Br. David Steindl-Rast OSB

sterben lernen titelCopyright © - Klaudia Menzi

Der beste Ausgangspunkt für jedes Gespräch, auch für eines über den Tod, ist der Punkt, an dem man sich selbst befindet. Für mich ist der Ausgangspunkt der eines Benediktiner-Mönchs. Gemäß der Regel des Heiligen Benedikt ist das memento mori eine grundlegende Lebenshaltung: als Mönch leben heißt „den Tod allzeit vor Augen haben“. Als mir zum ersten Mal die Benediktinerregel in die Hände fiel, war dies der Schlüsselsatz, der mich am meisten beeindruckte und anzog. Darin lag die Herausforderung, das Bewusstsein des Sterbens in mein tägliches Leben hineinzunehmen, denn darum geht es hier. Es handelt sich nicht in erster Linie darum, an die letzte Lebensstunde zu denken, also an den Tod als ein physisches Phänomen; die Herausforderung besteht vielmehr darin, jeden Moment des Lebens vor dem Horizont des Todes zu sehen, das Wissen um das Sterben und Vergänglichkeit in jeden Augenblick des Lebens hineinzunehmen, um dadurch erst wirklich lebendig zu werden.

Ich fand später, dass diese Haltung - manchmal ausdrücklich, manchmal implizit -, in allen spirituellen Traditionen geübt wird, mit denen ich in Berührung kam. Im Zen-Buddhismus ist sie sicher sehr stark ausgeprägt, sie findet sich aber auch im Hinduismus und im Sufismus. Es ist eine jener grundlegenden inneren Anforderungen, denen man sich stellt, um religiös zu leben. So wie ich den Begriff „religiös“ benutze, bezieht er sich auf die Suche nach dem letzten Sinn des Lebens. Der Tod muss dabei offensichtlich eines der wichtigen Elemente sein, weil er ein Ereignis ist, das den ganzen Sinn des Lebens in Frage stellt. Wir können beschäftigt sein mit zweckvollen Tätigkeiten, mit der Erledigung von Aufträgen, mit dem Durchführen von Arbeiten - und plötzlich kommt der Tod daher - sei es unser endgültiger Tod oder einer der vielen Tode, durch die wir Tag für Tag gehen. Der Tod konfrontiert uns mit der Tatsache, dass ein zweckerfülltes Leben nicht genug ist. Wir brauchen Sinn um wahrhaft zu leben. Wenn wir dem Tod nahe kommen und alles was auf Zweck abzielt, uns aus den Händen gleitet, wenn wir die Dinge nicht länger manipulieren und kontrollieren können, um bestimmte Ziele zu erreichen - kann dann unser Leben noch sinnvoll sein? Wir tendieren dazu, Zweck und Sinn gleichzusetzen, und wenn der Zweck wegfällt, stehen wir da ohne Sinn. Hier liegt also die Herausforderung: wie kann es, wenn alles Streben nach Zweck zu einem Ende kommt, doch noch Sinn geben?

Diese Frage kann erklären, warum wir im Kloster aufgefordert und herausgefordert werden, den Tod allzeit vor Augen zu haben. Denn das Mönchsleben ist ein Weg, um sich radikal der Frage nach dem Sinn des Lebens zu stellen. In einem solchen Leben kann man nicht im Zweck stecken bleiben: Zwar gibt es viele Zwecke, die Mönche verfolgen, aber sie sind alle zweitrangig. Als Mönch bist du vollkommen überflüssig, und darum kannst du der Frage nach dem Sinn nicht ausweichen.

Die Unterscheidung, die ich zwischen Zweck und Sinn mache, wird in unserem täglichen Sprechen und Denken nicht immer sorgfältig beibehalten. Tatsächlich könnten wir einige Verwirrung in unserem Leben vermeiden, wenn wir diese Unterscheidung ernst nähmen. Offensichtlich unterscheidet sich unser zweckmäßiges Verhalten deutlich von der inneren Haltung, wenn uns Sinn berührt. Um einen Zweck zu erreichen, müssen wir alles unter Kontrolle halten. Wir müssen sozusagen „die Zügel halten“, „die Dinge in die Hand nehmen“, die „Sache unter Kontrolle bringen“ und die Umstände wie Hilfsmittel nutzen, um unsere Zwecke zu erreichen. Solche Redewendungen sind bezeichnend für eine zweckorientierte, nützliche Tätigkeit, und das ganze moderne Leben insgesamt neigt dazu, so zweckorientiert zu sein. Die Dinge liegen jedoch anders, wenn wir es mit Sinn und Bedeutung zu tun haben. Hier geht es nicht darum, die Welt um uns zu gebrauchen, sondern darum, sie auszukosten.

Unsere Redewendungen, die sich auf Sinn beziehen, zeigen uns mehr passiv als aktiv: „Es ist mir etwas geschehen“, „Es hat mich tief berührt“, „Es hat mich bewegt“. Natürlich möchte ich Zweck und Sinn nicht gegeneinander ausspielen, oder Aktivität gegen Passivität. Es geht eher darum, ein Gleichgewicht in unserer hyperaktiven, von Zweckmäßigkeit besessenen Gesellschaft zu finden. Wir unterscheiden hier Zweck und Sinn nicht, um die beiden zu trennen, sondern um sie zu verbinden. Unser Ziel ist es, Sinn in unsere zweckvollen Tätigkeiten einfließen zu lassen, indem wir Aktivität und Passivität in ihre ursprüngliche wechselseitige Beziehung bringen.

