Text und Audio von Br. David Steindl-Rast OSB

dankesspirale titelCopyright © - pixabay

Der Ausdruck des Dankes ist ein wesentlicher Bestandteil der Dankbarkeit, er ist ebenso wichtig wie das Erkennen des Geschenks als solches und die Anerkennung meiner Abhängigkeit. Man denke nur an die Hilflosigkeit, die wir empfinden, wenn wir ein anonymes Geschenk erhalten und folglich nicht wissen, wem wir dafür danken sollen. Erst wenn unser Dank zum Ausdruck gekommen ist und akzeptiert wurde, ist der Kreis des Gebens und Dankens geschlossen und ein Austausch zwischen Geber und Empfänger hergestellt.

Allerdings ist das Bild vom geschlossenen Kreis nicht besonders gut gewählt. Austausch ist wohl eher mit einer Spirale zu vergleichen, in der der Geber den Dank entgegennimmt und so selbst zum Empfänger wird. So wird die Freude des Gebens und Empfangens immer stärker.

Die Mutter beugt sich über das Kind in der Wiege und reicht ihm eine Rassel. Das Baby erkennt das Geschenk und erwidert das Lächeln der Mutter. Die Mutter, ihrerseits hochbeglückt von der kindlichen Geste der Dankbarkeit, hebt das Baby hoch und küsst es.

Das ist sie, die Spirale der Freude.

Ist nicht der Kuss ein größeres Geschenk als das Spielzeug?

Ist nicht die Freude, die darin zum Ausdruck kommt, größer als die Freude, die unsere Spirale ursprünglich in Bewegung setzte?

Die Aufwärtsbewegung der Spirale deutet jedoch nicht nur an, dass die Freude stärker geworden ist. Vielmehr sind wir zu etwas völlig Neuem gelangt.

Ein Übergang hat stattgefunden.

Ein Übergang von der Vielheit zur Einheit:

Zu Anfang waren es Geber, Geschenk und Empfänger; daraus wird die Umarmung, die Danksagung und entgegengenommenen Dank umfasst.

Wer kann im abschließenden Kuss der Dankbarkeit noch zwischen Geber und Empfänger unterscheiden?

Bedeutet Dankbarkeit nicht einen Übergang vom Misstrauen zum Vertrauen, von stolzer Isolation zu demütigem Geben und Nehmen, von der Versklavung in falscher Unabhängigkeit zur Selbst-Annahme in der befreienden Abhängigkeit?

Ja, Dankbarkeit ist die große Geste des Übergangs.

«Wir sind nicht einig. Sind nicht wie die Zugvögel verständigt»,

schreibt Rilke in den «Duineser Elegien».

Unser Übergang ist nicht durch den Instinkt vorbestimmt.

Uns sind nur Ahnungen gegeben wie jede Regung der Dankbarkeit in unserem Herzen, und die Freiheit, diesen Ahnungen zu folgen.

Und selbst den Nicht-Christen unter uns erlaubt die Erfahrung der Dankbarkeit zumindest eine gewisse Annäherung an die christliche Überzeugung, dass die Dankesspirale das dynamische Muster jeglicher Realität ist.

Innerhalb der absoluten Einheit des dreieinigen Gottes ist Raum für einen ewigen Austausch von Geben und Danken, für eine Spirale der Freude.

Der Vollzug dieses Übergangs führt uns zur Einheit mit uns selbst, zur Einheit mit allen anderen und zur einen Quelle des Lebens.

Denn «… nur darauf kommt es an: dass wir uns verbeugen, tief verbeugen können. Nur das, einfach nur das».[1]
[AH 1-2) 144f., 150, 154f.; 3-5) 140f., 146, 149-151; SD 44f., 49, 52-54]

[Auszug aus: Dankbarkeit und Opferritus]

 

[1] Aus einer Ansprache des Rev. Eido Tai Shimano, eines japanischen Zen-Meisters, der bei der Gesellschaft für Zen-Studien in New York unterrichtet

[Ergänzend: Fülle und Nichts: (01:47) Wir sind nicht wie die Zugvögel verständigt‘ (Rilke, Die vierte Elegie) – horchen, gehorchen, Gehorsam als Methode und Ziel)

[Ergänzend: Wachstumsprozess]



Quellenangaben

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