Text und Audio von Br. David Steindl-Rast OSB

stille titelCopyright © - Thorsten Scheu

Wir Menschen werden keinen Frieden finden, solange wir in unserem Leben keinen Sinn finden können. Sinn ist das, worin unser Herz Ruhe findet. Sinn wird gefunden, nicht durch harte Arbeit erworben. Er wird einem immer als reines Geschenk zuteil. Und dennoch müssen wir unserem Leben Sinn geben. Wie ist das möglich? Durch Dankbarkeit. Dankbarkeit ist die innere Haltung, durch die wir unserem Leben Sinn geben, indem wir das Leben als Geschenk empfangen. Was jeden gegebenen Augenblick sinnvoll macht, ist, dass er gegeben ist. Dankbarkeit erkennt diesen Sinn, anerkennt und feiert ihn.[1]

Das mönchische Bestreben wird oft missverstanden als eine Bemühung, überfromm und heiliger zu sein als andere. In Wirklichkeit ist das Grundprinzip des Mönchstums die Bemühung, einfach im Jetzt leben.

Das Kloster ist ein Ort, wo es einem leicht gemacht wird, im Hier und Jetzt zu sein. Alles ist darauf hin angeordnet. Dem natürlichen Rhythmus der Stunden des Tages zu folgen, ist dabei eine große Hilfe. Mönche wissen immer, was sie zu einer bestimmten Zeit zu tun haben. Im Augenblick, in dem die Glocke läutet, lassen sie fallen, was sie in Händen haben, und tun das, wozu es jetzt Zeit ist. Sie wenden sich der neuen Aufgabe bereitwillig und offen zu, weil diese Stunde wie ein Engel ist, der sie ruft und herausfordert zur Antwort, die diesem Augenblick entspricht.

Das zu tun, ist im Kloster leichter als anderswo. Die Haltung, die dahinter steht, können wir aber in jeder Lebenslage zu verwirklichen versuchen. In dem Maß, in dem uns das gelingt, werden wir glücklich.

Der Dichter Rainer Maria Rilke reiste um die Jahrhundertwende in Russland umher und war sehr vom mönchischen Leben beeindruckt, das er dort vorfand. Wie viele, die selbst weder die Neigung haben noch die Berufung verspüren, Mönch zu werden, berührte der Archetyp des Mönchs den jungen, 25jährigen Mann dennoch zutiefst. Er schrieb eine Reihe von Gedichten unter dem Titel «Das Stunden-Buch», und nannte es wie das Buch, aus dem die Mönche in den Gebetsstunden singen.

Im allerersten Gedicht dieser Sammlung beschreibt er, wie die von der Klosterglocke angekündigte Stunde sich neigt und den Dichter berührt, der ausruft: «Mir zittern die Sinne.»[2]

Unsere Sinne mögen wohl zittern, wenn wir uns öffnen und zulassen, dass eine Stunde, eine Zeit, die für uns reif ist, uns wirklich berührt.

Die Glocke erweckt uns zum Jetzt und fordert uns auf, das zu tun, wofür es Zeit ist, weil es jeden Moment Zeit ist, etwas zu tun, auch wenn es bloß Zeit zum Schlafen ist.

Ein altes Motto lautet: «Age quod agis»«Tue, was du tust.»

Freiheit liegt darin, das, was du tust, wirklich zu tun. Gehorsam ist keine Einschränkung, es ist ein liebevolles Zuhören und eine Antwortbereitschaft.

Die liebevolle Antwort auf die Aufforderung eines jeden Augenblicks befreit uns aus der Tretmühle der Uhrzeit und öffnet eine Tür ins Jetzt.

Der Gesang lehrt uns noch etwas anderes über das Leben in der Gegenwart. Von einem pragmatischen Gesichtspunkt aus ist er eine nutzlose Aktivität, er vollbringt nichts.

Wir sind derart auf das Nützliche ausgerichtet, dass wir das Sinnvolle vergessen, das unserem Leben Freude, Tiefe und Wert verleiht.

Musikhören oder Singen heißt etwas tun, was keinem praktischen Zweck dient. Es ist nur Feiern und Lobpreisen, es heißt nur, die Freude und Schönheit des Lebens, die Herrlichkeit Gottes zu kosten.

