Text und Audios von Br. David Steindl-Rast OSB

dreifaltigkeit barbara kraemer titelCopyright © - Barbara Krähmer

Mehr als achttausend Menschen hatten sich in Chicago zusammengefunden, um an dem Parlament der Weltreligionen im August 1993 teilzunehmen. Von der ganzen Welt kamen sie als Abgeordnete einer großen Vielfalt religiöser Traditionen. Mit dem ersten Parlament der Weltreligionen 1893 war Chicago zum Geburtsort des weltweiten interreligiösen Dialogs geworden, der damals etwas Unerhörtes war. Seitdem hatte dieser Austausch nach und nach Schwung gewonnen, aber erst jetzt, hundert Jahre später, war die Zeit reif für ein zweites solches Treffen. Jetzt war dieser historische Augenblick gekommen. Und da war ich nur ganz überwältigt von der Ehre, zu diesem Ereignis beitragen zu dürfen. Spannung lag in der Luft. Die Frage, worüber ich vor einer so achtunggebietenden Zuhörerschaft sprechen sollte, ließ mich in dieser Nacht nicht schlafen.

Zweierlei war mir klar: Was ich sagen würde, musste meine eigene christlich-katholische Tradition getreu darstellen und musste zugleich für die Vertreter anderer Traditionen verständlich sein.

Ich hatte also vom Herzen meiner Tradition zum Herzen aller anderen zu sprechen.

Das Herzstück der christlichen Tradition ist ohne Zweifel die Dreieinigkeit Gottes ‒ Gott als Vater, Sohn und Heiliger Geist.

Wie konnte ich aber hoffen, diese tiefgründigste Lehre der christlichen Tradition den anderen nahezubringen?

War gegenseitiges Verständnis im interreligiösen Dialog überhaupt möglich, wenn es um den kennzeichnenden Glaubensinhalt weit auseinanderliegender Traditionen ging?

Diese Fragen waren entscheidend und sie plagten mich in dieser schlaflosen Nacht.

Zwei Begriffe schoben sich langsam immer mehr in den Vordergrund meines Denkens ‒ Glaube und Lehre.

Glauben haben wir alle, aber unsere Lehren gehen weit auseinander.

Unsere Herzen verstehen die innere Haltung des Sich Verlassens, die glauben heißt, aber unsere Vernunft ringt mit den so unterschiedlichen Lehren, in denen der Glaube sich ausdrückt; sie scheinen unüberbrückbar.

Glaube vereint, Lehren trennen uns.

Es wurde mir klar, dass ich tiefer gehen müsste und fragen: Wie stehen Glaube und Lehre eigentlich zueinander?

In welchem Verhältnis steht mein eigener Glaube zu den Lehren, die ich gläubig bekenne?

Da war die Antwort leicht: Die Lehren sind Ausdruck meines Glaubens. Sobald mir das klar war, hatte ich den Ansatz für gegenseitiges Verständnis:

Ich würde appellieren müssen an den Glauben, der uns eint, trotz der Lehren, die uns trennen.

Was aber ist dieser uns allen gemeinsamer Glaube, bevor er sich in dieser oder jener Lehre ausdrückt? Wie erleben wir ihn?

Hier muss ich meine Leser einladen, diese Frage selber zu beantworten. Wie und in welchem Zusammenhang wird Dir Dein tiefstes Vertrauen auf die Vertrauenswürdigkeit des Lebens bewusst?

Meine eigene Antwort begann sich abzuzeichnen, als ich die größte Herausforderung an meinen Glauben ins Auge fasste:

Hat überhaupt irgendetwas Sinn?

In meinen dunkelsten Stunden bezweifle ich das. Nur mutiges Vertrauen ‒ und das ist ja die Essenz des Ur-Glaubens ‒ kann universellen Zweifel überwinden.

Der allen Menschen gemeinsame Glaube ist also das tapfere Vertrauen, das wir beweisen durch unsere nie endende Suche nach letztem Sinn.

Sinnsuche ist die Triebkraft, die alle Menschenherzen bewegt. Das haben wir alle gemeinsam.

