Br. David Steindl-Rast OSB

uns zukunft d reich d kinde titelCopyright © - F. Cagianut

Auf die Frage, welche Denkanstösse mich im letzten Jahr am tiefsten beeindruckt haben, würde ich ohne Zögern die Gedanken von David Steindl-Rast OSB anführen, die er an Pfingsten 1987 in Murnau vorgetragen hat. Es hatten sich dort Vertreter verschiedener Weltreligionen getroffen, um über das Thema «Die großen Traditionen und der Weg in die Zukunft» miteinander ins Gespräch zu kommen. Der folgende Beitrag entstand aus einer Überarbeitung der Tonbandaufnahme Fülle und Nichts  von der Deutschen Gesellschaft für Intuitives Atmen (c/o M. Erb, Konradstr, 31, 7800 Freiburg). Näheres über David Steindl-Rast findet sich im Vorspann zu seinem Beitrag auf Seite 51.

Steindl-Rast erinnert uns daran, dass wir alle, welcher Religion wir auch angehören, Augenblicke des Aufgehoben-Seins erlebt haben, in denen wir uns sowohl über uns selbst hinausgehoben als auch geborgen, vereint mit allem, was uns umgab, erfahren haben. Und er versucht, uns zu zeigen, dass diese im Grunde mystischen Erfahrungen Herausforderungen mit sich bringen, denen wir uns – zumindest im Christentum – bis heute noch nicht wirklich gestellt haben: Die Herausforderung, aus der Enge einer Religion in den Universalismus auszubrechen, in dem Religion erst zu jenem allumfassenden Aufgehoben-Sein kommt, das den eigenen lebendig-machenden Erlebnissen entspricht; und die Herausforderung, uns der Autoritätskrise zu stellen, in die uns solche Erlebnisse führen. Die Frage vor der wir alle stehen, ist: Lassen wir uns weiter von den autoritären Mächten – den religiösen und den politischen – gängeln, oder beginnen wir endlich, so zu sprechen und zu handeln, wie es uns «das Kind in uns» eingibt, das wir aus unseren besten und lebendigsten Augenblicken kennen?

Im Rahmen des Konferenzthemas «Religionen der Erde und Zukunft der Menschheit» möchte ich drei Fragen stellen: Wo stehen wir? Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Bei ihrer Reantwortung möchte ich von meinem eigenen Glaubenserlebnis ausgehen, weil ich davon überzeugt bin, dass das Ureigenste zugleich immer das Allgemeinste ist. Wir kennen dies aus der Kunst: Wenn es einem Künstler gelingt, das Ureigenste eines Menschen in einem Portrait festzuhalten, so ist immer der Mensch als Ganzes schon dargestellt. Wenn es Mozart gelingt, das Ureigenste des Salzburgischen in einem Stück auszudrücken, so ist es Musik, die für die ganze Welt gilt. Wenn deshalb auch ich versuche, von meinem ureigensten Erleben zu sprechen, so darf ich hoffen, dass dann ebenso Allgemeingültiges zur Aussge kommt.

In diesem Sinn also: Wo stehen wir? Wir befinden uns in Murnau, und es ist Pfingstmontag, was bestimmt kein Zufall ist. Pfingsten steht in der christlichen Tradition für die Feier des Geistes, und Geist ist Atem, göttlicher Atem, der uns lebendig macht und uns alle verbindet. Und in der Lesung zu Pfingsten heißt es von diesem Geist-Atem Gottes: er füllt das All; er hält alles zusammen; und er spricht und kennt alle Sprachen. Dem sollten wir nachgehen.