Musik sogar mitten in einem ganz zielgerichteten Tag anzuhören, erinnert uns daran, unserer Erfahrung eine andere Dimension hinzuzufügen, die Dimension des Sinnes, die das Ganze der Mühe wert macht.

Sich auf die Gesänge einzulassen, kann eine Art nüchterner Ekstase auslösen. Ekstase heißt wörtlich außerhalb von sich stehen.

Wenn wir singen oder Gesängen zuhören, haben wir Zugang zu jener Dimension, die außerhalb der Zeit ist: dem Jetzt.

Paradoxerweise brechen wir aus der Uhrzeit genau dann aus, wenn wir ganz im Augenblick sind.

Der Augenblick und die Ekstase gehören zusammen: Wenn wir wirklich hier, jetzt, in diesem Augenblick sind, dann sind wir ganz spontan auch ekstatisch.

T. S. Eliot spricht von «Musik, so innig gehört, dass sie nicht gehört wird, weil man selbst die Musik ist, solange sie forttönt.»[3]

Und in dieser Erfahrung sieht er einen Aspekt vom «Augenblick in und außer der Zeit».[4]

Wenn wir lernen, die beiden miteinander zu verbinden und in und außer der Zeit zu leben, dann lassen wir aus der Polarität zwischen Zeit und Jetzt, zwischen Augenblick und Ekstase eine schöpferische Spannung entstehen.

Dank dieser inneren Einstellung können wir ein volles und schöpferisches Leben leben.[5]

Muße ist ein oft missverstandener Begriff. Verwechseln wir nicht allzuoft Muße mit Müßiggang? Muße ist aber keineswegs Untätigkeit. Wie könnten wir sonst mit Muße arbeiten? Und wir wissen doch, dass die beste Arbeit in Muße geleistet wird. Diese echte Muße ist aber die Ausgewogenheit zwischen Arbeit und Spiel.

Heute gibt es mehr und mehr Freizeit und weniger und weniger Feierabend und Muße. Aber warum fällt es uns so schwer, uns der Muße und Feier hinzugeben?

Hier liegt der springende Punkt. Wir wagen es einfach nicht, uns ergreifen zu lassen.

Aber Feier ist ergreifend; und so flüchten wir vor dem Feierabend in ununterbrochene Geschäftigkeit. Wir wagen es nicht, uns ansprechen zu lassen.

Aber alles, was wir mit Muße tun, wird ansprechend; und so flüchten wir uns in Geschäftigkeit ohne Muße, in Zweckgerichtetheit, die sich dem Sinn verschließt.

Ist es nicht offensichtlich, wie unmittelbar hier unser tägliches Erleben an das große Thema von Wort und Sinn rührt?

Es scheint zunächst, als ob dieses öffnen für den Sinn, der uns in jedem Ding, in jeder Begegnung und in jedem Ereignis anspricht, das Alleransprechendste sein sollte, das Allerschönste, das Allererfreulichste.

Warum fällt es uns dann so schwer, uns packen zu lassen? Warum wollen wir immer ständig alles selber anpacken? Warum wollen wir alles begreifen, anstatt uns auch zugleich ergreifen zu lassen?

Die Antwort liegt darin, dass Feier immer Wagnis ist, und wir sind einfach zu feig.

Solange wir die Angelegenheit in der Hand behalten, solange wir begreifen, kann uns nicht viel geschehen. Das einzige, das uns dabei nicht so angenehm ist, ist die Tatsache, dass es sehr bald schrecklich langweilig wird; denn in einer Welt, wo alles unter Kontrolle steht, schleicht sich die Langeweile sehr bald ein. Man weiß ja schon, was kommt. ‒ Wir beginnen darum, ein bisschen unseren Griff zu lockern! Wir beginnen, der Welt zu erlauben, uns zu berühren, uns anzusprechen, uns etwa gar zu packen. Und da beginnt das Abenteuer. Es wird ungemein interessant; sofort aber wird es auch gefährlich. Was wäre denn Abenteuer ohne Gefahr? Im Augenblick aber, wo wir der Gefahr dieser Feierhaltung gewahr werden, versperren wir uns wieder und nehmen wieder alles fest in die Hand.

