Text, Film und Audios von Br. David Steindl-Rast OSB

loslassen titelCopyright © - Barbara Krähmer

Die Frage, mit der wir uns beschäftigen müssen, lautet: Wie kommt man von der mystischen Erfahrung zur etablierten Religion?

Meine Antwort heißt kurz und knapp: unvermeidlich. Unvermeidlich macht diesen Prozess der Umstand, dass wir mit unserer mystischen Erfahrung das tun, was wir mit jeder Erfahrung tun: Wir versuchen sie zu verstehen; wir entscheiden uns für oder gegen sie; wir bringen unsere Gefühle bezüglich ihrer zum Ausdruck. Sobald man das mit seiner mystischen Erfahrung tut, hat man alle Elemente für die Gründung einer Religion beisammen. Das lässt sich aufzeigen.

Wenn wir Augenblick um Augenblick dieses und jenes erfahren, geht dabei unser Verstand ständig mit; er interpretiert dauernd, was wir wahrnehmen. Das ist besonders dann so, wenn wir einen dieser zutiefst sinn-erfüllten Augenblicke haben:

Unser Verstand fällt über diese mystische Erfahrung her und fängt an, sie zu interpretieren. An diesem Punkt beginnt die religiöse Doktrin. Es gibt auf der ganzen Welt keine Religion, die nicht ihre Doktrin hätte, ihre Glaubenslehre.

Und es gibt keine religiöse Doktrin, deren Wurzeln man nicht letztlich auf eine mystische Erfahrung zurückführen könnte ‒ das heißt, wenn man dafür Zeit und Geduld genug hätte, denn diese Wurzeln können recht lang und verwickelt sein.

Sogar wenn Sie sagen würden: «Meine persönliche Religion hat keine Doktrin, denn ich weiß, dass meine tiefste religiöse Wahrnehmung nicht in Worte zu fassen ist», wäre dies genau das, wovon wir sprechen: eine intellektuelle Interpretation ihrer Erfahrung. Ihre «Doktrin» wäre ein Stück der sogenannten negativen (apophatischen) Theologie[1], die man in den meisten Religionen findet.

Manche von uns haben eine stärkere Neigung zum Intellektuellen als andere und sind schneller dabei, Erfahrungen gründlich zu überdenken; aber in einem gewissen Maß tun wir das alle.

Jedoch bleibt es nicht dabei, uns bloß eine Meinung zu bilden, sondern auf deren Grundlage ergreifen wir für die eine oder andere Seite Partei; wir möchten etwas haben oder lehnen es ab.

Das tut unser Wille.

Sobald wir etwas als für uns gut erkennen, wünschen wir uns das unwillkürlich. Aus diesem Grund fangen wir an, ihm bereitwillig nachzugehen.

In dem Augenblick, in dem wir das mystische Glück des Dazugehörens zum allumfassenden Ganzen verkosten, sagen wir dazu ein bereitwilliges «Ja».

In diesem bedingungslosen «Ja» steckt die Wurzel der Moral[2].

Deswegen lassen sich alle moralischen[3] Systeme letztlich darauf zurückführen, dass man so handelt, wie man handelt, wenn man das Gefühl hat, zu etwas zu gehören.

In Interaktion mit der Welt ist immer der ganze Mensch, aber wenn die Interaktion auf das Erkennen zielt, sprechen wir vom Intellekt.

Steht das Begehren im Vordergrund, so sprechen wir vom Willen.

Der Intellekt siebt aus, was wahr ist; der Wille streckt sich nach dem aus, was gut ist.

Aber es gibt auch noch eine dritte Dimension der Wirklichkeit: die Schönheit.

Mit etwas Schönem tritt unser ganzes Wesen in Resonanz, so wie vielleicht ein kristallener Lampenschirm jedes Mal klirrt, wenn man auf dem Klavier ein Cis-Dur anschlägt.

Wenn dieses Gefühl der Resonanz (oder unter anderen Umständen der Dissonanz) unsere Interaktion mit der Welt bestimmt, sprechen wir von Emotionen.

Wie freudig treten die Emotionen mit der Schönheit unserer mystischen Erfahrung in Resonanz!

Je stärker sie anschlagen, desto intensiver genießen wir diese Erfahrung. Es kann dann sein, dass wir uns noch nach vielen Jahren genau an den entsprechenden Tag und die Stunde erinnern. Vielleicht gehen wir dann wieder zu der Gartenbank, auf der uns der Gesang einer Drossel ganz hingerissen hatte. Auch wenn wir diesen Vogel womöglich nie mehr hören, kann uns das trotzdem zum Ritual werden, und damit ist dann eine Art von Pilger-Ritual an einem für uns ganz persönlichen heiligen Ort entstanden.

Auch das Ritual ist ein Element jeder Religion.

Und jedes Ritual auf der Welt feiert in der einen oder anderen Form das Dazugehören; es ist ein Verweis auf jenes letzte Dazugehören, das wir in Augenblicken mystischer Achtsamkeit erfahren.

Die Antwort, die wir in solchen Augenblicken geben, kommt immer aus ganzem Herzen.

Im Herzen, also im Kern der menschlichen Person, bilden Verstand, Wille und Emotionen immer noch ein integrales Ganzes.

Aber sobald die Reaktion des Herzens sich in Form von Denken, Wollen oder Empfinden ausdrückt, wird die ursprüngliche Ganzheit dieser Reaktion gebrochen.

Aus diesem Grund sind wir mit den einzelnen Ausdrucksweisen dieser tiefsten Einsichten in Wort oder Bild nie ganz zufrieden.

Genauso wenig sind es unser Wille zum Engagement für Gerechtigkeit und Frieden sowie unser Ja zum Dazugehören, selbst wenn das auf der praktischen Ebene genauso aus ganzem Herzen kommt wie in unseren Augenblicken mystischen Einsseins.

Zudem gelingt es unseren Gefühlen oft nicht, die Schönheit wirklich zu feiern, die wir einen Augenblick lang unverhüllt zu erblicken vermochten, diese Schönheit, die weiterhin durch den Schleier unserer Alltagswirklichkeit hindurchscheint.

So tragen Lehre, Moral[4] und Ritual sogar schon in diesen frühesten Knospen der Religion den Stempel unserer Unzulänglichkeiten.

Aber dennoch erfüllen sie eine ganz wichtige Funktion: So unvollkommen es sein mag, halten sie uns jedenfalls in Verbindung mit der Wahrheit, Güte und Schönheit, die uns einmal überwältigt hatten.

Das ist der herrliche, glänzende Zug jeder Religion.

Solange bei einer Religion alles seinen rechten Weg nimmt, wirken Lehre[5], Moral[6] und Ritual wie ein Bewässerungssystem und bringen aus der Quelle der Mystik immer wieder frisches Wasser ins Alltagsleben. Die Religionen sind untereinander verschieden, genau wie das auch bei Bewässerungssystemen der Fall ist. Dabei gibt es objektive Unterschiede: Manche Systeme sind einfach effizienter als andere. Aber wichtig sind auch subjektive Vorlieben. Der Mensch neigt dazu, das System besonders zu schätzen, das er gewöhnt ist; seine Vertrautheit mit ihm macht es für ihn effizienter, ganz gleich, welche anderen Modelle auch noch auf dem Markt sein mögen.

Auch die Zeit hat ihren Einfluss auf das System:

Die Rohre neigen dazu, rostig zu werden und Lecks zu bekommen, oder sie werden verstopft. Dann bleibt womöglich vom Strom aus der Quelle bloß noch ein schwaches Herauströpfeln übrig.

