INTERVIEWS mit David Steindl-Rast

INTERVIEWS mit David Steindl-Rast

Interview im Magazin «VISIONEN» von Frank Schüre mit Bruder David

David Steindl-Rast ist einer der wichtigsten spirituellen Wegweiser unserer Zeit. Sein langes Leben lang engagiert er sich für eine tiefe Verbundenheit des Menschen mit sich selbst und mit jedem Lebendigen. Bruder David praktizierte mit Zen-Mönchen in Kalifornien und liberalen chassidischen Rabbis. Er vertritt eine Spiritualität, in der alle Religionen und ihre Praktizierenden gleichberechtigt sind.

Hinhorchen, einfühlen, dankbarsein – für den benediktinischen Mönch führt Leben uns in unsere stille Mitte – indem wir uns anvertrauen. VISIONEN gratuliert Bruder David zum 100. Geburtstag am 12. Juli und dankt ihm von Herzen für seine folgenden Antworten.

Bruder David, wie ist es, so alt zu sein?

BD: Körperlich: beschwerlich; geistig: man weiss, dass man die Zeit gut nützen muss.

Was beschäftigt, was bewegt Sie alltäglich?

BD: Jeder Tag ist ein überraschendes Geschenk. Ich suche nach Gelegenheiten, jemandem Freude zu machen. Das schreckliche Leid unserer Welt geht mir zu Herzen. Ich suche nach Gelegenheiten, es zu lindern: Ich arbeite noch an Büchern – derzeit eines mit Antworten auf oft gestellte Glaubensfragen.

Sind Sie gut versorgt?

BD: Es macht mich zutiefst dankbar, dass meine Brüder – jeder einzelne und alle gemeinsam – mich mit so viel Liebe versorgen.

Schlafen Sie gut?

BD: Meistens. Das ist ein großes Geschenk.

Was werden Sie an Ihrem Geburtstag tun?

BD: Wenn ich meinen 100. Geburtstag erlebe, so hoffe ich, diesen Tag gemeinsam mit den mir am nächsten Stehenden als ‚Fest der Dankbarkeit‘ zu feiern. Ich hoffe es gelingt mir, auch nicht so Nahestehende, die sich mit mir freuen wollen, einzubeziehen, ohne mich zu sehr zu erschöpfen.

Lese ich Ihr lebensfreudiges Rilke-Buch HerzWerk, dann frage ich mich: Wie geht das zusammen mit unserem MenschenWerk, das alltäglich auf uns niedergeht und mich bestürzt und verzweifeln lässt?

BD: Es ist ein großes Geschenk des Lebens, dass auch in den dunkelsten Zeiten uns immer wieder Menschen geschenkt werden, die uns wie Leuchttürme den Weg weisen. Unter diesen Wegweisern ist Rainer Maria Rilke ein ganz großer.

Wie finden Sie zum „Rühmen“ des Dichters Rilke?

BD: Gesang ist Dasein, sagt Rilke. Gesang und Rühmung sind dabei für ihn das gleiche. Im Dasein besteht also schon das Rühmen. Das bloße Dasein von Dingen und Lebewesen, von uns selber und von allem, was es gibt, rühmt das Sein. Da braucht es kein zusätzliches Rühmen.
Wir können auf all das Rühmen rund um uns achten und in den Ruhm einstimmen. Das ist erfülltes Leben. Es tröstet. Es soll weder ablenken vom Leid der Welt, noch will es das Unheil beschönigen, aber es nimmt all das ernst, was trotzdem rühmenswert bleibt.

Wie kann ich ein so Rühmender werden und bleiben angesichts des Elends in unserer Welt?

BD: Das Elend der Welt nicht vergessen und alles tun, was man kann, es zu lindern. Zugleich aber wach sein für das Dasein auf einer tieferen Ebene, auf der das Dasein trotzdem immer noch rühmlich erstrahlt. Nur mit dem Herzen sehen wir diese strahlende Tiefe.
Das Herz – unser Innerstes – hat spontan Erbarmen mit allen, auf die ein schreckliches Schicksal einhämmert; es ist aber zugleich hellsichtig für alles dennoch Rühmliche und hat den Mut, es zu preisen. Darum sagt Rilke:

...Zwischen den Hämmern besteht
unser Herz, wie die Zunge
zwischen den Zähnen, die doch,
dennoch, die preisende bleibt.... 
– 9. Duineser Elegie

Wie finde ich in die Stille, in die Liebe, in das tiefe Hinhorchen, die Sie mit Rilke beschreiben – in unserer lärmenden und hektischen und ablenkenden Welt?

