Interview in der Wochenendbeilage vom 11. Juli 2026 der SN von Josef Bruckmoser mit Bruder David
Bruder David, Sie werden, wie wir Ihnen alle wünschen, am 12. Juli Ihr 100. Lebensjahr vollenden. Was bewegt Sie?
Ich frage mich immer noch, in welcher Beziehung ich noch weiter ausreifen muss.
Mit 99 Jahren sind Sie doch längst ein reifer Mensch.
Ich glaube nicht, dass die Kalenderjahre einen reif machen. Das muss von anderswo herkommen. Mir ist die Aussage von Otto Mauer sehr wichtig, welche lautet: Der Mensch stirbt nicht am Tod, sondern an ausgereifter Liebe.
Heißt das, wenn die Liebe ausgereift ist, ist das Leben vollendet?
Das steckt jedenfalls in dem Satz von Otto Mauer drinnen. Und das ist einleuchtend. Ich bin sehr dankbar für jeden Tag, weil er eine Gelegenheit ist, weiter zu reifen, in Liebe, in Dankbarkeit. Daher ist auch trotz der Unannehmlichkeiten, die mit einem so hohen Alter verbunden sind, jeder Tag ein Geschenk.
Was meinen Sie konkret mit diesem Ausreifen in der Liebe, was schwebt Ihnen da vor?
Ich habe mich viele Jahre bemüht, wirklich eine Definition dessen zu finden, was ich Liebe nennen möchte. Es ist mir unsympathisch, so wichtige Begriffe zu verwenden, ohne wenigstens für mich persönlich eine Definition zu haben. Meine Definition ist, dass Liebe das gelebte Ja zur Zusammengehörigkeit ist.
Zur Zusammengehörigkeit, zur Gemeinschaft ...
In jedem gegebenen Fall zum Wir. Persönlich mit einem einzelnen Menschen, mit Tieren, mit der Natur, mit unseren Umwelten, mit allem, was wir mit «wir» bezeichnen: Wir gehören freudig zusammen. Das in eine Form zu bringen, die überzeugend ist, darum geht es mir.
Sie haben sich in Ihrem ganzen Leben, Arbeiten und Schreiben immer der Gemeinschaft zugewendet. Auch Ihre Bücher sind ein Geschenk an dieses Wir.
So habe ich sie auch selbst verstanden. Ich war keiner, der um jeden Preis ein Buch schreiben wollte.
Die katholische Kirche hat noch immer eine monarchistische Sprache. Jesus wollte das ganz anders. (David Steindl-Rast)
Ich habe immer gesagt, es sind schon genug Bücher auf dem Markt. Ich war fast 60, als ich mein erstes Buch geschrieben habe. Ein Verleger hat mir das abgeluchst. Er hat mich so gedrängt, meine Vorträge zusammenzufassen, dass ich das dann gemacht habe.
Ihre Bücher scheinen umso mehr ausgereift, je mehr Sie sich mit Dichtern auseinandergesetzt haben. Vor allem mit Rilke konnten Sie offenbar sehr viel von sich selbst ausdrücken.
Man drückt sich immer selbst aus und schreibt über die Dinge, die einen interessieren. Rilke war von Anfang an ganz wichtig für mich, nur habe ich ihn lange Zeit nicht ausdrücklich thematisiert. Das ist dann im Rilke-Buch «HerzWerk» geschehen, das ich zusammen mit Alexandra Kreuzeder geschrieben habe. Jetzt arbeiten Alexandra und ich an Betrachtungen Rilkes über die Namen Gottes und über seine Religiosität.
Das erinnert an Ihr Buch über die 99 Namen Gottes im Islam. Welche Gottesnamen finden sich bei Rilke?
Wir haben schon weit über hundert ausgemacht. Sehr originelle.
Namen, mit denen Rilke ausdrücklich Gott meint?
Zweierlei. Unter den 100 Namen sind Gottesbilder, wo Rilke irgendwie ein originelles Bild für Gott verwendet, und Gottesnamen in dem Sinne, dass er Gott ausdrücklich mit diesem Namen anruft.
Welche Bilder und Namen sind Ihnen und Alexandra Kreuzeder besonders aufgefallen?
Da gibt es so viele. Die ewige Mitspielerin, der Verschwiegene, der Schläfer in den Dingen, die Mitte aller Mitten oder das Nirgends ohne Nicht, das Reine, Unüberwachtes, das man atmet und unendlich weiß, wie es in der achten «Duineser Elegie» heißt.