Glücklicherweise ist mir noch keine Religion begegnet, deren System überhaupt nicht mehr funktioniert hat.

Aber leider beginnt die Verschlechterung bereits ab dem Tag, an dem das System installiert wird.

Ganz zu Anfang ist die Doktrin einfach nur die Interpretation der mystischen Wirklichkeit; sie entspringt aus dieser und führt wieder zu ihr zurück. Aber dann beginnt der Verstand diese Interpretation zu interpretieren. Kommentare um Kommentare werden auf der ursprünglichen Lehre aufgestapelt. Mit jeder neuen Interpretation der vorherigen entfernen wir uns von der Erfahrungsquelle weiter weg.

Die lebendige Doktrin versteinert zur Dogmatik.

Ein ähnlicher Prozess spielt sich unvermeidlich auch mit der Ethik ab. Anfangs formulieren moralische Vorschriften bloß, wie man das mystische Einssein ins praktische Leben umsetzen soll. Die Vorschriften erinnern uns nur daran, dass wir so handeln sollen, wie man unter Menschen handelt, die zusammengehören, und so verweisen sie weiterhin auf unser tiefstes, mystisches Gefühl des Dazugehörens zurück.

Die Tatsache, dass eine Gemeinschaft oft einen zu engen Kreis um sich selbst zieht, steht auf einem anderen Blatt. Das ist einfach nur eine unzureichende Übersetzung der ursprünglichen Intuition. Der Kreis des mystischen Einsseins ist allumfassend.

Weil wir es zum Ausdruck bringen wollen, dass wir uns unwandelbar dem Gutsein verschreiben möchten, das uns in mystischen Augenblicken aufgeblitzt ist, meißeln wir die Moralvorschriften in steinerne Tafeln ein.

Aber indem wir das tun, machen wir den Ausdruck unserer Selbstverpflichtung unabänderlich. Wenn sich dann die Umstände ändern und nach einer neuen Ausdrucksweise dieser gleichen Verpflichtung verlangen, bleibt das, was wir tun und lassen sollten, starr im Stein eingemeißelt und lässt sich nicht ändern.

Damit wird dann aus der Moral Moralismus.

Und was passiert mit dem Ritual?

Wie wir gesehen haben, ist es zunächst eine wahre Feier. Wir feiern, indem wir uns dankbar erinnern. Alles andere ist freigestellt. Das besondere Ereignis, das wir feiern, löst einfach diese dankbare Erinnerung aus, eine Erinnerung an die Augenblicke, in denen wir uns am tiefsten unseres grenzenlosen Dazugehörens bewusst waren.

Als Erinnerungsakt und Erneuerung unseres endgültigen Verbundenseins hat jede Feier religiöse Obertöne, Echos des mystischen Einsseins. Das ist auch der Grund dafür, dass wir, wenn wir feiern, den Wunsch haben, alle, die in besonderer Weise zu uns gehören, sollten dabei anwesend sein. Auch die Wiederholung ist ein Bestandteil der Feier.

Immer wenn wir zum Beispiel einen Geburtstag feiern, wird dieser Tag angereichert mit all den Erinnerungen an die vorhergehenden Geburtstagsfeiern.

Aber das Wiederholen hat seine Gefahren, insbesondere für das Feiern religiöser Rituale. Weil diese so wichtig sind, möchten wir ihnen die perfekte Form geben. Doch ehe wir es recht merken, sind wir dann bald mehr auf die Form als auf den Inhalt bedacht.

Wenn die Form formalisiert wird und der Inhalt in Vergessenheit gerät, verkommt das Ritual zum Ritualismus.

So traurig es ist: Eine sich selbst überlassene Religion wird irreligiös.

Als ich einmal in Hawaii über einen immer noch heißen Vulkanfelsen ging, kam mir ein Bild für diesen Prozess, und zwar eines nicht mit Wasser, sondern mit Feuer. Die Anfänge der großen Religionen waren wie die Ausbrüche eines Vulkans.

Da war Feuer, Hitze, Licht: das Licht der mystischen Einsicht, die in einer neuen Lehre frischen Ausdruck fand; die Glut von Herzen voller Hingabe, die zur begeisterten Gemeinschaft wurden; und eine Feier, die feurig wie neuer Wein war. Das Licht der Lehre, die Glut ethischen Engagements, das Feuer der Ritualfeier waren Ausdrucksweisen, die glühend rot aus den Tiefen des mystischen Bewusstseins hervorquollen. Aber als dieser Lavastrom dann an den Hängen des Berges herabfloss, begann er sich abzukühlen. Je weiter er sich von seinen Ursprüngen entfernte, desto weniger sah er nach Feuer aus; schließlich gerann er zu Stein. Dogmatik, Moral, Ritual:

Das alles sind Schichten von Asche-Ablagerungen und vulkanischem Fels, die sich zwischen uns und das feurige Magma tief unten geschoben und uns von ihm getrennt haben.

Aber es gibt Risse und Spalten im geronnenen Feuerfels der alten Lavaflüsse: heiße Quellen, Gas- und Wasserdämpfe aus den Rissen und Geysire; gelegentliche Erdbeben und kleinere Vulkanausbrüche.

Sie stellen die großen Menschen dar, welche die religiöse Tradition von innen her reformiert und erneuert haben. Das ist auf die eine oder andere Weise auch unsere Aufgabe. Jede Religion hat einen mystischen Kern.

Die Herausforderung besteht darin, zu ihm vorzustoßen und aus seiner Kraft zu leben. Von daher gesehen ist jede Generation von Gläubigen aufs Neue aufgerufen, ihre Religion wieder wirklich religiös werden zu lassen. Das ist der Punkt, an dem die Mystik mit der Institution zusammenstößt.

Religiöse Institutionen brauchen wir. Gäbe es sie nicht, so würden wir sie schaffen.

Das Leben erschafft Strukturen. Man denke nur an die genialen Konstruktionen, die das Leben erfindet, um seine Samen zu schützen: alle diese Hülsen, Hüllen, Schoten, Schalen, Spelze, Kapseln, die man im Herbst an einer Hecke findet.

Wenn der Frühling kommt, knackt das Leben von innen her diese Behälter (sogar harte Walnuss-Schalen!) auf und bricht heraus. Kruste, Rinde, Schale platzen auf und fallen weg.

Unsere Sozialstrukturen dagegen haben die Tendenz, sich zu verewigen. Bei religiösen Institutionen ist es weniger wahrscheinlich als bei Samenhülsen, dass sie für das neue, in ihrem Inneren sich regende Leben aufplatzen.

Obwohl das Leben (immer und immer wieder) Strukturen erschafft, erschaffen Strukturen leider kein Leben.

Diejenigen, die am engsten mit dem Leben verbunden sind, das die Strukturen geschaffen hat, werden den größten Respekt vor ihnen haben; aber sie werden auch die ersten sein, die verlangen, dass Strukturen, die nicht länger das Leben fördern, sondern es behindern, geändert werden müssen.

Deshalb werden die am engsten mit dem mystischen Kern der Religion Verbundenen innerhalb des Systems oft zu unbequemen Aufrührern.

Wie echt ihr Anliegen ist, wird sich daran zeigen, wie groß ihr Mitgefühl und Verständnis für diejenigen ist, denen sie die Stirn bieten müssen; schließlich kommen die Mystiker aus einem Bereich, wo «wir» und «sie» ein und dasselbe ist.

In manchen Fällen sind hohe Vertreter der institutionellen Religion selbst Mystiker, wie das zum Beispiel bei Papst Johannes XXIII. der Fall war.