Der Tod stellt diese Beziehung auf die äußerste Probe. Nur wenn unser Sterben unsere volle und letzte Antwort auf das Leben ist, stimmen Aktivität und Passivität zuletzt im Tod überein. Weil wir im Leben so einseitig aktiv sind, denken wir uns den Tod zu einseitig passiv. Natürlich sind wir im Tod offensichtlich passiv, das Sterben ist das am meisten Passive, das uns geschehen kann. Es ist die äußerste Passivität - etwas, das uns unausweichlich widerfahren wird. Wir werden alle einmal getötet werden auf die eine oder andere Weise, sei es durch Krankheit oder Alter oder einen Unfall oder sonst auf eine andere Art. Wir alle sind uns darüber im Klaren, aber nicht viele Leute sind sich bewusst, dass der Tod auch höchste Aktivität von uns fordert. Hier können uns wieder bezeichnende Redewendungen helfen, dies zu verdeutlichen: Es ist zum Beispiel aufschlussreich, dass der passivste Vorgang in unserer Erfahrung, nämlich das Sterben im Deutschen (und Englischen) nicht in einer Passiv-Form ausgedrückt werden kann. Es gibt keinen Passiv-Ausdruck für das Verb „sterben“. Wir können getötet werden, aber wir können nicht „gestorben werden“; wir müssen sterben. In unserer Sprache ist so die Erfahrung aufbewahrt, dass das Sterben nicht nur passiv ist, vielleicht sogar nicht einmal in erster Linie passiv, sondern auch die höchste Aktivität. Sterben ist etwas, das wir selbst tun müssen. Vielleicht können wir getötet werden ohne zu sterben, was solche Gespenstergeschichten erklären würde, in denen ein Haus oder ein Zimmer verwunschen sind durch die andauernde Gegenwart einer Person, die getötet wurde, aber nicht wirklich gestorben ist. Diese zwei Dinge müssen im Tod zusammenkommen: Wir tun etwas, und wir erleiden etwas. Mehr als das, wir müssen etwas erleiden, was wir tun, und wir tun etwas, das wir erleiden. Dieses Handeln im Erleiden, dieses Geben im Nehmen - die gegenseitige Beziehung, von der wir oben sprachen -, wird durch unsere Konfrontation mit dem Tod in den Brennpunkt gerückt. Es kennzeichnet das Leben in all seinen Aspekten. Das Leben, wenn es nicht aus Geben und Nehmen besteht, ist überhaupt kein Leben. Das Nehmen entspricht der aktiven Phase, unserem „Zweck“, wenn wir etwas tun, während unsere Hingabe an irgendetwas, das uns berührt, die Haltung ist, durch die Sinn in unser Leben fließt. Es muss betont werden, dass es hier nicht um ein Entweder-Oder geht. Das Leben ist nicht ein Geben oder Nehmen, sondern ein Geben und Nehmen; sollten wir nur nehmen oder nur geben, sind wir nicht lebendig. Wenn wir nur einatmen, dann ersticken wir, aber wenn wir nur ausatmen, ersticken wir ebenso. Das Herz saugt das Blut ein und pumpt es hinaus, und im Rhythmus von Geben und Nehmen leben wir. Tatsächlich ist aber das Gleichgewicht in unserem Leben oft gestört. Unser Schwerpunkt liegt viel zu sehr auf dem Zweck - dem Nehmen, dem Machen, dem Wollen. Was das sinnvolle Leben angeht leben wir sozusagen in einem unterentwickelten Land. Weil wir nur eine Hälfte des Gebens und Nehmens entwickeln, sind wir nur halb lebendig.

Hier sind wieder die Redewendungen unserer Sprache symptomatisch für unsere Vorliebe für zweckmäßiges Nehmen und Wollen. Wir haben jede Menge Ausdrücke, die vom Machen und Nehmen reden, doch nur wenige sprechen von Hingabe. Wir machen einen Spaziergang, wir machen einen Kurs, wir nehmen ein Bad, wir nehmen uns eine Pause, wir nehmen eine Mahlzeit ein. Wir nehmen uns fast alles, eingeschlossen sogar viele Dinge, die kein Mensch wirklich „nehmen“ kann, zum Beispiel Zeit. Wir sagen, dass wir uns „Zeit nehmen“, doch wir leben nur wirklich, wenn wir Zeit geben, nämlich für etwas, das Zeit braucht und nimmt. Wenn du Platz nimmst, so sitzest du nur dann bequem, wenn du deinem Sessel erlaubst, dich aufzunehmen. Schlafen zu wollen ist der sicherste Weg zur Schlaflosigkeit, denn solange du auf dem Nehmen bestehst, wirst du den Schlaf nicht bekommen. In dem Moment jedoch, wo du dich hingibst, wirst du in den Schlaf fallen.

Vielleicht beginnen wir zu ahnen, dass unser einseitiges Bestehen auf dem Nehmen uns daran hindert, ausgeglichen und friedlich zu leben und auch daran, einen ausgeglichenen und friedlichen Tod zu sterben. Nach einem Leben, in dem wir genommen und genommen haben, stoßen wir zuletzt auf etwas, das wir nicht nehmen können. Der Tod nimmt uns. Das ist ernst. Einer kann durchs Leben gehen und immerfort nehmen, und zuletzt endet alles damit, dass er sich das Leben genommen hat, was in Wirklichkeit Suizid ist. Doch wir können lernen, uns selbst zu geben. Es fällt uns nicht leicht, weil wir uns davor fürchten, uns hinzugeben, aber es kann gelernt werden. Wenn wir lernen uns hinzugeben, lernen wir beides: zu leben und zu sterben - nicht nur unseren letzten Tod zu sterben, sondern auch die vielen Tode des täglichen Lebens, durch die wir mehr und mehr lebendig werden können.

