Text und Audios von Br. David Steindl-Rast OSB

common sence titelCopyright © - Ronja Forster

Ein alter englischer Spruch lautet: «Common sense is anything but common»«Common Sense ist alles andere als üblich.»

Darin steckt viel Wahres. Nach Belegen müssen wir nicht lange suchen: Vieles von dem, was in unserer Welt gesagt und getan wird, beruht ganz gewiss nicht auf Common Sense. Dessen werden wir uns in aller Klarheit bewusst, wenn wir den Verstand einsetzen, über den wir selbst verfügen. Wir haben ihn sehr wohl, nur halten wir uns nicht an ihn.

Eine schlichte Redewendung zeigt, dass wir um dieses Spannungsverhältnis wissen. Da schüttelt ein Freund uns an den Schultern und ruft uns verzweifelt zu: «Um Himmels willen, besinn dich doch endlich auf deinen gesunden Menschenverstand», deinen Common Sense!

Das impliziert doch, dass wir durchaus den Common Sense hätten, den wir brauchen, wir müssten ihn nur wirklich einsetzen. Nicht an Common Sense fehlt es, sondern an der Bereitschaft, ihn entsprechend zu leben. Warum ist das so? Worin besteht unser Problem?

Wenn wir sagen, wir müssten bloß unseren gesunden Menschenverstand benutzen, und das in dem Sinn meinen, wie wir einen Schraubenschlüssel handhaben, um ein undichtes Wasserrohr zu reparieren, sind wir auf dem Holzweg.

Wirklich Common Sense einzusetzen bedeutet viel mehr: Es bedeutet, aus ihm heraus zu leben, ihn zu atmen, so wie wir die Luft atmen, an der alle Lebewesen Anteil haben.

Seinen gesunden Menschenverstand anzuwenden heißt, gemäß etwas Verstandenem zu leben.

«Verstehen» ist eine lntensivform von «Stehen».

Um etwa den Wald zu verstehen, müssen wir tief in ihm stehen, lange und still. Oder um den Fluss zu verstehen, müssen wir in ihn eintauchen, uns in ihm versenken ‒ so wie in Musik oder in ein Buch, das wir verstehen wollen. Um einen Berg zu verstehen, genügt es nicht, seinen Namen zu kennen oder vom Tal aus hinaufzuschauen, sondern wir müssen ihn besteigen, müssen auf dem Gipfel stehen. Und so müssen wir auch mit beiden Füßen in der Welt stehen, bevor wir sie verstehen können als das Haus, das Heim, zu dem sie uns wird, wenn wir unseren Hausverstand, unseren gesunden Menschenverstand, unseren Common Sense anwenden.

Unsere Vernunft vernimmt nur den Auftrag; unser Verstand führt den Auftrag aus.

Gesund kann unser Menschenverstand nur sein, wenn er sich nicht allein im Hirn befindet, sondern von Herzen kommt ‒ vom Herzen als dem innersten Lebensbereich, in dem wir mit allem Leben auf der Welt zutiefst eins sind.

Bevor wir Common Sense - Gedanken haben können, müssen wir also ein Gespür für das entwickeln, was common, was uns allen gemeinsam ist. Wie sollten wir denn erwarten können, dass Common Sense in unsere Köpfe einzieht, wenn wir unsere Herzen noch gar nicht weit aufgetan, noch nicht tief durchgeatmet und noch kein Gefühl dafür bekommen haben, was uns allen gemeinsam, was uns allen common ist?

Um uns die Gemeinsamkeit allen Lebens deutlich vor Augen zu führen, brauchen wir uns bloß an einen Feldrain oder einen Waldrand zu setzen. Unser Blick fällt auf Wiesen, Sträucher und Bäume.

Je genauer wir aber hinschauen, desto mehr entdecken wir.

Die Wiese besteht aus Gräsern und unzähligen Kräutern und Blumen: Da wachsen Wegerauten, Löwenzahn, Hahnenfuß, Wiesenschaumkraut und Thymian; dazwischen hat sich Moos angesiedelt, in dem Ameisen umherkrabbeln. In einer Astgabel der Haselstaude spannt eine Spinne ihr Netz. Ein Rotkehlchen hüpft von Zweig zu Zweig. Käfer klettern über grobe von Flechten bedeckte Steine. Alle diese Pflanzen und Tiere stehen in engster Wechselbeziehung zueinander und zu ihrer Umwelt, zu Erde und Sonnenlicht, Tau, Regen und Wind.