Das sind Männer und Frauen, die es spüren, wenn es an der Zeit ist, dass die Strukturen dem Leben Raum geben müssen.

Sie vermögen zu unterscheiden zwischen der Treue zum Leben und der Treue zu den Strukturen, die in der Vergangenheit das Leben hervorgebracht hatten, und sie setzen die richtigen Prioritäten.

Das tat zum Beispiel auch Rumi, der schrieb:

Erst wenn Treue
zum Verrat wird
und Verrat zur Treue
kann jeder Mensch
Teil der Wahrheit werden.
[7]

Man beachte, dass hier «Verrat» ‒ oder das, was als solcher angesehen wird ‒ nicht der letzte Schritt ist.

Es gibt einen weiteren Schritt, bei dem der «Verrat» zur «Treue», zum Glauben wird.

Dieses Herausgehen und Zurückkommen stellt den Weg des Helden[8] dar; zugleich ist es die Aufgabe von uns allen.

Der Glaube (das heißt das mutige Vertrauen) lässt die institutionellen Strukturen los und findet sie damit auf einer höheren Ebene wieder ‒ immer und immer wieder.

Dieser Prozess ist so schmerzlich wie das Leben und genauso überraschend wie dieses.

Eine der großen Überraschungen ist die, dass das Feuer der Mystik sogar die tödliche Starre von Dogmatismus, Legalismus und Ritualismus zu schmelzen vermag.

Durch den Anblick oder die Berührung solcher, deren Herzen brennen, beginnen Doktrin, Ethik und Ritual von der Wahrheit, Güte und Schönheit ihres ursprünglichen Feuers zu glühen.

Der tote Buchstabe wird lebendig und atmet Freiheit.

Ein Uneingeweihter liest in Exodus 32,16 von «Gottes Schrift, in die Tafeln eingegraben».

Aber im hebräischen Text stehen nur die Konsonanten: «chrth». Mystiker, die zufällig Rabbis sind, sagen beim Anblick dieses Worts:

«Lies nicht ‹charath› (‹eingegraben›), sondern ‹cheruth› (‹Freiheit›)!»

Es braucht Mut und visionäre Fähigkeit dazu, über unser derzeitiges Verständnis hinauszublicken.

Kinder tun das die ganze Zeit und es fällt ihnen viel leichter als den Erwachsenen.

So schrieb zum Beispiel einmal eine Schülerin mehr, als ihr selbst dabei bewusst war: «Früher versteinerten viele tote Tiere, aber andere wurden lieber zu Öl.»

Das ist auch den Mystikern lieber. Im Leben wie im Tod nähren sie das Feuer der Religion.[9]

[Ergänzend:

1. Film

Vom Ich zum Wir (2021): «Menschenwürde und allgemeinmenschliche Religiosität»: Bruder David im Interview mit Egbert Amann-Ölz im Rahmen des Online-Pfingstkongresses (14.-24. Mai 2021), siehe auch Mitschrift Pfingstkongress, 4-7:

(20:22) «Und diese Auseinandersetzung mit dem Geheimnis also ist, was ich Religiosität nenne. Und die drückt sich jetzt in Religionen aus. Und zwar kommen im Lauf der Geschichte tiefreligiöse Menschen immer wieder, die ihre – unsere – Begegnung mit dem großen Geheimnis durch Worte, durch eine Lehre, durch Moral – eine Ethik – und durch Rituale ihren Zeitgenossen zugänglich machen. Und eine Religion ist die kulturelle Zugänglichmachung unserer allgemeinmenschlichen Religiosität durch eine Religion eben.

Und die Religionen sind zu verschiedenen Zeiten und in ganz verschiedenen kulturellen Umfeldern entstanden und dadurch unterscheiden sie sich. Sie unterscheiden sich auch noch – ja, ja – durch alle die Eigenheiten, die da eben damit gegeben sind. Außerdem durchlaufen sie … die großen Religionen haben schon eine lange Geschichte durchlaufen und die Geschichte hat sie auch geformt und leider auch verformt in mancher Hinsicht, und zwar neigen diese drei Aspekte jeder Religion, von denen ich gesprochen hab: Die Lehre, die Moral und das Ritual neigen dazu sich zu verhärten.

Und das Bild, das ich gerne gebrauche, ist lebendiges Wasser, das da zuerst aussprüht: Aus einem Brunnen, den dieser Religionsstifter oder Religionsstifterin gebaut hat, kommt dieses lebendige Wasser hervor, aber die Atmosphäre unserer Welt ist sehr kalt und es gefriert.

Und so gefriert die Lehre und sie wird dogmatistisch: Ich hab nichts gegen Dogmen, wenn man sie richtig versteht, aber sie werden meistens missverstanden: dogmatistisch: Wir wissen, was wir damit meinen.

Die Moral wird moralistisch und versteift sich, ist eingefroren, kann sich nicht mehr mit ethischen Problemen auseinandersetzen, die erst jetzt überhaupt zustande gekommen sind, die zu der Zeit dieser Religionsstifter überhaupt nicht da waren – eine ganz andere Situation: Also muss sich auch die Moral anpassen aus der Kraft der inneren Ethik heraus.

S.H. der Dalai Lama hat ja ein Buch geschrieben: ‹Ethik ist wichtiger als Religion›, so heißt das Buch. Das ist seine Botschaft, aber damit meint er mit Ethik, was ich Religiosität nenne. Ich kann das völlig anerkennen, aber ich übersetze es und sage: Religiosität ist wichtiger als Religion. Das heißt: Lebendige Religiosität ist wichtiger als religiöse Formen. Das steht dahinter.

Das gilt eben auch für die Moral und es gilt für die Rituale: Die Rituale können auch einfrieren und niemandem mehr etwas bedeuten und müssen wieder aufgetaut werden.

Nun ist aber die große Frage: Wie kann man überhaupt eine eingefrorene Religion wieder auftauen? Und meine Antwort ist: Mit unserer eigenen Herzenswärme. Das ist das Einzige: Mit unserer eigenen Herzenswärme.»

2. Audios

2.1. Audio-Vortrag: Die Weisheit, die alle verbindet ‒ Wie die Religionen zusammenfinden können (2010), sowie: Mitschrift, 2, 5-8:
«Wie kommt man von der Religiosität zu den Religionen? Die Religionen sind ja etwas anderes. Religionen sind geschichtliche Formen, Institutionen, von denen wir uns hier umgeben wissen. Unsere Religiosität, das ist etwas ganz Innerliches. Wie kommt man von der einen zu der anderen?»

2.2. Wie das Göttliche in uns wächst (2005)
Vortrag und wortgenaue Mitschrift in den folgenden 8 Audios:
Audio: Einführung, das Mehr und vier Fragen (Mitschrift):
Was ist Spiritualität und wie ist das Verhältnis zur Religion?
Audio: Die mystische Erfahrung ist religionsschöpferisch (Mitschrift):
Wie kommt man von der lebendigen Spiritualität zu den Religionen?
Audio: Das Herz der Religion ist die Religion des Herzens (Mitschrift):
Von der mystischen Erfahrung des Gründers zur Verhärtung im Laufe der Zeit

2.3. Audio Aufwachsen in Widersprüchen (1989)
Dialog mit David Steindl-Rast
Teil 3 in folgende Themen zusammengefasst:
(00:00) Der Zusammenhang von persönlicher Religiosität und Kirche, bzw. Religion / (01:18) Die persönliche Gotteserfahrung als Ausgangspunkt ‒ ‹Ich bin durch Dich so Ich› (E.E. Cummings) / (03:36) Vom Erlebnis zur Lehre ‒ ‹Negative Theologie› / (07:33) Vom Erlebnis zur Moral / (11:00) Vom Erlebnis zum Ritual / (12:10) Von der Lehre zu Lehrsätzen ‒ Gefahr des Dogmatismus / (14:49) Von der Moral zum Moralismus / (16:43) Vom Ritual zum Ritualismus / Religion kann irreligiös werden ohne menschliches Verschulden / (20:33) Religion wieder religiös machen ‒ Ein Wort von Karl Rahner

