Text, Film und Audios von Br. David Steindl-Rast OSB

stille titelCopyright © - Thorsten Scheu

Glücklichsein und ein sinnvolles Leben gehören untrennbar zusammen.

Sie werden sicher Menschen kennen, die scheinbar so ungefähr alles haben, was einem ein günstiges Schicksal bescheren kann, aber trotzdem furchtbar unglücklich sind. Dagegen gibt es andere, die mitten im größten Elend zutiefst im Frieden sind und ‒ ja, echt glücklich sind. Überlegen Sie einmal, was diesen Unterschied ausmacht.

Wenn wir tief genug gehen, kommen wir darauf, dass die Glücklichen das gefunden haben, was den anderen fehlt: ein sinnvolles Leben.

Aber wir sollten den Sinn nicht als «das», also eine Sache bezeichnen.

Tatsächlich ist er die einzige Wirklichkeit in unserem Leben, die kein «Etwas» ist.

Auch sollten wir nicht sagen, jemand habe ein für alle Mal den Sinn gefunden, so wie wenn sich der Sinn, hat man ihn erst einmal gefunden, sicher für dunklere Tage aufbewahren lässt.

Sinn muss man ständig neu empfangen.

Das ist wie mit dem Licht: Wenn wir etwas sehen wollen, müssen wir hier und jetzt wieder die Augen aufschlagen.

Ein Bild kann uns sehen helfen, dass Sinn tatsächlich kein «Etwas» ist.

Wir im Westen zeigen auf eine leere Vase oder einen leeren Aschenbecher und fragen: «Was ist das?»

Die Antworten, die wir darauf bekommen, mögen noch so vielfältig sein, aber sie werden dieses «Etwas» im Allgemeinen als ein bestimmtes Material vorstellen, das auf besondere Weise gestaltet ist: als Glas, das in eine bestimmte Form gepresst oder geblasen ist, oder als Ton, der auf einer Töpferscheibe geformt und dann gebrannt und glasiert worden ist. Das ist ganz natürlich so.

Dabei kommen wir kaum auf die Idee, es könnte jemand eine derart andere Geisteseinstellung haben, dass er auf die Frage hin, was das sei, nicht unwillkürlich das Gefäß sieht, sondern den Inhalt und folglich beim Anblick unserer Vase oder unseres Aschenbechers spontan zur Antwort gibt: «Leerheit!»

Das ist für uns verblüffend. «Leerer Raum? Ist das alles?»

Natürlich muss diese Leere mittels dieser oder jener Form definiert werden. Aber das ist weniger wichtig. Worauf es wirklich ankommt, ist die Leerheit des Gefäßes. Ist nicht sie es, die das Gefäß ausmacht?

Das müssen wir zugeben, so merkwürdig uns dieser Ansatz auch vorkommen mag. Das ist so merkwürdig wie der «Klang des Nichtklangs», mit dem es verwandt ist.

So besehen ist auch das Schweigen nicht die Abwesenheit von Wort und Klang.

Es wird nicht als Zustand der Abwesenheit charakterisiert, sondern der Präsenz, einer Präsenz, die für Worte zu groß ist.

Wenn wir irgendeine kleine Freude oder einen kleinen Schmerz haben, reden wir unwillkürlich darüber.

Werden die Freude oder der Schmerz stark, äußern wir diese Freude oder schreien.

Aber wenn das Glück oder Leiden überwältigend wird ‒ werden wir still.

Jede Begegnung mit dem Geheimnis verbirgt sich im Schweigen.

Im deutschen Begriff «Geheimnis» steckt das Wort «Heim»: ein Geheimnis behalten wir bei uns daheim, zeigen es nicht öffentlich.

Der aus dem Griechischen abgeleitete Begriff dafür, «Mysterium» ist vom Tätigkeitswort «myein» abgeleitet, das bedeutet «still bleiben» oder «den Mund halten».

Ein Mysterium, ein Geheimnis ist keine Leere, sondern die unfassbare Präsenz, die uns anrührt und uns sprachlos macht, indem sie uns Sinn erschließt.[1]

«So oft wir innehalten, sei’s auch nur für einen Augenblick, umfängt uns das Geheimnis im Schweigen.

