Interviews, Film, Text, und Audios von Br. David Steindl-Rast OSB

fuerchte dich nichtCopyright © - Ronja Forster

«Eine der wichtigsten Unterscheidungen, auf die ich immer wieder hinweisen muss, ist die Unterscheidung zwischen Angst und Furcht.

Angst ist unvermeidlich, besonders wenn wir es mit großen Gefahren wie dem Virus zu tun haben.

Sich fürchten heißt, sich gegen die Angst zu sträuben.

Das ist nutzlose Verschwendung von unserer Energie. Das können wir uns nicht leisten. Wir benötigen gerade bei hoher Gefährdung all unsere Energie, um konstruktiv mit der Gefahr umgehen zu können. 

Wenn man mir sagt: ‹Hab‘ keine Angst!›, dann bemerke ich oft erst, dass reichlich Grund für Angst vorhanden ist.

‹Fürchte dich nicht!› ist etwas ganz anderes.

Je grösser die Angst, umso grösser der Mut, der sie furchtlos durchzustehen wagt.

Jede Gefahr fordert uns heraus, furchtlos durch die Enge unserer Angst hindurchzugehen, wie wir ja schon bei unserer Geburt die Enge des Geburtskanals überstehen müssen.

Durch Mut werden wir zwar die Angst nicht los, aber die Furcht bleibt uns erspart. Wir vertrauen auf etwas, das sich durch Lebenserfahrung immer wieder bewahrheitet:

Angst ist ein Tunnel, an dessen Ausgang uns eine neue Geburt bevorsteht.

Wenn wir heute mutig mit der Gefahr der Pandemie umgehen, dann ist noch gar nicht abzusehen, wieviel gutes Neues wir gemeinsam daraus machen können.

Der dringende Rat also, den ich Menschen mitgeben möchte, die sich vor dem Virus fürchten ist dieser:

‹Fürchte dich nicht!›

In der Bibel soll dieser Aufruf 365mal vorkommen. Ich hab’s nicht nachgezählt, aber es kann nicht schaden, uns an jedem Tag des Jahres mindestens einmal zuzurufen:

‹Fürchte dich nicht!›»

[Worum sich letzlich alles dreht: Bruder David im Interview vom Tyrolia Verlag kurz vor seinem 95. Geburtstag am 12. Juli 2021]

(Filminterview 34:44)     «Mein innigster persönlicher Wunsch ist eigentlich, inmitten aller Angst die Furcht in mir selber zu überwinden und andern Menschen zu helfen, sich nicht zu fürchten.

Denn alles, was schief geht, entspringt dieser Furcht. Und wenn man zu Menschen freundlich ist – richtig freundlich sein –, dann nimmt man ihnen irgendwie die Furcht weg.

Die Angst kann man niemandem wegnehmen, nur die Furcht:

‹Sträube dich nicht!›

Und darum kommt es mir sehr viel drauf an, freundlich zu sein.

Ich hoffe immer, wenn ich in der Früh die Augen aufschlage, dass ich heute einmal Gelegenheit habe, wirklich jemandem was recht Liebes zu tun, was sie freut.

Und wenn wir uns freuen, bricht dieser Sträube-Mechanismus irgendwie zusammen und dann fürchten wir uns nicht.

Das ist schon der wichtigste Satz:

‹Fürchte dich nicht!›

Und den möchte ich selber verwirklichen und Andern dazu helfen.» [Filminterview von Ramon Pachernegg mit Bruder David (2017), siehe auch Transkription]

[Ergänzend:

1. Jeder Mensch ist zutiefst darauf angelegt Mystiker zu sein (2020): Interview mit Bruder David von Evelin Gander:

«Sterben gehört ebenso zum Leben, wie Geborenwerden. Deshalb habe ich keine Angst vor dem Tod als solchem. Wenn der Apfel reif ist, fällt er ab vom Baum. Ausreifen zu dürfen ist ein großes Geschenk. Ich bin dankbar für die Gelegenheit, auch jetzt noch dazulernen zu dürfen im hohen Alter.

Was mir Angst macht, ist das Drum und Dran beim Sterben – das Kranksein, das ja meist dazugehört, vielleicht Schmerzen und jedenfalls der zunehmende Verlust körperlicher und geistiger Fähigkeiten, der schon jetzt beginnt.

Aber ich weiß aus Erfahrung, dass wir uns nicht fürchten müssen vor den Engpässen, durch die das Leben uns führt. Furcht sträubt sich gegen die Angst und bleibt dadurch in der Enge stecken.

