Text und Filme von Br. David Steindl-Rast OSB

furcht b kraehmer titel neuCopyright © - Barbara Krähmer

Wir können dem Leben Vertrauen schenken oder uns fürchten. Die Wahl zwischen diesen beiden Grundhaltungen steht uns frei.

Zu welcher Option wir neigen, erweist sich ganz praktisch an unsrem Lebensmut im Alltag.

Das Gegenteil von Glauben ist ja nicht Zweifel oder Unglaube, sondern Furchtsamkeit.

Hier müssen wir wieder eine wichtige Unterscheidung beachten - nämlich zwischen Angst und Furcht.

Angst ist im Leben unvermeidlich, Furcht wählen wir selbst.

Das Wort «Angst» hat die Grundbedeutung «würgen» und ist mit dem lateinischen Wort «angustia» verwandt, das «Enge» bedeutet.

Das Leben treibt uns immer wieder einmal in die Enge. Dann können wir würgende Angst empfinden und stehen vor der Wahl zwischen Vertrauen und Furcht.

Das Vertrauen sagt, «Auch dies gehört zum Leben», erkennt die Gefahr und geht so ruhig wie möglich mit ihr um.

Im Gegensatz dazu gerät die Furcht in Panik und verschwendet ihre Energie daran, sich gegen die Angst zu sträuben: aus Furcht stellen wir unsre Widerstandsborsten auf ‒ und bleiben dadurch in der Enge stecken.

Wir dürfen aber dem Leben vertrauen; es wird uns schon irgendwie durch den Engpass durchbringen.

Wir sind ja auch durch einen engen Geburtskanal in diese Welt gekommen. Und jede noch so beängstigende Enge unsres Lebensweges kann zu einer neuen Geburt führen.

Im Rückspiegel unsres Lebens können wir sehen, dass aus Schicksalsschlägen, die uns erst große Angst bereiteten, dann doch ganz unerwartet gutes Neues geboren wurde.

Wir können, rückblickend auf solche Erfahrungen, Mut schöpfen, wenn unser Blick nach vorne keinen Ausweg erspähen kann.

Letztendlich läuft alles darauf hinaus, entweder darauf zu bestehen, dass das Leben so sein müsste, wie wir es uns wünschen, oder uns der Strömung des Lebens, wie es ist, anzuvertrauen ‒ nicht aber willenlos wie Treibholz, sondern wie Fische, die mit jeder Bewegung hellwach der Strömung antworten. [Orientierung finden (2021), 74f.]

(Film 39:31) Frage: «Wie erkenne ich, ob ich jetzt in Angst bin oder in Furcht?»

Bruder David: «Furcht sagt ‹Nein›, Furcht sagt immer ‹Nein›!‹Nein, Nein, Nein, das will ich nicht›!

Angst sagt ein oft sehr zaghaftes ‹Ja›, aber doch ‹Ja ‒ es wird schon gehen ‒ es wird schon gehen› ‒ mindestens: Es ist ein Ausdruck des Vertrauens.

Den Unterschied fühlt man schon selber:

Sage ich jetzt mehr ‹Ja›, oder mehr ‹Nein› in diesem Augenblick?

Und wenn ich finde, dass ich mehr ‹Nein› als ‹Ja› sage, dann ist es Zeit zu sagen:

‹Erinnere Dich doch! Du warst schon in so ähnlichen Situationen. Sträuben hilft nichts. Vertrauen bringt Dich durch und kommt was Besseres heraus›.

Sich daran zu erinnern ist wichtig.» [Bruder David im Film Aus Dankbarkeit kraftvoll führen (2019); Mitschrift des Vortrages]

(Filminterview 26:47)    «An dem Beispiel der Flüchtlinge und der Flüchtlingskrise, in der wir leben, zeigt sich eigentlich recht schön, wie das im Praktischen ausschaut:

Aus der Furcht ‒ Furcht vor den Andern: Fremdenfurcht und Furcht, wir können es nicht bewältigen ‒ das ist ja auch eine Furcht ‒, sträubt man sich.

Die Angst ‒ ‹Wie sollen wir mit so Vielen auskommen, wie können wir das lösen?› ‒ diese Angst ist ganz verständlich, die sollten wir auch anerkennen.

Und zu behaupten: ‹Ich habe keine Angst: Das ist auch nur eine Form, sich gegen die Angst zu sträuben, das ist auch Furcht.

Aber zuzugeben: ‹Ja, das ist wirklich beängstigend›, und dann zu sagen:

‹Aber das Leben hat uns in diese Situation gebracht, das Leben wird uns auch schöpferische Wege zeigen, mit dieser Situation umzugehen›:

Das ist schon der Ansatzpunkt, das ist schon ein ganz anderer Ansatzpunkt, der Kreativität erlaubt.