Zunächst einmal: Er erfüllt das All. Das "All" steht hier für Kosmos, für Universum und für die ganze Geschichte, von Anfang bis Ende aller Zeit. Der Geist-Atem Gottes, so wird uns gesagt, erfüllt dies alles; und da auch wir atmen ‒ so können wir folgern ‒ sind auch wir mit alledem verbunden. Und tatsächlich sagt uns die Wissenschaft, dass wir mit jedem Atemzug ganz kleine Spuren von Edelgas einatmen. Zum Beispiel macht das Argon 1% unserer Atemluft aus. Da es keine Verbindung eingeht, ist es von allem Anfang an in der Luft gewesen. Aller Wahrscheinlichkeit nach atmen wir daher mit jedem Atemzug Argonatome ein, die Buddha eingeatmet hat, und Jesus und Moses. Auch in diesem Augenblick hat jeder von uns Atome in sich, die jeder große Mann und jede große Frau der Geschichte, an die Sie denken mögen, nach wissenschaftlicher Wahrscheinlichkeit einmal ebenfalls in sich hatten. So sind wir bereits physisch mit der ganzen Geschichte von Anfang bis Ende und mit jedem Ort der Erde verbunden.

Wir wissen darüberhinaus, dass unser Körper aus Sternenstaub gemacht ist, aus demselben Stoff also wie die Himmelskörper, die wir nur mit den stärksten Teleskopen überhaupt sehen können, die Sterne, die Millionen von Lichtjahren entfernt von uns sind. ‒ Die Materie war ursprünglich eins. Und so hängen wir schon über Raum und Zeit mit allem zusammen.

Aber viel mehr noch hängen wir zusammen durch den Geist. Was meinen wir damit? Albert Einstein sagte einmal, dass die Fülle der Natur, die uns umgibt, die Fülle dessen, was wir erforschen können, erstaunlich sei, dass aber noch erstaunlicher sei, dass wir diese Fülle verstehen können. Wie können wir diese Fülle, wie das Universum verstehen? Wir können sie nur verstehen, weil wir nicht nur physisch eins sind mit dem Universum, sondern weil wir auch den Geist, den Geist-Atem in uns haben, der alles er-füllt. Wir können «Fülle» hier auch durch das Wort «Sinn» ersetzen. Da wir also den Sinn, der alles erfüllt, in uns haben, vermögen wir in uns auch den Sinn dessen zu verstehen, was uns umgibt; wir sind ihm verbunden. Wir könnten aber genauso sagen, Sinn sei «Nichts». Wenn nämlich etwas Sinn hat, fügt der Sinn dem ja nichts hinzu. Es ist somit «Nichts», nicht aber ein leeres Nichts, sondern jenes Nichts, das für uns weit bedeutender ist als alles, was besteht. Wenn wir auch alles besäßen und es hätte keinen Sinn für uns, dann wäre dieses alles völlig belanglos. Der Sinn ist jenes Nichts, das das All wertvoll macht, es zum Leben bringt. Daher sprechen wir auch, wenn wir diesen Sinn meinen, von Geist, von Atem, weil Atem Leben bedeutet. Und wenn es heißt, dass wir Menschen erst durch Gottes Lebensatem lebendig werden, dann bedeutet dies, dass wir das Leben Gottes teilen.

Was meinen wir jedoch mit diesem so oft missverstandenen Begriff «Gott»? Hat das Vorgetragene Bedeutung aus Ihrem persönlichen Erleben heraus, auf das es bei Sinnfragen ja letztlich ankommt? Ich will versuchen, aus meinem Erleben eine Brücke zu schlagen. Vielleicht erinnert Sie das an Ähnliches, was Sie selbst erlebt haben.

Wenn wir fragen, wann wir diesen Geist, diesen Sinn-schaffenden Lebensatem erleben, so scheint mir die Antwort aus der gemeinsamen Erfahrung zu sein: Wir erleben ihn dann, wenn wir einmal wirklich in der Gegenwart stehen. Meistens befinden wir uns ja doch nicht in der Gegenwart, sondern haften noch halb an der Vergangenheit und sind schon halb ausgestreckt auf die Zukunft. Hie und da aber erleben wir einen Augenblick, in dem wir ganz geistes-gegenwärtig sind, wie es das schöne Wort ausdrückt. Und Gott, richtig verstanden, ist dann das, was uns ent-gegenwartet, wenn wir wirklich in der Gegenwart sind. Oder man kann es auch so sagen: das Göttliche ist die Gegenwart, in der wir aufgehoben sind.

