Briefaustausch eines Theologen mit Br. David Steindl-Rast OSB
Lieber Bruder David,
zunächst einmal vielen Dank für den schönen Abend in Kopenhagen. Ich möchte Ihnen gerne noch eine einfache Frage schriftlich stellen – eine Frage, die ich an dem Abend bewusst nicht gestellt habe, weil sie leicht als indiskret, unangebracht oder als vom Thema des Abends – der Dankbarkeit – abweichend hätte erscheinen können.
Dennoch blieb bei mir etwas Grundsätzliches zurück, das mich beschäftigt hat – nicht nur als ausgebildeten Philosophen und Rhetoriker, sondern auch als Christen.
Mir ist durchaus bewusst, dass es einen heuristischen und auch erbaulichen Sinn hat, sich auf das Gemeinsame zu konzentrieren – auf jene Übereinstimmungen und den gemeinsamen Grund, der unter und jenseits vieler Religionen und spiritueller Traditionen liegt (etwa das «höhere Selbst», die Stille usw.). Viele Menschen unserer Zeit haben ein großes Bedürfnis danach. Dennoch erscheint mir dieser Ansatz bisweilen etwas zu abstrakt. Das wirklich Interessante liegt meines Erachtens gerade in den konkreten Unterschieden – besonders wenn es um das Christentum geht.
Als ein Teilnehmer des Abends Sie nach dem «Christusbewusstsein» fragte, stellten Sie in Ihrer Antwort Parallelen zum «höheren Selbst» anderer Religionen her. Doch das Christentum ist in dieser Frage sehr konkret. «Christusbewusstsein» ist kein moderner New-Age-Begriff. Im christlichen Verständnis kann es nur bedeuten, dass Jesus als persönlicher Gott einem Menschen den Glauben als Geschenk schenkt, indem er sich ihm auf irgendeine Weise offenbart. Es ist kein bloßer Geisteszustand und auch nichts, das man sich durch Nachdenken oder Meditation aneignen kann.
Im Kern ist das Christentum missionarisch – auch wenn diese Botschaft auf sehr unterschiedliche Weise vermittelt werden kann: etwa so subtil wie bei Søren Kierkegaard oder auf eher eklektische Weise, wie wir es bei Paulus sehen.
Wenn Sie an Jesus als den Messias glauben, als Gottes Sohn auf Erden, als die (äußere) absolute Wahrheit und den Weg – dann muss es, bei allem Respekt und aller Wertschätzung gegenüber anderen Religionen und spirituellen Traditionen, doch einen klaren und grundlegenden Unterschied zwischen dem Christentum und anderen Glaubensformen geben. Jesus war nicht lediglich ein Prophet unter anderen oder nur ein früher Humanist (wie es etwa der Arianismus behauptete), sondern Gottes Sohn. Das würde bedeuten, dass Wahrheit nicht relativ sein kann und auch nicht einfach in abstrakten spirituellen Gemeinsamkeiten gefunden werden kann.
Ich hoffe, Sie nehmen mir diese Frage nicht übel. Es ist keineswegs meine Absicht, inquisitorisch zu wirken, und ich glaube auch nicht, dass hier zwangsläufig ein Paradox entstehen muss. Dennoch hatte ich den Eindruck, dass dieser – für mich sehr wesentliche – Aspekt in Ihrem Vortrag gestern nicht zur Sprache kam. Ich bin einfach neugierig darauf, eine Antwort von Ihnen als Benediktinermönch zu hören.
Pax
Mit freundlichen Grüßen,
Ihr J. E.
Lieber J. E.,
vielen Dank, dass Sie mich noch einmal an Ihre wichtigen Fragen erinnert haben. Bitte entschuldigen Sie, dass ich erst jetzt antworte. Ihr Brief ist leider in einem beinahe unüberschaubaren Berg von Post untergegangen. Ihr Anliegen liegt mir jedoch sehr am Herzen und verdient eine offene Antwort von Herz zu Herz. Ich will versuchen, sie so ehrlich und zugleich so knapp wie möglich zu formulieren.
Unser gemeinsames Anliegen ist die Wahrheit. Sie schreiben: «Die Wahrheit kann nicht relativ sein.» Dem stimme ich zu. Gleichzeitig müssen wir jedoch demütig anerkennen, dass unser Verständnis dieser absoluten Wahrheit immer relativ ist – das heißt: Es ist stets von unserer jeweiligen Perspektive und unserem Standpunkt geprägt. Diese Einsicht ist nicht relativistisch, sondern realistisch. Sie bestreitet nicht, dass Wahrheit absolut ist; sie erkennt lediglich an, dass unser Zugang zu ihr immer begrenzt und perspektivisch bleibt.
