November-Kalendergeschichte von Toni Ettlin (2017).

t ettlinBeim Durchblättern des Tagesspiegels war Kuno an einer kleinen Notiz hängengeblieben: „Heute wäre doch ein guter Tag besonders nett zu sein!“ Seine erste Reaktion war: „So ein Blödsinn!“ Schon das Lesen der E-Mails kurz nach dem Aufstehen hatte ihn verärgert. Und nun noch diese Aufforderung, nett zu sein! Kuno nahm einen Schluck Kaffee und verbrannte sich prompt die Zunge. Er setzte sich, stellte die Kaffeetasse auf den Tisch und legte die Zeitung weg.

„So geht das nicht!“ murmelte er vor sich hin. „Wenn ich so durch den Tag stolpere, wird nichts aus meinem Vorsatz, die Vorweihnachtszeit für mehr Ruhe und Gelassenheit zu nutzen. Vielleicht sollte ich es mit nett sein versuchen!“

Die Türe zum Badezimmer öffnete sich und das verschlafene Gesicht seiner Frau erschien im Spalt.
„Guten Morgen!“ flüsterte sie mit beschlagener Stimme. Kuno schaute auf die Uhr und wusste, dass sie spät dran war. In diesem Zustand würde sie es unmöglich schaffen, die Kinder zu wecken und pünktlich zur Schule zu bringen.
Da erinnerte er sich an seinen Vorsatz, stand auf, machte einen Schritt auf die Türe zu und küsste seine Frau.
„Guten Morgen Schatz. Zauberhaft siehst Du aus!“
Seine Frau schaute ihn mit einem verschleierten Blick an, schüttelte den Kopf und zog die Türe zu.
„Ich wollte doch nur nett sein!“ rief Kuno ihr nach, packte seine Sachen und rannte zur SBahn.
Die S7 war schon gut gefüllt. Ein einziger Sitz gleich neben der Türe war noch frei. In Charlottenburg drängten die Pendler wie jeden Morgen in den Wagen. Eine etwa 35-jährige Dame schob sich vor seine Nase. Kuno erhob sich: „Möchten Sie sich vielleicht setzen?“ Die Dame strich ihren Mantel glatt, schaute an sich runter und sagte: „Nein danke! Sehe ich etwa so aus?“
Kuno fühlte sich falsch verstanden und hatte eine bissige Bemerkung auf der Zunge.
„Nein, ganz und gar nicht. Ich wollte einfach nur nett sein!“
Die Dame blickte ihm ins Gesicht und lächelte. „Ach so, dann sehr gern.“
Sie setzte sich und Kuno war erleichtert. Es ging also doch, das mit dem nett sein!

Beim Hackeschen Markt stieg er aus und überquerte den Platz Richtung Rosenthalerstraße. Am Fussgängerstreifen stand eine alte Frau mit zwei prall gefüllten Einkaufstaschen. Kuno stellte sich neben sie und griff nach einer der beiden Taschen.
„Geben Sie! Ich trage ihnen die Tasche ein Stück weit!“
Die Frau fuhr herum: „Was fällt Ihnen ein? Lassen Sie das, Sie verdammter Flegel!“ Sie riss die Tasche mit einer Vehemenz an sich, dass ein Tragriemen riss und ein in Zeitungspapier eingewickeltes Bündel auf die Straße fiel.
„Sehen Sie, was Sie angerichtet haben!“ schimpfte die alte Frau. Kuno bückte sich und stieß mit dem Kopf der Dame zusammen, die im gleichen Moment dasselbe tat.
Er hob das Bündel auf und reichte es der Frau.
„Es tut mir leid. Ich wollte nur nett sein!“

„Ach was! Bestehlen wollten Sie mich. Einer alten Frau das Wenige wegnehmen, das sie noch hat. Schämen Sie sich!“ Die Frau war nicht zu beruhigen.
„Entschuldigung, das wollte ich nicht!“ stammelte Kuno und schaute der Frau nach, die davonstapfte.

Im Geschäft grüßte Kuno die Empfangsdame, stoppte einen Moment und fragte: „Wie geht’s Ihnen?“ Frau Bischof schaute Ihn irritiert an.
„Gut! Ist etwas nicht in Ordnung?“
„Doch, doch. Alles bestens! Ich wollte nur nett sein!“
Frau Bischof prüfte ihn mit einem kritischen Blick.
„Ich werde das Sitzungszimmer gleich herrichten, sobald ich hier weg kann. Die Sitzung ist ja erst um 10.00 Uhr.“ Sie tönte leicht verärgert.
„Ja, ja, schon gut. Das habe ich nicht gemeint!“
Frau Bischof nickte und wandte sich dem Besucher zu, der an die Theke trat.

So ging das den ganzen Tag. Kuno versuchte nett zu sein, doch irgendwie kam seine Nettigkeit nicht richtig an. Seine Assistentin strafte ihn mit einem scharfen Blick, als er ihr Kleid lobte, ein Kunde verlangte sofort eine Preisreduktion als Kuno für die langjährige Treue dankte, Kollege Grossmann vermutete hinter seiner Einladung zum Mittagessen einen Bestechungsversuch und wartete bis Kuno endlich mit seiner Gegenforderung herausrücken würde. Auf dem Heimweg mißverstand ein Autofahrer seinen Gruß als Drohgebärde und beschimpfte ihn hinter der geschlossenen Autoscheibe, ein Polizist, der einen Strafzettel hinter den Scheibenwischer eines falsch geparkten Wagens steckte, warnte ihn, als er ihm für seine Bemühungen im Dienste von Ordnung und Sicherheit danken wollte und ein Kind rannte weinend zu seiner Mutter, nachdem ihm Kuno mit der Hand im Vorbeigehen über den Kopf gestrichen hatte. Die verurteilenden Blicke der Mutter sprachen eine deutliche Sprache.
Und dabei wollte er doch nur nett sein!

Leicht enttäuscht öffnete er die Wohnungstüre. Seine Frau begrüßte ihn mit offenen Armen, küsste ihn und führte ihn ins Wohnzimmer. Der Tisch war festlich gedeckt und ein feiner Bratenduft zog aus der Küche herein. Sie hatte eine gute Flasche Wein geöffnet und ein frischer Blumenstrauß stand in der Vase.
Kuno runzelte die Stirn und schaute seine Frau misstrauisch an: „Haben wir etwas zu feiern? Oder mußt du mir etwas beichten?“ Enttäuschung wischte das Lächeln aus dem Gesicht seiner Frau. „Nein!“ sagte sie leise.
„Ich habe nur heute im Tagesspiegel den Satz gelesen: „Heute wäre doch ein guter Tag besonders nett zu sein!“
„Ich fand das eine gute Idee und habe es den ganzen Tag versucht. Aber es lief ziemlich schief. Und jetzt noch das!“ Sie war den Tränen nahe.
Kuno zog sie an sich und erzählte ihr von seinem Tag. Sie konnten herzhaft lachen und beschloßen es wieder zu tun. Vielleicht würden sie durch Übung Fortschritte erzielen.

 

Aus Kalendergeschichten November 2017 von Tony Ettlin, Lättenstrasse 105, 8142 Uitikon-Waldegg

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