Text und Film von Br. David Steindl-Rast OSB

loslassen titelCopyright © - Barbara Krähmer

Der in der christlichen Tradition übliche Begriff der «Kontemplation» ist vom lateinischen Wort contemplari für «beschauen» abgeleitet. Die Wirklichkeit, die ursprünglich für diese Bezeichnung stand, war die der römischen Auguren, die am Himmel einen bestimmten Bereich in Augenschein nahmen, den sie templum nannten.

So war templum also ursprünglich kein Gebäude auf dem Boden, sondern ein Bereich am Himmel, auf den die Auguren, die professionellen Seher, ihre Augen richteten, um die unwandelbare Ordnung herauszufinden, gemäß derer die Dinge hier auf der Erde geregelt gehörten.

Die heilige Ordnung des irdischen Tempels ist lediglich das Spiegelbild der heiligen Ordnung oben.

Kontemplation besteht darin, diese beiden Tempel in Einklang zu bringen, wie die Vorsilbe con in contemplari andeutet.[1]

Ganz ähnlich wie diese römische Vorstellung ist auch die biblische: Mose baute auf der Erde das Heiligtum genau nach dem Vorbild der Himmelsschau, die Gott ihm auf dem Berg gewährt hatte. In der Bibel wird immer wieder betont, dass der Tempel auf Erden ganz getreu seinem himmlischen Vorbild entsprechen müsse. In diesem Sinn erfüllte Mose wahrhaftig die Rolle des Kontemplativen. Das war kein Zufall: Was er versuchte und was die Auguren versuchten, entsprang der gleichen Wurzel.

Die kontemplative Einstellung findet sich also tief in unserem Herzen und in unserer Sehnsucht nach universaler Harmonie verwurzelt.

Durch alle Zeitalter hindurch haben die Menschen sehnsüchtig zur Harmonie und Ordnung des sternenreichen Universums aufgeblickt und ihren Herzschlag auf dessen gemessene Bewegung eingestimmt.

An den lateinischen Begriff templum für einen klar umrissenen Beobachtungskreis erinnern nicht nur etliche damit verwandte Begriffe wie Temperatur, Temperament oder temporär, sondern natürlich auch Tempel und Kontemplation.

Seine Gangart auf einen universalen Rhythmus einzustimmen und so sein Leben in Harmonie mit einer universalen Ordnung zu bringen: das ist in unserer Tradition Kontemplation.

Der heilige Augustinus bringt diese Dynamik der Ordnung damit zum Ausdruck, dass er sagt: «Ordo est amoris», was bedeutet, dass die Ordnung einfach der Ausdruck der Liebe ist, die das Universum bewegt.

Auch Dante sagt das in der wunderschönen Zeile in seinem Paradiso, wenn er von «l'amor che muove il sole e l‘altre stelle» spricht, frei übersetzt: «der Liebe, die die Sonne und alle andern Gestirne bewegt.»

Doch Tatsache ist, dass sich zwar das ganze übrige Universum frei und anmutig in kosmischer Harmonie bewegt, aber wir Menschen nicht. Uns kostet es große Mühe, uns auf die dynamische Ordnung der Liebe einzustimmen.

Ab einem gewissen Punkt kostet es uns sogar die allergrößte Mühe, uns paradoxerweise überhaupt keine Mühe zu geben.

Das größte Hindernis, das wir überwinden müssen, ist die Anhänglichkeit, und sogar die Anhänglichkeit an unser eigenes Bemühen.

Bei der Askese handelt es sich um das professionelle Trachten danach, die Anhänglichkeit in allen ihren Formen zu überwinden.

Unser Bild vom Tanz sollte uns das verstehen helfen.

Die Loslösung, also einfach deren Gegenteil, lässt unsere Bewegungen frei und geschickt werden.

