Text und Audios von Br. David Steindl-Rast OSB

ehrfurcht b kraehmer titelCopyright © - Barbara Krähmer

«Du großes Geheimnis, Quellgrund meines Lebens, Meer, dem alles zuströmt!

Voll Staunen schaue ich auf Deine Schaffenskraft,
die sich in unerschöpflicher Fülle immer neu ausdrückt ‒
im Schriftzug des Schwalbenflugs am Abendhimmel,
in der Architektur des Schildkrötenpanzers,
im Formenreichtum der Vogelrufe und auch in uns Menschen.

Schon in der Linienführung von Lippen und Augenbrauen
und erst recht in unseren vielfältigen Begabungen ‒
zum Singen, Kochen, Gärtnern, Erfinden, Erforschen, Bauen, Umsorgen …

Deine geheimnisvolle Triebkraft, die Pfirsichen die Wangen rötet,
will ich heute bereitwillig durch mich durchströmen lassen,
damit sie auf traurigen Gesichtern ein Lächeln malt.

Amen.»[1]

In seinem Text «Mein Glaubensbekenntnis» sprach Albert Einstein (1879-1955) auch über seine Begegnung mit dem Geheimnis. Er schrieb diesen Text im September 1932 für die «Deutsche Liga der Menschenrechte»:

«Das Schönste und Tiefste, was der Mensch erleben kann, ist das Gefühl des Geheimnisvollen. Es liegt der Religion sowie allem tieferen Streben in Kunst und Wissenschaft zugrunde. Wer dies nicht erlebt hat, erscheint mir, wenn nicht wie ein Toter, so doch wie ein Blinder zu empfinden, dass hinter dem Erlebbaren ein für unsren Geist Unerreichbares verborgen sei, dessen Schönheit und Erhabenheit uns nur mittelbar und in schwachem Widerschein erreicht, das ist Religiosität. In diesem Sinne bin ich religiös. Es ist mir genug, diese Geheimnisse staunend zu ahnen und zu versuchen, von der erhabenen Struktur des Seienden in Demut ein mattes Abbild geistig zu erfassen.»[2]

Religiosität im Sinne Einsteins macht unser Wesen als Menschen aus. Unsre Beziehung zur geheimnisvollen Wirklichkeit hinter allem, was wir erleben, ist die grundlegende Gegebenheit unsres Menschseins.

Einstein wusste es: «Das Schönste und Tiefste, was der Mensch erleben kann, ist das Gefühl des Geheimnisvollen.»

Als Menschen sind wir darauf angelegt, uns ins große Geheimnis zu versenken, es verstehen zu wollen, uns an ihm auszurichten. In dieser lebenslangen Auseinandersetzung mit der letzten Wirklichkeit besteht unsre angeborene Religiosität.

Das Wort Religiosität stammt wahrscheinlich vom lateinischen Wort «re-ligare», was «wieder verbinden» bedeutet.

Jedenfalls ist es das Wesen der Religiosität ‒ übrigens auch das höchste Ziel der Religion ‒ gebrochene Beziehungen wiederherzustellen: die Beziehung zu unsrem Selbst, zu unsrer Um- und Mitwelt und zur letzten Wirklichkeit.

Weil es dabei um die Verwirklichung unsres vollen Menschseins geht, sieht Einstein im Versagen, sich dieser Aufgabe zu stellen, eine so große Gefahr:

«Diejenigen, die diese Erfahrung nie gemacht haben, scheinen mir, wenn nicht tot, dann zumindest blind.»

Seine eigene Religiosität nennt er «das Gefühl des Geheimnisvollen» ‒ bewusste Begegnung mit dem Geheimnis.

Von seiner Religion, der jüdischen in ihrer «vorwissenschaftlichen» Gestalt, hat er sich distanziert, nennt sich aber klar und deutlich «religiös» in dem Sinne, dass er sich in seiner Religiosität vom großen Geheimnis angerufen fühlt.

Auf diesen Anruf zu antworten, stellt, wie Einstein wusste, unsre eigentliche menschliche Berufung dar.

