Br. David Steindl-Rast OSB

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Beim Reigentanz schwingt ein Bild von Gemeinschaft mit. Beim heutigen Tanzen verbindet oft nur die Musik. Die einzelnen Tänzer führen ihre Schritte weitgehend unabhängig aus. Der Rundtanz vereint – man tanzt miteinander. Übertragen auf Berufung und Berufswahl, bedeutet das: Ich kann nicht sagen „Hier geht’s um mein Leben, ich kann damit machen, was ich will!“ Durch diese weit verbreitete Einstellung lädst du dir eine Last auf. Wenn du nämlich ganz unabhängig tun kannst, was du willst, dann musst du allein entscheiden, was du tust. Kein Wunder, dass dir das Angst macht. In Wirklichkeit ist die Sache einfacher: Du kannst gar nicht völlig unabhängig darüber verfügen. Dein Leben ist untrennbar verbunden mit dem Leben anderer – dem ganzen Universum. Das allumfassende Leben wird dir zeigen, was du mit deinem Anteil am Ganzen tun sollst. Vertrau darauf.

Die persönliche Freiheit und Unabhängigkeit, die wir heute genießen, ist eine große Errungenschaft, aber wir haben sie zu weit getrieben – so weit, dass wir uns in Entfremdung und Vereinzelung verlieren. Das fordert, dass wir alles, was wertvoll ist an unserer Unabhängigkeit, schätzen und bewahren, jetzt aber lernen, persönliche Freiheit mit dem Bewusstsein gegenseitiger Abhängigkeit zu verbinden.

Vertrauen und Klarheit

Sagen wir es noch einmal, denn es verdient wiederholt zu werden: Wir dürfen dem Leben vertrauen, dürfen uns dem Geheimnis, das uns „entgegenwartet“, anvertrauen. Es gibt Anlässe, bei denen dieses Vertrauen klar anerkannt und feierlich zum Ausdruck gebracht wird – Momente gegenseitigen Sich-Anvertrauens zweier Menschen oder eines Menschen und einer ganzen Gemeinschaft. Das kann eine Verbindung und Bindung auf Lebzeiten sein. Das setzt voraus, dass die Menschen, die sich in Freiheit so aneinander binden, mit solcher inneren Klarheit sehen, wir gehören zusammen, dass sie einander versprechen können, füreinander da zu sein, was immer auch kommt. Solche geheimnisvollen Augenblicke, denn das sind sie – Momente voll der Gegenwart des großen Geheimnisses –, solche Augenblicke der Lebendigkeit wurden seit vorgeschichtlichen Zeiten mit Ritualen gefeiert. Man könnte meinen, dass Menschen einander dadurch versprechen, miteinander durchzustehen, was kommen mag. Aber richtig verstanden, drücken sie ihr Vertrauen aus, dass das große Geheimnis sie miteinander durchbringen wird. Dieses gewichtige und weitreichende Vertrauen ist von nun an ihre gemeinsame Berufung. Was kommt, wird nicht leicht sein: Nüchterne Erwägungen zeigen uns das. Wer die Entscheidung hinterfragt, wenn es schwer wird, verschwendet Energie, die er braucht, um dem Versprechen treu zu bleiben – dem eigenen, dem des Gegenübers und dem Versprechen des Lebens, das in solchen heiligen Riten klar spricht. Diese Klarheit der Berufung ist ein seltenes Geschenk. Die Antwort auf jede Berufung wird einem Dreischritt folgen: still werden, sonst können wir nicht horchen; hinhorchen, sonst können wir nicht hören, wozu das Leben uns ruft; und antworten auf den gehörten Ruf – innehalten, innewerden und tun. Wir nennen diese Übung: Stop – Look – Go. Das gilt für Berufung im Großen, will aber Augenblick für Augenblick auch im Kleinen geübt werden.




Quelle: Auszug aus Orientierung finden – Schlüsselworte für ein erfülltes Leben.

Erschienen in miteinander, das Magazin des Canisiuswerkes, Wien 9-10/2022

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