Text, Interview und Audio von Br. David Steindl-Rast OSB

krise g stahl titelCopyright © - Georg Stahl

Eine Krise ist immer eine Läuterung, wenn wir sie richtig verstehen. Das Wort «Krise» selbst geht auf eine Wurz zurück, die «aussieben» bedeutet. Die Krise ist ein Trennen, ein Aussieben dessen, was machbar ist und über das hinausführt, was tot ist und zurückgelassen werden muss.

In persönlichen Krisen sind immer drei Elemente enthalten: Das erste ist die Einsicht, dass es so nicht weitergehen kann, wir stehen vor einer Wand. Dann kommt die Einsicht, dass wir Ballast abwerfen müssen, wenn wir weiterkommen wollen. Die dritte und wichtigste Einsicht in diesem Prozess ist, dass wir innere Führung brauchen.

Es kommt darauf an zu erspüren, was es ist, das wir abwerfen müssen, um dieses scheinbar unbezwingliche Hindernis zu überwinden.

Letztlich müssen und dürfen wir uns dann von jener segensreichen Lebenskraft leiten lassen, die immer in uns fließt, auch wenn wir uns dessen nicht bewusst sind.

Wenn wir uns in unserer Hilflosigkeit vertrauend öffnen und fragen: «Was kann mich jetzt führen? Ich bin hilflos, aber ich vertraue darauf, dass es eine Führung gibt», dann bekommen wir immer Antwort.

Manchmal bekommen wir unerwartete Wegweisungen: Wir lesen etwas, was genau auf unsere Situation zuzutreffen scheint, oder wir begegnen jemandem, der genau das richtige Wort für uns hat. Manchmal findet die Neuausrichtung auch völlig innerlich statt, durch einen Traum oder eine unerwartete Einsicht. Auch ein glücklicher Zufall kann uns helfen.

Ganz plötzlich wird uns die Weisung, die wir brauchen, geschenkt.

Was wir in die Krise einbringen müssen, ist Vertrauen. Und ein vertrauensvolles Warten ist eine wahrhaft innige Form des Betens.
[ST 80f., Quelle: MS 1) 118f.; 2-3) 104f.; 4) 110f.]

[Ergänzend: Audio-Vorträge und weitere Links zu Interview / Texten:

1. Das Leid des Lebens zu Herzen nehmen – Goldegger Dialoge 18.-20.06.1992, siehe auch Tagungsband Schmerz – Stachel des Lebens (AT).
Drittes Seminar mit Br. David im Pfarrsaal bei der Georgskirche Goldegg
(15:19) Das Leben führt uns immer wieder in Krisen.

O-Ton Bruder David:

«Ganz formell gesprochen, ist es entweder eine Krise, dann kommt man durch oder es war eine Sackgasse, dann bleibt man drinstecken.

Das Wort Krise beinhaltet schon, dass man durchkommt. Sonst ist es eine Sackgasse und man bleibt drinstecken. Krise hängt mit dem Wort Sieb zusammen im Deutschen. Es ist eine Situation, in der das Lebensfähige von dem zum Absterben verurteilten ausgesiebt wird. Das Lebensfähige bleibt zurück und das, was sterben muss, das fällt durch. Das ist das grundsätzliche Bild, das hinter dem Wort Krise steht.

Man kann das vielleicht auch so sehen, dass zu einer Krise immer drei Phasen gehören, drei Elemente und das erste ist das Erlebnis: So geht es nicht weiter! Also das Anstehen. Der Anstoss. Wir stossen an etwas an. Und wenn wir daran zerbrechen, dann wars keine Krise.

Wenn es zum Anstoss wird fürs Weitergehen, für eine ganz neue Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit oder der Aufstieg zu einer neuen Ebene, dann können wir von einer Krise sprechen.

Diese Phase drückt sich meistens auch in Dunkelheit aus, des Lebens Dunkelstunden, wie Rilke das nennt.

Das Leben geht von Krise zu Krise und wenn wir keine Krise haben, dann geht’s bestenfalls so dahin, aber nicht wirklich lebendig und nicht wirklich anwachsend oder bereichernd und so.

Die meisten von uns würden sagen: Mach Dir nur keine Sorgen, mir ist’s ganz recht, wenn’s nur so dahin geht. Ich brauch weiter nichts. Aber wenn wir ernstlich darüber nachdenken, dann ist Krise doch etwas, wofür wir dankbar sein müssen, wenn es kommt. Man kanns nicht herbeizwingen.

