Text von Br. David Steindl-Rast OSB

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Wir dürfen dem Leben vertrauen, dürfen uns dem Geheimnis, das uns «entgegenwartet», anvertrauen.

Es gibt Anlässe, bei denen dieses Vertrauen klar anerkannt und feierlich zum Ausdruck gebracht wird – Momente gegenseitigen Sich-Anvertrauens zweier Menschen oder eines Menschen und einer ganzen Gemeinschaft.

Das kann eine Verbindung und Bindung auf Lebzeiten sein.

Das setzt voraus, dass die Menschen, die sich in Freiheit so aneinanderbinden, mit solcher inneren Klarheit sehen, wir gehören zusammen, dass sie einander versprechen können, füreinander da zu sein, was immer auch kommt.

Solche geheimnisvollen Augenblicke, denn das sind sie ‒ Momente voll der Gegenwart des großen Geheimnisses –, solche Augenblicke der Lebendigkeit wurden seit vorgeschichtlichen Zeiten mit Ritualen gefeiert.

Man könnte meinen, dass Menschen einander dadurch versprechen, miteinander durchzustehen, was kommen mag.

Aber richtig verstanden, drücken sie ihr Vertrauen aus, dass das große Geheimnis sie miteinander durchbringen wird.

Dieses gewichtige und weitreichende Vertrauen ist von nun an ihre gemeinsame Berufung.

Was kommt, wird nicht leicht sein: Nüchterne Erwägungen zeigen uns das.

Wer die Entscheidung hinterfragt, wenn es schwer wird, verschwendet Energie, die er braucht, um dem Versprechen treu zu bleiben – dem eigenen, dem des Gegenübers und dem Versprechen des Lebens, das in solchen heiligen Riten klarer spricht als sonst.

Diese Klarheit der Berufung ist ein großes Geschenk, aber wohl auch ein seltenes.

[Dem Leben vertrauen (2022), Auszug aus Orientierung finden (2021): «Berufung ‒ ‹Folge deinem Stern›!», 100f.]

[Ergänzend aus dem Buch: Orientierung finden (2021), 95f. zu den Schlüsselworten «Verpflichtung» und «Bindung»:

«Wie aber könnte man von uns erwarten, dass wir uns für eine so viel längere Zeit als unsere Vorfahren bindend zu etwas verpflichten? Und dies, während alles um uns herum sich so viel schneller verändert als früher.

Da kann es uns helfen, zu unterscheiden zwischen Form und Inhalt einer Verpflichtung.

Wir können einem Versprechen treu bleiben, obwohl die Form, in der wir es verwirklichen, sich im Laufe des Lebens verändert.

Unsere Großeltern machten diese Unterscheidung noch nicht. Die Mentalität der Gesellschaft hätte es damals nicht gestattet. Eine Lebensverpflichtung einzugehen, das bedeutete ganz selbstverständlich, sie lebenslang in ein und derselben Form zu verwirklichen.

Heute ist die Gesellschaft da flexibler und für Veränderungen offener geworden. Jetzt ist es ohne Weiters möglich, etwas, wozu wir uns fürs ganze Leben verpflichtet wissen, in ganz verschiedenen, aufeinander folgenden Formen zu verwirklichen.

Wir verpflichten uns unserem tiefsten Verlangen, nicht dieser oder jener Form seiner Verwirklichung.

Mehrere Berufe können wir nacheinander ausüben und dabei eine Vielzahl unserer Begabungen entfalten, unserer tiefsten Berufung getreu und ohne vom Weg unserer bleibenden Begeisterung abzuweichen.»



Quellenangaben

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