Text und Audios von Br. David Steindl-Rast OSB

loslassen titelCopyright © - Barbara Krähmer

Wie können wir über innere Erfahrung von innen her sprechen? Die Antwort lautet: durch Dichtung. Wie die Sufis ‒ Professor Nasr nannte sie «Leute, die durch Andeutung reden»[1] ‒, so müssen wir uns in den Bereich vorwagen, von dem Rilke sagt: Das ist der Bereich der Dichtung.

Die Dichtung verdichtet unser Erlebnis und zerredet es nicht.

Darum möchte ich mit Ihnen ein paar Gedichte lesen. Die meisten sind von Rilke. Oft sind es nur Stellen aus Gedichten, aus Gedichten, die Ihnen wahrscheinlich gut bekannt sind, die Sie vielleicht sogar auswendig können. Anhand dieser Gedichte können wir vielleicht etwas aussprechen, was die Sache nicht zerredet, sondern verdichtet.

Gedichte lassen unser Erleben zu Wort kommen.

Sie brechen das Schweigen nicht, sondern das Schweigen kommt zu Wort im Gedicht.

So möchte ich beginnen mit ein paar Zeilen aus Rilkes Stundenbuch.

Rilke ist Mystiker, obwohl er meistens nicht so verstanden wird, und er sagt:

«Du Dunkelheit, aus der ich stamme,
ich liebe dich mehr als die Flamme,
welche die Welt begrenzt,
indem sie glänzt
für irgend einen Kreis,
aus dem heraus kein Wesen von ihr weiß.

Aber die Dunkelheit hält alles an sich:
Gestalten und Flammen, Tiere und mich,
wie sie's errafft,
Menschen und Mächte ‒
Und es kann sein: eine große Kraft
rührt sich in meiner Nachbarschaft.

Ich glaube an Nächte.»

So spricht der Mystiker. Nicht, dass wir Schweigen und Wort, Versenkung und Erhebung, Dunkel und Licht trennen könnten.

Aber wir müssen in der Dunkelheit verwurzelt sein.

Wir müssen in der Tiefe verwurzelt sein.

So sagt Rilke auch:

«Ich liebe meines Wesens Dunkelstunden,
in welchen meine Sinne sich vertiefen;
in ihnen hab ich, wie in alten Briefen,
mein täglich Leben schon gelebt gefunden
und wie Legende weit und überwunden.

Aus ihnen kommt mir Wissen, dass ich Raum
zu einem zweiten zeitlos breiten Leben habe.
Und manchmal bin ich wie der Baum,
der, reif und rauschend, über einem Grabe
den Traum erfüllt, den der vergangne Knabe
(um den sich seine warmen Wurzeln drängen)
verlor in Traurigkeiten und Gesängen.
[2]

Die Weite, der Raum, die Leere ‒ diese Wirklichkeit erleben wir in unseren Dunkelstunden, die keineswegs verdunkelt sind, sondern die ein Leuchten hervorrufen, das unser ganzes Leben erhellt.

In unseren Dunkelstunden erfahren wir, dass wir ein zweites, zeitlos breites Leben haben. Aus diesen Stunden erwächst unsere Gotterfahrung. Ich verwende das Wort Gott hier zögernd.

Allzuoft ruft man damit Missverständnisse hervor. Ich möchte es aber erwähnen, damit alle jene, die sich mit dem Wort Gott wohlfühlen, wissen, worum es hier geht. Wir sprechen aber über ein Erlebnis, das auch all denen zugänglich ist, die sich mit dem Wort Gott nicht wohlfühlen. In unseren Dunkelstunden erleben wir das, was jene, die das Wort Gott richtig verwenden, Gott nennen. Unsere Dunkelstunden sind Stunden unserer eigenen mystischen Erfahrung

Ich wende mich hier jetzt an Ihre Erfahrung, an Ihre mystische Erfahrung, und niemand darf sagen, ich bin ja kein Mystiker.

Mystik heißt Erfahrung unserer letztlichen Zugehörigkeit.

Wer aber hat letzte Zugehörigkeit noch nie erfahren?

In Dunkelstunden, in wahren Herzstunden erleben wir diese tiefste Zugehörigkeit.