So oft wir aus innerer Stille heraus hinhorchen auf das, was der Augenblick uns zuspricht, öffnen sich die Ohren unseres Herzens für das Geheimnis als Wort.

Und so oft wir dann durch unser Tun Antwort geben auf dieses Wort, sei es ein Mensch, ein Tier, eine Pflanze, dein Ding oder ein Ereignis, werden wir das unbegreifliche Geheimnis durch unser Tun verstehen, so wie wir den Tanz nur dadurch verstehen können, dass wir tanzen.[2]

Sinn wird nur mittels der Spannung zwischen Wort und Schweigen aufrechterhalten.[3]

Vom Prasseln des Feuers im offenen Kamin, vom Sommerregen vor der offenen Türe, vom Wind in den Laubkronen sagen wir «das spricht mich an».

Recht verstanden, spricht aber jedes Geräusch zu uns, wenn wir uns nur ansprechen lassen.

Jeder Laut ist Botschaft von Unaussprechlichem.

Weil er Botschaft ist, sollen wir hinhorchen lernen.

Weil hier aber Unaussprechliches laut wird, sollen wir uns nicht mühen, die Botschaft in Worte zu übersetzen.

Was uns letztlich anspricht, ist das Wort jenseits aller Worte, das Wort, das so unerschöpflich ist, dass es immer neuen Ausdruck finden will ‒ wie die Liebe.

Die Botschaft in jedem uns geschenkten Laut ist Liebesbotschaft; einmalig, unübersetzbar, ganz persönlich.

Aber auch Stille bringt uns Botschaft.

Hat uns nicht schon oft Stille angesprochen?

Manchmal kommt es mir vor, dass der Augenblick der Stille nach dem Verstummen der Orgel alle Musik noch überträfe; jenes unvergleichliche Einatmen, nachdem das allerletzte Nachhallen im Domgewölbe ausgeatmet hat.

Und diese Stille spricht uns nicht nur an, diese Stille horcht.

Auf dem Höhepunkt, wenn wir ganz Ohr sind, horcht plötzlich Stille auf unsere Stille.

Nur einen Augenblick lang können wir dieser Begegnung standhalten.

Dann beginnt das Scharren von Schuhen in den Kirchenbänken.

Wo Menschen noch hellhörig sind für die Botschaft der Laute, da sind sie auch hellhörig für Stille.

Sei es Wort oder Schweigen, worauf es ankommt, ist, dass wir uns ansprechen lassen von dem, was immer der Augenblick bringt.

Und oft bringt er Unerwartetes.

Nahe bei der Universitätsbibliothek in Berkeley ist ein Kanalgitter, unter dem es Tag und Nacht geheimnisvoll braust. Wie viele der Studenten da stehenbleiben und ehrfürchtig lauschen, weiß ich nicht. Für mich aber ist das, sooft ich vorbeigehe, ein geradezu heiliger Ort. Die ganze Musik der Welt ist in diesem Brausen. Wie es in einem altindischen Text heißt:

«Die Urmusik ist das Rauschen von Wasser.»

Ja, jeder gegenwärtige Augenblick ist Botschaft.[4]

Wort und Schweigen: Indem wir unsere Aufmerksamkeit darauf konzentrieren, können wir beides als wesentliche Aspekte alles Sinnvollen unterscheiden.

Aber wir müssen noch einen dritten Aspekt erkunden: das Verstehen.

Wollen wir etwas als sinnvoll bezeichnen, setzt das Verstehen voraus.

Ohne Verstehen haben weder das Wort noch das Schweigen Sinn.

Was genau ist also das Verstehen?

Wir können es uns als Prozess vorstellen, durch den das Schweigen ins Wort kommt und das Wort, indem es verstanden wird, ins Schweigen zurückkehrt.

In der amerikanischen Umgangssprache gibt es eine eigenartige Redewendung: Wenn uns etwas ‒ sagen wir ein Musikstück oder ein bewegender Augenblick (also etwas, das «Wort» ist) ‒ recht sinnvoll erscheint, sagen wir womöglich: «This really takes me ...» oder «transports me …» oder «sends me.»[5]

Hier gibt uns die Sprache einen Hinweis. Wenn das Wort uns tief anrührt, packt es uns und schickt uns ins praktische Tun.

