Text, Film und Audios von Br. David Steindl-Rast OSB

geheimnisCopyright © - Barbara Krähmer

Was meinen wir eigentlich, wenn wir Gott sagen?

Ich vermeide so weit wie möglich dieses Wort, denn es wurde auf vielerlei Weise missbraucht und führt daher allzu leicht zu Missverständnissen. Was aber kann es ‒ richtig verstanden ‒ für Menschen heute noch bedeuten?

Eigentlich das, was von Anfang an damit gemeint war. Das kennt jeder Mensch aus eigener Erfahrung:

Das Wort «Gott» weist auf das Geheimnis hin, mit dem unser menschliches Bewusstsein unumgänglich konfrontiert ist.

Was «Geheimnis» bedeutet, das lässt sich recht klar umschreiben:

Es ist jene Wirklichkeit, die wir nicht begreifen, nicht in den Griff bekommen, die wir aber verstehen können, indem wir uns von ihr ergreifen lassen.

Der Unterschied zwischen begreifen und verstehen kann uns vielleicht am Beispiel von Musik bewusst werden. Es ist zugleich der Unterschied zwischen wissen und erleben.

Was wir über ein Musikstück wissen ‒ etwa wer es wann und unter welchen Umständen komponiert hat und wie es musiktheoretisch aufgebaut ist -, das kann uns in mancher Hinsicht nützlich sein, das Eigentliche der Musik aber bekommt solches Wissen nie in den Griff. Wir können ein Stück nur verstehen, wenn wir es hören und davon ergriffen werden.[1]

«Du großes Geheimnis, Quellgrund meines Lebens, Meer, dem alles zuströmt.

Du rührst mich an durch alles, was mich berührt, am tiefsten aber berührt mich Musik. Sie lässt mich auch am deutlichsten erfahren, was es heißt, Dich zu verstehen, Du unbegreifliches Geheimnis.

Begriffliches Begreifen ist etwas ganz anderes als dieses Ergriffenwerden durch Musik, das mich sie verstehen lässt, mich ganz drinstehen lässt durch meine Ergriffenheit.

Ich will heute wenigstens kurz irgendwann Musik anhören.

Letztlich ist aber alles, was es gibt, geheimnisvoll wie Musik.

Gib mir Mut, meine Rüstung abzulegen und mich ergreifen zu lassen.

Amen.»[2]

Was uns so in Bezug auf Musik bewusst werden kann, das gilt auch für das Leben als Ganzes:

Es bleibt unbegreiflich, aber in Augenblicken der Ergriffenheit - zum Beispiel bei Gipfelerlebnissen ‒ können wir den Sinn ahnend verstehen, weil wir mittendrin stehen und nicht als Beobachter davon abgesetzt. In dieser Hinsicht ist das Leben zugleich Bild für das große Geheimnis und mehr als Bild ‒ es ist unsere Begegnung und Auseinandersetzung mit dem Geheimnis schlechthin, also mit Gott.

Weil ich wissen wollte, wie weit verbreitet ein solches Verständnis ist, machte ich ein Experiment: Ich gab bei Google die Worte ein: «Leben heißt …»

Dadurch ließ ich sozusagen einfach irgendjemanden zu Wort kommen. Was ich fand, waren Eintragungen wie «Leben heißt Veränderung», «Leben heißt kämpfen, leiden, lieben, loslassen, nicht zu warten, sterben lernen.»

Sind nicht all diese Erfahrungen Begegnungen mit einem letzten Geheimnis?

Wer das Wort Gott richtig verwendet, meint damit eben dieses überragende Geheimnis.

In diesem Sinn ist unser menschliches Leben unvermeidlich Gottesbegegnung, ganz gleich, ob wir das Wort «Gott» verwenden oder nicht.

An Gott glauben heißt ja nicht, für wahr halten, dass es Gott gibt. Welcher Mensch könnte denn das Geheimnis (und damit Gott) überhaupt leugnen?