Erinnern Sie sich an diese besten, lebendigsten Augenblicke Ihres Lebens? Augenblicke, in denen Sie ganz in der Gegenwart aufgehoben waren? Nicht wahr, wir erleben uns aufgehoben in dreifacher Hinsicht. Zunächst im Sinn von ausgelöscht: Was uns da ent-gegenwartet, das löscht uns aus, aber nicht in negativer Weise, sondern wie die Sterne ausgelöscht werden, wenn die Sonne aufgeht. Wir erfahren uns aber auch aufgehoben in dem Sinn, dass wir auf eine höhere Ebene hinaufgehoben werden. Die Gegenwart, wenn wir uns ihr wirklich stellen, hebt uns über uns selbst hinaus. Von solchen Augenblicken pflegen wir zu sagen, «in diesem Moment bin ich über mich selbst hinausgewachsen». Und schließlich ‒ und dies ist das Wichtigste ‒ sind wir auch aufgehoben im Sinn von geborgen. Wir wissen in unseren besten und lebendigsten Augenblicken, dass wir in dem, das uns entgegenwartet, zuhause sind, völlig aufgehoben und wohl geborgen.

Weil Gottes Geist das All und uns erfüllt ‒ so haben wir gesehen ‒ deshalb können wir das All verstehen. Und da er alles zusammenhält, sind wir in der Einheit aufgehoben; und auch dies in dreifachem Sinn. Wir sind in einer Einheit aufgehoben, in der unser kleines Ich ausgelöscht ist ‒ dies ist die negative Seite. Wir erleben uns in ihr aber auch hinaufgehoben in Gemeinschaft und Bezogenheit. Und wir erfahren uns schließlich geborgen in Gemeinschaft, zugehörig zum großen Haushalt der Erde. Ich erinnere Sie nur an etwas, was gewiss auch Sie erfahren haben: In solchen Augenblicken, in denen wir, wie wir sagen, uns selbst verlieren, finden wir uns, da sind wir wirklich ganz die wir sind. In Zeiten dagegen, in denen wir uns anklammern an das, was wir zu sein glauben, da verlieren und zerstreuen wir uns. Wenn wir uns über uns selbst hinaus in eine Einheit hineingehoben erleben, die gleichzeitig grenzenlose Gemeinschaft bedeutet, dann finden wir uns, aber wir finden uns nicht in unserem kleinen Ich, sondern in unserer Einzigartigkeit, in unserem höchsten, umfassendsten Selbst als Person, und wir erleben uns verbunden mit der ganzen Schöpfung und dem ganzen All.

Und darum heißt es auch vom Geist Gottes, dass er nicht nur das All erfüllt, nicht nur alles in Einheit zusammenhält, sondern dass er jede Sprache kennt. Wenn wir eine solche Geisterfahrung hatten, wie ich sie geschildert habe, dann sind wir versucht zu denken, unsere Sprache ‒ oder genauer gesagt, die Sprache unsrer religiösen Tradition ‒ sei die einzige, in der wir diese Geisterfahrung ausdrücken können. Aber der Geist Gottes kennt und spricht alle Sprachen, nicht nur die der Menschen, sondern die der ganzen Schöpfung. Jedes Tier ist ja eine eigene Sprache, die der Geist spricht, jede Pflanze, jeder Kristall, jeder Stein, jeder Stern, jedes Meer, ‒ das Weltall ist ein Sprechchor von verschiedenen Sprachen, die alle der eine Geist spricht. Und das Pfingstwunder wird gerade so beschrieben, dass alle die vielen Völkerschaften, die das Brausen des Geistes vernahmen, sich wunderten, dass jeder einzelne von ihnen die eigene Sprache vernahm! Es ist die Einheit in der Vielfalt, die hier erfahren wurde ‒ ein ganz und gar ökumenisches Ereignis! Daher bedeutet das Pfingstfest auch geschichtlich den Durchbruch aus der Enge einer Religion (die hier, mehr oder weniger zufällig, das Judentum war), in den Universalismus!

