Text und Audio von Br. David Steindl-Rast OSB

mystische erfahrung titelCopyright © - Georg Stahl

Vergegenwärtigen Sie sich einen Augenblick, in dem Sie, wie sonst kaum, das Leben als sinnvoll empfanden, einen Augenblick, von dem Sie sagen würden:

«Für diese Erfahrung lohnt es sich zu leben.»

Das wäre eine Art kleinster gemeinsamer Nenner. Sie müssten sich sagen können:

«In diesem Augenblick hatte das Leben einen Sinn.»

Selbst wenn Sie sich sagen sollten: «Die meiste Zeit kommt mir das Leben sinnlos vor», so gab es sicherlich einen Augenblick, in dem es Ihnen sinnvoll erschien. Das ist der Augenblick, an den wir anknüpfen wollen.

Für manche ist ein solcher Augenblick etwas sehr Seltenes. Ein anderer bzw. eine andere wird sich vielleicht sagen: «Ich weiß gar nicht, welchen Augenblick ich mir aussuchen soll, ich habe diese Art von Erfahrung sehr häufig, ja ich werde von solchen Erfahrungen geradezu überschüttet, vielleicht fünfzehnmal am Tag.»

Nun, das ist für unsere weitere Betrachtung egal. Wichtig ist, dass Sie sich an einen Augenblick erinnern, in dem Ihnen das Leben sinnvoll erschienen ist. Dieser Augenblick soll uns als Ausgangspunkt dienen.

Um den Erinnerungsprozess anzukurbeln, werde ich Ihnen jetzt eine kurze Textstelle vorlesen, mit der viele von Ihnen vertraut sein dürften. Sie stammt aus Eugene O'Neills bekanntem Theaterstück «Eines langen Tages Reise in die Nacht.»

Man braucht das Stück oder die Handlung nicht zu kennen, um diese Stelle richtig zu verstehen. Einer der Hauptakteure, Edmund Tyrone, erzählt seinem Vater James von einem Erlebnis, das die oben angesprochene Erfahrung veranschaulicht. Edmund ist zu diesem Zeitpunkt leicht angetrunken, was ihm das Reden darüber erleichtert.

Stellen Sie fest, ob das, was Edmund sagt, nicht etwas in Ihnen wachruft.

«Du hast mir da ein paar Höhepunkte aus deinen Memoiren erzählt. Willst du meine hören? Sie haben alle mit dem Meer zu tun. Ich will dir erzählen. Von damals, als ich auf der Squarehead, die nach Buenos Aires auslief, Matrose war.

Vollmond! Der alte Kahn macht vierzehn Knoten. Ich liege vorne am Bugspriet, schau achtern aus, das Wasser schäumt unter mir, und die Maste über mir türmen sich hoch auf mit ihren weißen Segeln im Mondlicht. Ich war wie trunken von all der Schönheit und dem singenden Rhythmus des Ganzen.

Für einen kurzen Augenblick verlor ich mich selbst ‒ wirklich, ich verlor mein Leben. Ich war befreit, war frei! Ich löste mich auf in Meer, wurde weißes Segel und fliegende Gischt, wurde Schönheit und Rhythmus, Mondlicht und das Schiff und der hohe mit Sternen übersäte, verschwimmende Himmel. Ich gehörte, ohne Gegenwart und ohne Zukunft, mit hinein in den Frieden und die Einheit und in eine wilde Freude, in etwas, das größer war als mein eigenes Leben, größer als das Menschenleben überhaupt, ich gehörte zum Leben selbst! Zu Gott, wenn du willst ...

Und dann noch ein paarmal sonst in meinem Leben, wenn ich weit ins Meer hinausgeschwommen war oder allein an einem Strand lag, habe ich dasselbe Erlebnis gehabt.

