Text und Audios von Br. David Steindl-Rast OSB

stille titelCopyright © - Thorsten Scheu

Leben spielt sich auf allen seinen Stufen als Gegenseitigkeit ab, als Wechselwirkung zwischen Du und Ich und Wir.

Das gilt mit besonderer Intensität vom Leben im Heiligen Geist.

Wir sagten es schon: «Inter-Sein» nennt der vietnamesische Mönch Thich Nhat Hanh †  diese Vernetzung alles Lebendigen.

Der Heilige Geist «hält alle Dinge zusammen» (Weish 1,7).

Darum dürfen wir gläubig vertrauen, dass alles Fleisch, alles was hinfällig ist und auf den Tod zugeht, unser sterblicher Leib nicht ausgenommen, in Gott, der jeden Grashalm kennt und liebt und nicht vergessen kann, unzerstörbares Leben hat.

Alles in der Welt ist hinfällig; auch wir selber.

«Wir alle fallen», wie Herbstlaub, sagt Rilke, «und doch ist Einer, welcher dieses Fallen / unendlich sanft in seinen Händen hält.»[1]

In Raum und Zeit vergehen alle Formen wie Seifenblasen; in Gottes ewigem Jetzt aber sind sie gegenwärtig.

«Nichts Vergängliches vergeht», sagt Werner Bergengruen (1892-1964); «Gott ist ein Herr der Dauer / und alles hat Bestand».[2]

Immer wieder kreisen seine Gedichte um die tiefe Einsicht, dass «nichts vergänglich ist, als die Vergänglichkeit».

Vielleicht bist Du schon alt genug, um Fotos von Verwandten und Freunden zu besitzen, die Du von ihrer Geburt bis zu ihrem Tod kanntest.

Dann schließt Deine Liebe doch das Nackerpatzerl (liebevolle österreichische Ausdrucksweise für kleines nacktes Kind) in der Badewanne ebenso ein wie den zahnlückigen Volksschüler, den ruppigen Buben auf dem Fahrrad, den zum Abschluss-Ball geschniegelten Maturanten, das junge Ehepaar, und so Bild um Bild bis zum letzten matten Lächeln.

In welchem der Bilder siehst Du den von Dir geliebten Menschen? Nicht doch in jedem? Musst Du wählen?

Dieses Jetzt des Lebens ist gegenwärtig im «Jetzt, das nicht vergeht»[3], das heißt in der Ewigkeit.

Mein Leib ist nicht ein beliebiges Anhängsel an mein Bewusstsein, sondern seine Verkörperung ‒ im Vollsinn des Wortes. Er gehört zu mir, nicht wie meine Kleidung, sondern eher so, wie die Melodie zu einem Lied gehört.

Wenn ich mich im Spiegel sehe, so denke ich nicht: «das ist mein Körper», sondern einfach, «das bin ich».

Und doch war jedes Atom dieses Körpers vor nicht langer Zeit Teil eines anderen Lebewesens oder Dinges, und in absehbarer Zeit wird es das wieder sein.

Selbst jetzt sterben jede Sekunde Millionen meiner roten Blutzellen ab und Millionen neue entstehen ‒ und das gilt auch von den übrigen Zellen meines Körpers in unterschiedlichen Raten.

Was sich nicht verändert, hat man den «Inneren Leib» genannt oder «die Seele».

Meine Freunde erkennen mich noch nach langer Zeit wieder, obwohl inzwischen fast alle physischen «Bestandteile» ausgewechselt wurden, was so alle sieben Jahre der Fall sein soll.

Die «Seele», an der sie mich erkennen, ist nicht ein Homunculus irgendwo in meinem Inneren. Sie ist vielmehr meine Identität, die sich in meinem Leib verkörpert ‒ mein ganz eigener und einzigartiger Ausdruck der allgemeinen Lebenskraft, die auch in mir fließt.

Ich bin ja nicht batteriebetrieben wie ein Spielzeug, sondern mit einem unerschöpflichen Stromnetz verbunden ‒ dem Heiligen Geist, der das Universum füllt.[4]

Es ist ein viel zu harmloses Bild vom Tod zu denken, dass der Körper stirbt, doch die Seele lebt.

Gibt es wirklich eine unabhängige Seele gegenüber einem Körper mit eigener unabhängiger Existenz?

Konkret erfahren wir uns als körperlich-seelische Wesen.