Die Wahrheit, die wir erfassen können, ist daher immer nur teilweise, weil auch unser Verstehen nur teilweise ist. Deshalb sind wir darauf angewiesen, unsere Einsichten mit anderen auszutauschen – mit Menschen, die Aspekte der Wahrheit sehen, die sich von unseren eigenen unterscheiden. Letztlich ist nicht das kleine Stück Wahrheit entscheidend, das wir selbst zu fassen vermögen, sondern die transzendente Wahrheit, die uns ergreift, wenn wir uns mit dem radikalen Vertrauen des Glaubens dem Geheimnis öffnen, das jedes Begreifen übersteigt.
Wenden wir dies nun auf die Fragen an, die Sie in Ihrem Brief aufwerfen. Aus meiner Perspektive als gläubiger Christ und Benediktinermönch stimme ich durchaus dem zu, was Sie über Jesus als den Messias, als Gottes Sohn auf Erden, schreiben. Natürlich gab es innerhalb der christlichen Tradition schon immer unterschiedliche Perspektiven, und das gilt bis heute. Doch ich kann meinen Blickwinkel auch verändern und die Tatsachen, die innerhalb der christlichen Tradition in bestimmter Weise gedeutet werden, einmal aus einer anderen Perspektive betrachten.
Wir sollten nicht vergessen, dass – wie jede andere religiöse Tradition – auch die christliche Lehre eine Interpretation historischer und spiritueller Erfahrungen darstellt. Man kann diese Erfahrungen zunächst einfach als Mensch betrachten – denn wir sind Menschen, bevor wir Christen, Buddhisten, Hindus oder etwas anderes sind – und über dieselben Wirklichkeiten sprechen, ohne sie zu leugnen, jedoch nicht in spezifisch christlicher Terminologie, sondern in grundlegenden menschlichen Begriffen.
Der Vorteil eines solchen Ansatzes liegt darin, dass er mich dazu zwingt, aus eigener Erfahrung zu sprechen und nicht nur aus überlieferten Formeln. Dadurch kann das Gesagte auch für die Erfahrung anderer Menschen – selbst für die anderer Christen – überzeugender werden als die bloße Verkündigung eines Systems von Dogmen. Es lädt Menschen ein, die Wahrheit zu entdecken, indem sie ihre eigene Erfahrung und Einsicht ernst nehmen.
Vielleicht kennen Sie mein Buch Deeper Than Words – Living the Apostles’ Creed [Credo – Ein Glaube, der alle verbindet]. Darin habe ich versucht, diese Methode auf jedes Wort des christlichen Glaubensbekenntnisses anzuwenden. Sowohl Christen als auch Menschen anderer religiöser Traditionen haben mir gesagt, dass ihnen dieser Zugang hilfreich war. Ich habe mich dabei sehr bemüht, eine orthodoxe Auslegung des Glaubensbekenntnisses zu geben – wobei man bedenken muss, dass das, was Lutheraner als orthodox bezeichnen, sich von dem unterscheidet, was Katholiken darunter verstehen, obwohl beide dasselbe Glaubensbekenntnis sprechen.
Der Religionsphilosoph Raimon Panikkar hat einmal gesagt: Letztlich kommt es weniger auf Orthdoxie als auf Orthopraxis an. Sie schreiben, das Christentum sei seinem Wesen nach missionarisch – auch darin stimme ich Ihnen zu. Schließlich heißt es: «Geht hinaus in die ganze Welt und verkündet das Evangelium allen Geschöpfen» (Mk 16,15). Und zugleich: «Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist: nichts anderes als Recht zu tun, Güte zu lieben und demütig mit deinem Gott zu gehen» (Mi 6,8).
Stellen wir uns eine Welt vor, in der Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Demut gelebt werden. Menschen jeder Tradition würden darin freudig eine wirklich gute Nachricht erkennen.
Bitte lassen Sie mich wissen, falls ich einen Ihrer Gedanken missverstanden oder übergangen haben sollte. Gerne gehe ich darauf noch einmal ein.
Mit Dank für Ihr Interesse und mit allen guten Wünschen und Segenswünschen für das Jahr 2015.
Ihr Bruder
David
Quelle: Privatarchiv Bruder David Steindl-Rast OSB (2014). Übersetzt 2026 von Klaudia Menzi-Steinberger.