Ich wurde die Sonne, wurde der heiße Sand, der grüne Seetang am Fels verankert, auf- und abschwingend mit Ebbe und Flut. Wie die Vision eines Heiligen vom Glück kam es über mich. Wie wenn eine unsichtbare Hand den Schleier weggezogen hätte von den Dingen. Für eine Sekunde sieht man ‒ und wenn man das Geheimnis erkennt, ist man selbst das Geheimnis.

Für einen Moment ist Sinn! Dann lässt die Hand den Schleier fallen, und man ist wieder allein, verloren im Nebel und stolpert weiter, irgendwohin, ohne zu wissen warum.»

Bei manchen Worten müsste es in unserem Inneren klingeln.

Das ist das Großartige daran, wenn ein Dichter spricht:

Die Schlüsselworte sind alle da: «Ich verlor mich selbst.»

Vielleicht ist dies die einzige Stelle, bei der Sie sagen können: «Ich weiß, wovon er spricht. In diesem Augenblick verlor ich mich selbst.»

Oder, wie es T. S. Eliot ausdrückt:

«Verloren in einem Strahl von Sonnenlicht.»[1]

Sie sehen diesen Strahl von Sonnenlicht hinter einer Wolke hervorkommen, und während Sie dies sehen, verlieren Sie sich selbst.

Sie blicken in die Augen einen anderen Menschen, und Sie versinken darin, verlieren sich in ihnen.

«Ich verlor mich selbst.»

Oder eine andere Stelle: «Ich war befreit.»

Für einen Augenblick war ich befreit. Es war, als käme ich aus einem Käfig. Die meiste Zeit befinde ich mich in einem Käfig, in meinem eigenen Käfig. Ich selber bin es, der mich einsperrt. Aber einen Augenblick lang trete ich aus diesem Käfig heraus, bin ich frei. Aus irgendeinem unbekannten Grund gehe ich wieder in den Käfig hinein. Vielleicht fühle ich mich darin sicherer.

Wir alle aber haben Augenblicke, in denen wir aus dem Käfig heraustreten. «Ich war befreit.»

Oder nehmen wir eine andere Schlüsselstelle: «Ich löste mich auf in Meer, wurde weißes Segel.»

Ich löste mich auf in das, was ich sah. Ich wurde eins mit allem, was ich sah. Dies ist ein häufiger Aspekt unserer mystischen Erfahrung.

«Ich gehörte zu dem Ganzen dazu.»

Dies mag für das Beschreiben einer mystischen Erfahrung mit am bedeutendsten sein.

Die meiste Zeit haben wir das Gefühl, irgendwie nicht dazuzugehören, außerhalb zu sein. Da ist diese wunderbare Welt, dieses wunderbare Leben, und wir sind dem allen irgendwie entfremdet, sozusagen Außenstehende.

Doch einen Augenblick lang gehören wir dazu. Wir sind Teil dieses großen Tanzes. Jeder, alles heißt uns willkommen.

«Ich gehörte, ohne Gegenwart und ohne Zukunft, mit hinein.»

Dies ist ein weiterer Aspekt unserer mystischen Augenblicke: Die Zeit scheint nicht mehr zu existieren. Sie steht still.

Es ist das, was Eliot «einen Augenblick in und außerhalb der Zeit» nennt. Wir befinden uns in der Zeit und gleichzeitig auch außerhalb von ihr.

«Ich gehörte ... mit hinein in den Frieden und die Einheit und in eine wilde Freude, in etwas, das größer war als mein eigenes Leben, größer als das Menschenleben überhaupt ... Zu Gott, wenn du willst.»

