Text, Film, Audios und Interviews von Br. David Steindl-Rast OSB

loslassen titelCopyright © - Barbara Krähmer

In seinem Buch, Ethik ist wichtiger als Religion  richtet S.H. der Dalai-Lama einen Appell an die Menschheit, für den die Stunde geschlagen hat. Diesen Aufruf zu überhören, wäre gefährlich.

Allerdings hat das Buch auch zu Missverständnissen geführt. Diese lassen sich aber durch eindeutige Definitionen der verwendeten Begriffe klären.

Die wichtigste Klarstellung betrifft den Begriff Religion. Bedeutet er Religion als Religiosität, oder als eine der Religionen?

In den vielen verschiedenen Religionen drückt sich (mehr oder weniger erfolgreich) die eine, allen Menschen gemeinsame Religiosität aus ‒ «unsere elementare menschliche Spiritualität» nennt sie S.H. der Dalai-Lama, «eine in uns Menschen angelegte Neigung zur Liebe, Güte und Zuneigung unabhängig davon, welcher Religion wir angehören.»

Wir sprechen heute meist lieber von Spiritualität als von Religiosität, es handelt sich aber (unter zwei verschiedenen Gesichtspunkten) um das Gleiche: um unsere Beziehung zur letzten Wirklichkeit.

Spiritualität - vom lateinischen spiritus, Lebensatem ‒ verweist auf die wache Lebendigkeit, die diese Beziehung kennzeichnet.

Religiosität - vom lateinischen re-ligare, wiederverbinden ‒ weist auf das Wesen dieser Beziehung hin: auf die Heilung unserer gestörten Verbindung zum Urgrund, zu Um- und Mitwelt und zu unserem wahren Selbst.

Unsere Beziehung zur letzten Wirklichkeit, zum abgründigen Geheimnis ‒ mögen wir sie Spiritualität nennen oder Religiosität ‒ ist eine Grundgegebenheit unseres Menschseins: Wir sind die spirituellen / religiösen Tiere.

Was uns zu Menschen macht, ist die Tatsache, dass wir uns unvermeidlich mit dem Geheimnis des Lebens auseinandersetzen müssen.

Spiritualität / Religiosität ist, kurzgefasst, die Auseinandersetzung des Menschen mit dem Geheimnis.

Ein zentraler Aspekt der uns allen gemeinsamen Religiosität ist Ethik.

«Wir kommen nicht als Mitglieder einer bestimmten Religion auf die Welt», sagt S.H. der Dalai-Lama, «aber Ethik ist uns angeboren.»

Wieso angeboren? Weil Ethik untrennbar zum Bewusstsein vom großen Geheimnis gehört, einem Bewusstsein, das uns angeboren ist, ja, das uns als Menschen kennzeichnet:

Ethik entspringt aus unserer Begegnung mit dem Geheimnis, also unsrer Religiosität.

Ethische Verantwortlichkeit ist die positive Antwort auf den Anruf des Geheimnisses: unser Ja zum Leben.

Unter Ethik verstehen wir die Gesamtheit von Grundsätzen und Richtlinien, die einer verantwortungsbewussten Haltung und Tätigkeit zugrunde liegen.

In dieser Definition verdient das Wort «verantwortungsbewusst» besondere Beachtung.

Es weist auf zwei Wurzeln der Ethik hin: auf Bewusstheit und Antwort - Bewusstheit eines Anspruchs an uns und unsere Antwort darauf.

Verantwortungsbewusstsein entspringt aus unserer wach bewussten Begegnung mit dem Geheimnis des Lebens.

Diesem Bewusstsein unserer Verantwortlichkeit entspringt ethisches Verhalten.

Es stellt (im Gegensatz zu unverantwortlichem Verhalten) die positive Antwort auf den Anruf des Geheimnisses dar. Diese Antwort ist das «Ja!» zum Leben.

Wir können uns dessen bewusstwerden, dass das Leben eine Richtung hat: es will etwa Vielfalt, freie Entfaltung und das Wohlergehen aller seiner Glieder im Zusammenspiel aller mit allen.

Dieser Strömungsrichtung des Lebens können wir zustimmen, können uns ihr anvertrauen, uns von ihr tragen lassen. Darin besteht unser Ja.

Dieses gelebte Ja heißt Lebensvertrauen.

Wir können aber auch Nein sagen und uns gegen die Richtung des Lebens sträuben ‒ etwa aus kurzsichtiger Gewinnsucht oder aus Ungeduld.

Dieses Nein heißt Furcht. Aus unserem Ja entspringt ethisches, aus dem Nein unethisches Verhalten.

