir es bedenken. Da sitzt ein Körper und sagt: «lch  h a b e  einen Körper.»

Wer spricht denn da? Es ist mein verkörpertes Selbst, das spricht ‒ als eins mit meinem Körper. Und zugleich spricht es über meinen Körper als seine sichtbare Erscheinung. Innen und außen können nicht getrennt, sondern nur unterschieden werden.

Wenn ich also «lch-selbst» sage, dann meine ich eine Einheit, mein verkörpertes Selbst. Wie aber kann ich mein Ich klar von meinem Selbst unterscheiden? Kann ich den Unterschied zwischen Selbst und Ich bewusst erleben?

Das lässt sich an einem Experiment erproben. Unser reflektierendes Bewusstsein ermöglicht es uns, uns selbst zu beobachten. Beobachte dich also, wie du dasitzt und diese Zeilen liest. Damit uns das gelingt, müssen wir uns innerlich von dem, was wir beobachten, «distanzieren».

Schau noch einmal genau hin mit deinem inneren Auge: Siehst du irgendwie gleichzeitig dich selbst als beobachtet und als Beobachter? Dann musst du dich noch ausschließlicher auf das Beobachten konzentrieren. Früher oder später wird es dir gelingen, nur mehr das Beobachtete zu beachten, weil du dich vollständig mit dem Beobachter identifizierst. Wenn dir das gelingt, hast du das Ziel erreicht. Der Beobachter, den niemand mehr beobachtet, ist das Selbst.

Wo ist dieses Selbst? Nirgends und überall. Du kannst es nicht verorten. Daher ist es auch nicht in Teile zerlegbar. Daraus entspringt die überraschende Einsicht, dass es nur ein einziges Selbst gibt: eins für uns alle ‒ ein grenzenloses, unteilbares Ganzes!

Trotzdem ist unser Ich einzigartig und verschieden von jedem andren Ich.

Das eine unerschöpfliche Selbst drückt sich immer wieder in einem neuen Ich aus. Wir sind so verschieden voneinander, dass nicht einmal unsre Fingerabdrücke sich zweimal unter Milliarden andrer finden. Und doch meinen wir alle ein und dasselbe Selbst, wenn wir «Ich selbst» sagen. In jedem, dem ich gegenüberstehe, begegnet mir das eine Selbst, das uns allen gemeinsam ist. Dies ist von schwerwiegender Bedeutung für meine Beziehung zu andren.

Das Selbst ist nicht nur über den Raum erhaben, sondern auch über die Zeit und ist in diesem Sinne überzeitlich.

Wenn ich mich an meine Kindheit erinnere, finde ich ein andres, ein kindliches Ich, nicht mein jetziges. Trotzdem aber ist mein Selbst damals wie heute das gleiche; es bleibt auch in meiner Erinnerung unverändert. Schulfreunde erkennen einander nach dreißig Jahren wieder, obwohl nicht ein einziges Molekül in ihren Körpern mehr das gleiche ist. Sie erkennen einander, weil das bleibende Selbst sich im stets veränderlichen Ich des andren ausdrückt. Trotz all unsrer Einschränkungen ist jeder Mensch eine neue Verwirklichung der unbegrenzten Möglichkeiten des Selbst.

Erinnerst du dich an den Beginn deiner allerersten Freundschaft ‒ vielleicht schon im Kindergarten? War das nicht ein Augenblick überwältigten Staunens: Wie kann ein andres Kind so völlig anders sein und gleichzeitig so ich? Nicht wie ich ‒ die große Verschiedenheit zwischen uns macht das Ganze erst so spannend ‒ und doch im wahrsten Sinn des Wortes ich!

Der griechische Philosoph Aristoteles (385-332 v. Chr.) verstand Freundschaft als «eine einzige Seele, die in zwei Körpern wohnt» ‒ ein einziges Selbst in unsrer Terminologie.

Natürlich wohnt in allen Körpern «ein einziges Selbst», wenn wir es so ausdrücken wollen. Aber die Augen von Freunden sind offen für diese ausschlaggebende Tatsache und sie sind sich ihrer Bedeutung füreinander bewusst.

Wenn wir uns dessen in Bezug auf alle andren wenigstens manchmal bewusst sein könnten, dann wäre unsere Welt ein freundlicherer Ort.

Im Laufe meines Lebens wurde mir mehrmals die Freude zuteil, Menschen kennenzulernen, deren Ich das Selbst mit großer Klarheit durchscheinen ließ. In ihrer Gegenwart fiel es mir leichter, «ich selbst» zu sein. Sie machten mir bewusst, dass auch ich ein einzigartiger Ausdruck des einen großen Selbst bin.

Verschiedene Traditionen geben dem Selbst unter diesem Aspekt unterschiedliche Namen. Für die Pima in Arizona heißt es z. B. «I’itoi», für Hindus «Atman», für Buddhisten «Buddha-Natur». Christen nennen es «Christus in uns».

In diesem Sinne schreibt der heilige Paulus: «lch lebe, aber nicht ich, Christus lebt in mir» (Gal 2,20).

Dieses Selbst immer klarer durchscheinen zu lassen durch unser Ich, stellt die große Aufgabe dar, «zu werden, wer wir wirklich sind».

Das ist die Aufgabe, «unsre Rolle im Leben gut zu spielen», wie man sagt.

Was heißt das aber? Unsre Rolle im Leben ist kein festes Drehbuch, und sie zu spielen, bedeutet zu improvisieren ‒ wie Schauspieler bei Improvisationsaufführungen oder wie Jazzmusiker. Jazz entfaltet und verändert sich ständig auf unvorhersehbare Weise, weil die Spieler aufeinander hinhorchen und jeder von allen andren beeinflusst wird.

Was ein Einzelner beitragen kann, wird von seinem Instrument mit all dessen Möglichkeiten und Grenzen bestimmt. Das Instrument, das wir von Geburt an mitbekommen, ist weitgehend durch Faktoren bestimmt, die nicht unter unsrer Kontrolle stehen. Wie viel hängt allein schon von Zeit und Ort unsrer Geburt ab ‒ von Zeit und Ort unsres «Auftritts» auf der Bühne des großen Welttheaters, auf der das Stück schon seit Jahrtausenden läuft.

Und denken wir an unsre Stärken und Schwächen, unsre ererbten Begabungen und Unzulänglichkeiten. Ganz gleich, wie wir mit ihnen umgehen, werden sie jedenfalls die Möglichkeiten und Grenzen unsrer Improvisation weitgehend mitbestimmen. Die Erfüllung unsrer Aufgabe «gut zu spielen», kann also nicht vom Instrument abhängen, auf das wir ja keinen Einfluss haben. Sie muss davon abhängen, wie «gut» wir es spielen.

Woran kann ich aber erkennen, dass ich meine Rolle gut spiele? Was heißt hier «gut»? Die Antwort ergibt sich aus dem, was wir über das Selbst gesagt haben:

Sie lautet: Du musst als «Du selbst» spielen. Wie gut wir «unsre Rolle im Leben spielen», hängt nicht von unsrer Veranlagung ab, sondern davon, dass unser Ich immer transparenter wird für das Selbst.

Das bedeutet auch, dass wir uns dessen bewusst bleiben, dass wir ‒ die Spieler ‒ alle ein Selbst sind. Und dass wir unsre gegenseitige Zugehörigkeit durch unsre Art zu spielen bekräftigen. Dann wird unser Spielen ‒ alles, was wir tun ‒ ein «gelebtes Ja zur Zugehörigkeit» ausdrücken. Das aber ist genau unsre Definition von Liebe.

Wenn du darüber nachdenkst, wirst du finden, dass Liebe in all ihren authentischen Formen «das gelebte Ja zur Zugehörigkeit» ist. «Unsre Rolle gut zu spielen», heißt also, durch alles, was wir im Leben tun, Liebe auszudrücken.

Das entspricht der Forderung, die wir in jeder Form von Spiritualität wiederfinden und die in der jüdisch-christlichen im allbekannten Gebot ihren Ausdruck findet: «Liebe deinen Nächsten als dich selbst!» (Lev 19,18).

Nicht «wie dich selbst» lautet es, sondern, «a l s  dich selbst» ‒ da dein Selbst ja auch das Selbst deines Nächsten ist. In jedem unsrer Mitspieler begegnen wir unsrem gemeinsamen Selbst ‒ auch in unsren Feinden. Daher ist «Liebe deine Feinde» (Mt 5,44) keine widersprüchliche Zumutung.

Zum Beispiel bleiben alle, die den Regenurwald zerstören, meine Feinde, obwohl ich als Christ sie lieben will. Würde Liebe alle zu Freunden machen, dann könnte ich ja niemals Feinde lieben. Meine Liebe wird sich daran zeigen, dass ich zwar alles tue, um ihren Bemühungen entgegenzuwirken und es ihnen unmöglich zu machen, Schaden anzurichten, ihnen aber gleichzeitig den Respekt erweise, der jedem Menschen gebührt, und sie so behandle, wie ich selbst behandelt werden möchte, wenn unsre Rollen vertauscht wären.

Inmitten meiner tatkräftigen Opposition darf ich niemals vergessen, dass das Selbst meiner Feinde mein Selbst ist.

Es gibt nur  e i n  Selbst. In dem Ausmaß, in dem wir diese Tatsache aus dem Bewusstsein verlieren, ist uns auch nicht mehr bewusst, dass letztendlich das Selbst alle Rollen spielt.

Wenn ich das vergesse, werde ich wie ein Schauspieler, der sich so in seine Rolle verliert, dass er sich am Ende nicht mehr von der Rolle unterscheiden kann. Wenn dies geschieht, hat mein Ich mein Selbst vergessen. Wir nennen das Ich, das seine Beziehung zum Selbst verloren hat, das Ego.

[Orientierung finden (2021): ‹Das Selbst ‒ mein ureigenstes Wesen›, 19-23]

[Ergänzend:

1. Filme

1.1. Filminterview von Ramon Pachernegg mit Bruder David (2017), siehe auch Transkription:

 «Wenn man von der Selbstfindung spricht, denken leider sehr viele Menschen nicht an wirkliche SELBST-findung, sondern an noch größere Vereinzelung dadurch, dass man sein EGO, sein kleines ICH in Zeit und Raum beweihraucht oder genau definiert oder was immer. Wirkliche SELBST-findung heißt ja, das in uns selbst finden, was uns mit allen andern verbindet.

Das SELBST ist, was uns mit allen andern verbindet. Letztlich gibt es nur ein SELBST. Und dieses eine SELBST drückt sich in vielen ICH aus.»

1.2. Die Rolle ist das Ich, der Schauspieler ist das Selbst (2011)
Zum Film:    Das Ich als Maske und das Selbst ‒ kurzer Ausschnitt aus ‹Ich und Selbst› im Zentrum Buddhas Weg im Odenwald (DE)

2. Audios

2.1. Fragen, denen wir uns stellen müssen (2016)
Tag 2 Nachmittag:
‹Im Jetzt sein und im Selbst sein ist identisch› (Bruder David)

2.2.Lebendige Spiritualität (2015)
Der Doppelbereich
Die Themen des Gesprächs:
‹Selbstlos› ‒ Selbst ‒ Heilung

2.3. Lebensorientierung (2015)
3. Tag, 12. Februar, Donnerstagvormittag mit 5. Impulsvortrag (Bruder David), siehe
Transkription S. 2, 11-13 und 27f.:
Wer bin ich? Ich-Selbst oder Ego?

2.4. Dankbarkeit als Achtsamkeit im Dialog (2014); siehe auch Transkription:
(18:43) Was meinen wir, wenn wir Ich sagen und was meinen wir, wenn wir ‹Ich selbst› sagen?
(29:51) Wie kommen wir in Kontakt mit unserem Selbst? Durch alle die verschiedenen Formen der Meditation und der spirituellen Praxis: Auch dankbar leben ist ein ganz ebenso gültiger Weg wie jede andere spirituelle Praxis, ein Weg mit dem Selbst in Kontakt zu kommen, aus dem Selbst heraus zu leben

2.5. Dem Welthaushalt freudig dienen – Spiritualität 2011
Heilung von Körper und Geist: Gespräch mit Pater Johannes und Bruder David:

(22:04) Ich und Selbst unterscheiden: Das Selbst, der Quellgrund in uns

Dem Welthaushalt freudig dienen – Spiritualität 2011
Sehen lernen:
(01:24:43) Ich und Selbst: die göttliche Wirklichkeit in uns

3. Weitere Texte

3.1. Das grosse Geheimnis (2019): Interview in Visionen (3/2019) zum 93. Geburtstag von Bruder David:

«Erwachen – was löst der Begriff aus in einem 93jährigen Benediktiner mit viel Zen-Erfahrung?»

Bruder David: «Die christliche Taufe bedeutet ursprünglich ‹Erleuchtung› – griechisch ɸωτισμος (phōtismos). Und in einem Taufhymnus aus dieser frühesten Zeit des Christentums heißt es: Wach auf, der du schläfst, und steh auf von den Toten, so wird dich Christus erleuchten (Epheser 5:14). Erwachen und Erleuchtung sind hier aufs Engste verbunden. Worum aber geht es dabei? Um diese Frage zu beantworten, muss ich etwas weiter ausholen.

Wir Menschen leben im Doppelbereich von Ich und Selbst. Unser Ich steht in Raum und Zeit, hat Anfang und Ende, ist also vergänglich. Wir rühren aber auch an Unvergängliches (das Große Geheimnis habe ich es genannt) und wissen in unseren lebendigsten Augenblicken – etwa in Gipfelerlebnissen – dass wir mit unserem innersten Selbst auch dieser Wirklichkeit angehören. Dabei kann uns bewusstwerden, dass unser Selbst über Raum und Zeit erhaben, und daher unvergänglich und unteilbares Eines für uns alle ist. Es gibt nur ein Selbst, ob wir es Christus nennen, wie in dem erwähnten Taufhymnus, oder unsere Buddha-Natur, oder Ātman, oder mit sonst einem Namen. Wenn wir vollbewusst ‹ich selbst› sagen, betonen wir zugleich unsere Einzigartigkeit als Ich und unsere Verbundenheit mit allen Andren im Selbst. Alles, was wir aus dieser Mitte heraus tun, blüht auf in Harmonie mit dem Universum.

Aber leider vergisst unser Ich allzu oft sein Selbst und schrumpft dadurch zum Ego zusammen. Das Ego ist ein Ich, das vergessen hat, dass es durch sein Selbst mit dem Ganzen verbunden ist. Daher muss das Ego sich vereinzelt und von all den anderen Egos eingeschüchtert und bedroht fühlen. Aus Furcht wird es bereit zu Gewalt, Rivalität und Habsucht – alle drei Grundübel unserer Gesellschaft. Wenn mein Ego aber wieder zu vollem Selbstbewusstsein erwacht, dann wird es zum Ich-Selbst und kann Gewalt durch Gewaltfreiheit ersetzen, Rivalität in Zusammenarbeit verwandeln und Habsucht in Teilen. Das sind Stichworte für eine Gesellschaft, wie wir alle sie uns ersehnen.»

3.2. Einsichten aus Rilkes Dichtung, Teil II (2014), 103-112, 148-150:

«Das SELBST ist eines, aber ist so unerschöpflich, dass es sich immer wieder, immer wieder neu in noch einem ICH und noch einem ICH und noch einem ICH ausdrücken will, muss und kann. Drum gibt es so viele ICH und nur ein SELBST für uns alle. Und wenn man nur bedenkt, wenn man mit dem Bewusstsein, mit dem SELBST-Bewusstsein, lebt, wie anders man sich dann zu anderen Menschen verhält: Jeder Mensch, auch der unsympathischste, bin ich selbst. Nicht ich, aber das ist mein SELBST, wir haben nur ein SELBST, auch wenn er unsympathisch ist, der Mensch, nur ein ganz anderes ICH. Aber es hilft schon, zu wissen, er ist mein SELBST.»]



Quellenangaben

Text und Audios von Br. David Steindl-Rast OSB

hl geist georg stahl titelCopyright © - Thorsten Scheu

Die stille Ekstase der Gregorianischen Gesänge spricht Menschen aller Glaubensrichtungen an. Was übt diese zeitlose Faszination aus? Die Gesänge sprechen auch heute unser Herz an: Sie rufen uns auf, in das Jetzt einzutreten, innezuhalten, zuzuhören und auf die Botschaft des jetzigen Augenblicks zu achten. Sie sprechen den Mönch in jedem von uns an und ebenso unsere Seele, die sich nach Frieden sehnt und nach der Verbindung mit jener letztendlichen Quelle von Sinn und Wert.

Mit Informationen übersättigt, oft jedoch jeglichen Sinnes beraubt, haben wir das Gefühl, in einem endlosen Strudel von Pflichten und Anforderungen gefangen zu sein, gefordert von Dingen, die wir erledigen und in Ordnung bringen müssen. Auch wenn wir uns bange von einer Aktivität in die nächste stürzen, spüren wir dennoch, dass es im Leben mehr geben muss als unsere geschäftlichen Termine. Unbehagen und hektisches Herumjagen sind das Ergebnis unserer verkehrten Zeitempfindung ‒ einer Zeit, die stets abzulaufen scheint.

Die westliche Kultur verstärkt diese irrtümliche Auffassung von Zeit als beschränktem Gut: ständig arbeiten wir auf Termine hin, ständig fehlt uns die Zeit, ständig ist die Zeit abgelaufen.

Die Gesänge hingegen rufen ein anderes Verhältnis zur Zeit wach, in dem Zeit wohl wertvoll, aber nicht knapp ist. Sie beschwören die Urform des klösterlichen Lebens herauf, in welcher die Zeit harmonisch dahinfließt. Die verfügbare Zeit entspricht der vorliegenden Aufgabe. Es ist immer genügend Zeit da für alles, was getan werden muss.

Die reinen, klaren und erhabenen Töne der Gesänge erinnern uns daran, dass es sehr wohl eine andere Art und Weise gibt, in dieser lauten, zerstreuten Welt zu leben, und dass diese nicht so unerreichbar ist, wie es scheint.