Die ganze Person, erlebt von außen, ist Körper. Erfahren von innen ist dieselbe ganze Person Seele.

Bei dem Ereignis, das wir Tod nennen, kommt die ganze Existenz zu einem Ende. Aber die ganze Person, die jetzt hier sitzt und redet, weiß, dass, wann immer in diesem Leben etwas wirklich stirbt, das nicht Zerstörung bedeutet, sondern immer einen Schritt in ein größeres Leben.

Und deshalb können wir den Glauben zu Hilfe nehmen und sagen: Ja, ich vertraue, dass ich mit diesem endgültigen Tod auch in ein endgültiges Leben gehe.

Und das ist Glaube an die Auferstehung im christlichen Sinn, denn Auferstehung ist nicht Überleben; es ist keine Wiederbelebung oder Rückkehr ins Leben, oder sonst irgend eine Art vom Umkehrung.

Der Fluss des Lebens kann niemals umgekehrt werden. Durch den Glauben sterben wir vorwärts in die Fülle des Lebens hinein.

Auf solche Art können heute auch christliche Theologen auf die Lehre von der unsterblichen Seele verzichten, ohne die Frohbotschaft von der Auferstehung und dem ewigen Leben kompliziert zu machen.

Sobald wir uns nicht länger verpflichtet fühlen, am Satz von der unsterblichen Seele festzuhalten, können wir tatsächlich viel freier und tiefer die existenzielle Haltung einnehmen, auf der die biblischen Äußerungen über die Auferstehung gegründet sind.

Wir können dann mit Überraschung entdecken, dass selbst der christliche Glaube an die Auferstehung des Fleisches einfach auf der Erfahrung basiert, dass Seele und Körper in der menschlichen Person existenziell eine Einheit bilden.

Man kann nicht von einem körperlosen Menschen sprechen, weil das nicht länger ein menschliches Wesen ist. Der Körper gehört absolut dazu.

Deshalb meint Paulus, wenn er vom Leben der Auferstehung spricht (ein Leben jenseits des Todes, wie er sagen würde, eher als eines nach dem Tod ‒ denn wenn der Tod das Ende der Zeit ist, was könnte danach sein?) ‒ dann meint Paulus ein Leben, das in einem Körper ist.

Es geschieht im Laufe unseres Lebens, dass wir zu «jemand» werden.

Wer wir werden hängt ab von unseren Entscheidungen und davon, wie wir sie körperlich umsetzen.

Es wird von den Antworten abhängen, die wir den Anrufungen Gottes geben, die uns in vielen verschiedenen Formen erreichen, und auch diese Antworten werden wir verkörpern.

Dass wir auf diese Art ein «Jemand» werden, ist offensichtlich eine Aussage ebenso über unseren Körper wie über unsere Seele.

Doch der Körper, den wir den unseren nennen, ist in diesem Sinn nicht durch unsere Haut begrenzt.

Er umfasst all die Elemente des Kosmos, durch die wir unsere eigene persönliche Einzigartigkeit ausgedrückt haben: es ist die ganze, vollständige Person, von außen gesehen.

Doch wenn diese vollständige Person gestorben ist, dann muss die Auferstehung des Lebens, wie Paulus es sieht, die Erschaffung einer vollständigen Person sein, mit Seele und Körper, durch Gott, der alleine die Kontinuität vom alten zum neuen Leben herstellt.

Alles, was Paulus über das unsterbliche Leben ‒ das Leben Christi in uns sagen kann, ist , dass es «mit Christus in Gott bewahrt»
(Kol 3,3) ist.

Es bleibt wahr, ob wir gestorben sind oder nicht. In beiden Fällen ist «unser wahres Leben in Christus», wie Paulus an derselben Stelle sagt.

Sätze wie dieser machen deutlich, dass die christliche Anschauung vom unsterblichen Leben den sogenannten «östlichen» Ideen viel näher steht als den populären westlichen Glaubensvorstellungen, die an eine Unsterblichkeit der Seele gebunden sind.

Wenn Christen bei einem Guru des Ostens lernen zu begreifen «Ich bin nicht mein Körper, ich bin nicht meine Seele», dann geben sie Raum für ein Verständnis der Worte des Heiligen Paulus:

«Dein wahres Leben ist in Christus».[5]

Nur zu oft wird dieses Verständnis behindert durch das Missverständnis «Ich bin nicht mein Körper, sondern ich bin meine Seele», eine falsche Vorstellung, die durch die Doktrin der unsterblichen Seele aufrecht erhalten wird.

