Text, Film und Audio von Br. David Steindl-Rast OSB

jesus gebet georg stahl titelCopyright © - Georg Stahl

Gerne möchte ich eine Erinnerung erzählen, die Erinnerung an meine erste Begegnung mit dem Jesusgebet, dem Herzensgebet wie es auch genannt wird. Damals war ich schon älter, aber immer noch ein Kind, vielleicht zwölf. Ich saß mit meiner Mutter im Wartezimmer eines Arztes. Meine rechte Hand lag zuerst auf dem linken Knie, dann auf dem andern, dann auf der Stuhllehne, dann auf dem Sims eines Fensters, durch das ich nur eine hohe Hecke und ein paar Spinnennetze erblicken konnte. Meine Hand war stark eingebunden und ich war gekommen, damit mir der Doktor den Verband wechselte. Nachdem ich eine Weile aufmerksam einen Topf voll Blutegel beobachtet hatte (sie wurden damals von Landärzten noch zum Aderlass benutzt), gab es in diesem leeren Zimmer nichts mehr, was mich hätte unterhalten können. Ich wurde immer zappeliger.

Plötzlich sagte meine Mutter etwas, was mich überraschte: «Russische Menschen kennen das Geheimnis, sich nie zu lang-weilen». Meine Vorstellung von den Russen beschränkte sich auf die olympischen Spiele, aber wenn es da eine geheime Methode gegen die Langweile gab, musste ich sie so schnell wie möglich lernen.

Erst viele Jahre später verstand ich diese geheimnisvolle Anspielung meiner Mutter, als ich auf das Buch «Aufrichtige Erzählungen eines russischen Pilgers» stieß, das eine Übersetzung aus dem Russischen ist. Es berichtete mir ausführlich über dieses Geheimnis sich nie zu langweilen, aber meine Mutter schaffte es, dies so einfach zusammenzufassen, dass es für einen Jungen von zwölf Jahren Sinn machte: «Du musst nur den Namen Jesus mit jedem Atemzug wiederholen. Immer und immer wieder. Das ist alles. Der Name von Jesus wird dir so viele gute Geschichten in Erinnerung rufen, dass du die Zeit nie lang findest.» Ich versuchte es. Es wirkt.

Es stellte sich heraus, dass Langweile in meinem Leben sowieso nie ein Problem sein würde, eher das Gegenteil. Tatsächlich, als später das Jesusgebet meine ständige Gebetsform wurde, begann ich es eher als einen Anker zu sehen, der mich geerdet hält, wenn das Leben alles andere als langweilig ist. Mit einem Wort, das ich dem Römischen Messbuch entlehne: das Jesusgebet hält mein Herz «in bleibender Freude verankert».

Nachdem ich die «Aufrichtigen Erzählungen eines russischen Pilgers» gelesen hatte, machte ich mir einen Ring aus Holzperlen, die ich bewege, eine nach der anderen, während ich das Jesusgebet wiederhole. Diese Bewegung meiner Finger ist nun mit diesem Gebet so verbunden, dass sie dank diesem Gebetsring weitergeht, selbst wenn ich lese oder mit jemandem spreche. Sie läuft weiter wie Musik im Hintergrund, nicht im Vordergrund meines Bewusstseins und doch jederzeit gehört.

Die Worte, welche ich dazu sehr hilfreich finde, sind: «Herr Jesus, erbarme dich!»[1]

Der russische Pilger brauchte eine längere Formel. Ich habe verschiedene Versionen ausprobiert, doch diese passt mir am besten.

Meist ist sie Ausdruck meiner Dankbarkeit: wenn ich einer gegebenen Situation ins Auge sehe und sie ganz hinnehme, sehe ich diese gegebene Wirklichkeit als eine einzige Facette von Gottes höchstem Geschenk, das im Namen von Jesus zusammengefasst ist.

Beim Ausatmen sage ich dann die zweite Hälfte des Gebets, dem Sinn nach: «Oh, mit welcher Barmherzigkeit überschüttest Du mich in jedem Augenblick!»

Manchmal kann «Erbarme dich!» natürlich auch ein Schrei um Hilfe sein, etwa wenn ich todmüde bin und weitermachen muss, um einen Termin einzuhalten. Oder wenn ich über die Zerstörung des Regenwaldes lese oder von Zehntausenden von Kindern, die täglich auf diesem Planeten des Überflusses verhungern. «Erbarme dich!» seufze ich «Erbarme dich!»

Das Jesusgebet ist mittlerweile mit meinem Ein- und Ausatmen so verbunden, dass es meist von selbst fließt. Währenddem ich einschlafe, geht das Gebet manchmal weiter, bis es mit dem tiefen Atem des Schlafes verschmilzt.[2]

[Ergänzend:

1. Jesus-Gebet

2. Film Wort und Schweigen ‒ Über den Sinn des Gebets (1992), sowie die Transkription von Werner Binder †:

«Eine Form, in der viele Menschen täglich und stündlich beten, ist das Herzensgebet. Das ist nicht so sehr ein Gebet, das man spricht, obwohl die klassische Form des Herzensgebetes, die Wiederholung des Namens Jesu, dafür typisch ist. Eigentlich handelt es sich beim Herzensgebet eher um eine Gebetshaltung, um eine Aufmerksamkeit und Achtsamkeit des Herzens.

Beim Beten ist das Entscheidende die Achtsamkeit, denn wenn wir nicht mit Achtsamkeit beten, ist es nur ein Herunterleiern, kein wirkliches Beten. Achtsamkeit macht alles, was wir tun, zum Gebet.

Wenn wir nur die Augen des Herzens am Horizont halten, in allem was wir tun, dann wird alles zum Gebet. Dann wird unser ganzer Alltag zum Gebet. Und das ist ja eigentlich die Aufgabe: ohne Unterlass zu beten. Nicht nur hie und da Gebete zu sagen.»

3. Audio Aufwachsen in Widersprüchen (1989)
Dialog mit David Steindl-Rast
Teil 1 in folgende Themen zusammengefasst:
(01:10) Das Jesusgebet, auch Herzensgebet genannt / (03:39) Jean-Yves Leloup: Das Herzensgebet nach Starez Séraphim
vom Berge Athos, Neumühle-Verlag, Mettlach 1989, 16 S. / (05:01) Wie hängt das Jesus-Gebet mit Sinnenfreude und der Offenheit im horchenden Herzen zusammen?

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[1] Bernardin Schellenberger, S. 13: «Am hilfreichsten habe ich die Formulierung ‹Lord Jesus, mercy!› gefunden (Anm. d. Ü.: deutsch z. B. ‹Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner!›

[2] Den großen Tanz beten (1998) [derselbe Text aus dem Amerikanischen übersetzt von Bernardin Schellenberger, in: Auf dem Weg der Stille (2016): Kapitel 3 «Der Mystiker in uns», 11-14]:


Quellenangaben

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