Wenn wir uns den Gregorianischen Gesang anhören, werden wir nicht nur der ineinander verwobenen Stimmen der Mönche gewahr, sondern auch eines beinahe unhörbaren Echos, einer zusätzlichen Tiefendimension dieser Musik. Und es ist diese heilige, transzendente Qualität der in einer hohen Kapelle gesungenen melodischen Linien, welche viele am Gregorianischen Gesang so sehr berührt.

Gerade diese Tiefendimension gleicht der Jetzt-Dimension der Zeit. Denn «jetzt» findet nicht innerhalb der chronologischen Zeit statt, sondern transzendiert sie.

Hier kann Zeit nicht als etwas, das knapp wird, begriffen werden, sondern als etwas, das wie Wasser aus einer Quelle steigt und zu jener Fülle der Zeit anschwillt, die jetzt ist.

Genau in die Mitte dieses Lebens im Jetzt holen uns die Gesänge zurück.

Der Gregorianische Gesang regt uns durch seine Harmonie, Ganzheit und Gesundheit dazu an, aus den Vorgegebenheiten und Spannungen des Arbeitstages auszutreten, unser eingefahrenes Selbst loszulassen und uns in unserem wahren Selbst einzufinden.

Der Gesang ist eine Einladung an unsere Seele, den Zynismus hinter uns zu lassen, das innere Geschwätz abzustellen und hinzuhorchen.

Die Stunden sind die «Jahreszeiten» des Tages. Früher wurden sie mystisch verstanden. Frühere Generationen, die nicht von der Uhr beherrscht wurden, verstanden die Stunden persönlich und begegneten ihnen als Boten der Ewigkeit im Fluss der Zeit, der wächst, erblüht und Früchte trägt. Im sich entfaltenden Rhythmus aller Dinge, die auf Erden wachsen und sich verändern, war die Vorgabe jeder Stunde von einer unendlich reicheren und komplexeren Eigenart als unsere sterile Uhrzeit. Man verstand sie als Boten einer anderen Dimension ‒ gleichsam als Engel ‒ die anzeigten, dass jeder Stunde ihre ureigene Bedeutung innewohnte.

Auch heute noch ‒ inmitten unserer vollgepackten Geschäftstermine ‒ können wir feststellen, dass die Zeit vor der Morgendämmerung, die frühen Morgenstunden, der Vormittag und die Mittagszeit eine eigene Qualität haben. Die Zeit mitten am Nachmittag, wenn die Schatten länger werden, hat einen anderen Charakter als die Zeit der Abenddämmerung, wenn wir das Licht einschalten.

So ist eine Gebetszeit denn eher eine unsichtbare Kraft als eine Maßeinheit.

Die Stunden, in denen die Mönche zum Gebet und zum Gesang zusammengerufen werden, sind Engel, denen wir zu bestimmten Zeitpunkten im Laufe des Tages begegnen.

Die Gebetszeiten werden «kanonische» Gebetszeiten (oder Stundengebete) genannt, weil das Wort «Kanon» ursprünglich einen Messstab bezeichnete und weil der Tag nach seinen verschiedenen Stimmungen gemessen wird. «Kanon» kann aber auch Gitter bedeuten, wie ein Spalier, an dem man Reben hochzieht. So können wir uns die Gebetszeiten auch wie einen Rahmen vorstellen, der den klösterlichen Tag und das gesamte mönchische Leben trägt und unterstützt.

Die mönchische Beziehung zur Zeit wird geformt durch die Stunden des Gebetes; dadurch steigert sich unsere Aufmerksamkeit für die feinen Unterschiedlichkeiten im Ablauf des Tages. Und je größer diese Sensibilität wird, desto empfindlicher werden wir für den gegenwärtigen Augenblick.

Die Wechselgesänge jeder Stunde helfen den Mönchen, voll in die flüchtige Dimension des Jetzt einzutreten.

Der Gesang bereitet uns darauf vor, auf den Ruf jeder Stunde zu antworten; denn das wirkliche Leben findet weder in der Uhrzeit noch in der chronologischen Zeit (nach dem Griechischen chronos) statt, sondern in dem, was die Griechen kairos nannten: der Zeit als Gelegenheit oder als Begegnung.

Aus der mönchischen Perspektive ist die Zeit immer eine Reihe von Gelegenheiten, von Begegnungen.

Wir leben im Jetzt, indem wir uns auf den Ruf eines jeden Augenblicks einstimmen, indem wir hören, was jede Stunde und jede Situation von uns verlangt, und indem wir darauf antworten.

Die Gebetszeiten sind noch in einem anderen Sinn mönchische Tagzeiten. Das englische Wort «season» (oder das französische «saison») hat eine lateinische Wurzel, die «säen» bedeutet.

So sind denn die Stunden des Tages die eigentlichen Stationen oder Abschnitte des Tages, zu denen wir in uns, und draußen in der Welt, bestimmte Samen säen. Die Samen, die wir säen, sind die Tugenden, die jeder Stunde eigen sind.

Tun wir einen Schritt aus der bloßen Uhrzeit hinaus, in der wir lediglich reagieren, und gehen stattdessen in die Tageszeit der Stunden ein, indem wir bewusst auf die Botschaft des Engels einer bestimmten Stunde antworten.

Jede Stunde des klösterlichen Tages stellt eine unverwechselbare Aufforderung dar und verlangt daher nach einer einmaligen Antwort.

Dieses wechselseitige Spiel von Botschaft und Antwort findet wiederum ihren symbolischen Ausdruck in der antiphonalen Struktur der Gesänge.

Anrufung und Antwort ist das Wesen dieser Musik. Die Gesänge sind kein Vortrag eines Solisten, sondern die Darbietung eines Chorals. Und die ganze Gemeinde singt, nicht nur einige spezialisierte Sänger. Wichtig ist nicht der Sänger, sondern der Gesang und eine über sich selbst hinausgehende Antwortbereitschaft, die dieser Gesang erfordert.

Die Regel des heiligen Benedikt - das «Spalier» (denn Regel heißt griechisch canon), das Gitterwerk, das 1500 Jahre lang das mönchische Leben getragen hat ‒ erinnert die Mönche daran, dass sie sich jedes Mal, wenn sie singen, in Gegenwart von Engelchören befinden. Und sie singen wie die Engel, von denen man sagt, sie würden einander gegenseitig anrufen und in nie endendem Lobpreis antworten.

So drückt sich auch das spirituelle Leben als Ganzes aus, das wesensgemäß ein Leben der Liebe ist, in der wir Gott und einander zuhören und antworten. Liebe (Agape) ist keine Privatangelegenheit.

In den Gesängen, die nicht so sehr ein akustisches Phänomen als vielmehr eine innere Erfahrung sind, begegnen wir einer Wirklichkeit, die wirklicher ist als das, was wir in unserem geschäftigen Alltagsleben erleben. Weshalb ist das so?

Einer der Gründe für ein Gefühl des Unbehagens in unserem Alltagsleben könnte darin liegen, dass wir entweder über die Vergangenheit grübeln oder uns Sorgen über die Zukunft machen und deshalb nicht im Hier und Jetzt sind, wo unser wirkliches Selbst weilt.

Die Gesänge rufen uns aus der chronologischen Zeit heraus, in der «jetzt» niemals gefunden werden kann, und in das ewige Jetzt hinein, das gar nicht in der Zeit zu finden ist.

Wenn wir uns die Zeit als Linie vorstellen, die von der Zukunft in die Vergangenheit reicht, dann frisst die Vergangenheit die Zukunft ständig und ohne den geringsten Rest auf.

Solange wir uns «jetzt» als eine ganz kurze Zeitstrecke vorstellen, hält uns nichts davon ab, diese Strecke zu halbieren und dann nochmals in zwei zu teilen.

Weil sich die chronologische Zeit immer weiter teilen lässt, gibt es kein «jetzt» auf unseren Uhren, und in der Uhrzeit lässt sich keine «stille Mitte»[1] finden. Es ist ein Gedankenexperiment, das uns klar machen kann, wie wir im Jetzt etwas erfahren, das in der Zeit gar nicht enthalten ist, sondern weit über sie hinausgeht: die Ewigkeit.

Die Ewigkeit ist nicht eine lange, lange Zeit. Sie ist, wie Augustin sagte: «Das Jetzt, das nicht vergeht.»

Wir können die Ewigkeit nicht dadurch erreichen, dass wir einfach in einer chronologischen Reihenfolge vorangehen, und dennoch ist sie uns in jedem Augenblick als geheimnisvolle Fülle der Zeit zugänglich.

Wir werden ab und zu, in den Augenblicken, in denen wir am lebendigsten sind, in unseren Gipfelerlebnissen, in das Mysterium der Zeit aufgenommen.

Von solchen Momenten sagen wir etwa: «Die Zeit stand still» oder: «So viel hatte in einem einzigen winzigen Augenblick Platz» oder: «Stunden vergingen, und es war wie im Nu, wie eine Sekunde.»

Unser Zeitgefühl verändert sich in solchen Momenten der tiefen und intensiven Erfahrung, und dann wissen wir, was Jetzt bedeutet.

Wir fühlen uns in jenem Jetzt, in jener Ewigkeit zu Hause, weil das der einzige Ort ist, wo wir wirklich sind.

Wir können nicht in der Zukunft sein, wir können nicht in der Vergangenheit sein; wir können nur in der Gegenwart sein.

Wir sind nur in dem Maße wirklich, in dem wir im gegenwärtigen Hier und Jetzt leben.

Opus Dei nennen es die Mönche, wenn sie die Stunden des klösterlichen Tages besingen: das Werk Gottes. Wenn wir verliebt sind, ist der Lobpreis des geliebten Geschöpfes, das uns gegenübersteht, keine Mühe. Ebenso wenig sind es die Gesänge der Mönche. Der Gregorianische Gesang ist ein Lobpreis, der von Herzen kommt. Wenn die Gesänge auch manchmal ein Schmerzensschrei oder ein Ausdruck unserer Not sind, so behalten sie dennoch stets die Ober- und Untertöne des Lobpreisens bei. Lobpreisen ist unsere Antwort auf die Herrlichkeit Gottes, darauf, dass Gottes Gegenwart in allem, in jedem Menschen und in jeder Situation erstrahlt. Je liebevoller wir sind, desto öfter sehen wir diese strahlende Herrlichkeit. Je öfter wir sie erstrahlen sehen, desto eher ist Lobpreisen unsere spontane Antwort darauf. Das ist es, wozu der Mensch gemacht ist. Wir sind wesensgemäß diejenigen, die lobsingen. Das ist unser höchstes Ziel.[2]

In der traditionellen christlichen Spiritualität heißt es, dass alles sub specie aeternitatis anzusehen ist, was soviel heißt, wie die Dinge vom Gesichtspunkt der Ewigkeit aus zu betrachten.

Im Alltagsleben sind wir versucht, den Dingen ein subjektives Maß anzulegen, sei es den irdischen Erfolg, das Erreichen unserer Ziele oder die Erfüllung der Erwartungen anderer. Unser Leben hat aber nur dann Tiefe und Sinn, wenn wir es von einer höheren Warte aus betrachten und unsere zeitlichen Ziele am ewigen Jetzt messen. Dieses Jetzt hallt in den Gesängen nach.

Wir wissen, dass es uns nicht wirklich glücklich macht, nur Ziele auf der pragmatischen, materiellen, zeitlichen (und damit auch befristeten) Ebene zu erreichen.

Wenn uns etwas mit einer tiefen und anhaltenden Freude erfüllt, dann bedeutet dies, wirklich zu sein, ganz lebendig und gegenwärtig im Jetzt zu Hause zu sein.

Doch wer kann lange in diesem gesegneten Bereich verweilen? Wir stellen uns gerne vor, die großen spirituellen Meister, die großen Asketen, könnten das. Können sie?

In einer alten Geschichte aus den Anfängen des christlichen Klosterlebens kommt das schön zum Ausdruck: Ein junger Mönch reist zu einem alten, hoch geachteten Mönch weit draußen in der ägyptischen Wüste und berichtet ihm, dass er immer wieder seinen Geistesfrieden verliert. Der junge Mönch sucht eine Anleitung, um seinen inneren Frieden zu bewahren. Zu seinem großen Erstaunen antwortet ihm der alte Mann: «Ich habe dieses Gewand nun siebzig Jahre getragen, und nicht einen einzigen Tag lang habe ich Frieden gefunden.»

Wenn sogar dieser erfahrene Mönch feststellt, dass der Frieden des Augenblicks ständig bedroht ist, was sollen wir dann erst dazu sagen? Was zählt, ist aber nicht, dass dieser Friede ein fester Besitz ist, sondern vielmehr, dass wir nie aufhören, danach zu streben. Vollkommenheit heißt nicht etwas erreichen; Vollkommenheit liegt im unermüdlichen Streben.[3]

Die gregorianischen Gesänge erscheinen vollkommen, auch wenn sie nicht von Berufssängern vorgetragen werden. Es gehört zur Eigentümlichkeit dieser Musik, dass jeder lernen kann, im Choral mitzusingen.

Diese Gesänge sind eine Volkskunst: Ihre Unvollkommenheit gehört zu ihrer Vollkommenheit. Sie haben für alle Arten von Stimmen und Gesangstalenten Platz; im Kloster werden die Gesänge von allen gesungen, die gerade da sind und die den Geist der Gemeinsamkeit teilen. So sind Unvollkommenheiten unvermeidlich, genau wie im Leben. Und gerade darum geht es: Eine bemerkenswert überirdische Schönheit entsteht, wenn ganz normale Leute mit all ihren Unzulänglichkeiten sich diesem Gesang hingeben.

Singen ist ein wesentlicher Bestandteil vieler religiöser Überlieferungen ‒ der buddhistischen, jüdischen, hinduistischen, islamischen und anderer. Das kommt daher, dass an einem gewissen Punkt der religiösen Erfahrung das Herz einfach singen will, das Singen bricht aus ihm heraus.

Obwohl es widersprüchlich scheint, kann man sagen, dass das Wort dann entsteht, wenn das Schweigen seine Fülle gefunden hat.

Wie es im Buch der Weisheit heißt: «Denn während tiefes Schweigen alles umfing und die Nacht in ihrem schnellen Laufe bis zur Mitte vorgerückt war» – als also die Nacht am dunkelsten und tiefsten war –, «da sprang sein allmächtiges Wort vom Himmel her, vom königlichen Thron» (Weish 18,14f.):

In der Weihnacht beginnt das Schweigen zu singen.

Dieses Buch ist eine Reise durch die Stunden des mönchischen Tages. Um die Musik der Stille zu hören und ihre Botschaft zu erlauschen, müssen wir aus der Uhrzeit in den klösterlichen Fluss der Zeit eintreten, der sich in den Horen, den Stunden des Gebetes äußert.

Wir müssen die Gewohnheit zu reagieren aufgeben und lernen, auf das zu antworten, was im Augenblick gegeben ist.

Wenn wir mit dieser inneren Haltung dem Engel jeder Stunde begegnen, dann werden wir offen sein für den Samen, den der Engel uns zu säen aufträgt, und die Tugend, die sich daraus entfaltet, wird in unserem Leben Frucht tragen.

[Musik der Stille (2023): ‹Einführung›, 15-17, 27-32]

[Ergänzend:

1. Audios

1.1. Gregorianische Gesänge, siehe QR Code in Musik der Stille (2023), 32:
Antiphona I: Sancta Maria, sucurre miseris ‒ Psalmus 109 Dixit Dominus; Interpretation: Heinrich Isaac-Ensemble, Karlsuhe; Leitung: Hans-Georg Renner

1.2.Lebendige Spiritualität (2015)
Schweigen:
(57:56) Im Gespräch: Das Geheimnis als Vater und Mutter (Gleichnis vom verlorenen Sohn) – Als tiefes Schweigen (Weihnachtsantiphon, Weish 18,14f.)

1.3. Mit allen Sinnen leben (1993)
Teil 3: ‹Die Rose, welche hier dein äußeres Auge sieht, die hat von Ewigkeit in Gott also geblüht› (Angelus Silesius):
(06:39) ‹Es ist jetzt 12 Uhr›: Das Läuten zum Angelus Gebet ist Anstoß zu einer Betrachtung über den Einbruch der Ewigkeit in der Zeit, in der auch die Katzen nicht fehlen

2. Weitere Auszüge aus : Musik der Stille (2023):

Beginn des Vorworts von Anselm Grün, 1f.:

«Der heilige Benedikt hat den Tag für seine Mönche so geordnet, dass sie siebenmal am Tag das Lob Gottes singen und in den nächtlichen Vigilien das Wort Gottes meditieren. Die frühen Mönche hatten noch ein Gespür für die Heiligkeit der Zeit. Jede Stunde sollte durch ein Gebet geheiligt werden. Heilig ist das, was der Welt entzogen wird, worüber die Welt keine Macht hat.

Durch die Heiligung der Zeit im Stundengebet wird deutlich, dass nicht wir es sind, die über die Zeit verfügen, dass die Zeit viel mehr Gott gehört und dass sie uns geschenkt ist. Jeder Augenblick ist, so verstanden, eine angenehme Zeit, eine Zeit der Gnade.

Jede Stunde hat ihre eigene Qualität. Das wird im Charakter der einzelnen Gebetszeiten deutlich, vor allem in den Hymnen.

Der Benediktiner David Steindl-Rast beschreibt die Gnade, die jede Stunde für uns bereithält. Und er verbindet das Geheimnis der Stunden mit der Musik des gregorianischen Chorals.

Der gregorianische Choral kennt acht verschiedene Töne. In diesen acht Tönen singt er die Psalmen. Wie jede Stunde ihre eigene Qualität hat, so auch jeder Choralton. Jeder Ton eröffnet einen Klangraum, in dem Gott anders erklingt. Jeder Ton eröffnet im Herzen des Singenden einen eigenen Geschmack. Und jeder Ton öffnet auch im Herzen der Sänger Räume, damit alle Bereiche der menschlichen Seele von Gottes Heil durchdrungen werden. Der ganze Mensch soll durch das Singen des Chorals geheilt werden.»