Doch wir fürchten uns immer, unsere Individualität in jener allumfassenden Wirklichkeit zu verlieren.

Ich denke, wir könnten diese Angst überwinden, wenn wir uns bewusst werden, dass die göttliche All-Einheit uns nicht Gleichförmigkeit aufzwingt, sondern grenzenlose Vielfalt umfasst; in ihr gibt es Raum für alle unsere persönlichen Unterschiede.[6]

Und wie siehst Du das? Ist der Leib ‒ Dein eigener und der von jemanden, den Du liebst ‒ Dir wichtig genug, dass die Vorstellung eines entleibten Lebens nach dem Tod Dich nicht besonders reizt?

Ist Dein über Zeit und Raum erhabenes Selbst Dir jemals so tief bewusst geworden, dass es Dich nicht mehr stört zu wissen, dass Dein Gehirn verwesen muss?

Wie berührt es Dich, wenn Du von jemandem, der Dir lieb ist, Fotos ‒ aus Kindheit, Jugend, Alter ‒ betrachtest?

«Alles ist immer jetzt» (T. S. Eliot)[7]; wie beeinflusst diese Tatsache Dein Verständnis von Auferstehung der Toten?[8]

[Ergänzend:

1. Audios

1.1. «Wähle das Leben» (5. Mose 30,19) ‒ Überlegungen zu Tod, Sterben, Leben (1992)
Vortrag:
(26:02) Wenn jedes Jetzt meines Lebens gegenwärtig ist …
(28:44) «Da kommt die ganze Frage: Werden wir unsere Hunde im Himmel wiedersehen? Unsere Katzen, usw.?
Wenn man das so anpackt, wie das bisher angepackt wurde: Ja haben die eine unsterbliche Seele, haben die keine unsterbliche Seele?
Das ist mein Hund und ich habe eine unsterbliche Seele. Wenn ich in den Himmel komme und der Hund nicht dort ist, dann geh ich wieder. Der Hund ist dort, selbstverständlich, er ist ja Teil meines Lebens.
Und alle andern Menschen, denen ich je begegnet bin, und so Menschen, die man nur einmal kurz gesehen hat. Und dann kann man sich dann ausdenken: Was wäre gewesen, wenn wir uns besser kennengelernt hätten. Es ist alles möglich.
Und nachdem alles mit allem zusammenhängt ‒ das wissen wir auch in unserem Leben schon ‒, reicht unsre Ewigkeit in jeder Richtung auf das Ganze hin. In diesem Ganzen sind wir ein kleiner Punkt, der sozusagen das Ganze beinhaltet und jeder kleine Punkt beinhaltet das Ganze. Und in dieser unglaublichen Facette spiegelt sich die Gegenwart Gottes.»

1.2. Audio Aufwachsen in Widersprüchen (1989)
Im paradoxen Sinn erfahren
Vortrag und Dialog
Teil 3 in folgende Themen zusammengefasst:
(07:57) Ein Psychotherapeut berichtet / (10:02) Bruder David zum Ausdruck ‹Seele›, zum Thema Reinkarnation im Zusammenhang mit dem Buddhismus

1.3. Retreat-Woche in Assisi (1989)
Das Glaubensbekenntnis mit eigenen Worten zusammenfassen — Ausklang mit Rilke Gedichten und dem Thema Reinkarnation:
(20:05-39:47) Bruder David beantwortet Fragen zur Seelenwanderung, Reinkarnationstherapie, Fegefeuer, Hölle, jüngstes Gericht
(39:47) Im Jetzt leben: Deshalb das Desinteresse der jüdischen Propheten an Themen, die in den Religionen ihrer Nachbarvölker einen zentralen Platz einnehmen — «Von einem einzigen Punkt aus, wenn ich wirklich da bin, habe ich zu allem Zugang»:
Bruder David ermutigt zum wissenden Nichtwissen

2. Text

2.1. SEELE, in: Das ABC der Schlüsselworte, im Buch: Orientierung finden (2021), 155f.:

«Seele wird in vielerlei Bedeutung, oft mit sehr ungenauer Definition verwendet, zum Beispiel unsre Psyche, unsre Innerlichkeit, der für unsterblich gehaltene Teil unsres Wesens, das Lebensprinzip in uns.