Was sich aber im Lauf der Zeit aus diesem Pfingstereignis heraus entwickelt hat, das ist ‒ jedenfalls bis heute noch ‒ kein solcher Ausbruch aus der Enge, sondern nur die Entstehung einer anderen Religion, nämlich des Christentums. Wir können bedauern, wir können es aber ebenso begrüßen. Denn diese Religion hat doch im Wesentlichen nur die eine Aufgabe: Mit jeder neuen Generation erneut über sich selbst hinauszuführen in den Universalismus, auch wenn sie noch so oft in sich selbst steckenbleibt. Das Gleiche aber gilt ja auch für jeden einzelnen von uns. Auch wir haben doch eigentlich die Aufgabe, aus jenem tiefsten Erleben unserer All-Einheit heraus zu leben, und dennoch bleiben wir täglich wieder in uns selber stecken. Wie können wir dieses dann den Religionen verübeln, die doch nur die Konglomerate sind aus den vielen einzelnen von uns. Besinnen wir uns also darauf, dass auch heute noch, 2000 Jahre nach dem Pfingstereignis, unverändert die Herausforderung an uns besteht, aus Religion im engeren Sinn ‒ ob das nun die jüdische, die christliche, die buddhistische oder eine andere Religion ist ‒ in den Universalismus auszubrechen, ohne die Religion zurückzulassen. Wir lassen uns ja auch selbst nicht zurück, wenn wir über uns hinauswachsen, im Gegenteil. Genauso die Religion. Und auch sie wird erst wirklich sie selbst, wenn sie universalistisch wird. Sie wird aufgehoben in dreifachem Sinn: Ausgelöscht, soweit sie in der Vereinzelung, im Gegensatz zu den anderen, steht; hinaufgehoben auf eine höhere Stufe und in eine umfassendere Ordnung; und aufgehoben im Sinn von Bewahrung, bei der ihr Bestes zum Vorschein kommt.

Nachdem wir als Christen jetzt schon 2000 Jahre hieran arbeiten und immer noch nicht viel weiter gekommen sind, sollten wir uns zurückbesinnen und fragen: Woher kommen wir? Als Christen werden wir bei dieser Frage geschichtlich auf Jesus Christus zurückgehen und seine Botschaft. Und wenn wir uns dieser Botschaft unvoreingenommen öffnen, so werden wir finden, dass Jesus von Nazareth kein Religionsstifter war, sondern dass in ihm ein menschheitsgeschichtlicher Durchbruch stattgefunden hat: In ihm finden wir menschlichen Universalismus erstmals umfassend verwirklicht. Dieses wird allerdings nur verständlich, wenn wir Jesus von Nazareth als Mystiker sehen. Nur als Mystiker können wir ihn verstehen. Und der Grund dafür liegt darin, dass wir selber Mystiker sind. Auch wir kennen eben jenes mystische Erleben des Aufgehobenseins in der Gegenwart, aus der heraus Jesus ausdrücklich spricht ‒ jenes mystische Aufgehobensein, das sich bei ihm ausdrückt als tiefste Intimität mit Gott. Aus diesem Erleben heraus spricht Jesus Gott als «Abba» an, und aus ihm heraus versteht er sich als Gotteskind. Und auch wir erfahren ja dieses Gotteskind in uns, auch wir fühlen uns in diesen besten Augenblicken als Kind dessen, der uns ent-gegenwartet. Wir fühlen uns aufgehoben, wie man bei einer Mutter aufgehoben ist ‒ und tatsächlich schwingt ja in «Abba» sehr viel Mütterliches mit im Gegensatz zu unserem Wort «Vater».

