Text und Audio von Br. David Steindl-Rast OSB

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Meine Vision für die Welt? Meine Hoffnung für die Zukunft?

Das Thema tönt gar groß, deshalb möchte ich mit etwas Kleinem beginnen, sagen wir – mit Krähen. Sie sind meine besonderen Freunde. Gerade als ich diese Zeilen schreibe, verschlingt eine von ihnen, die Scheue unter meinen regelmässigen Gästen, das Vogelfutter, welches ich für sie hinausgestellt hatte.

Das bringt mir ein kurzes Gedicht von Robert Frost in Erinnerung,[1] das einen Einstieg liefern könnte für unsere Überlegungen zu einer Vision für die Welt und einer Hoffnung für die Zukunft, wenn überhaupt.

«Wie eine Krähe
das Schneegeriesel
von einer Hemlocktanne
auf mich herabschüttelte,

hat meinem Herzen
einen Stimmungswandel gegeben
und rettete einen gewissen Teil
eines Tages, den ich bereut hatte.»

Sicher kannst du dich an eine ähnliche, eigene Erfahrung erinnern: Irgendein komischer kleiner Vorfall brachte dich zum Lächeln, veränderte deine Stimmung, und plötzlich sah die Welt heller aus.

Wenn dir das jemals geschah, dann hast du den Schlüssel in der Hand, um eine Kausalkette von großer Tragweite zu verstehen:

Jede Veränderung der inneren Einstellung verändert die Art und Weise, wie man die Welt sieht, und dies wiederum verändert die Art und Weise, wie man handelt.

Wenn Robert Frost behauptet, dass die kleine List der Krähe einen Teil seines Tages «rettete», den er bereut oder bedauert hatte, meint er dies im wahrsten Sinn eines befreienden Wandels des Herzens.

Ich bin sicher, dass er, zuhause angekommen, Frau Frost in einer besseren Stimmung begrüßte als er dies ohne den Schubs der Krähe hätte tun können. Und es ist nicht abzusehen, was dies bei ihr bewirkte ‒ und wie sie hinterher ihren Hund behandelte oder freundlicher mit ihrem Nachbarn sprach.

Aber was genau hat diese glückliche Kettenreaktion ausgelöst? Was gab Frosts Herzen diesen Stimmungsumschwung?

Versetze dich in seine Situation, wie er schlecht gelaunt durch den Wald latscht.

Dann fühle, wie der Schnee plötzlich auf dich herabrieselt. Rüttelt dies dich nicht vom Grübeln auf?

Eine solche Störung könnte dich wütend machen, wenn du darauf beharrst, mit deinen Problemen beschäftigt zu bleiben. Aber ‒ Überraschung ‒ der eisige Schneeschauer reißt dich aus deiner Selbstversunkenheit heraus und du schaust den gegebenen Tatsachen ins Auge: eine Hemlocktanne, eine Krähe, schmelzender Schnee in deinem Nacken. Zack!

Eine rettende Veränderung der Stimmung.

Was diese Veränderung verursachte, ist Dankbarkeit.

Dankbarkeit? Ich höre einen Chor der Ungläubigkeit.

Zugegeben, Frost war nicht in der Stimmung, der Krähe zu danken.

Aber Dankbarkeit ist mehr als Bedanken.

Bedanken kommt mit Denken.

Dankbarkeit geschieht vor dem Denken, in dieser kurzen Lücke zwischen dem Schneegeriesel und dem Gedankengang.

Es ist die spontane Antwort des Herzens auf das unentgeltlich Gegebene.

Diese Dankbarkeit löst Energie aus.

In der Lücke zwischen der Überraschung und dem ersten Gedanken, nimmt die mächtige Woge einer Intelligenz, welche weit über den Gedanken hinausgeht, Besitz von uns.

Wir können unser Denken zu einem Werkzeug dieser schöpferischen Intelligenz machen, die stetig die Welt hervorbringt und erhält.

Wenn wir uns dieser gütigen Kraft bereitwillig öffnen, hat sie die Kraft alles zu ändern, was nicht mit ihr in Einklang ist.

Dankbarkeit ist Denken im Einklang mit der kosmischen Intelligenz, die uns in dankbaren Augenblicken inspiriert.

Sie kann mehr als eine Stimmung verändern, sie kann die Welt verändern. [Eine Vision für die Welt (2006)]

[Ergänzend:

1. Eine Vision für die Welt (2006): 5. Schritt:

«Höre die Nachrichten von heute und überprüfe wenigstens eine Sache mit deinem gesunden Menschenverstand:

Gesunder Menschenverstand ist bloß ein anderer Name für das mit der kosmischen Intelligenz vermählte Denken.»