Sobald mir das bewusst wurde, war mir klar, worüber ich vor dem Parlament der Weltreligionen sprechen müsste: Über unsere Aufgabe, die uns gemeinsame Sinnsuche besser zu verstehen; und es würde meine Aufgabe sein, gemeinsam mit meinen Zuhörern damit zu beginnen.

Jetzt begann sich auch eine klare Struktur für meinen Ansatz herauszukristallisieren.

Sinn hat immer drei Aspekte: Wort , Schweigen und Verstehen.

Wenn eines von den dreien fehlt, fehlt auch Sinn.

Das müsste ich erklären im Hinblick auf die allgemeinmenschliche Erfahrung der Sinnsuche, und zwar unter den drei Gesichtspunkten von Wort, Schweigen und Verstehen.

Dass Wort und Sinn zusammengehören, leuchtet vielleicht am schnellsten ein.

Wenn wir etwas sinnvoll finden, dann sagen wir, dass es uns etwas sagt. Es ist also Wort in der weitesten Bedeutung ‒ nicht ein Wort aus einem Wörterbuch, aber doch Wort, dadurch, dass es Sinn vermittelt.

Jedes Wort aber, das wirklich sinnträchtig ist, kommt aus dem Schweigen ‒ aus dem Herzen der Stille; nur so kann es zur Stille des Herzens sprechen. (Alles andere ist nur Geschwätz.)

Weder Wort noch Schweigen können aber das «Aha!» der Sinnfindung auslösen, wenn Verstehen fehlt.

Verstehen ist ein dynamischer Vorgang.

Wenn wir so tief hinhorchen auf ein Wort, dass es uns in das Schweigen führen kann, aus dem es kommt, dann ereignet sich Verstehen.

Schweigen kommt zu Wort und das Wort kehrt durch Verstehen heim ins Schweigen.

Die Delegierten in Chicago waren eine buntgemischte Schar und boten einen farbenreichen Anblick ‒ von den safranfarbenen Roben der buddhistischen zu den schwarzen Soutanen der orthodoxen Mönche; von den hohen Kopfbedeckungen der ostkirchlichen Archimandriten zu den Gebetskäppchen der Rabbiner, den Turbanen der Derwische und dem Federschmuck der Indianerhäuptlinge.

Während sich meine Augen an dieser großen Vielfalt weideten, wusste ich, dass unter all diesen Hüllen ein und dieselbe Sehnsucht diese Menschen hier zusammengeführt hatte und in ihren Herzen brannte: Sehnsucht nach Sinn.

Wenn jede spirituelle Tradition Ausdruck der unstillbaren Sinnsuche des Menschenherzens ist, dann müssen die drei charakteristischen Aspekte von Sinn ‒ Wort, Schweigen und Verstehen ‒ jede Religion auf eigene Art kennzeichnen.

Freilich sollten wir Unterschiede in der Betonung des ein oder anderen Aspektes erwarten, und die finden wir auch tatsächlich.

In den uralten ursprünglichen Religionen ‒ z. B. in Australien, Afrika und Amerika ‒ sind die drei noch gleichbetont und eng miteinander verwoben in Mythos, Ritual und Gemeinschaftsleben.

Als aber Hinduismus, Buddhismus und die Amen-Traditionen des Westens aus der gemeinsamen ur-religiösen Matrix herauswuchsen, begann der Nachdruck immer stärker auf einen oder den anderen Bereich zu fallen, obwohl alle drei ‒ Wort, Schweigen und Verstehen ‒ in keiner Tradition ganz verloren gehen können.

Hier beim Parlament der Weltreligionen zeigte sich mir aber etwas Wichtiges:

Spiritualität ist nicht nur ein Suchen nach Sinn, sie ist ebenso Feier von Sinn.

Jeder dieser wundervollen Tage in Chicago brachte neue Feiern und Festlichkeiten, in denen die Schönheit einer Tradition nach der anderen zum Leuchten kam.

Das Bild eines prachtvollen Reigentanzes drängte sich mir dabei auf, und ich entschied mich, es in meiner Ansprache zu verwenden.