Ethik ist deshalb wichtiger als diese oder jene Religion, weil sie zu unserer Religiosität gehört, aus der alle Religionen entspringen. und weil im Fall des Widerspruches zwischen den beiden, die Religiosität den verlässlicheren Kompass darstellt.

Ein Beispiel: Papst Franziskus spielt die Ethik der Religiosität gegen deren bisherige Interpretation innerhalb seiner eigenen Religion aus, indem er ‒ nach Jahrhunderten von Ketzer- und Hexenverbrennungen ‒ dem Kirchenrecht zum Trotz, die Todesstrafe für grundsätzlich unerlaubt erklärt.

In Zweifelsfällen kann und muss eben jede Religion sich immer wieder neu an Religiosität orientieren, muss unter Umständen auch ein althergebrachtes Rechtsverständnis neu hinterfragen und aufgrund der in Religiosität verankerten Ethik berichtigen.

S.H. der Dalai Lama schreibt:

«Unabhängig davon, ob wir einer Religion angehören oder nicht, haben wir alle eine fundamentale ethische Urquelle in uns.»

Diese «ethische Urquelle» ist unsere Religiosität, die zugleich die Urquelle aller Religionen ist.

Aus dieser Quelle fließt Ethik auch in die einzelnen Religionen ein, drückt sich aber in jeder Religion (entsprechend deren kultureller Eigenart) unterschiedlich aus. [1]

(26:28) Da muss man sehr vorsichtig unterscheiden zwischen Ethik und ethischen Vorschriften. Die nenne ich lieber Moral. Nur einfach, um ein anderes Wort zu haben.

Wenn sich die Ethik schon in gewisse Sätze, Verhaltensvorschriften usw. entwickelt hat, dann kann man es auch Moral nennen.

Das Wesentliche an der Ethik ist, Augenblick für Augenblick hinzuhorchen: Was will das Leben jetzt von mir? ‒ und verantwortlich das zu tun.

Sehr häufig wird diese Verantwortung nicht so klar gesehen. Aber wenn man das übt, wenn man sich dessen bewusst ist: Also ich möchte in Gott und mit Gott leben, das heißt: in diesem Augenblick begegnet mir Gott, da muss ich ja mich immer wieder bemühen, zunächst einmal aufzuwachen:

Was will jetzt dieses Leben von mir?

Und das ist manchmal nicht so klar zu sehen, das ist auch schwierig. Da muss man halt das Beste tun, und wenn’s ein Fehler war, dann den ändern. Das zeigt ja dann der nächste Augenblick schon, dass es ein Fehler war. Da kann man dann den nächsten Augenblick verwenden.

Aber doch hinhorchen und vertrauen, dass das Leben ‒ da kommt wieder der Glaube herein ‒, etwas von uns verlangt. Jeden Augenblick. Und zwar oft sehr angenehme Sachen.

Das Leben ist ja nicht so ganz ein strenger Lehrer, der jeden Augenblick etwas verlangt. Das Leben verlangt von uns: «Freu dich doch dran!» ‒ und wir sind anderweitig beschäftigt. Das Leben sagt ja fast in jedem Augenblick: «Freu dich doch dran», und auch noch, wenn andere Sachen dazukommen ‒, es sagt ja nicht nur eines ‒:

«Ja das ist wirklich schwierig, aber schließlich kannst Du doch noch tief durchatmen. Das ist ja auch ein Geschenk. Viele Menschen können nicht anständig atmen: du kannst jetzt atmen und trotzdem, mit der ganzen Belastung: Tu’s doch!» Das ist auch eine Antwort auf die Herausforderung des Lebens.

(30:26) Wann ist Ethik ethisch? – das ist die Frage. Es gibt eben sehr viele Atheisten, die sich Atheisten nennen, aber sehr ethisch sind, also z. B die Menschenwürde in andern schätzen, und dann kommt eben wieder die Frage: Was macht die Ethik ethisch?

Und meine Antwort wäre ‒ bevor sich‘s noch so ausdrückt in dem Satz: «Was du nicht willst, das man dir tut, das füg‘ auch keinem andern zu» ‒, zeigt sich Ethik darin, ob man wirklich auf das Geheimnis hinhorcht ‒, jeden Augenblick, und verantwortlich sich fühlt dem Leben gegenüber, oder ob man vorgefasste Meinungen hat ‒ und das können auch religiöse Lehren sein, die man dann anwendet. Aber die können auch falsch sein. Leider. Irrig. Das erleben wir heute noch.