‹Die Tagzeiten›, 23-26; Text vollständig in Sinn und Feier:

«Die Glocke erweckt uns zum Jetzt und fordert uns auf, das zu tun, wofür es Zeit ist, weil es jeden Moment Zeit ist, etwas zu tun, auch wenn es bloß Zeit zum Schlafen ist.

Ein altes Motto lautet: ‹Age quod agis› ‒ ‹Tue, was du tust›.

Freiheit liegt darin, das, was du tust, wirklich zu tun.

Die liebevolle Antwort auf die Aufforderung eines jeden Augenblicks befreit uns aus der Tretmühle der Uhrzeit und öffnet eine Tür ins Jetzt.

Der Gesang lehrt uns noch etwas anderes über das Leben in der Gegenwart. Von einem Pragmatischen Gesichtspunkt aus ist er eine nutzlose Aktivität, er vollbringt nichts. Wir sind derart auf das Nützliche ausgerichtet, dass wir das Sinnvolle vergessen, das unserem Leben Freude, Tiefe und Wert verleiht. Musikhören oder Singen heißt etwas tun, was keinem praktischen Zweck dient. Es ist nur Feiern und Lobpreisen, es heißt nur, die Freude und Schönheit des Lebens, die Herrlichkeit Gottes zu kosten.

Musik sogar mitten in einem ganz zielgerichteten Tag anzuhören, erinnert uns daran, unserer Erfahrung eine andere Dimension hinzuzufügen, die Dimension des Sinnes, die das Ganze der Mühe wert macht.

Sich auf die Gesänge einzulassen, kann eine Art nüchterner Ekstase auslösen. Ekstase heißt wörtlich außerhalb von sich stehen.

Wenn wir singen oder Gesängen zuhören, haben wir Zugang zu jener Dimension, die außerhalb der Zeit ist: dem Jetzt.

Paradoxerweise brechen wir aus der Uhrzeit genau dann aus, wenn wir ganz im Augenblick sind.

Der Augenblick und die Ekstase gehören zusammen: Wenn wir wirklich hier, jetzt, in diesem Augenblick sind, dann sind wir ganz spontan auch ekstatisch.

T. S. Eliot spricht von ‹Musik, so innig gehört, dass sie nicht gehört wird, weil man selbst die Musik ist, solange sie forttönt.›[4]

Und in dieser Erfahrung sieht er einen Aspekt vom ‹Augenblick in und außer der Zeit›.[5]

Wenn wir lernen, die beiden miteinander zu verbinden und in und außer der Zeit zu leben, dann lassen wir aus der Polarität zwischen Zeit und Jetzt, zwischen Augenblick und Ekstase eine schöpferische Spannung entstehen.

Dank dieser inneren Einstellung können wir ein volles und schöpferisches Leben leben.»

‹Die Tagzeiten›, 26f.; siehe auch Religiosität ‒ Staunen und Ehrfurcht: Ergänzend: 3.4. und Erlösende Kraft:

«Die Beschäftigung mit dem Gesang entwickelt jene Haltung des Zuhörens und Antwortens in uns, die wir auf jede Handlung im Laufe des Tages übertragen können.

Wenn wir uns nach der Ganzheit und Harmonie sehnen, die entstehen, sobald wir ganz für jeden unserer Augenblicke da sind, so haben wir doch gleichzeitig auch Angst davor.

Wo immer wir den reinen Ruf des Augenblicks erleben und jedes Mal, wenn wir der nackten Wirklichkeit gegenüberstehen, erzittern wir.

Wir haben uns daran gewöhnt, die alltäglichen Düfte der Kompromisse in uns aufzunehmen und uns durchzumogeln ‒ werden wir plötzlich herausgefordert, reinen Sauerstoff einzuatmen, fürchten wir, gleich zu verbrennen.

Deshalb sagte Rilke: ‹Jeder Engel ist schrecklich.›

Und doch, was könnte schöner sein als ein Engel? Überwältigende Schönheit ist nicht hübsch. Eher ist es die Schönheit eines Gewittersturms: Er ist faszinierend und zugleich auch zum Fürchten.

‹Denn das Schöne›, sagt Rilke, ‹ist nichts als des Schrecklichen Anfang, den wir noch gerade ertragen, und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht, uns zu zerstören.›[6]

Wir sehnen uns nach einer Begegnung mit dem Engel. Wir sehnen uns nach einer echten Begegnung mit der Wirklichkeit, und doch fürchten wir uns gleichzeitig davor, genauso wie wir Angst vor der überwältigenden Erfahrung haben, uns zu verlieben. Wir fliehen davor und werden dennoch unwiderstehlich davon angezogen.

T. S. Eliot bemerkt: ‹Die Menschen ertragen nicht sehr viel Wirklichkeit.›[7]

Warum haben wir Angst, im Jetzt zu leben? Wir fürchten uns, wirklich zu werden, genau wie die Spielsachen im Kinderbuch ‹Der Plüschhase›. Sie wollen alle wirklich werden ‒ das ist der größte Traum der Spielsachen, Zugleich fürchten sie sich davor, und deshalb fragen sie ein erfahreneres Spielzeug: ‹Tut Wirklichwerden weh?› Das ist dieselbe Angst, die wir haben. Tut die Begegnung mit der Wirklichkeit weh? Das alte Spielzeug gibt weise zur Antwort: ‹Wenn du wirklich bist, macht es dir nichts aus, dass es weh tut.›»

Vigil ‒ NACHTWACHE›, 36-39:

«DIE VIGIL IST DER SCHOSS der Stille und die längste Stunde. Der Gang zum Oratorium noch vor der Morgendämmerung unter dem Sternenhimmel, wenn die Mönche sich zur Vigil einfinden, erfüllt uns mit Ehrfurcht und ist ein geeigneter Beginn des klösterlichen Tages.

Die Vigil lädt dazu ein, sich der Nacht hinzugeben und trotz der großen Furcht, die sie einflößen kann, auf die Dunkelheit zu vertrauen. Es gilt zu lernen, dem Mysterium mit jenem Mut entgegenzutreten, der lebendig macht. Dann entdecken wir, was im Prolog zum Johannesevangelium mit dem geheimnisvollen Wort ausgesprochen wird: ‹Das Licht leuchtet in der Finsternis›. Das heißt nicht, dass das Licht in die Finsternis hineinleuchtet, wie etwa der Strahl einer Taschenlampe in ein dunkles Zelt. Nein, das Erfreuliche an der Botschaft des Johannesevangeliums ist, dass das Licht mitten in der Finsternis leuchtet. Das ist eine große Offenbarung; die Finsternis selbst leuchtet.

Deswegen singt der Psalmist: ‹Zur Finsternis will ich sprechen: Sei mein Licht!› Die Finsternis selbst als Licht zu erkennen, kann sehr tröstlich sein. Wenn Finsternis in uns herrscht, dann rufen wir mit dem Propheten aus: ‹Wächter, ist die Nacht bald hin?› Wann wird es endlich Tag?

Die Herausforderung besteht darin, tief genug zu schauen, um zu erkennen, dass diese Finsternis alles ist, was wir brauchen, und in ihr finden, was wir suchen. Wenn wir uns in den Gregorianischen Gesang vertiefen, dann hören wir Klang gewordene Finsternis, eine Finsternis, die leuchtet.

Der Nachtwind ist die natürliche Stimme der Vigil. Der Wind ist ein Symbol für Geist, den spiritus, ein Wort, das auch ‹Atem› und ‹atmen› bedeutet. Der Heilige Geist oder spiritus sanctus ist jener Lebensatem, der in der Finsternis weht. Der Gesang ist hörbar gewordener Geist. Er ist ein Symbol für den Wind, der im Geist weht, und wir wissen nicht, von woher er kommt und wohin er fährt. Er ist voller Überraschung und ganz und gar schöpferisch.

Um in diesem Choral mitzusingen, lernt man als Mönch, richtig zu atmen. Wer bewusst atmet, lernt, in seiner Mitte und dort gegenwärtig zu sein, wo er sich gerade befindet.

In einem seiner Gedichte spricht Robert Frost scherzhaft vom Wind, der nicht wusste, wie er blasen sollte, bis wir Menschen ihn in uns aufnahmen und ihm Stimme verliehen. Gesang – wie Poesie – ist der Wind, wie er sein sollte: ‹Der Zweck war Gesang›.[8]

Wir alle haben mit dunklen Zeiten zu kämpfen, wie Jakob, der nachts mit der göttlichen Gegenwart in Form eines dunklen Engels rang, der so verführerisch schön und doch so beängstigend war. Am Ende der Nacht sagt der Engel: ‹Lass’ mich los›. Jakob aber antwortet: ‹Ich lasse dich nicht, bis du mich gesegnet hast›. Als die Dämmerung anbrach, segnete ihn der Engel, aber er verletzte ihn auch, indem er ihn am Hüftgelenk berührte. Von jenem Tag an hinkte Jakob. Es gibt diese geheimnisvolle Verletztheit, die mit einem großen Segen einhergeht.[9]

Wenn wir der Nacht wirklich in ihrer ganzen Schönheit und ihrem ganzen Schrecken entgegentreten, dann haben wir keinerlei Zusicherung, dass wir unversehrt davonkommen. Gehst du aber verletzt daraus hervor, kann dies auch ein Zeichen des Segens sein, den du dort empfangen hast.

DIE STUNDE DER VIGIL ist auch ein Zeichen für das Erwachen, das wir inmitten unseres Lebens vollbringen sollen. Die Welt, in der wir leben, ist in der Tat eine umnachtete Welt. Das Wachen in der Nacht, das Warten auf Licht, ist eine Wachsamkeit, die uns eindringlich darauf hinweist, den Tag hindurch aus der Welt des Schlafs in eine andere Wirklichkeit zu erwachen.»

‹Laudes ‒ TAGESANBRUCH›, 50f., 57-58:

«Die Musik schwingt sich empor: Es ist ein Gesang der Freude und ein Gesang der Dankbarkeit. Diese festliche Stimmung der Dankbarkeit und Freude zieht sich den ganzen Tag durch die Gesänge hindurch, sogar dann, wenn sie gemessener und zurückhaltender werden. Welche Gesänge wir uns auch anhören, es ist ein Widerhall dieser tiefen Freude darin zu hören, weil Freude selbst mitten im Leiden und mitten im Schmerz angebracht ist.

Freude ist jene Art von Glück, das nicht davon abhängt, was uns zustößt. Meist sind wir glücklich, wenn uns etwas glückt und unglücklich, wenn es uns missglückt. Wissen wir aber wirklich, was gut für uns ist? Was erlaubt uns, so wählerisch zu sein? Wahre Freude finden wir erst, wenn wir uns aus ganzem Herzen auf die Gelegenheit einlassen, die uns gerade jetzt geschenkt ist. Nur in dieser Hingabe finden wir wahre Freude und beständiges Glück, unabhängig davon, was sonst geschieht.»

«Die Gregorianischen Gesänge sprechen das Kind in uns an, weil sie die reine Freude am Lebendigsein ausdrücken. Die Freude äußert sich im Lobpreis Gottes und durchzieht sogar die klagenden Melodien der Gesänge. Freude ist etwas, das wir pflegen können: wenn wir erst einmal diese dankbare Freude in den Gesängen hören und ihre Schönheit unser Herz ergreift, dann können wir auf leichte und natürliche Weise anfangen, Dankbarkeit zu üben.»

«Die schlanken melodischen Linien des Gregorianischen Chorals in ihrer Einfachheit und überirdischen Schönheit wecken unsere volle Aufmerksamkeit. Sie entspringen einer tiefen Stille, und haben die Kraft, uns selbst still werden zu lassen, wenn wir sie nicht nur mit den Ohren aufnehmen, sondern mit dem Herzen. Diese Musik stumpft niemals unser Gehör ab, sondern verfeinert es. Ihre ‹asketische› Schönheit und ihre lautere Sinnlichkeit vermitteln den Hörenden mühelos Sammlung und jene besondere Lebenshaltung, die daraus entspringt.»

‹Prim ‒ BEWUSSTER BEGINN, 72-75; siehe Stop ‒ Look ‒ Go: Ergänzend: 1.:

«Wenn der Dirigent den Taktstock hebt, verharrt das ganze Orchester einen Augenblick in Stille ‒ danach erst setzt es mit dem ersten Abschlag des Taktstocks ein. Würde der Dirigent einfach aufs Podium steigen und unverzüglich damit beginnen, den Taktstock zu schwingen, könnte nie Musik daraus entstehen, sondern lediglich ein klanglicher Wirrwarr. Dieser Augenblick der Stille, bevor die Musik anhebt, ist auch beim Singen unerlässlich.»

«Man singt ja gemeinsam mit anderen, und gerade deshalb ist der Gesang so schön. Es ist nicht nur eine Stimme, die singt, sondern da singt eine Gemeinschaft. Und die Gemeinschaft singt nicht einfach nur, sondern sie singt ganz bewusst mit der gesamten Schöpfung, mit den Vögeln, den Bäumen, dem Wasser und den Engeln, mit der sichtbaren und der unsichtbaren Kreatur.»

«Solange wir unsere Arbeit aus Liebe tun für diejenigen, die uns etwas bedeuten, macht sie Sinn. Die Liebe ist der beste Grund für unsere Mühsal. Liebe verwandelt alles, was wir tun und erleiden, zu einer Musik, die sich erhebt und weit hinaufschwingt wie ein Lobgesang.»

Terz ‒ SEGEN, 88f.:

«Unser Unbehagen in der Welt, die wir uns geschaffen haben, spricht von unserer Sehnsucht, am Strom der Gnaden teilzuhaben, Gottes Geist in einer wahren Begeisterung zu erleben und zu spüren, dass Lebensfreude mehr ist als ein flüchtiges Gefühl. Der Gregorianische Gesang ist die Musik, die unsere Verbindung zum Ganzen ausdrückt. Er sagt uns, dass wir letztlich nicht verwaist und entfremdet sind. Der Geist des Universums belebt unseren Leib und fließt als Gesang aus unserem Mund»

Sext ‒ INBRUNST UND HINGABE, 94f.,100, 102f.; siehe auch Besinnung:

«Am Mittag läutet es zum Angelus. Die Glocken läuten, wenn der Tag seinen Höhepunkt erreicht hat, und zu diesem Zeitpunkt beten wir den Angelus. Dieses Gebet ist nach den ersten Worten der Verkündigung im Lukas-Evangelium benannt ‹Der Engel des Herrn brachte Maria die Botschaft und sie empfing vom Heiligen Geist.› In dem Bild der Gottesmutterschaft Marias feiern wir den Einbruch der Ewigkeit in die Zeit. Und genau das verkündigt eigentlich jeder Engel: dass das Ewige jetzt in unsere Zeit einbricht.»

«DIE SEXT IST mit der Stille und dem Frieden des Mittags verbunden, aber sie lenkt den Blick auch auf Krisen und Gefahr.»

«Der Mittagsteufel ist die Stimme der Negativität, der Verzweiflung und der Depression. Sein Gegenspieler, der ihm entgegengesetzte Engel, ist die Freude. Das Gegenteil von Freude ist nicht die Traurigkeit, sondern die Faulheit, welche die Mühe scheut, auf den geschenkten Augenblick voll und ganz zu antworten, und die Trübsinnigkeit, die daraus entspringt.

Die Gregorianischen Gesänge erinnern uns daran, dass Leid ‒ etwa Kummer über einen Schicksalsschlag, den Tod eines Kindes, das Ende einer Freundschaft, große Enttäuschung – mit Freude doch letztlich vereinbar ist. Sie können inmitten der Freude tieftraurig klingen, niemals aber trübsinnig. In vielen Gesängen ertönen Psalmen, die alle Wechselfälle des Lebens umfassen. Trotzdem schleicht sich nie Verzagtheit ein, weil diese Musik im tiefsten Glauben wurzelt.»

Non ‒ DIE SCHATTEN WERDEN LÄNGER, 107:

«Früher am Tag schwangen Kraft und Begeisterung mit, doch mit der Non begegnen wir der Wirklichkeit, dass im Menschenleben nichts für immer währt. Wie gehen wir mit der Tatsache um, dass wir etwas nicht ewig behalten können? Wie gehen wir mit der unausweichlichen Unbeständigkeit des Lebens um? Genau das ist die Frage dieser Stunde.

Die Gesänge verkörpern sowohl die Vergänglichkeit als auch Dauerhaftigkeit. Keine Note klingt länger an als etwa eine Sekunde. Die Gesänge sind Bewegung und Veränderung. Dennoch vermitteln die ununterbrochenen Gesänge durch alle rhythmischen und melodischen Wechsel hindurch eine Qualität von Dauerhaftigkeit und Zeitlosigkeit.»

Vesper ‒ DAS LICHTERANZÜNDEN, 122f.; siehe auch Erlösende Kraft: 3.2.:

«Schon das Anhören des Gregorianischen Gesangs wirkt versöhnlich. Auch andere Musik kann uns besänftigen und uns verwandeln. Diese Gesänge aber, die Klang gewordenes Gebet sind, wirken mit einer ganz besonderen Kraft auf uns. Wir sind nie frei von Konflikten oder Widersprüchen, aber gemeinsames Beten und Singen heilt und versöhnt.

Wenn wir tagein, tagaus in den acht Gebetszeiten in der Gemeinschaft singen, dann sinkt die rhythmische Ruhe der Gesänge tief in unsere Seele. Wir tragen sie dann in uns, wohin wir auch gehen. Diese Stille ist unsere innere Klausur. Und es mag wohl sein, dass diejenigen, die ein Einsiedlerleben in der Abgeschiedenheit wählen, das nur tun können, weil sie vorher jahrelang in Gemeinschaft gebetet und gesungen haben. Sogar wer diese Gesänge zu Hause hört, wird ihren mönchischen Geist tief in sich aufnehmen und ihre heilige Ruhe zu einer wesentlichen Dimension seines Innenlebens machen können.»