Die positiven Aspekte der Askese sind Aufgewecktheit, Wachsamkeit, Lebendigkeit. Wenn wir uns frei bewegen können, fangen wir an, die Tanzschritte zu lernen. Dann hören wir auf die Musik, stimmen uns auf sie ein und bewegen uns nach ihr.

Askese (in ihrem negativen Aspekt) ließe sich dann als Einübung der Entsagung verstehen, um in Einklang mit der universalen Harmonie zu kommen (also das positive Ziel zu erreichen).

Wenn diese Harmonie aber wirklich allumfassend sein soll, muss sie die gesamte Wirklichkeit umfassen. Weil nun aber die Kontemplation darauf abzielt, «die beiden Tempel zusammenzubringen», muss die gesamte Wirklichkeit für ihre innerste lichtvolle Struktur transparent werden, und die höchste Ordnung muss ihren Ausdruck in Raum und Zeit finden.[2]

Die verschiedenen Traditionen haben eine große Vielfalt von Formen dafür entwickelt, sein Leben klar zu ordnen, und zwar im Sinn dieser Ordnung. Besonders hervorstechend aus ihnen allen ist das, was wir als «Umwelt-Askese von Raum und Zeit» bezeichnen können. [Auf dem Weg der Stille (2016), 102-106]

Hausverstand, der uns Beziehungen wie die zwischen hoch, tief und niedrig verstehen lässt, muss älter sein als Sprache.[3] Wir haben Hausverstand von Haus aus. Und das Haus, in dem wir letztlich alle gemeinsam zuhause sind, ist das menschliche Herz.

Das Herz ist unser verlässlichster Ausgangspunkt. In der Art und Weise, in der unser Herz hoch und niedrig unterscheidet, ist die allgemein anerkannte Ordnung des menschlichen Weltbildes verankert.

Diese Ordnung entspringt gesundem Menschenverstand, der uns zugleich sagt, dass Ordnung höher bewertet werden muss als Unordnung. Wir wissen auch, dass es zwischen hoch und tief Stufen gibt und dass wir uns aufraffen müssen, so oft wir absinken. Das Hohe verlangt etwas von uns.

Unter diesem Punkt können wir Kontemplation besser verstehen.

Kontemplieren bedeutet, unsere Augen zu einer höheren Ordnung zu erheben, die uns auffordert, uns an ihr zu messen.

Das war die Absicht der Auguren. Das versuchte Stonehenge[4] zu verwirklichen: menschliches Leben an einer höheren Ordnung zu messen und so das Tun der Schau gemäß zu veredeln. Vor achtunddreißig Jahrhunderten standen Menschen wie wir unter dem weiten Gewölbe des Nachthimmels bei Stonehenge und verstanden etwas vom menschlichen Leben, das der Intellekt nicht zu fassen vermag. Nur das Herz ist für diese Schau hoch und tief genug. Nur ein Leben aus der Fülle wird dem Aufruf kontemplativer Schau gerecht. [FN 1) 57f.; 2-5) 60; 6) 61]

[Ergänzend:

1. Film Kontemplation (2011)

2. Weitere Auszüge aus dem Buch: Dankbarkeit: Das Herz allen Betens. (2018) [bzw. Fülle und Nichts (2015)] im Kapitel: «Kontemplation und Muße». Siehe auch das Stichwort «Kontemplation» im Verzeichnis der Schlüsselbegriffe am Schluss des Buches:

«Wir sollten uns von diesem extravaganten Wort ‹Kontemplation› nicht irreführen lassen. Wenn Kontemplation ein Leben in schöpferischer Spannung von Zweck und Sinn bedeutet, wer darf sich dann ihrer Herausforderung entziehen? Und sobald wir uns der Herausforderung der Kontemplation stellen, beginnen wir jene Lebensfülle zu entdecken, nach der sich unser menschliches Herz sehnt.» [FN 1) 68; 2-5) 70; 6) 71]

«Viel zu lange wurde Kontemplation als die private Domäne der Kontemplativen betrachtet. Kontemplative waren diesem eingegrenzten Verständnis nach nur jene, die sich ausschließlich der Sinnschau widmeten, sich dem Zweck, dem Handeln jedoch verschlossen. Wir befreien Kontemplation aus den Händen der Spezialisten und geben sie all jenen zurück, denen sie von Geburt an zusteht: allen Menschen.

