Text und Audios von Br. David Steindl-Rast OSB

stille titelCopyright © - Thorsten Scheu

So wie ich den Begriff «religiös» benutze, bezieht er sich auf die Suche nach dem letzten Sinn des Lebens.

Der Tod muss dabei offensichtlich eines der wichtigen Elemente sein, weil er ein Ereignis ist, das den ganzen Sinn des Lebens in Frage stellt.

Wir können beschäftigt sein mit zweckvollen Tätigkeiten, mit der Erledigung von Aufträgen, mit dem Durchführen von Arbeiten ‒ und plötzlich kommt der Tod daher ‒ sei es unser endgültiger Tod oder einer der vielen Tode, durch die wir Tag für Tag gehen.

Der Tod konfrontiert uns mit der Tatsache, dass ein zweckerfülltes Leben nicht genug ist. Wir brauchen Sinn, um wahrhaft zu leben.

Wenn wir dem Tod nahe kommen, und alles was auf Zweck abzielt, uns aus den Händen gleitet, wenn wir die Dinge nicht länger manipulieren und kontrollieren können, um bestimmte Ziele zu erreichen ‒ kann dann unser Leben noch sinnvoll sein?

Wir tendieren dazu, Zweck und Sinn gleichzusetzen, und wenn der Zweck wegfällt, stehen wir da ohne Sinn.

Hier liegt also die Herausforderung: wie kann es, wenn alles Streben nach Zweck zu einem Ende kommt, doch noch Sinn geben?[1]

Was ist also Sinn? Was meinen wir, wenn wir von Sinn sprechen?

Sinn ist zunächst das Ziel des Nachsinnens, das Ziel des Sinnens; und Sinnen, das Wort in seiner ursprünglichen Bedeutung (es ist ein sehr altes Wort in der deutschen Sprache) heißt Auf-dem-Weg-Sein.

Der Sinn ist also das, worin wir zur Ruhe kommen; das Ziel des Auf-dem-Weg-Seins ist das Zur-Ruhe-Kommen.

Der Sinn ist das, worin wir daheim sind.

Wenn etwas für uns Sinn hat, dann sind wir darin zur Ruhe gekommen.

Das brauchen wir nicht weiter zu erörtern, das kann auch nicht weiter bewiesen werden. Wir alle erfahren Sinn im Erlebnis des Daheimseins.

Dem Sinn ist der Zweck gegenüberzustellen.

Zweck ist ein ganz anderes Wort, obwohl wir häufig Sinn mit Zweck verwechseln. Zweck ist auch Ziel, aber von Tätigkeit, nicht von Sinnen, nicht von Nachsinnen. Zweck ist Zielpunkt einer Tätigkeit. Das Wort Zweck hat ursprünglich Nagel bedeutet. Wir haben heute noch das Wort «Zwecke» für Nagel. Den Nagel auf den Kopf zu treffen, das ist der Zweck einer Tätigkeit. Tätigkeit führt aber zu weiterer Tätigkeit, nicht zu der Ruhe des Daheimseins, wo wir Sinn finden.

Es gibt nämlich sinn-volle und sinn-lose, ja sogar widersinnige Tätigkeit.

Eine Tätigkeit wird erst dadurch sinnvoll, dass wir in ihr Sinn finden.

Sinn finden wir aber nicht durch Nachdenken, sondern durch Nachsinnen.

Das Denken ist dem Handeln gegenübergesetzt, aber das Sinnen steht im Gegensatz zu dem Sich-im-Handeln-Verlieren.

Denken und Handeln als solche sind wertfrei. Ich kann richtig oder irrig denken, ich kann lebensfördernd oder lebensstörend handeln.

Sinnen hat jedoch immer eine positive Bedeutung.

Und was dem Sinnen gegenübersteht, hat immer eine negative Bedeutung: sich im Handeln verlieren.

Wir sollten bedenken, wie eng Sinnoffenheit und Sinnfreudigkeit mit spielerischem Nachsinnen zusammenhängen. Wie wichtig ist es also Kindern die Sinnenfreudigkeit, die Sinnoffenheit nicht zu nehmen, sondern sie bewusst zu fördern.