2. Erinnerungen an die letzten Tage von Thomas Merton im Westen (1968):

«Thomas Merton: ‹Das Wichtigste ist, dass wir hier sind, in einem Haus des Gebets. Hier gibt es eine wahre und echte Verwirklichung des zisterziensischen Geistes, eine Atmosphäre des Gebets. Genießt es! Nehmt es in euch auf. Alles, die Redwood-Wälder, das Meer, den Himmel, die Wellen, die Vögel, die Seelöwen. In all dem werdet ihr eure Antworten finden. Da ist alles vernetzt.› (Die Vorstellung der ‹Vernetzung› war für Thomas Merton mit geheimnisvoller Bedeutung beladen.)

Drei Seiten der Kapelle hier bestanden aus soliden Blockwänden. Die vierte Seite, ganz aus Glas, öffnete sich auf eine von Mammutbäumen umsäumte Lichtung hin. Die Bäume waren so hoch, dass trotz dieser hohen Fenster von den näheren Bäumen nur die riesigen Säulen des Baumrumpfes zu sehen waren. Die Zweige darüber konnten nur erahnt werden durch die Richtung, in der sie die Sonnenstrahlen auf den Waldboden durchscheinen ließen. Ja, selbst die Natur, welche ‹Our Lady of the Redwoods› (Kloster in Kalifornien) umgab, trug zur Atmosphäre des Gebets bei, ganz zu schweigen von den Frauen, welche hier beten und ihrer charismatischen Äbtissin.

An diesem Tag hatten wir als Evangelium das Gleichnis vom Reich Gottes als einem großen Hochzeitsfest gehört. Gleichzeitig mit dem Kommuniongang begannen fliegende Ameisen durch den ganzen Wald auszuschwärmen und erhellten ihn mit Zehntausenden von glitzernden Flügelchen wie in einem Hochzeitszug. Alles ‹vernetzt›.»

3. Musik der Stille (2015), 75f.:

«Robert Frost berichtet von einem Landarbeiter, der frühmorgens hinausgeht, um das Heu zu wenden. Der Mäher hatte seine Arbeit bereits viel früher am Morgen getan und war längst weggegangen.

Und nun fühlt sich dieser Mann beim Heuwenden etwas verlassen und einsam und sagt sich: ‹Ich muss allein sein ‒ genau so wie der andere es war. Wie alle es sein müssen, so sinniert er in seinem Herzen, ob sie zusammen arbeiten oder getrennt.›

Dann aber wird seine Aufmerksamkeit von einem Schmetterling auf ein Blumenbüschel gelenkt, das der Mäher stehengelassen hat, weil es zu schön war, um abgemäht zu werden.

Das gemeinsame Erlebnis der Schönheit dieser Blumen bewegt ihn, sich anders zu besinnen: ‹Und gleichsam träumend unterhielt ich mich brüderlich mit jemandem, den ich nicht einmal in Gedanken zu erreichen hoffte.›

‹Menschen arbeiten gemeinsam›, sagte ich ihm von Herzen, ‹ob sie zusammen arbeiten oder getrennt›.»

4. Audio-Fokus aus DVD Gespräch 2006 – Der Atem der Stille, Mystik heute – Gespräch « Bewusstsein, Denken und das bewusste Sein.

5. Der Anspruch von Menschen und Tieren (1994):
Audio: Archetypen (C.G. Jung)[2] und das Erleben von Schamanen
Audio: Erlebnisse im Zug, beim Sterben, mit einer Osterkerze]

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[1] Robert Frost: «Dust of Snow»:

«The way a crow
Shook down on me
The dust of snow
From a hemlock tree

Has given my heart
A change of mood
And saved some part
Of a day I had rued.»

[2] C. G. Jung: «Eine junge Patientin hatte in einem entscheidenden Moment ihrer Behandlung einen Traum, in welchem sie einen goldenen Skarabäus zum Geschenk erhielt. Ich saß, während sie mir den Traum erzählte, mit dem Rücken gegen das geschlossene Fenster. Plötzlich hörte ich hinter mir ein Geräusch, wie wenn etwas leise an das Fenster klopfte. Ich drehte mich um und sah, dass ein fliegendes Insekt von außen gegen das Fenster stieß. Ich öffnete das Fenster und fing das Tier im Fluge. Es war die nächste Analogie zu einem goldenen Skarabäus, welche unsere Breiten aufzubringen vermochten, nämlich ein Scarabaeide (Blatthornkäfer), Cetonia aurata, der gemeine Rosenkäfer, der sich offenbar veranlasst gefühlt hatte, entgegen seinen sonstigen Gewohnheiten in ein dunkles Zimmer gerade in diesem Moment einzudringen.» [Quelle: Synchronizität (Wikipedia)]



Quellenangaben

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