Schon im 4. Jahrhundert verwendeten die griechischen Kirchenväter das Bild des Reigens oder Rundtanzes ‒ so wie Kinder ihn tanzen, einander bei den Händen haltend und «Ringa ringa reia» singend ‒, um tiefe theologische Einsichten über Gottes Dreieinigkeit auszusprechen:

Der Sohn ‒ Christus als «Choryphaeos», als Anführer des Tanzes ‒ kommt aus der Verborgenheit des Vaters hervor und kehrt im Schwung des Heiligen Geistes zum Vater zurück.

Wenn mein christlicher Glaube an Gott als dreieinig ‒ nicht eins und nicht drei, sondern eins in drei und drei in eins ‒ wirklich Ausdruck des Ur-Glaubens ist, dann musste selbst eine so spezifische Lehre wie die von Gottes Dreifaltigkeit keimhaft in dem Glauben enthalten sein, den ich mit allen Menschen gemein habe.

Andersgläubige sind eben auch gläubig Sinnsuchende.

Und dieser keimhafte Ansatz liegt tatsächlich in der Bedeutung, die Wort, Schweigen und Verstehen bei der Sinnsuche zukommt.

Aus dieser Sicht ist menschlicher Ur-Glaube zumindest implizit trinitarisch.

Es begann mir zu dämmern, dass die «Offenbarung» der Trinität, die ich immer für ausschließlich christlich gehalten hatte, das Herzstück des Glaubens schlechthin war.

So konnte ich also hoffen, andersgläubige Schwestern und Brüder zu erreichen, wenn ich von dieser Trinität aus meiner christlichen Perspektive sprach.

Das entschied ich mich also zu tun. Ich würde über das menschliche Streben nach Sinn sprechen und das Bild eines festlichen Reigens ausmalen, bei dem die vom Wort Lebenden Hand in Hand mit denen, die ins Schweigen tauchen, und mit denen, die den Pfad des Verstehens gehen, tanzen.

Ein Rundtanz hat etwas Faszinierendes an sich. (Wir müssen da unsere Vorstellungskraft zu Hilfe rufen.)

Solange wir außerhalb des Kreises stehen, wird es uns immer so vorkommen, als ob die uns am nächsten Tanzenden in die eine Richtung gingen, die uns am fernsten aber in die Entgegengesetzte.

Solange wir von außen zuschauen, bleiben wir in dieser Illusion gefangen; wir können es nicht anders sehen, selbst wenn wir wissen, dass es nur eine Illusion ist.

Im Augenblick aber, in dem wir selber in den Kreis eintreten und die Hände unserer Mittänzer halten, ist es klar, dass alle in die gleiche Richtung gehen.

Kaum hatte ich dieses Bild verwendet, konnte ich das «Aha!» der Anwesenden beinahe hören. Jetzt war, was ich zu sagen hatte, angekommen.

Es war einer der großen Augenblicke meines Lebens ‒ ein Höhepunkt, Gipfel-Erlebnis, Erfahrung grenzenloser Zugehörigkeit und weltweiter Gemeinschaft, Vorgeschmack des ewigen Jetzt.

Ich schaute über die Versammlung hin und konnte innerlich aus vielen Herzen ein Amen aufsteigen hören.

Gott ist die Treue im Herzen aller Dinge,[1] unser Glaube ist das Vertrauen darauf, und das Wort, das all das zusammenfasst, ist Amen.

Unser innerstes Wesen (die Christuswirklichkeit in uns) sagt Amen zur Treue (des verborgenen Gottes), und dieses Amen-Sagen ist die Dynamik des Glaubens (Werk des Heiligen Geistes).

So schwingen im Wort Amen selbst Obertöne des Glaubens an den dreieinigen Gott mit, wie auch von der heiligen Silbe Om gesagt wird, dass in ihr Einheit in Dreiheit und Dreiheit in Einheit anklinge.

Was sollten die Tänzer im großen Reigen der Religionen singen? «Amen, Amen und nochmals Amen!»

