Text, Film und Audios von Br. David Steindl-Rast OSB

sonnenedelstein titelCopyright © - Georg Stahl

Es gibt Tausende von Schöpfungsmythen, die den Anthropologen bekannt sind. Aber alle haben eine ganz ähnliche innere Struktur, wenigstens dort, wo sie uns noch voll erhalten sind, wo sie gesund sind. Es ist gut, diese Struktur des Mythos zu verstehen, denn nur wenn wir die kennen, werden wir den Mythos auch dort erkennen, wo das Kind diesen Mythos selber dichterisch schafft. Ich werde Ihnen später ein Beispiel dafür geben.

Der uns bekannteste Schöpfungsmythos ist gewiss der Schöpfungsbericht aus dem Buch Genesis. An ihm sieht man die typische Form ganz deutlich. Der erste Bestandteil jedes Schöpfungsmythos ist selbstverständlich der Schöpfer, dessen Existenz nicht weiter hinterfragt wird.

Der Mythos beginnt also mit unserem ewigen Gegenüber, das wirklich ist. Der Mythendichter bemüht sich um immer neue Namen, um dieses absolute Dasein dichterisch auszudrücken: Vater, Großvater, der Uralte. Oder der Mythos nennt den Schöpfer: Vater im Himmel. Mit Himmel ist hier das Firmament gemeint, der blaue Himmel, der immer da ist. Dann ist der Schöpfer ein Vater, der so ist wie der Himmel, über alle Veränderungen erhaben. Mutter oder Großmutter wird der Schöpfer auch manchmal genannt, aber das ist selten in unseren Mythen, weil diese schon durch Jahrtausende patriarchalischer Kultur gefiltert wurden; da können wir uns im Augenblick nicht helfen, wir müssen einfach darauf schauen, was dahintersteht.

Dahinter steht nicht Vater oder Mutter, sondern jenes Gegenüber, das ganz anders als wir sagen kann:

«Ich bin».

Der Schöpfungsmythos muss jetzt eine Antwort geben auf die Frage:

«Wie bin ich»?

‒ bezogen auf dieses wahre «Ich bin» des Ewigen.

Da kommt nun der zweite Bestandteil jedes Schöpfungsmythos ins Spiel, nämlich das Material, aus dem alles geschaffen wird, auch ich. Hier geht nun die Bemühung des Mythendichters dahin, das Material so nichtig, so bedingt, so gegenstandslos wie möglich darzustellen.

Beim ersten Bestandteil des Mythos zeigte sich das Bemühen, das, was ist, so absolut und bleibend wie nur möglich darzustellen. Darum erhebt sich auch niemals die Frage: «Ja, woher kommt denn der Schöpfer her»? Das ist keine Frage. Der Schöpfer ist einfach da. Damit beginnt der Mythos. ‒ Jetzt aber, wenn das Geschöpf in den Blick kommt, da zeigt sich in der mythischen Erzählung das Bemühen, das Material so gering wie möglich zu machen, so nahe wie möglich an nur potentielles Sein heranzukommen.

In dichterischen Bildern lässt sich reine Möglichkeit freilich nur schwer ausdrücken, daher spricht der Genesismythos etwa von Erde, vom Ackerboden ‒ Möglichkeit des Wachsens. Oder er spricht von Lehm, aus dem etwas geformt wird: reine Möglichkeit der Formgebung.

Auch in anderen Schöpfungsmythen, die gar nichts mit dem biblischen Mythos zu tun haben, finden sich ähnliche Bilder. Das menschliche Herz erfindet diese Mythen ja immer wieder neu, unabhängig. Es sind im Grunde immer wieder die gleichen Antworten auf die gleichen Urfragen.