(32:55) Und so wie sich jede Religion ‒ und meine eigene auch ‒ immer wieder verantworten muss vor meiner Religiosität: Das ist ein wichtiger Satz:

Meine Religion muss sich immer wieder verantworten vor meiner Religiosität ‒ nicht umgekehrt. ‒ Die Formen der Religion ‒ in dem Sinn: überkommene Formen ‒, das muss sich verantworten, das muss mir passen. Wenn das mir nicht passt, darf ich es nicht tun.

Das ist ja auch katholische Lehre: Wir haben‘s halt als Gewissen ausgesprochen: «Du darfst nicht gegen dein Gewissen handeln.»

So wie sich meine Religion vor meiner Religiosität verantworten muss, so muss sich auch meine Ethik vor meiner Religiosität, in der ja die Ethik wurzelt, verantworten.

Und so ein ethisches System: Es gibt ja auch ein katholisches ethisches System, und vieles davon kann ein heute gebildeter Mensch nicht mehr annehmen. Ich gebe nur ein Beispiel: die Haltung zur Homosexualität.[2]

[Ergänzend:

1. Film Vom Ich zum Wir (2021): «Menschenwürde und allgemeinmenschliche Religiosität»: Bruder David im Interview mit Egbert Amann-Ölz im Rahmen des Online-Pfingstkongresses (14.-24. Mai 2021), siehe auch Mitschrift Pfingstkongress, 5:

(17:59) «… S.H. der Dalai Lama hat ein Buch geschrieben: ‹Ethik ist wichtiger als Religion›, so heißt das Buch. Das ist seine Botschaft, aber damit meint er mit Ethik, was ich Religiosität nenne. Ich kann das völlig anerkennen, aber ich übersetze es und sage: Religiosität ist wichtiger als Religion. Das heißt: Lebendige Religiosität ist wichtiger als religiöse Formen. Das steht dahinter.»

2. Audios

1. Audio Gespräche im Lehrgang «Geistliche Begleitung» (2018): Zweites Kamingespräch mit David Steindl-Rast:

(00:26) «Wer von Euch hat dieses Büchlein ‒ es ist kaum ein Buch ‒ gelesen von S.H. dem Dalai Lama, das heißt Ethik ist wichtiger als Religion? Es ist ein Aufruf.

Die Religionen entzweien die Menschheit. Offensichtlich, leider, es müsste ja nicht unbedingt so sein, aber es ist eine Tatsache. Und wir brauchen heute etwas, was uns verbindet als Menschheit. Sonst können wir die Probleme, die auf uns zukommen einfach nicht lösen. Wir können sie nur gemeinsam lösen, und wir brauchen also etwas, was uns verbindet. Und was uns verbindet, ist eine grundlegende Ethik, die uns angeboren ist, sagt auch S.H. der Dalai Lama.

Das Buch ist aber doch sehr problematisch, und ich arbeite gerade an einer kurzen Antwort darauf, Ethik oder Religion, weil eben der Begriff Religion zweideutig ist.

Einerseits bedeutet Religion ‹die Religionen›, und in diesem Sinn verwendet auch S.H. der Dalai Lama dieses Wort, obwohl er meistens Religion sagt ‒ nicht: die Religionen, sondern Religion ‒, meint aber fast immer die Religionen.

Aber Religion hat auch noch eine zweite Bedeutung, nämlich ‹die uns Menschen angeborene Religiosität›.

(09:02) Und nur einmal in diesem Buch spricht S.H. der Dalai Lama von Religion als die uns angeborene Religiosität, und von dieser Religiosität ist die Ethik ein ganz wesentlicher Bestandteil.

Also eigentlich könnte man genauso gut ‒ oder jetzt, nachdem, was wir hier besprochen haben ‒, sagen:

‹Religiosität ist wichtiger als die Religionen.›

Das ist sehr verständlich, und die Gefahr, in der Art, wie S.H. der Dalai Lama sich da ausdrückt, ist, dass manche Leute das Buch gar nicht lesen wollen, weil sie glauben, es ist religionsfeindlich: Ethik ‒ so was weltliches, weltliche Ethik usw.. Davon wollen wir gar nichts wissen. Wir sind religiöse Menschen.

Oder andere, die das lesen und bejahen ‒ man kann ja jedes Wort bejahen, was er drinnen schreibt, begeistern kann man sich dafür ‒, lassen sich in eine religionsfeindliche Einstellung ein: Die Religionen sind Unsinn und so.

Beides ist nicht günstig. Also ich bemühe mich da um Klärung: Immer wieder Unterscheidungen, wie zwischen Religion und Religiosität, damit das klarer wird.»