Das ist der springende Punkt: Wenn wir uns hingeben an die Wirklichkeit, wie sie auch immer sei, dann sind wir im Fluss des Lebens. Wir halten das fließende Leben nicht an, wir versuchen nicht, es zu halten und zu besitzen, sondern wir lassen los, und alles wird lebendig, sobald wir es lassen. Wenn wir eine Blume abschneiden, ist sie nicht länger lebendig. Wenn wir Wasser aus dem Fluss nehmen, ist es nur noch eine Schale voll Wasser und nicht mehr der strömende Fluss. Wenn wir Luft in einen Ballon füllen, ist sie nicht mehr Wind. Alles was fließt und lebt muss genommen und gegeben werden zur selben Zeit - genommen mit einer sehr, sehr leichten Berührung. Hier spielen wir wieder das Geben und Nehmen nicht gegeneinander aus, sondern lernen die beiden angesichts von Leben und Tod in ein richtiges Verhältnis zu bringen.

Ich erinnere mich an eine Geschichte, die mir von einer jungen Frau erzählt wurde, deren Mutter nahe am Sterben war. Sie fragte sie: „Mutter, hast du Angst vor dem Sterben?“, und ihre Mutter antwortete: „Ich habe keine Angst, aber ich weiß nicht, wie ich es machen soll“. Die Tochter, durch die Antwort überrascht, legte sich aufs Sofa und überlegte, was sie selbst tun würde in dieser Situation, und dann ging sie zu ihrer Mutter und sagte: „Mutter, ich glaube, du musst dich einfach hingeben“. Ihre Mutter gab keine Antwort, aber kurz darauf sagte sie: „Mache mir eine Tasse Tee und mache es genau so, wie ich es gerne mag, mit viel Sahne und Zucker, denn es wird meine letzte Tasse Tee sein. Ich weiß jetzt, wie ich sterben kann.“

Diese innere Einstellung, sich selbst hinzugeben, ein Gehenlassen von Augenblick zu Augenblick ist es, was uns so besonders schwer fällt, doch kann man es anwenden auf beinahe jedem Gebiet unserer Erfahrung. Wir haben zum Beispiel die Zeit erwähnt. Da ist das ganze Problem der „Freizeit“, wie wir sie nennen, der Entspannung und Muße. Wir denken uns Muße als ein Privileg derer, die es sich leisten können, sich Zeit zu nehmen (dieses ewige „Nehmen“!), während sie in Wirklichkeit überhaupt kein Privileg ist. Muße ist eine Tugend, und zwar eine, die jeder sich leisten kann. Es geht hier nicht darum, sich Zeit zu nehmen, sondern Zeit zu geben, „sich Zeit zu lassen“. Muße ist die Tugend derjenigen, die sich Zeit nehmen für was immer es ist, das Zeit braucht - dieser Angelegenheit so viel Zeit schenken, wie sie benötigt. Das ist der Grund, warum Muße für uns beinahe unerreichbar ist. Zu sehr sind wir ausgerichtet auf Nehmen, auf Aneignen. Und so gibt es mehr und mehr freie Zeit - und immer weniger Muße. In früheren Jahrhunderten, als für alle viel weniger freie Zeit zur Verfügung stand und es keine „Ferien“ gab, da entspannten sich die Leute während der Arbeit. Heute arbeiten sie hart, um sich zu entspannen. Es gibt Leute, die arbeiten von morgens um neun bis abends um fünf mit der Einstellung: Lasst es uns erledigen, lasst uns die Sache an die Hand nehmen. Sie sind vollkommen zweckorientiert, und wenn es endlich fünf Uhr ist, sind sie so erschöpft, dass sie keine Zeit mehr haben für richtige Muße. Wer nicht entspannt arbeitet, kann auch nicht entspannt spielen. So kommt es zum Zusammenbruch, oder die Leute nehmen ihren Tennis- oder Golfschläger und fahren fort mit der Arbeit, die dann „Freizeittätigkeit“ genannt wird.

Wir können darüber lachen, doch es geht tiefer. Loslassen ist echter Tod, echtes Sterben. Es kostet uns einen ungeheuren Aufwand an Energie, den Preis, den das Leben für unsere Lebendigkeit immer wieder von uns verlangt. Denn dies scheint eines der grundlegenden Gesetze des Lebens zu sein. Uns gehört nur, was wir aufgeben. Wir alle machten schon einmal die Erfahrung mit einem Freund, der etwas bewunderte, das uns gehörte, und für einen Augenblick spürten wir den Impuls, dieses uns liebe Ding wegzugeben. Folgen wir diesem Impuls - und das könnte einen Augenblick lang schmerzlich sein - dann werden wir für immer und ewig dieses Ding behalten; es bleibt unser eigen; in unsere Erinnerung eingeprägt als etwas, das uns niemals abhanden kommen kann.

Umsomehr gilt dies für persönliche Beziehungen. Sind wir aufrichtig mit jemandem befreundet, müssen wir diesen Freund immer wieder lassen um ihm Freiheit zu geben, wie eine Mutter, die ihr Kind unablässig freigibt. Gibt die Mutter das Kind nicht frei, kann es schon gar nicht geboren werden; es stirbt im Mutterleib. Aber auch nach der physischen Geburt, muss das Kind immer wieder freigegeben und losgelassen werden. Viele Schwierigkeiten, die wir mit unseren Müttern haben, und die unsere Mütter mit uns haben, kommen daher, dass sie uns nicht gehen lassen können; und offensichtlich ist es viel schwieriger für eine Mutter, einem Teenager das Leben zu schenken als einem Baby. Doch ist dieses Auf-Geben nicht auf Mütter beschränkt; wir müssen uns alle gegenseitig bemuttern, egal ob wir Männer oder Frauen sind. Ich denke, Bemuttern ist in dieser Hinsicht wie Sterben; es ist etwas, das wir unser ganzes Leben hindurch tun müssen. Und immer, wenn wir einen Menschen oder einen Gegenstand oder einen Standpunkt aufgeben, wahrhaft aufgeben, dann sterben wir - ja, aber wir sterben hinein in eine größere Lebendigkeit. Wir sterben hinein in die Einheit mit dem Leben. Nicht zu sterben, nicht aufzugeben heißt, dass wir uns von diesem freien Lebensstrom ausschließen.