Das Ganze funktioniert aber nicht nur mechanisch, sondern wird von einem gegenseitigen Einvernehmen gesteuert, zu dem jedes Lebewesen seinen Teil beiträgt ‒ und das Ganze ist doch mehr als die Summe aller Teile. Die Wiese am Waldrand ist ein einziger großer summender Haushalt und er wird zusammengehalten und gelenkt von einem einzigen vibrierenden Common Sense.

Doch machen wir uns nichts vor. Die Harmonie, wie wir sie in der Natur vorfinden, unterscheidet sich von unserem romantischen Wunschdenken. Der Löwe ruht keineswegs friedlich neben dem Lamm ‒ und auch nicht das Rotkehlchen neben dem Regenwurm oder die Katze neben dem Rotkehlchen. Unser Begriff «Nahrungskette» ist allzu steril-distanziert; er lässt uns die gnadenlose Tatsache vergessen, dass Lebewesen davon leben, einander zu töten und gegenseitig aufzufressen.

Die Natur lebt nach dem großen Gesetz vom Fressen und Gefressenwerden.

Warum aber das Ganze nicht als einziges großes Mahl betrachten ‒ sogar als Hochzeitsmahl?

Die Geschöpfe feiern auf Kosten anderer, mit ihresgleichen sind sie in Intimität verbunden. Jede einzelne Blume auf der Wiese signalisiert in strahlender Unschuld ihre nackte Geschlechtlichkeit ‒ bevor sie von einer Kuh gefressen wird. Das Gesumme und Gebrumme auf der Wiese ist Hochzeitsmusik. Jedes Lebewesen ist eingestimmt auf die Harmonie dieses grausam-freudigen Tanzes aller mit allen.

Alle ‒ außer uns Menschen. Wir sind bei diesem Tanz die einzigen Ungeschickten, die einzigen, die aus Takt und Rahmen fallen.

In unserer Einzigartigkeit liegt unsere Größe, aber auch die Gefahr für uns. Wir neigen dazu, die Tatsache, dass wir anders sind, mit der Illusion zu verwechseln, dass wir außerhalb oder über dem anderen stehen. Plötzlich hören wir dann nicht länger den großen Rhythmus des Ganzen und geraten im kosmischen Tanz aus dem Takt.

Einfache Menschen haben es leichter. Dabei heißt «einfach» nicht: einfältig oder ungebildet. Der Dalai Lama etwa zeigt das Beispiel echter Einfachheit, die sehr wohl mit höchster Bildung vereinbar ist. Nicht hohe Intelligenz steht der Einfachheit im Weg, sondern der Umstand, sich selbst zu wichtig zu nehmen ‒ mit all seinen negativen Konsequenzen.

Je weniger wir uns selbst wichtig nehmen, desto einfacher werden wir. Wir lassen dann die engen Grenzen unseres kleinen Ichs hinter uns und betreten die weiten, offenen Räume unseres wahren Selbst.

Einfachheit dieser Art schenkt uns innere Weite und ein immer tieferes Bewusstsein dessen, dass wir mit allem Lebendigen eins sind. Wer sich selbst nicht mehr so wichtig nimmt, atmet freier und gewinnt erst von da aus in der Einschätzung anderer wirklich an Gewicht. Menschen, die so leben, spürt man es an, dass sie sich im Universum zu Hause fühlen, und dann fühlt man sich auch bei ihnen zu Hause.

Sie sprechen so, dass auch der einfachste Mensch sie verstehen kann, denn sie sprechen mit dem gesunden Menschenverstand, mit dem Common Sense. Ein Schweizer Sprichwort sagt es ausdrücklich: «Me cha mit em Veh rede, we mer Mänscheverstand het.»«Man kann mit dem Vieh reden, wenn man Menschenverstand hat.»

Menschen zu begegnen, die dank ihres Common Sense diese Sprache fließend sprechen, ist eine Gnade.

Ein solcher Mensch ist mir aus meiner Kindheit in Erinnerung geblieben: unsere bucklige Nachbarin, Frau Schliffsteiner. Sie konnte wirklich mit dem Rindvieh reden, aber auch mit Katzen und Hunden, mit ihren Ziegen, mit Spatzen, Tauben und Krähen, mit den Kröten im Garten und den Topfpflanzen auf ihrem Fensterbrett. Vor allem aber konnte sie mit allen Arten von Menschen reden: von Kurtl, dem gutmütigen Dorftrottel, bis zum Herrn Oberlehrer unserer zweiklassigen Volksschule, und der war wirklich jemand (er konnte sogar Klavier spielen).