2. Audio-Vortrag: Die Weisheit, die alle verbindet ‒ Wie die Religionen zusammenfinden können (2010), sowie: Mitschrift, 2, 8-11:
«Wie kommen wir von den Religionen jetzt, zu jener Weisheit, die alle verbindet? Denn die Religionen scheinen sich diese Weisheit noch nicht zu eigen gemacht zu haben. Darunter leidet die Menschheit, darunter leidet die ganze Gesellschaft und dadurch bringen wir uns in große Gefahr.»

3. Texte

3.1. Orientierung finden (2021): «Religionen ‒ verschiedene Sprachen für das Unaussprechliche», 68:

«Wie Religiosität sich in Religion ausdrückt, drückt Ethik sich in Moral aus.

Ethik, wie wir den Begriff hier verwenden, ist unsre Verantwortung vor dem großen Du, Moral ist der Versuch, unsre ethische Verantwortung in einer konkreten Kultur zum Ausdruck zu bringen.

Wenn S.H. der Dalai Lama sagt, ‹Ethik ist wichtiger als Religion› ‒ Buddhismus als Religion eingeschlossen ‒, so heißt das in der Sprache, die wir hier verwenden:

Religiosität ist wichtiger als Religion.

Dem stimmen wir vollkommen bei, denn ohne Religiosität bleiben die Formen der Religion leere kulturelle Erscheinungen.

Je vollkommener sich Religiosität/Ethik in einer bestimmten Religion ausdrückt, umso lebendiger und lebenspendender ist ihre Moral.»

MORAL, in: Das ABC der Schlüsselworte, im Buch: Orientierung finden (2021), 151:

«Moral ist ‒ zusammen mit Lehre und Ritualen ‒ ein Bestandteil jeder Religion. Sie wendet sich an den Willen (im Sinne unsrer Willigkeit) und versucht, Werte allgemein menschlicher Ethik so darzustellen, dass sie der gegebenen Kultur zur Zeit der Religionsgründung moralisch verpflichtend werden. Wenn sich zu späteren Zeiten die kulturellen Gegebenheiten ändern, wird die gegebene Religion versuchen müssen, neu entstandene ethische Probleme einzubeziehen, damit ihre Moral weiterhin als Leuchtturm für ethisches Verhalten dienen kann.»

VERANTWORTUNG, in: Das ABC der Schlüsselworte, im Buch: Orientierung finden (2021), 161f.:

«Verantwortung zu übernehmen, heißt einstehen für ein gegebenes Wort ‒ bereit zu sein, dafür Rechenschaft abzulegen und dafür zu haften. Verantwortung tragen wir aber auch, wenn wir es versäumen, Antwort zu geben, die unerlässlich ist. Die volle Bedeutung von Verantwortung zeigt sich erst, wenn wir bedenken, dass das Leben uns in jedem Augenblick ein Wort zuspricht und unsre Antwort erwartet. Wenn uns ein Kind geboren wird, so ist diese Gabe des Lebens leicht als schicksalsschweres Wort zu erkennen, das uns zugleich die Aufgabe stellt, auf vielerlei Weise darauf zu antworten. Oder wenn ein Freund in Lebensgefahr gerät, so stellt auch dies recht offensichtlich ein Wort dar, auf das zu antworten unsre Verantwortung ist. Aber auch in weit weniger dramatischen Augenblicken ‒ ja, in jedem Augenblick täglichen Lebens ‒ dürfen wir die Gesamtheit aller Gegebenheiten als Wort verstehen und auf sie Antwort geben. In diesem Bewusstsein zu leben, heißt verantwortungsbewusst zu leben ‒ und das ist ein freudig erfülltes Leben.»

3.2. Radikales, mutiges Vertrauen in das Leben (2019): Interview von Anne Voigt mit Bruder David:

Anne Voigt: «Welche Rolle spielt die Religion?

Bruder David: «Hans Küng, der große Vertreter des ‹Projekts Weltethos›, betont, dass man eigentlich von Menschenpflichten und nicht nur von Menschenrechten sprechen sollte. Und auch S.H. der Dalai Lama spricht in seinem Buch ‹Ethik ist wichtiger als Religion› von Menschenpflichten. Institutionelle Religion steht ihnen oft im Wege. Mir ist wichtig, dass der religiöse Dialog eigentlich nicht ein Dialog zwischen Religionen ist, sondern ein Dialog zwischen Menschen, die verschiedenen Religionen angehören, sich aber auf der Ebene des gemeinschaftlich Menschlichen treffen. Darum ist der interreligiöse Dialog ganz wichtig.»