Beim Glauben geht es nicht um die Frage, ob es Gott (= das Geheimnis) gibt.

Es geht vielmehr darum, ob Lebensvertrauen unsere Lebensangst überwindet.

Glaube ist ein Sich-Verlassen auf das Geheimnis ‒ auf Gott, auf das Leben.

Dieses Urvertrauen können wir aus Furcht verweigern, oder wir können es mutig verwirklichen durch ein immer neu gelebtes Ja zum Leben.[3]

«Du großes Geheimnis, Quellgrund meines Lebens, Meer, dem alles zuströmt.

Mit Dir bin ich untrennbar verbunden und durch Dich mit allem, was es gibt.

Doch ich erlebe Versuchung ‒ Bedrohung dieses Eingebettet-Seins:

Ich vergesse es manchmal. Aus Vergessen wird Entfremdung und die nimmt mir mein Lebensvertrauen.

Dann klammere ich mich aus Furcht an Vergangenes oder Zukünftiges.

Aber Lebensfülle ist nur in der Gegenwart.

Lass mich heute mangelnde Achtsamkeit schnell als Faulheit erkennen, rüttle mich wach und führe mich ins Jetzt zurück, wo du mir entgegenwartest, um ‒ mitten im Alltag ‒ Leben in Fülle zu feiern.

Amen.»[4]

Das Ja zum Leben ist zugleich ein Ja zum Du ‒ zu jedem Du, das uns im Alltag begegnet, und darüber hinaus zum Geheimnis als dem großen letzten Du.

Ein Gottesverständnis, das nicht von Spekulation ausgeht, sondern von tiefster menschlicher Erfahrung, überwindet den Dualismus ‒ wir hüben, Gott drüben ‒, fällt aber deshalb nicht notwendigerweise in das Missverständnis des Monismus, der für liebende Beziehung zu Gott keinen Raum lässt, weil alles eins ist.[5]

Richtig verstanden ist menschliche Gotteserfahrung weder monistisch noch dualistisch, sondern trinitarisch.[6]

Gipfelerlebnisse, in denen uns bewusst wird, dass wir mit allem eins sind, können zugleich Höhepunkte unserer tiefsten Du-Bezogenheit sein.

So erleben wir das große Paradoxon: Das Eine hat in sich Platz für Beziehung.

Schon mein Ich-Sagen setzt ja ein Du voraus, das mir ebenso unergründlich ist wie mein Ich. Beide sind im Geheimnis verwurzelt.

Diese innerste Bezogenheit auf das Geheimnis als Du gehört zu unseren menschlichen Grunderfahrungen. Sie ist nicht an irgendeine Periode der Geschichte gebunden.

Bei Bruder Klaus drückt diese Erfahrung sich so aus, dass er Gott als Du anruft.[7]

Das ist auch für uns heutige Menschen erlebnismäßig nachvollziehbar.

Unsere Du-Beziehung zum göttlichen Geheimnis hat zeitlose Gültigkeit.[8]

«Du großes Geheimnis, Quellgrund meines Lebens, Meer, dem alles zuströmt.

Unergründlich bist Du mir. Darf ich Dich trotzdem so vertraulich Du nennen?

Aber auch engste Freunde bleiben mir ja geheimnisvoll und letztlich unergründlich.

Und doch: Freunde stehen mir gegenüber; in Dich aber bin ich ganz eingetaucht ‒ nicht nur wie der Fisch im Wasser, sondern wie der Tropfen im Meer.

Macht dies eine Du-Beziehung nicht unmöglich?

Logik bricht da zusammen Mein Ich-Sagen setzt Dich voraus als mein Ur-Du.

Heute will ich also manchmal innehalten und einfach ‹Du!› sagen ins unbegreifliche Geheimnis als mein Gebet.

Amen.»[9]

Nun ist aber neben «Gott» und «Du» «bitten» ein drittes Schlüsselwort im ersten Satz des Gebetes von Bruder Klaus.