«Wir rücken näher zusammen, wenn es dunkel wird. Die Stunde der Vesper ist ein Aufruf zur Nachbarlichkeit. Diese dunkle Stunde der Weltgeschichte lädt uns ein, unsere Nachbarn näher kennenzulernen und mit ihnen gemeinsam zu arbeiten und zu feiern. Wenn das Gemeinschaftsbewusstsein, das den Gregorianischen Gesang prägt, zu einem stärkeren Füreinandersorgen führt, dann kann das ein großes Geschenk der Mönche an die Welt sein.»

Komplet ‒ DER KREIS SCHLIESST SICH, 132f.:

«In Rilkes Stunden-Buch heißt es in einem Gedicht von geheimnisvoller Schönheit: ‹Ich komme aus meinen Schwingen heim, mit denen ich mich verlor.› Die Aktivität hat mich verschluckt, ich war besessen von Bewegung und Tun, und jetzt trete ich hinaus aus meinen Schwingen, um still zu sein.

Ich war Gesang, und Gott, der Reim,
rauscht noch in meinem Ohr.
Ich werde wieder still und schlicht,
und meine Stimme steht;
es senkte sich mein Angesicht
zu besserem Gebet.
[10]

Er nennt dieses Gebet der Stille ‹ein besseres Gebet›, zumindest besser für diese Stunde. Die Komplet ist die Stunde, in der wir die Rückkehr der Gesänge, der Worte in die Stille feiern, aus der sie kommen.»

Das grosse Schweigen ‒ die MATRIX DER Zeit, 142f., entlässt uns am Schluss wieder in den Alltag; siehe auch Tanz ‒ der Sinn des Ganzen: Ergänzend: 3.4.:

«Wir haben nun alle mönchischen Tageszeiten durchlaufen, den Kreis geschlossen und sind im großen Schweigen angelangt, der Brücke der Stille zwischen Komplet und Vigil, die erneut den Kreislauf der Stunden eröffnet. …

Die Botschaft der Stunden lädt uns ein, täglich nach dem wirklichen Tagesrhythmus zu leben. Aufmerksam, bewusst und absichtsvoll zu leben, unser Leben von innen heraus zu lenken und uns nicht von den Forderungen der Uhr oder äußeren Terminen oder von bloßen Reaktionen auf irgendwelche Geschehnisse fortreißen zu lassen.

Wenn wir dem wirklichen Rhythmus zufolge leben, werden wir selbst wirklicher.

Wir lernen, auf die Musik dieses Augenblicks zu lauschen, lernen, ihr süßes Flehen und ihre nüchternen Anweisungen zu hören.

Wir lernen, im Herzen ein wenig zu tanzen, unsere inneren Pforten einen Spalt weiter zu öffnen und auf die Musik der Stille, den göttlichen Herzschlag des Universums, zu horchen.»]

 ________________________

[1] R. M. Rilke: ‹Mitte des Immer, drin du atmest und ahnst› (Elegie an Marina Zwetajewa-Efron)

[2] Im Retreat-Woche in Assisi (1989) weist Bruder David bereits zu Beginn im Audio ‹Stärke unseren Glauben› (Lk 17,5) auf den wunden Punkt der Verkündigung hin: Die Trennung von Glauben und Loben.

[3] In Zeit der grossen Glocken:

«In dem Augenblick, wo wir unsere Zeit loslassen, haben wir alle Zeit der Welt.

Wir sind jenseits der Zeit, weil wir in der Gegenwart sind, im Jetzt, das Zeit überwindet.

Das Jetzt ist nicht in der Zeit. Jetzt geht über Zeit hinaus.

Nur wir Menschen wissen, was ‹jetzt› bedeutet, weil wir ‹existieren›, ‒ weil wir aus der Zeit ‹herausragen›. Das ist ja die Bedeutung von Existenz. Und all diese klösterlichen Glocken wollen uns einfach erinnern: Jetzt! ‒ und sonst nichts.

Freilich können wir nicht behaupten, dass es uns schon gelungen sei. Um nochmals Eliot zu zitieren:

‹For most of us, this ist the aim
Never here to be realised;
Who are only undefeated
Because we have gone on trying.›

‹For us, there is only the trying. The rest ist not our business.›

‹Das Ziel hienieden
Den meisten von uns unerreichbar,
Wir, die nur unbesiegt bleiben,
Weil wir es stets aufs Neue versuchten.›

‹Für uns gilt nur der Versuch. Der Rest ist nicht unsere Sache.›»

T. S. Eliot: Four Quartets: The Dry Salvages, V und East Coker, V

[4] T. S. Eliot: Four Quartets: The Dry Salvages, V, in der Übertragung von Norbert Hummelt [Suhrkamp Verlag 2015, 60f.]; siehe auch Mystische Erfahrung: Anm. 1 und Stillehalten:

‹For most of us, there is only the unattended
Moment, the moment in and out of time,
The distraction fit, lost in a shaft of
                                            sunlight,
The wild thyme unseen, or the winter lightning
Or the waterfall, or music heard so deeply
That it is not heard at all, but your are the music
While the music lasts.›

‹Für die meisten von uns gibt es bloß den unbeachteten
Augenblick, in der Zeit und außerhalb der Zeit,
Einen Anfall von Zerstreuung, verirrt in einem Schacht aus
                                               Sonnenlicht,
Den wilden Thymian ungesehen, das Wintergewitter
Oder den Wasserfall, oder Musik, so tief gehört
Daß sie unhörbar wird, und Sie selbst die Musik sind
Solange sie währt.›

[5] Siehe Anm. 4

[6] R. M. Rilke: Erste Duineser Elegie

[7] T. S. Eliot: Four Quartets, Burnt Norton, I; siehe auch Religiosität ‒ Staunen und Ehrfurcht: Ergänzend: 3.3. und Erlösende Kraft: Ergänzend: 3.1.:

‹Go, go go, said the bird: human kind
Cannot bear much reality.

Time past and time future
What might have been and what has been
Point to one end, which ist always present.›

[8] Robert Frost: ‹The aim was song›

[9] Einsichten aus Rilkes Dichtung, Teil II, 94f.:

«Das ist unser Wachstum eigentlich, nicht Siege, sondern vom immer Größeren besiegt zu sein.»

[10] R. M Rilke: ‹Ich komme aus meinen Schwingen heim› (Das Stunden-Buch)



Quellenangaben

Text und Audios von Br. David Steindl-Rast OSB

hl geist georg stahl titelCopyright © - Robert Graf

Johannes Kaup: «Im Buddhismus gibt es eine zentrale Haltung, die man als Anfängergeist beschreiben könnte. Das ist im Englischen mit beginner's mind ein etwas missverständlicher Ausdruck, weil man meinen könnte, hier ginge es um den Gegensatz von unerfahrenen Schülern und erfahrenen Lehrern. Was ist dieser Anfängergeist, der auch für Sie sehr wichtig wurde?»

Bruder David: «Wer Anfängergeist hat, erlebt zum Beispiel jeden Tag so, als ob es der erste Tag wäre.

Mit Anfängergeist putzt man sich jedes Mal die Zähne so, als ob man sich noch nie die Zähne geputzt hätte.

Wenn man es einmal praktisch versucht, sieht man erst, was das für einen Unterschied im Leben macht. Wie interessant plötzlich alles wird, wie lebendig. Man bemerkt Dinge, die man vorher nie bemerkt hat. Darum sprechen buddhistische Lehrer vom typischen Dahinleben als einem Schlafwandeln. Ein schlafwandelnder Mensch wandelt eben durch die 24 Stunden des Tages dahin, aber ein wacher Mensch erlebt das Leben in voller Lebendigkeit. In diesem Sinn wach zu sein heißt, mit Anfängergeist zu leben. Bin ich nicht immer Anfänger? Ich habe ja diesen jeweils neuen Tag noch nie erlebt.»

Johannes Kaup: «Dieses Gespräch auch noch nicht. Wir haben schon ein paarmal miteinander gesprochen und es ist immer wieder neu. Wir fangen etwas Neues an, erkunden noch Unerhörtes. Ich jedenfalls komme mir auch immer wieder wie ein Anfänger vor.

Bruder David: «Das ist gut, das müssen wir beide ...»

Johannes Kaup: «… aus einem frischen Geist tun. Man könnte auch sagen, es geht darum, die Dinge von ihrem Ursprung her immer wieder neu und tiefer zu verstehen. Man versucht den Dingen auf den Grund zu gehen, zur Quelle zu gehen und nicht die fixierten Begrifflichkeiten, die Vorurteile, die gedanklichen Einbahnen, die Meinungen über Menschen und Sachen als Schablone zu übernehmen, sondern diese zurückzustellen und einzuklammern.»

Bruder David: «Jede Benennung ist schon eine Verallgemeinerung und sozusagen eine Ablage in irgendeiner Schublade. Solange ich etwas nicht benenne, bleibt es reines Erlebnis. Auch das gehört zum Anfängergeist: Ich habe noch keinen Namen dafür.

Wenn ich es benenne, erlebe ich es gar nicht so richtig, sondern der Name kommt zwischen das, was ich tue, und mein lebendiges Erleben. Es wird zur Gewohnheit.

Die Rabbiner sagen: Die Gewöhnung ist das eigentliche Exil.

Was war das eigentliche Exil? War es, in Babylon zu sein oder in Ägypten? Nein. Sie antworten: Das eigentliche Exil besteht darin, dass man sich daran gewöhnt. Das Exil ist die Gewöhnung.[1] Sobald wir uns an etwas gewöhnen, erleben wir es nicht mehr mit Anfängergeist, sondern sind im Exil.»

Johannes Kaup: «Ich möchte das doch noch mit dem Gedanken von vorhin in Verbindung bringen. Sie haben gesagt, Sie brauchen Ordnung, Stabilität und Wiederholung. Wie verträgt sich Ordnung, Stabilität und Wiederholung mit diesem Anfängergeist, der die Dinge immer wieder neu sehen, erleben und begreifen möchte, der sozusagen aus der Ursprünglichkeit heraus lebt?»

Bruder David: Vielleicht ist mir gerade deshalb Wiederholung so lieb, sogenannte eintönige Arbeit. Manche Brüder finden es langweilig, wenn wir gemeinsam die Rundbriefe ausschicken. Aber jeder Briefumschlag, in den man etwas hineinsteckt, ist neu: Diesen einen habe ich noch nie in der Hand gehabt.

Wenn wir im Augenblick leben, wird er für uns taufrisch und überraschend.

Diese Einsicht steht wohl auch hinter dem großen Versprechen Gottes in der Apokalypse: ‹Siehe, ich mache alles neu› (Offenbarung 21,5).

Wenn wir bewusst in Gott leben und weben und sind, dann wird alles jeden Augenblick neu.

Es meint nicht: An einem gewissen Punkt der Geschichte werde ich alles erneuern und von da an beginnt es wieder zu altern, nein. Vielmehr: Sieh her! Wach auf! Jeden Augenblick mache ich alles neu. Das ist das große Versprechen. Eigentlich gibt es also gar keine Wiederholung.»

Johannes Kaup: «Es ist paradox: Wir leben aus einer Quelle, die sich ständig schenkt. Zugleich zieht sich der Grund dieser Quelle zurück, ist nicht sichtbar und fassbar. Das beschreibt gut die Situation, in der wir leben. Wir können das unergründliche Geheimnis Gott nicht festhalten. Aber aus dem Anfängergeist heraus können wir entdecken, dass sich uns ständig etwas neu schenkt.»

Bruder David: «Der Quellgrund, der hinter dem Herausquellen liegt, ist ja noch nicht Quelle. Anfängergeist achtet jeden Augenblick auf das Herausquellen, auf den Ur-Sprung.»[2]

Östliche Weisheit verweist auf diesen natürlichen Fluss der Dinge als das TAO. Watercourse Way nennt Alan Watts das TAO auf Englisch. Fließweg könnten wir es vielleicht nennen ‒ ein schönes deutsches Wort, das Geologen bei der Beschreibung von Flüssen verwenden.

Um mit dem TAO zu fließen, müssen wir zu unsrer ursprünglichen Geisteshaltung, zum ‹Anfängergeist› des Kindes zurückfinden.

Als Baby bist du ganz selbstverständlich sowohl im Fluss des Lebens als auch im Jetzt. ‹Du hast noch kein Ich, das sich von dem, was geschieht, unterscheidet›, wie Alan Watts es ausdrückt. ‹Deshalb geschieht Dir auch nichts. Es geschieht einfach.› Du nimmst teil, sagt er an ‹den wundervollen Tanzfiguren … fließenden Wassers›.

Wann immer wir im Jetzt sind, sind wir auch als Erwachsene im ‹Fließweg›. Dann fließt unsre Entscheidung im Einklang mit dem Universum ‒ nicht durch irgendwelche Magie, sondern durch unser vernünftiges Eingehen auf die Gelegenheit, die das Leben uns hier und jetzt bietet.

Wie beim Baby ‹geschieht einfach› das Lebensbejahende, aber mit unsrer Zustimmung. Unsre willige Entscheidung ‒ was immer sie betrifft ‒ wird von der Lebenskraft getroffen, die frei durch uns durchfließt.»[3]

(Die Quellenangaben zum obigen Text in Anm. 2f.)

[Ergänzend:

1. Musik der Stille (2023), S. 53:

«Der Sonnenaufgang kommt unaufgefordert und kann uns daran erinnern, dass jeder Tag ein Geschenk ist. Nicht wir führen ihn herbei. Das Licht wird uns gegeben. Jeden Morgen wird die Welt neu geboren, und bringt uns eine Zeit voller neuer Gelegenheiten. Auch wenn die Schwierigkeiten dieselben sind wie gestern, so können wir sie doch ganz neu anpacken. Diese erfrischende Haltung, Dinge immer wieder neu zu betrachten, nennen buddhistische Mönche ‹Anfängergeist›.

Gelegenheit, diese Haltung einzunehmen, ist nicht nur Mönchen vorbehalten, sie ist allen zugänglich. Wie Rilke im Stunden-Buch sagt: ‹Nichts war vollendet, eh ich es erschaut.›[4] Niemand hat je gesehen, was ich sehe, weder mit meiner ganz eigenen Anschauungsweise noch von meinem ganz persönlichen Standpunkt aus. Ich bin Schöpfer eines jeden neuen Tages. Mir ist Gelegenheit gegeben, alles in diesem neuen Licht zu betrachten, und als der einmalige Mensch, der ich bin, dies zu würdigen und darauf zu antworten.»

2. ‹Es nicht benennen›:

2.1. Schmecken, Ahnen, Weisheit:

«Wir meinen etwas schon zu kennen, nur weil wir ihm einen Namen gegeben haben. Wenn wir uns aber dem Schmecken einmal wirklich hingeben, dann wird uns ‹langsam namenlos› im Munde.»

Audio Lebendige Spiritualität (2015)
Wort:
(55:40) ‹Voller Apfel, Birne und Banane› (R. M. Rilke, Die Sonette 1. Teil, XIII):
‹Wo sonst Worte waren, fließen Funde›: ‹Worte: das sind Begriffe ‒ Funde sind Ergriffenheit›
(58:41) Bruder David liest das Gedicht noch einmal

2.2. Riechen, Düfte, Erinnerung:

«Solange man dem nicht einen Namen gegeben hat, war es ein großes Erlebnis. Und dann sagt man ‹pille› (‹bitter›) und aus ist es, abgestempelt. Aber solange man nicht benennt, hat es einen ungeheuren Effekt. Und so ist es auch nicht nur mit dem Geschmack, sondern auch mit dem Geruch. Und das sollte man immer wieder mal ausprobieren: nicht benennen: ‒ erleben!»

Audio Lebendige Spiritualität (2015)
Wort:
(43:44) ‹Der Duft› (Rilke, aus dem Nachlass) – ‹Rose, du thronende› (Rilke, Die Sonette 2. Teil, VI)

2.3. Stille zulassen:

«In einem Kloster, das ich besuchte, trieb das Kreischen der Kreissäge beim Nachbarn eine der Schwestern buchstäblich die Wände hoch. ‹Wie kann denn so ein Geräusch Gabe Gottes sein?› Mein Vorschlag war: nur hinhorchen; nicht benennen. Und in diesem Fall wirkte es. ‹Ich hab's versucht›, berichtete die Schwester nach ein paar Tagen, ‹und was ich da hörte, klang wie die Stimme eines Erzengels!› Zwar verstehe ich mich nicht auf die Unterscheidung von Engelstimmen, aber ich glaube, mir würde schon die Stimme eines ganz gewöhnlichen Engels genügen.»

Audio Wie wir sinnvoll leben können in der Advents- und Weihnachtszeit (2011)
Bruder David im Gespräch mit Pater Johannes Pausch:
(13:52) Wie wir Stille finden können, wenn Lärm und Geräusche uns stören / (17:47) Die Tiefe des menschlichen Herzens, diese Tiefe liegt hinter allem: diese sehr tiefe Traurigkeit, die gehört dazu, und das Heimweh der Menschen liegt am Grund von allem Lärm]

__________________

[1] Siehe auch Sakramentales Leben: ‹Der Name unseres Exils ist nicht Babylon oder Ägypten, sondern Gewöhnung.›

[2] Ich bin durch Dich so ich (2016): 5. Dialog, 1966-1976, 103-105

[3] Orientierung finden (2021): ‹Entscheidung ‒ Was will das Leben jetzt von mir?›, 88f.]; siehe auch Tanz ‒ der Sinn des Ganzen: Ergänzend: 3.1.