[Aus dem Buch Credo: Ein Glaube, der alle verbindet (2012), 232-235, 237-239]

[Ergänzend:

1. Audios

1.1. Interreligiöser Dialog (2014)
Bruder David: Grußwort und Vortrag:
(27:13) Der Rund- oder Reigentanz der Trinität

1.2. Gesprächsreihe mit Pater Johannes Pausch (2011)
Vertiefungsseminar:
(42:49) Dar
bringung, Opfer und der Reigentanz der Trinität: der Reigentanz der Dankbarkeit

Spiritualität und Ökumene:
(01:06:48) Trinitarische Erfahrung: Das Gebet der Stille ‒ ‹Von jedem Worte Gottes leben›: Brot heißt Leben und Stein heißt Tod: Die Versuchung Jesu in der Wüste und im Garten Gethsemane ‒ ‹Contemplatio in actione›: Gott im liebenden Tun erfahren / (01:12:38) Der römische Brunnen (C.F. Meyer)

1.3. Credo ‒ ein Glaube, der alle verbindet (2010)
Fragerunde nach dem Vortrag in der evangelischen Ludwigskirche in Freiburg (DE):
(13:39) Der dreifaltige Gott – ein Kreislauf von Beziehungen

1.4. Audio-Vortrag Das Gottesbild der modernen Menschen (2009):
(33:17) Die drei Bereiche der Sinnsuche, die drei Ausformungen der Religionen und die drei Gebetsformen eröffnen ein nachvollziehbares Verständnis des dreifaltigen Gottes in der Praxis dankbaren Lebens. Unsere Gottesbeziehung im statischen Bild eines mit Wasser gefüllten Gefäßes, eingetaucht ins Meer, und im dynamischen Bild des Reigentanzes der Trinität.

1.5. Wie das Göttliche in uns wächst (2005)
Fragen im anschließenden Gespräch an Bruder David in den folgenden 9 Audios:
Kirchliche Lehre über die Dreifaltigkeit
Kirchliche Lehre und Dreifaltigkeit als Archetyp

1.6 Begegnung der Religionen (1993)
Vortrag:
(30:12) Sich der Dreiheit von Wort – Schweigen – Verstehen hingeben ist dreifaltige Gotteserfahrung: Erfahrung des Mysteriums des dreifaltigen Gottes und zugleich Erfahrung jedes Menschen. Bruder David spricht mit Gerhard Tersteegen und C.F. Lewis vom Abgrund Gottes, von Gott, der mir näher ist als ich mir selber bin (hl. Augustinus) und bezieht sich auf den hl. Paulus in 1 Kor 2,10-12, sowie auf den biblischen Schöpfungsbericht: Wir verstehen Gott mit seinem eigenen Selbstverständnis – Wir sind lebendig mit Gottes eigenem Lebensatem
(51:31) Der himmlische, überirdische, außerzeitliche Reigentanz der Dreieinigkeit Gottes gespiegelt im Reigentanz der Religionen – Der Blickwinkel der Außenstehenden auf einen Kreistanz im Unterschied zu jenen, die drinnen sind

1.7. Mit dem Herzen horchen (1988)
Vortrag:
(49:55) «Was könnte sich mehr unterscheiden als Wort, Schweigen und Verständnis, drei Begriffe, für die wir überhaupt keinen Oberbegriff haben. Wir können es kaum ‹drei› nennen, und das ist ja auch sehr passend, denn auch in der Trinität soll man ja eigentlich letztlich nicht von ‹drei› sprechen. Der hl. Augustinus sagt schön: ‹Wenn du anfängst zu zählen, bist du schon in Häresie gefallen. Zu zählen ist da nichts. Aber es handelt sich um drei Grunderlebnisse.»

2. Texte

2.1. Tanz ‒ der Sinn des Ganzen, Texte im Buch Orientierung finden (2021): Teil 1 und Teil 2: Das ABC der Schlüsselworte:
Schweigen, Wort und Verstehen durch Tun

2.2. Stille leben, Text aus: Die Achtsamkeit des Herzens (2021), 152-159:

«Uns vom Wort führen lassen, heißt verantwortlich handeln.

Im Alltag bedeutet das, dass alle, die ‹durch den Geist Gottes geführt werden›, mit kindlicher Unbefangenheit in jeder Lage die rechte Antwort finden können in Wort und Tat.

In der weitesten Sicht bedeutet es Teilnahme an dem göttlichen Reigentanz, den die christliche Vorstellungskraft aus Johannes 16,28 herausliest, wo der Logos spricht:

‹Ausgegangen bin ich vom Vater und gekommen bin ich in die Welt; ich verlasse wieder die Welt und gehe zum Vater.›

Aus dem Schweigen kommend, kehrt das Wort durch liebendes Verstehen ins Schweigen zurück.

