Text von Br. David Steindl-Rast OSB
Die tödliche Erkrankung unserer Gesellschaft ist der Verlust der Religion – aber die Religiosität ist nicht verloren. Das gibt uns Hoffnung. (S. 21)
Religiosität ist ein wesentliches Element der menschlichen Psyche und drückt sich immer neu in den kulturellen Erscheinungen aus, die wir Religion nennen. Aus diesem Grund werden Menschen auch in Zukunft ein Bedürfnis nach Religion haben. (S. 33f.)
Bedeutsamer Schritt in der Entwicklung menschlichen Bewusstseins
In der Geschichte der Religionen zeigt sich eine Entwicklung, die man als zunehmende Bewusstwerdung des Geistigen bezeichnen könnte.
Sie führt von einer mythischen zu einer ganzheitlichen Bewusstseinsebene. Es scheint, dass wir Menschen ursprünglich in einer tiefen Verbundenheit mit der Natur lebten, in der uns die Gegenwart des Großen Geheimnisses überall dunkel bewusst war.
Viel später, zur Zeit der hebräischen Propheten, des Buddha, des Konfuzius, des Lao-Tse und der griechischen Philosophen tritt erstmals die individuelle Reflexion über das Göttliche ins Licht logischer Überlegungen.
Die lange Entwicklung seither ist dadurch gekennzeichnet, dass der Mensch sich zunehmend als freies, verantwortliches Wesen und Mit-Schöpfer versteht. Das Göttliche tritt immer bewusster ins Selbstverständnis des Menschen ein; es wird als unser innerstes Wesen verstanden, geht jedoch unendlich über unsere Begrenztheit hinaus.
Von der inneren, der spirituellen Perspektive aus gesehen könnten wir den soeben beschriebenen Prozess als fortschreitende intellektuelle Interpretation unserer Beziehung zum Großen Geheimnis – jetzt «Gott» genannt – verstehen.
So betrachtet, handelt es sich nicht um einen linearen Fortschritt, sondern um eine spiralartige Vertiefung der Innerlichkeit.
Theologisch-philosophisch gedeutet, könnte man von einer Art «Schulung der Freiheit» sprechen: Die Entwicklung des Geistes zielt dann auf Freiheit zur Liebe.
Am Anfang steht die unreflektierte Eingebundenheit in eine göttliche Wirklichkeit, der wir spontan gehorchen.
Dann kommt eine Krise des Gehorsams und es folgt ein Bruch: die Erfahrung der Entfremdung und der Selbstständigkeit.
Schließlich erwacht das Bewusstsein, dass Gott nicht von außen, sondern aus unserem Innersten zu uns spricht.
Aus dieser Sicht handelt es sich nicht um ein bloßes Fortschreiten, sondern um einen Kreis, der sich auf höherer Ebene schließt. Es geht dabei um Rückkehr zur Einheit – diesmal bewusst. (S. 176f.)
Wir können diesen ungeheuer bedeutsamen Schritt im menschlichen Bewusstseinswandel mit jenem Schritt in der biologischen Evolution vergleichen, durch den die Natur ein äußeres durch ein inneres Skelett ersetzte.
So wie der Panzer der Krebstiere
ihrem Körper von außen Halt gibt,
so stützte die Religion bisher
die Spiritualität durch äußere Strukturen.Diese Funktion übernimmt zusehends
eine neu bewusste innere Autorität –
Gottes Gegenwart im innersten Herzen.Wie ihr neu entstandenes Rückgrat
den Wirbeltieren neue Bewegungsfreiheit gab,
so gibt dieses neue religiöse Bewusstsein
uns neue Entscheidungsfreiheit,
aber freilich auch neue Verantwortung.
Das Entscheidende an der Religion wird in Zukunft das mystische Leben sein – Mystik im Sinne einer tiefen persönlichen Beziehung zum göttlichen Geheimnis, unserem Ur-Du.
Für das Christentum hat der große katholische Theologe Karl Rahner das in dem oft zitierten Satz ausgesprochen:
«Der Christ der Zukunft wird ein Mystiker sein ... oder er wird nicht mehr sein!» (S. 34f.)
Vom Ich zum Wir
Wo der Individualismus so weit verbreitet und tief verwurzelt ist wie in unserer Gesellschaft, wird jedoch der gemeinschaftliche Aspekt der Religion nur schwer Ausdruck finden. Religiosität verlangt aber Gemeinsamkeit und Teilen, daher sehnen wir uns – ob es uns bewusst ist oder nicht – nach dem Gemeinschaftserlebnis, das jede Religion bietet. Weil Religion zunehmend als «Privatsache» angesehen wird, verliert sie auch im öffentlichen Leben an Einfluss.
Das wird immer schlimmer werden, bis uns der für die Menschheit überlebensnotwendige Umschwung vom übertriebenen Ich-Denken zum Wir-Denken gelingt.
