Br. David Steindl-Rast OSB

dankbark als schluesselwortCopyright © - pixabay

Als mir kürzlich die Frage gestellt wurde, warum Dankbarkeit für mich einen so hohen Wert darstellt, konnte ich nur ganz spontan antworten, dass für mich als Benediktinermönch der Begriff  „Dankbar leben“ unsere ganze benediktinische Spiritualität zusammenfasst. Angeregt durch diese Frage, kam mir der Gedanke, Schlüsselworte der Regula Benedicti und traditionelle Parolen unseres Ordens auf ihre Beziehung zur Dankbarkeit hin zu untersuchen. Dabei stieß ich auf Überraschungen.

Schon die Tatsache, dass jedes Stundengebet mit „Dank sei Gott!“ endet, ist bemerkenswert. Dieser Satz ist zugleich abschließende Zusammenfassung von Lobpreis und Dank beim Gebet und Übergang zu allen übrigen Tätigkeiten des Tages – welche ebenfalls wesentlich Dank sein sollen. Das Deo gratias – der Dank an Gott – stellt den roten Faden dar, der das Dank-sagen der Gebetszeiten mit dem Dank-tun der übrigen Zeit verbindet. Das Bindeglied zwischen Beten und Arbeiten ist also Dankbarkeit. Mönchisches Leben im Sinne des heiligen Benedikt ist dankbares Leben.

Die methodische Übung dankbaren Lebens besteht, ganz kurz gefasst, in einem stets wiederholten Dreischritt von lnnehalten, lnnewerden und Tun. Augenblick für Augenblick, schenkt uns das Leben eine immer wieder ganz einzigartige Gelegenheit – einzigartig, weil sie genau in dieser Form noch niemals da war und nie wiederkommen wird. Wer diese Gelegenheit nicht versäumen will, darf sich nicht mitreißen lassen vom raschen Strom der Ablenkungen, muss also innehalten, um sich dessen innezuwerden, was das Geschenk des Augenblickes ist. Und wer die Gelegenheit erkennt, muss rasch zugreifen, denn die Zeit steht nicht still. Anstatt innehalten, innewerden und zugreifen, hätte der heilige Benedikt wohl gesagt: hinhorchen, hören und gehorsam antworten. Dadurch kommen drei zentrale Bereiche benediktinischen Lebens in Sicht: das Schweigen, das Gottsuchen und der Gehorsam. Wir wollen diese drei zunächst einzeln näher betrachten.

Innehalten und Horchen

Dies ist die große Aufgabe, der das mönchische Schweigen dient. Die „Würde der Schweigsamkeit“ – taciturnitatis gravitas (RB 6,3), wie der heilige Benedikt sie nennt – verankert uns in jener Sammlung, die der Gegenpol von Oberflächlichkeit und Ablenkung ist. Schweigen ist seinem innersten Wesen nach gesammeltes Hinhorchen. Diese gespannte Aufmerksamkeit ist die Voraussetzung für das Gehorchen, das ja schon rein sprachlich die lntensivform des Horchens ist. Wie eine Katze ihre Ohren auf das leiseste Rascheln der Maus einstellt, so stellt der Mönch im Schweigen das Ohr seines Herzens auf „das stille, sanfte Sausen“ ein, das der Prophet Elias auf dem Berge Horeb hörte, und in dem er Gottes Gegenwart erkannte (1 Köln 19,12). Ein solches Hinhorchen im Schweigen ist die Voraussetzung für mönchischen Gehorsam, zugleich ist es aber auch der erste Schritt zur Verwirklichung dankbaren Lebens. Diese Haltung drückt der Dichter Rainer Maria Rilke in einem Gebet aus, das mit Stillwerden beginnt, mit Dankbarkeit endet, und sich mit diesen Worten an Gott wendet:

Wenn es nur einmal so ganz stille wäre.
Wenn das Zuflällige und Ungefähre
verstummte und das nachbarliche Lachen,
wenn das Geräusch, das meine Sinne machen,
mich nicht so sehr verhinderte am Wachen – :

Dann könnte ich in einem tausendfachen
Gedanken bis an deinen Rand dich denken
und dich besitzen (nur ein Lächeln lang),
um dich an alles Leben zu verschenken
wie einen Dank.

