Text und Audio-Vortrag von Br. David Steindl-Rast OSB

geben u nehmen titel g stahlCopyright © - Georg Stahl

Du weißt nie, was als nächstes passiert, wenn Du Dich auf Abenteuer einlässt. Sobald es Dir genügend Angst macht, verschließt Du Dich aber sofort wieder. Manchmal bewegen wir uns an einem einzigen Tag viele Male hin und her zwischen Geben und Zurücknehmen, zwischen Auf- und Zumachen.

Leben aber ist Geben-und-Nehmen, nicht Geben oder Nehmen. Krampfhaftes Luftschnappen ist eine Sache, natürliches Atmen eine andere.

Wenn wir Luft holen, dann nehmen wir uns die Lungen voll, wenn wir wieder ausatmen, dann geben wir die Luft wieder her.

Diese Balance zwischen Geben und Nehmen ist der Schlüssel für ein gesundes Leben. Tatsächlich ist Balance ein zu mechanisches Wort, um es auf die innige Verwobenheit dieses Gebens-und-Nehmens anzuwenden. Es handelt sich ja hier um ein Geben im Nehmen und ein Nehmen im Geben.

Ist das einmal klar, dann müssen wir nicht länger betonen, dass es hier nicht darum geht, Geben und Nehmen gegeneinander auszuspielen. Ganz und gar nicht. Wir stellen hier ein lebenspendendes Geben-und-Nehmen einem bloßen Nehmen gegenüber, das ebenso tödlich ist wie bloßes Geben. Es spielt kaum eine Rolle, ob Du nur einatmest und dann die Luft anhältst, oder ob Du nur ausatmest und es dabei bewenden lässt. In beiden Fällen bist Du tot.

Die meisten von uns benötigen ziemlich viel Ermunterung zum Geben. So wie wir gebaut sind (oder vielmehr durch unsere Gesellschaft in eine verbogene Form gepresst wurden), fällt uns das Nehmen mehr als leicht.

Es könnte sich als guter Test erweisen, wenn Du eine halbe Stunde lang darauf achtest, wie häufig Du «ich nehme» und wie oft Du «ich gebe» sagst.

Unsere Sprache verrät uns: Ich nehme Unterricht, ich nehme mir frei, ich nehme mir ein Zimmer, ich nehme mir ein Taxi, ich nehme mir die Freiheit, ich nehme mir das Recht, ich nehme ein Bad, ich nehme einen Drink, ich nehme Urlaub, ich nehme, nehme, nehme, und wenn ich schließlich müde bin von all dem Nehmen, dann genehmige ich mir ein Schläfchen.

Zumindest versuche ich das, bis ich herausfinde, dass ich kaum einschlafen werde, bis ich mich jenem Schläfchen hingebe und es dem Schläfchen gestatte mich zu nehmen.

Und doch sind einige von uns dermaßen auf das Nehmen ausgerichtet, so unfähig, sich selbst zu geben, dass wir uns mit Schlaftabletten außer Gefecht setzen müssen, damit das arme Schläfchen eine Chance bekommt uns zu nehmen.
[FN 1) 62f.; 2-5) 64f.; 6) 66f.]

[Ergänzend:

1. Der Mönch in uns (1978):

«Wenn wir uns dem Sinn hingeben, dann müssen wir uns völlig geben, und wir wissen ja, wie schwierig es für uns ist, uns völlig hinzugeben. Wenn Sie daran zweifeln, dann beobachten Sie einmal Ihre Sprache, und stellen Sie fest, wie oft Sie täglich idiomatische Redewendungen gebrauchen, die die Bedeutung haben: ‹Ich nehme dies› und ‹Ich nehme das›. Wir haben keine Redewendung, die bedeutet: ‹Ich gebe mich etwas hin›. Wir nehmen an einem Kurs teil, an einem Examen, wir nehmen eine Tablette, eine Mahlzeit, ein Bad, wir nehmen Platz und nehmen alles Mögliche, was man überhaupt nicht nehmen kann ‒ einen Mann, eine Frau, einen Mittagsschlaf. (Wenn Sie jemals versucht haben, einen Mittagsschlaf zu ‹nehmen›, dann war es der sicherste Weg in die Schlaflosigkeit. Aber sobald man sich dem Mittagsschlaf hingibt, schläft man auch schon).»

2. An welchen Gott können wir noch glauben? (2008):

Bruder David: «Es gibt ein kurzes Gedicht von Conrad Ferdinand Meyer ‹Der römische Brunnen›. Da ist das alles drinnen»:

«Aufsteigt der Strahl und fallend gießt
Er voll der Marmorschale Rund,
Die, sich verschleiernd, überfließt
In einer zweiten Schale Grund;
Die zweite gibt, sie wird zu reich,
Der dritten wallend ihre Flut,
Und jede nimmt und gibt zugleich
Und strömt und ruht.»

Lebenskunst ‒ Leben aus der Stille: Geleitwort und Epilog, in: Michael Fischer (Hrsg.): «Buch der Ruhe und der Stille: Inspirationen aus dem Geist der Klöster», Freiburg / Basel / Wien, Herder 2003, 183f.

«Der Kreislauf, in dem alles Gegebene als Dank zum Ursprung zurückkehrt ‒ der Kreislauf, in dem das Schweigen Wort wird und im Verstehen zurückkehrt ins Schweigen ‒ findet ein dichterisches Bild in den Marmorschalen von Conrad Ferdinand Meyers römischem Brunnen»:

«… und jede nimmt und gibt zugleich und strömt und ruht.»

3. Gesprächsreihe mit Pater Johannes Pausch (2011):
(3. Juni 2011) Demut ‒ Der Weg zum Gipfel:
(28:28) Rohr oder Flasche: zwei Weisen zu leiten ‒ ,Und strömt und ruht‘ (C. F. Meyer, der römische Brunnen): geben und nehmen am Beispiel der Fußwaschung Jesu]



Quellenangaben

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