Doch Aufgeben unterscheidet sich sehr davon, jemanden fallen zu lassen; es sind tatsächlich entgegengesetzte Bewegungen. Die Gebärde ist nach oben und nicht nach unten gerichtet. Läßt die Mutter ein Kind gehen, dann stärkt und unterstützt sie es, so wie Freunde einander aufrichten sollen. Wir können Verantwortungen nicht einfach fallen lassen, die uns aufgegeben sind, doch müssen wir bereit sein, sie aufzugeben, und das ist das Risiko des Lebens, das Risiko von Geben und Nehmen. Das verlangt von uns ein großes Wagnis, denn wer wirklich aufgibt, weiß nicht, was mit dem Ding oder dem Kind geschehen wird. Wüssten wir es, wäre der Stachel heraus, doch es wäre kein echtes Aufgeben mehr. Gibt einer Verantwortung weiter, gehört Vertrauen dazu. Dieses Vertrauen in das Leben ist zentral in allen religiösen Traditionen. Es hat verschiedene Namen: Christen kennen es als „Glauben“, und im Zen-Buddhismus, zu meiner Überraschung, nennt man es ebenfalls „Glauben“, wenn auch in einem anderen Zusammenhang als in der biblischen Überlieferung. Es ist nicht Glauben an irgendetwas oder irgendjemanden, jedoch wird in buddhistischen Klöstern die Betonung auf die Spannung zwischen „Glauben“ und „Zweifel“ gelegt, wobei der Glaube dem Zweifel immer eine Nasenlänge voraus ist. Je größer dein Zweifel, desto größer wird dein Glaube sein - das Vertrauen, das du auf die letzte Wirklichkeit setzst, auf dein wahres Selbst. Sowohl im Buddhismus, wie in der christlichen Tradition, ist Glaube Mut - Mut, das Risiko des Lebens und des Sterbens auf sich zu nehmen, denn die beiden sind nicht voneinander zu trennen.

So wäre zwischen zwei Arten des Sterbens zu unterscheiden: Einerseits, ein Aufgeben, das bedeutet, du wirst getötet, ohne eigentlich zu sterben, andererseits eine lebendige Art des Sterbens, eine Hingabe ein Sich-Selbst-Geben für ein Sterben in ein tieferes Leben hinein. Aber das braucht eben eine Menge Mut, denn es ist immer ein Risiko, ein Schritt in etwas Unbekanntes. Es braucht auch eine Menge Lebenskraft, und daher bin ich nicht ganz einverstanden mit dem, was Karl Rahner und Ladislas Boros über den Tod zu sagen haben. Diese zwei katholischen Theologen haben mit tiefen Einsichten über den Tod geschrieben, aber sie legen zu viel Gewicht auf die letzten Momente eines Menschen. Wir wissen wenig über unsere letzten Augenblicke, wir wissen aber, worauf es jetzt ankommt. Ich würde also sagen: Stirb, solange du lebendig bist, weil du nicht weißt, wie gut du etwas tun kannst, das deine ganze Energie braucht, wenn du erst einmal senil, schwach oder sehr krank bist.

Hier ist wieder einer der Punkte, wo meines Erachtens Geburt und Tod einander sehr nahe kommen. Weder Geburt noch Tod können auf einen zeitlichen Augenblick festgelegt werden. Wir wissen nicht genau, wann eine Person geboren ist. Wir können auf den körperlichen Vorgang verweisen, in dem die Nabelschnur durchschnitten wird, doch manche Leute werden vielleicht erst nach 40 Jahren richtig lebendig oder noch später. Wann wird eine Person lebendig? Ich kann mir vorstellen, dass der eigentliche Augenblick, in dem Jemand zum Leben erwacht, genau derjenige ist, in dem er wirklich stirbt. Und alles was dahin führte, vielleicht 45 Jahre lang, ist Zeit, die zum Üben gebraucht wurde für diesen wichtigen Moment; und alles, was danach folgt, ist Zeit, die gebraucht wird, um der Natur ihren Lauf zu lassen. Im Leben mancher Leute geschieht das vielleicht ganz plötzlich, in einem einzigen Augenblick, während es bei anderen schrittweise geschieht, mühsam durch viele Stufen hindurch.