(Das Stundenbuch, 1. TeiI: Vom mönchischen Leben)

Innewerden und Hören

Das stellt dann den zweiten Schritt sowohl des Gehorsams als auch methodischer Dankbarkeitsübung dar. Es geht dabei letztlich ums lnnewerden der göttlichen Gegenwart. So zentral ist das, nicht nur für den Mönch, sondern für jeden Menschen, dass Augustinus sagen kann: „Wir haben in unserem Leben keine andere Aufgabe, als das Auge des Herzens gesunden zu lassen, mit dem wir Gott sehen können.“ Was auch immer uns im gegebenen Augenblick gegenübersteht, kann für gesunde Augen und Ohren des Herzens „Vor-wand“ werden für Gottesbegegnung: Wir können im tiefsten Grund dessen, was uns da begegnet, unser göttliches Ur-Du erkennen, das uns anblickt und das zu uns spricht.

Es gehört ja zur geheimnisvollsten Tiefe der Wirklichkeit, dass wir einerseits in Gott leben, weben und sind (Apg 17, 27) – nicht nur wie der Fisch im Wasser, sondern wie der Tropfen im Meer –, dass wir zugleich aber diesem Geheimnis gegenüberstehen können in ganz persönlicher Beziehung, als dem Du, das unser Ich-sagen überhaupt erst ermöglicht. „Beim Gottesdienst, im Oratorium, im Kloster, im Garten, unterwegs, auf dem Feld, wo er auch sitzt, geht oder steht“ (RB 7,63) begegnet der Mönch diesem göttlichen Du, alles wird durchscheinend für Gottes Herrlichkeit. Gottesbegegnung ist das Geschenk im innersten Herzen von allem, was uns Augenblick für Augenblick geschenkt wird. Rilke betet daher:

lch finde dich in allen diesen Dingen,
denen ich gut und wie ein Bruder bin;
als Samen sonnst du dich in den geringen
und in den großen gibst du groß dich hin.

Das ist das wundersame Spiel der Kräfte,
daß sie so dienend durch die Dinge gehn:
in Wurzeln wachsend, schwindend in die Schäfte
und in den Wipfeln wie ein Auferstehn.

(Das Stundenbuch; 1. Teil: Vom mönchischen Leben)

Gehorsames Tun

So unerlässlich das Hinhorchen und das Hören sind, sie finden erst in diesem dritten Schritt dankbaren Lebens – in der Tat – ihre Vollendung. lm Horchen wachsen die Kräfte gehorsamen (und dankbaren) Lebens vorerst wie „in Wurzeln“ schweigend; im Hören – also inmitten unserer täglichen Geschäfte – entschwinden diese Kräfte dem Blick, so wie die Vitalität der Bäume in harte Stämme und Schäfte hinein verschwindet; erst „in den Wipfeln“, wo der Wind Zweige und Blätter in Bewegung versetzt, wird die Kraft des Gehorsams sichtbare Wirklichkeit, nämlich im gehorsamen Antworten durch unser Tun.

Und dabei heißt es, ohne Verzug zu handeln - sine mora (RB 5, l). „Es darf kein Zögern geben“ (RB 5,4), denn das Leben bietet uns nur in diesem Augenblick gerade diese Gelegenheit an; sie unverzüglich zu nutzen, ist Ausdruck der Dankbarkeit. Dankbares Leben besteht ja nicht im Danke-Danke-Sagen, sondern Dankbarkeit zeigt sich darin, dass wir das Geschenk nutzen und dadurch unsere Wertschätzung zeigen. Parallel dazu besteht Gehorsam nicht im Herr-Herr-Sagen, sondern darin, dass wir den Willen Gottes tun
(Mt 7,21). „Du wirst nur mit der Tat erfasst,“ betet daher der Dichter:

Du wirst nur mit der Tat erfasst;
mit Händen nur erhellt;
ein jeder Sinn ist nur ein Gast
und sehnt sich aus der Welt.

Ersonnen ist ein jeder Sinn,
man fühlt den feinen Saum darin
und dass ihn einer spann:
Du aber kommst und gibst dich hin
und fällst den Flüchtling an.

Ich will nicht wissen, wo du bist,
sprich mir aus überall.
Dein williger Evangelist
verzeichnet alles und vergisst
zu schauen nach den Schall.