Paradoxerweise stimmt dabei beides: Wird das Wort verstanden, so kommt es im Schweigen zur Ruhe; aber diese Ruhe ist kein Nichtstun, sondern ein recht dynamisches Tun.

So ereignet sich also Verstehen dann, wenn wir derart bereitwillig auf das Wort hören, dass es uns zum Tun bewegt und uns dadurch ins Schweigen zurückführt, aus dem es kam und zu dem es zurückkehrt.

Durch Tun verstehen wir.[6]

Beten ist wie in einen Raum eintreten. Wie man zum Beispiel in einen Kirchenraum als Raum des Gebetes eintritt. Zunächst ist da das Gebäude, die Wände, das Gewölbe, die Bilder, die uns ansprechen wie ein Wort, das uns anspricht. Aber wenn wir uns ansprechen lassen, dann bemerken wir, dass wir von einer Stille, von einem Schweigen ganz geheimnisvoll angesprochen werden. Denn das Wesentliche an diesem Raum des Gebets ist die Stille. Und in dieser Stille begegnen wir einer geheimnisvollen Gegenwahrheit. Wir erleben, was wir die Gegenwart Gottes nennen könnten. Etwas, was uns geheimnisvoll entgegenwartet. Was etwas von uns erwartet. In jedem Augenblick erwartet diese Gegenwart etwas von uns, und indem wir antworten, verstehen wir. Erst im Tun, in liebenden Antworten verstehen wir, worum es dabei geht.

Die drei Bereiche: Wort, Schweigen und Verstehen machen die Welten des Gebetes aus. Und das hängt zusammen mit dem, was Christen die Dreieinigkeit Gottes nennen.

Denn einerseits sprechen wir von Gott, dem Urgrund des Seins, dem Abgrund des Schweigens, aus dem das Wort geboren wird, das ewige Wort, das immer neu die Liebe Gottes ausdrückt und ausspricht.

Und andererseits erfahren wir, dass wir verstehen, indem wir uns diesem Wort stellen und darauf antworten.

Man könnte fast sagen, dass Beten die Tätigkeit Gottes oder das Spiel Gottes oder der Reigentanz Gottes sei, ein Raum, in den wir als Menschen eintreten, eingebettet sind, mitschwingen, mittanzen.[7]

Da jede religiöse Tradition Ausdruck der ewigen Suche des menschlichen Herzens nach Sinn ist, zeichnen diese drei Aspekte des Sinns ‒ Wort, Schweigen und Verstehen ‒ auch die Weltreligionen aus.

Alle drei stecken in jeder Tradition, weil sie für den Sinn wesentlich sind, aber wir können damit rechnen, dass sie unterschiedliche Schwerpunkte setzen.[8]

Wenn wir die Erkenntnisse der vergleichenden Religionswissenschaft zu Rate ziehen, finden wir bestätigt, was auf den ersten Blick fast zu gut sein könnte, um wahr zu sein. Juden, Christen und Muslime finden ihren letzten Sinn im Wort. Buddhisten finden diesen letzten Sinn im Schweigen, in der Leere, die Fülle ist, im Nichts, das allem Sinn gibt. Dagegen ist das Verstehen, das Wort und Schweigen zusammenspannt, die zentrale Zielsetzung des Hinduismus.

Der Hinduismus zum Beispiel ist ein so unermesslich weiter und vielfältiger Dschungel von Religionen und Philosophien, dass man niemandem einen Vorwurf machen kann, dem es nicht gelingt, hinter all dem ein einigendes Prinzip zu finden.

Aber wenn es eines gibt, dann ist es die schon unzählige Male wiederholte Einsicht, dass der erkennbare Gott der unerkennbare Gott ist und der unerkennbare Gott der Erkennbare.

Das ist ein Verständnis in unserem Sinn: nämlich, dass das Wort Schweigen ist und dieses Wort im Schweigen zu sich selbst kommt; und wir verstehen damit, dass das Schweigen Wort sein kann, begriffenes Wort.

