Br. David Steindl-Rast OSB

aufwachen titelCopyright © - pixabay

Dem Leben mit offenen Armen zu begegnen, sich wachsam seinen schönen wie herausfordernden Seiten zu stellen – das bedeutet lebendig sein. Zu oft schreiten wir im Schlummerzustand durchs Leben und verpassen das Wesentliche. Erst wenn wir aufwachen, können wir das Leben in seiner wahren Fülle wahrnehmen und genießen.

Das Rauschen im Gehäuse einer großen Meeresschnecke faszinierte mich als Kind. Meine Urgroßmutter war fast taub; sie konnte es wohl kaum hören. Auf ihrem Spiegeltischchen aber lag rosabäuchig und stumpfgehörnt dieses zum Schnörkel gewundene Ding wie ein umgestülptes, sonderbares Porzellangefäß. Es war beinahe so groß wie mein Kopf, und wenn ich es vorsichtig aufhob und den bräunlich glänzenden zart gezahnten, glatten Schlitz an mein Ohr presste, dann konnte ich etwas wie Wind hören.

Das war das ferne Rauschen des Meeres, aus dem diese Muschel stammte, hatte man mir erzählt. Ich hatte es zumindest so verstanden, und dieses auf- und abschwellende Dröhnen tönte auch wirklich wie die Meeresbrandung, an die ich mich vom Sommer in Dalmatien erinnern konnte.

Mit Staunen hält das Kind die Muschel ans Ohr; mit Staunen lauscht es. Das Erstaunlichste an diesem Rauschen aber habe ich erst viele Jahre später erfahren: Nicht nur, dass es vom Meer kommt, ist ein Irrtum, sondern auch, dass es aus der Muschel stammt. Das fernrollende Wogen, das wir da hören, ist der Widerhall pulsierenden Blutes im eigenen Ohr; das hohle Muschelinnere wirkt nur als Schallverstärker. Mystische Erfahrung von Ost und West klingt an, wenn da die Leere laut wird und sich als unsere innere Fülle erweist.

Die eigenen Abenteuer erleben auf dem Weg des Staunens bedeutet Leben in Fülle. Es geht um das Lebendigwerden. Ich könnte es in zwei Worte zusammenfassen: Wach auf! Ein Dichter wie Kabir vermag diese zwei Worte mit einer Frische auszudrücken, die aufmerken lässt. Kabirs Gedichte sind machtvoll, sie erwecken uns zu einer Lebendigkeit, die wir nie für möglich hielten:

Hast du einen Körper?

Dann sitz nicht auf der Veranda!

Geh hinaus in den Regen!

 

Wenn du verliebt bist,

warum schläfst du dann?

 

Wach auf, wach auf!

Du hast Abermillionen Jahre lang geschlafen.

Warum nicht aufwachen heut' morgen?



Quelle: Fülle und Nichts - Von innen her zum Leben erwachen, erschienen in  NATUR & HEILEN 4/2016

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