Ich geh doch immer auf dich zu
mit meinem ganzen Gehn;
denn wer bin ich und wer ist du,
wenn wir uns nicht verstehn?

(Das Stundenbuch; 1. Teil: Vom mönchischen Leben)

Hier spielt Rilke das Tun (die „Tat“) gegen das nur Gedachte aus (gegen den „Sinn“). „Sinn“ bleibt der „Welt“, mit der sich die „Tat“ handfest auseinandersetzen muss, immer entfremdet. lm Gegensatz dazu wird tatkräftiges Handeln in der Welt zur Begegnung mit unserem Ur-Du in gegenseitiger Hingabe. Wer davor furchtsam flieht, den fällt „der Jagdhund des Himmels“ an (Francis Thompson). Wer aber zu Gott zu sagen wagt, „sprich mir aus überall“ – und das heißt, wer in hellhörigem Gehorsam lebt –, der weiß um das innigste existentielle Einverständnis zwischen Gott und Mensch: „Wer bin ich und wer bist du, wenn wir uns nicht verstehn?“ Auch Ferdinand Ebner und Martin Buber lehren mit viel Einsicht, dass das menschliche lch durch das göttliche Du konstituiert wird. Und
E.E. Cummings (1894 - 1962) sagt es in eigenwilliger dichterischer Zusammenballung: i am through you so i („lch bin durch Dich so ich“).

Trinitarischer Dreischritt

Unser Verständnis benediktinischen Gehorsams in seinem Dreischritt ist also zutiefst trinitarisch: Durch lnnehalten und Horchen lassen wir uns hinab in das Schweigen des Vaters, aus dem das Wort seinen Ursprung nimmt. lm lnnewerden und Hören stellen wir uns durch Christus und mit ihm und in ihm dem Willen des Vaters. Den Anspruch, den wir da hören, verstehen wir aber erst wirklich durch gehorsames Tun im Heiligen Geist. Sooft wir die Doxologie beten – und immer wieder will sie der heilige Benedikt (aus Ehrfurcht stehend) wiederholt wissen (RB 9,6f) – sooft werden wir an die tiefste Bedeutung gehorsamen Lebens erinnert: Leben im Gehorsam ist Ausdruck unseres Lebens im dreieinigen Gott. Das drückte die ursprüngliche, weitaus dynamischere Form der Doxologie besser aus, als die heute übliche. Sie lautete: „Ehre sei dem Vater durch den Sohn im Heiligen Geiste."

So verstanden, ist benediktinisches Mönchsleben Ausdruck unseres Eingetaucht-seins in den dreieinigen Gott durch den Gehorsam, zugleich aber auch durch die Dankbarkeit. AIle, die dankbar leben, wiederholen ja immer wieder den Dreischritt von lnnehalten, lnnewerden und Tun – Stop, Look, Go!  ln dieser geläufigeren Formel wird das Horchen, Hören und gehorsam Antworten eben nicht in Bildern, die sich auf den Gehörsinn beziehen, ausgedrückt, sondern im Bild eines Kindes, das lernt, vorsichtig die Straße zu überqueren: Anhalten, nach Gefahr Ausschau halten und dann sofort gehen, bevor das nächste Auto kommt! Wenn wir von der Verschiedenheit der Bilder absehen und auf das Wesentliche schauen, dann dürfen wir zusammenfassend sagen: Leben im Gehorsam ist Leben in Dankbarkeit.

Das Geschenk der Gelegenheit

Alles ist Gnade,“ sagt der heilige Augustinus – alles ist Geschenk. Das gilt freilich nur, wenn uns bewusst wird, dass das eigentliche Geschenk im lnnersten von allem, was uns geschenkt wird, Gelegenheit  heißt. Das Drum und Dran dürfen wir als Verpackung ansehen. Das Geschenk, das wir dankbar auspacken, ist immer eine Gelegenheit. Meistens schenkt uns der Augenblick die Gelegenheit, uns zu freuen, obwohl wir das erst dann wahrnehmen, wenn wir beginnen, Dankbarkeit zu üben. Zwar können wir nicht für alles dankbar sein, aber doch in jedem Augenblick. Denn auch Augenblicke, in denen uns etwas zuteil wird, wofür niemand dankbar sein kann, schenken uns eine Gelegenheit, für die wir dankbar sein können. Wir können nicht dankbar sein für Untreue, Verletzung, Lüge und vieles andere mehr. ln all diesen Fällen aber werden uns zugleich Gelegenheiten geschenkt, z.B. etwas zu lernen, daran zu wachsen, oder auch klar und tatkräftig zu protestieren. All diese Gelegenheiten sind Geschenke.