Häufig machten sie beispielhaft die Intensität deutlich, mit der wir uns auf den Sinn des Lebens einstimmen müssen, zeigten den Mut, den wir brauchen, um uns den Forderungen der Schau unseres Herzens zu stellen. Und doch wurden nur die größten unter ihnen zu Vorbildern für die Umsetzung dieser Schau in Handeln.

Vielleicht können wir Beispielhaftigkeit in beiden Bereichen nur von den größten unter uns erwarten.[5] Auf jeden Fall aber müssen wir alle uns um die Pflege beider Bereiche bemühen, wenn wir uns nicht schief und einseitig entwickeln wollen.[6]

Nur durch die Pflege einer kontemplativen Haltung gelingt es uns, zu harmonischen Menschenwesen zu werden. Wie also könnten wir die Kontemplation den Kontemplativen überlassen?» [Auszüge aus FN 1) 67f.; 2-5) 69f.; 6) 71]

«Was macht es so schwer, Schau und Tat in der Kontemplation zusammenzuhalten? Vielleicht die Tatsache, dass jede Hälfte der doppelten Herausforderung von Kontemplation für sich genommen bereits unsere Kraft zu übersteigen droht. Schau und Tat zusammengenommen scheint uns einfach zuviel verlangt. Wie ermüdend ist es bereits, immer und immer wieder die gleichen anstrengenden Arbeiten zu leisten, auf die Kleinigkeiten zu achten, so gut wir können Fehler zu vermeiden und geduldig zu bleiben, wenn sie trotzdem immer wieder auftauchen.

Und wie anstrengend ist es, das innere Auge auf das Licht gerichtet zu halten. Solange ich aber diese zwei Bemühungen getrennt verfolge, ist es noch verhältnismäßig leicht, weil ich selbst über Schau und Handeln bestimme.

In wahrer Kontemplation aber bestimmt die Schau über mein Handeln.

Aus der Schau entspringt die Aufgabe, die mit Anforderungen herausfordert. Wenn von einer anspruchsvollen Aufgabe die Rede ist, dann meinen wir mehr als anstrengendes Handeln. Handeln kann mich bloß müde machen. Die Schau aber, wenn ich mich ihr zu stellen wage, stellt Ansprüche und verlangt, dass ich trotz meiner Müdigkeit weitermache. Das kleine ‹Kon›, das Schau und Tat vereint, ist das, was Kontemplation anspruchsvoll und deshalb so schwierig macht.

Und doch, ließen wir diese kontemplative Spannung zwischen Tat und Schau zerreißen, dann würde jeder Zweck, den wir anstreben, seinen Sinn verlieren. Denn was ich Tat und Schau genannt habe, könnte man ebenso gut auch Zweck und Sinn nennen.

Vielleicht hast du lange Zeit schon einen Zweck verfolgt, und plötzlich erwacht in dir die Frage: Welchen Sinn hat denn das alles?

Zweck ohne Sinn ist nichts als Schinderei. Aber der Sinn, den du in deinem Zweckstreben findest, wird dich unausweichlich herausfordern. Er wird Ansprüche an dich stellen. Du bist nicht mehr blinder Aktivist, aber der neuentdeckte Sinn, der dich anspricht, stellt neue Anforderungen an dich. Es ein kleines bisschen klarer zu sehen, worum es im Leben geht, macht es spannender, lohnender, aber ganz sicher nicht leichter. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass es etwas in uns gibt, das sich lieber mit der Plackerei abfindet, als sich der Herausforderung eines höheren Sinnes zu stellen und über uns selbst hinauszuwachsen.»
[FN 1) 60f.; 2-5) 62f.; 6) 64f.]