Mitzutanzen in diesem Reigen ist die höchste Erfüllung dessen, was wir ‹Leben aus der Stille› nennen.

Leben aus der Stille ist nichts anderes als dankbares Leben.

Im trinitarischen Rundtanz dürfen wir den Kreislauf der Dankbarkeit sehen. Wir erleben den Urgrund der Wirklichkeit als den Ursprung all dessen, was «es gibt».

Die Wirklichkeit, mit der wir es zu tun haben, zeigt sich uns immer als Gegebenheit ‒ also als Gabe. Unser eigenes Leben ist uns zugleich gegeben und aufgegeben. Die Aufgabe, die in dieser Gabe liegt, heißt Leben in Dankbarkeit. Und worin besteht das? Einfach darin, dass wir uns dem Leben stellen.» (157f.)

2.3. Dankbarkeit als Schlüsselwort benediktinischer Spiritualität (2019):

«Unser Verständnis benediktinischen Gehorsams in seinem Dreischritt ist also zutiefst trinitarisch:

Durch lnnehalten und Horchen lassen wir uns hinab in das Schweigen des Vaters, aus dem das Wort seinen Ursprung nimmt.

lm lnnewerden und Hören stellen wir uns durch Christus und mit ihm und in ihm dem Willen des Vaters.

Den Anspruch, den wir da hören, verstehen wir aber erst wirklich durch gehorsames Tun im Heiligen Geist.

Sooft wir die Doxologie beten – und immer wieder will sie der heilige Benedikt (aus Ehrfurcht stehend) wiederholt wissen (RB 9,6f) – sooft werden wir an die tiefste Bedeutung gehorsamen Lebens erinnert: Leben im Gehorsam ist Ausdruck unseres Lebens im dreieinigen Gott.

Das drückte die ursprüngliche, weitaus dynamischere Form der Doxologie besser aus, als die heute übliche. Sie lautete:

Ehre sei dem Vater durch den Sohn im Heiligen Geiste.»

2.4. Den großen Tanz beten (1998) [derselbe Text aus dem Amerikanischen übersetzt von Bernardin Schellenberger, in: Auf dem Weg der Stille (2016): Kapitel 3 «Der Mystiker in uns», 18-21]:

«Eines der Geschenke, für das ich in meinem Leben sehr dankbar bin ist die Art, wie ich von der Heiligen Dreifaltigkeit erfuhr. Andere erzählten mir, dass sie, als sie erfuhren, dass wir die Dreifaltigkeit nie verstehen könnten, schon früh entschieden hätten: ‹was soll’s!› Wenn man mir von diesem Geheimnis erzählte, war es immer in einem Ton, der mich einlud, dieses Geheimnis zu erkunden – eine Aufgabe nicht nur für ein ganzes Leben, sondern für die Ewigkeit, des Lebens jenseits von Zeit. Mein Gebetsleben war genau diese Entdeckungsfahrt und ist es immer noch. Mittlerweile bereits in den Siebzigern habe ich tatsächlich das Gefühl, noch kaum begonnen zu haben.

In einer Predigt unseres Studentenkaplans, des Dominikaners P. Diego, erlebte ich einen Höhenflug, außer mir durch die Erkenntnis, dass wir Gott als dreifaltig erkennen können, gerade weil wir in den ewigen Tanz von Vater, Sohn und Hl. Geist hineingezogen sind.

Für Wiener Studenten ist es keineswegs frivol, von Gott als tanzend zu sprechen. Tanzen ist etwas Ernsthaftes, natürlich nicht todernst, aber lebens-ernst. Viel später lernte ich den Hymnus der Shaker über Christus als ‹Herr des Tanzes› kennen.[2]

Ich lernte auch, dass weit zurück im 4. Jahrhundert der hl. Gregor von Nyssa vom ‹Kreistanz der Hl. Dreifaltigkeit› gesprochen hatte: der ewige Sohn kommt aus dem Vater hervor und führt uns mit der ganzen Schöpfung im Hl. Geist zum Vater zurück.