Wenn wir aber unsere Angst zulassen und vertrauensvoll auf sie zugehen, dann führt das Leben uns hindurch, wie durch einen engen Geburtskanal. Wir können uns in diesem Vertrauen üben. Das ist eine gute Vorbereitung auf den Tod.»

2.1. Musik der Stille (2015): MS 2-3) 132, 134, 140; 4) 142, 143f., 149f.:

«Wir haben Schwierigkeiten, uns die Angst vor der Nacht vorzustellen, unter der Menschen früherer Jahrhunderte litten. Wir machen einfach Licht, und die Dunkelheit ist weg. Aber wir wissen, wie Kinder unwillkürlich Angst vor der Dunkelheit haben, und manchmal überkommt auch uns die Angst, von der Schwärze verschluckt zu werden, wenn etwa der Strom ausfällt oder uns die Dunkelheit bei einer Wanderung in einer unwegsamen Gegend überrascht.

Im Wesentlichen ist unsere Furcht vor der Dunkelheit die Furcht vor dem Unbekannten. Und genauso, wie wir die äußere Dunkelheit fürchten, fürchten wir auch die Dunkelheit in den verborgenen Winkeln unserer Seele.

Die Furcht ist der Maßstab des Glaubens.

Furcht an sich ist nichts, solange ihr der Glaube um eine Nasenlänge voraus ist.

Je größer die Furcht, desto herrlicher der Mut des Glaubens, der sie überwindet.

Wenn wir die Höhen des Glaubens erklimmen wollen, müssen wir unsere Ängste geradewegs anschauen und sie auf die einfache, aber direkte Frage zurückführen:

‹Was macht mir eigentlich Angst›?

Wenn wir diese Frage stellen, geben wir unseren Ängsten Gestalt und definieren sie, und das nimmt ihnen die Macht. Alpträume üben nur so lange Macht über uns aus, wie sie undefiniert bleiben.»

2.2. Musik der Stille (2015): MS 2-3) 138f.; 4)148f.:

«Das zentrale biblische Thema vom Reich Gottes ist ein Archetyp für die Welt, wie Gott sie wollte: ein Ort, an dem wir daheim sind und uns als Mitschöpfer betätigen. Wenn wir uns diesem Zugehörigkeitsgefühl zum Universum anvertrauen, geht alles gut, und wenn uns das Schlimmste zustößt, können wir sogar darin einen Sinn sehen.

Wenn wir jedoch dieses Vertrauen nicht haben und unserer Ängstlichkeit nachgeben, dann ist das Schlimmste bereits geschehen. Dann machen wir uns zu existentiellen Waisen in einer fremden Welt.

Letztlich haben wir die Wahl, im Universum zu leben und das Universum als das Zuhause anzusehen, das Gott für uns geschaffen hat, oder in Angst und Misstrauen zu leben.

Wir müssen uns entscheiden.

Das ist die wichtigste Entscheidung, die wir jeden Tag, den wir verleben, zu treffen haben. Wenn wir vertrauen, sind wir in Frieden; wenn nicht, werden wir es nie sein.

Eines jeden Herz stellt der Nacht diese Frage: Bin ich sicher und geliebt?

Wir müssen sie jedem, vor allem unsern Kindern vermitteln.

Wenn wir aufwachen, ohne dass irgendjemand uns diese Sicherheit vermittelt, dann ist es schwierig, überhaupt je in dieser Welt heimisch zu werden.

Jeder kennt solche unglücklichen Menschen, die nie Sicherheit und Liebe erfahren haben. Wenn uns niemand hilft, das Universum als unser göttliches Zuhause zu erfahren, dann sind wir alle, um eine eindrucksvolle Wendung Robert Heinleins zu gebrauchen, ‹Fremde in einem fremden Land.›»

3.1. Audios Credo ‒ Ein Glaube, der alle verbindet (2010): Im Oktober 2010 stellte Bruder David sein neues Buch «Credo: Ein Glaube, der alle verbindet» vor in Vorträgen in Freiburg im Breisgau, München und Wien. In diesen Vorträgen spricht Bruder David davon, dass unsere Vorurteile schwinden, je furchtloser wir uns Andern nähern:

Audio-Fokus aus dem Vortrag in München / (27:27) «‹Fürchte dich nicht› ‒ mein liebstes Bibelwort»

3.2. Audio-Fokus aus dem Vortrag 2010 ‒ Fragen in WendezeitenMut und Vertrauen finden ‒ Fragerunde / (37:41) «‹Fürchte dich nicht› ‒ auch vor der Hölle nicht»]



Quellenangaben

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