BD: Das tiefe Hinschauen – mit einem Blick, der bis zum innersten Sein, dem Rühmenswerten, durchdringt – das will geübt werden. Dabei kommen wir uns selber manchmal lächerlich vor, angesteckt wie wir sind von der Oberflächlichkeit unserer Umwelt. Versuchen wir, einmal das unschuldige nackte Dasein einer Zahnbürste auf uns einwirken zu lassen. Wir werden uns zunächst vielleicht verrückt vorkommen, und doch kann das ein tief berührendes Erlebnis werden.
Wir können auch mit einem geschätzteren Ding anfangen, etwa mit einem Schmuckstück oder mit dem vom Großvater geerbten Lehnstuhl. Da wird es aber schwieriger, uns ganz auf das Sein des Angeschauten zu konzentrieren und nicht auf unsere Gefühle beim Anschauen. Rilkes Ding-Gedichte haben keine Handlung. Der Dichter und seine Gefühle werden nicht erwähnt. Der Blick liegt ganz auf dem Gegenstand. Dieser spricht, nicht der Dichter.
Rilke schreibt einmal an seine Frau Clara: Die Dinge sind nicht stumm, man muss nur hören lernen.

Wie verkrafte und verwandle ich Sorgen und Ängste, die in mir aufsteigen – wie finde und pflege ich meine «stille Mitte»?

BD: Das tiefe Hinschauen und Hinhorchen, von dem hier die Rede ist, kommt spontan aus unserer «Mitte». Es macht uns spontan still, so oft wir es üben.

Wie erleben Sie die zunehmend aggressive und rücksichtslose Situation unserer Lebenswelt?

BD: Wir sind im Begriff, den Ast abzusägen, auf dem wir sitzen. Dazu passen Rilkes Verse:

...Wir, gerecht nur, wo wir dennoch preisen,
weil wir, ach, der Ast sind und das Eisen
und das Süße reifender Gefahr...
– Sonette an Orpheus, 2:22

Was können wir Menschen für einen Frieden auf Erden tun – was lassen?

BD: Frieden finden und Sinn finden sind untrennbar eins. Wir finden Sinn und Frieden, indem wir – einzeln und als Gesellschaft – hinhorchen aufs innerste Geheimnis des Seins, das Augenblick für Augenblick etwas von uns fordert, das zum Heil aller führt. Wer das erkannt hat, wird mit diesem Hinhorchen anfangen, bis die ganze Gesellschaft sich verändert.
Praktisch heißt das zunächst: Zeiten der Stille in den Tagesplan einbauen. Wann und wie lange, das hängt ganz von den persönlichen Umständen und Bedürfnissen ab. Fünf Minuten sind besser als nichts. Auch wie man die stille Zeit verbringt, steht nicht fest. Persönliches Experimentieren hilft. Ziel ist: einfach gegenwärtig sein – die Gedanken kommen und gehen lassen und sie nicht beachten. Wenn wir einfach so da sind wie die Dinge, dann rühmen wir.
Beim Fuß-fassen auf dieser Seinsebene finden Suchende oft den Dreischritt stop! – look! – go! hilfreich. Das bedeutet: so oft ich darandenke, innehalten und bei diesem stop! – wenige Sekunden lang still werden. Dann look! – hinschauen und hinhorchen auf das, was das Leben in diesem Augenblick von uns will (vielleicht ein versöhnliches Wort oder ein ermutigendes Lächeln) – dann go! – es sofort tun.
Wir dürfen vertrauen, dass das Leben uns auf diese Weise immer wieder zeigt, was zum Frieden führt, denn das Leben will Frieden.
Was stärkt Ihr Vertrauen, Ihre Freude am Leben – ganz praktisch?
Ganz praktisch: Lebensvertrauen bewährt sich. Wir können uns darauf verlassen: das Leben führt uns, wenn wir nur hinhören. Das immer wieder zu erleben, schenkt uns große Freude am Leben.



Quelle: Magazin VISIONEN
  04/2026

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