Interview von David Steindl-Rast OSB geführt vom Tyrolia Verlag anlässllich des neu erschienenen Buches Orientierung finden

worum sich letztlich alles drehtCopyright © - Diego Ortiz Mugica

Sie feiern am 12. Juli Ihren 95. Geburtstag – wofür sind Sie am dankbarsten, wenn Sie auf Ihr Leben zurückblicken?

Einen so hohen Geburtstag in guter Gesundheit feiern zu dürfen, ist allein schon Grund zu großer Dankbarkeit.

Sehr dankbar bin ich auch für meinen Mönchsberuf als Benediktiner und für die Herzenswärme, die ich nicht nur in meinem Heimatkloster, Mount Saviour im Staat New York erleben durfte. Zwei weiteren Gemeinschaften bin ich eng verbunden: den Camaldoleser Benediktinern in Kalifornien und dem Europakloster, Gut Aich im Salzkammergut.

Die Grundlagen meiner geistigen Ausrichtung verdanke ich der Neulandschule in Grinzing. Für diese entscheidenden Impulse bin ich dem Bund Neuland, der heuer seinen 100. Geburtstag feiert, zutiefst dankbar.

Es war auch ein ungewöhnliches Geschenk des Lebens, dass ich durch meine Vortragsreisen so viele fremde Länder und so viele bewundernswerte Menschen in der Welt kennenlernen durfte.

Durch Teilnahme am interreligiösen Dialog durfte ich meinen Horizont erweitern und zugleich das Verständnis meines eigenen christlichen Glaubens vertiefen. Auch das war ein großes Geschenk.

Das Wertvollste im Leben sind letztlich wohl unsre Freundschaften, und mit lieben Freunden wurde ich ganz überreich beschenkt.

Zum Spaß könnte ich noch einen ungewöhnlichen Grund zur Dankbarkeit anfügen. Nicht wenige recht bedeutende Autoren mussten viel Zeit und Energie aufwenden, um Verlage für ihre Bücher zu finden; um meine Bücher haben sich, schon seit meinem ersten, sehr gute Herausgeber von sich aus bemüht. Das macht das Leben entschieden leichter.  

Sie wuchsen in Wien auf und emigrierten in jungen Jahren in die USA – wie, glauben Sie, haben alte und neue Welt Sie geprägt?

Ich wurde nur 8 Jahre nach Ende des 1. Weltkriegs geboren, und wuchs in einer traditionsbewussten, in meiner Kindheit noch kaisertreuen Familie auf. So war ich von Anfang an durch alt-österreichische Kultur geprägt. Als ich 1952 in die USA auswanderte, um mich meiner vor mir ausgewanderten Familie anzuschließen, löste das zunächst einen nicht geringen Kulturschock bei mir aus. Ich trat aber schon bald ins Kloster Mount Saviour ein, wo die weithin brückenbildende benediktinische Kultur vorherrschte.

Nach und nach, lernte ich auch viele Eigenschaften der US-Amerikaner zu schätzen, ja, mich langsam selber als solcher zu fühlen. Das bedeutet ja in einem typischen Einwandererland wie den USA nicht, dass ich meine österreichische Identität verleugnen oder gar aufgeben musste. Allerdings gehören Schuldbewusstsein und Scham für die Rolle der USA in der Welt heute für mich dazu.

Ich hoffe, in meiner zweiten Heimat an Weite des Horizontes gewonnen zu haben, ohne dass ich dabei meine Verwurzelung in europäischer Tradition einbüßen musste. Mein Wienerisch hab‘ ich keinesfalls vergessen.

Noch wichtiger als meine doppelte Staatsbürgerschaft sollte mir meine Zweisprachigkeit werden. Englisch ist mir so vertraut geworden wie meine deutsche Muttersprache und hat auch mein Denken stark beeinflusst. Vieles lässt sich nur auf deutsch sagen, vieles aber auch nur auf englisch. Daher gehen auch die beiden Fassungen meines neuen Buches, „Orientation“ und „Orientierung finden“, auf weiten Strecken eigene Wege. Die spanische Übersetzung, an der ich zurzeit mitarbeite, stützt sich auf die beiden andren Fassungen, kann aber auch manches auf eigene Weise ausdrücken.

Sie wollten immer schon wissen, „wie alles mit allem zusammenhängt“, schreiben Sie in Ihrem neuen Buch. Das zeugt von einer ungebrochenen Neugierde, von Offenheit für Neues und von einer inneren Kraft, zu ergründen und zu verstehen. Woraus schöpfen Sie in Ihrem Alter die Energie dafür?