Auch für einen Auftrag, der unsere Kräfte zu übersteigen scheint, können wir nicht dankbar sein. Weil aber gerade eine solche Erfahrung zur Schule des Gehorsams – zur Schule auch der Dankbarkeit – werden kann, widmet der heilige Benedikt ihr ein eigenes Kapitel seiner Regel (RB 68). Er weist dabei auf verschiedene Gelegenheiten hin, die ein Mönch dankbar wahrnehmen kann, obwohl er nicht dankbar sein kann dafür, dass er sich überfordert fühlt. So kann er zunächst dankbar sein für die Gelegenheit, Geduld und Gelassenheit zu üben und zu versuchen, ob er vielleicht doch mehr vermag als er meinte. Als zweiter Schritt steht ihm die Gelegenheit offen, seine Last mit dem zu besprechen, der sie ihm auferlegt hat. „Halt' den Mund und tu was dir gesagt wird!“ gilt im Kloster nicht; der Mönch hat das Recht, ja, oft sogar die Pflicht, seine Bedenken zur rechten Zeit und auf die rechte Weise klar auszusprechen; auch das ist Grund zum Dankbarsein.

Selbst wenn die Überforderung nicht von mir genommen wird, darf ich mich auf Gottes Hilfe verlassen und Vertrauen üben. Das ist sogar das größte Geschenk angesichts der Herausforderungen durch solche impossibilia: Durch schier unmöglich Erscheinendes können wir ein Gottvertrauen lernen, das zugleich Lebensvertrauen ist. Wo begegnet uns denn das Große Geheimnis, das wir Gott nennen dürfen, wenn nicht inmitten des Geheimnisses, das wir Leben nennen?

Leben im Geheimnis

Voraussetzung für den Gehorsam – wie auch für die Dankbarkeit – ist diese gläubig vertrauende Überzeugung: Das Geheimnis schenkt uns zwar nicht immer, was wir wollen, immer aber, was für uns gut ist (auch wenn wir es nicht als solches erkennen). Darum dürfen wir diese Haltung dem Geheimnis gegenüber mit gleichem Recht Gottvertrauen oder Lebensvertrauen nennen.

Was wir mit „Geheimnis“ meinen, sollte hier wohl noch kurz umrissen werden. Geheimnis ist jene letzte Wirklichkeit, die wir nicht begreifen, aber dennoch verstehen können – dann nämlich, wenn sie uns ergreift. Bernhard von Clairvaux spielt auf diese wichtige Unterscheidung zwischen intellektuellem Begreifen und Verstehen-durch-Ergriffenheit an, wenn er sagt: „Begriffe machen wissend; Ergriffenheit macht weise.“ Durch Ergriffenheit kann jede alltägliche Erfahrung zur Gottesbegegnung werden. Ergriffenheit ist also auch ein passendes Wort für das, was sich im Augenblick des Gehorsams ereignet. Gehorsam-sein bedeutet ja unendlich viel mehr, als sich gefügig dem Willen eines Anderen unterzuordnen. (Was jedem Hund beigebracht werden kann, ist für Menschen allerdings manchmal eine gute Methode, vom Zwang des Eigenwillens befreit zu werden.) Bei dem Gehorsam, um den es hier geht, horchen wir so tief hin auf das Ewige Wort in irgendeiner seiner vergänglichen Formen, dass ES uns ergreift und (durch liebendes Tun im Heiligen Geist) heimführt in das Schweigen, aus welchem es seinen Ursprung hat. Nur ein solches öffnen der Ohren des Herzens (vgl. RB Prol 1 ) führt zum Verstehen im Vollsinn des Wortes: zum Mitten-drin-Stehen im Geheimnis des dreieinigen Gottes, in dem wir
„leben und weben und sind“ (Apg 17,27). Ja, so hoch zielt mönchischer Gehorsam; so groß ist die mystische Tiefe dankbaren Lebens.