Wie spielend werden sie dann Sinn finden.

Wir denken mit dem Kopf, wir sinnen mit dem Herzen.

Wir sinnen als ganze Menschen, daher auch mit dem Kopf.

Das ist kein Widerspruch. Herz im vollen Sinn bedeutet den ganzen Menschen, nicht nur den Kopf, aber auch nicht nur die Gefühle, sondern Denken, Fühlen, Wollen ‒ Leib, Seele, das ganze menschliche Wesen.

Wenn wir so vom Herzen sprechen, im traditionellen Sinn des Wortes, dann bedeutet Herz: unsere Mitte, unsere innerste Mitte, unsere paradoxe Mitte.

Paradox, weil im Herzen die Widersprüche am deutlichsten werden, aber zugleich überbrückt sind.

Augustinus ist bekannt durch zwei Sätze, die dieses Paradox des Herzens ganz deutlich aussprechen; sie scheinen in Widerspruch zueinander zu stehen.

Einerseits sagt er: In meinem innersten Herzen ist Gott mir näher als ich mir selbst bin, weil Gott das Selbst meines Selbst ist.

Aber derselbe Augustinus sagt andererseits, und dieses Wort ist noch besser bekannt: Ruhelos ist unser Herz bis es Ruhe findet in Dir, o Gott.

Nur in Gott, als dem Urquell von Sinn, findet unser rastloses Herz Ruhe.

Das Paradox des Menschenherzens drückt sich aus im scheinbaren Widerspruch zwischen diesen beiden Sätzen des großen Heiligen.

Daheimsein in Gott und immer auf der Suche sein nach Gott; in dieser Spannung erfahren wir Gott, erfahren wir das Leben, leben wir das Paradox.

Und im Paradox erfahren wir Sinn.

Paradox ist das, was der allgemein üblichen Meinung widerspricht. So widerspricht es der allgemein üblichen Meinung, dass Sinnen über Denken hinausgeht. Es ist aber so, weil Leben über Logik hinausgeht.

Leben widerspricht zwar nicht der Logik, geht aber weit über sie hinaus.

Lebenswahrheit geht über das nur Logisch-Richtige hinaus und Lebenswahrheit finden, heißt Sinn finden.[2]

Um unseren Zweck zu erreichen, ganz gleich was es sei, müssen wir die Situation beherrschen, die Sache in die Hand nehmen, die Dinge in den Griff bekommen. Wir müssen Kontrolle ausüben.

Gilt das auch für eine Situation, in der du tiefen Sinn erfährst? Du wirst feststellen, dass du Worte gebrauchst wie «berührt», «bewegt», ja selbst «fortgerissen werden» von dem Erlebnis.

Das hört sich nicht so an, als würdest du das Geschehen kontrollieren. Vielmehr hast du dich dem Erlebnis überantwortet, es hat dich fortgetragen, und nur so hast du in ihm Sinn gefunden. Wenn du die Kontrolle nicht übernimmst, wirst du Ziel und Zweck nicht erreichen; wenn du dich andererseits nicht hingibst, wirst du Sinn nie erfahren.

Es besteht eine Spannung zwischen diesem Kontrolle-Übernehmen und Sich-dem-Sinn-Hingeben. Diese Spannung zwischen Geben und Nehmen ist die Spannung zwischen Sinn und Zweck, zwischen Schau und Tat. Lassen wir diese Spannung zerreißen, dann polarisiert sich unser Leben. Eine kreative Spannung aber aufrechterhalten ist anstrengend. Es erfordert von uns eine Hingabe, die uns schwerfällt.

Warum schwer? Weil sie Mut erfordert. Solange wir die Kontrolle haben, fühlen wir uns sicher. Lassen wir uns aber hinreißen, dann ist nicht zu sagen, wohin das führen wird. Wir wissen nur, dass das Leben abenteuerlich wird. Zum Abenteuer aber gehört Wagnis.[3]

Wir tanzen nicht, um irgendwo anzukommen. Tanzen bezweckt nichts.

Es ist zweckfrei, aber sinnvoll.