Aber es kommt noch ein dritter Bestandteil dazu. Dieses dritte Element in jedem Schöpfungsmythos ist die innige Verbindung zwischen dem, der ist, und uns, die wir reine Möglichkeit sind; die eigentlich nicht sind, aber auf dem Weg sind, göttlich zu werden, auf dem Weg sind, wirklich zu sein. Die dadurch auf dem Weg sind, dass sich das Göttliche in uns entfaltet. Das ist die tiefste Erfahrung unseres Herzens. Und das Herz drückt diese Erfahrung dann dichterisch aus.

Das sind also die drei Bestandteile des Schöpfungsmythos: Der, der ist; wir, die ‒ als Material ‒ reine Möglichkeit sind; und die innigste Verbindung dieser beiden Faktoren, die man jetzt irgendwie in einer Geschichte ausdrücken muss.

Wir kennen das vom Genesismythos.

Der beginnt mit: «Am Anfang Gott.» Das will sagen: nichts vorher. Der Schöpfer kann nicht hinterfragt werden. Das wird schon sehr früh so ausgedrückt: Nichts vorher, nichts darüber, nichts darunter, hier ist der Beginn. Am Anfang Gott.

Dann: Das Material, die Erde vom Ackerboden oder der Lehm, aus dem der Töpfer etwas macht, das aber noch nicht lebendig ist.

Und schließlich diese innige Verbundenheit: Lebensatem. Unserem Leben wird das göttliche Leben zuteil.

Das wird ganzbildkräftig im Genesismythos ausgedrückt. Der Schöpfer bläst diesem Lehmklotz, dieser Lehmfigur, durch die Nasenlöcher den Lebensatem ein. Eine innigere Verbindung zwischen uns, die wir reine Möglichkeit sind, und dem, was wirklich ist, lässt sich dichterisch kaum ausdrücken.

Wir sind die, die mit dem Lebensatem Gott lebendig sind.

Und nun, wie ich versprochen habe, ein Beispiel der mythenschöpferischen Kraft der Kinder, ein besonders schönes Beispiel. Ein Kind zeigt auf in der Rechenstunde, ein achtjähriger Bub, und er fragt den Lehrer: «Wie entstehen eigentlich Edelsteine?»

Das passt natürlich nicht zum Einmaleins und darum sagt der Lehrer: «Das erzähle ich dir dann später.» Wenn aber Kinder solche Fragen stellen, dann muss man immer tief hinhorchen und warten. So etwas zu fragen ist eine Form, die große Frage des Herzens auszudrücken:

«Wer bin ich eigentlich?»

Diese Frage wird vom Kind nie so abstrakt ausgedrückt. Sie wird dadurch ausgedrückt, dass wir fragen: «Was ist denn das? Wie entsteht es denn?» Und wir identifizieren uns mit dem Ding ‒ hier mit dem Edelstein. Der Lehrer vergisst, wie wir das so oft tun, nach der Stunde auf die Edelsteine zurückzukommen.

Das Kind kommt am nächsten Tag in die Schule und sagt: «Erinnern Sie sich an meine Frage nach dem Edelstein? Ich hab die Antwort selber gefunden; hier ist ein Gedicht, das ich gemacht hab.»

Was dem Kind eingefallen ist, das hat es jetzt in einem Gedicht ausgedrückt. So etwas muss ja in einem Gedicht ausgedrückt sein, denn anders lässt sich eine so tiefe Einsicht gar nicht ausdrücken.

Wie lautet nun das Gedicht? Es ist in der ersten Person Einzahl geschrieben und beginnt gleich mit «Ich» (es handelt eben vom Kinde selber) und es heißt

«Der Edelstein»

Ich liege tief, im Abgrund tief
und strahle alles an.
Die gute Sonne, die mich rief,
die sagt, ich bin ein Edelstein.
Die Schlangen kriechen um mich her,
die dunkle Erde drückt mich schwer.
Doch glänz ich wie der Sonnenschein.
Ich bin ein Sonnenedelstein.

Ich liege tief, im Abgrund tief
und strahle alles an.

