LEBENSTHEMEN und SCHLÜSSELBEGRIFFE

LEBENSTHEMEN und SCHLÜSSELBEGRIFFE

Text von Br. David Steindl-Rast OSB

Wie ist «Menschwerdung Gottes» denkbar?

«Was für eine Frage,
wenn das Göttliche doch in  j e d e m  Menschen ist!»
rief eine weise Frau aus.

Das innerste Geheimnis des Seins ist in jedem Seienden gegenwärtig. Nichts lässt uns tiefer erschaudern als die Entdeckung, dass jeden Augenblick alles, was es gibt, aus reiner Möglichkeit ins Dasein springt. Auch die Naturwissenschaft hat es immer wieder mit «Ursprung» zu tun – vom Big Bang bis zur Entstehung von fließendem Wasser aus zwei Gasen – also mit einem letztlich unerklärlichen «Sprung» in die wissenschaftlich erfassbare Wirklichkeit.

Es liegt nahe, auch in der Psychologie und in der Kunst bei Eingebungen und Intuitionen, die dem Unbewussten entspringen, an einen vergleichbaren «Sprung» zu denken. Dann würde «Ursprung» im physischen sowie im psychischen Bereich auf jene Einheitswirklichkeit hinweisen, aus der alles entspringt.

Carl Gustav Jung (1875–1961) und Wolfgang Pauli (1900–1958) nannten diesen Ur–Grund «unus mundus» (lateinisch für «eine Welt»).

Nicht, dass «unus mundus» selbst schon das Große Geheimnis wäre, aber jeder Ursprung deutet letztlich darauf hin, dass alles aus dem geheimnisvollen Urquell des Seins entspringt.

Wir selber können uns dessen bewusst werden, dass das Dasein uns geschenkt ist – besonders dann, wenn wir fühlen, dass wir am liebsten nicht wären.

Es gibt uns, ob wir es wollen oder nicht. Jenes «ES» aber, von dem wir – und alles, was es gibt – das Dasein empfangen, nennen wir das Große Geheimnis, das uns zugleich als Ur–Du erfahrbar wird, wenn wir uns ihm vertrauensvoll aufschließen.

Hier kann unser Verständnis von «Menschwerdung Gottes» anknüpfen. Wir können uns dessen bewusst werden, dass Gott – und in diesem Zusammenhang nennen wir das Große Geheimnis «Gott» – uns näher ist, als wir uns selber sind.

«Innerlicher als unser Innerstes»,

sagt Augustinus.

Gott ist ganz Mensch,
denn Gott kann ja nicht teilweise sein.

Freilich lässt sich dieser Satz nicht umkehren. Der Mensch ist nicht Gott, denn das Große Geheimnis geht unendlich über alles, was es gibt, hinaus.

Auch in der biblischen Tradition findet diese Erfahrung allgemeinmenschlicher Religiosität Ausdruck, wenn es in der schönen Luther–Übersetzung heißt:

«Denn in ihm leben, weben und sind wir» (Apg 17,28).

Das gipfelt in der Lehre der «Menschwerdung Gottes in Jesus Christus».

Und nicht nur uns Menschen steht Gott unbegreiflich nahe:

«Das Wort ist  F l e i s c h  geworden;
und hat unter uns gewohnt.»
(Joh 1,14)

Das Johannesevangelium spricht von der «F l e i s c h werdung» des göttlichen Logos (Joh 1,14), in der die «M e n s c h werdung» inbegriffen ist.

«Fleisch» aber heißt alles Vergängliche –
im Gegensatz zum unvergänglichen «Geist».
[1]

Inkarnation («F l e i s c h werdung») zeigt daher nicht nur alle Menschen – geschweige denn nur einen einzigen Menschen – in einem neuen Licht:

«Alles Fleisch» (Jes 40,5; Lk 3,6) –
was immer sterblich ist –
erstrahlt in seinem innersten Kern
mit der unvergänglichen Schönheit
des göttlichen Geheimnisses.

Weil die neutestamentlichen Autoren auf einer mythischen Verständnisstufe standen, sahen sie die Inkarnation als ein einmaliges geschichtliches Ereignis, aber das ist für eine umfassende Denkweise zu eng gegriffen. Immer und überall findet Inkarnation statt.

Jedes Jetzt ist Ursprung.

Aus dieser Perspektive kann die «Menschwerdung Gottes in Jesus Christus» als Bild für die ununterbrochene Selbstdarstellung des Großen Geheimnisses verstanden werden, zusammengefasst und gefeiert in Jesus Christus.

Der verborgene Quell allen Seins – das Große Geheimnis – sprudelt aber jeden Augenblick neu hervor und strahlt als innerstes Sein jedes Wesens.

Das können wir täglich erleben, denn um es mit Rilke zu sagen:

«…noch ist uns das Dasein verzaubert; an hundert
Stellen ist es noch Ursprung. Ein Spielen von reinen
Kräften, die keiner berührt, der nicht kniet und bewundert.»