2.4. Retreat-Woche in Assisi (1989)
«Wir müssen unsere Religion wieder religiös machen»
(00:00) Vom mystischen Erlebnis zur Lehre, Moral und Ritual: Wie der Verstand, der Wille und die Gefühle tätig werden und die Religionsgemeinschaft entsteht
(08:17) Wenn der Inhalt vergessen wird und die Formen verkalken: Dogmatismus, Moralismus, Ritualismus und unsere Aufgabe
(14:24) Die Last der Wirkungsgeschichte illustriert an drei Beispielen aus der Dogmatik, einer Stelle aus dem Galaterbrief (Gal 3,28) und dem Abendmahlsstreit
(21:56) Wo und wie bin ich in Gefahr zu verkalken?
(47:11) Immer wieder aufs Herz zurückkommen: Herz meint den ganzen Menschen, unsern ganzen Verstand, unsere ganze Gefühls- und Willenskraft

3. Texte

3.1. Im Buch: Orientierung finden (2021), 66-70:

«Vielleicht erhebt sich hier die Frage: Muss Religiosität sich in Religion ausdrücken?

Die Erfahrung zeigt, dass sich dies unvermeidlich immer wieder ereignet. Natürlich nicht unbedingt in den spezifischen Formen dieser oder jener Religion, unvermeidlich aber in einer Reihe von Formen, die für jede Religion typisch sind.

Führen wir uns diesen Prozess an einem Beispiel vor Augen. Erinnern wir uns an einen Augenblick höchster Lebendigkeit. Was immer die äußeren Umstände sein mögen ‒ und diese können ganz alltäglich sein ‒, das Geheimnis ergreift uns und einen zeitlosen Augenblick lang erleben wir beseligendes All-Eins-Sein mit uns selbst und mit dem All.

Solange dieses Erlebnis andauert, denken, wollen oder fühlen wir nichts ‒ oder vielleicht sollten wir sagen: Denken, Wollen und Fühlen sind ununterscheidbar eins in der allumfassenden Einheit unsres Erlebens.

Aber schon im nächsten Augenblick löst sich unser Denken aus dieser Einheit heraus und macht sich selbständig.

Unser Verstand fragt ‹Was war das?›

Nun haben wir aber etwas erlebt, was sich nicht in Begriffe fassen lässt. Wie sollen wir also darüber sprechen? Wie können wir uns selbst klarmachen, was wir erlebt haben, und die Freude daran mit andren teilen?

Dichtung ist der Ausweg, den Menschen in dieser Lage immer wieder finden. Nur Dichtung kann Ahnungen ausdrücken, die nur wie ein Duft an den Worten hängen.

So reden wir also über Begegnungen mit dem Geheimnis ‒ denn darum geht es ja hier ‒ immer, indem wir vertraute Begriffe verwenden, sie aber dichterisch überhöhen.

Darin liegt der Keim für die Lehre, für das intellektuelle Element jeder Religion.

Wenn wir vergessen, dass alle Texte, die über das Geheimnis sprechen, symbolisch zu verstehen sind, also nicht wörtlich, dann sind wir schon auf dem Holzweg.

So hat zum Beispiel der jüdische Religionswissenschaftler Pinchas Lapide (1922-1997) treffend gesagt:

‹Man kann die Bibel ernst nehmen oder wörtlich, beides zusammen ist nicht möglich.›

Ähnlich gilt das von den heiligen Schriften aller Religionen.

Sobald unser Verstand einige Klarheit über das eben Erlebte erreicht hat, kommt nun auch unser Wille unweigerlich zum Zug.

Er konzentriert sich auf die Glückseligkeit der All-Zugehörigkeit, die wir in unsrem Augenblick höchster Lebendigkeit erfahren haben, und setzt sich zum Ziel, nach diesem Glück zu streben:

‹Ja, so möchte ich leben, in der Freude völliger Zugehörigkeit aller zu allen!›

In diesem ‹Ja›, mit dem unser Wille sich auf Zugehörigkeit ausrichtet, liegt der Keim jeder Moral.[10]

Unter Moral verstehen wir hier die Form, in der die Ethik sich in einer bestimmten Kultur ausdrückt. Die Formen jeder Religion gehören ja der einen oder der andren Kultur an, also auch ihre Moral. Es kann sogar vorkommen, dass unethische Elemente einer Kultur unversehens in ihre religiöse Moral aufgenommen werden.

So sehr sich auch Moralsysteme voneinander unterscheiden, ja einander manchmal zu widersprechen scheinen, sie alle sagen auf ihre Weise:

So verhält man sich denen gegenüber, denen man angehört.

Sie unterscheiden sich nur durch die Weite des Kreises ihrer Zugehörigkeit. Im Laufe der Geschichte wurde dieser Kreis im Bewusstsein der Menschen weiter und weiter.

In unsren Tagen ist bereits jede Ausschließlichkeit unmoralisch geworden.

Nichts darf mehr ausgeschlossen werden.

Nicht nur allen Menschen schulden wir ethisches Verhalten, sondern auch allen Tieren, Pflanzen und sogar der ganzen unbelebten Natur.

Wie Religiosität sich in Religion ausdrückt, drückt Ethik sich in Moral aus.

Ethik, wie wir den Begriff hier verwenden, ist unsre Verantwortung vor dem großen Du, Moral ist der Versuch, unsre ethische Verantwortung in einer konkreten Kultur zum Ausdruck zu bringen.

Wenn S.H. der Dalai Lama sagt, ‹Ethik ist wichtiger als Religion› ‒ Buddhismus als Religion eingeschlossen ‒, so heißt das in der Sprache, die wir hier verwenden:

Religiosität ist wichtiger als Religion.

Dem stimmen wir vollkommen bei, denn ohne Religiosität bleiben die Formen der Religion leere kulturelle Erscheinungen.

Je vollkommener sich Religiosität/Ethik in einer bestimmten Religion ausdrückt, umso lebendiger und lebenspendender ist ihre Moral.

Wir haben hier beschrieben, wie Verstand und Wille Brücken schlagen vom religiösen Urerlebnis zu seinem Ausdruck in Lehre und Moral.

Aber auch unsre Emotionen reagieren unaufhaltsam auf das Gipfelerlebnis, von dem wir hier ausgehen.

Sie schwingen freudig mit, sie feiern.

Und dieses freudige Feiern ist der Keim, aus dem Rituale entstehen, die ein drittes Element jeder Religion darstellen.

Rituale, so verstanden, sind Handlungsweisen, die uns wach halten für Sinn und Ziel unsres Lebens, wie Lehre und Moral sie uns auf ihre Weise in Erinnerung rufen.

Da sind zunächst die Rituale wie für Hindus ein feierliches Bad im Ganges, die jüdische Seder-Mahlzeit oder das Anzünden von Räucherstäbchen im Buddhismus.

Auch in den Urkulturen finden wir vergleichbare Rituale, etwa Opfer oder die Jugendweihe.

Was sie aber auszeichnet ist, dass im Alltag jede Handlung zum Ritual werden kann.

Das bleibt auch für uns richtungsweisend. Durch Übung in Aufmerksamkeit können wir lernen, alles, was wir tun, im wachen Bewusstsein von Sinn und Ziel unsres Daseins zu tun.