[4] ‹Da neigt sich die Stunde und fasst mich an›: Das Gedicht, mit dem Rilke das Stundenbuch eröffnet, in Sehen ‒ schöpferisches Schauen, Sinn und Feier, Anm. 2, Stop ‒ Look ‒ Go, Anm. 2



Quellenangaben

Text, Film und Audios von Br. David Steindl-Rast OSB

hl geist georg stahl titelCopyright © - Barbara Krähmer

Wenn ich mich an die spirituellen Giganten erinnere, die zu treffen ich die Ehre hatte ‒ Mutter Teresa, Thomas Merton, Dorothy Day, S.H. der Dalai Lama ‒ kann ich noch immer die kraftvolle Energie spüren, die sie ausstrahlten.

Aber woher hatten sie diese Vitalität?

In dieser Welt gibt es keinen Mangel an Überraschungen, aber solch eine strahlende Lebendigkeit ist selten.

Mir ist aufgefallen, dass all diese Leute von tiefer Dankbarkeit waren, und so habe ich das Geheimnis verstanden.

Eine Überraschung macht uns nicht automatisch lebendig, Lebendigkeit ist eine Sache von Geben-und-Nehmen, von Erwiderung.

Wenn wir zulassen, dass die Überraschung uns lediglich stört, dann wird sie uns betäuben und unser Wachstum hemmen.

Jede Überraschung ist eine Herausforderung, dem Leben zu vertrauen und so zu wachsen.

Überraschung ist ein Samen.

Dankbarkeit sprießt, wenn wir uns dem Aufruf der Überraschung stellen.

Die Großen auf dem Gebiet des Geistes sind so sehr lebendig, weil sie von so tiefer Dankbarkeit sind.

Dankbarkeit kann durch Übung vertieft werden. Aber wo sollen Anfänger beginnen?

Der naheliegende Ausgangspunkt ist Überraschung.

Du wirst merken, dass du die Samen der Dankbarkeit wachsen lassen kannst, nur indem du ihnen Raum gibst.

Wenn Überraschung passiert, weil etwas Unerwartetes auftaucht, lasst uns nichts erwarten.

Lasst uns Alice Walkers Rat befolgen:

«Erwarte nichts. Lebe einfach von der Überraschung.»

Nichts zu erwarten, das kann bedeuten, dass du nicht für selbstverständlich nimmst, dass dein Auto startet, wenn du den Schlüssel drehst.

Versuche das, und du wirst überrascht sein von einem Technikwunder, das aufrichtige Dankbarkeit verdient.

Oder vielleicht bist du von deiner Arbeit nicht gerade begeistert, aber wenn du für einen Moment aufhören kannst, sie für selbstverständlich zu nehmen, dann wirst du die Überraschung spüren, überhaupt eine Arbeit zu haben, während Millionen andere arbeitslos sind.

Wenn dich das einen Funken Dankbarkeit spüren lässt, wirst du den ganzen Tag über ein kleines bisschen freudiger, ein kleines bisschen lebendiger sein.

Wenn wir aufhören, alles für selbstverständlich zu nehmen, werden unsere eigenen Körper zu den größten Überraschungen überhaupt.

Es erstaunt mich immer wieder, dass mein Körper in jeder Sekunde zugleich 15 Millionen rote Blutkörperchen produziert und zerstört, 15 Millionen! Das ist fast zweimal die Einwohnerzahl von New York City.

Mir wurde gesagt, dass die Blutgefäße in meinem Körper, hintereinander aufgereiht, um die ganze Welt reichen würden. Trotzdem benötigt mein Herz nur eine Minute, um mein Blut durch dieses filigrane Netzwerk und wieder zurück zu pumpen. So hat es das in den vergangenen 75 Jahren Minute für Minute, Tag für Tag getan, und es pumpt immer noch alle 24 Stunden 100.000 Herzschläge. Für mich geht es dabei um Leben und Tod, dennoch habe ich keine Ahnung davon, wie das funktioniert und es scheint trotz meiner Ahnungslosigkeit erstaunlich gut zu funktionieren.[1]

Solange wir unserer Wege gehen und die Dinge als selbstverständlich hinnehmen, werden wir das Licht nie sehen; die Wirklichkeit bleibt undurchlässig wie die Klosterfenster, bevor die Sonnenstrahlen sie zu Wänden aus Licht machen.

In dem Maß, in dem wir Überraschungen in unser Leben hereinfließen lassen, wird unser ganzes Leben lichtdurchlässig.

Überraschung ist noch nicht Dankbarkeit, aber mit ein bisschen gutem Willen wächst sie von ganz allein zu Dankbarkeit heran.[2]

Es hilft, täglich wenigstens eine Überraschung wahrzunehmen, irgend etwas, was überraschend und unvorhergesehen ist.

Vielleicht ist es das Wetter, vielleicht ein Anblick, auf den wir aufmerksam werden.

Es kann ein angenehmes oder ein unangenehmes Ereignis sein. Wenn wir unser Herz öffnen, um etwas Überraschendes hineinzulassen, wird es uns immer klarer, wie viele Überraschungen jeder Tag enthält, und mit der Zeit erkennen wir, dass wir in einem Universum leben, das irgendwie zu uns spricht. Wenn wir das erst einmal erkannt haben, hören wir ganz selbstverständlich hin, weil wir die Botschaft hören wollen.[3]

Ein Regenbogen ist immer eine Überraschung.

Das soll nicht heißen, dass man ihn nicht voraussagen könnte. Manchmal bedeutet überraschend unvorhersagbar, häufig aber bedeutet es mehr.

Überraschend im umfassenden Sinn bedeutet irgendwie grundlos, geschenkt, gratis.

Selbst das Vorhersagbare wird zur Überraschung, wenn wir aufhören, es für selbstverständlich zu halten.

Wüssten wir genug, dann wäre alles vorhersagbar, und doch bliebe alles grundlos.

Wüssten wir, wie das gesamte Universum funktioniert, dann wäre es immer noch überraschend, dass es das Universum überhaupt gibt. Mag es auch vorhersagbar sein, so ist es doch umso überraschender.

Unsere Augen öffnen sich diesem Überraschungscharakter unserer Welt im gleichen Moment, da wir aufwachen und aufhören, alles als selbstverständlich zu erachten. Regenbogen haben etwas an sich, das uns aufwachen lässt.

Es kommt vor, dass ein uns völlig Unbekannter uns am Ärmel zieht und zum Himmel zeigt:

«Haben Sie den Regenbogen bemerkt?»

Gelangweilte und langweilige Erwachsene werden zu erregten Kindern. Vielleicht verstehen wir nicht einmal, was uns da aufscheuchte, als wir jenen Regenbogen sahen.

Was war es? Es war das Geschenkhafte, das da in uns hereinplatzte, die Unentgeltlichkeit aller Dinge.

Wenn so etwas geschieht, dann ist unsere spontane Reaktion Überraschung. Plato erkannte jene Überraschung als den Anfang aller Philosophie. Sie ist auch der Beginn von Dankbarkeit.

Eine kurze Begegnung mit dem Tod kann jene Überraschung auslösen.

In meinem Leben kam das sehr früh zustande. Da ich im von den Nazis besetzten Österreich aufwuchs, gehörten Luftangriffe zu meiner täglichen Erfahrung. Und ein Luftangriff kann einem die Augen öffnen.

Ich erinnere mich an einen Tag, als die Bomben zu fallen begannen, unmittelbar nachdem die Warnsirenen abgeschaltet waren. Ich befand mich auf der Straße. Da es mir nicht gelang, schnell genug einen Luftschutzbunker zu erreichen, rannte ich in eine nur ein paar Schritte entfernte Kirche. Um mich vor Glassplittern und Trümmern zu schützen, kroch ich unter eine Kirchenbank und verbarg mein Gesicht in den Händen. Als aber die Bomben draußen explodierten und der Boden unter mir erzitterte, da war ich sicher, dass das gewölbte Dach jeden Moment einstürzen und mich lebendig begraben würde. Nun, meine Zeit war noch nicht gekommen.

Ein gleichbleibender Ton der Sirene verkündete, dass die Gefahr vorüber sei. Und da stand ich nun, reckte mich, klopfte den Staub aus meiner Kleidung und trat heraus in einen herrlichen Maimorgen.

Ich lebte. Welch eine Überraschung!

Die Gebäude, die ich vor weniger als einer Stunde noch gesehen hatte, waren jetzt rauchende Schuttberge.

Was mich aber auf überwältigende Art und Weise überraschte, war, dass es dort überhaupt noch irgendetwas gab.

Meine Augen fielen auf wenige Quadratmeter Rasen inmitten all dieser Zerstörung.

Es war als hätte mir ein Freund auf seiner Handfläche einen Smaragd angeboten.

Niemals, weder vorher noch nachher, habe ich Gras so überraschend grün gesehen.[4]

Wenn ich auf mein Leben zurückblicke, dann haben sich alle Schicksalsschläge und alles Arge, was mir widerfahren ist, immer als die Quelle einer guten Entwicklung herausgestellt.

Wir vergessen das nur allzu oft.

Und manchmal muss man auch lange warten, um es zu erkennen. So ist aber das Leben ‒ alles Schwere und alle Schläge wenden sich letztlich doch zu unserem Besten.

Rückblickend können wir das sehen. Und wenn wir uns üben, dann können wir daraus auch Vertrauen schöpfen im Voraus. Wir vertrauen uns dann dem Leben an. Wir sind offen für die Überraschungen, die uns das Leben schenkt.

Das alles entspringt aus der Dankbarkeit.[5]

Unser Herz sehnt sich nach der Überraschung, dass ein Geschenk auch wirklich ein Geschenk ist. Unser stolzer Intellekt aber stutzt bei einer Überraschung und will sie erklären, hinwegerklären.

Der Intellekt allein bringt uns nur ein Stück weit. Er hat einen Anteil an Dankbarkeit, aber eben nur einen Anteil.

Unser Intellekt sollte wach genug sein, die vorhersagbare Hülle der Dinge bis zu ihrem Kern zu durchschauen, um dort ein Körnchen Überraschung vorzufinden.

Das allein ist eine anspruchsvolle Aufgabe.

Aber Aufrichtigkeit verlangt ebenso, dass der Intellekt genügend demütig sei, das heißt genügend bodenständig, um seine Grenzen zu kennen.

Der Geschenkcharakter aller Dinge kann erkannt, nicht aber bewiesen werden ‒ zumindest nicht durch den Intellekt. Beweise finden sich im Leben. Und am Leben ist mehr, als der Intellekt zu fassen vermag.

Auch unser Wille muss seine Rolle übernehmen. Auch er gehört zur ganzen Fülle von Dankbarkeit. Es ist die Aufgabe des Intellekts, etwas als Geschenk zu erkennen, der Wille aber muss den Geschenkcharakter anerkennen. Erkennen und anerkennen sind zwei verschiedene Aufgaben.[6]

Es spielt keine Rolle, wie taub oder intellektuell verfangen wir sind, Überraschung ist immer nahe.

Selbst wenn in unserem Leben außerordentliche Überraschungen selten sind, das ganz Normale möchte uns immer wieder aufs Neue überraschen.

Wie ein Freund mir eines Wintermorgens aus Minnesota schrieb: «Ich war vor Sonnenaufgang auf den Beinen und beobachtete Gott dabei, wie er alle Bäume weiß anmalte. Den Großteil seiner besten Arbeit tut Er, während wir schlafen, um uns beim Aufstehen zu überraschen.»

Es ist ebenso wie bei der Überraschung, die wir in unserem Regenbogen fanden.

Wir können lernen, unseren Sinn für Überraschungen nicht nur durch das Außergewöhnliche anklingen zu lassen, sondern vor allem durch einen frischen Blick für das ganz Alltägliche.

«Natur ist niemals verbraucht», sagt Gerard Manley Hopkins und preist Gottes Größe.

«Ganz tief in den Dingen lebt die köstlichste Frische.»

Die Überraschung des Unerwarteten vergeht, aber die Überraschung über jene Frische vergeht niemals.

Bei einem Regenbogen ist das offensichtlich.

Weniger offensichtlich ist die Überraschung jener Frische in den allergewöhnlichsten Dingen. Wir können lernen, sie so klar zu sehen, wie wir den puderartigen Reif auf frischen Blaubeeren sehen können, «ein Schleier aus dem Atem eines Windes», wie Robert Frost das nennt, «ein Glanz, der mit der Berührung einer Hand vergeht.»

Wir können uns dazu trainieren, uns für jenen Hauch von Überraschung empfänglich zu machen, indem wir ihn zunächst dort entdecken, wo wir ihn am leichtesten finden.

Das Kind in uns bleibt immer lebendig, immer offen für Überraschungen; nie hört es auf, vom einen oder anderen erstaunt zu sein.

Vielleicht sah ich «an diesem Morgen des Morgens Liebling», Gerard Manley Hopkins «vom Morgengrauen gezogenen Falken schweben», oder einfach die zwei Zentimeter Zahnpasta auf meiner Zahnbürste.

Für das Auge des Herzens sind sie alle gleich erstaunlich, denn die allergrößte Überraschung ist die, dass es überhaupt etwas gibt ‒ dass wir hier sind.

Den Geschmack unseres Intellekts für Überraschung können wir kultivieren. Und alles, was uns erstaunt aufschauen lässt, öffnet «die Augen unserer Augen».[7]

Wir fangen an, alles als Geschenk zu betrachten. Ein paar Zentimeter Überraschung können zu Meilen von Dankbarkeit führen.

Überraschung führt uns auf den Weg der Dankbarkeit. Dies gilt nicht nur für unseren Intellekt, sondern auch für den Willen.

Es spielt keine Rolle, wie beharrlich sich unser Wille an unsere Selbständigkeit klammert, das Leben bietet uns die Hilfe, die zum Entkommen aus dieser Falle nötig ist.

Selbständigkeit ist eine Illusion. Und früher oder später zerbricht jede Illusion am Leben. Wir alle wären nicht das, was wir sind, ohne unsere Eltern, Lehrer und Freunde. Selbst unsere Feinde helfen dabei.

Niemals hat es jemanden gegeben, der sich selbst zu dem gemacht hat, was er ist. Jeder von uns braucht andere. Früher oder später begreifen wir diese Wahrheit.

Ein plötzlicher Trauerfall, eine lange Krankheit oder irgendetwas anderes ‒ ganz überraschend hat uns das Leben eingefangen.

Eingefangen?

Überraschend befreit, sollte ich besser sagen. Vielleicht schmerzt es, aber Schmerz ist ein geringer Preis für die Freiheit von Selbsttäuschung.[8]

(Quellenangaben zum obigen Text in Anm. 1-6, 8)

[Ergänzend:

1. Film Wir sind daheim in dieser Welt (1975) und Transkription:

(18:34) «Das Wesentliche am mit dem Herzen schauen ist das Staunen: staunen können, so wie Kinder noch staunen können mit ihrer Unbefangenheit. Oder wie Künstler staunend auf die Welt schauen und so die Überraschung geradezu herausfordern. Oder wie Mütter auf ihre Kinder schauen. So sollten wir eigentlich auf alles schauen: auf andere Menschen, auf Tiere, Pflanzen, auf die ganze Welt, mit mütterlichen Augen, die sagen: Überrasch mich! Und so schaffen wir dann einen Raum, in den die Welt hineinwachsen kann, in den auch andere Menschen hineinwachsen können. Wenn wir mit Augen schauen, die ohne Worte sagen: ‹Überrasche mich!›, dann werden wir wirklich unsere Überraschungen erleben.»

2. Audios

2.1. Interreligiöser Dialog (2014)
Bruder David: Grußwort und Vortrag:
(15:21) Das Leben will uns überraschen ‒ mit Hoffnung leben im Jetzt

2.2. TAO der Hoffnung (1994)
Diskussion:
(56:56) Offenheit für Überraschung in Angst und Panik

2.3. Begegnung der Religionen (1993)
Vortrag:
(19:29) Offen für Überraschung im Augenblick tiefster Dankbarkeit ‒ Überraschung ist ein Name Gottes

2.4. Retreat-Woche in Assisi (1989)
‹Stärke unseren Glauben› (Lk 17,5):
(49:08) Hoffnung vor dem Scherbenhaufen zerstörter Hoffnungen

3. Weitere Texte

3.1. Das Leben ist überraschend

Sinnenfreudiges Morgenlob mit Gedichten von Gerard Manley Hopkins; siehe auch Schönheit

Religiosität ‒ Staunen und Ehrfurcht:

«Wann und wo immer ich etwas mit Ehrfurcht beachte,
beschenkt es mich mit namenloser Überraschung,
weil bei allem ‹mehr dahintersteckt›.
Heute will ich also ehrfürchtig auf alle Dinge schauen.»

Jeder Augenblick enthält so viele Überraschungen (2019):

«Ob krank oder gesund, wir sollten unseren Sinn für Überraschungen schärfen. Der Anfang der Dankbarkeit ist, sich vom Leben überraschen zu lassen – nicht von außergewöhnlichen Dingen, sondern von ganz alltäglichen! Es ist beispielsweise unglaublich, wie mein Blut tagtäglich Sauerstoff zu den Zellen transportiert. Oder wenn ich jetzt aus dem Fenster schaue, staune ich über die Schönheit des Abendlichts auf dem See. In solchen Momenten wird das Geschenkhafte der Welt deutlich. Nichts ist selbstverständlich, sondern alles ist geschenkt, unentgeltlich. Wir müssen aufwachen und aufhören, alles als selbstverständlich hinzunehmen.»

Die Innehalten ‒ Schauen ‒ Handeln ‒ Technik im Buch Dankbar leben (2018):

«Zuerst einmal können wir nicht damit beginnen, dankbar zu sein, es sei denn, wir wachen auf.

Aufwachen zu was? Zu Überraschungen!

Solange uns nichts überrascht, gehen wir wie betäubt durchs Leben.

Wir brauchen Übung, um zu einer Überraschung aufzuwachen. Ich schlage vor, eine einfache Frage als eine Art Wecker zu verwenden: ‹Ist das nicht überraschend?›

‹Ja, natürlich!›, ist die richtige Antwort, egal, wann und wo und unter welchen Umständen diese Frage gestellt wird.

