Text und Audio von Br. David Steindl-Rast OSB

achtsamkeitCopyright © - Barbara Krähmer

Vergegenwärtigen Sie sich achtsame Menschen: Sie sind fest in ihren Körpern verwurzelt. Sie sind in ihrem Körper lebendig. Aber es ist bezeichnend, dass wir dafür kein Wort haben und es einfach nur als achtsam im Sinn von geistig wach sein bezeichnen. Das weist darauf hin, dass etwas fehlt. Wenn in unserer Sprache ein Wort fehlt, dann fehlt damit auch eine Einsicht, nämlich in diesem Fall die Einsicht, dass volles Lebendigsein volles geistiges und auch körperliches Wachsein umfasst, und dass hier von diesem vollen Lebendigsein die Rede sein soll.

Vergegenwärtigen Sie sich für einen Augenblick einen Moment größten Lebendigseins in Ihrem Leben, einen Augenblick echter, im Körper verwurzelter Achtsamkeit, einen Augenblick, in dem Sie an der Wirklichkeit gerührt haben. Danach bemisst sich der Grad, in dem wir lebendig und geistlich in dieser Welt sind, der Grad, in dem wir in Berührung mit der Wirklichkeit sind.

T. S. Eliot sagte: «Der Mensch kann nicht viel Realität aushalten.» Aber in verschiedenen Graden können wir die Realität aushalten, und die Lebendigsten von uns haben es fertiggebracht, mehr Realität auszuhalten als die anderen. Was wir aber möchten, ist, dass wir fähig werden, in Berührung mit der Realität zu kommen, mit der ganzen Realität, und nicht bestimmte Aspekte abblocken zu müssen. [Auf dem Weg der Stille (2016) 68f.]

Im Kloster wird Zeit und Raum so eingeteilt, dass die Achtsamkeit gefördert wird; mit Bewusstsein und im Gefühl des Segens. Nahrung zuzubereiten und zu essen ist eine grundlegende Tätigkeit, um die Achtsamkeit in unseren Alltag einzufügen. Unsere Brüder in buddhistischen Klöstern singen: «Unzählige Arbeiten waren nötig, um uns dieses Essen zu bescheren; wir sollten wissen, wodurch es uns geschenkt wurde.» Und sie fahren fort: «Wir wollen uns fragen, ob unsere Tugend und Übung diese Nahrung verdienen.» Wir essen, um dienen zu können; wir ernähren uns, um anderen zu Diensten sein und in irgendeiner Form weiterzugeben, was wir bekommen haben.

Wenn wir den Segen des Lebendigseins erkennen, entspringt daraus ganz spontan eine demütige Haltung, ein nützlicher, praktischer Dienst und Sorgfalt in Einzelheiten. Das ist auch etwas, was wir in jeder Lebenslage üben können. Das eine bedingt und fördert das andere: Wenn wir uns liebevoll um Einzelheiten kümmern, die uns so leicht entfallen, während wir uns auf die scheinbar großen Dinge konzentrieren, dann entsteht eine Haltung der Sorgsamkeit und Zärtlichkeit. Wir müssen ohnehin kochen und putzen, also können wir es genauso gut liebevoll und sorgsam tun.
[ST 12, Quelle: MS 1) 100f.; 2) 88f.; 3) 94f.]

Jeder wirklich achtsame Mensch erkennt, dass alles ein Geschenk ist. Niemand schuldet es uns, wir haben es nicht gekauft und haben nicht dafür bezahlt. Es ist kostenlos, und wir reagieren mit Dankbarkeit auf diese kostenlose Wirklichkeit.

Es hilft, täglich wenigstens eine Überraschung wahrzunehmen, irgend etwas, was überraschend und unvorhergesehen ist. Vielleicht ist es das Wetter, vielleicht ein Anblick, auf den wir aufmerksam werden. Es kann ein angenehmes oder ein unangenehmes Ereignis sein. Wenn wir unser Herz öffnen, um etwas Überraschendes hineinzulassen, wird es uns immer klarer, wie viele Überraschungen jeder Tag enthält, und mit der Zeit erkennen wir, dass wir in einem Universum leben, das irgendwie zu uns spricht. Wenn wir das erst einmal erkannt haben, hören wir ganz selbstverständlich hin, weil wir die Botschaft hören wollen.
[ST 13, Quelle: SW 102]

[Ergänzend:

1. ACHTSAMKEIT, in: Das ABC der Schlüsselworte, im Buch: Orientierung finden (2021), 128:

«Achtsamkeit ist das Gegenteil von Zerstreutheit, bedeutet eine Haltung erhöhter Aufmerksamkeit und aufgeweckter, aber entspannter Konzentration. Während jedoch Konzentration typisch unsre Aufmerksamkeit auf einen Brennpunkt verengt, erweitert die Achtsamkeit ihren Bereich ins Grenzenlose.

Der Dichter T. S. Eliot kennzeichnet dieses Paradox als ‹Konzentration ohne Ausblendung›.[1]

Es ist aber nicht genug, nichts auszublenden, sondern wir müssen bewusst unser Gegenüber einblenden, sonst zeigt sich nämlich in der Praxis, dass wir dazu neigen, uns auf uns selbst zu konzentrieren.

Achtsamkeitsübungen, so wichtig und hilfreich sie sein können, sind nicht selten überwiegend selbstbezogen. Dadurch gleitet manches, was sich fälschlich Achtsamkeit nennt, in Selbstbespiegelung ab.

Echte Achtsamkeit zeigt sich uns in Menschen, die für ihr jeweiliges Gegenüber wach und zum Dialog bereit sind.»

2. Im Vortrag Dankbarkeit als Achtsamkeit im Dialog (2014) klärt Br. David gleich zu Beginn die Begriffe Achtsamkeit ‒ Spiritualität ‒ Dankbarkeit und Dankbar leben. Er beobachtet ‒ seit «Achtsamkeit» in aller Munde ist ‒ eine Bedeutungsverschiebung dieses Begriffs in Richtung auf «meine» Wünsche und Bewertungen und nicht mehr auf: «Wovon werde ich jetzt beeindruckt?» «Welche Gelegenheit bietet mir jetzt das Leben?»]

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[1] «Concentration without elimination …»

T. S. Eliot: «Four Quartets»: «Burnt Norton», II, ebenfalls zitiert in: Auf dem Weg der Stille (2016), 60f. und in: Dankbarkeit: Das Herz allen Betens. (2018), 44 [bzw. Fülle und Nichts (2015), 42]: «Konzentration, die nichts ausgrenzt.»



Quellenangaben

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