Energie ist schon in jungen Jahren ein großes Geschenk des Lebens und umso mehr im Alter. Sie ist aber immer Geschenk. Ich kann sie nicht erzeugen, nur mich dankbar erweisen, indem ich sie gut nutze.

Anderseits schenkt mir jede Bemühung zu ergründen und zu verstehen mehr Energie, als sie erfordert. Ich glaube, Wissbegierde erhält uns jung.

Auf unsre Offenheit für Neues kommt es letztlich an, und auch die ist Geschenk. Wie jedes Geschenk können wir das Talent von Offenheit für Neues vermehren, indem wir es nutzen. Wir können es aber auch verkümmern lassen.  Dazu neigt man manchmal im Alter. Wenn wir uns aber für etwas öffnen, was uns wirklich ganz in Anspruch nimmt, dann gilt auch im Alter, was Rilke so schön vom Vorfrühling sagt: „Jede Stunde, die hingeht, wird jünger.“    

Kann Ihr neues Buch als eine Zusammenfassung Ihrer bisherigen Einsichten und Erkenntnisse gesehen werden?

Ja, so verstehe ich es. Zugleich war ich dabei streng mit mir selber und habe mich bemüht, alle verwendeten Begriffe nochmals gründlich durchzudenken, klar zu definieren und durch Querverweise ihre gegenseitigen Beziehungen aufzuzeigen. So konnte ich mein gegenwärtiges, immer noch offenes und sich entfaltendes Weltbild darstellen und zugleich Leser/innen Gelegenheit geben, sich selbständig und frei daran zu orientieren.

Das bestimmt auch die Art von Orientierung finden, die dieses Buch nahelegen will und schon durch seine Form ausdrückt.
Es hat zwei Teile:
1. Orientierungsschritte, anhand von Schlüsselworten, die eine Art Leitfaden bilden;
2. Orientierungspunkte, etwa weitere 80 Schlüsselworte, mit deren Hilfe man sich ganz nach Belieben zusätzlich orientieren kann.

Ein solches Buchformat gibt es meines Wissens bisher noch nicht. Es scheint mir aber aus mehreren Gründen gefordert und zukunftsweisend:
1. Viele Menschen bemühen sich heute um Orientierung.
2. Sie suchen Rat, wollen aber selber frei ihren Weg finden, wozu sie Anhaltspunkte brauchen.
3. Leser/innen bevorzugen kurze Texte, die aber reich an Information sein sollen. Besonders auch für Leserunden und Buchgemeinschaften eignet sich diese neue Art von Buch.      

Sie benennen in Ihrem Buch fast 100 Schlüsselworte für Ihr Leben – gibt es auch ein besonderes Schlüsselerlebnis oder eine Schlüsselbegegnung für Sie?

Ja. Martin Heidegger hat mir so ein Schlüsselerlebnis geschenkt für das ich zutiefst dankbar bin. Er spricht davon, dass wir „der Sprache nachdenken“ können, wie man etwa einem Feldweg nachgeht. Das hat mich zutiefst berührt, als ich es zum ersten Mal las. Es hat mir bewusst gemacht, dass das Denken unsrer Vorfahren unsre Sprache geformt hat und dass wir uns unbewusst in diesen Denkbahnen bewegen – dass wir dies aber auch mit großem Gewinn bewusst tun können.

Heidegger hat mir durch diese Einsicht einen Schlüssel in die Hand gegeben, der mir in unsrer Muttersprache Tür um Tür aufgeschlossen und immer neue Einsichten geschenkt hat. Auch an andren Sprachen durfte ich dies erfahren, besonders im Englischen, wo ich mich ja ebenso zuhause fühle, wie im Deutschen. „Der Sprache nachdenken“ wurde zur Grundhaltung meines Denkens und hat auch mein neues Buch Orientierung finden, entscheidend beeinflusst.

Sie sprechen in Ihrem Buch vom „System“, einem negativen Organisationsprinzip, das sich oft wie ein Virus verhält – sind für Sie auch die Corona-Pandemie und die gesellschaftlichen Folgen eine Erscheinungsform dieses Systems?

Wo immer „Das System“ in dem Sinn, in dem ich diesen Begriff gebrauche, Einfluss gewinnt, verwandelt es persönliche Beziehungen systematisch in unpersönliche. Menschen werden wie Dinge behandelt. Das bleibt zu allen Zeiten eine Gefahr. Mir scheint aber, dass gerade die Corona-Pandemie unsrer Gesellschaft die Augen für diese Gefahr geöffnet hat.