Dadurch wird unser Leben zur Feier und wir entdecken ungeahnte Quellen der Freude im Alltag.

So regt die mystische All-Eins-Erfahrung unsrer Religiosität unumgänglich unser Denken, Wollen und Fühlen dazu an, die drei Grundsteine jeder Religion zu legen: Lehre, Moral und Riten.

Was wir hier im kleinen Maßstab beobachtet haben, das ereignet sich auch geschichtlich im großen Maßstab bei der Entstehung neuer Religionen.

Sie gehen auf das mystische Erleben der ReligionsgründerInnen zurück.

Dieses Erleben wird Ausdruck in einer Lehre finden, die dem intellektuellen Rahmen der Zeit angepasst ist.

Die mystische Erfahrung der Gründer wird sich auch in einem Moralsystem ausdrücken, welches das Ideal der Allzugehörigkeit in konkrete Formen übersetzt, die in der gegebenen Gesellschaft verwirklicht werden können.

Auch wird sie Rituale hervorbringen, deren Formen der Kultur dieser Zeit und dieses Ortes entnommen sind.

Das Wasser eines solchen neuen Brunnens kann, wenn die geschichtlichen Gegebenheiten das begünstigen, weiterfließen und zu einem breiten Strom anschwellen, der immer mehr Menschen neue Einsichten, ein neues Verständnis von Gerechtigkeit und neue Formen des Feierns schenkt.

Religionen neigen jedoch dazu, früher oder später ihre ursprüngliche Kraft zu verlieren.

Ein Grund dafür liegt darin, dass große Gemeinschaften es kaum vermeiden können, Institutionen zu werden. Alle Institutionen haben aber die Tendenz, ihren ursprünglichen Zweck zu vernachlässigen und stattdessen zum Selbstzweck zu werden.

Wir wissen aus bitterer Erfahrung, dass auch politische, akademische, medizinische und andre Institutionen zum Selbstzweck werden, nicht nur religiöse.

Eine weitere Gefahr für Religionen besteht darin, dass sie in den Bann des ‹Systems›[11] fallen können.

Wenn dies geschieht, friert ihre lch-Du-Spiritualität zu einer Ich-Es-ldeologie ein: Lehre, Moral und Ritual verwandeln sich in Dogmatismus, Moralismus und Ritualismus.

Was sollen wir tun, wenn diese Katastrophe unsre eigene Religion befällt und das lebendige Wasser, das einst aus ihrem Brunnen sprudelte, sich in Eis verwandelt?

Wir können dieses Eis immer wieder auftauen ‒ durch die Wärme der Religiosität unsres Herzens.

Das Herz jeder Religion ist die Religiosität des Herzens.

Religiosität kann Religion wiederbeleben.

Wo eben noch Eis war, sprudelt dann wieder lebenspendendes Wasser.

Ist es also nicht die Religiosität unsres Herzens, auf die alles ankommt?»

3.2. «Die Religion religiös machen», in: Verbunden trotz Abstand (2021), 57-67; siehe auch: Die Religion religiös machen im Buch Andere Wirklichkeiten (1984), 200-204:

«Wie gelangen wir von der religiösen Erfahrung, sagen wir des Gründers oder jedes Mitglieds einer bestimmten religiösen Gemeinschaft, zu den Religionen? Jeder Mensch, so behaupte ich, macht zwangsläufig drei Dinge mit dieser religiösen Erfahrung. Wir können gar nicht anders, wir tun das mit jeder Erfahrung, aber im Falle der religiösen Erfahrung wird es besonders deutlich.»

3.3 Ken Wilber und David Steindl-Rast im Dialog (2019):

Bruder David: «Nun können wir fragen, auf welche Weise die verschiedenen Religionen aus der uns allen gemeinsamen Religiosität entspringen. Ganz kurz gefasst: Zu verschiedenen Zeiten der Geschichte und inspiriert durch besonders religiöse Menschen ‒ die Religionsstifter ‒ bringt eine Gemeinschaft Religiosität zu einem für ihre Kultur stimmigen Ausdruck. Daraus kann eine Tradition entstehen, die in der Geschichte fortbesteht. Religiosität ist also der Mutterschoß, aus dem die Religionen geboren werden.»

«Leider finden viele Leute heute, dass ihre Religiosität in den ihnen vertrauten Formen der Religion nicht mehr ausgedrückt wird. …

Um zu beschreiben, wie ich diese zwei Dimensionen in meiner eigenen Religion erlebe, verwende ich die Metapher von rostigen Rohren. Die Formen sind verrostet, aber das Wasser, das hindurchfließt, ist immer noch das lebensspendende Wasser. Ich kann entweder auf den Rost schauen oder ich kann das Wasser trinken. Unser säkulares Klima ist jedoch kalt und das lebensspendende Wasser gefriert durch unsere kalte Gleichgültigkeit. Wir brauchen also eine Form der Lehre, die uns zurückführt zu der spirituellen Erfahrung, von der Ken gesprochen hat. Wir brauchen Rituale, die uns helfen, diese Erfahrung immer wieder lebendig zu erneuern. Und wir brauchen eine Moral, die zeitgemäß ausdrückt, wie Menschen handeln, wenn sie sich dessen bewusst sind, dass sie zusammengehören. Aber sehr oft gefriert die Lehre und wird zu Dogmatismus, das Ritual wird zu Ritualismus und die Moral wird zu Moralismus. Wie können wir dann dieses Eis wieder auftauen und in lebensspendendes Wasser verwandeln? Wir können dieses gefrorene Wasser nur durch die Wärme unseres eigenen Herzens auftauen ‒ durch das Feuer unserer Religiosität. Dann wird es wieder lebendiges Wasser für uns selbst und für alle, denen wir begegnen. Deshalb ist es so wichtig, immer und immer wieder zu unserer Religiosität tief in unserem Herzen zurückzukehren. Nichts anderes kann uns genug innere Wärme geben, um das Eis von Dogmatismus, Moralismus und Ritualismus wieder aufzutauen.»

3.4. Arbeit und Schweigen ‒ Handeln und Kontemplation im Buch Geist und Natur (1989), 292-294:

«Wie hängen Mystik und Religion zusammen?

Das ist die große Frage. Wie kommt man von dieser Religiosität, die allen Religionen gemeinsam ist, zu den Religionen, die sich oft gegenseitig in den Haaren liegen?

Die Antwort lautet: notwendigerweise. Ich verwende dieses Wort hier gern. ‹Notwendig› heißt ja nicht nur zwangsläufig, es bedeutet auch, dass dadurch eine Not gewendet wird. Und wir haben eine Not, die gewendet werden muss, nämlich wann immer wir in unseren Dunkelstunden mystische Tiefe erleben, Gott erleben, dann fühlen wir die Notwendigkeit, unser Erlebnis zu interpretieren. Unser Verstand findet es notwendig, zu interpretieren. Das führt zur Lehre, die ein Bestandteil jeder Religion ist.

Selbst wenn es sich um Ihre private Religiosität handelt und sie sagen: ‹Bei mir ist das ganz anders, ich weiß, dass man das nicht interpretieren darf und nicht interpretieren kann›, dann ist das ja auch eine Lehre, dann hat Ihr Verstand genau dasselbe gemacht, nur haben Sie die apophatische Theologie[12] entdeckt.

Die gibt es ja auch in allen Religionen. Es kommt nicht darauf an, was wir über unsere religiöse Erfahrung sagen, aber wir müssen etwas darüber sagen, und damit haben wir den ersten Bestandteil jeder Religion, die Lehre.