Benediktinische Wahlsprüche

Weil es sich beim dankbar gehorsamen Leben um das Herzstück benediktinischer Spiritualität handelt, drückt sich das, was wir bisher gesehen haben, auch in den traditionellen Wahlsprüchen der Benediktiner aus. Und darauf wollen wir hier noch einen Blick werfen. Was sich durch den Dreischritt des Gehorsams ereignet, will zum Beispiel das Zitat aus der Regel Benedikts sagen, das zu Recht als Zusammenfassung benediktinischer Spiritualität gilt: „Dass in allen Dingen Gott verherrlicht werde“ – ut in omnibus glorificetur Deus (RB 57,9). Oft finden wir nur die Anfangsbuchstaben dieses Leitspruchs in Stein gemeißelt: U. I. O. G. D. Dass Gott in allen Dingen verherrlicht werde, ist aber auch das Ziel dankbaren Lebens:

Schläft ein Lied in allen Dingen,
Die da träumen fort und fort.
Und die Welt hebt an zu singen,
Triffst du nur das Zauberwort.

(Joseph Freiherr von Eichendorff, „Wünschelrute“)

Für den Dichter dieser Zeilen ist es die verborgene Schönheit der Welt, die in allen Dingen zu singen beginnt, sobald die Dankbarkeit das Zauberwort findet. Wo aber mönchischer Gehorsam das Zauberwort spricht, da ist es die Herrlichkeit Gottes selbst, die in allen Dingen aufstrahlt und anhebt zu singen. Weltoffene Augen und Ohren entdecken mit der Wünschelrute der Dankbarkeit die Schönheit der Welt. Aber so tief können die Ohren und Augen unseres Herzens in die Schönheit eindringen, dass uns auf ihrem tiefsten Grund Gottes Herrlichkeit aufstrahlt – die Gloria Dei.

Wenn der heilige Benedikt seinen Mönchen als Ziel setzt „dass in allem Gott verherrlicht werde,“ dann geht es ihm um mehr als darum, Gott Ehre zu erweisen. Er zitiert ja hier den ersten Petrusbrief (4,11) – „dass in allen Dingen Gott geehrt werde" – ersetzt aber „geehrt werde“ (honorificetur) durch „verherrlicht werde“ (glorificetur). Es geht ihm also nicht so sehr um die Ehrerbietung, die wir Gott erweisen, sondern umgekehrt: um die Herrlichkeit, die Gott vor uns erstrahlen lässt. So gut und wichtig unser menschliches „Alles-meinem-Gott-zu-Ehren“ auch ist, im Vergleich zum Donnerschlag der göttlichen Glorie ist es kaum eine Knallerbse. Wir Menschen können Gott ehren, aber nur Gott selbst kann Herrlichkeit wie wetterleuchten aufblitzen lassen. Und das ereignet sich in Augenblicken dankbaren Gehorsams, wenn wir, attonitis auribus (RB Prol 9) – mit dem Donnerkrachen der Gottesstimme in unseren Ohren – auf diesen Ruf hören und darauf antworten. Der Gehorsam und die Dankbarkeit öffnen unsere Augen für das lumen deificum (RB prol 9), jenes Taborlicht (Mt 17; Mk 9; Lk 9), das die ganze Schöpfung verklärt, indem es sie durchscheinend macht für Gottes Herrlichkeit.

Herrlichkeit (gloria, doxa, kabod) ist ein zentraler Begriff für das Verständnis benediktinischen Mönchslebens. Das zeigt sich nicht zuletzt daran, wie oft das gloria Patri in den liturgischen Vorschriften der Regula Benedicti erwähnt wird (RB 9.11.13.17.18.43.58). Die Herrlichkeit Gottes ist das Aufleuchten des deificum lumen im Leben des Mönches. Es ist erstaunlich, dass keine Regelübersetzung in einer mir bekannten Sprache das Wort deificum ehrlich wiedergibt. Es bedeutet ja nicht das „göttliche Licht“; dafür gäbe es im Lateinischen den klaren Ausdruck lux divinum. Der heilige Benedikt aber wagt es, bewusst und ausdrücklich vom „göttlichmachenden Licht“ zu sprechen. (ln der Regula Magistri findet sich dieser Ausdruck nicht.) Benedikt stellt dadurch eine wichtige Verbindung her zwischen benediktinischer und ostkirchlicher Spiritualität. (lch hatte nur einmal Gelegenheit, einen Regelübersetzer persönlich zu fragen, warum er deificum lumen in Nachahmung aller anderen Regelausgaben falsch übersetzte. Seine Antwort war: „lch habe mich einfach nicht getraut. Jetzt würde ich es vielleicht richtigmachen.“)