Was ich sagen möchte, ist einfach folgendes: Lasst uns lernen zu sterben, damit wir in unserer letzter Stunde dazu imstande sind, gut zu sterben. Lasst es uns lernen um jeden Preis, und das heißt, lasst uns lernen, uns immer und immer wieder an das hinzugeben, was uns geschieht. Lasst die Dinge los, oder besser, lasst sie so sein, wie eine Mutter sie sein lässt. „Gehen lassen“ ist etwas zu passiv, es kommt dem „Fallenlassen“ zu nahe. „Hin-Aufgeben“ ist die wahrhaft opfernde Haltung. Von vielen Traditionen wissen wir, dass ein ganzes Leben lang für ein richtiges Sterben geübt wird, und damit ist gemeint, im Strom des Lebens zu fließen, sich selbst da hineinzugeben. Es gibt andere bezeichnendere Redewendungen zu Nehmen und Geben, die auf Wege für die innere Geste des Sterbens hinweisen: „Dank erstatten,“ statt etwas „als gegeben hinnehmen“; „Auf-Geben“ anstatt „in Besitz nehmen“; „Ver-Geben“ anstatt „An-Greifen“. Was wir für selbstverständlich halten macht uns nicht glücklich. Was wir umklammern wird schal in unserem Zugriff; was wir als Angriff auffassen, wird zum unüberwindbaren Hindernis. Doch im Dank-Erstatten, Auf-Geben, Ver-Geben sterben wir hier und jetzt und werden vollkommener lebendig.
Wir reden z.B. von einem „sanften“ (guten) Tod, gegenüber einem „schweren“ (schlechten) Tod. Ich vermute, dass wir einen Tod schwer nennen, bei dem wir kämpfen und nicht friedvoll sterben können. Es gibt manche Fälle, bei denen der Arzt sagt: Ich weiß nicht, wie dieser Patient sich am Leben hält - doch wahrscheinlich hat dieser nie gelernt loszulassen und so hängt er an dem „lieben Leben“, wie wir sagen. Zuletzt wird er getötet werden, ohne gelernt zu haben, sich selbst frei hinzugeben. Schlussendlich ist es nicht ein Dogma oder eine Theorie, sondern etwas, das jeder ausprobieren und in seinem eigenen Leben erfahren kann, dass wir, wenn wir wirklich aufgeben und bewusst sterben, nicht in den Tod, sondern in ein reicheres Leben eingehen. Wenn wir etwas in die Länge ziehen und an etwas hängen, was wir längst hätten loslassen sollen, dann sind wir tot und verfaulen sozusagen. Wir wissen - nicht durch irgendeine Offenbarung, sondern durch unsere eigene tägliche Erfahrung - dass die Frucht eines guten Todes, eines Todes, dem wir uns selbst hingeben, eine größere Fülle des Lebens ist, und dass die Frucht eines Todes gegen den Strich, indem wir einfach getötet werden und uns nicht selbst geben, Zerstörung ist, oder das, was die Bibel den „zweiten Tod“ nennt.

All dies wird eben sehr schwierig, wenn es um unseren letzten physischen Tod geht und wir unser ganzes Leben aufgeben müssen. Ich empfinde es deutlich, dass wir manchmal den Fehler begehen - besonders denke ich das von Leuten, die aus einer religiösen Perspektive sprechen - den Ernst des Todes nicht genug zu betonen. Es mag ein schönes Bild sein, aber ich möchte es nicht so sagen, dass wir im Tod „entschlafen“. Der Tod ist „kein Schlaf“, da gibt es einen drastischen Unterschied. Er ist auch nicht dasselbe, wie ein Tunnel, bei dem wir auf der anderen Seite wieder herauskommen. Ich mag es nicht, von einem „Leben nach dem Leben“ zu sprechen. Das Buch „Ein Leben nach dem Leben“ ist mir bekannt: Es ist interessant, und ich denke, da können ganze Dimensionen sein, eine ganze Welt von Dingen, die im Laufe dessen geschehen, was wir als Tod beobachten - doch ich mache mir darüber eigentlich keine Gedanken. Wie ich sagte, können wir den Augenblick unseres Todes schon gar nicht festmachen. Es ist jedoch dieser Tod, mit dem wir uns hier beschäftigen: das Ereignis, durch das alles, was wir vom Leben wissen, zu einem Ende kommt, in jeder Beziehung. Von einem Leben nach dem Tode zu sprechen, ist nicht sinnvoll, wenn der Tod das Ende der Zeit für denjenigen ist, der stirbt. Und genau das meine ich. Der Tod ist das Ereignis, das kein „Danach“ kennt. Diese Tatsache zu verschleiern bedeutet, die Sicht auf den Ernst des Sterbens zu verlieren.

Es ist ein viel zu harmloses Bild vom Tod zu denken, dass der Körper stirbt, doch die Seele lebt. Gibt es wirklich eine unabhängige Seele gegenüber einem Körper mit eigener unabhängiger Existenz? Konkret erfahren wir uns als körperlich-seelische Wesen. Die ganze Person, erlebt von außen, ist Körper. Erfahren von innen ist dieselbe ganze Person Seele. Bei dem Ereignis, das wir Tod nennen, kommt die ganze Existenz zu einem Ende. Aber die ganze Person, die jetzt hier sitzt und redet weiß, dass, wann immer in diesem Leben etwas wirklich stirbt, das nicht Zerstörung bedeutet, sondern immer einen Schritt in ein größeres Leben. Und deshalb können wir den Glauben zu Hilfe nehmen und sagen: Ja, ich vertraue, dass ich mit diesem endgültigen Tod auch in ein endgültiges Leben gehe. Und das ist Glaube an die Auferstehung im christlichen Sinn, denn Auferstehung ist nicht Überleben; es ist keine Wiederbelebung oder Rückkehr ins Leben, oder sonst irgend eine Art vom Umkehrung. Der Fluss des Lebens kann niemals umgekehrt werden. Durch den Glauben sterben wir vorwärts in die Fülle des Lebens hinein.

