Text von Br. David Steindl-Rast OSB

leidensch d moeglichen titelCopyright © - pixabay

Der Dichter Rilke blickt in den weit geöffneten Blütenstern einer Anemone und staunt über den Blumenmuskel, der den Blütenkelch nach und nach dem Morgenlicht erschließt.

Jener Muskel des unendlichen Empfangs, in den stillen Blütenstern gespannt, ist manchmal so von der Fülle des Lichts übermannt, das er kaum vermag, die weitgeöffneten Blüten bei Sonnenuntergang wieder zu schließen.

Und wir, so fragt der Dichter ‒ «wann sind wir endlich offen und Empfänger?»[1]

Erinnert uns das nicht wieder an jene Augenblicke, in denen wir selbst von des Lebens Fülle überwältigt waren?

Da waren wir von Freude überrascht.

Wie flüchtig diese Erfahrung auch war, jetzt kennen wir die Freude, für Überraschungen offen zu sein.

Einen Moment lang fühlten wir uns uneingeschränkt willkommen, und das erlaubt uns seither, das Leben ohne Einschränkungen willkommen zu heißen.

Der Geschmack jener Augenblicke erweckt in uns eine Leidenschaft für das Leben mit seinen schier grenzenlosen Möglichkeiten.

Jene Leidenschaft ist Hoffnung: «Leidenschaft für das Mögliche.»

Die Formulierung «Leidenschaft für das Mögliche» wurde von einem zeitgenössischen Propheten der Hoffnung geprägt.

Es sind die letzten Worte auf der letzten Seite von William Sloane Coffins Autobiographie, «Once to Every Man» («Einmal für jeden Menschen»).

Dieses Buch hat mich tief bewegt. Meine Liebe und meine Bewunderung für den Autor hat sicherlich dabei eine Rolle gespielt. Aber objektiv betrachtet, war ich betroffen von der Art und Weise, in der er sich mit den entscheidenden Anliegen unserer Zeit auseinandersetzt.

Mutig nimmt er sich diese Anliegen zu Herzen, mit all dem Leiden, das ihn das kostet und erlaubt jener Leidenschaft (das Leiden schwingt ja in dem Worte mit), seine Hoffnung zu läutern.

Das Leben selbst wird unsere Hoffnung Schritt für Schritt läutern, wenn wir mit Leidenschaft für das Mögliche leben.

Indem wir voranschreiten, werden die Grenzen des Möglichen weiter und weiter, bis in den Bereich des scheinbar Unmöglichen hinausgeschoben.

Früher oder später erkennen wir, dass das Mögliche keine festen Grenzen kennt.

Was wir für eine Grenze hielten, stellt sich als Horizont heraus.

Und wie jeder Horizont weicht er zurück, während wir uns ins volle Leben hineinbegeben.

Diese Entdeckungsfahrt, die ihren Ursprung in der Leidenschaft für das Mögliche hat, ist unsere religiöse Suche, angetrieben von der Ruhelosigkeit unseres menschlichen Herzens.

Jedes «noch nicht» lässt unsere Suche ruhelos bleiben. Jedes «schon jetzt» hält jene Ruhelosigkeit gesammelt.
[FN 1) 107-109; 2-5) 109-111; 6) 110f.]

Hoffnung kann sehen, was kein Spiegel der Welt zeigen kann.

Und so,

Happy fault, the flaw, which offending,
lets us see we have eyes for the perfect …
[2]

Glückliches Versehen, der Fehler, dessen Missfallen
uns erkennen lässt, dass wir Augen für das Vollendete besitzen.

Unsere Augen für das Vollkommene sind die Augen der Hoffnung.

Hoffnung betrachtet alles so, wie eine Mutter ihr Kind anschaut, mit einer Leidenschaft für das Mögliche.

Diese Art zu sehen ist schöpferisch.

Sie erschafft den Raum, in dem sich Vollkommenheit entfalten kann.

Mehr noch, die Augen der Hoffnung schauen durch alles Unvollkommene hindurch in das Herz aller Dinge und finden dort Vollkommenheit. [FN 1) 122; 2-5) 124f.; 6) 125]

Hoffnung als Leidenschaft für das Mögliche schärft unsere Sinne für praktische Möglichkeiten.

Sie gibt uns eine Jugendlichkeit, die das Mögliche nur durch einen immer weiter zurücktretenden Horizont begrenzt sieht.

Der adelige Geist der Hoffnung verlangt und bestimmt unseren moralischen Einsatz.

Denn Hoffnung wurzelt in unserem Herzen, wo wir mit allen verbunden ‒ und damit für alle verantwortlich sind.
[FN 1) 123; 2-5) 126; 6) 126]

Hoffnung ist eine Leidenschaft für das Mögliche.

Das «Leiden» gibt dem Wort «Leidenschaft» im Licht des Kreuzes Jesu eine neue Bedeutung.

Hoffnung, als Leidenschaft für das Mögliche, fordert leidenschaftliche Hingabe an das Mögliche ebenso, wie das Leiden für seine Verwirklichung.

Nur Geduld kann diese Doppelaufgabe leisten.

Mütterliche Geduld ist die Leidenschaft der Hoffnung.

Und da Geduld ebenso ansteckend ist wie Ungeduld, gibt sie uns die Möglichkeit, einander in der Hoffnung zu stärken.

Geduld verlangt Leidenschaft für unsere Ziele, ja, Leidenschaft selbst für unsere Hoffnungen, für die wir bereit sein müssen zu leiden, ohne uns in sie zu verkrampfen.

Im stillen Zentrum unseres Herzens begegnen wir der Fülle des Lebens als einer großen Leere.

Es muss so sein.

Denn diese Fülle ist größer als alles, was das Auge gesehen und das Ohr gehört hat.

Nur Dankbarkeit  in der Form einer grenzenlosen Offenheit für Überraschung kann die Fülle des Lebens in Hoffnung erahnen.
[FN 1) 136-138; 2-5) 139-14; 6) 140f.]

 

[1] Blumenmuskel, der der Anemone
Wiesenmorgen nach und nach erschließt,
bis in ihren Schoß das polyphone
Licht der lauten Himmel sich ergießt,

in den stillen Blütenstern gespannter
Muskel des unendlichen Empfangs,
manchmal so von Fülle übermannter,
dass der Ruhewink des Untergangs

kaum vermag die weitzurückgeschnellten
Blätterränder dir zurückzugeben:
du, Entschluss und Kraft von wieviel Welten!

Wir, Gewaltsamen, wir währen länger.
Aber wann, in welchem aller Leben,
sind wir endlich offen und Empfänger?

R.M. Rilke: Sonette an Orpheus 2. Teil, V, siehe auch: Einsichten aus Rilkes Dichtung mit Bruder David in Flüeli-Ranft / CH:
Die den Kurs begleitenden Gedichte (2014), 8]

[2] Dorothy Donnelly in «Trio in a mirror»



Quellenangaben

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