Unser menschlicher Geist ist darauf angelegt, in das große Geheimnis einzutauchen, es zu verstehen, ohne es begreifen zu können, und unser Tun von diesem Verständnis leiten zu lassen.

In diesem beständigen Hinhorchen und Antworten durch alles, was wir tun, drückt sich also unsre Religiosität als eine lebenslange Auseinandersetzung mit dem Geheimnis aus.

Unsre Begegnung mit dem Geheimnis ‒ das wird besonders in sogenannten Gipfelerlebnissen deutlich ‒ löst in uns spontan das religiöse Ur-Gefühl der Ehrfurcht aus.

Ehrfurcht ist gekennzeichnet durch das Zusammentreffen von einem tiefen Angezogen-Sein und einer heiligen Scheu.

Die intime Beziehung zum Geheimnis als unsrem innersten Du zieht uns unwiderstehlich an.

Die überwältigende Fülle von allem, was Es gibt, und das «Mehr-und-immer-mehr», das unendlich darüber hinausgeht, lassen uns erbeben; und dieses zwiespältige innere Berührtsein will sich staunend ausdrücken ‒ in Rühmung, Anbetung und Dankbarkeit.

Wir finden uns also durch unsre Religiosität hineingestellt in die Tiefe, Weite und Dynamik des großen Geheimnisses ‒ in die Grundgegebenheiten, an denen wir uns im Leben orientieren können.

Rudolf Otto (1869-1937) hat die Begegnung mit dem Geheimnis unter dem Aspekt des «Heiligen» gründlich untersucht.[3] Er beschreibt die beiden Gefühle, die das Heilige in uns auslöst, als «tremendum» ‒ das heißt, es lässt uns ehrfürchtig erschaudern ‒ und «fascinans» ‒ das heißt, es löst begeistertes Entzücken aus.

Das Ruhen in einer stets schon unbewusst ersehnten Gegenwart zieht uns unwiderstehlich an; doch das schwindelerregende Anderssein dieser Gegenwart lässt uns erschaudernd zurückweichen.

Wir können das Widerspiel dieser beiden Gefühle an einem kleinen Kind am Strand beobachten: Sooft sich die Wellen zurückziehen, kräht das Kleinkind vor Freude und versucht, ihnen nachzulaufen, wenn aber die Wellen zurückkehren, schreit es erschreckt auf und krabbelt schleunigst auf trockenes Land.

Die erstaunliche Mischung dieser beiden Gefühle drückt sich bei Erwachsenen als Ehrfurcht aus.

Ehrfurcht erfahren wir besonders deutlich in Gipfelerlebnissen, dürfen sie aber keineswegs auf außergewöhnliche Erlebnisse beschränken.

Vor allem im Alltag ist Ehrfurcht der Kern der Religiosität. Spirituell wache Menschen erleben in ihren Beziehungen zu Menschen, Tieren, Pflanzen und auch zu leblosen Dingen das Heilige, weil eben jede Begegnung in ihrer innersten Tiefe Begegnung mit dem Geheimnis ist.

Wenn wir Gelegenheit haben, mit Menschen zusammenzuleben, die nie ihren Sinn für das Heilige verloren haben, staunen wir über den Reichtum ihrer Lebensqualität ‒ oft trotz bitterer Armut.

Im Vergleich dazu ist eine typische wohlhabende Gesellschaft verarmt.

Unsre angeborene Religiosität ist unser Sinn für die Heiligkeit von allem, was es gibt.

Sie drückt sich in Ehrfurcht aus.

Wenn wir Ehrfurcht vernachlässigen, verkümmert auch unsre Religiosität und «wir leben so dahin».

Wenn wir sie bewusst pflegen, blüht unser Leben auf ‒ «dann wird es werden wie ein Fest»[4], sagt Rilke.[5]

Es ist wieder Rilke:

«Es gibt im Grunde nur Gebete,
so sind die Hände uns geweiht,
dass sie nichts schufen, was nicht flehte;
ob einer malte oder mähte,
schon aus dem Ringen der Geräte
entfaltete sich Frömmigkeit.»
[6]

Schön gesagt, aber jetzt wundern wir uns: Wo kommt denn dann das Treiben unserer Welt her, das alles andere ist als Gebet?[7]

Das leere Treiben kommt aus dem Entwurzeltsein.