Und doch zielen wir beim Tanzen auf etwas ab: Wir wollen der Musik den bestmöglichen Ausdruck verleihen und perfekt im Schritt sein, jetzt und jetzt und jetzt.

Beim Tanz dreht sich alles um die Gelegenheit, Augenblick für Augenblick im Schritt zu sein mit denen, die uns am nächsten stehen im Kreis, und durch sie mit allen Tänzern in eine Wechselwirkung zu treten.

Das Ziel ist, völlig eins zu werden mit Rhythmus und Harmonie des Tanzes.

Tanz aber ist hier Sinnbild für Wandel und den Gang des ganzen Universums.[4]

[Die Quellenangaben zum obigen Text in Anm. 1-4]

[Ergänzend:

1.1. Audio Wie wir sinnvoll leben können in der Advents- und Weihnachtszeit (2011):
(06:43) Sinn ist etwas ganz anderes als Zweck: Sinn ist das, worin wir Ruhe finden / (10:51) Sich berühren lassen im Jetzt in Arbeit und Spiel, hören, gehört werden, zugehören

1.2. Audio-Vortrag: Die Weisheit, die alle verbindet ‒ Wie die Religionen zusammenfinden können (2010), sowie: Mitschrift, 3:
(09:16) «Die tiefste Unruhe zielt nicht auf Zweck hin, sondern auf Sinn.»

1.3. Audio-Vortrag Das Leid des Lebens zu Herzen nehmen ‒ Goldegger Dialoge (1992)
Eröffnungsreferat:
(12:17) Das Herz, das ins Ganze Geborne (Rilke) – Schau auf das Ganze, rühme das Ganze (Augustinus) – Sinn, Zweck, Spiel

1.4. Audio Aufwachsen in Widersprüchen (1989)
Im Paradoxen Sinn erfahren:
(02:18) Sinn im Erlebnis von Daheimsein / (03:07) Sinn dem Zweck gegenüberstellen / (04:02) Nachsinnen im Unterschied zu Nachdenken ‒ Bedeutung von Sinnenfreudigkeit, Sinnoffenheit / (05:08) Im Herzen sind wir allein und zugleich all-eins / (07:55) Daheimsein in Gott und immer auf der Suche nach Gott (Augustinus) / (09:37) Sinnen geht über das Denken hinaus

1.5. Die Wiedergeburt christlicher Mystik (1988)
Vortrag:
(30:50) Unser Ringen um Sinn ‒ Spannung zwischen Sinn und Zweck: wir sind gefangen in Zweckhaftigkeit

2. SINN, in: Das ABC der Schlüsselworte, im Buch: Orientierung finden (2021), 164:

«Sinn und Zweck sind zwei Begriffe, die bei schlampigem Sprachgebrauch oft verwechselt werden. Solche Nachlässigkeiten im Reden drücken unklares Denken aus und führen zu verwirrtem Tun. Präziser Wortgebrauch ist daher für unsre Orientierung wichtig.

Zweck gehört zum Bereich der Arbeit, Sinn aber zum Bereich des Spiels.

Wir arbeiten, um einen Zweck zu erreichen. Das Spiel aber ist sinnvoll, ohne etwas bezwecken zu müssen. Es ist sich selbst Zweck genug, hat also Sinn. Sobald die Arbeit ihren Zweck erreicht, ist sie zu Ende. Das Spielen hingegen kann weitergehen, solange es uns Freude macht: Denn sinnvolles Tun ruht in sich selbst.

In einem ausgewogenen, erfüllten Leben gilt es, Zweck und Sinn im Gleichgewicht zu halten. Diese Ausgewogenheit erreichen wir nicht einfach durch abwechselndes Arbeiten und Spielen, sondern erst dadurch, dass wir nur sinnvolle Arbeit tun ‒ Arbeit also, die es wert ist, um ihrer selbst willen getan zu werden. Sonst kann es geschehen, dass wir die höchste Sprosse unsrer zweckgerichteten Arbeitsleiter erklimmen und uns plötzlich fragen müssen: ‹Was ist eigentlich der Sinn all meiner Bemühungen›?