Die Lehre entspringt notwendigerweise aus der Religiosität. Sie entspringt notwendigerweise aus der Mystik. Nur läuft sie jetzt Gefahr, sich zu verhärten.

Im Augenblick, wo etwas ausgesprochen oder gar niedergeschrieben ist, beginnt es, sich zu verhärten. So läuft die Lehre immer Gefahr, doktrinär zu werden. Diese Gefahr müssen wir sehen. Sie ist da. Wenn wir sie nicht sehen, kann sie wirklich gefährlich werden. Wenn wir sie sehen, können wir ihr möglicherweise entgehen.

Aber unser Wille tut auch notwendigerweise etwas mit unserem mystischen Erleben. Unser Wille sagt: ‹Ja! Diese Zugehörigkeit möchte ich leben. Und das ist der Ursprungspunkt aller Moral. Denn alle Systeme der Moral, wo immer wir sie finden und wie sie sich auch in ihrem Ausdruck voneinander unterscheiden, haben alle eines gemeinsam: ‹So verhält man sich denen gegenüber, zu denen man gehört.›

Die Gefahr ist, dass wir den Kreis derer, zu denen wir gehören, viel zu eng stecken. In unserem mystischen Erlebnis wissen wir, dass wir alle zusammengehören, dass der Kreis ins Endlose geht. So entspringt dem mystischen Erlebnis notwendigerweise auch die Moral.

Nur ist auch die Moral, im Augenblick, wo sie ausgesprochen wird, in Gefahr, sich zu verhärten, zum Moralismus zu werden nämlich. Auch diese Gefahr müssen wir sehen, sonst sind wir ihr schon verfallen. Wenn wir sie aber sehen, können wir ihr entgehen.

Und unsere Gefühle, die kommen ja auch da herein. Der ganze Mensch nimmt teil am mystischen Erlebnis. Verständnis, Wille, Gefühle; Leib und Seele; der ganze Mensch, das ganze Herz. Was aber machen die Gefühle?

Die Gefühle feiern notwendigerweise unsere Zugehörigkeit zum All. Daraus entspringt das Ritual. Sie können kein Ritual in der Religionsgeschichte aufzeigen, das nicht Feier von Zugehörigkeit ist; das ist allen gemeinsam.

Aber im Augenblick, wo wir ein Ritual haben, kann es sich auch wieder verhärten. Die erste Generation feiert wirklich das Zugehörigkeitsgefühl. Die zweite Generation kann sich nicht mehr genau daran erinnern, was eigentlich gefeiert wurde, ist aber sehr darauf bedacht, es genau so zu machen wie die erste Generation. Und so geht es weiter. Ritual kann sich verhärten in Ritualismus.

Stellen Sie sich vor, wie es ist, wenn Generation um Generation die Lehre interpretiert und dann die Interpretation der Interpretation interpretiert. Bevor wir es begreifen ‒ nach einigen tausend Jahren… Sie verstehen.

Was verlangt das von uns? Es verlangt, dass wir unsere Religion, welche auch immer das ist, religiös machen.

Es ist ein großes Missverständnis, wenn Leute sich einer Religion anvertrauen und glauben, die Religion würde sie religiös machen.

Jede Religion der Welt ‒ meine eigene eingeschlossen ‒ hat eine eingebaute Tendenz, irreligiös zu werden, wenn nicht immer wieder jeder einzelne Mensch aus dem mystischen Leben heraus sie erneut religiös macht; das ist unsere große Aufgabe.

Nur müssen wir uns jetzt fragen, ist dann die Religion nur ein Ballast für die Mystik, nur eine Hinderung?

Nein! Wir haben schon gesagt: Religion verhält sich zur Mystik wie eine Landkarte zur Entdeckungsfahrt. Die Karte kann sehr hilfreich sein, wenn wir sie nicht verwechseln mit dem Abenteuer selbst.

Auch der Entdeckungsreisende verlässt sich nicht blindlings auf die Karte. Er muss sie hin und wieder in dem einen oder anderen Punkt korrigieren.

Aber dieses Erneuern, Lebendigmachen, Umgestalten der Religion ist ja nur ein Teil von etwas viel Umfassenderem, das uns im Leben aufgegeben ist: nämlich ganz allgemein unser Leben aus der Mystik heraus zu erneuern. Unser Leben in allen Bereichen aus dem Erleben unserer Zugehörigkeit zu erneuern und schöpferisch zu gestalten.

Und damit sind wir schon bei der Arbeit, bei der Verbindung von Arbeit und Schweigen. Denn die Tiefe, das Schweigen, das Mysterium, der Mythos, das Dunkel muss sich aussprechen in Wort, Logos, Erhebung, Licht, Auge.

Die beiden Bereiche gehören zusammen. Sie zusammenzubringen, das ist unsere eigentliche Arbeit. Jede andere Arbeit ist unbedeutend, oberflächlich, aber hier ist unsere wahre Arbeit.

In der biblischen Sprache heißt sie Schöpfung.»

3.5. Mystik an der Grenze der Bewusstseinsrevolution im Buch Die Chance der Menschheit (1988), 176-181, 182:

«Dies ist der Punkt, in dem die religiösen Traditionen zusammenlaufen: Sie gehen alle von der Mystischen Erfahrung aus. Es gibt keine einzige religiöse Tradition auf dieser Welt, die einen anderen Ausgangspunkt hat. Oft fängt sie historisch mit der mystischen Erfahrung des Religionsgründers oder Reformators an. Sie fängt aber immer psychologisch mit der mystischen Erfahrung des bzw. der Gläubigen an. Dies ist der Ausgangspunkt. Der Endpunkt jeder Religion dieser Welt ist ebenfalls derselbe.

Das Ziel jeder Religion ist, dass der Mensch in jeder Erfahrung die Zugehörigkeit zur letzten Wirklichkeit erkennt und entsprechend handelt. Das wäre der Himmel.

Warum sind dann die Religionen so spaltende Faktoren auf der Welt?

Wie gelangen wir von der religiösen Erfahrung zur religiösen Tradition, von der einen großen Religion zu den vielen Religionen?

Sie wissen aus eigener Erfahrung, wie sich mystisches Erleben unweigerlich in Lehre, Ethik und Ritual umwandelt, also in die entscheidenden Elemente jeder religiösen Tradition.

Die Mystik ist zugegebenermaßen das Herz jeder Religion. Das Herz jeder Religion ist die Religion des Herzens.

Wie kommt man aber vom inneren Kern der Religion zu all ihrem Drum und Dran?

Die Antwort lautet: Unweigerlich! Sie kommen unweigerlich auf die eine oder andere Weise dorthin, selbst in Ihrer Privatreligion. Unsere mystische Erfahrung setzt der Geist unweigerlich in Lehre, Ethik und Ritual um. Als erstes stürzt sich ihr Intellekt auf Ihre Erfahrung und beginnt sie zu interpretieren. Das können Sie nicht verhindern. Dies ist der Ausgangspunkt für alle religiösen Lehren. Und das ist auch die Definition für religiöse Lehre: Die Interpretation der religiösen Erfahrung.

Als Kinder wurden wir mit allerlei Lehren über Gott konfrontiert. Niemand hat uns aber jemals dazu ermutigt, Gott in uns selbst aus erster Hand zu entdecken. Das ist eine Ungerechtigkeit, ein Vorenthalten von Möglichkeiten. Unter Dogmatismus verstehe ich eine verfestigte Lehre, eine Lehre, die nicht mehr lebendig ist, die starr im Raum steht. (Ich möchte klarstellen, dass Dogmatismus und Dogma nicht zwangsläufig miteinander verbunden sind. …). Soweit der Intellekt.