«Der begreifbare Gott ist der unbegreifliche Gott» ist die hinduistische Parallele zu Jesu Ausspruch: «Ich und der Vater sind eins» (Joh 10,30).

Wort und Schweigen sind eins, und sie sind eins im Geist des Verstehens und durch ihn.

Die Hindus haben fünftausend oder noch mehr Jahre damit verbracht, zwar keine Theologie des Heiligen Geistes zu entwickeln (denn Theologie gehört zum Bereich des Logos, des Wortes), jedoch das zu entwickeln, was den Platz der Theologie einnehmen muss, wenn dem Geist der Platz eingeräumt wird, den das Wort in unserem Ansatz einnimmt.[9]

Sollte uns das nicht mit der Hoffnung erfüllen, dass sich bei künftigen Begegnungen mit dem Hinduismus in den Tiefen unseres christlichen Erbes neue Quellen anzapfen ließen?

Auf ähnliche Weise konzentriert sich der Buddhismus auf eine Dimension, die zum Wort gehört, aber in der christlichen Tradition ziemlich vernachlässigt worden ist.

Bei dem, was einer Theologie des Vaters entsprechen würde (da Theo-Logie nur vom Vater handeln kann), müsste das Schweigen an die Stelle des Mediums Wort treten.

Die Buddhisten könnten uns vielleicht auf diesem Gebiet etwas beibringen.

Wenn Buddhisten von einer Tür sprechen, meinen sie damit nicht in erster Linie Rahmen, Türblatt und Angeln, wie wir das tun, sondern den leeren Raum.

Wenn Christus sagt: «Ich bin die Tür» (Joh 10,9), haben wir die Freiheit, das im westlich-christlichen Sinn zu verstehen oder im buddhistischen. Warum sollte der letztere Sinn weniger christlich sein?

Es würde nicht der Wahrheit entsprechen, wenn wir behaupten wollten, die großen Traditionen der Spiritualität verhielten sich zueinander komplementär. Ja, es wäre falsch, sich vorzustellen, sie ließen sich alle «zum Richtigen» zusammenfassen. Jede von ihnen ist «das Richtige». Sie sind nicht komplementär, sondern interdimensional:

Jede enthält jede, wenn auch mit den größtmöglichen Unterschieden bezüglich der Akzentsetzung. Daher ist jede einmalig.

Jede ist in ihrer Art auch die höchste. Wo bleibt da der christliche Anspruch auf Universalität?

Richtig verstanden, ist er nicht eine Art von kolonialem Anspruch, sondern er verweist auf innere Horizonte.

Es verlangt nicht von den anderen, sondern von uns Christen, dass wir immer und immer wieder die vernachlässigten Dimensionen unserer eigenen Tradition wiederentdecken, damit wir wahrhaft universal, also wirklich katholisch werden.

Nicht irgendeine Theorie, sondern unsere eigene Erfahrung muss der Schlüssel zum Verständnis der der spirituellen Traditionen werden, vor die wir uns gestellt sehen.

Denn wenn unsere Suche nach Sinn im Leben die Wurzel der Spiritualität ist und Glück ihre Frucht, dann sollten wir dazu fähig sein, vom Ausgangspunkt unserer uns vertrauten und sehr persönlichen Glücksmomente her Zugang zu allen ihren Formen zu finden.[10]

[Die Quellenangaben zum obigen Text in Anm. 1-4, 6-8, 10]

[Ergänzend:

1.1. Audio-Interview Das glauben wir – Spiritualität für unsere Zeit (2015)
Gesamter Vortrag und Fragerunde:

(22:55) «Wenn man lang genug etwas nachgeht oder auch nur meditativ etwas anschaut ‒ eine Blume, einen Berg, eine Wolke oder sogar ein Glas Wasser einfach anschaut ‒, wenn man es still genug und ruhiggenug tut, kommt man zu dem Punkt, wo es eine Überraschung wird ‒ überraschend, dass es überhaupt etwas gibt. Und darauf führt uns diese Frage ‹Warum?› hin.