In aller Einfachheit begegnete sie jedem als einem Mitglied ihrer großen Familie, zu der ganz selbstverständlich auch Tiere und Pflanzen gehörten. Sie schien deren Geheimnisse zu kennen. Sie wusste über Kräuter Bescheid, aus denen sich Tee gegen dieses oder jenes Leiden bereiten ließ, und über die Blätter, die zur Heilung halfen, wenn wir Buben uns wieder einmal in den Finger geschnitten hatten. Früher hätte man sie wohl der Hexerei verdächtigt, sie war aber jedenfalls eine gute Hexe, eine weise Frau.

Ihre Nachbarn tranken gern Kaffee mit ihr und erzählten ihr stundenlang von allem, was ihnen auf dem Herzen lag. Nachher fühlten sie sich immer erleichtert. Eines steht jedenfalls fest: Niemand kam um ihres Kaffees willen, denn der war ein jämmerliches Gebräu aus allerhand Zusätzen und den wenigen Kaffeebohnen, die sie sich leisten konnte.

Was sie ihren Gästen gab, war ein Gefühl des Daheimseins. Bei ihr konnte man die heilsame Luft des Common Sense atmen. Das ist es ja, was wir zur Heilung von Leib, Seele und Geist brauchen. Ein indisches Sprichwort drückt es so aus: «Ein Viertel Medizin und drei Viertel Common Sense.»

Common Sense wirkt heilend, weil er mehr ist als eine bestimmte Art des Denkens; er ist eine bestimmte Art, zu leben, zu handeln und alles so zu tun, wie es seinem eigentlichen Sinn entspricht, und es spontan zu tun, selbstvergessen, mühelos.

Manchmal erleben wir das, wenn wir etwa beim Skifahren, beim Tanzen oder sogar beim Tippen auf dem Computer den Punkt erreichen, ab dem wir «in Schwung» kommen: Dann geht alles plötzlich wie von selbst; alles fließt mit Leichtigkeit, ereignet sich im richtigen Augenblick und ganz so, wie es sein soll.

Wir müssen uns nur vorstellen, wie es wäre, wenn wir auf diese Weise in diesem Fluss bleiben und uns selbst dabei spontan selbst ganz vergessen könnten.

Würde nicht die Kraft und Leichtigkeit dieses Fließens:

unseren Geist sprühen lassen,
unserer Seele Frieden bringen,
unserem Verstand Wachheit
und unserem Leib Heilung?

Das gelingt wohl nur wenigen über einen längeren Zeitraum, aber für uns alle ist das erstrebenswert.

Eine einzige Lebensspanne wird kaum ausreichen, um sich ganz auf die Harmonie des Universums einstimmen zu können.

Aber bereits das Bewusstsein eines ersten Mitschwingens mit der Musik des Universums können wir so erleben, dass es uns vorkommt wie das Erwachen aus tiefem Schlaf und Traum.

Davon sprach bereits zu Beginn der griechischen Philosophie Heraklit:

«Die Wachen haben eine einzige gemeinsame Welt, von den Schlafenden aber wendet sich jeder seiner eigenen zu.»

Die Bantu in Afrika drücken es in einem Sprichwort noch kräftiger aus:

«Es gibt vierzig Arten des Verrücktseins, aber nur eine Art von gesundem Menschenverstand.»

Heraklit klagte:

«Obwohl der Logos allen gemeinsam ist, leben die meisten so, als besäße jeder eine Privatintelligenz für sich.»

Und er fügte hinzu:

«Wir sollten uns leiten lassen von dem, was allen gemeinsam ist.»

Dieses Leitprinzip, diese innere Weisung, «die alle Menschen der Welt zum Einklang der Herzen führt», nannte Laotse «Dao» (ältere Schreibweise: Tao).

Dieser uns allen gemeinsame Sinn und Instinkt für das Richtige und für das kosmisch wie individuell Sinnvolle findet besonders treffend Ausdruck in dem englischen Begriff Common Sense. [Common sense (2014): «Was ist Common Sense?», 21-29]

[Ergänzend:

1. Hausverstand, Liebe, Zugehörigkeit

2. Common sense (2014): Vorbemerkung des Übersetzers, 7-8:

«In diesem Buch lotet David Steindl-Rast die spirituellen Tiefen des englischen Begriffs ‹Common Sense› aus:

Dabei spielt er mit Gedankenverknüpfungen und paradoxen Redewendungen.