Wenn wir nach dem hier Gesagten nun nach dem Sinn des Lebens fragen, so ergibt sich die überraschende Antwort, dass es Spiel sein muss ‒ ‹Lila› nennt es der Hinduismus ‒ der große Tanz.»

3. Der Mönch in uns (1978) [derselbe Text, aus dem Amerikanischen übersetzt von Bernardin Schellenberger, in: Auf dem Weg der Stille (2016): Kapitel 3 «Der Mystiker in uns», 43-63]:

Im Kind gibt es eine Sehnsucht nach Sinnfindung, «eine Offenheit für den Sinn, die durch unsere Zweckorientierung droht verlorenzugehen oder überschattet zu werden.

Ich sollte wohl gleich zu Anfang feststellen, dass ich dabei nicht versuche, ‹Zweck› gegen ‹Sinn› oder ‹Sinn› gegen ‹Zweck› auszuspielen.

Aber in unserer Zeit und in unserer Kultur sind wir derart vom ‹Zweck› in Anspruch genommen, dass man tatsächlich dazu gezwungen wird, die Bedeutung der Dimension des ‹Sinns› überzubetonen; sonst bekommt das Schiff Schlagseite.

Wenn Sie also meinen, dass der Sinn hier außergewöhnlich stark betont wird, so geschieht das nur, um einen Ausgleich zu schaffen.» (44f.)

4. Vor 50 Jahren (1972), eröffnete Bruder David die Salzburger Hochschulwochen mit dem Vortrag Jesus als Wort Gottes, abgedruckt in: Die Frage nach Jesus (1973), 9-67:

«Was den Menschen wirklich glücklich macht, ist nur eines: Sinn. Was immer wir aber sinnvoll nennen in diesem oder jenem Zusammenhang ist nur deshalb für uns sinnvoll, weil wir es letztlich in einem tiefsten Sinnbereich verankert wissen. Diese tiefste Sinngebundenheit der menschlichen Existenz aber ist Religion, ob wir es ausdrücklich so nennen oder nicht.

Wenn wir im folgenden vom religiösen Streben des Menschen sprechen, so soll darunter zunächst ganz allgemein die Suche nach dem Sinngrund menschlicher Existenz verstanden sein, unser Hunger nach letztem Sinn, wie wir ihn erleben in unserem unbestreitbaren Hunger nach Glück.

Nur müssen wir jetzt klar zwischen Sinn und Zweck unterscheiden. Ein Grund, warum wir so oft fehlgehen (nicht nur in unseren Erwägungen, sondern auch in unserem Leben), ist ja der, dass wir Sinn und Zweck so leicht verwechseln. Oft drückt sich das in unserer Alltagssprache aus: Wir sagen Sinn, wo wir eigentlich Zweck meinen; diese Ungenauigkeit der Ausdrucksweise drückt ja nur eine Ungenauigkeit des Denkens aus.

Es würde auch nicht sehr viel helfen, wenn ich nun versuchen wollte, irgendwelche Definitionen von Sinn und Zweck zu geben. Diese Frage ist so zentral, dass wir versuchen müssen, Sinn und Zweck in einer ganz persönlichen Weise zu verstehen.

Und so muss ich Sie einladen, selber darüber nachzudenken oder ‒ noch besser ‒ dem nachzufühlen, wie Sie sich in einer Situation verhalten, die ausdrücklich zweckgerichtet ist, und wie Sie sich innerlich zu einer Situation stellen, die ausdrücklich sinnbezogen ist.» (10f.)]

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[1] Sterben lernen (2005)

[2] Im Paradoxen Sinn erfahren im Buch Aufwachsen in Widersprüchen (1990), 59-61, anlässlich der 38. Internationalen Werktagung Aufwachsen in Widersprüchen (1989); siehe auch Ergänzend 1.4.

[3] Dankbarkeit: Das Herz allen Betens (2018) [bzw. Fülle und Nichts (2015), 63f.]: «Kontemplation und Muße», 65; siehe auch ST 77f. unter dem Titel «Kontrolle»

[4] Orientierung finden (2021), 12

 

Quellenangaben

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