Da stellt sich die Frage: Können auch wir noch mit der gleichen, nicht hinterfragten Ursprünglichkeit Gott um etwas bitten?

Ich glaube, das können wir, solange wir dabei nicht in den Irrtum verfallen, dass Gottes Geben von unserem Bitten abhängig ist.

Echtes Bitten drückt eigentlich unser vertrauensvoll vorweggenommenes Danken aus.

Das zeigt sich schon, wenn wir einen Mitmenschen um etwas bitten. Wir sagen damit eigentlich: Ich vertraue darauf, dass du meine Bitte gewähren wirst, aber ich nehme das nicht als gegeben hin, sondern ich weiß es zu schätzen.

Mit der gleichen Haltung können wir das große Du um etwas bitten.

Alles, was «es gibt», schenkt uns ja das große Geheimnis.

Denn worauf verweist das Wörtchen «es», wenn nicht auf den geheimnisvollen Urgrund, der uns alles schenkt, was «es gibt»?

Im Hinblick auf unsere persönliche Beziehung zum Geheimnis sehen wir es als Du an; im Hinblick auf alles, was es gibt, sprechen wir vom Geheimnis als Quellgrund und Mutterschoß von allem, was uns zufließt, zuwächst und geschenkt wird.

Ein und dasselbe Geheimnis (auch Gott genannt) begegnet uns als Du und als Es.

So leuchtet es ein, dass wir dem Du danken für alles, was es gibt, und es, den Dank vorwegnehmend, um alles bitten.[10]

«Du großes Geheimnis, Quellgrund meines Lebens, Meer, dem alles zuströmt.

Schon beim Aufwachen rufe ich spontan Deine Hilfe an, wenn mir das Aufstehen schwerfällt.

Aber was meine ich damit eigentlich?

Ich weiß doch, dass Du mir alles schenkst, auch wenn ich nicht darum bitte.

Mein Vertrauen auf Deine Hilfe will ich ausdrücken.

Und Deine Hilfe ist nicht Mithilfe mit meiner Kraft.

Was ich meine Kraft nenne, ist nur mein Durchfließen-Lassen Deiner Kraft.

Du Lebensstrom meiner Lebendigkeit. Ströme Du also heute in allem, was ich tue, durch mich und durch alle, die mir begegnen.

Amen.»[11]

[Ergänzend:

1. Film Vom Ich zum Wir (2021): «Menschenwürde und allgemeinmenschliche Religiosität»: Bruder David im Interview mit Egbert Amann-Ölz im Rahmen des Online-Pfingstkongresses (14.-24. Mai 2021), siehe auch Mitschrift Pfingstkongress, 4:

(16:10) «Es ist mir bewusst geworden – im Laufe meines Lebens –, dass die verschiedenen Religionen Ausdrücke, Ausdrucksformen einer einzigen allgemeinmenschlichen Religiosität sind:

Ich beginne mit der Einsicht – und es ist eine Einsicht, zu der jeder Mensch kommen kann –, dass wir als Menschen auf Religiosität – nicht auf Religion – angelegt sind.

Und unter Religiosität verstehe ich: Es macht uns erst zu Menschen, dass wir mit dem großen Geheimnis, das hinter allem steht, ringen müssen und uns mit ihm auseinandersetzen müssen im Lauf unseres Lebens.

Wir sind die religiösen Tiere, unter den Tieren jene, die sich dieses großen Geheimnisses bewusst sind und mit ihm umgehen lernen müssen und darin besteht unsere Lebensaufgabe.

Und wenn ich sage: das große Geheimnis, so meine ich nicht irgendetwas Vages, sondern etwas, was jeder Mensch kennt und mit dem jeder Mensch täglich umgeht, und es kann fast definiert werden auf diese Weise – natürlich keine echte Definition, sondern eine Beschreibung:

Wir müssen uns täglich mit etwas auseinandersetzen, was man nicht begreifen kann, was man aber verstehen kann, wenn es einen ergreift.