Der Impetus, das Geheimnis Gottes näher zu verstehen, zieht sich wie ein roter Faden durch Ihr Leben, angefangen vom Buch Credo, in dem Sie das Christentum mit den anderen Weltreligionen in Verbindung bringen.
Ich habe beim Schreiben immer im Kopf, was in unserer Zeit wichtig ist, was die Menschen brauchen. Leider ist unsere liturgische Sprache nicht mehr die Sprache, die unserer Religiosität entspricht. Wir haben in der Kirche immer noch eine monarchistische Sprache. Sogar in den Gebeten. Wenn ich allein bete, was leider häufiger ist, weil ich nicht zum Gemeinschaftsgottesdienst kommen kann, bete ich aus dem alten Stundenbuch, das vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil
Die Menschen, die Tiere, die Natur, unsere Umwelten - wir gehören alle freudig zusammen.
(1962-1965) gegolten hat. Die Formulierungen in Latein sind wunderschön, aber sie sind wie Bittgesuche an den Kaiser. Das ist total gegensätzlich zu der Vorstellung, die Jesus von der Gesellschaftsordnung hatte.
Und auch von Gott. Sie streichen in Ihrem jüngsten Buch Worauf es letztlich ankommt sehr stark heraus, dass Jesus Gott als Abba angesprochen hat, als lieben Vater.
Für Jesus war Gott absolut nicht der mächtige Herrscher, sondern der liebende Vater. Jesus ist nicht gekommen, um eine Machtpyramide aufzubauen, er ist gekommen, damit wir uns gemeinsam als Haushalt Gottes aneinander und am Leben freuen.
Wie könnte die Kirche zu einer neuen, poetischen Sprache finden, um diesen Jesus wieder lebendig werden zu lassen?
Wir kommen bei dieser Frage immer wieder darauf zurück: Wie kann die Kirche überhaupt überleben? Und die Antwort ist, als Netzwerk von Netzwerken, nicht als die Machtpyramide, die sie heute ist. Der Synodale Weg ist der Name, unter dem dieser Umbau derzeit läuft. Es wird nicht ausdrücklich gesagt, weil man sich das nicht traut aus Angst, dass alles wegbricht, aber es ist für jeden denkenden Menschen unmöglich, in der Zukunft noch eine Organisation zu haben, die die ganze Welt von unserer Kultur bis zu den Ureinwohnern im Regenwald oder den Inuit am Nordpol umfasst. Die sind unsere christlichen Brüder und Schwestern, aber man kann sie doch kulturell nicht alle über einen Leisten schlagen. Das ist unmöglich. Wir brauchen die Freiheit, die nur das Allerwichtigste des christlichen Glaubens klar als Gemeinsamkeit herausstellt.
In Ihrem jüngsten Buch nennen Sie dieses Allerwichtigste das, was alle immer gemeinsam geglaubt haben. Was wäre das für Sie?
Ich kann das aus dem Stegreif nicht anständig formulieren. Aber dazu gehört für Christen, dass wir als Menschen durch Gottes eigenen heiligen Geist lebendig sind. Das steht schon auf der ersten Seite der Bibel. Adam, der Mensch, war noch nichts als ein Brocken Lehm, geformt als Gottes Ebenbild. Und dann hat Gott ihm sein Leben eingeatmet. Erst durch Gottes eigenen Lebensatem ist der Mensch zu einem lebenden Wesen geworden. Das ist völlig revolutionär. Als Zweites gehört dazu, wie Jesus es gelehrt habe, Gott als liebenden Vater zu erkennen und mit Gott als diesem liebenden Vater in Beziehung zu treten. Das heißt wieder, dass jeder Mensch Tochter und Sohn Gottes ist, und wenn wir dieses Familienleben verwirklichen, dann ist es einfach eine Verwirklichung dessen, was das Lebenswerk von Jesus gewesen ist: das Reich Gottes auf Erden aufzurichten.
Sie sind zeit Ihres Lebens ein Brückenbauer zwischen den großen Weltreligionen. Was heißt dieser Satz, was alle immer gemeinsam geglaubt haben, heute in einer globalisierten Welt?