Aber auch Ihr Wille ist aktiv. Immer wenn Sie eine Erfahrung machen, sagt Ihr Wille: ‹Das ist schön, das will ich noch einmal erleben›,

oder aber: ‹Damit will ich überhaupt nichts zu tun haben!›

Mit diesen zwei Möglichkeiten werden wir konfrontiert, wenn wir vom Willen sprechen. Doch leider ist es nicht so einfach, denn unser Wille und unser Intellekt arbeiten eng zusammen.

Nach Ihrer mystischen Erfahrung wird Ihr Wille vielleicht sagen: ‹Dieses Gefühl der grenzenlosen Einheit ist etwas Wunderbares. Das ist alles, was ich mir jemals gewünscht habe, diesen Weg möchte ich weitergehen.›

Ihr Intellekt warnt Sie aber: ‹Sei vorsichtig, du lässt dich da auf ein Wagnis ein. Du weißt nicht, was das für Folgen haben kann! Nicht so schnell!›

Ihr Wille drängt Sie, aber Sie haben Furcht. Hier befinden wir uns plötzlich mitten im Bereich der Ethik, der Moral.

Der Bereich, in dem die Furchtsamkeit gegen die Hingabe an das grenzenlose Verbundenheitsgefühl ankämpft, ist die Arena der Moral. Aus diesem Grund ist die Moral ein weiteres Element jeder Religion. Wenn ich tatsächlich auf diese Weise verbunden bin, wie ich es in meinen mystischen Augenblicken erfahren habe, dann muss ich bestimmte Konsequenzen ziehen. Doch die Furcht setzt irgendwo eine Grenze. In Ihrem wunderbaren mystischen Augenblick haben Sie keine Grenze zwischen Gebildet und Ungebildet gesetzt, keinen Unterschied zwischen Schwarz und Weiß, Männlich und Weiblich, ja noch nicht einmal zwischen Menschlich und Nicht-Menschlich gemacht. Es gab für Sie überhaupt keine Unterschiede. Und wenn Sie mit allem verbunden sind, zu allem dazugehören, haben Sie auch allem gegenüber Verpflichtungen. Im Augenblick Ihres mystischen Erlebnisses akzeptieren Sie diese Verpflichtungen mit einem Glücksgefühl.

Ethik, Moral ist einfach ein Aussprechen dessen, wie wir leben sollen, wenn wir unsere Zugehörigkeit zur letzten Wirklichkeit ernst nehmen.

Unweigerlich fangen wir an, unsere Verpflichtungen zu formulieren. Schließlich leben wir nicht in einem Vakuum, sondern in einer Gesellschaft. Wenn die Moral zum ersten Mal formuliert wird, ist sie noch lebendig. Sie können sich immer noch auf Ihre Erfahrung rückbesinnen und verstehen, was Sie mit Ihrer Formulierung gemeint haben. Doch das Leben geht weiter, die Zeit vergeht, die einst formulierten Gebote und Verbote bleiben aber unverändert. Sie sind an einem anderen Punkt angelangt, Sie würden Ihre Verpflichtungen nun nicht mehr in derselben Weise ausdrücken. Da stehen sie aber, fest und unverrückbar, diese Gebote und Verbote, und sie haben zu Ihrem tiefsten Zugehörigkeitsgefühl keinen Bezug mehr. Wenn dies geschieht, dann verkommt die Moral zum Moralismus.

So wie wir zwischen Dogma und Dogmatismus unterschieden haben, können wir auch zwischen Moral und Moralismus trennen.

Die Moral ist der Ausdruck unserer Verpflichtungen aus dem letzten Verbundenheitsgefühl heraus. Die Formulierung dieser Verpflichtungen neigt dazu, sich zu verfestigen, solange bis sich die Moral selbst verfestigt. Der Unterschied ist da, der Bezug zur Erfahrung fehlt. Es kann sogar zum Widerspruch mit der lebendigen Erfahrung der Verbundenheit kommen. Je mehr Sie mit formalisierter Religion zu tun gehabt haben, umso mehr Beispiele können Sie dafür anführen, wie die Moral im Widerspruch zu dem steht, was eben die Religion predigt.

Um Moralismus zu verhindern, müssen Sie ständig zu der Erfahrung an der Wurzel einer jeden Religion zurückkehren.

Die Moral muss nach Ihrer mystischen Erfahrung beurteilt werden.

Das ist aber nur die eine Hälfte. Das mystische Erlebnis muss — wenn Sie es wirklich rein bewahren wollen — nach der Moral beurteilt werden. Die Konfrontation ist also in beiden Richtungen wirksam. Wenn Sie über ein gesundes spirituelles Leben verfügen wollen, müssen Sie dieses Zusammenspiel zulassen.

Es gibt einen dritten Bereich, in dem die Religion der mystischen Erfahrung entspringt, nämlich den rituellen Bereich. Es gibt keine Religion auf dieser Welt, die nicht irgendeine Lehre verkündet, keine, die nicht irgendwelche moralische Regeln setzt, und ebenso keine, die nicht über irgendwelche Rituale verfügt.

Wieso bringt aber die mystische Erfahrung ein Ritual hervor?

So wie der Intellekt die Erfahrung interpretiert und der Wille die Hingabe an sie zulässt, so zelebrieren Ihre Emotionen, Ihre Gefühle diese Erfahrung, und an diesem Punkt entsteht das Ritual.

Das Ritual ist in erster Linie ein Zelebrieren des grenzenlosen Zugehörigkeitsgefühls.

Überprüfen Sie dies anhand Ihrer eigenen Erfahrung.

Manche Rituale da draußen, in den traditionellen historischen Religionen, mögen bizarr anmuten. Doch vielleicht zelebrieren Sie alle Jahre wieder eine tiefe spirituelle Erfahrung. Nun, dann haben Sie einen rituellen Kalender, so wie die meisten Religionen. Vielleicht kehren Sie ständig an den Ort zurück, an dem diese Erfahrung Sie überwältigt hat. Nun, dies ist dann das Ritual des Pilgerns. Angenommen, Sie haben dieses Erlebnis an einem Strand gehabt, dann ist jeder Strand auf dieser Welt nun ein heiliger Ort für Sie, weil er Sie immer an diese Erfahrung denken lässt. Auch ein Baum kann auf diese Weise für Sie ein heiliger Baum werden. Das Ritual ‒ das lebendige Ritual ‒ ist die Zelebrierung des mystischen Erlebnisses. Es ist ein Gedenken an dieses Erlebnis. Das Ritual kann aber zum Ritualismus verkommen. Dies geschieht immer dann, wenn die rituelle Handlung Sie nicht mehr zu der ursprünglichen Erfahrung zurückbringt, sondern Selbstzweck wird. Sie wissen den Grund für das Ritual nicht mehr, Sie absolvieren es nur. So haben Sie es schon immer gemacht, so soll es gemacht werden und so führen Sie es auch aus. Es bedeutet überhaupt nichts für Sie. Das ist Ritualismus.

Das Ritual im eigentlichen Sinn aber ist dazu gedacht, Sie immer wieder zurückzuführen, nicht nur zu einem Ereignis in der Vergangenheit, sondern zu Ihrer ureigenen mystischen Erfahrung.