Also da muss man zunächst auch die wichtige Unterscheidung zwischen Verstehen und Begreifen machen: Begreifen heißt in den Griff bekommen. Durch Begriffe machen wir uns die Welt untertan: Wir wollen begreifen.

Wir können aber – so groß auch unsere Hände sind – immer nur einen begrenzten Teil der Wirklichkeit in den Griff bekommen.

Die ganze Wirklichkeit, das Ganze, können wir aber verstehen, wenn es uns ergreift.

Und das Beispiel, das vielen Menschen leicht zugänglich ist, ist das Beispiel von Musik:

Niemand kann begrifflich das Wesen von Musik analysieren.

Wir können vieles über Musik sagen, aber was Musik wirklich ist, geht weit über alles hinaus, was man begrifflich erfassen kann.

Aber jeder von uns – oder gottseidank die meisten von uns – können Musik verstehen und sagen ganz ehrlich: Das verstehe ich – und sogleich: Das ergreift mich.

Wenn die Musik mich nicht ergreift, verstehe ich sie auch nicht.

Also, was mich ergreift, verstehe ich, und Musik ist ein gutes Beispiel unserer Begegnung mit diesem großen Geheimnis.

Es ist nur ein Teil, ist nur ein Beispiel, aber das ereignet sich in unzähligen Varianten jeden Tag und das lebenslang, dass wir immer wieder auf etwas stoßen, besonders natürlich in der Begegnung mit andern Menschen, was wir unter keinen Umständen begreifen, aber zutiefst verstehen können, wenn wir uns davon ergreifen lassen.

Und diese Auseinandersetzung mit dem Geheimnis also ist, was ich Religiosität nenne. Und die drückt sich jetzt in Religionen aus.

Und zwar kommen im Lauf der Geschichte tiefreligiöse Menschen immer wieder, die ihre – unsere – Begegnung mit dem großen Geheimnis durch Worte, durch eine Lehre, durch Moral – eine Ethik – und durch Rituale ihren Zeitgenossen zugänglich machen.

Und eine Religion ist die kulturelle Zugänglichmachung unserer allgemeinmenschlichen Religiosität durch eine Religion eben.»

2. Audios

2.1. Audio Gespräche im Lehrgang «Geistliche Begleitung» (2018)
Zweites Kamingespräch mit David Steindl-Rast:

(11:26) «Jeder Mensch ist auf die Begegnung mit dem großen Geheimnis angelegt. Und das große Geheimnis begegnet uns zum Beispiel im Leben: Das Leben selber. Wir müssen das Leben meistern. Das heißt, wir müssen irgendwie auskommen mit diesem geheimnisvollen Ding, das uns da begegnet.

Und geheimnisvoll heißt: Wir können es nicht begreifen ‒ sonst ist’s nicht Geheimnis ‒, wir können es nicht begreifen: Kein Mensch kann das Leben begreifen, das heißt in den Griff bekommen, analysieren, begrifflich erfassen, aber wir müssen uns bemühen, das Leben zu verstehen: Das Geheimnis kann nicht begriffen, aber verstanden werden, und verstehen heißt, sich hineinstellen und sich ergreifen lassen.

Begriffe ergreifen. Und Bernhard von Clairvaux sagt ja: ‹Begriffe machen wissend, Ergriffenheit macht weise.›

Und diese Ergriffenheit vom göttlichen Geheimnis erleben viele Menschen in der Natur, viele auch im Ritual in der Kirche, und sehr viele in der Musik.»

(13:52) «Wir verstehen das Unbegreifliche. Das erfahren wir und erlebt jeder Mensch an der Musik. Also eine wichtige Unterscheidung zwischen begreifen und verstehen.

Und mit jedem Menschen kann man darauf hin kommen zum Beispiel im Gespräch: Was ergreift dich?

Sehr häufig ist es die Natur, sehr häufig. Natürlich in unsern Gipfelerlebnissen: die Geburt eines Kindes, der Tod eines nahestehenden Menschen, Freundschaft usw..»

