Text und Video von Br. David Steindl-Rast OSB

mystik titelCopyright © - Georg Stahl

Im mystischen Erleben Gottes erfahren wir uns nicht als Wesen, die von Gott getrennt sind, sondern als Wesen, die mit dem Göttlichen eins sind. Das wird von allen Menschen ‒ ganz gleich, wie sie religiös eingestellt sind ‒ in einer innigen Weise erlebt. Da gibt es keine Glaubenssätze mehr, und der Mensch erlebt, dass sein innerstes Geheimnis eine göttliche Wirklichkeit ist: Ich kann mein Tiefstes nicht ausloten, denn diese tiefste Wirklichkeit ist meine göttliche Wirklichkeit. Das ist schon in der Bibel gut ausgedrückt: Der Mensch ist Gottes Ebenbild ‒ Gott ist es, der durch uns hindurch atmet, wir sind durch Gottes eigenes Leben lebendig und genauso auslotbar wie er. Dann erleben wir, wie das der amerikanische Dichter Edward Estlin Cummings treffend ausgedrückt hat: «I am through you so I» («Durch dich bin ich so Ich») ‒ in Deutschland haben diesen Gedanken Martin Buber und Ferdinand Ebner weitläufig ausgeführt. Zuerst bin nicht Ich, sondern Du. Ich bin nur deshalb so sehr Ich, weil es dieses Du gibt, das mir gegenübersteht und auf das ich mich beziehe. Dieses Du nennen wir in der christlichen Tradition «Vater», aber wir könnten auch genauso gut «Mutter» sagen.

Dieses Göttliche also kann jeder Mensch in sich auffinden ‒ und dann staunt er, ist überwältigt und empfindet Ehrfurcht und Dankbarkeit. Es tritt jedem als Geheimnis entgegen ‒ trotzdem umgibt es uns von allen Seiten. Es überragt alles ‒ trotzdem können wir es als Du persönlich fassen und erleben, ob wir nun Buddhisten oder Christen sind. Und wenn wir uns fragen: Was erleben wir eigentlich zutiefst? So ist die Antwort: Wir erleben unsere eigene Lebendigkeit, die aus der Beziehung zu diesem Du entsteht. Wir spüren das Leben in uns durch die Beziehung, in der die Liebe vom Du zum Ich fließt und vom Ich zum Du zurückfließt. Und diesen Fluss nennen wir in der christlichen Tradition den Heiligen Geist. [ST 95f., Quelle: Gelebte Dankbarkeit]

Gibt es überhaupt religiöses Wissen, das diesen Namen verdient und nicht aus Erfahrung stammt? Wenn religiöse Traditionen vom göttlichen Leben in uns sprechen, dann setzen sie zumindest implizit unsere Höhepunkte wacher Bewusstheit voraus, unsere mystischen Erfahrungen. Wir sind alle Mystiker. Wenn Mystik definitionsgemäß die Erfahrung der Kommunion mit der letzten Wirklichkeit ist (mit Gott, wenn du dich mit dem Begriff wohlfühlst), wer könnte dann abstreiten, ein Mystiker zu sein? Ohne irgendwelche Erfahrungen einer letzten Wirklichkeit wüssten wir nicht einmal, was mit Wirklichkeit im alltäglichsten Sinn gemeint ist. Wir wüssten nicht einmal, was «ist» bedeutet oder «jetzt». Wir wissen es aber.

Ebenso wie wir Kontemplation nicht den Kontemplativen überlassen dürfen, so können wir die Mystik nicht den Mystikern überlassen. Das hieße, die Wurzeln menschlichen Lebens abzuschneiden. Setzen wir die Mystiker in unseren Gedanken auf ein Podest, hoch oben und außerhalb unserer Reichweite, dann werden wir weder ihnen noch uns selbst gerecht. Ähnlich dem, was Ruskin über das Künstlersein äußerte, könnten wir sagen: Ein Mystiker ist keine besondere Art Mensch; vielmehr ist jeder Mensch eine besondere Art Mystiker. Warum sollte ich mich der Herausforderung nicht stellen und jener einzigartige, unersetzliche Mystiker werden, der nur ich werden kann? Niemals hat es jemanden gegeben, und niemals wird es jemanden geben, der mir völlig ähnlich ist. Wenn ich es versäume, Gott in der nur mir eigenen Weise zu erfahren, dann wird jene Erfahrung für immer und ewig im Schattenland der Möglichkeiten bleiben. Mache ich jedoch diese Erfahrung, dann lerne ich das Leben in Fülle durch das göttliche Leben in mir selbst kennen. [ST 96f., Quelle: FN 1) 76f.; 2-5) 78f.; 6) 79f.]

[Grundlegend: Steindl-Rast, David: Mystik als Grenze der Bewusstseinsrevolution: Eine Betrachtung, in: Stanislav Grof (Hrsg.): Die Chance der Menschheit: Bewusstseinsentwicklung ‒ der Ausweg aus der globalen Krise (1988), 168-194]

[Grundlegend: David Steindl-Rast: Die Religion religiös machen in: Erhard Doubrawa (Hrsg.): Verbunden trotz Abstand: Von Gipfelerlebnissen und mystischen Erfahrungen (2021), 43-67, sowie: Einführung von David Steindl-Rast in: Abraham Maslow: Jeder Mensch ist ein Mystiker: Impulse für die seelische Ganzwerdung (2014), 7-13]

[Ergänzend folgende Interviews: Mystiker sind wie Hechte im Karpfenteich: Interview mit Br. David Steindl-Rast im Kirchenbote, Zürich) (2005). ‒ Wir können alle Mystiker sein: Interview mit David Steindl-Rast von Gisela Remler (2009). ‒ Jeder Mensch ist ein Mystiker: Interview mit Br. David Steindl-Rast in den «Salzburger Nachrichten» (2010). ‒ Jeder Mensch ist zutiefst darauf angelegt, Mystiker zu sein: Interview mit David Steindl-Rast von Evelin Gander) (2020)]

[Mitschrift des Videos «Der Atem der Stille: Mystik heute» (2006) vom Gespräch mit Willigis Jäger und Br. David Steindl-Rast.
Video auf YouTube: Mystik für alle ‒ ist jeder Mensch ein Mystiker (2017)]



Quellenangaben

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