Text, Film und Audios von Br. David Steindl-Rast OSB

ja sagen titelCopyright © - Georg Stahl

Wenn die Gipfelerfahrung Sie trifft oder fortträgt oder was immer, dann ergibt alles blitzartig einen Sinn.

Nun ist das etwas ganz anderes, als wenn man mühsam die Lösung für ein Problem sucht; üblicherweise meinen wir ja, dass wir, auf diese Art und Weise schließlich dazu kommen, dass alles einen Sinn ergibt. Wir glauben, dass wir die Antwort haben, aber sobald sie da ist, tauchen neue Probleme auf. Also denken wir: Nun gut, gehen wir auch dieser Frage noch bis zum Ende nach; wir glauben, dass wir uns von Frage zu Antwort, von neuen Fragen zu neuen Antworten und zu weiteren Antworten forthangeln könnten, bis wir dann irgendwann die letzte Antwort finden. Aber was schließlich passiert ist, dass die Kette zum Kreis wird, in dem wir immer und immer und immer wieder herumgehen; die letzte Antwort wirft wieder die erste Frage auf und so geht es weiter.

In Ihrer Gipfelerfahrung wird Ihnen intuitiv bewusst, dass Sie die Frage fallen lassen müssen, um die Antwort zu bekommen.

Etwas reißt Sie fort, und für den Bruchteil einer Sekunde lassen Sie die Frage fallen, und in diesem Augenblick ist die Antwort da.

Auf einmal haben Sie den Eindruck, dass die Antwort schon immer versucht hatte, zu Ihnen durchzudringen, und dass der einzige Grund, weshalb das nicht gelang, die Tatsache war, dass Sie zu sehr mit dem Fragen beschäftigt gewesen waren.

Warum ist das so? Warum geschieht dies während unserer Gipfelerfahrung? Es scheint ein grobes Missverhältnis zwischen Ursache und Wirkung zu geben. Ich habe doch nichts anderes getan, als einem Strandläufer zuzuschauen, der den Wellen nachlief und vor ihnen wieder davonlief; ich habe doch nichts anderes getan, als wach zu liegen und dem Regen zu lauschen, wie er aufs Dach trommelte; warum sollte alles plötzlich einen Sinn ergeben?

Es gibt noch einen anderen Weg, diese Sache anzugehen.

Man könnte sagen, sofern man die Erfahrung wirklich durch und durch nachvollzieht und untersucht, dass da etwas ist, das Sie immer wieder dazu bringen will, Ja zu sagen.

Sie sehen den Strandläufer, und etwas in Ihnen sagt aus vollem Herzen Ja; oder Sie hören den Regen und Ihr ganzes Wesen sagt Ja dazu. Es ist eine besondere Art von Ja: es ist ein unbedingtes Ja.

Und in dem Augenblick, da Sie zu einem Teil der Realität Ja gesagt haben, haben Sie auch bedingungslos zu allem anderen Ja gesagt; nicht zu jedem einzelnen Ding, sondern Ja zu allem, was sie sonst in die Schubladen von «gut» und «schlecht» und «weiß» und «schwarz» und «oben» und «unten» stecken.

Sie machen plötzlich keine Unterscheidungen mehr. Sie sagen nur Ja und mit einem Mal ordnet sich alles zu einem Muster, und Sie bejahen das ganze Muster allein. [Der Mönch in uns (1978)]

Ausschnitt aus Film Aus Dankbarkeit kraftvoll führen (2019)

(39:31) Frage: «Wie erkenne ich, ob ich jetzt in Angst bin oder in Furcht?»

Bruder David: «Furcht sagt ‹Nein›, Furcht sagt immer ‹Nein›! ‒ ‹Nein, Nein, Nein, das will ich nicht›!

Angst sagt ein oft sehr zaghaftes ‹Ja›, aber doch ‹Ja ‒ es wird schon gehen ‒ es wird schon gehen› ‒ mindestens: Es ist ein Ausdruck des Vertrauens.

Den Unterschied fühlt man schon selber:

Sage ich jetzt mehr ‹Ja›, oder mehr ‹Nein› in diesem Augenblick?

Und wenn ich finde, dass ich mehr ‹Nein› als ‹Ja› sag, dann ist es Zeit zu sagen: ‹Erinnere dich doch! Du warst schon in so ähnlichen Situationen. Sträuben hilft nichts. Vertrauen bringt dich durch und kommt was Besseres heraus›.

Sich daran zu erinnern ist wichtig.

Hilft das ein bisschen?»

«Ja.» [Film Aus Dankbarkeit kraftvoll führen (2019) und Mitschrift des Vortrages]

Jedes Mal, wenn wir ein einfaches «Danke» sagen und es meinen, üben wir jene innere Gebärde des Jasagens.

Und je häufiger wir das tun, um so leichter fällt es uns.

Je schwieriger es ist, ein dankbares «Ja» zu sagen, um so mehr lernen wir, wenn wir es dennoch tun.

Das wirft neues Licht auf das Leiden und andere schwierige Geschenke.

Im gewissen Sinne sind die schwierigen Geschenke die besten, denn an ihnen wachsen wir am meisten. [FN 1) 149; 2-5) 153; 6) 152f.]

[Ergänzend:

1. In Der Mönch in uns (1978) untersucht Bruder David, wie wir jedes Gipfelerlebnis ‒ jede mystische Erfahrung ‒ paradox wahrnehmen und ausdrücken:

«Ich habe mich verloren und zugleich gefunden»: Mich-Verlieren ‒ Finden
«Wenn ich am meisten bin, bin ich mit allem eins»: Mich-Verlieren ‒ Finden
«Um die Antwort zu finden, musst du die Frage aufgeben.»

Hinweis: Der Mönch in uns (1978) ist eine Übersetzung des amerikanischen Originaltextes aus dem Jahr 1974. Kapitel 3 «Der Mystiker in uns allen» im Buch Auf dem Weg der Stille (2016), 44-63, enthält den Originaltext in der Übersetzung von Bernardin Schellenberger.

2. Retreat-Woche in Assisi (1989):
Paradoxien und Meilensteine auf dem Weg vom Gottahnen zum Gottesbewusstsein bis zum Bekennen: ‚Ich glaube an Gott‘:(07:38) Wenn ich die Frage loslasse, bin ich endlich aufgeschlossen, die Antwort zu empfangen — Ja ist die Antwort auf jedes warum?

3. Audio-Fokus aus Audio-Vortrag 1989 – Retreat-Woche in Assisi  «Die Antwort auf jedes Warum ist 'Ja' – im Wachbewusstsein.»

4. Wie das Göttliche in uns wächst (2005)
Audio und Mitschrift: Peak Experience, mystische Erfahrung, vier Kennzeichen
Siehe auch die Mitschrift des Vortrags: Wie das Göttliche in uns wächst (2005), 03:

«In diesen Augenblicken sagen wir so etwas wie ein unkonditionelles

JA
zu allem, was ist, wie es ist.
Urteilsfrei — wir urteilen nicht, wir sagen einfach JA.
Wir schauen alles an, was wir sonst gut nennen, was wir sonst böse nennen.
Ich kann es alles anschauen —
es bleibt gut, es bleibt böse, aber wir können Ja dazu sagen, was ist.
Wir sagen JA zu dem, was ist.»
]



Quellenangaben

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