Br. David Steindl-Rast OSB

an welchen gott titelCopyright © - Dersu Huber

Wenn ich sage, an welchen Gott können wir noch glauben, so heißt das natürlich: An welches Gottesbild können WIR noch glauben.

WIR, das sind gebildete Mitteleuropäer des frühen 21. Jahrhunderts, die Wissenschaft ernst nehmen und auch die Religion ernst nehmen. Diese beiden sind verschiedene Wege zu dem gleichen Ziel. Das entscheidende Wort in der Frage „An welchen Gott können wir noch glauben?“ ist das „noch“. Darin liegt meine Überzeugung, dass wir uns im Augenblick in einem ganz entscheidenden Bewusstseinswandel befinden. Die Weltlage erlaubt uns nicht mehr, auf derselben Bewusstseinsstufe zu bleiben.

Worum handelt es sich bei diesem Bewusstseinswandel? Es handelt sich um einen Übergang von einem analytischen zu einem integrierenden Bewusstsein, von einem anthropozentrischen zu einem kosmozentrischen Bewusstsein, von einem Bewusstsein, das aufspaltet und trennt, zu einem Bewusstsein, das sich völlig eingebunden weiß und Trennungen leicht nimmt, eigentlich ein ganzheitliches Weltverständnis. Und ganz entscheidend für diesen Übergang, für dieses neue Bewusstsein, ist auch, dass es große Betonung legt auf die Erfahrung, auf die persönliche Erfahrung.

Das Gottesbild, das jetzt auftaucht und sich hier entfaltet, ist nicht mehr ausschließlich auf Überlieferung gegründet, sondern weitgehend auf persönliche Erfahrung. Und in diesem Gottesbild, in einem ganzheitlichen Bewusstsein, ist Gott „mir näher, als ich mir selber bin“. Und da stehen wir mit beiden Füßen in der Tradition, denn so hat es auch Augustinus ausgedrückt: Gott ist mir näher, als ich mir selber bin, „intimeo intimis meis“, so drückt es Augustinus aus.

Worum handelt es sich bei dieser Ur-Erfahrung, das ist unsere erste Frage. Und die zweite ist, wie drückt sich dann diese Ur-Erfahrung in den Religionen aus? Die dritte ist ganz praktisch, wie können wir diesem Ziel unserer religiösen Ur-Sehnsucht näher kommen?

Wir finden uns in der Unruhe unseres Herzens von einem unauslotbaren Geheimnis umgeben. Wir wissen nicht, woher wir letztlich kommen, wir wissen nicht, wohin wir gehen, wir sind rundum von Geheimnis umgeben. Und je tiefer wir versuchen, dieses Geheimnis zu erfahren, umso mehr kommen wir in Geheimnisse hinein. Dorothee Sölle, die große protestantische Theologin, spricht von Gott als MEHR, mehr und immer mehr, könnte man sagen, und nicht nur auf derselben Ebene, sondern in immer neuen Dimensionen. Und dieses Geheimnis, das uns umgibt, ist NICHTS. Es ist nicht etwas, und in diesem Sinne nichts.

Es ist aber in keiner Weise ein leeres Nichts, sondern es ist das NICHTS, das der Quellgrund und Mutterschoß von allem ist, was es gibt. Und es ist ein göttlicher Abgrund, aus dem die Fülle von allem kommt. Und die Fülle selbst ist wieder unausschöpflich. Und da ist unser eigenes Selbst eingeschlossen und daher sind wir uns selbst auch unauslotbar. Dieses MEHR und immer MEHR, das das Göttliche bedeutet, ist in uns selbst.

Das ist die manifestierte Wirklichkeit, wie die Hindus das nennen, im Gegensatz zu der unmanifestierten. Und beide sind unauslotbar, beide Begegnungen mit dem Göttlichen.

Und in einer dritten Weise erleben wir auch noch persönlich eine dynamische Fülle, im Lieben, im Leben, im Schaffen, in den Beziehungen, in allem, was dynamisch ist in unserem Leben, da finden wir dasselbe – Unausschöpflichkeit – immer mehr und immer mehr auf allen Ebenen.

Was sind diese drei, die ja nicht drei in dem Sinn sind, dass man eins, zwei, drei zählen könnte? Drei Erfahrungen vielleicht, von ein und demselben unerschöpflichen Geheimnis, die zu Sinnfindung dazu gehören. Tatsächlich gehören zur Sinnfindung immer drei: Das Wort, das ist uns bekannt, das weiß jeder, was immer Sinn hat, ist im weitesten Sinne Wort, es drückt etwas aus, es bedeutet uns etwas, es spricht uns an, es ist Wort. Aber es ist nur dann Wort, wenn es aus dem Schweigen kommt, denn alles andere ist nur Geräusch und Geplätscher und Geplapper. Wahres Wort kommt aus dem Schweigen. Also ist auch das Schweigen eine Dimension der Sinnfindung. Ohne Schweigen kein Sinn, weil ohne Schweigen kein Wort. Und zu Wort und Schweigen muss noch das Verstehen hinzukommen und das Verstehen ist etwas Dynamisches.