Für uns bedeutet Seele das, was einem Menschen seine Einzigartigkeit gibt.

Diese Definition ‒ eine altehrwürdige in der westlichen Philosophie ‒ versteht Seele nicht als Gegenpol zum Leib, wie etwa in dem Ausdruck ‹mit Leib und Seele›, sondern weist darauf hin, dass jeder Mensch ein Selbst ist, obwohl das eine Selbst doch unteilbar ist.

Das Wort Seele weist auf die überraschende Tatsache hin, dass wir Bekannte nach Jahrzehnten wiedererkennen. Sie bleiben sie selbst.

Wie aber kann das Selbst, das für uns alle ein und dasselbe ist, zugleich unsre Individualität kennzeichnen?

Was unterscheidet uns dann?

Es ist unsre Körperlichkeit.

Aber es ist eben eine beseelte Körperlichkeit, ein menschlicher Leib, der Anteil hat am allen Menschen gemeinsamen Selbst.

Was aber macht unsre Teilnahme am unteilbaren Selbst möglich?

Die Antwort auf diese Frage lautet: unsre Seele!

Antwort, aber nicht Begründung.

Unsre Einzigartigkeit lässt sich nicht begründen, sondern ist eine Gegebenheit, die wir feststellen.

Die Tatsache, dass ein und dasselbe Selbst sich uns in einer unerschöpflich scheinenden Vielfalt darstellt, macht den Begriff Seele notwendig.

Um dies richtig zu verstehen, müssten wir eigentlich mit dem Staunen darüber beginnen, dass das eine unteilbare Selbst uns in einer solchen Vielfalt von Menschen begegnet, von denen jeder mit Recht ‹lch-Selbst› sagen kann.

Seele ist unser Anteil an etwas, was unteilbar ist.

Dieses Paradox ist im abstrakten Begriff ‹Seele› zusammengefasst ‒ und häufig personifiziert.»

2.2. TRANSKRIPTION DES SEMINARS (2014) Teil II, 148-150 (siehe auch Audio Tag 5,1)

(38:12) Eine Teilnehmerin: «Bruder David, Du hast vom Selbst gesprochen, wie ist der Zusammenhang zur Seele?»

(38:23-44:16) Bruder David: «Das ist eine wichtige Frage: die Beziehung vom Selbst zur Seele. Ich vermeide den Ausdruck Seele soweit wie möglich, und zwar deshalb, weil es so wie Gott so ein Begriff ist, der immer missverstanden wird. Die meisten Menschen stellen sich die Seele als so irgendein kleines weißes Wesen vor: hoffentlich weiß, nicht befleckt, so innen drinnen, und wenn wir sterben kommt’s heraus und fliegt davon. Man sieht das sogar auf mittelalterlichen Bildern: Der Marientod. Maria liegt dort und die kleine Seele kommt heraus und Christus empfängt sie und trägt sie in den Himmel.

Das ist ein gutes Bild, besonders für Kinder, aber es ist in der westlichen Philosophie ganz klar ausgedrückt, was Seele bedeutet:

Es klingt technisch, aber die Definition von Seele ist ‹Forma corporis› — und das heißt: was diesen Leib zu diesem Leib macht.

Forma im Zusammenhang mit den Causae des Aristoteles, den drei Ursachen, für alles, was es gibt und eine davon ist die Forma. Und die Forma ist, was ein Tisch zum Tisch macht, und was eine Feder zur Feder, und was mich zu ‹mich› macht. Und das ist, was diesen Leib zu diesem Leib macht.

Und das ist ja die Schwierigkeit: Das Selbst ist unbegrenzt und ich bin begrenzt.

Im Selbst sind wir alle eins: Buddha-Natur, — Christus lebt in uns, — Atman.

Als Ich sind wir ganz verschieden und kenntlich verschieden, nach einiger Zeit erkennt man uns noch.

Und ich hab gesagt: Wieso erkennt man jemanden noch, warum bin ich noch derselbe nach so vielen Jahren, wenn schon jedes Molekül meines Körpers ausgewechselt ist?

Ich habe gesagt, weil eben das Selbst in mir gleichbleibt.

