Br. David Steindl-Rast OSB

vom worte gotte leben karwocheCopyright © - Klaudia Menzi

Die Versuchung Jesu der Wüste hat ihre Parallele bei Jesu Seelenkampf im Garten Gethsemane.

Wir können auch dies Erlebnis am Ölberg einen Bericht der Versuchung Jesu nennen. In beiden Berichten ist «vom Worte Gottes leben» der entscheidende Punkt. In beiden Fällen bedeutet das Wort, das Gott spricht, Tod. Steine sind alles, was der Vater in der Wüste anbietet, nicht Brot; im Garten ist es der Kelch, ein Symbol für das Todesurteil. Diesmal ist es für Jesus ein harter Kampf: «Vater, wenn es möglich ist, so lass diesen Kelch an mir vorübergehen; doch nicht wie ich will, sondern wie du willst.» Dies ist das Gebet des Glaubens in seinen schmerzensreichen Geheimnissen. Mit Blutschweiß und Tränen kämpft Jesus zu einem Glauben durch, der selbst am Rande des Todes auf Gottes Treue vertraut.
 
Früher oder später muss jeder von uns diese Ebene des Glaubens erreichen. Vielleicht bereitet Gott uns noch vor auf jenen steilen Teil des Anstiegs.
 
Anfangs ist das «vom Worte Gottes leben» reinste Freude
 
Gott gibt uns nicht nur Brot, sondern sozusagen Rosinenbrot zu essen. Früher oder später aber kommt der Moment, wenn wir in jenes Rosinenbrot hineinbeißen, und das, was wir für eine Rosine hielten, stellt sich als kleiner Kieselstein heraus. Das ist ein ganz entscheidender Moment, in dem unser Glaube geprüft wird. Wie werde ich reagieren? Werde ich protestieren und sagen, dass ich von Steinen nicht leben kann? Oder ist mein Glaube mittlerweile stark genug, um jetzt, nach langer Meditation über die freudenreichen Geheimnisse zu den schmerzensreichen fortschreiten zu können? Wenn Gott zum ersten Mal ‚Steine‘ sagt, obwohl ich ‚Brot‘ zu hören erwarte, kann ich dann im festen Glauben sagen: «Ich kann von jedem Worte leben, das aus dem Munde Gottes kommt»?
 
Die meisten von uns sind bereits auf diese Weise geprüft worden. Ein unerwarteter Schicksalsschlag, eine scheinbar unmögliche Aufgabe, die sich vor uns auftürmt, der Verlust eines Freundes ‒ ein Wort, das Tod bedeutet.
 
«Das bringt mich noch um», sagen wir. Und wir haben recht damit. Zumindest wird es einen Teil von uns umbringen. Aber was zählt, ist unsere Antwort auf dieses Wort. Aus Erfahrung wissen wir, dass wir in einer solchen Lage oft aus Furchtsamkeit aufgeben und unser Leben dadurch schwächen. Aber wir wissen auch, dass wir uns im Glauben darauf einlassen und «die Zähne zusammenbeißen können», ja, selbst wenn sich Steine dazwischen befinden. Es kann uns immer noch umbringen, aber wir werden aus dieser Erfahrung lebendiger hervorgehen. Das «vom Worte leben» ist der Mut, «alles in sich aufzunehmen». Schaffen wir das, während es uns umbringt, dann ist der Tod «verschlungen», wie der heilige Paulus sich ausdrückt (1 Kor 15,55):
 
«Der Tod ist verschlungen im Sieg!» ‒ durch den Glauben
 
Niemand kann sagen, wie oft wir im Verlauf eines Lebens diesen Prozess schöpferischen Sterbens durchlaufen müssen.
(Je schöpferischer wir leben, desto häufiger werden wir wohl sterben müssen.) Eines aber ist gewiss: am Ende bleibt niemandem dieser Gang erspart. Eine überwältigende Vielzahl von Gerichten ist für die Festtafel des Lebens angerichtet. Jeder von uns bekommt eine andere Auswahl aufgetischt. Der letzte Gang jedoch ist für uns alle der gleiche: ein einziger großer Stein. «Ich bitte um Entschuldigung», sagt unser Gastgeber, «aber jetzt ist es Zeit zu sterben.» Werden wir dann soweit sein, «den Tod zu verschlingen?» Wenn ja, dann wird es ein Sterben in die Fülle des Lebens hinein. Wir wissen das. Wir wissen es nicht deshalb, weil es uns irgendjemand versprochen hat, sondern weil wir es auf die eine oder andere Weise selbst erlebt haben. Unsere Teilerfahrungen des Sterbens bereiten uns darauf vor, Ähnliches in unserem letzten Tod zu erfahren. Wir lernen, dass der Glaube die Kraft ist, in eine größere Lebendigkeit hineinzusterben, so oft wir sagen müssen: «das bringt mich um.» Und so beginnen wir zu vermuten, dass ganz und gar umgebracht zu werden voll und ganz lebendig zu werden bedeutet. Wie? Das wissen wir nicht. Wüssten wir es, dann bliebe kein Raum für Glauben. Aber wir wissen, was wir wissen müssen: Der Glaube findet in jedem Worte Gottes Leben, selbst wenn das Wort Tod bedeutet.
 