(18:02-21:09) «Und das erlebt aber jeder Mensch:

Das Leben spricht zu mir, wenn ich nur die Ohren aufmache.

Das Leben brüllt mich an, aber ich habe andere Ideen oder andere Pläne oder so.

Es schreit mich nur so an.

Und jetzt hinzuhorchen und zu antworten; und auf Gott hinhorchen ist immer ein Thema von der Bibel: auf Gott horchen: ‹Verhärtet Eure Herzen nicht.› Immer geht’s darum. ‹So spricht der Herr›, sagt jeder Prophet immer wieder: ‹Spruch des Herrn›: Also sich ansprechen lassen und sich diesem Anruf zu stellen, verantwortlich zu stellen, darum geht’s im Leben. Das Leben ist unser persönliches Leben ‒ also nicht so abstrakt ‒, unser persönliches lebendig sein, und Leben ist die Form, in der jeder Mensch die Gottesbegegnung erlebt.

(19:05) Wenn man sagt ‹Gott› ist man schon auf dem falschen Weg eigentlich ‒ meistens ‒, weil man dann oft immer dran denkt, das ist sowas da draußen. Und die wichtigste Aussage über Gott macht Paulus auf dem Areopag, im 17. Kp. der Apostelgeschichte, wo zu den Athenern sagt: ‹Eure eigenen Dichter haben Euch das ja schon gesagt› ‒ also nicht was Christliches oder Jüdisches: Das ist menschlich. Der Dichter hat Euch das gesagt: ‹In Gott leben wir, bewegen uns und sind›.

Also wenn irgendjemand von uns ‒ mich eingeschlossen, ich muss mich auch bemühen ‒, das Wort ‹Gott› hört:

Dass wir in Gott leben, uns bewegen und sind, fällt uns nicht als Erstes ein. Als Erstes ist das irgendwer da draußen. Da kann man sich nicht helfen. Aber wenn man ‹Leben› sagt, weiß man: ‹Im Leben leben wir, bewegen uns und sind›. Und das ist es, worum es geht, wenn Paulus über Gott spricht. So begegnen wir Gott, nicht irgendwo draußen. In allem, was wir erleben.

(20:27-21:09) Indem ich das gesagt habe, habe ich schon irgendwie gezeigt, wie die Religiosität ‒ also die Auseinandersetzung mit dem Geheimnis, typisch durch das Leben ‒, wie das verbunden ist und uns erst so richtig aufmerken lässt auf ganz wichtige Bilder und Einsichten aus unserer jüdisch-christlichen Tradition. Und so geht das Leuten mit anderen Religionen auch. Aber diese Auseinandersetzung mit dem Leben, die bleibt keinem Menschen erspart. Das hat man mit allen Menschen gemeinsam.»

(21:37) Frage: «Diese persönliche Beziehung zu diesem Geheimnis, zu diesem Gott: Ist sie mir geschenkt ‒ oder?»

Bruder David: «Nein, alles ist geschenkt, sagt ja auch Augustinus: ‹Alles ist geschenkt›, sagt er.»

Frage: «Und warum kriegen es dann manche nicht geschenkt?»

Bruder David: «Das gehört zum Geheimnis.»

2.2. Audio-Interview Das glauben wir – Spiritualität für unsere Zeit (2015)
Vortrag in Themen des Abends aufgeteilt:
Gott nicht begreifen, aber verstehen
Gott mit Blick auf das Leben
Gott mit Blick auf Beziehung – das ‹Es›
Große Fragen: warum ‒ was ‒wie?
Gott ‒ ein Du
Sich diesen Fragen stellen!