Und dann nächste Frage: ‹Was?›, ‹Was ist es?›, ‹Was ist irgendetwas?› Und immer wieder ist die große Antwort, eigentlich die letzte Antwort ‒ auch sie führt über die Dinge hinaus ‒: Es ist ein Wort, das mich anspricht.

Also wir haben das Schweigen, das die Quelle und der Ursprung von allem ist. Wir haben das Wort:

Alles, was ist, ist entweder sinnlos für mich, oder es spricht meine Sinne an und spricht mich an. Und was mich anspricht, ist in diesem Sinn Wort. Und ich kann antworten.

Und das ist das Dritte: Schweigen, Wort und Verstehen durch Antworten. Man versteht nur durch das Tun.

Welcher Lehrer weiss das nicht: Wenn man’s hört, geht’s bei einem Ohr hinein und beim andern wieder heraus, wenn man etwas sieht: Schon mehr Hoffnung, dass man’s versteht. Aber wenn die Kinder etwas tun, dann verstehen sie, was sie da getan haben. Und in diesem Sinn: durch das Tun ‒ durch das Leben verstehen wir das Leben. Durch das Tun.»

1.2. Audio-Vortrag Das Gottesbild der modernen Menschen (2009):

(20:41) Sinn finden in den drei Bereichen: Wort ‒ Schweigen ‒ Verstehen / (24:00) Wort ‒ Schweigen ‒ Verstehen in den Weltreligionen: Das Wort ‚Amen‘, die Antwort auf die ‚amunah‘, die Verlässlichkeit Gottes, in den westlichen Amen-Traditionen Judentum, Christentum und Islam / (25:21) Das Schweigen im Buddhismus und das Verstehen im Hinduismus

1.3. Im Audio: «Schweigen — Wort — Verstehen» (siehe auch Mitschrift) am Schluss des Vortrages Wie das Göttliche in uns wächst (2005) erfahren wir, wie wir uns im Gebet auf die Bewegung von Schweigen ‒ Wort ‒ Verstehen-durch-Tun einlassen und im «Rundtanz»[11] der Religionen mittanzen.

1.4. Audio TAO der Hoffnung (1994)
Vortrag:
(26:56) Der Tanz, die Rundbewegung vom Wort ins Schweigen und vom Schweigen ins Wort: Das Verstehen – Verstehen und Tun gehören engstens zusammen / (29:11) Wort – Schweigen – Verstehen in den Primärreligionen und die unterschiedliche Betonung in den westlichen und östlichen Religionen / (31:06) Die Blumenpredigt des Buddha – Zerreisset die Bücher – Wie schade, dass du es sagen musst / (36:08) Yoga ist Verstehen – Atman und Brahman – Krishna zu Arjuna in der Bhagavad Gita: Tu’s, dann wirst du verstehen / (41:47) ‚Das ist es!‘ in drei verschiedenen Betonungen – Der Reigentanz der Religionen von außen und von innen her betrachtet – ‚Tao‘ und ‚Amen‘: Ausklang mit dem Kanon: Alleluja, Amen

1.5. Audio-Vortrag Begegnung der Religionen (1993)
Vortrag:
(25:37) Zu diesen Augenblicken der Sinnfindung gehören die drei Dimensionen von Wort – Schweigen – Verstehen und diese Dreiheit bildet eine Art Reigentanz. Ob ein Spaziergang, Dichtung oder Musik: Wir geben uns so dem Wort hin – und Wort meint hier nicht ‹Wörter› –, dass es uns ins Schweigen führt, aus dem es kommt – Dieser Augenblick nach einem Orgelkonzert

(47:55) Die Traditionen schließen einander ein: Man kann nicht Christ sein ohne zugleich auch Buddhist und Hindu zu sein – Wie die Religionen einander ergänzen: ‹Das ist es in drei verschiedenen Betonungen – Gott verstehen als den Unerkenntlichen (Dionysius Areopagita)

1.6. Audio-Vortrag Mit dem Herzen horchen (1988):

(43:13) Sinn finden durch Wort, Schweigen und den dynamischen Prozess des Verstehens im Tun mit Blick auf den Buddhismus, Hinduismus und das Geheimnis des dreieinigen Gottes