Solange wir im Mysterium verwurzelt bleiben, solange unser Bauen im Schauen verwurzelt bleiben und unsere Arbeit in der Dunkelheit des Schweigens, aus der wir stammen, im Mystischen, so lange ist alles Gebet. Wenn wir diese Verbindung abreißen lassen, dann sind wir nur Treibende.[8]

«Du großes Geheimnis, Quellgrund meines Lebens, Meer, dem alles zuströmt!

In Irland gibt es Orte, von denen die Leute sagen,
dass dort der Vorhang zwischen unserer Welt
und der unsichtbaren durchscheinender ist;
dünner als anderswo.
Auch in anderen Ländern gibt es solche Kraftorte.
Und zu gewissen Tageszeiten,
etwa in der Dämmerung, bemerke ich,
dass der geheimnisvolle Schleier durchlässiger wird,
wo ich auch bin.
Wann und wo immer ich etwas mit Ehrfurcht beachte,
beschenkt es mich mit namenloser Überraschung,
weil bei allem ‹mehr dahintersteckt›.
Heute will ich also ehrfürchtig auf alle Dinge schauen.

Amen.»[9]

[Ergänzend:

1. Ehrfurcht

2. Audios

2.1. Lebendige Spiritualität (2015)
Schweigen:
(57:56) Die Dunkle Nacht bei Teresa von Avila und Johannes von Kreuz ‒ wach und lebendig auf das Wort aus der Dunkelheit, aus dem ‹Nichts› voller Möglichkeiten hinhorchen ‒ in der christlichen Tradition heißt dieser Ursprung Vater ‒ das göttliche Geheimnis als Vater bedeutete im Judentum soviel wie Mutter, wie wir im Gleichnis des verlorenen Sohnes (Lk 15,11-32) sehen ‒ die Weihnachtsantiphon (Weish 18,14f.), wo die Nacht in ihrem Lauf die Mitte erreicht hat, höchste Dunkelheit in Stille ‒ sich hineinwagen in dieses tiefste Dunkel ‒ ‹Fürchte dich nicht› mitten in der Angst: diese Angst, wenn sie am besten ist kann vielleicht auch Ehrfurcht genannt werden: Das Erschauern vor dem göttlichen Geheimnis

2.2. Gesprächsreihe mit Pater Johannes Pausch (2011)
Demut ‒ der Weg zum Gipfel
Die zwölf Stufen (1-12) der Demut in der Regel des hl. Benedikt (RB 7):
(34:17) (1) Gottesfurcht: Ehrfurcht vor dem ganz Anderen in einer überwältigenden Erfahrung am Beginn einer Freundschaft und zugleich: ‹Das bin ja ich›. Gott als himmlischer Herrscher und die Überbetonung von Sünde und Reinheit bei den Pharisäern und die Balance mit Güte, Barmherzigkeit, Vergebung bei Jesus

2.3. Gesprächsreihe mit Pater Johannes Pausch (2011)
Spiritualität und Ökologie:
(32:11) Bruder David schließt mit seiner deutschen Übersetzung des Gedichtes PAX von D. H. Lawrence und Ausklang mit Musik von Hannelore und Br. Thomas

Bruder David zu diesem Gedicht im Buch Dankbarkeit: Das Herz allen Betens (2018), 161f., [bzw. Fülle und Nichts (2015), 161f.]:

«In einer von der Liebe erwärmten Welt gibt es keine Kluft zwischen Himmel und Erde. Das ‹Haus des Lebens› ist das ‹Haus des Gottes des Lebens›.

Gottes Gegenwart im Haushalt der Erde ist Gegenwart des Herrn, der am Tisch sitzt in seinem eigenen größeren Sein im Hause des Lebens.