Ist es nicht letztendlich überraschend, dass da überhaupt etwas ist anstatt nichts?

Fragen Sie sich selbst mindestens zweimal am Tag: ‹Ist das nicht überraschend?›, und Sie werden schon bald wacher durch die überraschende Welt gehen, in der wir leben.

Überraschung kann uns ein Anstoß sein, genug, um uns aufzuwecken und uns daran zu hindern, alles für selbstverständlich zu halten.»

Einsichten aus Rilkes Dichtung, Teil I (2014), 68f.:

Wir sagen, das Leben überrascht mich. (Schmunzelnd:) Und das Leben überrascht uns immer. Keine Gefahr! Wenn’s lebendig ist, ist es überraschend, wenn es nicht überraschend ist, sind wir schon im Bereich des Mechanischen, die Maschine. Das Leben ist grundsätzlich Überraschung.»

3.2. Hoffnung ist Offenheit für Überraschung

Stop ‒ Look ‒ Go:

«2. Durch ‹Look› üben wir eine Haltung, die traditionell Hoffnung genannt wird.

Hoffnung unterscheidet sich von unsren Hoffnungen, denn diese sind immer auf etwas gerichtet, das wir uns vorstellen können.

Hoffnung aber ist radikale Offenheit für Überraschung ‒ für das Unvorstellbare. Wenn dies die Einstellung ist, mit der wir schauen, hinhorchen und alle andren Sinne öffnen, dann kommt zum Lebensvertrauen eine neue Dimension hinzu: Bereitschaft für die Anforderungen, die das Leben an uns stellt.»

Weihnachtsgrüße 2019:

«Hoffnung, so verstanden, unterscheidet sich von Hoffnungen. Auch wenn all unsere Hoffnungen zerschlagen werden, diese Hoffnung überlebt als ‹radikale Offenheit für Überraschung›. Das Leben ist immer überraschend, und dem Leben dürfen wir vertrauen. Darum ist es diese, unsere gemeinsame Hoffnung, die ich Euch ans Herz lege und die ich uns allen von ganzem Herzen erwünsche und erbete.»

Dankbarkeit: Das Herz allen Betens (2018): ‹Hoffnung: Offenheit für Überraschungen›, 115, 117, 122 [bzw. Fülle und Nichts (2015), 115, 117, 121f.]:

«Wichtig ist, dass wir in unserer Hoffnung offen bleiben, offen für die Überraschung, denn Gott kennt unseren Weg viel besser als wir selbst. In diesem Wissen kann unser Herz Ruhe finden, auch während wir weiterwandern. Hoffnung als die Tugend des Pilgers vereint Stille mit Bewegung.»

«Die Überraschung in der Überraschung jeder neuen Entdeckung besteht darin, dass es immer noch Neues zu entdecken gibt. Hoffnung hält die Gegenwart offen für eine völlig neue Zukunft. Wir wollen jedoch nicht vergessen, dass es wenig Sinn hat, von Gott, Vergangenheit und Zukunft in einem Atem zu sprechen. Gott lebt im ‹Jetzt, das nicht vergeht›.

Hoffnung hält uns im doppelten Sinne offen: für eine Zukunft in der Zeit und für eine Zukunft jenseits von Zeit, für Gottes Jetzt.»

«Warten ist nur dann ein Ausdruck von Hoffnung, wenn es ein ‹Warten auf den Herrn› ist, auf Gott, dessen Name Überraschungen heißt ‒ und auf sonst nichts. Solange wir auf eine Verbesserung der Situation warten, machen unsere Ambitionen einigen Lärm. Und wenn wir auf eine Verschlechterung der Situation warten, dann werden unsere Ängste laut. Die Stille, die in jeder beliebigen Situation auf das Aufleuchten des kommenden Herrn wartet ‒ das ist die Stille biblischer Hoffnung.»

3.3. Überraschung ist ein Name Gottes

Dankbarkeit: Das Herz allen Betens (2018): ‹Hoffnung: Offenheit für Überraschungen›, 109 [bzw. Fülle und Nichts (2015), 109]; siehe auch ST 139:

«Überraschung aber ist ein Name Gottes.

Tatsächlich ist Überraschung vielleicht der einzige Name, mit dem wir es wagen dürfen, den Namenlosen zu benennen. Zwar gelingt es auch dem Namen Überraschung nicht, Gott zu benennen. Indem wir ihn aussprechen, gelingt es uns aber zumindest, unser Herz für die Erkenntnis offen zuhalten, dass Gott mit keinem Namen eingefangen werden kann. Und das macht gerade aus unserer Unzulänglichkeit einen Erfolg.»

Das Vaterunser (2022): ‹Geheiligt werde dein Name ‒ Mein liebster Gottesname heißt Überraschung›, 46:

«Die Ergriffenheit, die mir vor dem Bild des Gottes Shiva in Chidambaram in Indien geschenkt wurde, kann ich nicht unterscheiden von dem, was mich manchmal beim Beten des Vaterunsers ereignet.

Es sollte uns daher gelingen, uns den Gottesnamen ‹Vater› immer wieder frisch zu eigen zu machen und ihn rühmend zu beten. Wir dürfen auch selber immer wieder neue Gottesnahmen erfinden.

Mein eigener liebster Gottesname ist ‹Überraschung›.»]

____________________________

[1] Einladung zur Dankbarkeit (2018): ‹Wunder des Lebens›, 57-61; siehe auch Lass dich überraschen (2019): ‹Jede Überraschung fordert uns auf, dem Leben zu vertrauen und so zu wachsen›

[2] Einladung zur Dankbarkeit (2018): ‹Staunen wie ein Kind›, 48; siehe auch Musik der Stille (2023), 55

[3] Einladung zur Dankbarkeit (2018): ‹Lass dich überraschen›, 51; siehe auch Der spirituelle Weg (1996): ‹Zen-Buddhismus und Christentum im täglichen Leben, ein Dialog› von Robert Aitken mit David Steindl-Rast›, TEIL 2, 102

[4] Einladung zur Dankbarkeit (2018): ‹Nichts ist selbstverständlich›, 52-56; siehe auch Dankbarkeit: Das Herz allen Betens (2018): ‹Staunen und Dankbarkeit›, 16f. [bzw. Fülle und Nichts (2015), 13f.]; siehe auch ST 137f.

[5] Einladung zur Dankbarkeit (2018): ‹Alles zu unserem Besten›, 113f.; siehe auch Spiritualität und Verantwortung: Christa Spannbauer im Gespräch mit Br. David (2009)

[6] Einladung zur Dankbarkeit (2018): ‹Erwachen›, 78f.; siehe auch Dankbarkeit: Das Herz allen Betens (2018): ‹Staunen und Dankbarkeit›, 19f. [bzw. Fülle und Nichts (2015), 16f.]

[7] Siehe auch den Titel der Festschrift zum 80. Geburtstag von Bruder David Die Augen meiner Augen sind geöffnet (2006), inspiriert vom Gedicht XAIRE / 65 von E. E. Cummings im Beitrag von Max Milz Nicht quantifizierbar: Anm. 3

[8] Dankbarkeit: Das Herz allen Betens (2018): ‹Staunen und Dankbarkeit›, 26f. [bzw. Fülle und Nichts (2015), 23f.]



Quellenangaben

Text und Audios von Br. David Steindl-Rast OSB

hl geist georg stahl titelCopyright © - Georg Stahl

Wenn wir unsere Lebendigkeit messen könnten, so wäre der Maßstab sicher unser Berührtsein vom heiligen Einen, dem unerschöpflichen Feuer im Herzen aller Dinge.[1]

Pfingsten steht in der christlichen Tradition für die Feier des Geistes, und Geist ist Atem, göttlicher Atem, der uns lebendig macht und uns alle verbindet. Und in der Lesung zu Pfingsten heißt es von diesem Geist-Atem Gottes: er füllt das All; er hält alles zusammen; und er spricht und kennt alle Sprachen. Dem sollten wir nachgehen. 

Zunächst einmal: Er erfüllt das All. Das «All» steht hier für Kosmos, für Universum und für die ganze Geschichte, von Anfang bis Ende aller Zeit. Der Geist-Atem Gottes, so wird uns gesagt, erfüllt dies alles; und da auch wir atmen ‒ so können wir folgern ‒ sind auch wir mit alledem verbunden.

Und tatsächlich sagt uns die Wissenschaft, dass wir mit jedem Atemzug ganz kleine Spuren von Edelgas einatmen. Zum Beispiel macht das Argon 1% unserer Atemluft aus. Da es keine Verbindung eingeht, ist es von allem Anfang an in der Luft gewesen. Aller Wahrscheinlichkeit nach atmen wir daher mit jedem Atemzug Argonatome ein, die Buddha eingeatmet hat, und Jesus und Moses. Auch in diesem Augenblick hat jeder von uns Atome in sich, die jeder große Mann und jede große Frau der Geschichte, an die Sie denken mögen, nach wissenschaftlicher Wahrscheinlichkeit einmal ebenfalls in sich hatten. So sind wir bereits physisch mit der ganzen Geschichte von Anfang bis Ende und mit jedem Ort der Erde verbunden.

Wir wissen darüberhinaus, dass unser Körper aus Sternenstaub gemacht ist, aus demselben Stoff also wie die Himmelskörper, die wir nur mit den stärksten Teleskopen überhaupt sehen können, die Sterne, die Millionen von Lichtjahren entfernt von uns sind. ‒ Die Materie war ursprünglich eins. Und so hängen wir schon über Raum und Zeit mit allem zusammen.

Aber viel mehr noch hängen wir zusammen durch den Geist. Was meinen wir damit?

Albert Einstein sagte einmal, dass die Fülle der Natur, die uns umgibt, die Fülle dessen, was wir erforschen können, erstaunlich sei, dass aber noch erstaunlicher sei, dass wir diese Fülle verstehen können.

Wie können wir diese Fülle, wie das Universum verstehen? Wir können sie nur verstehen, weil wir nicht nur physisch eins sind mit dem Universum, sondern weil wir auch den Geist, den Geist-Atem in uns haben, der alles er-füllt.

Wir können «Fülle» hier auch durch das Wort «Sinn» ersetzen. Da wir also den Sinn, der alles erfüllt, in uns haben, vermögen wir in uns auch den Sinn dessen zu verstehen, was uns umgibt; wir sind ihm verbunden.

Wir könnten aber genauso sagen, Sinn sei «Nichts». Wenn nämlich etwas Sinn hat, fügt der Sinn dem ja nichts hinzu. Es ist somit «Nichts», nicht aber ein leeres Nichts, sondern jenes Nichts, das für uns weit bedeutender ist als alles, was besteht. Wenn wir auch alles besäßen und es hätte keinen Sinn für uns, dann wäre dieses alles völlig belanglos. Der Sinn ist jenes Nichts, das das All wertvoll macht, es zum Leben bringt. Daher sprechen wir auch, wenn wir diesen Sinn meinen, von Geist, von Atem, weil Atem Leben bedeutet. Und wenn es heißt, dass wir Menschen erst durch Gottes Lebensatem lebendig werden, dann bedeutet dies, dass wir das Leben Gottes teilen.

Was meinen wir jedoch mit diesem so oft missverstandenen Begriff «Gott»? Hat das Vorgetragene Bedeutung aus Ihrem persönlichen Erleben heraus, auf das es bei Sinnfragen ja letztlich ankommt? Ich will versuchen, aus meinem Erleben eine Brücke zu schlagen. Vielleicht erinnert Sie das an Ähnliches, was Sie selbst erlebt haben.

Wenn wir fragen, wann wir diesen Geist, diesen Sinn-schaffenden Lebensatem erleben, so scheint mir die Antwort aus der gemeinsamen Erfahrung zu sein: Wir erleben ihn dann, wenn wir einmal wirklich in der Gegenwart stehen.

Meistens befinden wir uns ja doch nicht in der Gegenwart, sondern haften noch halb an der Vergangenheit und sind schon halb ausgestreckt auf die Zukunft.

Hie und da aber erleben wir einen Augenblick, in dem wir ganz geistes-gegenwärtig sind, wie es das schöne Wort ausdrückt. Und Gott, richtig verstanden, ist dann das, was uns ent-gegenwartet, wenn wir wirklich in der Gegenwart sind. Oder man kann es auch so sagen: das Göttliche ist die Gegenwart, in der wir aufgehoben sind.

Erinnern Sie sich an diese besten, lebendigsten Augenblicke Ihres Lebens? Augenblicke, in denen Sie ganz in der Gegenwart aufgehoben waren?

Nicht wahr, wir erleben uns aufgehoben in dreifacher Hinsicht.

Zunächst im Sinn von ausgelöscht: Was uns da ent-gegenwartet, das löscht uns aus, aber nicht in negativer Weise, sondern wie die Sterne ausgelöscht werden, wenn die Sonne aufgeht.

Wir erfahren uns aber auch aufgehoben in dem Sinn, dass wir auf eine höhere Ebene hinaufgehoben werden. Die Gegenwart, wenn wir uns ihr wirklich stellen, hebt uns über uns selbst hinaus. Von solchen Augenblicken pflegen wir zu sagen, «in diesem Moment bin ich über mich selbst hinausgewachsen».

Und schließlich ‒ und dies ist das Wichtigste ‒ sind wir auch aufgehoben im Sinn von geborgen. Wir wissen in unseren besten und lebendigsten Augenblicken, dass wir in dem, das uns entgegenwartet, zuhause sind, völlig aufgehoben und wohl geborgen.

Weil Gottes Geist das All und uns erfüllt ‒ so haben wir gesehen ‒ deshalb können wir das All verstehen. Und da er alles zusammenhält, sind wir in der Einheit aufgehoben; und auch dies in dreifachem Sinn.

Wir sind in einer Einheit aufgehoben, in der unser kleines Ich ausgelöscht ist ‒ dies ist die negative Seite.

Wir erleben uns in ihr aber auch hinaufgehoben in Gemeinschaft und Bezogenheit.

Und wir erfahren uns schließlich geborgen in Gemeinschaft, zugehörig zum großen Haushalt der Erde.

Ich erinnere Sie nur an etwas, was gewiss auch Sie erfahren haben: In solchen Augenblicken, in denen wir, wie wir sagen, uns selbst verlieren, finden  wir uns, da sind wir wirklich ganz die wir sind.

In Zeiten dagegen, in denen wir uns anklammern an das, was wir zu sein glauben, da verlieren und zerstreuen wir uns.

Wenn wir uns über uns selbst hinaus in eine Einheit hineingehoben erleben, die gleichzeitig grenzenlose Gemeinschaft bedeutet, dann finden wir uns, aber wir finden uns nicht in unserem kleinen Ich, sondern in unserer Einzigartigkeit, in unserem höchsten, umfassendsten Selbst als Person, und wir erleben uns verbunden mit der ganzen Schöpfung und dem ganzen All.

Und darum heißt es auch vom Geist Gottes, dass er nicht nur das All erfüllt, nicht nur alles in Einheit zusammenhält, sondern dass er jede Sprache kennt. Wenn wir eine solche Geisterfahrung hatten, wie ich sie geschildert habe, dann sind wir versucht zu denken, unsere Sprache ‒ oder genauer gesagt, die Sprache unsrer religiösen Tradition ‒ sei die einzige, in der wir diese Geisterfahrung ausdrücken können.

Aber der Geist Gottes kennt und spricht alle Sprachen, nicht nur die der Menschen, sondern die der ganzen Schöpfung. Jedes Tier ist ja eine eigene Sprache, die der Geist spricht, jede Pflanze, jeder Kristall, jeder Stein, jeder Stern, jedes Meer, ‒ das Weltall ist ein Sprechchor von verschiedenen Sprachen, die alle der eine Geist spricht.

Und das Pfingstwunder wird gerade so beschrieben, dass alle die vielen Völkerschaften, die das Brausen des Geistes vernahmen, sich wunderten, dass jeder einzelne von ihnen die eigene Sprache vernahm!

Es ist die Einheit in der Vielfalt, die hier erfahren wurde ‒ ein ganz und gar ökumenisches Ereignis! Daher bedeutet das Pfingstfest auch geschichtlich den Durchbruch aus der Enge einer Religion (die hier, mehr oder weniger zufällig, das Judentum war), in den Universalismus!

Was sich aber im Laufe der Zeit aus diesem Pfingstereignis heraus entwickelt hat, das ist ‒ jedenfalls bis heute noch ‒ kein solcher Ausbruch aus der Enge, sondern nur die Entstehung einer anderen Religion, nämlich des Christentums.

Wir können bedauern, wir können es aber ebenso begrüßen. Denn diese Religion hat doch im Wesentlichen nur die eine Aufgabe: Mit jeder neuen Generation erneut über sich selbst hinauszuführen in den Universalismus, auch wenn sie noch so oft in sich selbst steckenbleibt.

Das Gleiche aber gilt ja auch für jeden einzelnen von uns. Auch wir haben doch eigentlich die Aufgabe, aus jenem tiefsten Erleben unserer All-Einheit heraus zu leben, und dennoch bleiben wir täglich wieder in uns selber stecken. Wie können wir dieses dann den Religionen verübeln, die doch nur die Konglomerate sind aus den vielen einzelnen von uns.

Besinnen wir uns also darauf, dass auch heute noch, 2000 Jahre nach dem Pfingstereignis, unverändert die Herausforderung an uns besteht, aus Religion im engeren Sinn ‒ ob das nun die jüdische, die christliche, die buddhistische oder eine andere Religion ist ‒ in den Universalismus auszubrechen, ohne die Religion zurückzulassen.

Wir lassen uns ja auch selbst nicht zurück, wenn wir über uns hinauswachsen, im Gegenteil. Genauso die Religion. Und auch sie wird erst wirklich sie selbst, wenn sie universalistisch wird.