‹Common Sense› heißt korrekt ins Deutsche übersetzt ‹gesunder Menschenverstand›, allgemeiner auch ‹Gemeinsinn›. Beide Begriffe taugen jedoch nicht für die Entdeckung in diesem Buch.

Common Sense lässt sich überhaupt nicht angemessen ins Deutsche übersetzen, ohne dass Bedeutungsnuancen auf der Strecke bleiben.

Beispielsweise verliert Sir John Templetons Spruch ‹Common sense is not common› seinen Witz, wenn er mit ‹Gesunder Menschenverstand ist nicht allgemein verbreitet› übersetzt wird.

lm Begriff Common Sense schwingen unterschiedliche Bedeutungen mit: allgemein richtiges, gesundes Empfinden, stärker noch: Sinn für das Ganze, Gespür für die Verbundenheit mit allem, von allen als wahr und richtig Erkanntes, Sinn für die Vernetzung und Gemeinschaft des gesamten Kosmos, alle und alles verbindender tiefster inspirierender Sinn.

Dieser Aspekt des ‹Common›, des Gemeinsamen, des Verbundenen und Verbindenden, der Vernetzung des gesamten Universums, ist ein zentrales Thema heutiger Spiritualität und genau davon handelt dieses Buch.

Der deutsche Begriff ‹gesunder Menschenverstand› drückt diese Bedeutung nicht aus, jedenfalls nicht vordergründig.

Genau besehen geht es natürlich auch beim gesunden Menschenverstand um mehr als den bloßen Verstand: Es geht um den Menschenverstand, und zwar den gesunden, und dieser nährt sich letztlich aus dem, womit wir Menschen uns als verbunden erleben: aus dem Gespür für das Ganze und für die eine, gemeinsame Wahrheit der Dinge und des Lebens.

Die deutschen Übersetzungen ‹Gemeinsinn› oder ‹Gemeinsamkeit› können ebenfalls nicht angemessen wiedergeben, was mit ‹Common Sense› gemeint ist.

‹Gemeinsinn› lässt zu vordergründig an soziales und politisches Engagement, Ehrenamt und Sorge umeinander denken, während ‹Common Sense› das Gespür und die Inspiration meint, die dazu führen.

Ähnlich vordergründig bleibt ‹Gemeinsamkeit›.

Daher wird es das Beste sein, den Begriff ‹Common Sense› in der deutschen Ausgabe dieses Buches als eine originelle Perle der englischen Sprache beizubehalten. Er macht uns reicher; jede Übersetzung ließe uns ärmer bleiben.

Bernardin Schellenberger»

3. Unsere Zukunft: Das Reich des Kindes (1987):

«Die einfachen Leute, das sind die, die viel unkomplizierter nach dem Hausverstand leben, weil sie nicht so viel zu verlieren haben. Als Professor an einer Universität hat man viel zu verlieren, dann lebt man lieber nach den Spielregeln der Universität. Und als Angehöriger einer Korporation lebt man nach den Spielregeln der Korporation. Auf diese Weise stecken wir alle in irgendeiner Gemeinschaft mit eigenen Spielregeln und lassen uns daran hindern, die Wahrheit zu sagen und nach der Wahrheit zu leben. So lassen wir uns alle tyrannisieren von gesellschaftlichen Zwängen und davon abhalten, wirklich lebendig zu werden.»

4.1. Gesprächsreihe mit Pater Johannes Pausch (2011):
(29. April 2011) Dem Welthaushalt freudig dienen
(12:23) Nur mit existentiellem Mut, mit Vertrauen können wir uns dem Universum als Erdhaushalt zuwenden, in dem wir Ordnung und Zugehörigkeit finden und uns darin daheim fühlen / (16:37) Ordnung als Zustand, in dem jedes Ding dem andern den ihm angemessenen Platz zugesteht ‒ Das Hochzeitsfest in der Natur

4.2. Gesprächsreihe mit Pater Johannes Pausch (2011):
(4. Juni 2011)
Vertiefungsseminar
(14:48) Töten ist eine Gestalt unseres wandernden Trauerns (Rilke, Die Sonette an Orpheus 2. Teil, XI und XX): Das Hochzeitsmahl in der Natur: wenn Tiere einander fressen und Gründe für eine vegetarische Lebensweise]



Quellenangaben

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