Auf solche Art können heute auch christliche Theologen auf die Lehre von der unsterblichen Seele verzichten, ohne die Frohbotschaft von der Auferstehung und dem ewigen Leben kompliziert zu machen. Sobald wir uns nicht länger verpflichtet fühlen, am Satz von der unsterblichen Seele festzuhalten, können wir tatsächlich viel freier und tiefer die existenzielle Haltung einnehmen, auf der die biblischen Äußerungen über die Auferstehung gegründet sind. Wir können dann mit Überraschung entdecken, dass selbst der christliche Glaube an die Auferstehung des Fleisches einfach auf der Erfahrung basiert, dass Seele und Körper in der menschlichen Person existenziell eine Einheit bilden. Man kann nicht von einem körperlosen Menschen sprechen, weil das nicht länger ein menschliches Wesen ist. Der Körper gehört absolut dazu. Deshalb meint Paulus, wenn er vom Leben der Auferstehung spricht (ein Leben jenseits des Todes, wie er sagen würde, eher als eines nach dem Tod - denn wenn der Tod das Ende der Zeit ist, was könnte danach sein?) - dann meint Paulus ein Leben, das in einem Körper ist. Es geschieht im Laufe unseres Lebens, dass wir zu „jemand“ werden. Wer wir werden hängt ab von unseren Entscheidungen und davon, wie wir sie körperlich umsetzen. Es wird von den Antworten abhängen, die wir den Anrufungen Gottes geben, die uns in vielen verschiedenen Formen erreichen, und auch diese Antworten werden wir verkörpern. Dass wir auf diese Art ein „Jemand“ werden, ist offensichtlich eine Aussage ebenso über unseren Körper wie über unsere Seele. Doch der Körper, den wir den unseren nennen, ist in diesem Sinn nicht durch unsere Haut begrenzt. Er umfasst all die Elemente des Kosmos, durch die wir unsere eigene persönliche Einzigartigkeit ausgedrückt haben: es ist die ganze, vollständige Person, von außen gesehen. Doch wenn diese vollständige Person gestorben ist, dann muss die Auferstehung des Lebens, wie Paulus es sieht, die Erschaffung einer vollständigen Person sein, mit Seele und Körper, durch Gott, der alleine die Kontinuität vom alten zum neuen Leben herstellt. Alles, was Paulus über das unsterbliche Leben sagen kann, das Leben Christi in uns ist, dass es „mit Christus in Gott bewahrt“ ist. Es bleibt wahr, ob wir gestorben sind oder nicht. In beiden Fällen ist „unser wahres Leben in Christus“, wie Paulus an derselben Stelle sagt.

Sätze wie dieser machen deutlich, dass die christliche Anschauung vom unsterblichen Leben den sogenannten „östlichen“ Ideen viel näher steht als den populären westlichen Glaubensvorstellungen, die an eine Unsterblichkeit der Seele gebunden sind. Wenn Christen bei einem Guru des Ostens lernen zu begreifen „Ich bin nicht mein Körper, ich bin nicht meine Seele“, dann geben sie Raum für ein Verständnis der Worte des Heiligen Paulus: „Dein wahres Leben ist in Christus“. Nur zu oft wird dieses Verständnis behindert durch das Missverständnis „Ich bin nicht mein Körper, sondern ich bin meine Seele“, eine falsche Vorstellung, die durch die Doktrin der unsterblichen Seele aufrecht erhalten wird.

Das hängt eng zusammen mit einem anderen Bereich, in dem gegenwärtige östliche Einflüße den Christen helfen können, ihre eigene authentische Tradition bezüglich des Lebens jenseits des Lebens wieder zu entdecken. Christen erscheint es manchmal als bedrohlich, dass das östliche Denken die westliche Auffassung eines individuellen Weiterlebens in Frage stellt. Doch ist diese populäre Betonung wirklich in Übereinstimmung mit der christlichen Botschaft? Sicher ist das richtig, dass die persönliche Dimension, die wir aus uns gemacht haben, indem wir „jemand“ geworden sind, nie verloren gehen wird: Doch das ist etwas anderes als Individualität. Wir werden als Individuen geboren und werden allmählich zu Personen, mühsam genug. Wir verwirklichen uns als Personen durch die Beziehungen mit anderen. Bezogenheit ist es, was uns zu Personen macht. Was uns trennt, definiert uns als Individuen, doch was uns mit anderen verbindet, macht uns personhaft. In der Beziehung einer tiefen Liebe werden wir erst wahrhaft persönlich. Wenn wir uns geben und verlieren, finden wir paradoxerweise unser wahres Selbst. Was Paulus unser wirkliches Leben nennt, das Christus-Selbst in uns, ist universelle Bezogenheit in Liebe; und es ist nicht schwer zu erkennen, dass dieses leichter mit der „Buddha-Natur“ oder dem „Atman“ zusammenpasst als mit einer fortdauernden individuellen Getrenntheit.

Nun sagt Paulus aber von diesem Christus-Selbst, das unser wirkliches unsterbliches Leben ist, nicht nur, dass es mit Christus in Gott verborgen ist, sondern auch: „Wenn aber Christus, unser Leben, sich offenbaren wird, dann werdet ihr auch offenbar werden mit ihm in Herrlichkeit“ (Kol. 3.4.). Das scheint mir so zentral zu sein für die christliche Botschaft, dass ich einfach fühle, dass ich hier kein Agnostiker sein kann. Ich kann nicht sagen: Gut, gebt mir den Rest des christlichen Lebens und der Lehre und vergesst die Eschatologie: was nämlich die letzten Dinge angeht. Um etwas richtig zu tun, muss man das Ende von Anfang an im Auge haben. Nicht einmal eine Mahlzeit wird richtig gelingen können, wenn wir nur mit den Zutaten beginnen, ohne die endgültige Zusammenstellung vor Augen zu haben, und so sollten wir besser auch unser Augenmerk auf das Ende unseres spirituellen Lebens richten, das heißt, unsere Vorstellung von den letzten Dingen klären. Unser Problem im Moment scheint das zu sein, dass wir aus unserer kindlichen Integrität im Umgang mit eschatologischen Mythen herausgewachsen sind, aber noch nicht die erwachsene Integrität erworben haben, um mit diesen Mythen umfassender umgehen zu können als ein Kind. Wir sind wie Jugendliche, die aus Peinlichkeit über die Märchengeschichten lachen, die noch vor kurzem so tief bedeutungsvoll für sie waren, und die in kurzer Zeit später noch bedeutungsvoller sein werden.