Unter dem Motto Ut in omnibus glorificetur Deus zielt das Mönchsleben also darauf ab, alles was wir erfahren, aufleuchten zu lassen im vergöttlichenden Licht. Aber wie sollen wir praktisch unseren Alltag gestalten, damit dieses lumen vitae (RB Prol l3), das Licht des Lebens, immer wieder, ja eigentlich in jedem Augenblick, unser Leben verkläre? Dazu verhilft uns eben der Dreischritt dankbaren Lebens – innehalten, innewerden, tun (stop, look, go!) –, und das ist zugleich der Dreischritt gehorsamen Lebens – horchen, hören, gehorsam antworten.

Darum scheint mir manchmal, dass „Dankbar leben“ sogar unser Motto Ora et labora ersetzen könnte. Es geschieht ja durch dankbares Leben, dass die Arbeit selbst zum Gebet wird - und alle Geräte des Klosters zu heiligem Altargerät (RB 31,10). Rainer Maria Rilke ist ganz im Einklang mit unserem Ordensvater, wo er diese Wahrheit dichterisch ausdrückt – und zwar so, dass sie nicht nur für Mönche gilt, sondern für alle Menschen:

Es gibt im Grunde nur Gebete,
so sind die Hände uns geweiht,
dass sie nichts schufen, was nicht flehte;
ob einer malte oder mähte,
schon aus dem Ringen der Geräte
entfaltete sich Frömmigkeit.

(Rainer Maria Rilke, Das Stundenbuch; 1. Teil: Vom mönchischen Leben)

So wie das Tagewerk zum Gebet wird, so wird auch das Gebet zum Werk, zum opus Dei, wie der heilige Benedikt das Chorgebet nennt. Das Leben im Gehorsam, das dankbare Leben ist immerwährendes Gebet. Je mehr wir uns durch den Dreischritt des Gehorsams, den Dreischritt der Dankbarkeit in Gottvertrauen und Lebensvertrauen üben, umso reicher werden wir mit Lebensfülle beschenkt. Das Wort pax will diese Lebensfülle ausdrücken – den Frieden, den der Mönch suchen und dem er nachjagen soll (RB Prol 17). Pax ist zugleich das verbreitetste Benediktinermotto. Das Grünen üppiger Lebensfülle ist es, was das hebräische Wort schalom und so auch pax dem Mönch als Ziel vor Augen führt. Die Lebensfülle, die einem dankbar gehorsamen Leben entspringt – diese pax benedictina – ist die saftige viriditas der heiligen Hildegard von Bingen. Besucher in einem Benediktinerkloster sollten sie fühlen. Wem Lebensfülle zu idyllisch klingt, der darf an das Herrenwort bei Johannes (10,10) denken: „lch bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.“ Zur Fülle des Lebens gehören auch seine erschütterndsten Abgründe. Darum warnt uns Abraham Joshua Heschel (1907-1972), der weiß, worauf sich unser Gottvertrauen einlässt: „Gott ist nicht nett; Gott ist kein Onkel; Gott ist ein Erdbeben.“

Angesichts von Leid und Schrecken, sind „wir gerecht nur, wo wir dennoch preisen“ (Rainer Maria Rilke, Die Sonette an Orpheus 2,23). Dieser Einsicht entspringt ein Motto des Benediktinerordens, das ich zum Abschluss erwähnen möchte. Geschichtlich ist es vielleicht das älteste. Es kennt Erschütterungen und Zerstörung, preist aber dennoch das Grünen: succisa virescit – „abgehauen grünt sie wieder.“ Das dazugehörige Sinnbild ist der Strunk eines uralten Baumes, aus dem ein neuer Schössling aufsprießt. Die Lebensfülle, die dem Gehorsam und der Dankbarkeit entspringt, wird – so wie das immer wieder neu erbaute Kloster Monte cassino – nach jedem Niedergang wieder neu aufblühen. Gerade heute kann uns dies Mut machen.



Quelle: Erbe und Auftrag, Benedikt. Zeitschrift 4 / 19

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