3. TRANSKRIPTION DES SEMINARS (2014) TEIL I, 71-74, sowie: Beilage 3: Die den Kurs begleitenden Gedichte, 14: «Werkleute sind wir, Knappen, Jünger, Meister» (Rilke, Das Stunden-Buch)]

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[1] Siehe auch: Die Achtsamkeit des Herzens (2021), 22f.:

«Pater Damasus Winzen, der Gründer des Klosters Mount Savior, legte große Bedeutung darauf, dass in unserer Überlieferung das Verständnis von Kontemplation auf das lateinische Wort ‹Contemplari› zurückgeht. Hinter diesem Begriff steht das Bild (und ‒ ursprünglich ‒ die Wirklichkeit) der römischen Auguren, die einen bestimmten, fest umgrenzten Bereich des sichtbaren Himmels als ‹templum› bezeichneten.

Ursprünglich war ‹templum› also kein Gebäude auf der Erde, sondern ein Bereich am Himmel, auf den die Auguren, professionell zur Schau bestellt, den Blick richteten. Sie sollten auf diese Weise Einsicht in die unumstößliche, höhere Ordnung gewinnen, nach deren Vorbild alles hier unten geordnet werden sollte.

Die heilige Ordnung des irdischen Tempels ist ja Spiegelung der heiligen Ordnung des himmlischen.

Pater Damasus pflegte zu betonen, dass Kontemplation in diesem gegenseitigen Bezug der beiden Tempel bestehe, was ja auch das ‹con› in ‹contemplari› zum Ausdruck bringt.»

[2] Im Kapitel: «Die Umwelt als Guru» in Die Achtsamkeit des Herzens (2021), 21-31, weist Bruder David ‒ im Kontext des Lebens im Kloster ‒ ebenfalls auf diesen Zusammenhang von Kontemplation mit Askese und der geheimnisvollen Ordnung des großen Tanzes hin:

[3] «‹Oben› und ‹unten› haben für uns Menschen eine Bedeutung, die analytisches Denken nicht ausloten kann. Unausweichlich sprechen wir anerkennend von ‹höheren› Dingen. Wir nennen sie erhöht, erhaben, über der Norm. Im Gegensatz dazu nennen wir das, was wir als minderwertig erachten, niedrig oder tiefstehend. Dies muss etwas damit zu tun haben, dass wir aufwachsen, und nicht wie Karotten nach unten wachsen. Nicht einmal der Unbeholfenste unter uns wird nach oben fallen, wenn er stürzt. Die Konsistenz, mit der oben und unten all unser menschliches Denken und unsere Sprache polarisiert, ist schon überraschend genug. Dass das Verhältnis oben zu unten überall das gleiche Werturteil impliziert (Verbesserung im Gegensatz zu Wertverlust), ist noch überraschender. Selbst ein Revolutionär, der sich zum Ziel gesetzt hat, das niederzuringen, was gegenwärtig oben ist, tut das aus der Überzeugung heraus, dass Gerechtigkeit über Ungerechtigkeit triumphieren sollte. Gleich welche Philosophien und Überzeugungen wir teilen, einig sind wir uns in dem Gefühl, dass etwas nicht stimmt, wenn die Dinge auf dem Kopf stehen.

Vielleicht lohnt es sich festzuhalten, dass es für die Bedeutung von ‹hoch› durchaus einen Unterschied macht, ob wir es mit ‹niedrig› oder ‹tief› kontrastieren. Hoch und tief können manchmal zusammenpassen, hoch und niedrig jedoch niemals. Ein Mensch hoher Geisteshaltung kann tiefen Gedanken nachhängen, aber niemals niedrigen. Im Lateinischen bedeutet altus erhöht im Sinne von hoch und tief zugleich (die Hochsee ist tief), das Niedrige aber steht immer im Gegensatz zum Erhabenen. Es bedarf nicht viel mehr als des gesunden Menschenverstands, um diese Unterschiede zu erkennen. Hatte aber Chesterton Unrecht, als er darauf hinwies, dass gesunder Menschenverstand von nicht allzu vielen Menschen verstanden werde?» [FN 1) 57; 2-5) 59; 6) 60f.]