Wir können auch von diesem Großen Tanz in den Begriffen Wort, Schweigen und Tun sprechen: der Logos, das Wort Gottes kommt aus Gottes unergründlichem Schweigen hervor und kehrt zu Gott zurück, reich an Ernte im Hl. Geist, der zu liebendem Tun inspiriert.

Mein höchstes Ziel beim Gebet ist es, in diesen Tanz einzugehen durch alles, was ich tu oder denke oder leide oder sage. Nach diesem Ende-ohne-Ende sehne ich mich, wann immer ich bete:

Ehre sei dem Vater,
durch den Sohn,
im Heiligen Geist,
wie im Anfang, so auch jetzt und alle Zeit,
von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Amen.»

2.5. Bruder David im Gespräch mit Fritjof Capra in: Wendezeit im Christentum (2015): TEIL 3, 152f. [und 168, siehe auch: TEIL I, 92-95]:

«Warum spricht man von Gott als Dreifaltigkeit?

Jetzt legen Sie den Finger auf die Entscheidende Stelle, wenn Sie sagen, Gott steht nicht zu irgendetwas anderem in Beziehung.

In unserem tiefsten Verhältnis zu Gott steht Gott letztendIich zu Gottes eigenem Selbst in Beziehung.

Dessen werden wir in unseren mystischen Augenblicken gewahr.

Unser wahres Selbst, das Beziehung zu Gott hat, ist einfach Gott-in-uns.

Diese Erfahrung impliziert, dass man von Gott als Dreifaltigkeit sprechen kann: Gott-in-uns, der unser tiefinnerstes Selbst darstellt; Gott als Horizont, zu dem wir letztendlich in Beziehung stehen; und Gott als lebendige Beziehung zwischen diesen beiden Polen unseres eigenen Lebens.

Das sind natürlich nicht drei, sondern ein Gott.

Alles Nachdenken über die Dreifaltigkeit beruht letzten Endes auf mystischer Erfahrung. Weniger begabte Theologen mögen allein mit Worten spielen; die großen Theologen haben jedoch stets gewusst, dass wir an Gottes eigenem Leben teilhaben.

Was wir nicht sagen können, ist, dass wir ein Teil Gottes sind. Denn was wir Gott nennen, ist zu einfach, um Teile zu haben. Deshalb sprechen wir von den vielen Dingen, Pflanzen, Tieren, Menschen nicht als Teilen von Gott, sondern sie sind ebenso viele Worte Gottes. Das meint die Bibel, wenn sie vom ganzen Universum sagt: ‹Gott sprach, und es entstand.›

Tatsächlich ist Gott auch zu einfach, um viele Worte zu sprechen. Es ist vielmehr so, als habe die Liebe, die Gott darstellt, sich von jeher in einem einzigen Wort so vollkommen ausgedrückt, dass man es auf zahllose Weise immer wieder neu aussprechen muss.

In diesem Sinne ist jeder von uns eine neue Art des Aussprechens von Gottes einem Wort. Hier jedoch machen wir die erregende Entdeckung, dass wir nicht nur ausgesprochen, sondern von Gott auch angesprochen werden.

So wird also Shūnyatā, Gott, kein Ding, das Große Schweigen durch ein Wort ausgedrückt, das so vollkommen ist, dass es alles aussagt und in jeder neuen Bedeutung von Gottes eigenem Selbstverständnis verstanden werden kann in unserem Innern, wie wir vorhin sagten.

Auf diese Weise sind wir selbst tief in diese Beziehung eingebunden durch uns Menschen nimmt diese Welt bewusst am dreifaltigen Leben Gottes teil.

Schweigen, Wort und Verstehen sind ‹Personen› des einen Gottes, jedoch eindeutig nicht in dem Sinne, in dem wir normalerweise von Personen sprechen.»

