Text, Filme und Audios von Br. David Steindl-Rast OSB

angst b kraehmer titelCopyright © - Barbara Krähmer

Geburt gilt überall in der Welt als ein freudiger Anlass; und sie ist es auch. Aber wir wollen nicht vergessen, um welchen Preis diese Freude erkauft werden muss, was beide, die Mutter und auch das Neugeborene, da durchleiden müssen.

Nachdem meine arme Mutter mit mir als Erstgeborenem mehr als 24 Stunden lang in Wehen lag, bis ich dann (nicht mit dem Kopf, sondern mit der rechten Hand zuerst) ans Tageslicht kam, hat das sicher auch mich allerhand gekostet und hat mein Lebensgefühl wohl entscheidend geprägt. Aber wir haben’s geschafft.

Ja, alle von uns dürfen rückschauend sagen: «Wir haben’s geschafft!» – rückschauend nicht nur auf unsere Geburt, sondern auf jede Lebenslage, die uns in die Enge trieb und uns Angst machte.

Angst und Enge sind ja im Deutschen wurzelverwandte Wörter und sicher nicht zufällig; unser menschliches Urerlebnis von Angst ist ja die Enge des Geburtskanals. Durch diese Enge gehen wir aber noch mit instinktiver Bereitschaft hindurch; erst später müssen wir mühsam erlernen, uns auf jede Angst so furchtlos einzulassen, wie uns das bei unserer ersten Angst spontan gelang.

Furchtlos ist da das entscheidende Wort.

Angst ist im Leben unvermeidlich; zwischen Furcht und Mut aber können wir wählen:

Furcht sträubt sich gegen die Angst (und bleibt so in der Enge stecken); Mut lässt sich voll Vertrauen auf die Angst ein (und findet so den Weg ins Weite). Mut nimmt dabei die Angst nicht weg; im Gegenteil: Wer nicht Angst hat braucht ja keinen Mut und hat auch keinen.

Wer aber mitten in der Angst aufs Leben vertraut, den führt das Leben durch jede Angst zu einer neuen Geburt. Zum Beweis genügt es, wenn wir zurückblicken auf die Engpässe unseres Lebens: Je drückender die Beängstigung, umso strahlender das überraschend Neue, das daraus hervorgeht. Es hilft mir, mich immer wieder daran zu erinnern.

Erinnerung an diese Lebenserfahrung kann uns allen helfen, besonders in Zeiten einer «großen Bedrängnis, wie sie nicht war vom Anfang der Welt bis jetzt.» (Mt 24,21).

Ja, Ängste bedrängen uns von allen Seiten und sie zu leugnen, wäre selbst Ausdruck eines furchtsamen Sträubens gegen nüchternes Hinschauen auf die gegebene Welt.

Was wir dennoch feiern dürfen ist unser Lebensvertrauen und den Lebensmut, der daraus aufblüht «mitten im kalten Winter.»

Das Kind, mit dem unsere Welt in Wehen liegt, ist eine ganze Menschheit mit neuem, höherem Bewusstsein. Diese Neugeburt verantwortungsbewusst und bereitwillig durchzustehen, darum geht es. [Weihnachtsgrüße 2015]

[Ergänzend:

1. ANGST, in: Das ABC der Schlüsselworte, im Buch: Orientierung finden (2021), 129f.:

«Angst und Furcht sind zwei Wörter, die im sorgfältigen Sprachgebrauch nicht verwechselt werden sollten.

Angst lässt sich im Leben nicht vermeiden. Sie ist die unwillkürliche Reaktion auf Bedrohliches und löst körperliche Veränderungen aus. Dazu gehört ein Gefühl der Enge und Beengung in Brustkorb und Kehle. Diese Enge ‒ im Lateinischen «angustia» ‒ gibt der Angst ihren Namen.

Wir können nun durch die Bedrohung, die Angst auslöst, mutig hindurchgehen; wir können aber auch innerlich Widerstand leisten und uns innerlich sträuben.

Das Sträuben gegen die Angst heißt Furcht.

Was den Unterschied zwischen den beiden ausmacht, ist das Lebensvertrauen, auf das der Mut sich stützt.

Denn der Furcht fehlt Vertrauen.

Das Urerlebnis von Angst ist die Geburt. Die Ur-Enge, durch die wir hindurchmüssen, ist der Geburtskanal. Was wir als Embryo bei der Geburt instinktiv tun, das verlangt das Leben von uns immer wieder: dass wir uns dem Fließweg des Lebens anvertrauen. Sooft wir das tun, führt uns die Angst zu einer neuen Geburt. Wir dürfen dies selbst von der Todesangst erhoffen.»

2.1. Im Filminterview (Transkription) (2017) mit Ramon Pachernegg spricht Bruder David über den Zusammenhang von Ich und Selbst / Ich und Ego und den Unterschied von Angst und Furcht:

(21.45) «Angst ist unvermeidlich im Leben. Jeder Mensch hat immer wieder Angst.

Das heißt: Angst hängt zusammen mit dem Wort Enge:

Wir kommen immer wieder in die Enge, wir kommen sogar schon in die Welt durch die Enge des Geburtskanals ‒ das ist unsere Urangst ‒, aber wir kommen furchtlos, denn wir haben den Instinkt, uns aufs Leben zu verlassen und durchzugehen. So kommen wir ins Leben.

Und immer wieder, wenn wir in die Enge kommen und furchtlos durch diese Angst durchgehen ‒ ‹ja, ich habe Angst, aber ich fürchte mich nicht› ‒, dann kommt eine neue Geburt.»

2.2. Im Film Aus Dankbarkeit kraftvoll führen (Mitschrift) (2019) spricht Bruder David ebenfalls über Angst und Furcht im Zusammenhang mit Lebensvertrauen:

(08:37) «Wodurch wird Euer Lebensvertrauen herausgefordert? Durch Angst. ‒ Durch Angst.»

3.1. Audio Fülle und Nichts (1996):

(19:17) Das Gegenteil von Glaube ist nicht Unglaube, sondern Misstrauen, Angst / (20:09) Vertrauender Glaube hält Überzeugungen fest, aber doch leicht / (21:14) Aber nichts verbessert sich, wenn wir uns jetzt noch vor der Angst ängstigen. Warum betrachten wir nicht stattdessen Angst als notwendige Voraussetzung für Mut? / (22:12) Wie den Hanserl unterweisen? / (24:05) Angst, unvollkommen zu sein / (24:34) Angst treibt uns immer tiefer genau in das hinein, was wir fürchten Unterschied von Angst und Furcht / (25:37) Angstbesetzte Idealvorstellungen von Vollkommenheit, Gott, Vollendung und das Wagnis des Glaubens / (28:17) Die Angst, unnütz zu sein / (33:00) Angst vor Misserfolg – Gelassenheit üben / (34:35) Angst, nichts Besonderes zu sein / (36:25) Angst, nicht genug zu wissen – Sich ergreifen lassen (Bernhard von Clairvaux) / (38:50) Die Angst, nicht anerkannt zu werden / (40:33) Die Angst vor Enttäuschung – Mut, durch jede Enttäuschung zur Wahrheit zu gehen / (41:56) Angst, schwach zu sein / (43:19) Angst vor dem Neuen

3.2. Audio Die Kraft der Visionen (1991): Bruder David im Gespräch mit Baker Roshi:

(39:37) «Die Angst ist heute die stärkste Waffe derer, die die Welt zerstören»]



Quellenangaben

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