Das Verstehen ereignet sich, indem wir so tief auf das Wort – was immer das Wort ist, es kann eine Situation sein, ein Mensch sein, ein Ding sein, Musik sein –, was immer das Wort im weitesten Sinne ist, wenn wir so tief darauf hinhorchen, dass es uns mitnimmt dorthin, wo es herkommt, in dieses Schweigen. Es kommt aus dem Schweigen, es ergreift uns und es führt uns in dieses Schweigen. Wenn wir da mitgehen, dann verstehen wir. Das ist der Prozess des Verstehens. Und das ist Sinnfindung durch Schweigen, Wort und Verstehen.

Es gibt ein kurzes Gedicht von Conrad Ferdinand Meyer, „Der römische Brunnen“. Da ist das alles drinnen.

Aufsteigt der Strahl und fallend gießt
Er voll der Marmorschale Rund,
Die, sich verschleiernd, überfließt
In einer zweiten Schale Grund;
Die zweite gibt, sie wird zu reich,
Der dritten wallend ihre Flut,
Und jede nimmt und gibt zugleich
Und strömt und ruht.

Da ist das alles drinnen.

So viel skizzenweise zu unserer Ur-Erfahrung. Wie drückt sich die jetzt in den Religionen aus?

In den Ur-Religionen ist noch alles aus einem Stück, Wort – Schweigen – Verstehen, ganz ineinander. In den drei großen Zweigen der Religion, die sich in der Welt herausgeformt haben, sammelt sich die ganze Energie des Buddhismus auf das Schweigen. Die große Predigt des Buddha, die der Bergpredigt im Evangelium entspricht, ist eine wortlose Predigt, der Buddha hält nur eine Blume hoch. Wie kann man sagen, dass jemand verstanden hat?
Wenn er es sagt, hat er nicht verstanden. Einer lächelt. Und es heißt, dass in diesem Augenblick die Tradition des Buddha auf diesen seinen Nachfolger übergeht – Schweigen und Lächeln. Und seitdem wird immer im Schweigen die Tradition des Buddhismus weitergegeben.

Ich erinnere mich noch an meine eigenen Studien mit einem Zen-Meister. Wenn ich geglaubt habe, etwas so richtig gut verstanden zu haben, und gesagt habe: „Hab’ ich das jetzt richtig verstanden?“ und das ganz genau so ausgedrückt habe, hat er gesagt: „Ganz genau, aber wie schade, dass du es sagen musst!“

Und dann wurde er auch manchmal hingerissen und hat dann etwas mehr geredet in unseren Gesprächen und auf einmal hat er sich mitten in einem Satz unterbrochen und gesagt: „Ha, schon wieder geredet!“, und dann schallend gelacht: „Ich werde schon ein Christ!“

Und das ist die zweite große Tradition, die westliche Tradition, die jüdische, christliche und muslimische Tradition. Völlig auf das Wort ausgerichtet. Gott spricht - das ist die große Aussage der Bibel. Da ist die wunderschöne Geschichte von Rabbi Sussja, einem der großen chassidischen Rabbis: Alle anderen Schüler konnten die Predigten ihres Lehrers auswendig lernen. Er hat nie auch nur den Anfang gehört, nur das allererste, weil sein Lehrer immer begonnen hat mit der Schriftlesung, und die Schriftlesung hat schon begonnen mit „Gott sprach…“. Und wenn Rabbi Sussja gehört hatte „Gott sprach“, war er schon in Ekstase und man musste ihn hinausnehmen, sagt Martin Buber. Und er stand auf dem Gang und im Holzschuppen und hat dann die Wände geschlagen „Gott sprach, Gott sprach“.

Und Martin Buber kommentiert, er hat wahrscheinlich mehr gewusst, als alle die, die die Predigten auswendig konnten, denn mit einem Wort, sagt Buber, ist die Welt erschaffen und mit einem Wort ist die Welt erlöst. „Das Wort ist Fleisch geworden“, das ist unsere christliche Botschaft, unsere westliche Botschaft, alles aufs Wort konzentriert. Und „der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort, das aus dem Munde Gottes kommt“ und so wird in dieser Tradition alles, was es gibt, als Wort, verstanden, indem Gott zu uns spricht. Und weil Gott so einfach ist, hat Gott nur eines zu sagen, und weil Gott die Liebe ist, hat Gott einfach nur zu sagen: „Ich liebe“, „Ich liebe dich“.