Die lange Trennung von andren macht uns bewusst, wie sehr wir aufeinander angewiesen sind. Unzählige Menschen setzen sich aufopfernd für andre ein. Sogar Pharmagroßindustrien lassen wirtschaftliche Entscheidungen durch humanitäre Erwägungen mitbestimmen.

Wenn wir als Gesamtmenschheit aus unsrer Erfahrung mit dieser Pandemie lernen, menschlicher miteinander umzugehen, dürfen wir sogar hoffen und mutig darauf hinarbeiten, dass „das System“ in Zukunft weniger Macht über unsre Institutionen haben wird, als in der Vergangenheit.   

Als im März letzten Jahres das Corona-Virus die Welt lahmlegte, hielten Sie sich gerade in Argentinien auf – und sind nach wie vor dort. Wie war dieses Jahr für Sie und wie erleben Sie persönlich diese Pandemie?

Dank lieber argentinischer Freunde, bei denen ich die Zeit der Quarantäne auf einer abgelegenen Hazienda in der Pampas verbringen darf, wurde mir Zeit und Gelegenheit geschenkt, viel nachzudenken, zu lesen und zu schreiben. Auch das neue Buch Orientierung finden  konnte ich fertigstellen.

Unsre Dankbarkeits-Website https://www.dankbar-leben.org  hat hier eine sehr beliebte spanische Schwester  https://www.viviragradecidos.org  mit täglich 2.000 Besuchern und 600.000 Face-Book Teilnehmer/innen. In Verbindung damit haben meine Freunde eine wissenschaftlich gut fundierte, großangelegte Schulreform ins Leben gerufen. Dieses Programm hat schon mehr als 10.000 Schüler/innen erfasst und beginnt in Kürze seine zweite Phase, die weiteren 15.000 helfen soll. An diesen Bemühungen darf ich durch regem geistigen Austausch teilnehmen.

Argentinien ist unter den Ländern, die am meisten unter Covid 19 zu leiden hatten, und wir leiden hier immer noch schwer. Obwohl ich einer recht gefährdeten Altersgruppe angehöre, bin ich, Gott sei Dank, bisher verschont geblieben. Ich wurde geimpft und bin hier auf dem Land verhältnismäßig geschützt. Das große Leid dieses Landes und der ganzen Welt geht freilich uns allen sehr zu Herzen.  

Welchen Ratschlag würden Sie Menschen mitgeben, die sich vor dem Virus fürchten?

Eine der wichtigsten Unterscheidungen, auf die ich immer wieder hinweisen muss, ist die Unterscheidung zwischen Angst und Furcht. Angst ist unvermeidlich, besonders wenn wir es mit großen Gefahren wie dem Virus zu tun haben. Sich fürchten heißt, sich gegen die Angst zu sträuben. Das ist nutzlose Verschwendung von unsrer Energie. Das können wir uns nicht leisten. Wir benötigen gerade bei hoher Gefährdung all unsre Energie, um konstruktiv mit der Gefahr umgehen zu können. 

Wenn man mir sagt, „Hab‘ keine Angst!“ dann bemerke ich oft erst, dass reichlich Grund für Angst vorhanden ist. „Fürchte dich nicht!“ ist etwas ganz andres. Je grösser die Angst, umso grösser der Mut, der sie furchtlos durchzustehen wagt.

Jede Gefahr fordert uns heraus, furchtlos durch die Enge unsrer Angst hindurchzugehen, wie wir ja schon bei unsrer Geburt die Enge des Geburtskanals überstehen müssen.  Durch Mut werden wir zwar die Angst nicht los, aber die Furcht bleibt uns erspart. Wir vertrauen auf etwas, das sich durch Lebenserfahrung immer wieder bewahrheitet: Angst ist ein Tunnel, an dessen Ausgang uns eine neue Geburt bevorsteht.

Wenn wir heute mutig mit der Gefahr der Pandemie umgehen, dann ist noch gar nicht abzusehen, wieviel gutes Neues wir gemeinsam daraus machen können. Der dringende Rat also, den ich Menschen mitgeben möchte, die sich vor dem Virus fürchten ist dieser: Fürchte dich nicht! In der Bibel soll dieser Aufruf 365 Mal vorkommen. Ich hab’s nicht nachgezählt, aber es kann nicht schaden, uns an jedem Tag des Jahres mindestens einmal zuzurufen: „Fürchte dich nicht!”

 

Quelle: Presseinterview Tyrolia Verlag

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