Sie wird aufgehoben in dreifachem Sinn: Ausgelöscht, soweit sie in der Vereinzelung, im Gegensatz zu den anderen, steht; hinaufgehoben auf eine höhere Stufe und in eine umfassendere Ordnung; und aufgehoben im Sinn von Bewahrung, bei der ihr Bestes zum Vorschein kommt.[2]

Der Heilige Geist ist der göttliche Lebensatem in uns. Geist und Fleisch stehen einander im biblischen Sprachgebrauch als Pole gegenüber. Fleisch bezeichnet alles, was unvermeidlich dem Tod verfallen ist. Fleisch muss ja verwesen, wenn es nicht mehr vom Lebensatem lebendig erhalten wird. Geist ist dieser Lebensatem, zunächst ganz konkret biologisch, dann in alle Grade des Lebendigseins übertragen, bis zur höchsten spirituellen Wirklichkeit, unserer Teilnahme am göttlichen Leben.

In dieser letzten Bedeutung sprechen wir vom Geist als Heilig im Sinne höchster Transzendenz. An den Heiligen Geist zu glauben heißt, auf unsere innerste Verbundenheit mit dem lebendigen Gott zu vertrauen und entsprechend zu leben.

Wir können uns bewusstwerden, dass «leben» nicht etwas ist, was wir «tun», wie kochen, laufen oder Schach spielen. Leben ist vielmehr ein Vorgang, an dem wir teilnehmen durch alles, was wir tun und erleiden ‒ ein Vorgang, der sich in uns abspielt, der aber weit über uns hinausgeht.

Es ist etwas, was wir nicht durch Analysieren verstehen können, sondern nur im Durchleben.

Wir können uns auch verschiedener Intensitätsgrade der Lebendigkeit bewusst werden.

Deine Lieblingsspeise wird Deine Lebendigkeit um einige Grade erhöhen.

Gute Musik wird sie noch etwas höher schrauben.

Das Lebensgefühl, wenn du dein erstgeborenes Kind in deinen Armen hältst, liegt auf einer noch weit höheren Ebene.

Anderseits kann es auch vorkommen, dass deine physische Lebendigkeit, sagen wir durch Krankheit oder Altersbeschwerden, hinuntergedrückt ist. Auch emotional fühlst du dich niedergeschlagen und deine Denkschärfe ist geschwächt; und trotzdem kannst du gerade in einer solchen Lage einer unerwarteten Lebensintensität gewahr werden; trotz erschlaffter Vitalität brennt tief in dir die Lebensflamme stetig, still und stark.

Solange wir uns gesund und kräftig fühlen, achten wir meist kaum auf dieses innerste Lebensfeuer.

Wenn in ihm unsere Sehnsucht nach der letzten Wirklichkeit glüht, wenn es uns wärmt und wach hält und uns Kraft gibt unserer Umwelt in Liebe als Mitwelt zu begegnen ‒ mit allen Konsequenzen, die sich daraus ergeben ‒, dann nennt die christliche Tradition diese Lebendigkeit den Heiligen Geist.

Jeder Mensch kann diese uns unendlich übersteigende und zugleich einbeziehende Lebenskraft in sich erfahren, ganz gleich welchen Namen wir ihr geben.

«Ich glaube an den Heiligen Geist»

Worum es in diesem Glaubenssatz geht, ist nicht ein Fürwahrhalten, dass es «eine göttliche Person» gibt, die Heiliger Geist heißt.

Es geht vielmehr um ein gläubiges Sich-verlassen auf das Leben in uns, das letztlich Anteilnahme an der göttlichen Lebendigkeit ist.

So dem Leben zu vertrauen  heißt: fest damit rechnen, dass jeder Tag uns genau das bringen wird, was wir brauchen ‒ wenn es auch nicht immer das ist, was wir uns wünschen.

Für mich persönlich war es eine folgenreiche Fügung, dass ich eingeladen wurde, im Sommer 1969, fünfzehn kleinen Klöstern-auf-Zeit im Staat Michigan beim Start zu helfen und sie zu betreuen; über die ganzen USA verstreut gab es Hunderte. Aus den stillen Gebetsgemeinschaften nahmen viele regelmäßig an den sprudelnden sprühenden charismatischen Gebetsabenden teil.[3]

Etliche von uns bereiteten sich in diesem Sommer auf die Geisttaufe vor, eine Erneuerung der Verpflichtungen, die man in der Taufe auf sich nahm, jetzt aber mit besonderer Offenheit für ein Leben im Heiligen Geist und für seine Gaben.

Als Tag für diese Feier hatte ich für mich den 20. Juli ausgewählt, weil das der 43. Jahrestag meiner Taufe war. Freilich konnte ich noch nicht voraussehen, welche spektakuläre zusätzliche Bedeutung dieser Tag in jenem Jahr erhalten sollte. Als wir am Abend des 20. Juli noch ganz glühend von Begeisterung aus dem Schulraum kamen, in dem wir gebetet und die Geisttaufe empfangen hatten, fiel mein Blick auf den Vollmond, der von hoch oben durch eines der Fenster herunterschaute. Eine kleine Menschengruppe stand da in der Eingangshalle vor einem Fernsehgerät. Warum waren sie alle so still? Als ich näher kam, bemerkte ich, dass sie atemlos zuschauten, wie der erste Mensch seinen Fuß auf die Mondoberfläche setzte.

«Ein kleiner Schritt für den Menschen, ein großer Schritt für die Menschheit», konnten wir aus 380.000 Kilometer Entfernung Neil Armstrong sagen hören und zugleich zum Mond aufblicken.

Bis heute kann ich kaum glauben, wie alles für mich zusammenstimmte, um eine Einsicht zu unterstreichen, die ich wohl nie vergessen werde:

Ja, der Heilige Geist ergreift und verändert uns durch tiefe innere Erfahrungen, aber derselbe Heilige Geist ergreift und verändert auch unsere äußere Welt.

Die leidenschaftliche, geduldige Forschungsarbeit von Wissenschaftlern, die Schöpferkraft von Technikern, Künstlern, Musikern, Dichtern und Schriftstellern, und der Einfallsreichtum von Frauen und Männern, die sich auf unzähligen anderen Gebieten im Dienst an der Menschheit um eine bessere Welt mühen, sie alle sind von ein und demselben Heiligen Geist inspiriert.

Jede Saite einer Windharfe antwortet mit einem anderen Ton auf denselben Wind. Welche Tätigkeit lässt dich selber am stärksten mitschwingen, wenn der Wind des Heiligen Geistes dich anrührt, der «weht, wo er will» (Joh 3,8)?

Die Turbulenz der Charismatischen Erneuerung in den Sechziger- und Siebzigerjahren hat sich gelegt, aber die Kirchen werden nie mehr zum alten Trott zurückkehren können. Ungezählte Christen hatten da tief spirituelle Erlebnisse und werden nie mehr ihre persönliche Erfahrung offizieller Lehre unkritisch unterwerfen.

Was hältst du persönlich von dieser Einstellung? Hat sie Grenzen, die respektiert werden wollen? Wie siehst du die Rolle des Heiligen Geistes in dieser Hinsicht? Wo siehst du den Heiligen Geist heute die Welt bewegen?[4]

(Die Quellenangaben zum obigen Text in Anm. 1f., 4)

[Ergänzend:

1. Audios

1.1. Mit allen Sinnen leben (1993)
Christlicher Glaube in heutiger Sprache
Teil 3:
(23:08) Unser innerstes Leben ist göttliches Leben, der Lebensatem Gottes: ‒ Einatmen und ausatmen, geben und nehmen

1.2. «Vom Rhythmus des Lebens»: Eröffnungsvortrag der Tagung Aufwachsen in Widersprüchen (1989) (06:02-15:47); siehe die Transkription des Vortrags, abgedruckt im Buch Aufwachsen in Widersprüchen (1990), 13-15:

«Leben ist zu breit, als dass wir hoffen könnten, das ganze Spektrum hier zu behandeln. Wir müssen daher auswählen. Aber im Leben hängt alles mit allem zusammen. Welchen Bereich des Lebens sollen wir hier in Frage stellen, ins Auge fassen? Biologisches Leben, psychologisches Leben, soziologisches Leben, sogar politisches, ökonomisches Leben spielt da herein; jedes hat seine Rhythmen.

Ich möchte vorschlagen, dass wir uns heute auf den umfassendsten Bereich des Lebens einstellen, auf das  g e i s t l i c h e  Leben.

Geistliches Leben, das ist ‒ im Deutschen ‒ ein schwieriges Wort und missverständlich, weil man gleich an ‹die Geistlichen› denkt. Was heißt also ‹Geistliches Leben›?

Es heißt: Leben im Geist, Leben aus dem Geist, Leben im Heiligen Geist, Leben aus dem Heiligen Geist. Und Geist heißt Lebensatem Gottes.

Lebensatem ‒ alle die Wörter, die unserem Wort ‹Geist› voranstehen in der biblischen Tradition, ruach, pneuma, spiritus ‒ alle bedeuten Lebensatem.

Beinahe ist es ein Pleonasmus, von geistlichem, also lebendigem Leben zu sprechen ‒ so etwas ist ein weißer Schimmel oder ein schwarzer Rappe ‒, aber es ist doch nicht wirklich ein Pleonasmus. Wenn wir nämlich vom  g e i s t I i c h e n  Leben sprechen, dann meinen wir damit  w a h r e s  Leben, wahrhaftige Lebendigkeit, aufblühendes Leben, fruchtbares Leben ‒ ganz im Gegensatz zu dem, was wir so häufig Leben nennen, nämlich unser halbtotes, sich selbst verneinendes, geistloses Dahinleben. Das nennen wir auch Leben. Und daher muss man es ausdrücklich sagen: Wir meinen hier geistliches Leben, nämlich wirkliche Lebendigkeit.

Was können wir über diese wirkliche Lebendigkeit sagen?

1. Wir haben sie von Gott als Geschenk.

Im Buch Genesis, im 2. Kapitel (1 Mose 2,7), lesen wir: Gott, der Bundesgott, formte den Menschen aus Erde und blies in seine Nase den Lebensatem. So wurde der Mensch zu einem lebendigen Wesen. Das heißt, in biblischer Sicht sind wir jene Lebewesen, die durch Gottes eigenen Lebensatem lebendig sind. Das ist der Mensch.

Was können wir weiters über diese wahre Lebendigkeit aus der Sicht der christlichen Tradition, der biblischen Tradition sagen?

2. Wir haben sie mit Gott gemeinsam.

Diese Lebendigkeit ist Gottes Lebendigkeit in uns. Freilich, wir haben sie nur so gemeinsam, wie das Wasser in einem Krug und das Wasser im Meer gemeinsam sind, aber es ist doch eine Gemeinsamkeit. Wir Menschen atmen Gottes Atem.

3. Wir kennen Gott durch diese Lebendigkeit, wir kennen Gott nur durch diese Lebendigkeit des göttlichen Lebens in uns.

Denn man kann zwar über Gott etwas wissen, von außen, aber kennen kann man Gott nur von innen. Selbst erahnen können wir Gott nur von innen. Der heilige Paulus spricht das sehr schön aus im ersten Korintherbrief, im 2. Kapitel (1 Kor 2,10-12).

Er sagt: Wer kann schon einen anderen Menschen wirklich kennen? Nur der Geist, der in dem Menschen selber ist, kennt den Menschen wirklich. Und in Parallele dazu sagt er: Wer könnte dann hoffen, Gott zu kennen? Nur der Geist Gottes selbst kann die Tiefen Gottes ausloten.

Da könnte man nun glauben, dass Paulus aus diesen beiden Prämissen den Schluss zieht, wir sollten uns gar nicht bemühen, Gott zu kennen. Wenn wir schon einen anderen Menschen nicht kennen können, um wieviel weniger Gott.

Aber da springt er jetzt in der Kraft dieses selben Heiligen Geistes über die beiden Prämissen sozusagen hinweg und zieht kühn den Schluss: Wir haben den Heiligen Geist Gottes empfangen und erkennen Gott daher mit Gottes eigener Selbsterkenntnis. Wir kennen Gott von innen her, weil uns an Gottes eigener Lebendigkeit Anteil  g e s c h e n k t  ist.

Gottes Lebensatem ist uns geschenkt, wir können also Gott von innen her verstehen, durch diesen Heiligen Geist, durch diese Lebendigkeit in uns.

4. Diese Lebendigkeit macht uns zu Menschen, macht uns erst zu Vollmenschen.

Wir Menschen werden zu lebendigen Wesen, indem Gott uns Anteil nehmen lässt am göttlichen Atem, am Heiligen Geist.

Und je mehr wir uns aufschließen und lebendig werden durch Offenheit aller Sinne und durch Opferbereitschaft, umso mehr werden wir wahrhaft menschlich: als Gotterfüllte erfüllen wir unsere menschliche Berufung.

5. Zugleich aber verbindet uns dieser Heilige Geist auch miteinander.

Im Römerbrief sagt Paulus: Alle, die sich vom Geiste Gottes leiten lassen, sind Söhne und Töchter Gottes (Röm 8,14). Das ist der Geist Gottes, den wir Menschen schon von Anfang an empfangen haben und dann in Fülle zu Pfingsten. Nach dem biblischen Menschenbild gibt es keinen Menschen in der ganzen Welt, der nicht aus Gottes eigenem Leben lebt, wenn er sich nur diesem Leben aufschließt, und so wirklich Mensch wird. Und darum verbindet uns der Heilige Geist mit allen, denn alle, die sich dem Geiste Gottes aufschließen, alle, die sich vom Geiste Gottes leiten lassen (und Paulus betont dieses ‹alle› hier), sind Söhne und Töchter Gottes.

6. Nicht nur mit den Menschen verbindet uns dieser Heilige Geist, dieser Lebendigkeit in uns, sondern mit allen und allem, mit den Tieren, den Pflanzen, ja mit dem ganzen Kosmos.

In den Psalmen hören wir immer wieder vom Atem Gottes, der ausgeht und alles lebendig macht; wenn er zurückgezogen wird, fällt alles wieder ins Nichtsein zurück. Wir hören auch schon im Alten Testament, dass der Geist Gottes den ganzen Erdkreis füllt und alles zusammenhält, alles vereinigt und jede Sprache kennt.

Da ist die vereinigende Kraft des Geistes ganz deutlich ausgesprochen. Und wie sehr wir dieses Gemeinsamkeitsbewusstsein mit der ganzen Schöpfung gerade heute brauchen! ‹Geistliches Leben› bedeutet also Lebendigkeit im Heiligen Geist Gottes. Gerade auf diesen Aspekt des Lebens möchte ich hier am Anfang unserer Tagung eingehen, wenn vom ‹Rhythmus des Lebens› die Rede sein soll.»

1.3. Aufwachsen in Widersprüchen (1989)
Dialog mit David Steindl-Rast
Teil 2:
(20:10) Bruder David spricht über seine Geisttaufe am 20. Juli 1969 und die Charismatische Erneuerung, wie er sie erlebt hat.

1.4. Retreat-Woche in Assisi (1989)
Ich glaube an Jesus Christus, unsern Herrn:
(10:23) Mit Jesus bricht durch, was in Israel angelegt war: Wir sind lebendig mit Gottes eigenem
Lebensatem. Jesus ist nicht in erster Linie Verkünder, sondern erinnert uns, dass wir in unserem eigenen Herzen mit dem innersten Gesetz unseres Lebens, in eins mit dem Baugesetz ‒ dem Hologramm ‒ des Kosmos, vertraut sind.

2. Weitere Texte

1. Wendezeit im Christentum, Teil I (2015): Fritjof Capra im Dialog mit Bruder David und Thomas Matus, 94f.:

«Der Heilige Geist bedeutet, dass wir die göttliche Wirklichkeit durch Gottes eigenes Selbsterkennen erfahren, an dem wir teilhaben. Gottes Selbsterkennen ist ein Aspekt dessen, was wir den Heiligen Geist nennen. Der hl. Paulus hat eine wunderbare Stelle in seinem ersten Brief an die Korinther formuliert (1 Kor 2,10-12): ‹Denn welcher Mensch weiß, was im Menschen ist, als der Geist des Menschen, der in ihm ist? Also weiß auch niemand, was in Gott ist, als der Geist Gottes.› Nun könnte man denken, aus diesen Sätzen sei der Schluss zu ziehen, dass kein Menschenwesen jemals Gott kennen könne. Wenn wir nicht einmal einen anderen Menschen in seinem Innersten kennen, wie könnten wir dann Gott kennen? Doch macht Paulus hier einen unglaublichen Sprung und sagt: ‹Wir haben aber nicht den Geist der Welt empfangen, sondern den Geist, der aus Gott stammt, damit wir erkennen, was uns von Gott geschenkt worden ist.› Das heißt, wir kennen Gott aus innerer Sicht, gewissermaßen durch Gottes Selbsterkennen. So gesehen ist die Dreifaltigkeit eine Art, über unsere menschliche Verbundenheit mit der göttlichen Wirklichkeit zu sprechen. Es ist eine Lehre, die ihre Wurzel in unserer mystischen Erfahrung hat.» [ST 63]

2 Wir leben vom ureigensten Leben Gottes (1972): Auszug aus dem Vortrag Jesus als Wort Gottes, abgedruckt in: Die Frage nach Jesus (1973), 59-63:

«Wenn wir den biblischen Schöpfungsbericht nacherzählen sollen, erinnern wir uns vielleicht an mehr oder weniger Einzelheiten, aber es stellt sich in 99 von 100 Fällen heraus, dass wir den springenden Punkt vergessen. Man wird immer wieder erzählen, dass Gott den Menschen erschafft und dann mit ihm spricht, dann sich ihm offenbart, dann mit ihm in Kommunikation eintritt. Aber da ist schon der springende Punkt verfehlt. Denn was die Bibel uns berichtet, ist nicht, dass Gott den Menschen da draußen erschafft, mit dieser Kluft zwischen Schöpfer und Geschöpf, sondern was Gott zunächst erschafft, ist noch gar nicht Mensch, nur etwas, das so aussieht wie ein Mensch, eine kleine Ton Puppe, leblos. Und jetzt kommt der eigentliche Schöpfungsakt, indem der Schöpfer in ganz drastischer biblischer Bildsprache dieser leblosen Figur sein eigenes Leben gibt, indem er seinen Geist, seinen Atem diesem leblosen Ding einhaucht. Er gibt also nach der biblischen Anthropologie keinen Augenblick, in dem der Mensch nicht schon in Gemeinschaft mit Gott steht.»