Vielleicht wäre es gut, wenn wir einen neuen Blick auf das werfen, was man die christliche Mythologie von Himmel, Hölle, Fegfeuer, Gericht usw. nennen kann. Es ist wichtiger als wir vielleicht denken. Wir können nicht annehmen, dass es sich einfach um etwas handelt, aus dem wir herausgewachsen sind: Wir haben lediglich gesehen, dass bestimmte Bilder nicht mehr länger wörtlich genommen werden können oder müssen. Auf der anderen Seite kann ein Christ weiterhin voll und ganz an die Realität glauben, die diese Bilder darzustellen versuchen. Ich kann sagen, dass ich an die Auferstehung des Fleisches und das Jüngste Gericht glaube: Ich glaube an diese Wahrheiten, aber ich bestehe nicht auf den Bildern. Ich glaube an die Realität, die dahintersteht, und beschwere mich nicht mit den Ausdrücken. Sie sind als Bildvorstellungen gemeint, oft wundervolle poetische Bilder, aber nicht mehr. Tatsächlich kommt das mythische Bild vom Fegfeuer dem Mythos von der Reinkarnation sehr nahe. Sie versucht (kurz gesagt) eigentlich, dieselben Fragen zu beantworten und wartet mit weitgehend den gleichen Antworten auf - dass es da eine Gerechtigkeit gibt und man sein Karma erfüllen muss. Aber so wie ich nicht auf dem Bild des Fegfeuers bestehen würde, als gäbe es da tatsächlich ein Feuer, das irgendwo brennt mit verschiedenen Graden von Hitze - so würde ich persönlich auch nicht die Bilderwelt der Reinkarnation überstrapazieren. Doch kann ich sagen, dass ich an beides glaube.

Ein Grund, warum die christliche Tradition mich immer von der Beschäftigung mit der Reinkarnation weggeführt hat, hat weniger mit der Lehre zu tun als mit der spirituellen Praxis. Die Endgültigkeit des Todes wird verstanden als Aufruf zur Entscheidung, der Entscheidung hier und jetzt vollgegenwärtig zu sein und so das ewige Leben zu beginnen. Denn Ewigkeit, richtig verstanden, ist nicht die Perpetuierung der Zeit, immer und immer weiter, sondern eher die Überwindung der Zeit durch das „Jetzt“, das nicht vorübergeht. Wir suchen jedoch immer nach Gelegenheiten, die Entscheidung aufzuschieben. Wenn du zum Beispiel sagst „Oh, nach diesem Leben werde ich noch ein anderes haben und dann noch eins“ - dann wirst du nicht richtig leben, sondern dich halbtot dahinschleppen, weil du nie dem Tod ins Angesicht geblickt hast. Don Juan sagt zu Carlos Castaneda: „Deshalb bist du so missmutig und nicht richtig lebendig, weil du vergessen hast, dass du sterben musst. Du lebst, als würdest du für immer leben.“ Das Erinnern an den Tod soll uns, wie ich es verstehe, helfen, die Entscheidung zu treffen. Don Juan weist als Lehrer auf den Tod hin. Der Tod macht uns zu Kriegern. Wenn du dir bewusst wirst, dass der Tod gleich hinter deiner linken Schulter steht, und dass du ihn sehen kannst, wenn du dich nur schnell genug umdrehst - dann macht dich das munter und fähig zu Entscheidungen.

Als menschliche Wesen, hier und jetzt, nicht als Anhänger irgendeiner Lehrmeinung wissen wir genau, was Leben jenseits der Zeit bedeutet. Wenn wir sagen können jetzt“, dann sprechen wir von einer Wirklichkeit, die nicht in der Zeit ist. Das „Jetzt“ ist, Zeit ist jedoch nur eine Bedingung für ein Werden. Das Sterben in all seinen Formen und Stufen ist unsere Gelegenheit, aus der Zeit in das Jetzt zu kommen, das nicht vorübergeht, von der reinen Möglichkeit des Werdens in das wirkliche Sein.