[4] «Stonehenge, das geheimnisvolle, mehr als dreieinhalbtausend Jahre alte Monument in England, besteht aus einer kreisförmigen Anordnung riesiger Steinsäulen. Viele von ihnen sind mehr als zehn Meter hoch und fünfzig Tonnen schwer. Niemand weiß, auf welche Weise sie aus einem dreißig Kilometer entfernten Steinbruch an diesen Platz transportiert wurden oder wie die riesigen Felsblöcke als ‹Querbalken› aufgesetzt wurden. Man ist sich noch nicht einmal sicher, wer diese große Leistung vollbrachte. Weder die zugrundeliegenden Ideen, noch die Ideale, welche so gigantische Anstrengungen beseelten, sind uns bekannt. All dies liegt in der Dunkelheit der Vor- und Frühgeschichte verborgen. Wir betrachten die komplizierte Anordnung der Säulen, Gräben, Aufschüttungen und Gruben, wie wir die in einen Stein getriebenen Runen betrachten würden. Wir können ihre Bedeutung nicht entziffern. Und doch stoßen wir auf einen Anhaltspunkt.

Der Grundriss von Stonehenge ist eindeutig auf die Stelle des Sonnenaufgangs zur Sommersonnenwende ausgerichtet, und ebenso zu anderen Punkten am Horizont, an denen Sonne und Mond an besonderen Tagen ihrer Zyklen aufgehen. Die ganze sorgfältig durchdachte Struktur wird somit zu einer gigantischen Sonnenuhr, und ebenso zu einer Monduhr, in die wir selbst eintreten können. Stonehenge übersetzt die Zyklen von Sonne und Mond in Architektur, Bewegung in Design, Zeit in Raum. Dieser kleine Teil der Erde ist nach den Himmeln ausgerichtet. Die oben beobachtete Ordnung wird unten verwirklicht. Hier liegt der Schlüssel zum Geheimnis von Stonehenge. Und das ist ebenso der Schlüssel zum Wesen der Kontemplation.

Häufig ist es hilfreich, die linguistischen Wurzeln eines Wortes zu verfolgen, wenn wir ein tieferes Verständnis seiner Bedeutung erlangen möchten. Die kleine Silbe ‹temp› in unserem ‹Kon-temp-lation› ist sehr alten Ursprungs. Gelehrte sagen uns, dass sie anfangs so etwas wie ‹mit einem Einschnitt versehen› bedeutet hat. Du machst einen Einschnitt oder eine Kerbe, und schon hast du ein einfaches Hilfsmittel, um zählen und messen zu können. Du kannst die Übersicht behalten über die Anzahl der Fische, die du beinahe gefangen hättest, wenn du jeden Beinahe-Fang mit einer Kerbe am Dollbord deines Bootes markierst. Zwei Kerben in geringem Abstand machen aus jedem Stock einen Maßstab und geben dir die Möglichkeit, die Fische zu messen, die dir nicht entkommen sind. Gleich wie weit entfernt von ihrer ursprünglichen Bedeutung von ‹Kerbe› oder ‹Einschnitt›, hat die Silbe ‹temp› auch heute noch etwas mit messen zu tun. Selbst im modernen Sprachgebrauch bezeichnet Temperatur das Maß von heiß und kalt, Temperament den Maßstab psychologischer Reaktion, Tempo das Maß zeitlich-rhythmischer Wiederkehr. Zu temperieren bedeutet (vor allem in der Musik) die Bestandteile im richtigen Verhältnis, im richtigen Maß zueinander anzuordnen.

