TEXTE von David Steindl-Rast

TEXTE von David Steindl-Rast

Br. David Steindl-Rast OSB

Nach dem jüngsten Terroranschlag in Paris strömten Millionen in den französischen Städten auf die Straßen, um die Pressefreiheit zu unterstützen. Ein in der Tat wichtiges Thema, und doch, in diesem Moment, das falsche Thema.

Der Terroranschlag lässt sich nicht verteidigen; absolut nicht. Aber was die Terroristen in erzürnte, war nicht die Pressefreiheit; es war der Missbrauch dieser Freiheit – eine schamlose Respektlosigkeit gegenüber religiösen Empfindungen. Wie können wir für die Verteidigung der menschlichen Freiheit eintreten, wenn wir nicht zugleich für menschlichen Anstand einstehen?

Was bringt junge Menschen dazu, bereitwillige Rekruten für den Terrorismus zu werden?

Es gibt keinen größeren Narren als einen alten Narren. Doch manchmal ist das Alter ein Vorteil. Mit 89 Jahren kann ich mich an Parallelen aus meiner Jugend in Nazi-Deutschland erinnern. Mitte der 1930er Jahre präsentierte sich die Nazi-Ideologie als Bollwerk gegen Dekadenz. Das verwirrte und führte zunächst viele idealistische junge Verteidiger grundlegender menschlicher Werte in die Irre.

Heute haben junge Menschen in islamischen Ländern ein feines Gespür für die traditionellen Werte ihrer Gesellschaft und sehen diese Werte durch den dekadenten Westen bedroht. Das treibt sie in die Fänge von Extremisten.

Aber ist unsere Gesellschaft tatsächlich dekadent? Jeder, der unser Recht auf religiös beleidigende Karikaturen verteidigen würde, würde damit unsere Dekadenz beweisen – ganz abgesehen von den Schießereien in unseren Schulen oder der Tatsache, dass an diesem Neujahrstag 2015 ein sterbender Mann fünf Stunden lang in einer U-Bahn-Station lag und nicht einer der zahllosen Menschen, die buchstäblich über ihn hinwegsteigen mussten, auch nur die Polizei rief. Doch das sind nur Symptome. Was wir brauchen, ist eine Diagnose und ein Rezept.

Beschuldigungen erreichen gar nichts, wenn sie nicht mit einer nüchternen Selbsteinschätzung einhergehen. Unsere Aufgabe wäre es: der Dekadenz unserer Gesellschaft ins Auge zu blicken, sie anzuerkennen und uns dazu zu verpflichten, die wesentlichen menschlichen Werte, die wir verloren haben, unter uns wiederherzustellen. Diese drei Schritte sind die Voraussetzung für einen Dialog mit der islamischen Kultur. Und nur durch Dialog, niemals durch Polemik oder Unterdrückung, dürfen wir hoffen, Terrorismus zu verhindern und eine friedliche Zukunft zu erreichen.



Quelle: Privatarchiv Bruder David Steindl-Rast OSB (2015). Übersetzt 2026 von Klaudia Menzi-Steinberger.

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