2.6. Interview Gelebte Dankbarkeit (2014) von Ingeborg Szöllösi mit Bruder David:

«Im Buch ‹Wendezeit im Christentum›, das ein Gespräch zwischen Ihnen und Fritjof Capra dokumentiert, beschreiben Sie die christliche Idee der Dreifaltigkeit sehr anschaulich: Gott ist Schweigen, Jesus ist Wort und der Heilige Geist Verstehen – oder wie Sie es vorhin ausdrückten: Fluss …»

«Ja, genau. Und was wir in der christlichen Tradition ‹Vater› nennen, ist die Quelle von allem, was es gibt. Es gibt, heißt: Gott gibt – demnach ist alles, was es gibt, gegeben – ein Geschenk. Wir selbst sind uns in diesem Sinne eine ‹Gegebenheit›: Wir haben uns nicht gemacht oder gekauft oder verdient, wir sind uns ‹gegeben› – daher ist ein Leben in Dankbarkeit ein göttliches Leben, ein Leben, das tagtäglich ‹Göttliches› wirkt und webt.

Und in Dankbarkeit gibt das Gegebene, der Sohn, sich selbst dem Geber, dem Vater.»

«Das, was im Zen als ‹Leere› bezeichnet wird, wäre das dann die Entsprechung von dem Gott, den Sie als das Schweigen begreifen?»

«Ja, das Schweigen oder die Quelle – das ist Gott. Die Quelle ist ‹Nichts› – und diese ‹Gottheit› jenseits des Vaters, von der auch Meister Eckhart und viele andere Mystiker sprechen, dieses Nichts als Fülle zu erfahren, dazu hat mir Zen verholfen.»

«Also muss man selbst seinen eigenen Gottesbegriff loslassen, um ihn mit neuer Kraft zu beleben?!»

«Selbstverständlich. Man erlebt das Durchdrungensein von Gott – und dann spürt man, dass man keinen erstarrten Gottesbegriff braucht. Wenn man an etwas klammert, dann ist man schon jetzt im Leben tot. Man kann dann nicht mehr im Fluss sein.»

2.7. Vortrag: An welchen Gott können wir noch glauben? (2008):

«… Die drei großen Traditionen drücken das aus. Und mit großem Erstaunen sieht das dann ein Christ, dem man immer gesagt hat, die Dreifaltigkeit, das ist ein großes Geheimnis, das wirst du nie verstehen.

Ja, verstehen nicht, ausloten nie, aber es zeigt sich, dass das plötzlich inmitten aller großen Traditionen steht. Wort, Schweigen und Verstehen.

Das Wort, das haben schon die griechischen Väter so gesehen, das Wort kommt aus dem Schweigen und geht durch das Verstehen ins Schweigen zurück.

Sie haben das den großen ‹Reigentanz der Trinität› genannt. Und wir sind in diesem Reigen und können teilnehmen an diesem Tanz. Das Wort ist der Anführer des Tanzes, der Koryphaios in diesem trinitarischen Tanz.»

2.8. Religionen und heiles Gottesbild, Text aus: Auf der Suche nach einem heilen und heilenden Gottesverständnis, im Buch: MYSTIK ‒ Spiritulität der Zukunft: Erfahrung des Ewigen (2005), 80-83:

«Die Trinität Gottes ist ja kein christliches Monopol, sondern vielmehr ein Modell, das der Mystik aller Traditionen vertraut ist.»

2.9. Der theologische und religionswissenschaftliche Schlüsseltext von Bruder David zum Thema Dreifaltigkeit (Dreieinigkeit, Trinität) ist sein Beitrag in der Zeitschrift «Christ in der Gegenwart» (CIG) Von Eis zu Wasser zu Dampf (2003):

«Die anfangs gestellte Frage: ‹Was schätze ich am Christentum› spitzt sich also für mich auf folgende zu: Was bewegt mich dazu, mich zur christlichen Lehre von Gottes Dreieinigkeit mit Überzeugung zu bekennen?

Die Kurzantwort lautet: persönliche Erfahrung - eine Erfahrung, die so tief wurzelt, dass sie über individuelles Erleben hinausreicht und Allgemeingültigkeit beansprucht. Meine längere Antwort wird zu zeigen haben, auf welchem Erfahrungswege ich zu dieser Überzeugung gekommen bin, was sie beinhaltet, und was sie für die Zukunft verspricht.»