Das Bild des ‹pater familias› gibt diesen Zellen Bedeutung und beschützt sie zugleich davor, pantheistisch missverstanden zu werden. Die Welt ist nicht mehr eins mit Gott, als der Haushalt eins ist ‹mit dem Herrn des Hauses, mit der Herrin›. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Es ist keine Frage des Einsseins, sondern des Zusammenseins, des Beieinanderseins durch jene Liebe, die nur die Vorstellung von pietas uns zu vermitteln beginnt. Und doch, mit welcher Ehrfurcht füllt uns das Bewusstsein dieser Zugehörigkeit?

Wenn wir uns den Erdhaushalt als unseres himmlischen Vaters ‹eigenes größeres Sein› vorstellen, dann wird uns das jedes Steinchen, jeden Grashalm, jeden Käfer mit Ehrfurcht betrachten ‒ und entsprechend behandeln lassen.

Dann wird Liebe ihre Zu- und Abneigungen ebenso leicht nehmen, wie wahrer Glaube seine Überzeugungen und wirkliche Hoffnung ihre Hoffnungen. Schließlich, welchen Unterschied machen Zu- und Abneigungen schon, wenn ‹alles, worauf es ankommt, ist, eins zu sein mit dem lebendigen Gott›? Jene, die wir mögen und die, die wir nicht mögen, sind gleichermaßen ‹daheim im Haus des Lebendigen›. Wir gehören alle zusammen. Wir können alle zusammen in Frieden leben, sobald wir unserem tiefsten Sehnen folgen und zu unserem Herzen nachhause kommen.»

2.4. 2020 Audio-Pfingst-Fokusse von David Steindl-Rast
Samstag vor Pfingsten:
Die Gaben des Hl. Geistes - Gottesfurcht – Ehrfurcht

3. Weitere Texte

3.1. Offenbar unergründlich (2019) aus dem Buch 99 Namen Gottes (2019): 75 «der Offenbare, auf den alles, was es gibt, klar hinweist», 156f.

3.2. Im Buch Dankbarkeit: Das Herz allen Betens (2018), 131-133, [bzw. Fülle und Nichts (2015), 131-133]:

«Das biblische Wort für die polyphone Vielfalt der Hoffnungen in der einen Musik der Hoffnung lautet ‹Herrlichkeit›. Und wie häufig treten Hoffnung und Herrlichkeit gemeinsam im Neuen Testament auf! Der frühen Kirche bot das Konzept göttlicher ‹Herrlichkeit› das Verbindungsglied zwischen Schau und Verwirklichung der Hoffnung. Nichts weniger als die Macht zur Umwandlung der Welt beruht auf diesem entscheidenden Begriff von ‹Herrlichkeit›. Für uns ist ‹Herrlichkeit› heute ein missverstandenes Konzept, das irgendwo in der Dachkammer unseres religiösen Vokabulars verstaubt. Wie ‹Majestät› lässt es an nicht viel mehr denken als an Pomp und Zeremoniell.

Wir sollten hin und wieder ‹Schönheit› sagen, wenn wir ‹Herrlichkeit› in unseren Bibeln lesen. Das könnte uns zu einem tieferen Verständnis dieses Schlüsselbegriffs verhelfen.

Ein berühmtes Zitat aus Rilkes Duineser Elegien drückt in moderner Sprache jene Harmonie von Glanz und Macht aus, die Gottes Herrlichkeit in der Bibel kennzeichnet:

‹Denn das Schöne ist nichts
als des Schrecklichen Anfang, den wir noch gerade ertragen,
und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht,
uns zu zerstören …›
[10]

Wenn wir uns Gottes Herrlichkeit als eine ehrfurchterregende Aura vorstellen, dann erretten wir sie vielleicht aus dem Reich pompöser Zeremonien und verbinden sie ‒ richtiger ‒ mit Schönheit.