Jede schöpferische Todeserfahrung, so klein sie auch sein mag, lehrt uns, uns zur dritten Ebene unseres Aufstiegs im Glauben zu erheben: zu den glorreichen [1] Geheimnissen des «vom Worte Gottes leben».

Jetzt befinden wir uns inmitten der schneebedeckten Gipfel, die von unten so furchterregend aussahen. Und in gewisser Weise sind sie jetzt sogar noch furchterregender. Aber unser Mut ist nun stark genug, all das zu genießen. Es gibt dort kein Vogellied mehr. Es gibt dort keine Blumen. Nur den Himmel (blau, fast schwarz gegen die vereisten Gipfel), Stille und die unerbittliche Sonne. Aber es ist reine Ekstase.
 
Der Kampf zwischen Furcht und Glaube kristallisiert sich im Bild von Jesus in Seinem Seelenkampf. Am Öberg wird er zum «Pionier unseres Glaubens». Aber dieser Vorausmarsch kostet ihn blutigen Schweiß. Am Ende nimmt er den Kelch entgegen, wie er zuvor die Steine anstelle von Brot entgegengenommen hatte. Besteht da nicht ein Zusammenhang zwischen diesem Brot und Kelch und dem Brot und Kelch des Abendmahls?
 
Wann immer Christen das Abendmahl feiern, das Brot brechen und den Kelch teilen, feiern sie Leben in Fülle. Ja, aber im Hinblick auf den Tod, auf den blutigen Seelenkampf, in dem der Glaube die Angst überwindet. So oft wir das Abendmahl feiern, werden wir aufgerufen, mit Christus von unseren Ängsten zum Glauben überzugehen.
 
Selbst die Symbole des Abendmahls sind doppeldeutige Symbole. Brot ist ein Symbol des Lebens. Das Brechen des Brotes bezeichnet das gemeinsame Leben, das in der Gemeinsamkeit wächst. Und doch bezeichnet das Brechen auch Zerstörung, es erinnert an den im Tod gebrochenen Leib. Der Kelch des Blutes verweist auf den Tod. Aber es ist auch der Kelch, der in festlichen Versammlungen von Freunden zur Feier des Lebens die Runde macht. Es verlangt Mut, sich dieser doppelten Bedeutung zu stellen. Nur gemeinsam können die beiden Aspekte die ganze Fülle ausdrücken.
 
Den Mut, dessen es bedarf, das Leben unter dem Bild des Todes zu empfangen ‒ das ist der Mut des Glaubens der Mut der Dankbarkeit: Vertrauen auf den Geber.

Treten wir zum Altar, um Brot und Kelch zu empfangen, dann verlang das Mut. Es ist eine Geste, durch die wir sagen: «Ich vertraue gläubig, dass ich von jedem Wort leben kann, das aus dem Munde Gottes kommt, selbst dann, wenn es Tod bedeutet.»
Was bleibt, ist diesen Akt des Glaubens ins tägliche Leben zu tragen. Und dies geschieht durch Dankbarkeit. Die christliche Abendmahlsfeier heißt schließlich Eucharistie, Danksagung. Indem wir lernen, für Leben und Tod, für diese ganze gegebene Welt zu danken, finden wir wahre Freude. Es ist die Freude mutigen Glaubens, die Freude, die wir finden, wenn wir uns auf die Zuverlässigkeit im Herzen aller Dinge verlassen. Es ist die Freude der Dankbarkeit umarmt von der Fülle des Lebens.


[1] In Anlehnung an die freudenreichen, schmerzensreichen und glorreichen Geheimnisse des Rosenkranzgebetes

Quelle: Auszug aus Fülle und Nichts  (2015)

logo bibliothek

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell für den Betrieb der Seite, während andere uns helfen, diese Website und die Nutzererfahrung zu verbessern (Tracking Cookies). Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.