Für uns als Christen ist Jesus im Mittelpunkt. Aber so wichtig sind wir Christen auch wieder nicht. Für die Buddhisten war Jesus nie da. Die müssen auch in den Himmel kommen, eine Erfüllung ihres Lebens finden, ohne Jesus. Wir müssen heute den Satz, was alle immer geglaubt haben, erweitern. Als dieser Satz vor Jahrhunderten formuliert wurde, waren nur die Christen gemeint. Heute müssen wir das auf alle Menschen ausdehnen. Was von allen immer und überall geglaubt wurde, ist die Religiosität jedes einzelnen Menschen, und die liegt viel tiefer als die unterschiedlichen Religionen.
Sie bezeichnen diese Religiosität als Grundwasser, aus dem alle Religionen schöpfen. Wie kann es sein, dass diese Religiosität im Westen verschüttet erscheint? Sie ist verschüttet von anderen Interessen. Wenn ich mich umschaue, warum Menschen die Ehrfurcht verloren haben, ist meine Feststellung, sie lassen sich von allem möglichen anderen ablenken. Darum geht es letztlich, um die Ehrfurcht.
Wie können Christen diese Religiosität neu entdecken?
Ein Ansatz ist, dass man die Feier des christlichen Glaubens, die Liturgie, wirklich wieder zur Feier des Lebens macht. In der Kirche ist zu viel die Rede von Tod und Elend. Wenn wir das nicht wandeln und wirklich das Leben feiern, finden wir nicht zu Gott, dem Ursprung alles Lebendigen.
Wenn Sie heute einen jüngeren Menschen auf die Spur seiner Religiosität bringen wollten, was würden Sie ihm sagen?
Wahrscheinlich könnte ich mit ihm über sein Leben sprechen und ihm zeigen, wo er diese Religiosität schon längst hat. Aber wenn man abstrakt fragt, so ist die Antwort, du kannst deine Religiosität finden in der Stille, in der Natur, in der Einsamkeit, wo dich niemand ablenkt. Dann wirst du eine Gegenwart erfahren, zu der du in Beziehung stehst und die du zugleich selbst bist. Das ist ein Paradox, wie es schon in menschlichen Liebesbeziehungen angedeutet ist. Da spürt man das auch so, dass da ein anderer ist, der eigentlich ich selbst bin.
Dann wären wir zuletzt bei der Frage an den 99-Jährigen: Was geht über dieses Leben hinaus?
Dass das Leben Erfüllung findet, weil die Liebe ausreift. Da sind wir wieder am Anfang. Ich rede nicht vom Leben nach dem Tod, sondern über den Tod hinaus. Wir leben schon jetzt in der Zeit und in der Ewigkeit. Die Beziehung zum göttlichen Urgrund, zum Ur-Du, ist etwas, was der Tod nicht beeinträchtigen wird.
Bruder David Steindl-Rast vollendet am Sonntag, 12. Juli 2026, sein 100. Lebensjahr. Geboren in Wien, studierte er Psychologie und Anthropologie, emigrierte 1953 in die USA und trat in das benediktinische Kloster Mount-Saviour im Staate New York ein. 2010 bezog er seinen Alterssitz im Europakloster Gut Aich in St. Gilgen. Der Benediktinermönch und Mystiker engagiert sich seit den 1960er-Jahren im interreligiösen Dialog, u. a. mit Thich Nhat Hanh und dem Dalai Lama. Steindl-Rast ist Initiator des Netzwerks «Dankbar leben» (dankbar-leben.org) und erfolgreicher Autor. Viel gelesene Bücher: «Credo – Ein Glaube, der alle verbindet», «99 Namen Gottes», «Orientierung finden. Schlüsselwort für ein erfülltes Leben», «Die Kraft des Staunens – der Schönheit der Welt begegnen», «Der Flieweg – Gedanken zum Daodejing des Laosi», «HerzWerk – Freude finden mit Rainer Maria Rilkes Sonette an Orpheus» (mit Alexandra Kreuzeder), «Worauf es letztlich ankommt – 100 Fragen, 100 Antworten» (mit Mario Quintana), «Perlen der Weisheit – die schönsten Texte von Bruder David Steindl-Rast».
«Mit ihm kann man ewig reden»
Der «Bruder David Bot» führt jetzt echte Dialoge. Denn «zur Salzsäule erstarren» will David Steindl-Rast auch mit 100 nicht.