«In vielen Gesprächen sagten mir nicht nur Christen, sondern auch Menschen, die dem Christentum fernstehen, dass die Lehre von der Dreieinigkeit Gottes ihrer eigenen mystischen Erfahrung entspricht. Hier haben wir es mit Allgemeingut der Menschheit zu tun, weil es um mystische Einsichten geht, die allen Menschen zugänglich sind. Hindus, Buddhisten, ja Menschen, die sich als Agnostiker oder Atheisten bezeichnen, haben mir das bestätigt.»

2.10. Vor 50 Jahren (1972), eröffnete Bruder David die damaligen Salzburger Hochschulwochen mit dem Vortrag Jesus als Wort Gottes, abgedruckt in: Die Frage nach Jesus (1973), 9-67:

«Wir werden uns also bemühen müssen um ein tieferes Verständnis menschlichen Sinnstrebens in dem dreifachen Zusammenhang von Wort, Schweigen und Ergriffenheit[3]. Wir werden dadurch sehen, wie alles das hinzielt auf das innerste Geheimnis des Christentums, nämlich das Geheimnis der Trinität. Und erst von dort, von unserem eigensten Zentralgeheimnis aus können wir hoffen, irgendwie zu verstehen, dass andere Traditionen der Menschheitsgeschichte ebenso sehr im Schweigen das Zentrum ihrer Sinnsuche finden oder in der Ergriffenheit, wie wir es im Wort finden.» (16f)

«Das ist es, was die griechischen Kirchenväter den großen Reigentanz der Dreifaltigkeit nannten. Vielleicht ist dieses Bild des Tanzes das Sinnbild, das auf unsere Frage nach dem letzten Sinn antwortet, wenn alle anderen Antworten versagen.

Alles, was es gibt, ist aufgenommen in diesen Tanz, der sich spielerisch in immer neuen Formen entfaltet. Tanz ist Fülle des Lebens, Feier, in der des Lebens Sinn zu sich selbst kommt: Ringelreihen, Hochzeitstanz, Totentanz, Reigen der Seligen im Paradies, großer Rundtanz des Lebens.

Und der Logos war schon für die frühen Kirchenväter Vortänzer, Anführer im großen Tanz.

Hier liegt die Vorrangstellung der Offenbarungstradition im Gefüge der religiösen Traditionen: Vorrangstellung hinsichtlich des Wortes. Im Buddhismus Vorrangstellung hinsichtlich des Schweigens. Im Hinduismus Vorrangstellung hinsichtlich der Ergriffenheit. Und die drei beinhalten einander.» (66)

Bruder David schließt mit den Worten: «Um Offenbarung zu verstehen, müssen wir in die Offenbarung eintreten; müssen dem Logos als Anführer des Reigens folgen; müssen uns in liebender Ergriffenheit durch das Wort in das Schweigen führen lassen und aus dem Schweigen heraus gehorsam werden. Unser Thema geht über bloß akademisches Bemühen weit hinaus. Um im Wort der Offenbarung Sinn zu finden, müssen wir etwas tun ‒ das Wichtigste und zugleich das Schwerste ‒: uns dem Wort des Lebens stellen und ‒ mittanzen.» (67)]

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[1] «In Augenblicken, in denen wir wirklich aus unserem Herzen leben, sind wir mit dem Herzen aller Dinge verbunden. Ganz spontan erkennen wir dann ‹die Zuverlässigkeit im Herzen aller Dinge›, wie Reinhold Niebuhr es so schön sagte.» [Dankbarkeit: Das Herz allen Betens (2018), 93; bzw. Fülle und Nichts (2015), 92]

[2] Die Shaker («Schüttler») waren eine im 18. Jahrhundert aus den Quäkern hervorgegangene Freikirche in den USA, in der man ekstatische Schütteltänze pflegte.

[3] Ergriffenheit im Unterschied zum Begreifen ist Verstehen in Ergriffenheit, liebendes Verstehen im Tun: «Was geschieht denn eigentlich, wenn wir verstehen? Wir hören ein Wort, öffnen uns dem Wort, stellen uns diesem Wort; das Wort ergreift uns, ergreift uns bis zur Sprachlosigkeit, wenn es uns wirklich zutiefst ergreift, und führt uns dadurch in das Schweigen. Verstehen ist also ein dynamischer Vorgang, der Wort und Schweigen miteinander verbindet.» (49f.)



Quellenangaben

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