Dieser Umschwung selbst ist eine ethische Forderung unserer Religiosität.
Daher werden auch die Religionen der Zukunft ihre Gemeinsamkeit feiern, während die heutigen Religionen ihre Unterschiede verteidigen.
Inhaltlich lässt sich nur voraussagen, dass religiöse Formen stets sowohl intellektuelle Einsichten als auch ethische Überzeugungen und gefühlsbetonte Rituale umfassen werden, denn Religiosität entspringt dem ganzen Menschen mit Denken, Wollen und Fühlen.
Diese Formen – durch historische Umstände und den menschlichen Bewusstseinswandel bestimmt – werden sich freilich auf unvorhersehbare Weise verändern. (S. 34)
Freilich bleibt es entscheidend, dass unser ganzes Leben zur spirituellen Entwicklung wird. Das heißt, dass wir die Beziehung zum Großen göttlichen Geheimnis – wie immer diese Beziehung von unserer jeweiligen Entwicklungsperspektive aus erscheinen mag – im Alltag immer klarer und tiefer erleben. (S. 177)
Tradition bedeutet den Prozess ständiger Anpassung
von Gleichbleibendem an neue Bedürfnisse (S. 111)
Lehren, moralische Regeln und Rituale bringen die Anhänger einer bestimmten Religion mit dem unveränderlichen religiösen Urgrund des Seins in Verbindung.
Diese drei Säulen müssen immer wieder den sich wandelnden spirituellen Bedürfnissen einer Zeit angepasst werden, um ihre Funktion erfüllen zu können. Die Gläubigen – und oft sogar Theologen – neigen aber dazu, die Säulen selbst für unveränderlich zu halten. In einer lebendigen Religion wollen Glaubenslehren immer wieder neu durchdacht und ausgedrückt werden, um die Menschen neuer Zeiten auf ihrer Bewusstseinsebene zu erreichen.
Neue moralische Probleme entstehen, die auf neue Weise angegangen werden wollen, Rituale veralten und wollen erneuert werden, um aussagekräftig zu bleiben.
Wenn wir dem lebendigen Wasser nicht erlauben, weiterzufließen, dann friert es ein. Statt auf immer tieferes Verständnis hinzuströmen, erstarren Glaubenssätze dann in Dogmatismus, situationsbezogene Ethik erstarrt in wirklichkeitsfremdem Moralismus und heilige Handlungen, in denen das Geheimnis Ereignis wird, erstarren in oberflächlichem Ritualismus.
Weil lebendige Religion uns die bleibenden Werte des Wahren, Guten und Schönen erleben lässt, die in unserer Religiosität verankert sind, stellt sie in gewissem Sinn das Bleibende inmitten unserer stets sich wandelnden Wirklichkeit dar. Daher bringt sie auch immer die Versuchung mit sich, uns krampfhaft starr an ihre Formen zu klammern, wenn Veränderungen uns Angst machen. Dem heißt es vorzubeugen, indem wir hellwach zu unterscheiden lernen zwischen Form und Inhalt der Religion. (S. 23f.)
Die Kraft unserer eigenen Herzenswärme
Wenn die lebendigen Wasser meiner eigenen katholisch-christlichen Tradition einfrieren, kenne ich kein anderes Mittel, um sie aufzutauen und wieder zum Fließen zu bringen, als die Wärme der glühenden Religiosität in meiner eigenen Herzenstiefe.
Ich fühle mich herausgefordert, das Wahre, Gute und Schöne zu erkennen, das selbst in den erstarrten Formen noch zu finden ist.
Denn auch noch im kristallenen Schneewittchensarg kann lebendige Religiosität eine todesstarre Religion wachküssen.
So können wir den unvergänglichen Inhalt immer neu mit seiner ursprünglichen Bedeutung verbinden. Wir dürfen vertrauen:
Das Menschenherz vergisst diese ursprüngliche Bedeutung der Religion nie.
Ein Beispiel: Wie könnte etwa das Herz den Bedeutungsgehalt einer gemeinsamen Mahlzeit vergessen? Aus dieser Herzenserinnerung aber kann und muss die Erneuerung der heutigen Eucharistiefeier kommen.
Das Herz vergisst auch nicht, was der Vater einem innig geliebten Kind bedeutet, und diese Erinnerung kann uns helfen, uns die Lehre vom «Reich Gottes» als «Gotteshaushalt» mit gläubigem Vertrauen wieder anzueignen. Darauf kann dann eine Wiederbelebung unserer Beziehungen zu allen Mitgliedern dieses Haushaltes aufbauen.
So kann eine neue, lebendige Moral entstehen.
Ob es gelingen wird, erstarrte religiöse Traditionen wieder zum Fließen zu bringen? (S. 24f.)
Offenbarung und die Bibel als Wort Gottes
Das Große Mysterium im Herzen von allem, was es gibt, kann nicht begrifflich erfasst werden. Aber wir können beginnen, es zu verstehen, wenn es uns seinerseits «ergreift» – wie Musik, die wir nur dann «verstehen», wenn sie uns «ergreift» und uns tief bewegt.