Aus diesem auch uns bekannten mystischen Erleben heraus also spricht Jesus, und was er sagt, begreifen wir dann erst richtig, wenn uns klar wird, auf welche Autorität sich Jesus beruft. Wir scheinen uns diese Frage noch nicht so genau überlegt zu haben. Wen immer wir fragen, auch unter gebildeten Christen, wird sagen, Jesus spricht mit der Autorität Gottes, die sozusagen hinter ihm steht. Tatsächlich aber erlaubt kein einziger Satz in den Evangelien, das so zu sehen. Jesus beruft sich vielmehr auf die Autorität Gottes in den Herzen seiner Hörer. Schauen Sie sich doch die Evangelien ‒ vor allem die synoptischen ‒ einmal genau daraufhin an. Sie werden feststellen, dass Jesus sich immer wieder auf die Autorität Gottes in den Hörern beruft. Und die typische Form, in der dies geschieht, ist die Gleichnisrede, die mit einer Frage beginnt, oft unausgesprochen, meist aber ganz ausdrücklich: Wer von euch, der jemals Schafe gehütet hat, weiß nicht; wer von euch, der Brot bäckt, weiß nicht; wer von euch Eltern weiß nicht? Immer wieder, «Wer von euch weiß das nicht schon», das steht am Anfang der Gleichnisrede. Und darauf folgt die Reaktion der Hörer, die immer wieder lautet: Na, jeder weiß das; das Kind in uns weiß das genau. Und zum Schluss tritt dann meistens Stille ein, in die hinein Jeus sagt: «Ah, ihr wisst das so gut! Warum handelt ihr dann nicht danach?» Und so finden sich die Hörer von der eigenen Erfahrung überführt.

Darum sind die Gleichnisreden heute noch genauso lebendig, wie sie vor 2000 Jahren waren: weil sie uns noch immer dahin führen, zuzustimmen ‒ ja, das weiß ja sowieso jeder ‒ und dann uns bewusst machen, dass wir nicht konsequent danach handeln. Wenn wir wirklich aus diesem Geist des Kindes in uns lebten, wenn wir aus dem Bewusstsein heraus handelten, das wir von unseren besten Augenblicken her kennen, dann wären wir nicht so halbtot, wie wir es jetzt sind, und die Menschheit als Ganzes wäre nicht so gefährdet. Als Kinder Gottes gehören wir zusammen und handeln so, wie man eben Brüder und Schwestern gegenüber handelt. Aus unserem Erleben des Aufgehobenseins in der Einheit wissen wir, dass alle Menschen, alle Tiere und Pflanzen mit allem, was unsere Umwelt ausmacht, zusammengehören. Und daran erinnert uns Jesus: «Wisst ihr das denn nicht?» Natürlich wissen wir es, in unseren besten Augenblicken erleben wir es doch und sind so glücklich, weil wir es erleben. ‒ «Ja, warum lebt ihr denn dann nicht danach?»…

Hierin liegt die Herausforderung des Christentums, die gar nicht so verschieden ist von der Herausforderung aller anderen Religionen. Aber es ist eben eine Herausforderung, die uns in dieser Form bisher vielleicht noch nicht klargeworden ist.

Sogar auf die ausdrückliche Frage «Mit welcher Vollmacht tust du dies? Wer hat dir diese Autorität gegeben?» (Mt 21,23) antwortet Jesus nicht, mit der göttlichen Autorität in mir, sondern auch hier richtet er sich an den Geist Gottes in den Herzen derer, die ihn fragen, indem er zurückfragt: mit welcher Autorität hat Johannes der Täufer gesprochen und gehandelt, mit göttlicher oder menschlicher Autorität? Und es heißt, da getrauten sie sich nicht, ihm zu antworten. Denn sie dachten sich, wenn wir sagen, mit göttlicher, dann sind wir überführt; wenn nämlich Johannes mit göttlicher Vollmacht sprach, warum dann nicht er? Wenn wir aber sagen, mit rein menschlicher Autorität, dann fallen die einfachen Leute über uns her: Die einfachen Leute, das sind die, die viel unkomplizierter nach dem Hausverstand leben, weil sie nicht so viel zu verlieren haben. Als Professor an einer Universität hat man viel zu verlieren, dann lebt man lieber nach den Spielregeln der Universität. Und als Angehöriger einer Korporation lebt man nach den Spielregeln der Korporation. Auf diese Weise stecken wir alle in irgendeiner Gemeinschaft mit eigenen Spielregeln und lassen uns daran hindern, die Wahrheit zu sagen und nach der Wahrheit zu leben. So lassen wir uns alle tyrannisieren von gesellschaftlichen Zwängen und davon abhalten, wirklich lebendig zu werden.