Und Gott, wenn das Wort richtig verwendet wird, ist der Bezugspunkt, der äußerste Bezugspunkt für unsere Zugehörigkeit.

Selbstverständlich ist das nur der kleinste gemeinsame Nenner. Von hier aus können wir den Gottraum erforschen, so wie man den Weltenraum erforscht. Ja, wir können in vielen verschiedenen Richtungen, von vielen verschiedenen Seiten her alle denselben Raum erforschen. Wir können auch Karten anfertigen aufgrund dieser Gottraum-Erforschungen. Karten sind nicht notwendigerweise ein Hindernis, im Gegenteil, sie sollen uns Hilfe sein auf unserer Gottraumfahrt. Wir dürfen nur die Karte nicht mit dem Abenteuer selbst verwechseln, und diese Gefahr besteht immer.

Darum sagt Rilke:

«Mein Gott ist dunkel und wie ein Gewebe
von hundert Wurzeln, welche schweigsam trinken.
Nur, dass ich mich aus seiner Wärme hebe,
mehr weiß ich nicht, weil alle meine Zweige
tief unten ruhn und nur im Winde winken.»
[3]

Das ist der Gott, den wir alle gemeinsam haben, von dem wir nicht mehr wissen, als dass tausend Wurzeln aus ihm trinken, aus ihr trinken und dass wir uns aus dieser Wärme heben.

Und damit sind wir schon bei der Arbeit, bei der Verbindung von Arbeit und Schweigen.

Denn die Tiefe, das Schweigen, das Mysterium, der Mythos, das Dunkel muss sich aussprechen in Wort, Logos, Erhebung, Licht, Auge.

Die beiden Bereiche gehören zusammen. Sie zusammenzubringen, das ist unsere eigentliche Arbeit.

Jede andere Arbeit ist unbedeutend, oberflächlich, aber hier ist unsere wahre Arbeit. In der biblischen Sprache heißt sie Schöpfung.

Rilke spricht davon, wenn er zu Gott betet:

«Du hast dich so unendlich groß begonnen
an jenem Tage, da du uns begannst, ‒
und wir sind so gereift in deinen Sonnen,
so breit geworden und so tief gepflanzt,
dass du in Menschen, Engeln und Madonnen
dich ruhend jetzt vollenden kannst.»
[4]

[Arbeit und Schweigen ‒ Handeln und Kontemplation (1989), 290-292, 294]

«Was kann uns trösten?» ‒ in der Dunkelheit der Nacht, im Winter. Was tröstet uns?

Meine Antwort, das können Sie wahrscheinlich schon voraussehen, wenn Sie meine Bücher kennen, ist:

«Was uns tröstet, das ist die Dankbarkeit.»

Dankbarkeit ist immer die große Antwort, der große Trost.

Eichendorff betitelte eines seiner Gedichte «Dank».

Es ist ein Lebensabendgedicht. Er schreibt:

«Mein Gott, dir sag ich Dank,
Dass du die Jugend mir bis über alle Wipfel
In Morgenrot getaucht und Klang...
Und auf des Lebens Gipfel,
Bevor der Tag geendet,
Vom Herzen unbewacht
Den falschen Glanz gewendet,
Dass ich nicht taumle ruhmgeblendet,
Da nun herein die Nacht
Dunkelt in ernster Pracht.»

Die Dunkelheit der Nacht versöhnt.

Schon die Musik dieses Gedichtes ist unglaublich schön.

‹Da nun herein die Nacht dunkelt in ernster Pracht.›

In dem Rilke-Gedicht, das ich zu Anfang zum Morgen gelesen habe, heißt es:

«Nah ist das Land, das sie das Leben nennen. Du wirst es erkennen an seinem Ernste.»[5]

Hier wird es erkannt: Dunkel und ernst kommt die Nacht, sie dunkelt in ernster Pracht.

Ich verstehe das Wort Dunkelheit in bewusstem Kontrast zu ‹Finsternis›.

Die Finsternis droht, die Dunkelheit aber versöhnt.

Die Finsternis ist etwas Bedrohliches, nicht aber die Dunkelheit.

Rilke im Stunden-Buch:

«Du Dunkelheit aus der ich stamme …

Aber die Dunkelheit hält alles an sich …

Ich glaube an Nächte.»

