Br. David Steindl-Rast OSB

betet ohne unterlass titelCopyright © - Wilfried F. Noisternig

Gedanken über das Beten im Alltag

Eine Lehrerin kommt nach einem Schulausflug völlig erschöpft nach Hause. „Und den ganzen Tag lang hatte ich keine Minute Zeit zum Beten“, stöhnt sie. Nun, möglicherweise hat sie aber den ganzen Tag lang nichts anderes getan, als zu beten. Ihr Herz war der Kontemplation im Handeln hingegeben, aber ihr Kopf hat es nicht einmal bemerkt. Die Liebe, die sie voller Aufmerksamkeit für jedes einzelne Kind sorgen liess, war die Liebe Gottes, die durch sie hindurchfloss. Indem sie sich dieser Liebe hingab, war sie den ganzen Tag mit Gott verbunden - sozusagen ein Gebet ohne Ablenkung.

betet ohne unterlass dsr„Was aber, wenn ich nicht einmal an Gott denke?“, könnte man fragen. „Kann das noch Gebet sein?“ Nun, atmest du noch, obwohl du nicht an die Luft denkst, die du einatmest? Dein Handeln geht weiter, obwohl du nicht darüber nachdenkst. „Und in Kontemplation im Handeln wird Gott eben durch liebendes Handeln erfahren, nicht durch Nachdenken“. Über Gott nachzudenken ist wichtig. Aber das Handeln in Gott führt zu tieferem Wissen….

„Meine Arbeit ist mein Gebet“, sagt da jemand. Nun, umso besser! Schließlich sollten wir „allzeit beten“. Arbeit sollte uns nicht vom Beten abhalten. Wenn aber meine Arbeit zu meinem einzigen Gebet wird, dann wird sie nicht mehr lange Gebet sein. Ihr Gewicht wird mich aus meinem Zentrum ziehen. Es ist leicht zu hören, wenn sich ein Wäschetrockner unregelmäßig dreht. Warum hören wir nicht, wenn das gleiche in unserem Leben geschieht? Vielleicht sollten wir anhalten und umladen. Vielleicht ist es Zeit für Nichts-als-Beten, Zeit, uns freizumachen, unsere Mitte zu finden und uns von unserem Herzen her neu auszurichten.

Wenn wir so wieder an unsere Arbeit herangehen, dann wird sie wirklich Gebet sein: Kontemplation im Handeln.

Was letztlich zählt, sind nicht unsere Gebete, sondern unser Gebet, unsere Andächtigkeit und nicht die Formen, durch die wir sie auszudrücken pflegen. Wie leicht verfallen wir darauf, unsere Gebete für das wirkliche Gebet zu halten. Was ist das wirkliche Gebet, der Segen, den wir am Tisch sprechen, oder die darauffolgende Mahlzeit? Was könnte wirklicher sein als Essen und Trinken? Und wenn wir - wie wir es sollten - ohne Unterlass beten, dann wäre unser Essen und Trinken wirkliches Gebet. Richtig verstanden werden unsere Tischgebete ein Ausdruck von Dankbarkeit und die Aufforderung, jeden Bissen dieser Mahlzeit dankbar zu essen. Dankbarkeit macht aus der Mahlzeit ein Gebet, um dann ein weiteres fertiges Gebet am Schluss zu sprechen, das uns daran erinnert, nach der Mahlzeit weiterzubeten.

Wir müssen zwischen Gebet und Gebeten unterscheiden. Gebete zu sprechen ist eine Aktivität unter vielen. Das Gebet aber ist eine Haltung des Herzens, das jede Aktivität verwandeln kann. Wir können nicht ständig Gebete sprechen, aber es heißt: „betet ohne Unterlass“ (1 Thess 5, 17). Das heißt, wir sollten unser Herz offen halten für den Sinn des Lebens. Dankbarkeit ist deshalb Frömmigkeit. Momente, in denen wir aus der Quelle alles Sinnes schöpfen, sind Momente des Gebetes.

Was zählt, ist das Gebet, nicht Gebete. Gebete sind jedoch die Lyrik andächtigen Lebens. Ebenso wie die Lyrik der eigenen Lebendigkeit Ausdruck verleiht und uns lebendiger macht, so sind Gebete ein Ausdruck unserer Andacht und machen uns andächtiger.



Aus "Fülle und Nichts, die Wiedergeburt christlicher Mystik" (zusammengefasst von R. Angulanza, Salzburg), ©BibliothekDSR
Quelle: Rupertusblatt, (1988)

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