Es fällt uns offensichtlich nicht schwer, unter solchen Zwängen zu leben. Nichts fällt uns schwerer, als auf eigenen Füßen zu stehen, Wir wollen keine Verantwortung tragen. Wir beruhigen uns, in dem wir sagen: wir tun ja nur, was jeder tut. ‒ Ist es aber deshalb richtig? Sehen Sie, hier liegt die wirkliche Krise, und die Herausforderung des Christentums. Und das führt uns nur zu dem frühzeitigen und furchtbaren Ende der Geschichte Jesu: Jeder, der das Kind in sich, das göttliche Kind, sprechen lässt, kommt unausweichlich mit den Autoritäten um uns in Konflikt. Wir leben in einer Welt autoritärer Macht, die alles unterdrückt. Die wahre Autorität des Geistes unterdrückt nie, sie baut auf. Von dorther kommt das schöne Wort «Erbauung», das wir leider nicht mehr gebrauchen: Erbauung nicht nur als persönliches, gutes Gefühl, sondern Erbauung von Gemeinschaft mit allen Gotteskindern in aller Welt, ja Gemeinschaft mit allem, was da ist. Und daher die Freude und die Wunder und die ganze Lebendigkeit, die man noch durchspürt durch die Texte, die vom Aufbau dieser Gemeinschaft durch die Vollmacht Jeus berichten.

Dieser Vollmacht aber steht eben die Autoritätsordnung unserer Welt gegenüber, von der sich sogar die Apostel nicht so ganz freizumachen vermochten. So wehrt sich beispielsweise Petrus (Joh 13,8): «Nie sollst Du mir die Füße waschen!» Damit meint er doch, dass es eine Ordnung gibt in der Welt, ein Oben und Unten, und dass danach Jesus «über ihm steht». Aber dahinter steht wohl ein bisschen die Haltung: früher oder später werde ja ich oben stehen, und dann will ich eben auch nicht anderen die Füße waschen müssen. Mit anderen Worten, Jesus bringt uns in eine totale Autoritätskrise, die wir bis heute, 2000 Jahre später, noch nicht bewältigt haben. Er sagt uns: In der Welt, da lassen sich die Mächtigen gnädige Herren nennen und unterdrücken alle. «Bei euch aber soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Sklave sein» (Mt 20,26). Nicht dass wir nicht gern einander dienen würden; aber so zu sprechen und handeln, wie es der Geist eingibt, das führt eben unweigerlich zum Konflikt mit den führenden religiösen und politischen Mächten, die, sofern sie autoritär sind, alles unterdrücken wollen. Und so kam es ja dann auch zu jener eigenartigen Mischung von religiöser und politscher Todesstrafe. Jesus wurde von den religiösen Autoritäten den politischen Machthabern ausgehändigt; das Kreuz war eindeutig eine Strafe für politische Verbrecher. Das Wirken des Geistes hat eben unausweichlich auch politische Implikationen. Er ist allumfassend.