Unser ganzes geistliches Leben als Suche nach Sinn, als Suche nach Glück hängt daran, wieweit wir fähig sind, uns ergreifen zu lassen, während wir zu begreifen suchen.

Die Sicherheit, die wir uns oft vortäuschen, wenn wir alles fest in der Hand halten, ist ja eigentlich keine Sicherheit, sondern eine Scheinsicherheit. Es ist die Sicherheit dessen, der sich vor dem Ertrinken sicher meint, weil er nie dem Wasser nahe kommt. Aber es kann ja geschehen, dass das Wasser ihm nahe kommt. Wer schwimmen lernt, lebt viel sicherer, nur bedeutet das, dass man sich zunächst einmal dem Wasser aussetzen muss und das ist die Sicherheit, die wir eigentlich anstreben, wenn wir nach Glück suchen: die Sicherheit des Schwimmers, in der Abenteuer und Kontrolle in eins verschmelzen.

Das Wagnis der Feier liegt darin, dass wir uns dem, was uns ergreift, aussetzen; dass wir uns dem Worte stellen, dem Worte im weitesten Sinn, der Welt als Wort, das an uns persönlich jetzt und hier gerichtet ist; dass wir uns jeder geschichtlichen Situation, jeder menschlichen Begegnung als einem Wort steilen, uns öffnen für den Sinn des Lebens, der über allen Zweck hinausgeht.[6]

[Die Quellenangaben zum obigen Text in Anm. 1 und 5f.]

[Ergänzend:

1. Gesprächsreihe mit Pater Johannes Pausch (2011)
Audio «Spiritualität und Ökologie»: Pater Johannes und Bruder David im Dialog:
(45:47) Feste feiern: tanzen, singen, spielen, essen und unsere Widerstände: Das Gleichnis vom Festmahl (Lk 14,15-24) ‒ Sabbat: Feierabend und die Eucharistie

2. Im Buch Orientierung finden (2021), 98f.; siehe auch: Impulskontrolle finden (2022):

«Auch wir werden also Zeiten stillen Ausruhens in unsren Alltag einbauen wollen ‒ wenn auch noch so kurze Zeiten, in denen wir alle unsre Bildschirme ausschalten. Vielleicht gelingt es uns, wenigstens am Ende unsres Werktags einen klaren Schlussstrich zu ziehen nach all dem eilenden Treiben, um Dingen von bleibendem Wert den Abend zu weihen.

Mir selber ist dies äußerst wichtig geworden. Als Autor hatte ich die Gewohnheit, wenn ich zu müde wurde, mit ‹Hier morgen weitermachen› im Text anzumerken, wie weit ich gekommen war.

Dann kam mir eines Tages der Einfall, stattdessen das Datum hinzuschreiben und das Wort ‹Feierabend›.

Es erstaunt mich noch heute, welche Freude mir immer wieder dieses wunderschöne Wort ‹Feierabend› schenkt.

Schon wenn ich es niederschreibe, beginne ich, den Abend jetzt wirklich mit Muße zu feiern.»

3. Im Buch Credo: Ein Glaube, der alle verbindet (2012), 233-235:

«Hier beim Parlament der Weltreligionen[7] zeigte sich mir aber etwas Wichtiges: Spiritualität ist nicht nur ein Suchen nach Sinn, sie ist ebenso Feier von Sinn. Jeder dieser wundervollen Tage in Chicago brachte neue Feiern und Festlichkeiten, in denen die Schönheit einer Tradition nach der anderen zum Leuchten kam. Das Bild eines prachtvollen Reigentanzes[8] drängte sich mir dabei auf und ich entschied mich, es in meiner Ansprache zu verwenden.»

4. Vor 50 Jahren (1972) eröffnete Bruder David die Salzburger Hochschulwochen mit dem Vortrag Jesus als Wort Gottes, abgedruckt in: Die Frage nach Jesus (1973), 9-67:

«Wenn Sie jetzt an eine Situation denken, in der Ihnen plötzlich der Sinn von etwas einleuchtet, vielleicht zum ersten Mal ‒ wo kommt da das Begreifen herein? Packen wir dann wirklich etwas an, oder packt es uns?