Ein Bild, das ich manchmal verwendet habe, um die Beziehung zwischen der mystischen Erfahrung und der religiösen Tradition zu veranschaulichen, ist das eines Vulkanausbruchs. Da ist das heiße Magma, das aus den Tiefen der Erde emporschießt und dann an den Seiten des Vulkans herabfließt. Je länger es fließt, desto mehr kühlt es sich ab, und je mehr es sich abkühlt, desto weniger erinnert es an den ursprünglichen feurigen Zustand. Am Fuße des Berges finden wir dann lediglich übereinander gelagerte Felsschichten. Niemand würde denken, dass diese einst weißglühend waren. Da kommt nun aber der Mystiker. Er bohrt ein Loch durch die übereinander gelagerten Felsschichten, bis das Feuer, das ursprüngliche Feuer, wieder emporschießt. Da jeder von uns ein Mystiker ist, besteht darin unsere Aufgabe. Doch sobald wir zu dieser Verantwortung gereift sind, prallen wir unweigerlich mit der Institution zusammen.

Die Frage lautet: ‹Besitzen wir die Gnade, die Stärke und den Mut, unsere prophetische Aufgabe auf uns zu nehmen?›]

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[1] Apophatisch (von apo = weg, phatis = Rede, Wort) und kataphatisch (kata = hinab) sind zwei Wege der Spiritualität ohne Rede und Wort, der andere mit Rede und Wort. Die kataphatische Spiritualität «ist auf das reine, leere Bewusstsein hin orientiert. Inhalte werden als Hindernis angesehen. Solange das Bewusstsein an Bildern oder Konzepten festhält, ist es noch nicht dort, wo die eigentliche Erfahrung Gottes möglich ist. Bilder und Vorstellungen verdunkeln das Göttliche mehr, als dass sie es erhellen. Sie sind Glasfenster, die vom Licht, das dahinter leuchtet, erhellt werden. Wer das Licht sehen will, muss hinter die Glasfenster schauen. Alle Religionen haben auch Wege gesucht und gelehrt, die in die wortlose Erfahrung dessen führen wollen, was die Heiligen Schriften verkünden.» (Willigis Jäger, «Suche nach der Wahrheit: Wege ‒ Hoffnungen ‒ Lösungen», Verlag Via Nova, Petersberg 20054, 199)

[2] Im Buch steht «Ethik», die genaue Wiedergabe von «ethics» in der amerikanischen Originalausgabe «The Mystical Core of Organized Religion» (1990). Bruder David verwendet das Wort Ethik heute analog wie Religiosität im Unterschied zu den Religionen: Ethik ist unsere Verantwortung vor dem großen Du, dem Anruf des Lebens Augenblick für Augenblick. Die in Sätze, Verhaltensvorschriften gefasste Ethik, nennt er lieber «Moral». Siehe Audio Gespräche im Lehrgang «Geistliche Begleitung» (26:28 und 30:26) und in Ergänzend: 3.1. aus dem Buch Orientierung finden (2021), 67:

«Ja, so möchte ich leben, in der Freude völliger Zugehörigkeit aller zu allen! In diesem ‹Ja›, mit dem unser Wille sich auf Zugehörigkeit ausrichtet, liegt der Keim jeder Moral. Unter Moral verstehen wir hier die Form, in der die Ethik sich in einer bestimmten Kultur ausdrückt.»

[3] Ebenso korr.

[4] Ebenso korr.

[5] LEHRE, in: Das ABC der Schlüsselworte, im Buch: Orientierung finden (2021), 147:

«Lehre ist ‒ zusammen mit Moral und Ritualen ‒ ein Bestandteil jeder Religion. Sie wendet sich an den Verstand und versucht, Einsichten allgemein menschlicher Religiosität in einer Sprache auszudrücken, die für die gegebene Kultur zur Zeit der Religionsgründung verständlich und überzeugend war. Wenn zu späteren Zeiten diese Sprache unverständlich wird, muss die gegebene Religion versuchen, sie in eine zeitgemäße Ausdrucksweise zu übersetzen, damit sie ihre Überzeugungskraft behält. Es ist von größter Wichtigkeit zu beachten, dass religiöse Einsichten nur in der Sprache der Dichtung annäherungsweise ausgedrückt werden können. Das ist ein Unterscheidungsmerkmal religiöser und wissenschaftlicher Aussagen.»

MORAL, in: Das ABC der Schlüsselworte, im Buch: Orientierung finden (2021), 151:

«Moral ist ‒ zusammen mit Lehre und Ritualen ‒ ein Bestandteil jeder Religion. Sie wendet sich an den Willen (im Sinne unsrer Willigkeit) und versucht, Werte allgemein menschlicher Ethik so darzustellen, dass sie der gegebenen Kultur zurzeit der Religionsgründung moralisch verpflichtend werden. Wenn sich zu späteren Zeiten die kulturellen Gegebenheiten ändern, wird die gegebene Religion versuchen müssen, neu entstandene ethische Probleme einzubeziehen, damit ihre Moral weiterhin als Leuchtturm für ethisches Verhalten dienen kann.»

RITUAL, in: Das ABC der Schlüsselworte, im Buch: Orientierung finden (2021), 152f.:

«Ritual ist ‒ zusammen mit Moral und Lehre ‒ ein Bestandteil jeder Religion. Rituale wenden sich an das Gefühl und versuchen Erlebnisse allgemein menschlicher Erfahrung ‒ Begegnungen mit dem Geheimnis ‒ so darzustellen, dass sie der gegebenen Kultur zur Zeit der Religionsgründung erlaubten, diese Erfahrungen als gegenwärtige Wirklichkeit zu feiern. Wenn zu späteren Zeiten die alten Rituale nicht mehr mit Begeisterung nachvollziehbar sind, muss die gegebene Religion versuchen, sie durch neue, zeitgemäße Formen zu ersetzen, damit sie ihre Begeisterungskraft beibehalten.»

[6] Ebenso korr.

[7] Nach einer unveröffentlichten Übersetzung ins Englische, mit freundlicher Erlaubnis von Coleman Barks und John Moyne, deren Band mit Übersetzung Rumis den Titel trägt «This Longing», Putney (Vermont) 1988.

[8] Film Fragen in Wendezeiten ‒ Mut und Vertrauen finden (2010)
(43:06) Worum geht es im Leben letztlich? Die Antwort des Heldenmythos (43:35) Der Weg des Helden in drei Phasen: Ausgesondert werden – Verwandlung durch den Tod – Rückkehr als Lebensbringer für die Gemeinschaft
Ebenso Audio Fragen in Wendezeiten ‒ Mut und Vertrauen finden (2010)
Vortrag (44:04)

[9] Auf dem Weg der Stille (2016): Kapitel 10 «Der mystische Kern der organisierten Religion», 135-146

[10] Siehe Anm. 2

[11] Im Buch: Orientierung finden (2021) «Das System ‒ die Macht, die Leben zerstört», 41:

«Das ‹System› kann nicht lächeln. Es kümmert sich um keinen Menschen. Ihm ist alles egal. Wir haben es ja mit einer völlig unpersönlichen Machtstruktur zu tun, obwohl sie wie von einem irrsinnigen Machthaber gesteuert erscheinen mag. In seinem Wesen ist das ‹System› uneingeschränkte Unpersönlichkeit ‒ Inbegriff eines leeren Nichts mit mörderischer Macht. Wo es eindringt, zerstört es das Bewusstsein gegenseitiger Zugehörigkeit und die Anerkennung persönlicher Einzigartigkeit ‒ die beiden Voraussetzungen von Menschenwürde. Sich gegen das ‹System› aufzulehnen, heißt also ‒ kurz und positiv auf eine Formel gebracht ‒ für Menschenwürde einzutreten. Menschenwürde entspringt letztlich der Ehrfurcht vor dem Geheimnis.»

[12] Siehe Anm. 1



Quellenangaben

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