Er hat auch im hohen Alter noch ein lebendiges Interesse daran, was Menschen verbindet und einander nahebringt. Daher hat Bruder David Steindl-Rast schon im Juni 2025 mit der Universität Salzburg den «Bruder David Bot» ins Leben gerufen. Jetzt, zum 100. Geburtstag des großen Mystikers und spirituellen Lehrers, hievten Wolfgang Pree und sein Informatikerteam diesen Chatbot auf ein neues Level. Ab sofort ist es möglich, nicht nur einzelne Fragen an Bruder David zu stellen. Vielmehr wird ein echter Dialog möglich. «Das ist so, wie wenn wir jetzt miteinander reden, indem jeder auf den anderen Bezug nimmt», sagt Pree, der die Abteilung für Software Engineering an der Universität Salzburg leitet.
5000 Userinnen und User sind auf der App «Bruder David Bot» registriert. Jüngst wurden die Daten aus dem neuen Buch «Worauf es letztlich ankommt – 100 Fragen, 100 Antworten» in das digitale «Gehirn» eingespeist. «Dieses Buch ist das spirituelle Vermächtnis von Bruder David, das viele Themen in unserem Bot ergänzt und präzisiert hat», sagt Wolfgang Pree. Übrigens inspirierte der Bot auch umgekehrt das Buch. Denn er hat sich bei der Redaktion der Fragen und Antworten als wertvolles Langzeitgedächtnis von Bruder David erwiesen.
Mit dem «echten» Bruder David arbeitet Alexandra Kreuzeder derzeit an den Gottesnamen bei Rainer Maria Rilke. «Wir haben schon fast 200 Namen gefunden und sind immer wieder fasziniert, was wir entdecken. Die gemeinsame Arbeit ist sehr lebendig», sagt die Co-Autorin von «HerzWerk», dem ersten gemeinsamen Buch über Rilke. «Die Zeit vergeht wie im Flug. Bruder David ist immer ganz bei der Sache, so gegenwärtig, dass wir manchmal eilen müssen, um rechtzeitig zur Messfeier zu kommen.» Wenn sie nach Abschluss eines Kapitels noch etwas ergänzen möchte, ermuntert er zum Loslassen: «Die Dinge haben ihre Zeit. Wir wollen nicht zurückschauen und zur Salzsäule erstarren.»
Über die große Ehrfurcht des hochbetagten Mönchs und Mystikers für die Natur, für alles Lebendige, erzählt Alexandra Kreuzeder: «Als wir vor einigen Wochen eine Bekannte in Berchtesgaden besuchten, hat er während der Autofahrt drei Rosen mit seiner Jacke vor der Sonne geschützt.» Bei einem Spaziergang habe er ihr zugeflüstert, dass die kleinen Eichelkappen am Wegesrand die Tellerchen von Feen und Elfen seien – «in allen Konfektionsgrößen». Einmal bat sie ihn um einen Koan – einen Gedanken, der sich nicht mit dem Verstand lösen lässt. Seine Antwort war: «Horch auf die Stille!»
Die kindlichen, neugierigen, strahlenden und manchmal auch verschmitzten Augen» erlebte auch Constanze Passin als Mitkuratorin der Ausstellung «David100» im Mozarteumhaus St. Gilgen. Von David Steindl-Rast «können wir uns alle ein Stück abschauen». Der Chatbot in der Ausstellung hole Menschen auf ihrem spirituellen Weg genau dort ab, wo sie jetzt stünden. Die Antworten seien «offen für eine Religiosität ohne Dogmen, in der wir uns alle treffen». Dieser religiositätsverbindende Aspekt sei Bruder David vorrangig gewesen, «und dass die Schau kein Personenkult wird». Auf die Frage, was Mädchen und Buben des Kindergartens beitragen könnten, habe er spontan gemeint: «Sie könnten zeichnen, wie sie sich als 100-Jährige sehen.»
Wertvoll seien «die weltweiten Erfahrungen und Beziehungen, die sich mit Bruder David auftun», erzählt Constanze Passin. Dabei gehe es immer «um etwas Höheres». Aber nicht abgehoben, sondern «geerdet, durchdacht, wissenschaftlich verantwortet». Sie bewundere, wie zugänglich ein Mönch in diesem hohen Alter sein könne und wie er gleichzeitig «sehr genau weiß, was er will». Sogar wenn er die KI befrage, nehme er die Antworten nicht ohne Weiteres hin. «Er widerspricht der KI und diskutiert mit ihr, bis die Auskunft plausibel erscheint.»
Quelle: Wochenendbeilage Salzburger Nachrichten vom 11. Juni 2026