(Das Ich ist reine Möglichkeit, ein Stein, fast nichts, wertlos, und noch dazu tief im Abgrund.)

Die gute Sonne,

(Sonne ist ‹Schöpfer›, immer da, so wie ‹Himmel›; sehr häufig ein Symbol für das, was ist und das Leben spendet.)

die mich rief,

(Das ‹rief› zeigt jetzt die intime Beziehung als Angerufensein.)

die sagt,

(Sie gibt mir einen Namen, sie macht mich erst zu dem, was ich bin.)

ich bin ein Edelstein.

(Das ist grammatisch nicht richtig, aber so drückt es das Kind aus.)

Die Schlangen kriechen um mich her,

(Ich liege ja da tief im Abgrund.)

die dunkle Erde drückt mich schwer.
Doch glänz ich wie der Sonnenschein.
Ich bin ein Sonnenedelstein.

In diesem einen Wort «Sonnenedelstein» ist der ganze Schöpfungsmythos zusammengefasst.

Sonne: für das Kind die, die da ist; Stein: reine Möglichkeit, fast nichts.

Die innigste Verbindung zwischen Sonne und Stein: der strahlende Edelstein.

Wenn wir darauf vertrauen, dass Kinder aus dem tiefsten Herzen so etwas hervorbringen können, dass sie das wirklich können, dann können sie es auch. Denn mit diesem Vertrauen schaffen wir Raum, in dem sie sich entfalten können.

Sie kennen wohl alle einen anderen Schöpfungsmythos des Kindes: in der frühen, oft vorsprachlichen Zeit ist eine der ersten typischen Zeichnungen des Kindes: die Sonne, meist oben, immer wichtig; das ist der Schöpfer. Das Bild ist zutiefst verankert in unserem Unterbewusstsein, das Schöpfersymbol, die lebenspendende Sonne.

Darunter eine Blume, die meist ähnlich wie die Sonne aussieht, und oft sogar ein Gesicht zeigt. Da bin ich, reine Möglichkeit, das, was durch die Sonne aus der Erde hervorgebracht wird und selber zu einer kleinen Sonne wird.

Da ist der ganze Schöpfungsmythos auf einem Blatt abgebildet. Das was reine Möglichkeit ist und die intimste Verbindung der beiden.

Die Sonnenblume ist Ebenbild der Sonne, ist eine neue Sonne.

Ich bin ein Sonnenedelstein.

Ich bin eine Sonnenblume, sagt das Kind, bevor es noch sprechen kann.

[Im Paradoxen Sinn erfahren im Buch: Aufwachsen in Widersprüchen (1990), 63-67, anlässlich der 38. Internationalen Werktagung Aufwachsen in Widersprüchen (1989), siehe auch: Ergänzend 2.]

[Ergänzend:

1. Film Fragen in Wendezeiten Mut und Vertrauen finden (2010) und
Audio des Vortrags Fragen in Wendezeiten ‒ Mut und Vertrauen finden
Vortrag
(31:58) Wer bin ich? – der Schöpfungsmythos antwortet mit drei Bestandteilen, die allen Schöpfungsberichten gemeinsam sind / (37:38) Ein Schöpfungsmythos der Apachen / (40:59) Ein Schulkind: ‹Ich bin ein Sonnenedelstein›

2. Audio Aufwachsen in Widersprüchen (1989)
Im Paradoxen Sinn erfahren:
(17:09) Die Antwort des Schöpfungsmythos / (18:38) Die drei Bestandteile des Schöpfungsmythos / (25:47) Der Genesismythos / (27:12) Ein Apachen Schöpfungsmythos / (31:58) Ich bin ein Sonnenedelstein' (achtjähriger Bub)

3. Gesprächsreihe mit Pater Johannes Pausch (2011)
Demut ‒ der Mut zum Gipfel:
(01:14:52) Das Gänseblümchen ‒ eine kleine Sonne


Quellenangaben

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