(24:53) Die zweite Phase, die zu einer Krise gehört ist das Abstreifen. Irgendetwas muss zurückgelassen werden.

Man versucht alles mitzunehmen und was nicht mitgenommen werden kann, wird abgestreift.

Wenn man ein bisschen Erfahrung hat, dann hat man schon eine Ahnung, was nicht lebensfähig ist und was abgestreift werden muss.

Das Abstreifen ist auch ein sich auf das Wesentliche besinnen.

(28:20) Und die dritte Phase ist die Kraft, die uns durchführt oder Führung, die Leitung. Den Strom, den man beginnt zu spüren. Wir spüren, dass etwas uns durchziehen wird. Eine Kraft, die uns durchbringen wird, aber es ist ganz entscheidend, dass die Dunkelheit, von der wir anfänglich gesprochen haben, auch hier in der dritten Phase nicht aufgehoben wird.

Es ist sehr wichtig für uns, um uns in Krisen zurechtzufinden, nicht zu glauben, dass wir erst dann durchkommen, wenn wir sehen, wo’s hingeht. Wir sehen nur die Richtung. Wir sehen ein Dämmern und noch keine Gestalt, noch keine Figur. Wir sehen ein Morgengrauen und noch keine Landschaft. Wenn man die Landschaft sieht, dann ist man schon nicht mehr in der Krisensituation.

Und diese Phase des Fühlens, dass es wohin geht, des Mitgehens und viel wichtiger noch, des Suchens nach etwas, was Führung gibt und leitet, das ist sehr wichtig, denn das könnte man übersehen. Sonst sitzt man da, zuerst angestossen, dann abgestreift, und kann sich jetzt nicht fassen, weil man immer noch nicht sieht und wie lange wird das jetzt dauern?

Es wird so lange dauern, bis wir uns dem Lebensstrom willig hingeben, der uns dorthin führt und keine Ahnung haben, wohin es geht, (29:53) sowie im ersten Vers des 12. Kp. der Genesis mit der Berufung Abrahams, und die Stimme Gottes sagt zu Abraham:

‹Geh hinaus aus deinem Vaterhaus, aus deiner Familie, aus deinem Land – also es wird alles aufgezählt: Geh hinaus! Und das Hebräische ist ganz stark, ‹Lech lécha›, hinausgehen, geh hinaus.›

Also Superlativ: ‹Geh hinaus in das Land, das ich dir zeigen werde›.

Und nicht einmal ein Name für das Land, keine Beschreibung, nur eine Richtung und nicht einmal die Richtung eigentlich, sondern: ‹Folge, ich werde dich führen›.»

2. Dankbar in einer Krise? (2005): Darin zeigt Bruder David an Hand eines konkreten Beispiel aus den 70er Jahren in Südindien die drei Elemente jeder Krise noch einmal auf.

3. Aufwachsen in Widersprüchen ‒ Salzburger intern. Pädagogische Werktagung 17. sowie 19. bis 20. Juli 1989
Vom Rhythmus des Lebens
Eröffnungsreferat und Dialog
Siehe auch die Transkription des Vortrags: Vom Rhythmus des Lebens,  im Buch Aufwachsen in Widersprüchen (1990), 13-22:

In diesem Vortrag erklärt Bruder David mit Blick auf die Forschungen von James Fowler, wie sich das Zugehörigkeitsbewusstsein phasenweise von Krise zu Krise erweitert und parallel dazu sich das Autoritätsbewusstsein verinnerlicht ‒ von der allmächtigen Autorität der Eltern in der frühesten Kindheit bis zum prophetischen Gehorsam des reifen Erwachsenen:

«Das ist auch der Rhythmus, in dem sich unsere wahre Lebendigkeit entfaltet. Eine Strecke der Entfaltung, ein Anstoß; dann: wir können nicht weiter ‒ Krise. Wenn wir diese Krise bestehen, eine neue Strecke höherer Lebendigkeit, bis zur nächsten Krise.»

4. Interreligiöser Dialog 20. September 2014
Gespräch, Fragen nach dem Vortrag
(07:01) Br. David wird zu Glaubenskrisen in seinem eigenen Leben gefragt

Weitere Links zu Interview / Texten:
Interview: Weihnachten geht nicht nur uns Christen an (2016): Bruder David kommt am Schluss des Interviews auf die Krise der Kirche zu sprechen.
Die Krise in Syrien (2013)]




Quellenangaben

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