dankeDankbarkeit verbindet, macht glücklich und hält die Gemeinschaft zusammen.
Dankbarkeit hat einen großen Einfluss auf unser Verhältnis zu Mitmenschen und uns selbst. Warum also fällt es den Menschen oft so schwer, einfach einmal „Danke“ zu sagen?

Wenn „Sorry“ das am schwersten über die Lippen gehende Wort ist, welches kommt dann danach? Die Antwort, so legt der Alltag oft nahe, ist ein einfaches „Dankeschön“. Dass der Paketbote seine Lieferungen völlig abgehetzt bis in die Abendstunden ausfährt, nehmen wir oft teilnahmslos hin – das ist ja sein Job, oder? Diese Teilnahmslosigkeit gerät jedoch sehr schnell ins Wanken, wenn die Person auch noch schlecht drauf ist. Dann wird sie zum Thema am Abendbrottisch: „Der Typ geht echt gar nicht!“ Dabei hätte es vielleicht gutgetan, ihm einfach ein Mindestmaß an Wertschätzung und Respekt für die harte Arbeit zu vermitteln: „Wow, Sie sind noch unterwegs? Harter Job. Ich hoffe, Sie haben bald Feierabend. Vielen Dank!“ Ich wette, es hätte der Laune gutgetan. Danken kostet nichts und gefällt den Menschen. Man kann nichts für die Situation des Paketboten, aber man kann seine Zeit trotzdem würdigen. Man muss sie sogar würdigen!

Sie ist uns leider etwas abhandengekommen, die Dankbarkeit. Dabei legen Forschungen nahe, dass sie einen großen Einfluss auf unser Wohlbefinden hat. Danke zu sagen, motiviert und macht sogar glücklich. Laut dem US-amerikanischen Psychologen Robert Emmons und der Psychologin Robin Stern gibt es eine starke Korrelation zwischen dem Empfinden von Dankbarkeit und Gefühlen wie Optimismus und Freude. Und das braucht es auch und gerade während der Pandemie. Wer kann schon von sich behaupten, dass die letzten Wochen und Monate locker-leicht von der Hand gingen? Als ein bundesweiter Klatsch-Flashmob für die vielen Pflegekräfte organisiert wurde, hagelt es schnell Kritik: „Davon können die Menschen sich auch nichts kaufen!“ Stimmt, und dennoch ist es ein Zeichen von Solidarität gewesen. Ist Dankbarkeit nur etwas wert, wenn sie auf dem Konto sichtbar ist? Oder hat nicht vielleicht beides nebeneinander eine Daseinsberechtigung?

Dankbarkeit ist kein Entweder-oder

Machen wir uns nichts vor: Ausbeutung der Pflegerinnen und Pfleger ist genauso ein Zeichen für mangelnde Dankbarkeit und auch für Teilnahmslosigkeit. Und doch darf es hier nicht um ein Entweder-oder gehen: Unternehmen müssen ihren Mitarbeitenden natürlich auch danken, indem sie sicherstellen, das sie gut von ihrer geleisteten Arbeit leben können. Aber daneben müssen wir als Einzelne auch danken können, um die Leistung unserer vielen Mitmenschen nicht zu konterkarieren. Dankbarkeit hält die Gemeinschaft zusammen. Einer der Gründungsväter der Soziologie, George Simmel, pflegte zu sagen, dass Dankbarkeit ein Band der Wechselwirkung zwischen Nehmen und Geben knüpft, wo andere Mächte versagen. Dieses Band darf nie abreißen. Genauso wie ein „Sorry“ nach einem Fehler ein Zeichen des Respekts für den Gegenüber ist, so ist auch ein „Danke“ ein Signal tiefster Demut. Ein Dank verfehlt nie seine Wirkung.

Doch ist es damit schon getan? Bietet allein die Dankbarkeit anderer den Schlüssel zur Glückseligkeit? Natürlich nicht: Auch die eigene Dankbarkeit für das, was man im Leben erfahren hat, spielt eine große Rolle! Als wir im vergangenen Jahr – mitten in der Pandemie – ein geliebtes Familienmitglied zu Grabe trugen, war es die Dankbarkeit, den Menschen in meinem Leben gehabt zu haben, die der Traurigkeit auch ein Gefühl von Zuversicht gab. Die Korrelation von Dankbarkeit und Optimismus, die Emmons und Stern ausgemacht haben, empfand ich nach. Der englische Philosoph Francis Bacon brachte es auf den Punkt, als er sagte, dass nicht die Glücklichen dankbar sind, sondern die Dankbaren glücklich. Dankbarkeit kann durch Krisen helfen – sowohl persönliche als auch gesellschaftliche. Nicht umsonst wird das Dankbarkeitstagebuch als therapeutische Methode eingesetzt, um Menschen dabei zu helfen, wieder das Positive im Alltag zu erkennen.

Man kann für vieles dankbar sein – auch während einer Pandemie: Dafür, dass die Kurzarbeit, die mit weniger Geld einhergeht, auch die Möglichkeit gibt, wieder mehr Zeit für die Kinder, den Partner, die Familie zu haben. Dafür, dass das Runterfahren der Gesellschaft auch Gelegenheiten gibt, sich selbst zu reflektieren und Pläne für die Zeit danach zu schmieden. In allem liegt auch etwas, wofür es sich lohnt, dankbar zu sein. Salopp heißt es: In der Krise liegt die Chance! Das zu erkennen, fällt oft nicht leicht. Wie auch? Der Ansatz der Positiven Psychologie als Lebenskonzept ist noch gar nicht alt: Der Begriff wurde 1954 von Abraham Maslow geprägt. Die Disziplin knüpft mit ihrer Sichtweise an Ideen der Humanistischen Psychologie an. Viele ihrer Aspekte sind inzwischen in der Psychotherapie zu finden. Der Blick auf die positiven Seiten der menschlichen Existenz ist in der Geschichte zwar nicht neu, dafür aber das Bemühen um wissenschaftliche Fundierung.

Hier waren die Theisten gegenüber den Atheisten bislang im Vorteil. Die Atheisten haben stets anerkannt, was sie unmittelbar umgibt: Die Krise, die entweder gut oder schlecht ist. Die Theisten hingegen vertrauten, denn Gott, beziehungsweise die Götter, hätten immer einen Plan: „Wir danken für die Gaben.“ Inzwischen ziehen die Atheisten nach, denn auch die Wissenschaft, die mit Fakten und nicht mit Glauben arbeitet, erkennt an, dass Positive Psychologie in Form von Dankbarkeit wirkt; dass Dankbarkeit mit Optimismus und Freude korreliert. Auch dafür können wir im Grunde dankbar sein. Letztendlich ist aber alles auch ein Kreislauf: Wer Dankbarkeit erfährt, gibt sie auch an andere Mitmenschen weiter. Und wer positiv denkt, steckt auch seine Mitmenschen an. Was das in uns auslösen kann, ist vielen Menschen wahrscheinlich gar nicht bewusst. Ja, sie ist uns manchmal etwas abhandengekommen, die Dankbarkeit. Aber das muss nicht so bleiben!


Quelle: T3n Magazin, Hannover  vom 07.02.2021, Bild: Sarah l’Ermite

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