Dazu ergänzend aus Credo (2015): ‹Schöpfer des Himmels und der Erde›, 52f.:

«Im biblischen Schöpfungsmythos geht es anders zu als in Collodis ‹Pinocchio›, wo Gepetto eine Puppe schnitzt, die ihm davonläuft.

Der biblische Schöpfer haucht dem Werk seiner Hände seinen eigenen Lebensatem ein. Könnten wir (und so der ganze Kosmos) inniger verbunden sein mit Gott?

Hier muss das Bild von Gott als unser Vater das Bild von Gott als unser Schöpfer ergänzen und berichtigen. Es geht hier um ein Gegenüber, mit dem wir doch im Innersten eins sind.

Weil Lebendiges nicht  e r zeugt, sondern  g e zeugt wird, verlangt etwas in uns danach, dass auch Pinocchio zuletzt nicht Puppe bleibt, sondern in der Geschichte Collodis der Fleisch-und-Blut-Lausbub wird, der er eigentlich schon von Anfang an war.

‹Gezeugt, nicht geschaffen; eines Wesens mit dem Vater›, sagt eine andere Fassung des Glaubensbekenntnis von Christus aus.»[5]]

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[1] Sakramentales Leben; Sakramentales Leben ‒ «Zieh’ deine Schuhe aus!» (1979), aus dem Amerikanischen Englisch übersetzt von Eve Landis; siehe auch diesen Text in der Übersetzung von Bernardin Schellenberger im Buch Auf dem Weg der Stille (2016): Kapitel 8 ‹Auf heiligem Grund stehen›, 119

[2] Unsere Zukunft: das Reich des Kindes (1987): ‹Wo stehen wir›?

[3] Ebd. S. 185:

«Es begann im Februar 1967 mit einer förmlichen Explosion von Geistesgaben während eines Einkehrtages für Studenten der Duquesne University [in Ann Arbor, Michigan, eine kleine Universitätsstadt im Mittelwesten der USA] Von da aus verbreitete sich die Charismatische Erneuerung wie ein Lauffeuer über die ganze Welt. Solche Geistesgaben ‒ z. B Zungenreden (ein ekstatisches Beten in meist unverständlichen Lauten), prophetische Mahnreden und Heilung durch Handauflegung ‒ die in kleineren evangelischen Kirchen der Pfingstbewegung schon lange bekannt waren, fanden nun plötzlich in den großen traditionellen Kirchen Eingang; in jeder beliebigen Anglikanischen oder Römisch-Katholischen Pfarrkirche konnte man jetzt auf solche Phänomene stoßen.»

[4] Credo (2015): ‹Ich glaube an den Heiligen Geist›, 182-184, 186f.

[5] ‹genitum non factum, consubstantialem Patri› (Großes Glaubensbekenntnis); siehe auch Religionen und heiles Gottesbild: Anm. 3



Quellenangaben

Text mit Video-Film von Br. David Steindl-Rast OSB

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(Video-Film gelesen von Bettina Buchholz) Singen ist eine meiner großen Freuden in dieser Zeit von Advent und Weihnachten. Aber heuer ist mir zum ersten Mal bewusst geworden, dass dieses Singen an der Schwelle eines neuen Jahres eigentlich das Einüben einer Haltung ist, die wir beibehalten wollen. Singen weckt uns auf und macht uns erst so recht lebendig. Ist diese wache Lebendigkeit nicht die Haltung, mit der wir allem entgegengehen wollen, was uns bevorsteht?

Wie wichtig diese Haltung ist, nicht nur für uns selbst, sondern für das Wohl der Welt, hat Howard Thurman (1899-1981), den ich als einen großen Denker, Lehrer und Friedensaktivisten schätze, so ausgedrückt:

«Frag’ dich nicht, was die Welt braucht. Frag’ dich, was deine eigene Lebendigkeit weckt, und mach’ dich dran, es zu tun. Denn was die Welt braucht, sind wache, lebendige Menschen.»

Solche Menschen schauen auf das Leid der Welt und ihre Augen kennen brennende Tränen, die nach innen fließen. Sie verstehen aber Augustinus, wenn er sagt:

«Schau auf das Ganze: Preise das Ganze!»[1]

Und darum kennen sie innen auch ein Singen, das weiterklingt, wenn das Singen der Weihnachtsengel verklungen ist. Auch davon schreibt Howard Thurman:

«Wenn das Singen der Engel verklungen ist,
Wenn der Stern nicht mehr am Himmel steht,
Wenn die Könige und die Weisen heimgekehrt sind,
Wenn die Hirten wieder ihre Herden weiden,
Dann fängt das Weihnachtswerk an:
Verlorene finden,
Gebrochene heilen,
Hungernde speisen,
Gefangene frei machen,
Nationen neu erbauen,
Menschen Frieden bringen
Und im Herzen singen.»

Was mit dem Singen der Engel begonnen hat, wird am Ende zum Singen im Herzen der Menschen. In diesem Singen drückt sich die wache Lebendigkeit aus, mit der allein wir das verwirklichen können, was wir zu Weihnachten feiern – heilen, befreien, Frieden in die Welt bringen – und all das nicht als grimmige Weltverbesserer, sondern aus Freude, freudig, preisend, trotz aller Hammerschläge des eigenen Schicksals und des Schicksals der Welt.

Vom Menschenherzen, das auf diese Weise singt, sagt Rilke:

«Zwischen den Hämmern besteht
unser Herz, wie die Zunge
zwischen den Zähnen, die doch,
dennoch, die preisende bleibt.»
[2]

Zum Segen für unsere arme Welt wünsche ich Euch (und mir selbst) so ein singendes Herz – in dieser festlichen Zeit, aber auch an jedem Tag des kommenden Jahres.

Euer Bruder David[3]

Der Gesang lehrt uns etwas über das Leben in der Gegenwart. Von einem pragmatischen Gesichtspunkt aus ist er eine nutzlose Aktivität, er vollbringt nichts. Wir sind derart auf das Nützliche ausgerichtet, dass wir das Sinnvolle vergessen, das unserem Leben Freude, Tiefe und Wert verleiht. Musikhören oder Singen heißt etwas tun, was keinem pragmatischen Zweck dient. Es ist nur Feiern und Lobpreisen, es heißt nur, die Freude und Schönheit des Lebens, die Herrlichkeit Gottes zu kosten. Musik sogar mitten in einem ganz zielgerichteten Tag anzuhören, erinnert uns daran, unserer Erfahrung eine andere Dimension hinzuzufügen, die Dimension des Sinnes, die das Ganze der Mühe wert macht.

Singen ist ein wesentlicher Bestandteil vieler religiöser Überlieferungen ‒ der buddhistischen, jüdischen, hinduistischen, islamischen und anderer. Das kommt daher, dass an einem gewissen Punkt das Herz einfach singen will, das Singen bricht aus ihm heraus. Obwohl es widersprüchlich scheint, kann man sagen, dass das Wort dann entsteht, wenn das Schweigen seine Fülle gefunden hat.[4]

(Die Quellenangaben zum obigen Text in Anm. 3f.)

______________________

[1] Tanz ‒ der Sinn des Ganzen: siehe die Audios in Ergänzend: 2.1-2.3

[2] R. M. Rilke: Die zweite Duineser Elegie

[3] Weihnachtsgrüsse 2014 mit Ernst Barlachs Bronzefigur ‹Singender Mann›

[4] Musik der Stille (2023): ‹Zum Gregorianischen Gesang›, 24f. und 31; siehe auch ST 119



Quellenangaben

Texte und Audios von Br. David Steindl-Rast OSB

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 «Dein Reich komme»

«D e i n R e i c h und was damit gemeint ist, können wir wohl nur dann recht verstehen, wenn wir die geschichtliche Lage beachten, in der dieses Gebet entstanden ist.

Jesus und seine Jünger waren Juden, gewalttätig unterdrückt und ausgebeutet von der römischen Besatzungsmacht. Erst im Gegensatz zum gewalttätigen Weltreich der Römer gewinnt die Bitte um dein Reich seine volle Wucht.

Dein Reich auf Erden gewaltfrei zu verwirklichen, das war die große Leidenschaft Jesu. Dafür lebte er und dafür musste er sterben.

Da stand Gottesreich gegen Römerreich.

Politische Machthaber spüren so etwas sofort. Sie erkannten die Konkurrenz und schlugen zu. Für unpolitische Nächstenliebe ist noch nie jemand ans Kreuz geschlagen worden.

Je aufrichtiger ich dein Reich erbete, umso tatkräftiger muss ich auch bereit sein, dafür einzutreten ‒ auch politisch. Gib du mir Mut dazu und nimm mir die Angst vor den Folgen. Amen.»

«D e i n R e i c h ist ‹nicht von dieser Welt› ‒ eben nicht von der Art der Weltreiche. Sondern es ist das von jedem Menschenherzen ersehnte Friedensreich.

In der Natur steht es uns als dein Welthaushalt schon vor Augen. In der Gesellschaft muss es als Gotteshaushalt erst noch verwirklicht werden durch das freie Ja der Liebe. Denn du zwingst uns deine Ordnung nicht auf. Du bist ja Vater, nicht Gewaltherrscher.

Und doch wirst du immer wieder ‹am höchsten Thron› einer Machtpyramide dargestellt.

Das ist zwar ein aufrichtiges Bemühen, dich zu ehren, aber auch eine herzzerreissende Blasphemie.

Genau als Gegenpol zur Machtpyramide hat Jesus ja dein Reich verstanden: nicht auf Eroberung gegründet, sondern auf Umdenken: nicht auf Angstmacherei gestützt, sondern auf gegenseitiges Vertrauen; nicht durch Gewalt verwirklicht, sondern gewaltfrei. Nicht von dieser Welt, aber mitten in ihr. Amen.»

«D e i n R e i c h, wie Jesus es verstanden hat, ist kein abgegrenzter Herrschaftsbereich ‹hier oder dort›, sondern ‹mitten unter› uns, als die uns von dir geschenkte Möglichkeit, die wir verwirklichen können, wenn wir nur wollen.

Deine ‹Herrschaft›, also die Wirkkraft deiner Liebe, steht uns jederzeit zur Verfügung. Und auch eine Gelegenheit, das Ja gegenseitiger Zugehörigkeit zu sprechen, ist stets zur Hand.

Dein Reich ist das freudige Zusammenleben, das sich ereignet, wenn eine Gemeinschaft nach deiner Musik zu tanzen beginnt.

Schon ‹zwei oder drei› genügen, um damit zu beginnen: zwei Liebende, die miteinander eine Familie gründen, oder drei Freunde, die den Keim einer Gemeinschaft bilden.

Und woran können wir dein Reich erkennen?

An gelebter Liebe. Daran, dass Menschen sich bedingungslos zuhause fühlen dürfen und sich geachtet wissen in ihrer Eigenständigkeit ‒ an Menschenwürde also.

Wecke in mir die wache Bereitschaft, mich dafür einzusetzen. Amen»

«D e i n R e i c h  meint nicht erst die himmlische Herrlichkeit, die wir erhoffen, wenn wir beten: ‹Lass uns eingehen in dein Reich›.

Der indische Mystiker Kabir sagt es ganz unverblümt:

‹Dass deine Seele Seligkeit finden soll, nur weil dein Leichnam verwest, ist ein Hirngespinst. Wenn du hier nichts findest, kannst du dort auch nur eine Wohnung im Totenreich erwarten.›

Ein Reich der Lebendigen ist dein Reich, und Lebendigkeit muss deshalb sein Hauptmerkmal sein, schon hier auf Erden.

Freilich bleibt im Diesseits alles Stückwerk ‒ auch dein Reich.

Die Richtschnur unsres Bauens muss ins Jenseits auslaufen.

Wir wissen ja: ‹Was hier wir sind, kann dort ein Gott ergänzen.›[1]

Jetzt und immer bist und bleibst du der Schnittpunkt aller Beziehungen und der Mittelpunkt deines Reiches.

Das Dichterwort gilt:

‹Jeder Kreis, um dich gezogen,
spannt uns den Zirkel aus der Zeit.›
[2]

Amen.»

«‹Dein Reich k o m m e›, beten wir, und das klingt recht passiv. Wo immer wir aber aktiv unser Zusammenleben gestaltet haben, ist in der ganzen Menschheitsgeschichte kaum jemals ein Aufdämmern deines Friedensreiches erkennbar geworden. So sehr wir alle es auch ersehnen, scheinen wir uns doch völlig verirrt zu haben. Der ganze Karren ist verfahren. Ist es zu spät, umzukehren?

Ein Geschenk muss dein Reich jedenfalls sein. Du schenkst uns ja auch sonst alles, was es gibt. Aber, wie alles andre auch, bleibt es nur ein Angebot. Es wird wahrhaft zum Geschenk, wenn wir uns dankbar erweisen, indem wir aus dem Angebotenen etwas machen.

Und das tun ja doch unzählige Menschen, die sich ehrlich und aufopfernd bemühen, Ansatzpunkte für ganze neue Formen geschwisterlichen Zusammenlebens zu finden.

Lass auch mich Ansatzpunkte für Neues als dein Geschenk erkennen und sie mutig und dankbar nutzen. Amen.»

«‹Dein Reich k o m m e› ‒ so bitten wir und wissen doch, dass es schon da ist, mitten unter uns ‒ als stete Möglichkeit.

Wenn du zwei oder drei von uns zusammenführst, dann liegt darin auch schon dein Angebot, ‹in deinem Namen› beisammen zu sein.

Dein Name ist ja ‹Liebe›, und jede Begegnung ist eine neue Gelegenheit, das Ja der Liebe zum Ausdruck zu bringen.

Mit diesem Ja ‹heiligen› wir deinen Namen und empfangen mit weit offenen Armen einander und so dein Reich.

Dein Name und dein Reich sind also keimhaft gegenwärtig, wann und wo immer wir Menschen gemeinsam unser Leben gestalten.

Mach du uns wach und achtsam für dieses uns anvertraute Aufkeimen und lass uns mit Geduld auch die zartesten Pflanzen der Liebe so geduldig pflegen, dass aus ihnen dein Reich aufblühen kann. Amen.»

«‹Dein Reich k o m m e› als gesellschaftliche Wirklichkeit! In der Ordnung des Kosmos wirkst du als ihre innerste Lebendigkeit, ‹du sanftestes Gesetz›.

Im Erd-Haushalt stellt uns die Natur ein lebendiges Bild jenes harmonischen Zusammenlebens vor Augen, das dein Reich ‒ der Gottes-Haushalt ‒ uns schenken will.

Die Natur baut keine Machtpyramiden, sondern vernetzt Netzwerk mit Netzwerk, so wie in der Musik sich Motiv mit Motiv verwebt.

Wo immer wir ehrfürchtig auf die Natur achten, zeigst du uns Leitbilder für die Gestaltung deines Reiches.

Lehre uns, ihnen zu folgen, bei allem, was wir bauen.

Dann dürfen wir wohl auch der schier unerschöpflichen Erneuerungskraft der Natur vertrauen, dass sie nicht nur die Verwundungen heilt, die wir ihr zugefügt haben, sondern auch unsrer Kultur den Weg zu heilem Sein weist. Amen.»

«‹Dein Reich k o m m e› ‒ das ersehnen wir. Und wir wissen auch, dass letztlich nur du diese Sehnsucht erfüllen kannst.

Und doch dürfen wir dein Reich nicht völlig ohne unser Zutun als dein Geschenk erwarten. Was aber ist unsererseits notwendig, damit dein Reich sich unter uns ereignen kann?

Was kann ich in meinem winzigen Umkreis dazu beitragen?

Mein Einflussbereich reicht allerdings weiter, als mir oft bewusst ist. Alles hängt ja mit allem zusammen! Und jeder Anstoß setzt sich grenzenlos fort.

Sooft wir einander Gutes tun aus dem Bewusstsein, dass wir füreinander da sind, setzen wir ein unaufhaltbares Ja der Liebe in Bewegung.

Sooft wir einander gegenseitig Achtung erweisen, springt ein Fünkchen vom Glanz dieses Reiches über, das weiter und weiter leuchtet.

So beizutragen zum Kommen deines Reiches, dazu schenke mir Kraft und Entschlossenheit. Amen.»

Brigitte Kwizda-Gredler: «Wenn du von den ‹Kreisen freudigen Lebens› sprichst, höre ich die Freude als das entscheidende Wort heraus. Und Freude ist ansteckend. Darum gefällt mir das Bild für freudiges Zusammenleben, das du gerne verwendest: eine Gemeinschaft, die nach der Musik Gottes zu tanzen beginnt.»

Bruder David: «Der Name Gottes ist Musik, der Tanz der Liebe ist sein Reich. Und obwohl unser Bemühen stets Stückwerk bleibt, bleibt die Hoffnung lebendig, dass das Reich Gottes wenigstens jenseits von Zeit und Raum Vollendung findet.

Paulus sagt: ‹Was Gott will, ist allen Menschen offenbar, Gott hat es uns offenbart. Schon seit Erschaffung der Welt drücken die Werke der Schöpfung seine unsichtbare Wirklichkeit aus› (frei nach Röm 1,19f.). An den Werken der Schöpfung kann unsre menschliche Vernunft also wahrnehmen, was Gott will. Das ist mir eine große Ermutigung.

So viele, die vom Christentum nichts wissen oder gar nichts wissen wollen, bauen dennoch tatkräftig mit an dem Friedensreich, das wir Christen das Reich Gottes nennen.»

«Das Lernen von der Natur ist dabei ein wesentlicher Bereich, in dem sich jederzeit Neues ereignet. Es geht um eine Forschungshaltung, die in der Fachsprache ‹Bionik› genannt wird oder a