Wir wollen aber nicht vergessen, dass wir Schönheit nicht nur im Sturm, im Erdbeben und im Feuer als ‹erschütternd› erfahren, sondern auch dann, wenn sie als ‹leises, sanftes Säuseln› (1 Könige 19,12) kommt ‒ beispielsweise als anmutiges Rehkitz. Wir entdecken es plötzlich, schlank und dunkel zeichnet es sich gegen den frischen Schnee ab, bewegungslos ‒ und wir sind ‹erledigt›. Die Erschütterung einer solchen Begegnung mit überwältigender Schönheit schwingt noch nach, wenn der heilige Johannes schreibt: ‹Wir haben seine Herrlichkeit geschaut, eine Herrlichkeit als des Eingeborenen vom Vater (Johannes 1,14).»

3.3. Auf dem Weg der Stille (2016): Kapitel 4 «Mit Körper, Denken und Geist lebendig sein», 68f.:

«Vergegenwärtigen Sie sich für einen Augenblick einen Moment größten Lebendigseins in Ihrem Leben, einen Augenblick echter, im Körper verwurzelter Achtsamkeit, einen Augenblick, in dem Sie an die Wirklichkeit gerührt haben. Danach bemisst sich der Grad, in dem wir lebendig und geistlich in dieser Welt sind, der Grad, in dem wir in Berührung mit der Wirklichkeit sind.

T. S. Eliot sagte: ‹Der Mensch kann nicht viel Wirklichkeit aushalten.›[11] Aber in verschiedenen Graden können wir die Wirklichkeit aushalten, und die Lebendigsten von uns haben es fertiggebracht, mehr Wirklichkeit auszuhalten als die anderen. Was wir aber möchten, ist, dass wir fähig werden, in Berührung mit der Wirklichkeit zu kommen, mit der ganzen Wirklichkeit, und nicht bestimmte Aspekte abblocken zu müssen.»

3.4. Musik der Stille (2015), 32f.:

«Wenn wir uns nach der Ganzheit und Harmonie sehnen, die entstehen, sobald wir ganz für jeden unserer Augenblicke da sind, so haben wir doch gleichzeitig auch Angst davor.

Wo immer wir den reinen Ruf des Augenblicks erleben und jedes Mal, wenn wir der nackten Wirklichkeit gegenüberstehen, erzittern wir.

Wir haben uns daran gewöhnt, die alltäglichen Düfte der Kompromisse in uns aufzunehmen und uns durchzumogeln ‒ werden wir plötzlich herausgefordert, reinen Sauerstoff einzuatmen, fürchten wir, gleich zu verbrennen.

Deshalb sagte Rilke: ‹Jeder Engel ist schrecklich.›

Und doch, was könnte schöner sein als ein Engel? Überwältigende Schönheit ist nicht hübsch. Eher ist es die Schönheit eines Gewittersturms: Er ist faszinierend und zugleich auch zum Fürchten.

‹Denn das Schöne›, sagt Rilke, ‹ist nichts als des Schrecklichen Anfang, den wir noch gerade ertragen, und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht, uns zu zerstören.›

Wir sehnen uns nach einer Begegnung mit dem Engel. Wir sehnen uns nach einer echten Begegnung mit der Wirklichkeit, und doch fürchten wir uns gleichzeitig davor, genauso wie wir Angst vor der überwältigenden Erfahrung haben, uns zu verlieben. Wir fliehen davor und werden dennoch unwiderstehlich davon angezogen.

T. S. Eliot bemerkt: ‹Die Menschen ertragen nicht sehr viel Wirklichkeit.›[12]

Warum haben wir Angst, im Jetzt zu leben? Wir fürchten uns, wirklich zu werden, genau wie die Spielsachen im Kinderbuch ‹Der Plüschhase›. Sie wollen alle wirklich werden ‒ das ist der größte Traum der Spielsachen, Zugleich fürchten sie sich davor, und deshalb fragen sie ein erfahreneres Spielzeug: ‹Tut Wirklichwerden weh?› Das ist dieselbe Angst, die wir haben. Tut die Begegnung mit der Wirklichkeit weh? Das alte Spielzeug gibt weise zur Antwort: ‹Wenn du wirklich bist, macht es dir nichts aus, dass es weh tut.›»