Tatsächlich nennen wir solche überwältigende Erfahrungen von Musik, Kunst oder Natur manchmal «Offenbarungen».
Religionen neigen dazu, große überlieferte Erfahrungen «Offenbarung» im wörtlichen Sinne zu nennen.
Sie bestehen sogar manchmal darauf, dass die überlieferte Schatzkammer von Offenbarungen zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Geschichte vollständig wurde und «offizielle Offenbarung» nun abgeschlossen ist und in diesem Sinne aufhörte.
Darüber hinaus gibt es freilich immer noch «private Offenbarungen».
Mit großem Respekt vor der Weisheit, die sich in der von der Kirche anerkannten Offenbarung findet, ist es wichtig, nicht in ein zu enges, zu statisches Verständnis zu verfallen. Wir dürfen uns ermutigt fühlen, unsere eigenen Einsichten zu dieser Schatzkammer beizutragen. Dabei geht es nicht um großartige Erleuchtungen, sondern um die Einsichten, die spirituelles Leben uns ganz persönlich schenkt. Neue Perioden in der Geschichte eröffnen darüber hinaus neue Perspektiven auf das Mysterium. Jeder Mensch kann überlieferte Offenbarung durch neue Einsichten erweitern, die in unser Herz fließen, wenn wir es für das Mysterium öffnen. (S. 102f.)
Die Bibel ist eine Sammlung von Schriften, die vom sich verändernden Verständnis des Großen Mysteriums in verschiedenen geschichtlichen Perioden der jüdisch-christlichen Tradition Zeugnis ablegen.
Diese Schriften sind sehr unterschiedlich, nicht nur in Art und Inhalt – Mythen, Geschichtsbücher, Gedichte, Lieder, Briefe, Evangelien –, sondern auch in der Lebensphilosophie und den moralischen Überzeugungen ihrer Verfasser.
Beim Lesen dieser heiligen Schriften können wir teilhaben am Dialog der Autoren mit Gott – oft mit dem Blick auf die Texte früherer Autoren, sie bekräftigend oder ihnen widersprechend.
Als Leser können wir also in diesen Dialogen gleichsam auch Gottes Wort hören, wie es uns persönlich herausfordert.
Im Gegensatz zu diesem respektvollen und realistischen Verständnis der Bibel entspringt die Vorstellung, sie sei eine Art von Gott diktiertes Handbuch für alle Lebenssituationen, menschlichem Wunschdenken und führt zu inneren Widersprüchen. Deshalb sagte der große Schweizer reformierte Theologe Karl Barth einmal:
«Ich nehme die Bibel zu ernst, um sie wörtlich zu nehmen.»
Sie legt vielmehr ehrwürdiges und lehrreiches Zeugnis davon ab, was Menschen wie wir im Laufe von Jahrtausenden hörten, wenn sie auf Gott, das Große Geheimnis, horchten und mit ihm rangen. So ringen ja die Menschen aller Zeiten und Kulturen mit dem Großen Geheimnis und was sie dabei mit ihrem Herzen hören, schlägt sich auch in den heiligen Büchern anderer Religionen nieder.
Es wäre arrogant und gefährlich, eine dieser Schriften zum einzigen und unfehlbaren Wort Gottes zu erklären, so dankbar wir für sie alle sind und so hoch wir sie schätzen. (S. 103f.)
[Obiger Text, wie auch in Ergänzend, ist dem Buch: Worauf es letztlich ankommt: 100 Fragen – 100 Antworten (2026) entnommen]
[Ergänzend:
1. Weil die neutestamentlichen Autoren auf einer mythischen Verständnisstufe standen, sahen sie die Inkarnation als ein einmaliges geschichtliches Ereignis, aber das ist für eine umfassende Denkweise zu eng gegriffen. Immer und überall findet Inkarnation statt. Jedes Jetzt ist Ursprung. (S. 66)
2. Auch heute noch können wir vollkommen verstehen, ernst nehmen und bejahen, was das mythische Bild sagen will. Dichtung kann ja tiefere Wahrheit vermitteln als jede andere Sprache. Wir dürfen nur nicht in die Falle tappen, Dichtung wörtlich zu nehmen. Diese Vorsicht ist besonders bei der Auslegung von mythischen Texten geboten. (S. 78)
3. Bruder David distanziert sich in der Leseprobe, S. 114-117, 119f., von der Praxis der römisch-katholischen Kirche zum Zölibat für Priester, wie auch von ihrer Einstellung zu Homosexualität und zur Geburtenkontrolle und Empfängnisverhütung.
4. Bruder David antwortet in der Leseprobe, S. 122f., auf die Frage 70: «Wie finden wir die Grenze zwischen dem, was sich in der römisch-katholischen Kirche ändern darf, und dem, was bleiben muss?»]