Wenn wir uns auf diese große Nacht verlassen, die alles an sich hält, wenn wir vertrauend uns auf diese Nacht einlassen, dann finden wir darin Trost. Sehr tiefen Trost.

Aber zur Dunkelheit gehört beides: im Jetzt sein … alles umfassend … und still sein. Niemanden ausgrenzen und ganz still werden.

[Und ich mag mich nicht bewahren (2012), 33-36, Und ich mag mich nicht bewahren (Audio-CD) (2012) und Audio-Vortrag: Fragen, die uns bewegen[6] (2005)]

[Ergänzend:

1. Texte:

1.1. Impulskontrolle finden (2022), zugleich Auszug aus: Orientierung finden (2021), 96-99:

«‹Ich sprach zu meiner Seele, sei still und warte›, sagt T. S. Eliot. Aber er weiß auch, dass Stille beängstigend werden kann, weil sie uns des Lärms beraubt, mit dem wir uns gern ablenken von der Dunkelheit, die in uns aufsteigt, wenn wir still werden. Fürchte dich nicht, sagt daher der Dichter, du kannst der inneren Stille und Dunkelheit vertrauen. Und er schließt mit den tröstlichen Worten: ‹Die Dunkelheit wird das Licht sein und die Stille das Tanzen.›»

1.2. TRANSKRIPTION DES SEMINARS (2014) TEIL I, 10, 14-22, sowie: Beilage 3: Die den Kurs begleitenden Gedichte, 2: Du Dunkelheit, aus der ich stamme

2. Audios:

2.1. Lebendige Spiritualität (2015):
Schweigen:
(52:10) Ich liebe meines Wesens Dunkelstunden – Du Dunkelheit, aus der ich stamme – Gott spricht zu jedem, eh er ihn schafft (Das Stunden-Buch)

2.2. Vertrauen in das Leben (2014):
Vortrag in folgende Themen zusammengefasst:
(27:09) Hineinhorchen in Du Dunkelheit, aus der ich stamme (Rilke)

2.3. Das Leid des Lebens zu Herzen nehmen – Goldegger Dialoge (18.-20.06.1992):
Drittes Seminar mit Bruder David im Pfarrsaal bei der Georgskirche Goldegg:
(15:19) Das Leben führt uns immer wieder in Krisen:

«Man kann das vielleicht auch so sehen, dass zu einer Krise immer drei Phasen gehören, drei Elemente und das erste ist das Erlebnis: So geht es nicht weiter!

Diese Phase drückt sich meistens auch in Dunkelheit aus, ‹des Lebens Dunkelstunden›, wie Rilke das nennt.»]

___________________

[1] Seyyed Hossein Nasr: «Mystik und Rationalität im Islam», in: Geist und Natur (1989), 232

[2] «Ich liebe meines Wesens Dunkelstunden» (Rilke, Das Stunden-Buch)

[3] «Ich habe viele Brüder in Sutanen» (Rilke, Das Stunden-Buch)

[4] «Ich liebe dich, du sanftestes Gesetz» (Rilke, Das Stunden-Buch)

[5] «Gott spricht zu jedem nur, eh er ihn macht,
dann geht er schweigend mit ihm aus der Nacht.
Aber die Worte, eh jeder beginnt,
diese wolkigen Worte, sind:

Von deinen Sinnen hinausgesandt
geh bis an deiner Sehnsucht Rand;
gieb mir Gewand.
Hinter den Dingen wachse als Brand,
dass ihre Schatten, ausgespannt,
immer mich ganz bedecken.

Lass dir Alles geschehn: Schönheit und Schrecken.
Man muss nur gehn: Kein Gefühl ist das fernste.
Lass dich von mir nicht trennen.
Nah ist das Land,
das sie das Leben nennen.

   Du wirst es erkennen
an seinem Ernste.

Gieb mir die Hand.
»

(Rilke, Das Stunden-Buch)

[6] Fragen, die uns bewegen (2005):
(33:17) In der Lebensneige, in der Dunkelheit der Nacht, im Winter: Was tröstet uns?
Mein Gott, dir sag ich Dank (Eichendorff, Dank) ‒ Du Dunkelheit, aus der ich stamme ‒ Wenn es nur einmal so ganz stille wäre
(Rilke, Das Stundenbuch)]



Quellenangaben

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