[Mystik an der Grenze der Bewusstseinsrevolution  (1988), 169-171]

[Ergänzend:

1. MYSTISCHE ERFAHRUNG in Dankbarkeit: Das Herz allen Betens. (2018) [bzw. Fülle und Nichts (2015)]:
Schlüsselbegriffe «Angst ‒ Zusammengehören», FN 1) 170f.; 2-5) 174; 6) 173):

«Wenn wir darunter eine Erfahrung des Einsseins mit der Höchsten Wirklichkeit verstehen, dann haben wir eine brauchbare Arbeitsdefinition von mystischer Erfahrung. Wir tun recht daran, wenn wir den Terminus ‹Gott› nicht mit einbeziehen. Nicht alle Menschen fühlen sich wohl dabei, die Höchste Wirklichkeit Gott zu nennen. Aber gleich welche Terminologie, alle von uns können Momente überwältigender, grenzenloser Zugehörigkeit, Augenblicke universellen Eins-seins  erfahren. Das sind unsere eigenen mystischen Momente. Die Männer und Frauen, die wir Mystiker nennen, unterscheiden sich vom Rest von uns lediglich dadurch, dass sie jenen Erfahrungen den Raum geben, der ihnen in unser aller Leben zusteht. Was zählt, ist nicht die Häufigkeit oder Intensität mystischer Erfahrungen, sondern der Einfluss, den wir ihnen auf unser Leben einräumen. Indem wir unsere mystischen Momente mit allem, was sie bieten und verlangen, zulassen, werden wir die Mystiker, die wir sein sollen. Schließlich ist der Mystiker keine besondere Art Mensch, sondern jeder Mensch eine besondere Art Mystiker.»

2. Fortsetzung des Textes Mystik an der Grenze der Bewusstseinsrevolution (1988), 171-176:

Bruder David definiert darin Mystik im weitesten Sinn als die «Erfahrung der gemeinschaftlichen Verbundenheit mit der letzten Wirklichkeit» und geht auf die Hauptbestandteile dieser Definition ein: «Erfahrung», «gemeinschaftliche Verbundenheit», «letzte Wirklichkeit». Besondere Aufmerksamkeit widmet er dem Wort «Gott»  im Zusammenhang mit der «letzten Wirklichkeit».

3. In Der Mönch in uns (1978) untersucht Bruder David, wie wir jedes Gipfelerlebnis  ‒ jede mystische Erfahrung ‒ paradox wahrnehmen und ausdrücken:

«Ich habe mich verloren und zugleich gefunden»: Mich-Verlieren ‒ Finden
«Wenn ich am meisten bin, bin ich mit allem eins»
: Allein ‒ All-Eins
«Um die Antwort zu finden, musst du die Frage aufgeben»
: Ja-sagen

Hinweis: Der Mönch in uns (1978) ist eine Übersetzung des amerikanischen Originaltextes aus dem Jahr 1974. Kapitel 3 «Der Mystiker in uns allen» im Buch Auf dem Weg der Stille (2016), 44-63, enthält den Originaltext in der Übersetzung von Bernardin Schellenberger.

4. Die Wiedergeburt christlicher Mystik (1988)
Audio: Mystische Erfahrung ‒ Anstoß zur Praxis dankbaren Lebens und Audio: Wir alle haben diese Gipfelerlebnisse]

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[1] «For most of us, there is only the unattended
Moment, the moment in and out of time,
The distraction fit, lost in a shaft of
                                            sunlight,
The wild thyme unseen, or the winter lightning
Or the waterfall, or music heard so deeply
That it is not heard at all, but your are the music
While the music lasts.»

«Für die meisten von uns gibt es bloß den unbeachteten
Augenblick, in der Zeit und außerhalb der Zeit,
Einen Anfall von Zerstreuung, verirrt in einem Schacht aus
                                          Sonnenlicht,
Den wilden Thymian ungesehen, das Wintergewitter
Oder den Wasserfall, oder Musik, so tief gehört
Daß sie unhörbar wird, und Sie selbst die Musik sind
Solange sie währt.»

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T. S. Eliot: «Four Quartets»: «The Dry Salvages», V, in der Übertragung von Norbert Hummelt [Suhrkamp Verlag 2015, 60f.]



Quellenangaben

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