3. Texte

3.1. Orientierung finden (2021): «Geheimnis ‒ wenn uns die Wirklichkeit ‹ergreift›», 43, 45:

«Es gibt drei existenzielle Fragen, um die wir Menschen nicht herumkommen. Früher oder später müssen wir uns ihnen stellen: Warum? Was? und Wie?» (43)

«Alle drei werden uns also, wenn wir beharrlich genug fragen, ins Geheimnis hineinführen, aber auf drei verschiedenen Wegen. Das Warum fragt nach den Wurzeln, dem Ursprung von allem und führt uns so hinunter in den unaussprechlichen Abgrund des Seins ‒ ins Geheimnis als Schweigen.

Das Was fragt nach dem innersten Wesen der Dinge und hört es am Ende heraus aus der geheimnisvollen Art und Weise, in der jedes Ding seine Einmaligkeit ausspricht, indem es ‹selbstet›[12] ‒ Geheimnis als Wort.

Das Wie fragt nach dem dynamischen Aspekt, nach der Kraft, die das Leben antreibt. Aber diese Kraft lässt sich von außen nur beobachten. Verstehen können wir sie nur, indem wir sie in uns selbst erfahren, indem wir ‹das Leben leben› ‒ Geheimnis als Verstehen durch Tun.

Diese drei Zugangswege zum Geheimnis werden aufmerksame LeserInnen in diesem Buch in immer neuen Abwandlungen wiederfinden.» (45)

3. 2. Ethik oder Religion (2018), 2f., die Antwort von Bruder David auf den Appell S. H. des Dalai Lama im Buch Ethik ist wichtiger als Religion (2014):

«Es gehört zum Geheimnisvollsten am Geheimnis, dass wir Menschen es als Gegenüber erfahren können, obwohl wir ihm angehören.

Paulus zitiert einen griechischen Dichter, wenn er von Gott sagt, ‹in ihm leben wir, weben wir und sind› (Apg. 7,27). Und nicht nur wie Fische im Wasser sind wir in Gott, sondern wie Wassertropfen im Meer.

Zugleich aber verstehen wir unter Gott unser Ur-Du, unser Ur-Gegenüber, das uns erst ermöglicht, ‹ich› zu sagen.»

«‹Gott› ist gleichbedeutend mit ‹Geheimnis› unter dem Gesichtspunkt unserer persönlichen ‒ gegenseitigen - Beziehung zur letzten Wirklichkeit. Und diese Beziehung ist unsere Religiosität.

(Obwohl wir schon gesehen haben, dass es bei Spiritualität um das Selbe geht, hat es Vorteile, hier von Religiosität zu sprechen, weil dadurch der innige Zusammenhang mit den Religionen anklingt.)»

3.3. TRANSKRIPTION DES SEMINARS (2014) TEIL I, 23f.:

«Das Wort ‹heimlich› hängt eng mit Geheimnis zusammen. Wir als Menschen sind im Geheimnis beheimatet. Das macht uns zu Menschen.[13]

Geheimnis in diesem Sinn hat nichts mit Geheimnistuerei zu tun, mit Geheimhaltung, sondern mit dem, was uns so heimlich vertraut ist, dass man nicht darüber sprechen muss.

In jeder Familie, in jedem Heim gibt es Dinge, die einfach so, ohne erklärt zu werden, verstanden sind.

Und darum geht es beim Geheimnis: Es ist etwas, das man auch kaum sagen könnte, das eben diese Familie zu dieser Familie macht, das ist ihr Geheimnis, nicht das Skelett im Kasten, (das ist wieder anders! Jede Familie hat ihr Skelett im Kasten, worüber niemand sprechen darf, das ist so ganz geheim).

Was uns daheim fühlen lässt, warum man sich dort daheim fühlt, und woanders nicht ganz so, und das lässt sich nicht in Worten ausdrücken und das große Geheimnis ist das im Wort nicht Aussprechbare, das zum Daheimsein in der Welt gehört, zum Daheimsein im Leben und daher zum Daheimsein im Geheimnis des Lebens, im Geheimnis des Seins.

Rilke spricht da von einer ‹heimlichen leisen Gewahrung, die uns im Innern schweigend gewinnt›.[14]

Die gewinnt uns, diese heimliche leise Gewahrung, diese Stille.

