Text von Br. David Steindl-Rast OSB

jesus titelCopyright © - Barbara Krähmer

Wir wissen nicht so viel über Jesus, wie manchmal behauptet wurde, aber doch mehr als manchmal zugegeben wird. Ich beschränke mich hier auf vier Tatsachen, die heute kein Wissenschaftler bestreitet, der sich mit Jesus als geschichtlicher Gestalt befasst. Er war Heiler, er nannte Gott «Abba», er verkündete eine neue Gesellschaftsordnung, die er «Reich Gottes» nannte, und er lehrte in Gleichnissen. Diese nackten geschichtlichen Tatsachen, die allen Interpretationen vorausgehen, genügen um zu zeigen, dass Jesu Heilungen untrennbar damit verbunden sind, dass er aus mystischer Sicht seine Gesellschaft reformierte und die von ihm ererbte Religion umgestaltete. Sein Gottesbild entsprang seiner mystischen Erfahrung, floss über in seine Vision einer heilen Gesellschaft und erreichte deren einzelne Mitglieder mit psychischer und physischer Heilkraft.

Vor Jesus war «Abba» als Anrede Gottes selten. Es drückt sich darin eine Vertrautheit zu Gott aus, die unserem deutschen Wort «Vater» fehlt. «Papa» kommt da schon näher. Eigentlich umfasst «Abba» den vollen Gefühlsgehalt, der für uns heute anklingt, wenn wir von «Mütterlichkeit» sprechen. Dies stand im Gegensatz zu der im Alten Testament vorherrschenden Vorstellung von Gott als kosmischem Monarchen, die in der religiösen Haltung von Jesu Zeitgenossen, den Pharisäern, Ausdruck fand. Sie stellten sich Gott als von uns durch Heiligkeit getrennt vor. Daher ihre Bemühung, sich zu heiligen, indem sie sich von allen trennten, die als «unrein» galten. «Heiligkeit durch Reinheit» war ihr Ziel. Jesus dagegen steht in einer mystischen Tradition des Alten Testamentes, in welcher die Nähe Gottes das Gottesbild bestimmt. Verbundenheit durch Mitgefühl und Barmherzigkeit, nicht Reinheit durch Trennung ist hier Ziel des spirituellen Weges. [ST 69f., Quelle: Auf der Suche nach einem heilen und heilenden Gottesverständnis 77f.]

Geistesgeschichtlich betrachtet war es die größte Leistung Jesu des Mystikers, dass er ‒ wie, auf andere Weise, Buddha vor ihm ‒ aus dem Bannkreis des Theismus ausbrach. Gott ist für Jesus nicht die für den Theismus kennzeichnende Gottheit, die, von uns getrennt, uns gegenübersteht; Jesus erlebt sich als mit Gottes eigenem Leben lebendig. Dass er von Gott als «Vater» spricht, schafft Raum für liebende Beziehung, trennt aber nicht; für semitisches Empfinden sind Vater und Sohn eins. Jedenfalls wird er schon in frühen Zeugnissen als ein Mensch dargestellt, der die göttliche Wirklichkeit für andere so überzeugend vergegenwärtigt, dass er nicht nur im Namen Gottes spricht, sondern selber Wort Gottes ist. Gottes eigener Lebensatem, der Heilige Geist, macht ihn lebendig, wirkt in ihm und lässt ihn den Vater sozusagen von innen her verstehen. Hier hat der Mensch am Sein Gottes Anteil, ist völlig eingetaucht in die göttliche Wirklichkeit. Gott ist keine Gottheit (auch nicht die oberste), sondern «in Gott leben wir, handeln und sind» (Apg 17,28).

Jesus selbst sieht dieses Einssein mit Gott keineswegs als ein Privileg, das ihm allein zusteht. Er will dieses mystische Bewusstsein allen zugänglich machen. Im Johannes-Evangelium ist das so ausgedrückt: «Alle aber, die ihn aufnahmen, ermächtigte er, Gottes Kinder zu werden» (Joh 1,12). Und Paulus prägt immer neue Wortformen, um klar zu machen, dass wir alle «in» Christus am Leben Gottes Anteil haben. [ST 70, Quelle: Von Eis zu Wasser zu Dampf]



Quellenangaben

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