Es heißt noch nicht: ‹Ich weiß schon, was man da machen muss ‒, ich habe schon alles ausgedacht›

‹Keine Ahnung, ich habe sogar Angst, dass mir gar nichts einfallen wird. Aber ich vertraue, ich sträube mich nicht. Diese Situation ist gegeben. Ich baue keine Zäune, das ist das Sträuben. Ich setze mich damit auseinander und gemeinsam werden wir irgendeine Lösung finden.›

Man braucht noch nicht das Rezept zu haben, man muss nur die Haltung haben, aus der früher oder später die Lösung sich entwickelt.

Vielleicht ganz ohne Rezept sich einfach entwickelt, weil man gewisse Grundsätze, zum Beispiel Ehrfurcht vor dem Andern: Das ist ja nicht nur Nummer 50364 von den Flüchtlingen, das ist ein Mensch mit einem ganz eigenen Schicksal ‒, dem trete ich ehrfürchtig entgegen und versuche gemeinsam:

‹Was können wir da machen?›

Und wenn genügend Leute fragen: ‹Was können wir da machen?› ‒ das ist schon ein Weg auf eine Lösung hin, wenn genügend Leute fragen.

… Aber das Gegenteil ist, zu sagen: ‹Abschließen, Mauern, Zäune, niemanden mehr hereinlassen› …» [Filminterview mit Bruder David von Ramon Pachernegg (2017), siehe auch Transkription]

[Ergänzend:

1. FURCHT, in: Das ABC der Schlüsselworte, im Buch: Orientierung finden (2021), 138

«Furcht ist unser willkürliches Sträuben gegen unwillkürliche Angst. Auf den ersten Blick erscheint uns dieses Sträuben so selbstverständlich, dass wir es als unwillkürlich einschätzen.

Bei näherem Zusehen zeigt sich, dass Angst unumgänglich ist, Furcht uns aber freisteht.

Zwar stimmt es, dass Angst spontane Körperveränderungen auslöst, die Lebewesen zu Kampf- oder Fluchtreaktionen bereitmachen. Kampf bezieht sich hier aber auf die Abwehr der Gefahr, nicht auf den Kampf gegen Angst, wie die Furcht es ist.

Durch Übung unsres Lebensvertrauens können wir lernen, Furcht gar nicht erst aufkommen zu lassen, wenn uns Angst ergreift.

Furcht bleibt in der Angst stecken und kann leicht zu Panikreaktionen führen. Eine furchtlose Lebenshaltung hingegen ermöglicht uns besonnenes und nüchternes Verhalten in beängstigenden Lagen und trägt viel dazu bei, diese zu bewältigen.»

2. Jeder Mensch ist zutiefst darauf angelegt, Mystiker zu sein (2020): Interview mit Bruder David von Evelin Gander:

«Die Unterscheidung zwischen Angst und Furcht, die ich bei Ihrer Frage über Angst vor dem Tod angesprochen habe, kann jungen Menschen helfen. Die Lebensangst der Jungen entspricht der Todesangst der Alten.

Für beide gilt: Furcht sträubt sich gegen die Angst, stellt die Borsten auf, und bleibt so in der beängstigenden Enge stecken.

Wenn wir aber mutig auf die Angst zugehen und sie durchstehen, dann führt uns das Leben in ungeahnte, neue Weiten.

Dieses Erlebnis stärkt, wie kaum sonst etwas, unseren Lebensmut, aber in der Jugend haben wir vielleicht noch nicht bewusst diese Erfahrung gemacht. Wir brauchen Ältere, die uns darauf hinweisen – Lehrer.»

3. Von Augenblick zu Augenblick (2019): Interview mit Bruder David von Ester Platzer:

«Furcht ist das Gegenteil von Vertrauen und Glauben. Sie wird oft mit Angst verwechselt. Angst ist aber im Leben unvermeidlich. Wenn wir Angst haben, fühlen wir uns beengt. Es gibt jedoch die Möglichkeit, sich vor der Enge nicht zu fürchten und vertrauensvoll in diese hineinzugehen. Furcht fühlt sich an, als würde man Widerstand leisten, da stellt man die Borsten auf und bleibt stecken. Wenn man jedoch vertrauensvoll in eine beängstigende Situation hineingeht, kommt man auf der anderen Seite mit neuer Stärke hinaus.»

«Spiritualität ist Vertrauen ins Leben und damit das genaue Gegenteil von Lebensfurcht. Denn sich vor dem Leben zu fürchten, bedeutet auch, sich gegen das Leben zu sträuben. Der Dialog mit dem Leben ist letztlich also immer ein Dialog mit Gott.»

«Wenn wir ins Leben vertrauen, dann haben wir auch keine Furcht vor dem Tod oder dem Sterben. Der Tod gehört zum Leben dazu. Heutzutage ist das Sterben meistens verbunden mit Dingen, für die wir nicht dankbar sein können. Oft findet eine Entpersonalisierung statt, man wird einfach zu einer Nummer in einem Spital. Sterben gehört aber einfach zum Leben dazu, auch der letzte Augenblick wird nur ein Augenblick.»]



Quellenangaben

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