Und genauso wie wir Menschen es jemandem, den wir lieben, nicht nur einmal und dann beim 25. Jubiläum sagen: „Ich hab’ meine Überzeugung nicht geändert, willst du es noch mal hören?“, sondern ununterbrochen, immer wieder neue Formen, Geschenke, Lieder, Gedichte, Küsse, alles finden, um es immer wieder neu auszudrücken, so kann man sich vorstellen, dass alles, was es gibt, Ausdruck der Liebe Gottes ist. Und so wird es verstanden in dieser Tradition: Alles, was es gibt, ist ein Wort, und wir müssen die vielen verschiedenen Sprachen lernen, in denen Gott uns zuspricht „Ich liebe dich, darauf kommt es an.“

Und die dritte große Tradition, ist die hinduistische, dort geht es um Verstehen. Schweigen im Buddhismus, Wort in den westlichen Traditionen, Verstehen im Hinduismus. Und ich war ganz begeistert, als ich einmal, es war Miwenke Deshananda, ausdrücklich sagen hörte: „Yoga ist Verstehen“. „Yoga“ – und das sind alle Formen der Spiritualität im Hinduismus, nicht nur unser Hatta-Yoga, das alle kennen. Und ausdrücklich hat er noch dazu gesagt, dass Yoga von „Jo-“ kommt, somit von derselben Wurzel wie Joch, ein Jochochse, es jocht etwas zusammen, und was dieses Verstehen zusammenjocht, ist das Wort und das Schweigen. Und das ist Hinduismus.

Die drei großen Traditionen drücken das aus. Und mit großem Erstaunen sieht das dann ein Christ, dem man immer gesagt hat, die Dreifaltigkeit, das ist ein großes Geheimnis, das wirst du nie verstehen. Ja, verstehen nicht, ausloten nie, aber es zeigt sich, dass das plötzlich inmitten aller großen Traditionen steht. Wort, Schweigen und Verstehen. Das Wort, das haben schon die griechischen Väter so gesehen, das Wort kommt aus dem Schweigen und geht durch das Verstehen ins Schweigen zurück. Sie haben das den großen „Reigentanz der Trinität“ genannt. Und wir sind in diesem Reigen und können teilnehmen an diesem Tanz. Das Wort ist der Anführer des Tanzes, der Koryphaios in diesem trinitarischen Tanz.

Und wie können wir das jetzt, und das ist die dritte Frage, wie können wir das jetzt praktisch in unserem eigenen Leben verwirklichen und uns darauf einlassen?

Dazu muss man zunächst auf die drei großen Welten des Gebetes hinweisen, die es in der christlichen Tradition gibt: Das Gebet der Stille, von dem C.S. Lewis sagt, „wenn wir unsere Gedanken immer und ewig in diesen Abgrund der Stille hinabwerfen, der Gott ist, werden wir nie ein Echo zurückhören“. Das ist das Gebet der Stille, nichts darüber zu sagen. Aber eine ganze Welt des Gebets in der christlichen Tradition, eine ganz wichtige. Die zweite ist, vom Worte Gottes leben, die Liebe Gottes durch alles zu erfahren, das ist vom Wort Gottes leben. Und das dritte ist Contemplatio in actione, die Aktion, das Tun, und zwar nicht Kontemplation üben, während wir etwas tun – das kann sehr gefährlich werden, wenn es etwas Heikles ist, was wir tun und wir haben unsere Gedanken irgendwo anders –, sondern im Tun Gott finden. Im liebenden Tun erleben wir von innen her die Liebe Gottes, die durch uns fliesst. Und das ist Contemplatio in actione.

Eine ganz einfache Weise, um das zu praktizieren, ist die Dankbarkeit. Das war hier im Westen die Spiritualität, die unsere Vorfahren geübt haben, bevor sie überhaupt noch das Wort Spiritualität gekannt haben. Sie waren dankbare Menschen und durch ihre Dankbarkeit haben sie Freude gefunden. Und diese Dankbarkeit taucht uns ein in dieses Geheimnis der Trinität. Denn es setzt den Geber aller Gaben voraus, diesen Urquell, aus dem alles hervorquillt, das Nichts, das alles gibt. Es setzt voraus, uns selbst als Gabe zu empfangen: Wir haben uns nicht gekauft, wir sind uns gegeben, wir finden uns als gegeben vor, wir finden die Welt als gegeben vor. Jeder Augenblick ist ein gegebener Augenblick, alles ist Gabe. Und wir sind -weil wir in einer gegebenen Welt leben- aufgefordert, dankbar zu sein und durch Danksagung alles zurückfliessen zu lassen zum Ursprung. Und dadurch sind wir völlig eingebettet in das Wort, das aus dem Schweigen kommt und durch Verstehen, im dankbaren Verstehen zurückfliesst zu seiner Quelle. Noch einmal zum Abschluss:

Aufsteigt der Strahl und fallend gießt
Er voll der Marmorschale Rund,
Die, sich verschleiernd, überfließt
In einer zweiten Schale Grund;
Die zweite gibt, sie wird zu reich,
Der dritten wallend ihre Flut,
Und jede nimmt und gibt zugleich
Und strömt und ruht.



Quelle: Vortrag von Bruder David Steindl-Rast am 14. Wiener Kulturkongress im November, 2008
Niedergeschrieben in conturen 4. 2008

logo bibliothek
Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.