In unserer menschlichen Erfahrung ist die Zeit, um einen schönen Ausdruck zu benutzen, den ich irgendwo gehört habe, ein Maß für die Energie, die notwendig ist, um zu wachsen. In diesem Sinn hat sie nichts mit Minuten oder Stunden zu tun, mit Jahren und Zeitaltern oder mit der Uhrzeit. Wachstum bedeutet hineinzusterben in das, was wir werden sollen, aber noch nicht sind. Der Samen muss sterben, um eine Pflanze zu werden und wir müssen unserer Kindheit entsterben, um erwachsen zu werden. Doch unser wichtigster Tod hat mit dem Sterben unserer Unabhängigkeit als Individuen zu tun, und dem so Lebendigwerden als Personen in Beziehungen. Wir finden das furchtbar schwierig, weil wir immer versuchen, unsere Unabhängigkeit zu erhalten, das Gefühl „ich schulde niemandem irgend etwas“. Dann kommt der Augenblick des Todes - sei es der endgültige Tod oder ein Augenblick in der Mitte des Lebens - wir geben unsere Unabhängigkeit auf und finden die Freude des Zusammengehörens und Zusammenseins. Das ist es ja, was wir uns am meisten wünschen. Doch außer in solchen Augenblicken klammern wir uns an etwas, das wir gar nicht wirklich wollen, und das wir uns doch nicht getrauen loszulassen - unsere Unabhängigkeit und die Isolation, die notwendigerweise damit einhergeht. Im Augenblick, in dem wir loslassen, sterben wir in die Freude der Zugehörigkeit hinein. Die Bedeutung unseres physischen Sterbens verblasst im Vergleich zu dem, was Paulus das wahre Leben nennt: Christus in uns. Er sagt an einer anderen Stelle: „Ich lebe, doch nicht ich lebe. Christus lebt in mir.“ (Gal. 2, 20) Er macht da nicht eine private Aussage über sich selber, sondern er meint, dass jeder von uns imstande sein sollte, das zu sagen. Als Gläubige können wir ebenso sprechen wie Paulus, und das bedeutet, dass das wahre Selbst in jedem von uns lebt: Ich lebe, doch nicht ich, sondern Christus lebt in mir. Das Angesicht, das wir hatten, vor unserer Geburt, wie die Buddhisten sagen, ist die Christus-Wirklichkeit. Das bedeutet nicht, eng gesprochen, Jesus von Nazareth; es bedeutet: Christus. Die Christus-Wirklichkeit ist nicht von Jesus zu trennen, ist aber nicht auf ihn beschränkt. Es kommt dem sehr nahe, was die Buddhisten „Buddha-Natur“ nennen, oder was die Hindus als „Atman“ bezeichnen, die letztlich bleibende Realität. Doch wir fürchten uns immer, unsere Individualität in jener allumfassenden Wirklichkeit zu verlieren. Ich denke, wir könnten diese Angst überwinden, wenn wir uns bewusst werden, dass die göttliche All-Einheit uns nicht Gleichförmigkeit aufzwingt, sondern grenzenlose Vielfalt umfasst; in ihr gibt es Raum für alle unsere persönlichen Unterschiede.

Ich habe einmal mit Eido Roshi über die Frage der Persönlichkeit oder Nicht-Persönlichkeit dieser letzten Realität gesprochen, weil hier oft ein genereller Unterschied zwischen westlichen und östlichen Vorstellungen vermutet wird, oder zwischen Christen und Buddhisten. Die Buddhisten benutzen das Bild von den Wellen auf der See: Jeder von uns ist eine solche Welle, die aus dem Meer kommt und in es zurückgeht. Ich sagte ihm, ein westlicher Mensch könne das nicht einfach akzeptieren, er würde sagen: Ich bin jemand mit Selbstbewusstsein, Wahrnehmungsvermögen und Selbstbestimmung - und ich soll einfach zurückgehen in irgendeinen kosmischen Brei? Wenn das Meer, aus dem ich komme, unpersönlich ist, und ich bin Person, dann bin ich größer und mehr. Die Antwort von Eido Roshi war einfach genug: „Wenn das Meer nicht alle Vollkommenheit des Persönlichen hätte, woher hätten es dann die Wellen ?“ Das ist eine wundervolle buddhistische Antwort, und sie wird dem christlichen Anliegen vollkommen gerecht. Doch wir könnten auch sagen: Gut, die Wellen gehen in den Ozean zurück, das ist ein schönes Bild, aber dieser Höhepunkt, wenn die Welle gerade bricht, dieser Moment, in dem wir am lebendigsten sind - das ist, wie T.S. Eliot sagt, „ein Augenblick in und ausserhalb der Zeit“: Das Jetzt, das nicht vorbeigeht, die Ewigkeit. In diesem Augenblick vollster persönlicher Verwirklichung, ist alles Gegenwart. Was sich hier ereignet, gehört nicht zu „es war“ oder „es wird sein“, sondern zu dem ewigen Jetzt, das in die Zeit einbricht. Es scheint sich zu verwirklichen, aber vielleicht bin ich es, der einfach heimkehrt.

Ich mag auch die Vorstellung, dass die jungfräuliche Energie eines Lebens, in dem die persönliche Dimension nie verwirklicht wurde, einfach zur Quelle zurückkehrt, eine Welle, die niemals zur Brechung gekommen ist. Dieses Bild ist irgendwie verbunden mit der Idee der auslaufenden Zeit. Doch der Wendepunkt des spirituellen Lebens ist der Augenblick, in dem die auslaufende Zeit umgekehrt wird in eine sich erfüllende Zeit. Es hängt von uns ab, ob der Tod ein Auslaufen im Sande ist oder eine Explosion der Fülle der Zeit in das Jetzt der Ewigkeit hinein. Im Buch Deuteronomium sagt Gott: „Ich stelle dir heute Leben und Tod zur Wahl: - wähle das Leben!“ Das Leben ist etwas, das wir zu wählen haben. Man lebt nicht schon, wenn man nur einfach so dahin vegetiert. Man wird erst dadurch lebendig, dass man wählt, sich entscheidet. In keiner spirituellen Tradition ist das Leben etwas, das man automatisch hat, sondern etwas, das man wählen muss. Was dich das Leben wählen lässt, ist die Herausforderung durch den Tod - das Sterben lernen, nicht am Ende, sondern hier und jetzt.



Aus Parabola: Myth and the quest for meaning, Winter 1977, ©BibliothekDSR.
(Übersetzung aus dem Amerikanischen von Jörg Rasche im Herbst 2004, revidiert von Rosemarie Primault mit Br. David am 23. September 2005)

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