(R. M. Rilke, Die Sonette an Orpheus II,10) (S. 65-67)

[Obiger Text, wie auch in Ergänzend, ist dem Buch: Worauf es letztlich ankommt: 100 Fragen – 100 Antworten (2026) entnommen]

[Ergänzend:

1. Die Geburt Jesu, ein grundlegender Neuanfang

Erst dichterisch–mythisch können wir es uns klarer bewusst machen. Abstrakt rationales Denken ist für so tiefe Wahrheiten unzureichend. Verwenden wir also hier die mythischen Bilder der Bibel. (S. 174)

Für Mythologie-Forscher ist die Jungfrauengeburt ein vertrautes Motiv: als Bild für einen grundlegenden Neuanfang. Die Evangelisten Matthäus und Lukas haben es in diesem Sinne verwendet und in ihren beiden Kindheitsevangelien dichterisch ausgestaltet. Sie wollten verkünden:

Die Geburt Jesu stellt einen völlig neuen Anfang dar in der Beziehung zwischen Gott und den Menschen. Adam – das heißt einfach «der Mensch» – war «nach Gottes Bild und Gleichnis» aus jungfräulicher Erde geformt worden, hatte aber durch Trennung von Gott die Ähnlichkeit des Bildes verunstaltet.

Jesus Christus – Paulus nennt ihn den «neuen Adam» – wurde aus einer Jungfrau geboren und stellte die Gottähnlichkeit wieder her für alle, die sein neues Leben annehmen.

So dichterisch-mythisch wird das ursprünglich dargestellt und allgemein verstanden.

Und in diesem Sinn glaube auch ich, was die Lehre der «jungfräulichen Geburt» Jesu verkündet.

Auf der Ebene mythischen Denkens wäre unsere heutige Unterscheidung zwischen mythischem Bild und historischem Ereignis unverständlich und bedeutungslos.

In diesem mythischen Bewusstsein aber blieb die katholische Theologie weitgehend stecken, als sie ihre Lehre über die jungfräuliche Geburt Jesu entwickelte. Auch heute noch können wir vollkommen verstehen, ernst nehmen und bejahen, was das mythische Bild sagen will.

Dichtung kann ja tiefere Wahrheit vermitteln als jede andere Sprache. Wir dürfen nur nicht in die Falle tappen, Dichtung wörtlich zu nehmen.

Diese Vorsicht ist besonders bei der Auslegung von mythischen Texten geboten, wie dem von der jungfräulichen Geburt Jesu. (S. 77f.)

2. Jesus – Gottessohn und «Jesus, der Menschensohn» in Bruder Davids Vortrag: Jesus als Wort Gottes, abgedruckt im Buch Die Frage nach Jesus (1973), 60f.; siehe auch Wir leben vom ureigensten Leben Gottes (1973):

«Wiewohl er Gottes Sohn war, musste er doch durch Leiden Gehorsam lernen» (Hebr 5,8). Adam wollte das nicht. Er macht das Gott-gleich-Sein zum Raub. Jesus hingegen wird, gehorsam bis zum Tode» (Phil 2,8), und so erfüllt er, was es heißt, Mensch zu sein. Eben darin ist sein Gott-gleich-Sein verwirklicht.

Genau in diesem Sinn finden wir in den Evangelien Jesus als den Menschensohn. Wie nun etwa «Sohn des Friedens» in der biblischen Sprache einen durch und durch friedliebenden, Frieden ausstrahlenden Menschen bezeichnet, oder wie man sagen kann: «Sohn des Verderbens» und man damit einen durch und durch verdorbenen Menschen meint, so kann man sagen: «Sohn des Menschen» – «Menschensohn», und meint damit einen Menschen, der durch und durch menschlich ist. Wir sagen «Menschenskind». Menschensohn ist einfach im biblischen Sprachgebrauch die Bezeichnung für einen Menschen – irgendjemand, jedermann. So bezeichnet sich Jesus, wenn er von sich als Menschensohn spricht, als Mensch schlechthin, als typisch menschlich. Der Prophet Daniel will uns schockieren, wenn er sagt, dass ein Menschensohn beim Thron Gottes steht, einer, der durch und durch menschlich ist. Es ist aber gerade diese Bezeichnung, die Jesus aufgreift (Dan 7,73; Lk 21,27).]

[1] Der Ausdruck «Fleischwerdung» Gottes verdeutlicht nicht nur die kosmische Einbettung der «Menschwerdung Gottes», er setzt sich auch ab vom manichäischen Verständnis, von dem auch der Hl. Augustinus beeinflusst war,
siehe im Audio Mit allen Sinnen leben (1993)

Vortrag:
(16:44) Erziehung mit Angst vor allem Sinnlichen ‒ Augustinus und die Manichäer: Irrige Auffassung von Geist und Fleisch in den Paulusbriefen / (19:04) Geist und Fleisch richtig verstanden ‒ Der vergiftende Einfluss von Augustinus’ Lehre / (21:39) Genesungsprozess in unserer Zeit und Wende in der Theologie (Karl Rahner) / (23:20) Werke des Geistes und des Fleisches im Galaterbrief

 



Quellenangaben

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