Doch das Kreuz darf ja nicht isoliert gesehen werden. Es ist unlöslich verknüpft mit der Auferstehung, mit Ostern, mit Leben. Und Pfingsten bedeutet den Durchbruch dieses Lebens. Ja, er ist gestorben; er wurde aufgehoben, ausgelöscht. Aber zugleich wurde er hinaufgehoben – Himmelfahrt ist der symbolische Ausdruck für diese Aufhebung. Und zugleich ist er auch aufgehoben in seinem ureigensten Sein – so aufgehoben, dass dieses Sein niemals wieder verloren gehen kann. – Und aus diesem Geist leben nun die Gläubigen, das heißt diejenigen, die sich vertrauend auf dieses Geschehen verlassen. «Sich darauf verlassen» – wie wunderschön – und worauf verlassen sie sich? Auf den Geist, der uns alle gemeinsam erfüllt, auf diesen Geist-Atem, über den wir, wie wir sahen, mit allem verbunden sind.

Und dies führt uns nun zu unserer dritten Frage: Wohin gehen wir?

Wir gehen in die Zukunft des Kindes. Da sie Zukunft ist, können wir nicht sagen, was sie bringt. Dennoch können wir sagen, dass es eine Zukunft des Kindes sein wird, denn der Autoritarismus hat keine Zukunft. Wenn wir eine Zukunft haben, dann wird es die Zukunft des göttlichen Kindes in uns allen sein, das Reich des Kindes. Das klingt für uns heute viel besser, viel aussagekräftiger als «Reich Gottes» und bedeutet doch dasselbe: Das Reich des Kindes, das sich zusammengehörig weiß mit allen Menschen und aller Kreatur, das von der Verantwortlichkeit füreinander weiß und entsprechend handelt. Dem göttlichen Kind in uns steht allerdings das «verkehrte Wesen» gegenüber, wie Novalis das nennt. Jenes Wesen, das sich autoritären Spielregeln unterwirft, das nicht auf eigenen Füßen stehen und nur tun möchte, was andere tun ... Die Spannung zwischen dem Gotteskind in uns und diesem Verkehrten Wesen, auf das wir immer wieder zurückfallen, erfahren wir täglich, und sie fordert uns heraus, dem Kampf zwischen den beiden nicht auszuweichen.

Wie schön hat doch Eugene Blackbear, «Sonnentanzpriester» der Cheyenne-Indianer, gestern von der Prophezeiung seines Volkes erzählt. Das Gericht kommt, und die neue Zeit bricht an, wenn ein neugeborenes Kind spricht – so lautet die Prophezeiung. «Gericht» hat in der christlichen Tradition immer den Doppelsinn von Strafe und Rechtfertigung: Strafe für das Verkehrte Wesen und Rechtfertigung für das göttliche Kind in uns – dieses beides ist Gericht. Furcht vor diesem Gericht kennt nur das Verkehrte Wesen, das Kind in uns freut sich darauf. – Und nun sagt also die Prophezeiung der Cheyenne-Indianer voraus, das Gericht käme, und die neue Zeit bräche an, wenn das neugeborene Kind spricht. Wer kann noch bezweifeln, dass hierin dieselbe Botschaft enthalten ist, wie die, von der ich gerade sprach? Unsere große Aufgabe ist es, das neugeborene Kind in uns sprechen zu lassen. Dann wird die neue Zeit und das Reich des Kindes schon anbrechen! Novalis fasst das zusammen in diesem Gedicht, mit dem ich diese Einleitung zu unserem anschließenden Gespräch beenden möchte:

Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren
Sind Schlüssel aller Kreaturen
Wenn die so singen, oder küssen,
Mehr als die Tiefgelehrten wissen,
Wenn sich die Welt ins freie Leben
Und in die Welt wird zurückbegeben,
Wenn dann sich wieder Licht und Schatten
Zu echter Klarheit wieder gatten,
Und man in Märchen und Gedichten
Erkennt die wahren Weltgeschichten,
Dann fliegt vor e i n e m geheimen Wort*)
Das ganze verkehrte Wesen fort.

Novalis (Friedrich von Hardenberg) 1801

*) Dem Wort, das das neugeborene Kind spricht!



Quelle: Vortrag am Pfingsmontag in Murnau / Bayern – Unsere Zukunft : Das Reich des Kindes   David Steindl-Rast (1987)   

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