Bernhard von Clairvaux sagt so schön:

‹Begriffe machen wissend; Ergriffenheit macht weise.›

Es handelt sich um Ergriffenheit, wenn wir uns dem Sinn einer Situation, eines Wortes, einer persönlichen Begegnung stellen.

Wir sagen auch: es rührt mich an, es bewegt mich, es packt mich, ich bin ergriffen.

Die Frage, wie man es anpacken soll, wird hier gar nicht aktuell. Man kann das ganz leicht an irgendeinem kleinen Beispiel illustrieren, etwa an dem Beispiel einer Kerze.

Es gibt so viele Kerzen in den Schaufenstern, dass man sich schon wundert, ob es überhaupt noch elektrisches Licht gibt. Und dabei müssen wir das elektrische Licht abschalten, um die Kerzen überhaupt würdigen zu können; also sind sie nicht so besonders zweckdienlich.

Warum sind sie dann so gesucht und beliebt?

Weil sie sinnvoll sind; weil uns das Kerzenlicht anrührt.

Ja, wenn man eine Kerze machen will, dann muss man wissen, wie man es anpackt. Wenn man aber den Sinn einer Kerze erfahren will, muss man nur einfach hinschauen; man muss die Kerze etwas tun lassen; man muss es der Kerze erlauben, dass sie einen ergreift und ich glaube, dass wir uns so sehr an Kerzen freuen, weil sie so überflüssig sind.

Es gibt schon zuviel Nützliches, zuviel Zweckgerichtetes.

Was uns wirklich etwas bedeutet, ist oft das Überflüssigste.

Ist Tanzen zweckdienlich oder Dichten oder die Musik dieser schönen Stadt, die noch nachschwingt in den steinernen Überflüssen von Torbögen und Balustraden?

Ist nicht der Zweck aller Arbeit letztlich das, was über allen Zweck hinausgeht, der Überfluss von Spiel und Feier?»]

________________

[1] Schlüsselwort SINN, in: Dankbarkeit: Das Herz allen Betens (2018), 183 [bzw. Fülle und Nichts (2015), 184]

[2] Da neigt sich die Stunde und rührt mich an
mit klarem, metallenem Schlag:
mir zittern die Sinne. Ich fühle: ich kann -
und ich fasse den plastischen Tag.

Nichts war noch vollendet, eh ich es erschaut,
ein jedes Werden stand still.
Meine Blicke sind reif, und wie eine Braut
kommt jedem das Ding, das er will.

Nichts ist mir zu klein, und ich lieb es trotzdem
und mal es auf Goldgrund und groß
und halte es hoch, und ich weiß nicht wem
löst es die Seele los...

Mit diesem Gedicht eröffnet Rilke Das Stunden-Buch.

[3] T. S. Eliot: Four Quartets: The Dry Salvages, V, in: Stillhalten

[4] Ebd.

[5] Musik der Stille (2015), 29-32

[6] Vortrag Jesus als Wort Gottes (1972), abgedruckt in: Die Frage nach Jesus (1973), 13f.

[7] «Mehr als acht tausend Menschen hatten sich in Chicago zusammengefunden, um an dem Parlament der Weltreligionen im August 1993 teilzunehmen. Von der ganzen Welt kamen sie als Abgeordnete einer großen Vielfalt religiöser Traditionen. [Credo: Ein Glaube, der alle verbindet (2012), 232]

[8] «Das ist es, was die griechischen Kirchenväter den großen Reigentanz der Dreifaltigkeit nannten. Vielleicht ist dieses Bild des Tanzes das Sinnbild, das auf unsere Frage nach dem letzten Sinn antwortet, wenn alle anderen Antworten versagen. Alles, was es gibt, ist aufgenommen in diesen Tanz, der sich spielerisch in immer neuen Formen entfaltet. Tanz ist Fülle des Lebens, Feier, in der des Lebens Sinn zu sich selbst kommt: Ringelreihen, Hochzeitstanz, Totentanz, Reigen der Seligen im Paradies, großer Rundtanz des Lebens. Und der Logos war schon für die frühen Kirchenväter Vortänzer, Anführer im großen Tanz..» [Vortrag Jesus als Wort Gottes, in: Die Frage nach Jesus (1973), 66]

 

Quellenangaben

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