3.5. Wendezeit im Christentum (2015): Fritjof Capra im Dialog mit Bruder David und Thomas Matus, 178:

Fritjof Capra: «In der Naturwissenschaft kennt man ein berühmtes Wort von Einstein. Er sagte einmal, es komme ihm wie ein Wunder vor, das unsere abstrakten mathematischen Formeln so genau der Wirklichkeit entsprechen, dass wir Dinge, die wir außerhalb beobachten, in Begriffen von Dingen beschreiben können, die wir selbst erschaffen haben. Das schien Einstein zutiefst geheimnisvoll.»

3.6. TRANSKRIPTION DES SEMINARS (2014) TEIL I, 33-37:

«Und das Geheimnis ist das ‒ auf Lateinisch ‒ fascinosum et tremendum. Es fasziniert uns und es macht uns erschaudern. Das ist das Kennzeichen: Wenn uns etwas zugleich begeistert und anzieht und erschaudern macht, dann haben wir es mit dem Heiligen zu tun. Das Heilige ist das fascinosum tremendum.

Und wir haben das alle erlebt, bei einer wunderbaren Konzertaufführung zum Beispiel. Es begeistert uns alle und es lässt uns zugleich erschaudern. Wenn in Beethovens 9. Symphonie das Cello ganz leise das Thema von Freude, schöner Götterfunken, ganz leise, beginnt, dann rinnt es uns kalt über den Rücken. — Das Schreckliche ist ja in diesem Zusammenhang nicht das schrecklich Böse, sondern das schrecklich Gute, das Erschaudern machende Gute, Schöne, Wahre, Eine. So ist das gemeint.»]

______________________

[1] Du großes Geheimnis: Gebete zum Aufwachen (2019), 85

[2] Orientierung finden (2021): «Geheimnis ‒ wenn uns die Wirklichkeit ergreift», 49

[3] Rudolf Otto in seinem bekanntesten theologischen und religionswissenschaftlichen Buch des 20. Jh. «Das Heilige», erstmals
    erschienen 1917

[4] «Du musst das Leben nicht verstehen
dann wird es werden wie ein Fest.
Und lass dir jeden Tag geschehen
so wie ein Kind im Weitergehen
von jedem Wehen
sich viele Blüten schenken lässt.

Sie aufzusammeln und zu sparen
das kommt dem Kind nicht in den Sinn.
Es löst sie leise aus den Haaren,
drin sie so gern gefangen waren,
und hält den lieben jungen Jahren
nach neuen seine Hände hin.»

(Rilke, Mir zur Feier)

[5] Orientierung finden (2021): «Religiosität ‒ was uns verbindet und heilt», 61-64

[6] Rilke, Alle, die ihre Hände regen (Das Stunden-Buch)

[7] Bruder David fügt in diesem Zusammenhang jeweils das Sonett von Rilke ein: «Wir sind die Treibenden» (Die Sonette an Orpheus 1.
    Teil, XXII), zum Beispiel in Beten – mit dem Herzen horchen (1988)
    1. Vortrag in thematische Brennpunkte aufgeteilt:
    Audio «Wir sind die Treibenden» (Rilke)

[8] Arbeit und Schweigen ‒ Handeln und Kontemplation im Buch Geist und Natur (1989), 295f.

[9] Du großes Geheimnis: Gebete zum Aufwachen (2019), 97

[10] Rilke, Duineser Elegien, Die Erste Elegie

[11] «Go, go go, said the bird: human kind
     Cannot bear much reality.

     Time past and time future
     What might have been and what has been
     Point to one end, which ist always present.»

     (T. S. Eliot, Four Quartets, Burnt Norton, I)

    Bernardin Schellenberger übersetzt «reality» mit «Realität». Aber es geht um die numinose Wirklichkeit im Unterschied zu Realität
    im gängigen Sprachgebrauch des Wortes. Siehe 3.4.

[12] Siehe Anm. 11


Quellenangaben

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