2.1. Im Buch: Orientierung finden (2021), 45-46:

«Schweigen, Wort und Verstehen durch Tun sind grundlegende Schlüsselwörter, die wir unbedingt brauchen, um Sinn zu finden. Jedes echte Wort muss aus dem Schweigen kommen, sonst ist es nur Geplapper. Wenn wir dieses Wort schweigend empfangen und tief darauf hinhorchen, wird es uns ergreifen und uns dazu bewegen, durch unser Tun darauf zu antworten. Dies ist es übrigens, was Gehorsam, richtig verstanden, bedeutet. Durch intensives Hinhorchen ‒ gehorchen ist ja die Intensivform von horchen ‒ zeigen wir uns bereit, zu tun, was das Wort fordert, und kommen durchs Tun zum Verständnis. So führt uns das Wort, das uns ergriffen hat, in das Schweigen zurück, aus dem es hervorgegangen ist. Kein Wunder. Es geht ja bei diesem orientierungs-Dreischritt von Schweigen, Wort und Verstehen-durch-Tun letztlich um das, worum sich alles dreht ‒ und das ist das Geheimnis.»

2.2. Im Buch Die Achtsamkeit des Herzens (2021), 20:

Das Hinhorchen und Antworten, das unser geistliches Leben ausmacht, «ist Feier dreieiniger Verbundenheit: das Wort, das aus der Stille entspringt, führt im Verstehen heim in die Stille. Mein Herz ist wie ein Gefäß, das im Meer versinkt, ist voll von Gottes Leben und zugleich völlig darin eingetaucht. All das ist reines Geschenk. Meine Antwort ist Dankbarkeit.»

2.3. Im Buch Credo: Ein Glaube, der alle verbindet (2012), 233-235:

«Sinnsuche ist die Triebkraft, die alle Menschenherzen bewegt. Das haben wir alle gemeinsam. Sobald mir das bewusst wurde, war mir klar, worüber ich vor dem Parlament der Weltreligionen[12] sprechen müsste: Über unsere Aufgabe, die uns gemeinsame Sinnsuche besser zu verstehen; und es würde meine Aufgabe sein, gemeinsam mit meinen Zuhörern damit zu beginnen.

Jetzt begann sich auch eine klare Struktur für meinen Ansatz herauszukristallisieren.

Sinn hat immer drei Aspekte: Wort, Schweigen und Verstehen. Wenn eines von den dreien fehlt, fehlt auch Sinn.

Das müsste ich erklären im Hinblick auf die allgemeinmenschliche Erfahrung der Sinnsuche, und zwar unter den drei Gesichtspunkten von Wort, Schweigen und Verstehen.

Dass Wort und Sinn zusammengehören, leuchtet vielleicht am schnellsten ein.

Wenn wir etwas sinnvoll finden, dann sagen wir, dass es uns etwas sagt. Es ist also Wort in der weitesten Bedeutung ‒ nicht ein Wort aus einem Wörterbuch, aber doch Wort, dadurch, dass es Sinn vermittelt.

Jedes Wort aber, das wirklich sinnträchtig ist, kommt aus dem Schweigen ‒ aus dem Herzen der Stille; nur so kann es zur Stille des Herzens sprechen. (Alles andere ist nur Geschwätz.)

Weder Wort noch Schweigen können aber das ‹Aha!› der Sinnfindung auslösen, wenn Verstehen fehlt.

Verstehen ist ein dynamischer Vorgang.

Wenn wir so tief hinhorchen auf ein Wort, dass es uns in das Schweigen führen kann, aus dem es kommt, dann ereignet sich Verstehen.

Schweigen kommt zu Wort und das Wort kehrt durch Verstehen heim ins Schweigen.