Das Wort ‹Tempel› kommt von der gleichen Wurzel. Es ist das Wort, das am unmittelbarsten mit Kontemplation verwandt ist, und es beschwört Assoziationen mit tempelähnlichen Strukturen wie Stonehenge. Ursprünglich jedoch bedeutete das lateinische Wort für Tempel, templum, nicht die architektonische Struktur, sondern blieb näher an der Vorstellung vom Maß. Es bedeutete ein bemessenes Gebiet. Jenes bemessene Gebiet befand sich nicht einmal am Boden, sondern am Himmel. Erst später fing templum an, ein heiliger Bezirk am Boden zu bedeuten, der dem am Himmel entsprach, um schließlich das auf jenem heiligen Raum nach heiligen Maßen errichtete Gebäude zu werden.

Für die römischen Priester jedoch, die Auguren, war es das templum im Sinne eines Himmelsabschnitts, das sie bei ihrer Kontemplation im Sinn hatten. Das bedeutet, dass sie ihren Blick mit nie ermüdender Aufmerksamkeit auf ihn richteten, und aus dem, was sie dort sahen, den erfolgversprechendsten Handlungsablauf ableiteten. Im klassischen Rom kam es zu keiner öffentlichen Entscheidung, ohne dass der vorgeschlagene Plan mit dem übereinstimmte, was die Auguren sahen. Diese Praxis drückt eine Geisteshaltung aus, die älter ist als logische Folgerungen, ein archetypisches Syndrom, das sich unserer menschlichen Psyche tief eingeprägt hat. Noch heute haben wir Zugang zu jener Tiefe, und ihre Erforschung kann neues Licht auf die Kontemplation werfen.» [FN 1) 55-57; 2-5) 57-59; 6) 58-60]

[5] «Jene, die den Begriff «Kontemplation» zuerst in unseren christlichen Wortschatz aufnahmen, trotz der Tatsache, dass es sich dabei immer noch um einen technischen Terminus der rivalisierenden römischen Religion handelte, müssen ihn für unersetzbar gehalten haben. Sie dürften sich durchaus der Tatsache bewusst gewesen sein, dass Kontemplation für eine ursprüngliche und universelle menschliche Wirklichkeit steht. Und sicherlich erkannten sie, dass das Konzept zentraler Bestandteil der biblischen Tradition war. Es steht hinter einer ganzen Theologie des Tempels und verbindet Moses, den großen Kontemplativen, mit Salomos Tempel und mit dem Tempel, den die göttliche Weisheit erbaut; mit Jesus Christus, der sowohl als Personifikation der Weisheit wie auch des Tempel betrachtet wird, und mit seinem Körper, der neuen Menschheit, dem Tempel des Heiligen Geistes.

Heutzutage gilt Moses eher als der große Gesetzgeber und weniger als der große Kontemplative. Aber beim näheren Hinschauen passt er sehr gut in das kontemplative Modell. Er steigt den Berg hinauf zum höheren Reich, er setzt sich der transformierenden Schau aus, und das in einem solchen Maß, dass Leuchten von Gottes Glorie mit blendender Helligkeit von seinem Gesicht erstrahlt; und er bringt den Menschen nicht nur die Gesetze herab, sondern auch den Bauplan für den Tempel.

Wieder und wieder betont die Bibel, dass Moses das Zelt des Bundes genau nach dem Vorbild erbaut, das ihm auf dem Berg gezeigt worden war. Und selbst das Gesetz muss als eine Art Plan verstanden werden, nach dem das Volk Israel zu einem Tempel des lebendigen Gottes aufgebaut werden soll. Das Volk wird so zu lebendigen Steinen, die sich erheben, um das Abbild einer göttlichen Ordnung zu verwirklichen, an deren Vorbild am Ende jedes Abbild immer wieder scheitern muss.