3.3. Ken Wilber und David Steindl-Rast im Dialog (2019):

Bruder David: «S.H. der Dalai Lama sagt, dass Ethik wichtiger ist als Religion. Die Religionen neigen dazu, uns zu trennen, aber wir brauchen eine Ethik, die uns verbindet. Damit stimme ich vollkommen überein, muss aber betonen, dass in unserer Religiosität die Ethik bereits enthalten ist. Das ist der Grund, warum wir heute die Religiosität ernstnehmen müssen, denn sie bietet uns das breiteste Fundament für eine allgemeine Ethik. Wir brauchen eine Spiritualität für alle, nicht nur für diejenigen, die Zeit haben, sich in spirituellen Erfahrungen zu spezialisieren, und genug Geld haben, um Zentren für spirituelle Fortbildung zu besuchen. Die allen zugängliche Religiosität eröffnet uns grundlegende ethische Einsichten ‒ zum Beispiel: ‹Was du nicht willst, das man dir tu, das füg‘ auch keinem anderen zu.› Wäre das nicht ein guter Anfang? Es wäre genug, um die Welt zu verändern.»

3.4. Liebe ‒ die Antwort auf die Krisen unserer Zeit (2017):

«Das griechische Wort ēthos bedeutet in erster Linie unsere menschliche Natur, unsere grundlegende Veranlagung – unsere innerste Ausrichtung also auf das große Geheimnis, unsere Religiosität.

Weil aber die meisten Menschen heute an die Religionen denken, wenn von Religion die Rede ist, liegt es nahe, lieber das Wort Ethik zu verwenden statt Religion oder Religiosität. Aus dieser Erwägung gibt S.H. der Dalai Lama seinem Appell an die Menschheit den Titel ‹Ethik ist wichtiger als Religion›. Er will damit aber das Gleiche sagen wie: Religion [im Sinn von Religiosität] ist wichtiger als die Religionen.

Wenn das Herz jeder Religion die Religion des Herzens ist, dann ist das Herz jeder Ethik die Ethik des Herzens – die Sehnsucht glücklich zu werden und – untrennbar davon – andere glücklich zu machen. In aller Welt drückt die Volksweisheit diese Einsicht ähnlich aus wie bei uns: ‹Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg’ auch keinem andern zu.›

Ob wir es Religion nennen, Ethik oder Spiritualität, immer geht es um ‹die elementarste aller menschlichen Urquellen in uns›, – wie S.H. der Dalai Lama sie nennt. Aus dieser einen Quelle schöpfen alle Religionen und alle Systeme ethischer Normen.

Darum lehrt jede Religion auf ihre Art: ‹Du sollst deinen Nächsten lieben als dich selbst›. Und jedes Moralsystem lässt sich zusammenfassen in dem Satz: ‹So verhält man sich denen gegenüber, zu denen man gehört.›

Der Kreis der Zugehörigkeit wurde oft zu eng gezogen. Heute muss er nicht nur alle Menschen umfassen, sondern alle Tiere, Pflanzen, unsere Erde und das ganze Universum. In beiden, Ethik und Religion, geht es also letztlich um Liebe als das grenzenlose Ja zur Zugehörigkeit.»

3.5. Mystik an der Grenze der Bewusstseinsrevolution (1988), 177-182:

«Ein Bild, das ich manchmal verwendet habe, um die Beziehung zwischen der mystischen Erfahrung und der religiösen Tradition zu veranschaulichen, ist das eines Vulkanausbruchs. Da ist das heiße Magma, das aus den Tiefen der Erde emporschießt und dann an den Seiten des Vulkans herabfließt. Je länger es fließt, desto mehr kühlt es sich ab, und je mehr es sich abkühlt, desto weniger erinnert es an den ursprünglichen feurigen Zustand. Am Fuße des Berges finden wir dann lediglich übereinander gelagerte Felsschichten. Niemand würde denken, dass diese einst weißglühend waren. Da kommt nun aber der Mystiker. Er bohrt ein Loch durch die übereinander gelagerten Felsschichten, bis das Feuer, das ursprüngliche Feuer, wieder emporschießt. Da jeder von uns ein Mystiker ist, besteht darin unsere Aufgabe. Doch sobald wir zu dieser Verantwortung gereift sind, prallen wir unweigerlich mit der Institution zusammen.

Die Frage lautet: ‹Besitzen wir die Gnade, die Stärke und den Mut, unsere prophetische Aufgabe auf uns zu nehmen›?»]

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[1] Auszug aus Ethik oder Religion (2018), die Antwort von Bruder David auf den Appell S.H. des Dalai Lama im Buch Ethik ist wichtiger als Religion (2014), 2-4

[2] Auszüge aus dem Audio Gespräche im Lehrgang «Geistliche Begleitung» (2018): Zweites Kamingespräch mit David Steindl-Rast



Quellenangaben

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