Diese Stille, diese Dunkelheit, in die wir uns hinunterlassen, sie ergreift uns.

Das wäre auch so eine Anweisung, etwas, das man heute machen könnte:

Eine Blume, einen Berg, die eigene Hand, seinen Fuß lange anschauen, dass da etwas uns ergreift.

Das Leben ist ergreifend, nicht weil irgendetwas Besonderes geschieht, sondern … ganz still innehält und sich hinein versenkt, wird es ergreifend, kann bis zu Tränen rühren.

In Filmen manchmal, ist es nicht die Handlung, die uns zu Tränen rührt, sondern einfach die Darstellung des Lebens, und da braucht man so Milchkannen oder ein gedeckter Tisch und plötzlich kommen einem die Tränen, wirklich:

Das Daheimsein im Geheimnis berührt und ergreift.»]

__________________________

[1] Kann ich heute noch so beten wie Bruder Klaus? (2016), 112f.

[2] Du großes Geheimnis: Gebete zum Aufwachen (2019), 35

[3] Kann ich heute noch so beten wie Bruder Klaus? (2016), 113f.

[4] Du großes Geheimnis: Gebete zum Aufwachen (2019), 81

[5] TRANSKRIPTION DES SEMINARS (2014) TEIL III, 99:

«Der Dualismus wird der Welt, wird dem Leben nicht gerecht und der Monismus wird auch dem Leben nicht gerecht.»

[6] Siehe Abschnitt «Bruder Klaus: Dreifaltigkeitsmystiker», 120-122

[7] Mein Herr und mein Gott,
nimm alles von mir,
was mich hindert zu dir.

Mein Herr und mein Gott,
gib alles mir,
was mich fördert zu dir.

Mein Herr und mein Gott
nimm mich mir
und gib mich ganz zu eigen dir.

[8] Kann ich heute noch so beten wie Bruder Klaus? (2016), 114

[9] Du großes Geheimnis: Gebete zum Aufwachen (2019), 13

[10] Kann ich heute noch so beten wie Bruder Klaus? (2016), 115

[11] Du großes Geheimnis: Gebete zum Aufwachen (2019), 51

[12] Bruder David bezieht sich auf das berühmte Eis-Vogel-Sonett von Gerhard Manley Hopkins (1844-1889), in welchem der Dichter für das Selbst-Werden ein neues Wort in der englischen Sprache prägt ‒ «to selve›, was man Deutsch mit «selbsten» wiedergeben kann. Etwas «selbstet», indem es durch sei Tun aussagt, was es ist. Jede Glocke, jede langezupfte Saite «selbstet» so durch ihren ganz eigenen Ton. [Credo: «Ein Glaube, der alle verbindet» (2012), 66]

[13] Orientierung finden (2021): «Geheimnis ‒ wenn uns die Wirklichkeit ‹ergreift›», 46:

«‹Geheim› bedeutet ursprünglich ‹zum Heim gehörig›.

Geheimnis bezeichnet dann, was der Hausgemeinschaft selbstverständlich ist, Fremden oder Entfremdeten aber unverständlich bleibt, also ‹geheim›.

Das Wort eignet sich dazu, auf jenes allverbindende Unaussprechliche hinzuweisen, das uns Menschen zuinnerst vertraut ist, uns aber nur in dem Maße bewusst wird, in dem wir als Angehörige des allumfassenden Erdhaushaltes denken, fühlen und handeln. Ein solches Denken ist nichts andres als gesunder Menschenverstand und heißt im süddeutschen Sprachraum mit einem treffenden Wort auch Hausverstand: Spirituell gesunde Menschen verstehen den geheimnisvollen Kosmos, in dem wir leben, als ihr Zuhause, ihr Daheim.»

[14] Beilage 3: Die den Kurs begleitenden Gedichte, 4: «Rühmt euch, ihr Richtenden, nicht der entbehrlichen Folter» (Rilke, Die Sonette 2. Teil IX)



Quellenangaben

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