Wahrhaft Kontemplative aber erkannten im Verlauf der Geschichte immer wieder, was getan werden musste. Was die Schau als notwendig zeigte, das setzten sie in die Tat um. Deshalb mussten einige, wie Katherina von Siena, Bernhard von Clairvaux oder Teresa von Avila so unermüdlich arbeiten. Der Tempel, an dem sie bauten, wächst immer noch.

Bernhard war dermaßen in seine innere Schau versenkt, dass seine äußeren Augen zeitweilig blind schienen. Als die oberen Fenster seiner Abteikirche repariert werden mussten, fragten ihn die dafür zuständigen Mönche nach seiner Entscheidung. Zu ihrer Überraschung wusste Bernhard nicht, wovon sie sprachen. In all den Jahren, so heißt es, habe der Abt nie in der Kirche aufgeschaut. Es war ihm nie aufgefallen, dass es überhaupt obere Fenster gab. Als es aber darum ging, Europa nach dem Licht seiner inneren Schau umzugestalten, da wurde Bernhard, der letzte der großen Kirchenväter, zum ersten internationalen Diplomaten eines sich entwickelnden christlichen Abendlandes.

Oder denken wir an Katherina von Siena. Noch in ihrer Jugend machte sie sich, wie die Jugendlichen einiger amerikanischer Indianerstämme, auf die Suche nach einer Schau. Jahrelang lebte sie in Abgeschiedenheit, auf nichts als die innere Schau ausgerichtet. Sie begrub sich selbst in Dunkelheit. Als das dreiundzwanzigste Kind ihres Vaters war sie, allein in einem Hinterzimmer des Hauses, gut versteckt. Und doch steht sie ein Jahrzehnt später im Rampenlicht der Geschichte. Als Botschafterin des Friedens überredet diese einfache Frau, noch nicht dreißigjährig, den Papst dazu, von Avignon nach Rom zurückzukehren. Die große Kontemplative stellt sich der Herausforderung ihrer Schau und wird so zu einer Frau der Tat.

Teresa von Avilas Leben macht deutlich, dass die Verbindung von Schau mit Tat mehr bedeutet, als innerlich Theorie in Praxis umzusetzen. Da gibt es ihre Schau vom Bewässern des Gartens der Seele und von der Reise zum leuchtenden Zentrum des Inneren Schlosses. Und nach außen hin gibt es ihre Verstrickung in Kirchenpolitik, in Kampf und Intrige. Auf den ersten Blick scheint beides durch Welten getrennt. Ihr wurde kein fester Plan für die Reformierung des Karmeliterordens gezeigt, der nur noch ausgeführt werden musste. So funktioniert Kontemplation nicht. Sie setzte bloß ihr Herz dem Strahlen «des nicht von Menschenhand gebauten Tempels» aus. Und in seinem Licht wurde ihr Schritt für Schritt klar, wo das Bauen des Tempels hier unten einer hilfreichen Hand bedurfte. Gehorsame Verwirklichung ihrer Schau machte aus ihr die große Kontemplative.» [FN 1) 58-60; 2-5) 60-62; 6) 61-64]

[6] «Nur durch die Aufrechterhaltung der Spannung zwischen dem Ideal und seiner Verwirklichung, zwischen Schau und Tat, dürfen wir hoffen, den Tempel zu bauen. Und nur durch den Bau des Tempels beweist die Kontemplation, dass sie echt ist. Das kleine Präfix ‹Kon-› (cum, mit, zusammen) sollte uns daran erinnern, dass die Schau allein nur halb Kontemplation ist. Bestenfalls verdient sie den Namen ‹Templation›. Kontemplation verbindet Schau und Tat. Tat ohne Schau ist blinder Aktivismus. Schau ohne Tat ist unfruchtbares Gaffen.» [FN 1) 59; 2-5) 61; 6) 62]



Quellenangaben

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