Aber Seele heißt jetzt: Dass dieses Selbst sich in diesem Ich einzigartig und einmalig ausdrückt. Also Seele ist nicht Etwas, Seele ist sozusagen ein Formular.

Wenn man es so versteht ein wichtiger und hilfreicher Ausdruck: Es ist was mich zu mich selbst macht, dieses Ich zu diesem Ich macht.

Dieser Leib, jede und jeder von uns, ist Verleiblichung des Selbst, aber eine ganz einzigartige Verleiblichung des einen und einzigen Selbst.

Und dieser Zusammenhang — wenn man sich natürlich Gedanken macht — ist ausgedrückt in diesem Formular Seele.

Darum sind wir so verschieden und doch eins, weil jede und jeder von uns eine Seele hat.

Und die Seele ist unsterblich, weil das Selbst nicht sterben kann, darum unsterbliche Seele.

Das heißt, wer ich wirklich bin, was mich zu mich macht, ist nicht vergänglich.

Alles Übrige ist in mir schon mehrmals gestorben. In jeder Sekunde sterben Millionen roter Blutkörperchen und Millionen werden geboren. Es ändert sich alles. Aber doch bleibt es gleich, und das ist die Seele, was mich zu mich macht. Es ist ein schwieriger Begriff, weil das Ganze schwierig ist, aber es sollte klar sein wenigstens! … sagt immer: ‚Es sollte wahr sein, nicht nur klar sein‘. (Lachen). — Es ist wenigstens klar.

(44:26-44:55) Es ist eine wichtige Frage, und wenn wir es so verstehen, hoffe ich auch verständlich, warum man das so im Hintergrund behalten kann und eigentlich nur vom Ich-Selbst und von den traurigen Möglichkeiten des Ich: wenn das Ich das Selbst vergisst, zu sprechen und die Seele nicht ausdrücklich zu erwähnen. Aber ist schon wichtig, zu wissen, was wir damit meinen.»

2.3. Im Buch Wendezeit im Christentum: (2015), TEIL 3: Gespräch von Fritjof Capra mit Bruder David und Thomas Matus, 125-127:

«Fritjof Capra: Was bedeutet es also, dass der Mensch als Abbild Gottes geschaffen wurde? Anscheinend wurden die Tiere nicht als Abbild Gottes geschaffen. Oder doch? Adam gab ihnen Namen, und er erhielt die Herrschaft über sie. Sie kennen ja diese Geschichte. Wie kann man das in der vom neuen Paradigma bestimmten Theologie umformulieren?

Vielleicht könnten wir damit beginnen, dass wir uns auf die Vorstellung einer unsterblichen Seele konzentrieren, die meines Wissens in der christlichen Theologie eine ausschließlich menschliche Eigenschaft ist.

Menschen sollen angeblich eine unsterbliche Seele haben, Tiere und Pflanzen aber nicht.

Thomas Matus: Wer behauptet denn das?

Fritjof Capra: Mein Religionslehrer in der Schule.

Bruder David: Im neuen Paradigma muss man diese Geschichte so verstehen, dass alles durch den Atem Gottes geschaffen wurde. ‹Sendest Du Deinen Geist aus, so werden sie alle erschaffen …›

Thomas Matus: ‹… Und Du erneuerst das Antlitz der Erde. Nimmst Du ihnen den Atem, so schwinden sie hin› (Psalm 104).

Bruder David: Der ‹Geist des Herrn›, sein Atem, ‹erfüllt die Erde und hält alles zusammen›. Das ist eine biblische Aussage. Dementsprechend sind alle Pflanzen und Tiere, ist alles vom Lebensatem Gottes erfüllt.

Der Mensch wird in diesem Zusammenhang besonders erwähnt, weil das uns am meisten betrifft und weil wir es aus unserem Inneren heraus wissen.

Wir Menschen leben durch Gottes eigenes Leben, und wir können Gott erkennen, werden Gott von Angesicht zu Angesicht schauen.

Fritjof Capra: Dann ist also der Geist Gottes, oder die Seele, nicht etwas, was den Menschen von anderen Wesen unterscheidet.

Bruder David: Nicht nach den biblischen Begriffen. ‒ Das ist eine philosophische Vorstellung, die erst viel später aufkommt.

Die Vorstellung einer unsterblichen Seele im landläufigen Sinn ist strenggenommen nicht biblisch.

Fritjof Capra: Wie steht es dann um die Unsterblichkeit und ein Leben nach dem Tode?