Die Delegierten in Chicago waren eine buntgemischte Schar und boten einen farbenreichen Anblick ‒ von den safranfarbenen Roben der buddhistischen zu den schwarzen Soutanen der orthodoxen Mönche; von den hohen Kopfbedeckungen der ostkirchlichen Archimandriten zu den Gebetskäppchen der Rabbiner, den Turbanen der Derwische und dem Federschmuck der Indianerhäuptlinge. Während sich meine Augen an dieser großen Vielfalt weideten, wusste ich, dass unter all diesen Hüllen ein und dieselbe Sehnsucht diese Menschen hier zusammengeführt hatte und in ihren Herzen brannte: Sehnsucht nach Sinn.

Wenn jede spirituelle Tradition Ausdruck der unstillbaren Sinnsuche des Menschenherzens ist, dann müssen die drei charakteristischen Aspekte von Sinn ‒ Wort, Schweigen und Verstehen ‒ jede Religion auf eigene Art kennzeichnen. Freilich sollten wir Unterschiede in der Betonung des ein oder anderen Aspektes erwarten, und die finden wir auch tatsächlich.

In den uralten ursprünglichen Religionen ‒ z. B. in Australien, Afrika und Amerika ‒ sind die drei noch gleichbetont und eng miteinander verwoben in Mythos, Ritual und Gemeinschaftsleben.

Als aber Hinduismus, Buddhismus und die Amen-Traditionen des Westens aus der gemeinsamen ur-religiösen Matrix herauswuchsen, begann der Nachdruck immer stärker auf einen oder den anderen Bereich zu fallen, obwohl alle drei ‒ Wort, Schweigen und Verstehen ‒ in keiner Tradition ganz verloren gehen können.»

2.4. Vor 50 Jahren (1972) eröffnete Bruder David die Salzburger Hochschulwochen mit dem Vortrag Jesus als Wort Gottes, abgedruckt in: Die Frage nach Jesus (1973), 9-67:

«Wir werden uns also bemühen müssen um ein tieferes Verständnis menschlichen Sinnstrebens in dem dreifachen Zusammenhang von Wort, Schweigen und Ergriffenheit» im Verstehen durch Tun.» (16)

«In einem Gespräch zum Beispiel muss das Wort aus dem Schweigen kommen, sonst ist es gar kein Wort.

Im wahren Wort muss unser Herz zur Sprache kommen; das Herz als unser innerstes Zentrum, unser innerstes Schweigen, muss zu Wort kommen.

Das bedeutet, dass das Wort Ausdruck des Schweigens sein muss, sonst ist es Geplapper.

Das wahre Wort ist Ausdruck des Schweigens; es ist sozusagen schwanger mit Schweigen.

Und das Wort muss in das Schweigen heimkehren, denn wenn es nur Ohren und Gehirn erreicht, so ist noch kein wahres Verständnis zustande gekommen.

Das Wort muss ins Schweigen aufgenommen werden, so wie die Saat in die schweigende Erde fallen muss.

Das Wort muss von Herz zu Herz gehen, muss das Schweigen eines Herzens dem Schweigen eines anderen Herzens mitteilen mittels des Wortes.

Ein sinnvolles Gespräch ist also viel mehr als ein Wortwechsel. Das wissen wir alle.

Es ist Begegnung von Schweigen mit Schweigen im Wort.

So gehört das Schweigen ganz unmittelbar zu unserem Sinnerlebnis.

Wir können vielleicht sagen:

Das Wort hat Sinn, aber das Schweigen gibt Sinn.» (41)

«Solange der Mensch Mensch bleibt und Gott Gott, wird unser Streben nach Glück und Sinn diese dreidimensionale Struktur aufweisen. Wir können dabei ganz auf das Wort der Offenbarung eingestellt sein oder auf das offenbarende Schweigen oder auf das Verstehen in Gehorsam.

Es geht hier nur um verschiedene Akzente. Aber diese Akzente sind so wichtig und bringen eine solche Vielfalt der Wege hervor, dass man sich eine grössere Verschiedenheit der Möglichkeiten nicht mehr denken kann. Trotzdem ist es die eine Bewegung vom Menschen, der in dieser innersten Ausrichtung immer und überall der gleiche ist, auf den einen Gott hin, der der letzte Sinngrund ist. Von dieser Mitte her können wir beides verstehen: die Vielfalt und die Einheit der religiösen Tradition als Wege der Menschen auf der Suche nach Sinn. Wir können es von unserem persönlichen Erleben her verstehen.» (64f.)

