Text von Br. David Steindl-Rast OSB

dankbar leben b kraehmer titelCopyright © - Barbara Krähmer

Dankbarkeit beginnt im Bereich der Sinne, mit jener staunenden Freude, die sich am Sinnlichen ganz von selbst entzündet. Wer das bezweifelt, braucht nur ein Fußbad zu nehmen. Da wird Dankbarkeit ganz spontan lebendig. Wenn Herz und Mund es nicht tun, so fangen wenigstens die Zehen an, auf ihre Art dankbar zu singen. [AH 1-2) 85; 3-5) 82]

Auf meinen Reisen merke ich, wie leicht es ist, die Aufmerksamkeit zu verlieren. Die Übersättigung unserer Sinne führt dazu, dass unsere Wachsamkeit eingeschläfert wird. Eine Flut von Sinneseindrücken neigt dazu, unser Herz von der konzentrierten Achtsamkeit abzulenken. Das schenkt mir eine neue Wertschätzung der Eremitage und ein neues Verständnis dafür, worum es in der Einsamkeit geht. Der Eremit ‒ der Eremit in jedem von uns ‒ läuft nicht vor der Welt davon, sondern sucht nach dem stillen Punkt im Inneren, worin man den Herzschlag der Welt vernehmen kann. Wir alle ‒ jede und jeder in anderem Maß ‒ bedürfen des Alleinseins, weil wir uns unbedingt in die Achtsamkeit einüben müssen. Wie soll das praktisch aussehen?

Gibt es für die Kultivierung der Achtsamkeit eine Methode?

Ja, dafür gibt es sogar viele Methoden. Diejenige, die ich gewählt habe, ist die Dankbarkeit. Dankbarkeit kann man praktizieren, kultivieren, lernen.

Je stärker unsere Dankbarkeit wächst, desto stärker wird auch unsere Achtsamkeit.

Ehe ich morgens die Augen aufschlage, mache ich mir bewusst, dass ich Augen habe, jedoch Millionen meiner Brüder und Schwestern blind sind, und zwar die Mehrzahl von ihnen aufgrund von Bedingungen, die sich verbessern ließen, wenn nur unsere Menschheitsfamilie zu Verstand kommen und ihre Ressourcen vernünftig und gerecht einsetzen würde. Wenn ich mit diesen Gedanken die Augen aufschlage, sind die Chancen groß, dass ich für das Geschenk, sehen zu können, dankbarer bin und aufmerksamer für die Bedürfnisse derer, denen dieses Geschenk fehlt. Bevor ich abends das Licht ausschalte, vermerke ich in meinem Taschenkalender immer eine Sache, für die ich noch nie dankbar war. Das übe ich schon jahrelang, und der Vorrat an Themen kommt mir immer noch unerschöpflich vor.

Die Dankbarkeit bringt Freude in mein Leben.

Wie könnte ich mich über etwas freuen, das ich für selbstverständlich halte? Seit ich damit aufgehört habe, etwas als «selbstverständlich» anzusehen, kommen die Überraschungen, die ich finde, an kein Ende.

Eine dankbare Einstellung ist etwas Kreatives, denn letztlich ist die Gelegenheit dazu das Geschenk, das in jedem uns geschenkten Augenblick steckt. Das bedeutet meistens, dass sich uns Gelegenheiten bieten, etwas mit Freude zu sehen, zu hören, zu riechen, zu tasten und zu schmecken.

Habe ich mir aber erst einmal angewöhnt, immer neue Gelegenheiten dafür zu finden, so werde ich recht kreativ darin, diese sogar in unangenehmen Situationen zu entdecken.

Doch das Wichtigste daran ist: Dankbarkeit verstärkt diesen Sinn für das Dazugehören, von dem ich ganz zu Anfang gesprochen habe.

Es gibt kein engeres Band als dasjenige, das die Dankbarkeit feiert, nämlich das Band zwischen Geber und Danksagendem.

Alles ist Gabe, ist Geschenk.

Ein dankbares Leben ist eine Feier des allumfassenden Gebens-und-Nehmens des Lebens, ein grenzenloses «Ja» zum Dazugehören. [Auf dem Weg der Stille (2016), 88-90]

Alles ist unentgeltlich, alles ein Geschenk. Der Grad, in dem wir für diese Wahrheit aufgewacht sind, ist das Maß unserer Dankbarkeit. Und Dankbarkeit ist das Maß unserer Lebendigkeit. [FN 1) 15; 2-5) 15; 6) 18]

Bei den meisten Menschen quietschen die glorreichen Pfortenflügel der Wahrnehmung in rostigen Angeln. Ungemein viel Lebensglanz wird recht fruchtlos für uns vergeudet, weil wir mit gedrosselten Sinnen halb blind und halb taub herumtappen und vor lauter Gewohnheit ganz benommen sind. Wie ungeheuer viel Freude verpassen wir, wie viele Überraschungen bemerken wir gar nicht! Das ist, als wären unter jedem Busch Ostereier versteckt, aber wir sind zu faul, um sie zu beachten.

Doch das muss nicht so sein. Genau wie eine sich ausbreitende Krankheit können wir auch unsere fortschreitende Benommenheit beheben, ja können diesen Prozess sogar umkehren und die Heilung einleiten.

Wir können vorsätzlich täglich auf einen bestimmten Duft achten, auf einen Klang, den wir bislang noch nie genossen hatten, auf eine Farbe oder Form, eine Struktur oder einen Geschmack, die wir noch nie beachtet hatten. Versuchen Sie nur eine Woche lang, jeden Tag je ein anderes Ihrer Sinnesorgane bewusst einzusetzen, etwa am Montag das Riechen, am Dienstag das Schmecken und so weiter.

Die Freude fängt jenseits des Glücklichseins an. Freude ist das Glück, das nicht von dem abhängt, was gerade geschieht. Sie entspringt der Dankbarkeit.

Wenn wir anfangen, alles für selbstverständlich zu halten, verfallen wir in Langeweile. Aber alles in uns sehnt sich danach «Leben zu haben, und es in Fülle zu haben» (Joh 10,10).

Der Schlüssel zum Leben in Fülle ist die Dankbarkeit.

Machen Sie den folgenden Versuch: Halten Sie inne und denken Sie nach, bevor Sie morgens die Augen aufschlagen. Denken Sie daran, dass es auf dieser Welt Millionen von blinden Menschen gibt. Wenn Sie Ihre Augen etwas länger geschlossen halten und noch etwas weiterdösen, werden Sie sie dann sogar noch dankbarer aufschlagen. Sobald wir einmal unser Augenlicht nicht mehr für selbstverständlich halten, geht uns auf, was für ein Geschenk unsere Augen sind, und dass wir sie bislang noch gar nicht als solches wahrgenommen hatten.

Ein Geschenk als solches zu erkennen, ist der erste Schritt zur Dankbarkeit. Da die Dankbarkeit der Schlüssel zur Freude ist, halten wir diesen Schlüssel zur Freude in unseren Händen, also zu dem, was wir uns am meisten wünschen. [Auf dem Weg der Stille (2016), 97-99]

[Ergänzend: Dankbarkeit  mit ergänzenden Hinweisen zu Filmen, Audios, Interviews und weiteren Texten]


Quellenangaben

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