Thomas Matus: Das findet man nur in einem Buch der Bibel, im Alten Testament und zwar in ‹Das Buch der Weisheit› (Die Weisheit Salomos), das übrigens weder von jüdischen Gelehrten noch von Protestanten anerkannt wird. Vom römisch-katholischen Standpunkt gehört es zu den kanonischen Büchern der Heiligen Schrift. Genauer gesagt, bezeichnet man es als ‹deuterokanonisch›, ein der hebräischen Bibel nach ihrer Übersetzung ins Griechische hinzugefügtes Buch.

Bruder David: Das ist ein dünnes Rinnsal, und selbst die Auferstehung Jesu hat äußerst wenig, wenn überhaupt etwas, mit der Unsterblichkeit der Seele zu tun.

Das ist eine griechische Vorstellung, die aus der griechischen Philosophie in die christliche Überlieferung übernommen wurde.

Fritjof Capra: Die Auferstehung ist aber doch etwas Menschliches, nicht wahr? Pflanzen erfahren keine Auferstehung.

Thomas Matus: Im Gegenteil. Es gehört zum alten Paradigma, zu sagen, dass unsere Lieblingstiere nicht in den Himmel kommen werden. Das ist eine der schlimmsten Geschichten, die man jemals Kindern erzählt hat. Das ist keine Theologie, sondern kultureller Ballast, ein Sammelsurium von Plunder, aber keine Theologie.

Fritjof Capra: Wie deuten Sie dann das Glaubensbekenntnis, das von der Auferstehung des Fleisches und vom ewigen Leben spricht? Allgemein wird das doch als eine ausschließlich dem Menschen vorbehaltene Zukunft, als die Erlösung verstanden.

Bruder David: Aber nur in der landläufigen Meinung. Richtig verstanden bedeutet es kosmische Erneuerung.»]

_____________________

[1] Bruder David spricht das Gedicht im Audio «Wähle das Leben» (5. Mose 30,19) ‒ Überlegungen zu Tod, Sterben, Leben (1992)
Vortrag
(05:21)
‹Die Blätter fallen› (Rilke, Herbst)

[2] Siehe das Gedicht: «Nichts Vergängliches vergeht», in: Werner Bergengruen: «Die heile Welt: Gedichte», Zürich, im Verlag der Arche 19626, 20; siehe auch TRANSKRIPTION DES SEMINARS (2014) Teil II, 110

[3] «In elegantem Latein definiert Augustinus Ewigkeit als ‹nunc stans›: Das ‹Jetzt›, das nicht vergeht, weil es jenseits aller Zeit ‹steht›. Ewigkeit hebt die Zeit auf.» (Ebd. 223); siehe auch TRANSKRIPTION DES SEMINARS (2014) Teil II, 90f.

[4] Credo: Ein Glaube, der alle verbindet (2012), 208, 213, 219, 208f.

[5] «‹Das Angesicht, das wir hatten, vor unserer Geburt›, wie die Buddhisten sagen, ist die Christus-Wirklichkeit. Das bedeutet nicht, eng gesprochen, Jesus von Nazareth; es bedeutet: Christus. Die Christus-Wirklichkeit ist nicht von Jesus zu trennen, ist aber nicht auf ihn beschränkt. Es kommt dem sehr nahe, was die Buddhisten ‹Buddha-Natur› nennen, oder was die Hindus als ‹Atman› bezeichnen, die letztlich bleibende Realität.» [Sterben lernen (2005)]; siehe auch: Was bedeutet uns Jesus Christus heute (2005)
Vortrag:
(23:41) «Jesus und Christus bilden zwei Pole in einem Spannungsverhältnis: Jesus ohne Christus ist für uns nicht verbindlich, Christus ohne Jesus ist eine mystische Erfahrung ohne Bezugspol in der Außenwelt. Die Spannung zwischen diesen beiden Polen wird in jeder geschichtlichen Epoche neu und auf verschiedene Weise erlebt.»

[6] Sterben lernen (2005)

[7] Siehe Stillehalten: «All is always now.» T. S. Eliot: Four Quartets: Burnt Norton, V, siehe auch: TRANSKRIPTION DES SEMINARS (2014) TEIL II, 83, 90

[8] Credo: Ein Glaube, der alle verbindet (2012), 220



Quellenangaben

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