«Unser Glaube sieht all dies im Lichte der Dreifaltigkeit. Für uns Christen sind die Wege des Menschen auf der Suche nach dem tiefsten Sinn nur im Lichte des trinitarischen Geheimnisses verständlich.» (65)

«Weil die Menschheit im Suchen nach letztem Sinn bewusst oder unbewusst immer auf den dreieinigen Gott verwiesen wird, spiegelt sich das Geheimnis der Dreifaltigkeit im Verhältnis der großen Religionen zueinander.» (48)]

_____________________

[1] Auf dem Weg der Stille (2016): Kp. 9: «Unsere Suche nach dem letzten Sinn», 122-124; siehe auch im Buch Ein Garten voll Glück (2019) unter dem Titel: Suche nach dem Sinn

[2] Orientierung finden (2021), 113

[3] Auf dem Weg der Stille (2016), 124

[4] Die Achtsamkeit des Herzens (2021), 61-63

[5] In etwa: «Das packt mich richtig, … nimmt mich mit, … schickt mich los.» [Anm. d. Ü.]

[6] Auf dem Weg der Stille (2016), 29f.

[7] Film Wort & Schweigen ‒ Über den Sinn des Gebets (1992), transkribiert von Werner Binder †. Die Transkription erschien im Buch Staunen und Dankbarkeit (1996), 138-147 unter dem Titel: «Teilnahme am göttlichen Leben»

[8] Auf dem Weg der Stille (2016), 30

[9] «Um das an mich gerichtete Wort, das Wort, das ich zugleich bin, zu verstehen, muss ich die Sprache des Einen, der mich anspricht und ausspricht, sprechen. Wenn ich Gott überhaupt verstehen kann, so ist dies nur möglich, weil Gott mir am Geist des göttlichen Selbstverständnisses Anteil schenkt.» [Die Achtsamkeit des Herzens, 19f.] [Bruder David macht immer wieder auf 1 Kor 2,10-16 aufmerksam.]

[10] Auf dem Weg der Stille (2016): Kp. 9: «Unsere Suche nach dem letzten Sinn», 126-129

[11] «Das ist es, was die griechischen Kirchenväter den großen Reigentanz der Dreifaltigkeit nannten. Vielleicht ist dieses Bild des Tanzes das Sinnbild, das auf unsere Frage nach dem letzten Sinn antwortet, wenn alle anderen Antworten versagen. Alles, was es gibt, ist aufgenommen in diesen Tanz, der sich spielerisch in immer neuen Formen entfaltet. Tanz ist Fülle des Lebens, Feier, in der des Lebens Sinn zu sich selbst kommt: Ringelreihen, Hochzeitstanz, Totentanz, Reigen der Seligen im Paradies, großer Rundtanz des Lebens. Und der Logos war schon für die frühen Kirchenväter Vortänzer, Anführer im großen Tanz..» [Jesus als Wort Gottes, in: Die Frage nach Jesus (1973), 66]

[12] «Mehr als acht tausend Menschen hatten sich in Chicago zusammengefunden, um an dem Parlament der Weltreligionen im August 1993 teilzunehmen. Von der ganzen Welt kamen sie als Abgeordnete einer großen Vielfalt religiöser Traditionen. Mit dem ersten Parlament der Weltreligionen 1893 war Chicago zum Geburtsort des weltweiten interreligiösen Dialogs geworden, der damals etwas Unerhörtes war. Seitdem hatte dieser Austausch nach und nach Schwung gewonnen, aber erst jetzt, hundert Jahre später, war die Zeit reif für ein zweites solches Treffen. Jetzt war dieser historische Augenblick gekommen. Und da war ich nun, ganz überwältigt von der Ehre, zu diesem Ereignis beitragen zu dürfen. Spannung lag in der Luft. Die Frage, worüber ich vor einer so achtunggebietenden Zuhörerschaft sprechen sollte, ließ mich in dieser Nacht nicht schlafen.» [Credo: Ein Glaube, der alle verbindet (2012), 232]

 

Quellenangaben

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